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Dienstag, 4. Juli 2017

Rätikon - Silbergeier (8b+)

Der Silbergeier ist eine der bekanntesten, extremen MSL-Routen der Alpen. Das hängt vor allem mit seiner Erschliessungsgeschichte zusammen. Anno 1994 wurde die sogenannte alpine Trilogie geboren. Diese bestand eben durch Beat Kammerlanders Silbergeier, der End of Silence von Thomas Huber und der Route Des Kaisers neue Kleider von Stefan Glowacz. Alle diese befanden sich im Grenzbereich zwischen zehntem und elftem UIAA-Grad und legten damit den Bereich des Möglichen im Rahmen von MSL-Touren höher. Der Silbergeier hat sich im Lauf der Zeit als die schönste und beliebteste Route dieser Trilogie entpuppt. Auch wenn nach heutigen Massstäben nicht mehr ganz Cutting Edge - die Dawn Wall am El Cap ist doch ein ganz anderes Kaliber - so reisen doch immer wieder Kletterer von Nah und Fern für einen Versuch an. Inzwischen haben sich über 20 Aspiranten den roten Punkt gesichert.

Wandbild der 4. Kirchlispitze mit dem Verlauf vom Silbergeier (8b+)
Nun denn, obwohl ich im Klettergarten bereits einmal nominell ähnlich schwer wie die Hauptschwierigkeit im Silbergeier geklettert bin, so befindet sich diese Route ziemlich offensichtlich oberhalb meiner Kragenweite. Anders für meinen Seilpartner Dani: er hat das drauf und Ambitionen auf mehr als nur ein blosses Hochkommen. Ich freute mich sehr, als sich die Gelegenheit zum Mitgehen ergab. Irgendwie ist das ja auch so cool am Klettersport. Die Meisterleistungen der Klettergötter stehen da und jedermann kann sich daran versuchen. Das ist halt in etwa so ähnlich, wie wenn ein Fussballfan einfach so mal eine Partie bei Real Madrid mitspielen könnte, der Wintersportler unter Rennbedingungen einen Lauf am Lauberhorn machen könnte oder der Motorsport-Freak sich mal in einen Formula 1 Boliden setzen könnte. Somit wollte ich dann auch probieren, möglichst weite Teile der Route freizuklettern und dabei eine gute Figur abzugeben - irgendwo im Hinterkopf mit der ganz leisen Hoffnung, dass auch für mich vielleicht dereinst noch ein paar Punkte zu holen wären. Nur nicht zu tief zielen mit den Ambitionen...

Hier beginnt die Fixseilpiste, welche in ca. 150hm über den Vorbau zum Elefantenbauch hinaufführt.
Da wir Konkurrenz befürchteten, begann unsere Tour bereits um 7.30 Uhr auf dem Melkplatz. Viele Fahrzeuge aus ganz Europa waren bereits parkiert und die Leute schälten sich eben aus ihren Zelten oder Vans - was ja gemäss den Infos in der Literatur so eigentlich nicht gerne gesehen ist. Flugs stiegen wir hinauf unter die Kirchlispitzen, hach wie schön, wieder einmal im vertrauten Rätikon unterwegs zu sein! Die Gegebenheiten mit dem Aufstieg zum Elefantenbauch an der 4. Kirchlispitze waren uns natürlich bestens bekannt, waren wir doch schon mehrfach hier, zuletzt für die Prix Garantie und Hannibals Alptraum. Da wir bereits Kunde von diesjährigen Wiederholungen ebendieser Prix Garantie und von Versuchen im Silbergeier hatten, konnten wir uns den Fixseilen hinauf zum Einstieg ein bisschen beruhigter anvertrauen. Derjenige, welcher im Frühling als Erster kommt, der soll und muss diese schon ein wenig mit Bedacht verwenden. Doch auch sonst ist die Wahrscheinlichkeit einer Beschädigung durch Steinschlag halt nicht null und sollte entsprechend einkalkuliert werden. Mit den Vorbereitungen liessen wir uns gütlich Zeit und starteten schliesslich erst etwa um 9.15 Uhr mit der Kletterei. Die Temperaturen lagen eher auf der frischen Seite und hiessen uns, einige Extraschichten an Kleidern zu montieren. Der Kletterei am extrem scharfen und kleingriffigen Gestein würde dies allerdings sicher zu Gute kommen.

L1, 35m, 8b: Ehrlich gesagt, dünkte mich dies bis auf die 7a+ fast noch die machbarste aller Seillängen. Als einzige ist sie überhängend, total etwa 4-5m und hat damit so etwas wie Klettergartencharakter. Nach einem Eintrittsboulder zum und am zweiten Haken vorbei ist die erste Hälfte bis zu dem Punkt am Beginn der kleinen Verschneidung, wo Martin Scheel das Projekt aufgegeben hatte, noch relativ gutmütig und über weite Strecken vergleichsweise griffig  (ca. 7b+/7c). Dann folgt die obligatorische, kleingriffige Wand rechts der Verschneidung. Das fordert bereits die Psyche, der nächste Bolt steckt nämlich ungünstig weit links. Dann ein Dächli, ein paar weite Moves an ordentlichen Tropflöchern und eine feine Mover-Stelle an sloprigen Strukturen. Schon bald rückt der Stand näher. Der ist allerdings kein No-Hand-Rest, es gibt nicht einmal einen Absatz für die Füsse - nur gerade ein henkliger Griff markiert hier das Ende des ersten Abschnitts. Zu erwähnen ist auch, dass diese Länge an ein paar entscheidenden Stellen bereits etwas abgeschmiert ist.

Hier geht's los! Ästhetische Wandkletterei in L1 (8b). Ab dem ersten Bolt bis zur Position, wo sich der Kletterer befindet, warten bereits einige nicht ganz triviale Moves. Ab jener Stelle geht's dann für die nächsten 10m im Vergleich zur Rest der Route noch einmal richtig gemütlich und grossgriffig daher.
L2, 25m, 7c+: Ein unglaublicher Plattenknaller. Die ersten Meter gehen mit einer Linksschleife noch relativ gut über die Bühne, am nächsten Bolt vorbei wartet dann aber eine steile Wandstelle an ein paar extrascharfen Mikrocrimpern, so gut wie trittlos. Nach dieser Crux setzt beim nächsten Bolt eine lange Querung nach links an - Steilplattenkletterei par Excellence mit ein paar kleinen, scharfen Strukturen für die Hände, es ist extrem schwierig, den Druck auf die Füsse zu bringen. Besonders spassig ist's im Nachstieg: man hat genau einen einzigen Shot, sitzt ein Move nicht, so gibt's einen Pendler und man kommt nicht mehr in die ursprüngliche Position zurück. Die Filmsequenz zeigt klar auf, wie das so vonstatten geht, wenn einer wie ich es versucht. Das Finish dann an einer rissartigen Struktur mit runden Löchern liefert bereits einen Vorgeschmack auf die nächste Seillänge.



L3, 25m, 8a+: Der Auftakt in diese Seillänge konnte auch schon oft auf Fotos in den Klettergazetten betrachtet werden. An kleinen, scharfen Strukturen will man eine Art sloprige Wasserrille rechts aussen auf Schulter nehmen und sich daran etablieren, dies bei minimalem Trittangebot. Der Abstand zum nächsten Bolt ist zwar nicht so weit, man knallt aber doch heftig in die erste Zwischensicherung rein - da gilt es dann, am Hängestand für eine ausreichend dynamische Sicherung zu sorgen, was alles andere als einfach ist. Danach geht's dann eben der Struktur entlang, welche eine Mischung zwischen Wasserrille, Riss und offenen Löchern ist. Gemäss Nina Caprez sei es extrem wichtig, diese Stelle "locker zu klettern", damit man gut durchkomme. Ich habe mein bestes versucht, aber ehrlich gesagt hätte ich im Angesicht all dieser extrem runden, abschüssigen Strukturen und der akuten Trittarmut am liebsten auch noch in den Fels gebissen, um ausreichend Halt zu finden. Somit war das sicherlich das absolute Gegenteil von "locker klettern". Das Finish der Länge dann an seichten Wasserrillen mit einem ziemlichen Runout, die Kletterei wird aber beständig einfacher.

Super Plattenkletterei an seichten Wasserrillen am Ende von L3 (8a+), einige der einfachsten Meter der Route.
L4, 20m, 7a+: Im Vergleich zum Rest beinahe eine Plaisirlänge, jedoch auch nicht zu unterschätzen. Vom Stand weg auf Spritzbeton-Fels in beinahe purer Reibung zum ersten Bolt. Der zweite folgt bald, ebenso eine knifflige Wandstelle an kleinen Leisten am Haken vorbei. Danach nimmt man eine Wasserrille auf Gegendruck und klettert den nicht allzu schweren Runout. Hinein geht's ins Geiernest, endlich ein uneingeschränkt bequemer Stand. Ähm nein, dann doch nicht, weil der Vorsteiger in der nächsten Seillänge von rechts ausserhalb der Nische gesichert sein will.

Sagenhafter Spritzbeton-Fels in L4 (7a+), welche trotz der moderaten Bewertung nicht zu unterschätzen ist.
L5, 25m, 8b+: Die Cruxlänge ist nicht einmal senkrecht, verlangt aber doch eine hohe Portion an Athletik. Zum Greifen gibt's hier nur gerade ein paar wenige, kleine Untergriffschüpplein und hier und da ein extrascharfes Tropfloch. Für die Füsse gibt's so gut wie gar nichts, bis auf die extrascharfe Raufasertapete der Wand selbst. Im wesentlichen Teil sind die Hakenabstände im Prinzip kurz, dafür die Kletterei unglaublich diffizil. Die zweite Hälfte der Seillänge mit einer grossen Querung nach links ist dann etwas einfacher, bietet dafür aber weite Abstände. Besonders zum Stand hin ist's ein heftiger Runout, wo man seine Nerven beisammen halten muss. Bis zuallerletzt will sauber auf Reibung angetreten werden - wenn hier das Blut in Wallung kommt, so kann's jederzeit zum Abgang kommen.

Ein solcher Gangstertyp muss man sein, um den Silbergeier hochzukommen. Ich bin leider etwas zu nett ;-)
L6, 40m, 7c+/8a: Auch die letzte Länge ist nochmals ein echtes Testpiece und mancher Versuch von einem Gesamtdurchstieg ist hier noch gescheitert. Die zugänglich aussehende Rampe zu Beginn ist aufgrund vom glatten, strukturarmen Gestein schon deutlich schwieriger wie erhofft. Dann folgt eine Linksquerung - der Hakenabstand ist zwar nicht weit, aber es droht ein unkontrollierter Abgang mit nachfolgendem Pendelsturz, unangenehm. Dann wird's nochmals athletisch, eine psychisch und physisch fordernde Sequenz leitet in eine Verschneidung hinein. Erst ganz zuletzt wird's dann einfacher und der Silbergeier gibt sich endgültig geschlagen.

Da wir mit einem Einfachseil geklettert sind, nahmen wir für den Runterweg den Helikopter ;-) Nein im Ernst, an diesem Tag gingen nicht alle Rätikonkletterer glücklich und unversehrt nach Hause. Im Bereich der 5. Kirchlispitze war eine Luftrettung im Gange.
Nun waren unsere Kraft-, Haut- und Zeitreserven aufgebraucht. Tja, für eine stilreine Begehung ist beiderseits noch etwas Übung notwendig ;-) Aber eigentlich ist ja eine Rotpunktbegehung sowieso einfacher, wie das was wir gemacht haben: da klettert man dann nämlich jede Stelle nur genau 1x, während wir aufgrund von Ausbouldern und Stürzen wohl mindestens das Dreifache der Klettermeter zurückgelegt haben. Schönreden kann man sich fast alles! Das Abseilen über die Route präsentiert sich ob der steilen und absatzlosen Wand natürlich ohne Schwierigkeiten, wobei man unter Umständen teilweise auch auf Fixseile zurückgreifen kann. Zum Zeitpunkt unserer Begehung war dieses nur bis zum ersten Stand installiert. Aber ich gehe davon aus, dass es im Verlauf des Sommers wie üblich bis hinauf zum Ausstieg eingezogen wird. Die unteren Fixseile über den Vorbau waren in einem guten Zustand, so dass man in wenigen Minuten retour am Wandfuss war. Einen kurzen Geröllsurf später standen wir im Grünen und konnten die Ausrüstung definitiv ablegen.

Für diese Pose hat es immerhin gereicht! Auf dem einzigen guten Tritt in der langen Linksquerung von L2 (7c+).
Auf dem Rückmarsch blieb Zeit zur Kontemplation. meine Gefühle zu dieser Silbergeier-Begehung schwanken irgendwo zwischen Begeisterung und Ernüchterung. Die Begeisterung darüber, an diesem berühmten Stück Fels Hand angelegt zu haben und es einmal erlebt zu haben. Die Ernüchterung kommt von der Erkenntnis, wie weit ich von einem stilreinen Rotpunkt-Durchstieg entfernt bin. Da fehlt es an allen Ecken und Enden: die Fingerkraft ist nicht einmal das Hauptelement, sondern vor allem Körperspannung, Koordination und Fusstechnik genügen einfach nicht. Leider Gottes, dürften sich die nötigen Fähigkeiten in diesem Leben nicht mehr ausreichend entwickeln. Aber sag niemals nie, hehe. Ein weiterer Punkt, der im Silbergeier gegenüber einer einfacheren Route auch fehlt, ist der Flow. Das tolle am Alpinklettern ist es ja gerade, einen ganzen Tag lang herausfordernde Aufgaben gestellt zu kriegen, welche man im Idealfall alle lösen kann und sich am Ende den Onsight-Durchstieg verbucht. Gut, der Silbergeier ist für kaum jemanden auf dem Planeten in diesem Stil denkbar, da kommt dann eher sportkletterorientiertes Ausbouldern ausserhalb vom Klettergarten zum Zug. Ich will das nicht werten, jedem Tierchen sein Plasirchen und der Mix ist das, was das Klettern spannend und abwechslungsreich macht.

Facts

4. Kirchlispitze - Silbergeier 8b+ (7c obl.) - 6 SL, 200m - Beat Kammerlander et al. 1993 - *****;xxx
Material: min. 40m langes Seil zum Klettern plus Tagline zum Abseilen, 10 Express

Der weltberühmte Extremklassiker mitten durch den Elefantenbauch an der 4. Kirchlispitze. Während die erste Seillänge noch durch überhängenden Fels führt, sind die folgenden kaum senkrecht. Dementsprechend technisch präsentiert sich die Kletterei. Man bedient sich oft an kleinsten, scharfen Strukturen oder dann an rätikontypischen Slopern und muss sich ständig darum kümmern, den Druck auf den Füssen in extrem trittarmem Gelände aufrecht zu erhalten. Das erfordert ein hohes Mass an Fusstechnik, Körperspannung, Koordination und auch Psyche. Die Hakenabstände sind eigentlich nie sonderlich weit - wäre die Route maximal im 6c/7a-Bereich, so würde man bei dieser Behakung von einer super Absicherung sprechen. Die hohen und anhaltenden Schwierigkeiten weit jenseits vom Komfortbereich sowie die schwer kontrollierbare Kletterei geben aber halt doch ein anderes Gefühl. Online-Topos findet man an verschiedenen Stellen, die besten Kletterführer als Übersicht zum Gebiet sind der Extrem Ost von Filidor und der Rätikon Süd von Panico, welche man bei Bächli Bergsport bestellen kann.

Topo von planetmountain.com

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