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Donnerstag, 24. Januar 2013

Kandersteg - Pingu (WI5+)

Das war ja eine gewaltige Bildungslücke: noch nie war ich im Mekka Kandersteg am Eisklettern, noch nie hatte ich den berühmten Oeschiwald in der kalten Jahreszeit aus der Nähe gesehen. In Begleitung von Silvio, einem kompetenten Eismeister, ergab sich spontan die Möglichkeit, diesem Zustand Abhilfe zu verschaffen. Über die anzutreffenden Verhältnisse waren wir a priori sehr im Unklaren. Die Wärmeperiode an Weihnachten 2012 hatte im Oeschiwald sämtliches Eis von den Wänden geputzt. Seither haben sich die Linien zwar wieder (teilweise) aufgebaut, doch geklettert wurde bis anhin noch wenig. Also beschlossen wir, vor Ort einen Augenschein zu nehmen und dort jene Linie in Angriff zu nehmen, welche am attraktivsten aussähe.

Sicht auf den berühmten Oeschiwald-Sektor. Unsere Linie Pingu gleich rechts der Tanne bei der Warntafel.
Nachdem wir das Fahrzeug auf dem Parkplatz der Oeschinenbahn zurückgelassen hatten (4 CHF/Tag) und auf geräumtem Winter-Wanderweg unter den Sektor gelangt waren, zeigte sich, dass einige der bekannten Linien kletterbar wären. Teilweise jedoch mit noch eher wenig Eis von bisweilen recht röhrig-blumenkohliger Art, und/oder mit reichlich fliessendem Wasser. Unsere Wahl fiel auf den Pingu (WI5+), bei welchem Fussspuren am Einstieg auch deutlich eine Begehung in den jüngster Zeit anzeigten. Um 9.30 Uhr konnte es losgehen.

Pingu (III, WI5+, 200m)

SL 1, 40m, WI5: Ziemlich flacher Start mit dünnem Eis, dann über einige erste Blumenkohle hinweg zur ersten 15m-Säule. Diese war in sehr unangenehmem Kronleuchter-Grümschelizeugs zu überwinden. Stand bezogen wir nach nicht mehr ganz so steilen Metern links in der Nische an einem uralten BH. Besser wäre hingegen die rechte Nische, wo ein Irniger-Inoxstand vorhanden ist.

Silvio führt SL 1 und wird gerade die Crux anpacken. Eingezeichnet der Weiterweg zum rechten (richtigen) Stand und SL 2.
SL 2, 50m, WI4: Sieht imposant und schwer aus, die steile Stufe zu Beginn lässt sich aber von rechts nach links elegant bewältigen. Hier lief nun etwas Wasser, dafür war das Eis perfekt zu schlagen. Nach den ersten 15-20m flacht das Gelände ab, die Eisdicke ebenfalls. Zuletzt über eine 45-Grad Schnee-Eis-Rinne zu BH-Stand leicht rechts.

Sicht an die Zimmerdecke
SL 3, 40m, WI4+: Super Seillänge! Ich habe sie zentral angepackt, wo nach ein paar easy Metern gleich eine knapp senkrechte 10m-Säule mit prima Sorbet wartete. Danach diagonal nach rechts hoch über einige Podeste hinweg. Dann wieder steil eine verschneidungsähnliche Rinne beackert, rechts auf dem Balkon etabliert und hoch in die Nische am rechten Rand zu Schraubenstand, genial!

Blick vom Band auf den imposanten oberen Wandteil mit dem steilen Start in SL 3.
SL 4, 35m, WI5+: Nach links aus der Nische raus und hoch. Ein Balkon will in überhängend-athletischer Kletterei überwunden werden, das röhrige Eis konnte nur gehookt, aber nicht geschlagen werden. Just als ich meinen Fuss hochsetzen will, rutscht mir der Pickel durch und ich befinde mich einige Meter tiefer im Seil. Im zweiten Versuch klappt es dann. Darauf folgen weitere, senkrechte Meter mit wieder etwas gäbigerem Eis. Zuletzt dann auf eine Verflachung, Schraubenstand zu Beginn des nächsten Aufschwungs.

Der obere Wandteil von Pingu mit der von uns gekletterten Linie.
SL 5, 35m, WI3+/Mixed: Die ersten 20m sind in 75 Grad steilem, gutem Eis zu bewältigen und waren problemlos. Der Ausstieg durch die steile Bachrinne mit ihren Felsstufen war dann aber nur stellenweise vereist und bot spannende, nicht ganz einfach abzusichernde Mixed-Kletterei - hat mir aber super Spass gemacht! Stand dann zuletzt rechts an Baum mit Abseilschlingen.

Steiler Mixerei in schottischem Stil um das Top zu erreichen. Bin fast etwas stolz, dass ich das geschafft habe!
Um 14.15 Uhr waren wir am Top angelangt und machten uns umgehend ans Abseilen. Mit 60m-Seilen erreicht man in 4 Manövern (Baum / Baum / BH / Abalakov) bequem und zügig wieder den Einstieg. Fazit: das war wirklich eine sehr tolle Eiskletterei. Cool, dass ich auch einige anspruchsvolle Längen im Vorstieg bewältigen konnte. Bei den aktuellen Verhältnissen bilden die gut senkrechten Passagen mit eher mässigem Eis in den SL 1 und 4 die Schlüsselstellen. Die Schwierigkeiten dort (v.a. in SL 4) würde ich jetzt als höher einstufen wie im Thron (WI5+) bei unserer Begehung im Dezember 2012.

Das Rattenpissoir ist auch eine sehr eindrückliche Linie. Nach 50m hat es links in den Felsen einen BH-Stand.
Weil die Uhr erst 14.45 Uhr zeigte, noch Kraft/Motivation vorhanden war und wir auch noch nicht komplett durchgefroren waren, beschlossen wir noch das Rattenpissoir anzupacken. Die erste SL bietet anhaltende 80-Grad Kletterei (ca. WI4) in weitestgehend prima Eis, allerdings war eine ganz ordentliche Dauerdusche einzukalkulieren. Erst die Querung nach links zum BH-Stand nach rund 50 Klettermetern bot dann einige zerbrechliche Eisblüten. Der Weiterweg sah dann, wenn auch nicht unmöglich, dann doch sehr anspruchsvoll aus: zerbrechliche Blumenkohle am Laufmeter, absolut kompromisslose Senkrechte, garniert mit einer heftigen Dauerdusche. Vermutlich gab es diese Saison noch keine Begehung?!? Etwas für ein anderes Mal, wir bliesen zum Rückzug. Vom mir kolportrierten Zustand, wo regelrechte Tritte und perfekte, vorgelochte Hooks eine Begehung erleichtern ist das Rattenpissoir im Moment ganz klar meilenweit entfernt.

Facts

Pingu (III, WI5+, 200m) - Jasper/Schwab 1987
Material: 10-12 Eisschrauben

Steile, anhaltende, objektiv sichere und sehr lohnende Eisklettertour, die häufig begangen wird. Jede Seillänge bietet spannende Knacknüsse und weist Stellen auf, die an die Senkrechte heranreichen oder sogar darüber hinausgehen. Wie bei jedem Eisfall können die Schwierigkeiten auch hier geringer ausfallen, wenn die Steilstufen schönes Kompakteis und perfekte Hooks aufweisen. Dass es auch anders geht, zeigt unsere Begehung zu Saisonbeginn, wo dort über einige Meter fragiles Grümschelieis wartete.

Zum Abseilen sind 2x60m-Seil sehr empfehlenswert. Mit 2x50m kommt man auch runter, allerdings muss man im oberen Teil einen Zwischenstand an relativ dünner Tanne einkalkulieren. Weitere Abseilmöglichkeiten (bei Verkehr) bestehen über Arbonium oder White Magic on the Rocks. Auch zu Fuss kann abgestiegen werden, indem man zum Hüttenweg der Doldenhornhütte quert - dies dauert aber bestimmt deutlich länger und wird kaum praktiziert.

Bye-bye Oeschiwald, ich werde sicher wieder kommen! Sicht auf die Blüemlisalp, rechts ist noch der Blue Magic erkennbar.
Verhältnisse in Kandersteg

Hier noch ein kurzer Überblick zu den restlichen Fällen in und um Kandersteg. Es handelt sich um eine persönliche Einschätzung, die natürlich ohne Gewähr ist. Was wir an besagtem Tag geklettert haben, steht oben im Bericht. Beim hier erwähnten Rest handelt es sich um eine Ferndiagnose.

- Crack Baby: sieht recht gut aus und wurde bereits beklettert
- Blue Magic: durchgehend Eis vorhanden, eher dünn, aber vermutlich machbar.
- Reise ins Reich der Eiszwerge: wurde am selben Tag beklettert, hat nicht üppig Eis
- Haizähne: obenraus recht gut, am Einstieg hat's vermutlich zu wenig Eis
- Grimm/Groll: machbar, Groll ist ziemlich verschneit und hat nicht üppig Eis.
- Rattenpissoir: SL 1 gut, SL 2 mit Säule blumenkohlig, steil, nass und anspruchsvoll.
- Arbonium: Einstiegssäule sehr nass und zu fragil, noch nicht begangen. Rest wäre gut.
- White Magic on Rocks: wurde am selben Tag geklettert, dürfte also ok sein.
- Allmenalpfall: hat augenscheinlich viel zu wenig Eis

Der untere Teil von Arbonium (WI5-) mit der noch zu nass-fragilen Einstiegssäule.
Nützliche Links

In Kandersteg gibt es eine private Wetterstation, wo man Temperaturen und allerhand weitere Infos zum Wettergeschehen aktuell und in der Vergangenheit abrufen kann. Herzlichen Dank für diesen Service, er ist für uns Eiskletterer Gold wert! Zudem, auf den Webcams von kandersteg.ch kann man gut erkennen, ob in den Routen Eis vorhanden ist. Natürlich sieht man dort nicht, ob die Verhältnisse taugen. Informationen dazu erhält man am ehesten mit dem Ampelsystem vom Alpine Center, auf gipfelbuch.ch oder dem Eiskletterportal von camptocamp.org.

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