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Sonntag, 10. Juni 2012

Drusenfluh - Alpenkönig (6c)

Super Pläne haben Tobias und ich, doch im Vorsommer 2012 lässt sich nix davon realisieren. So nützen wir bei letzter Gelegenheit ein kurzes Zwischenhoch mit Föhnphase für eine alpine angehauchte MSL-Tour. Wir entscheiden uns für den Alpenkönig (16 SL, 6c) im Rätikon. Dieser verspricht viele Klettermeter, vorzügliches Gestein und dennoch auch einen Hauch Abenteuer.

Im Vorfeld ist auch etwas unklar, wie die Schneelage im Gebiet denn überhaupt ist. Ein 18 Tage alter Eintrag im Online-Forum zeigt Tourengänger noch mit Skiern im Zustieg an die Kirchlispitzen. Doch inzwischen sollten Wärme und Regen ihren Dienst wohl getan haben, und wir beschliessen, es zu versuchen. Tatsächlich gestaltet sich die Anfahrt über die frisch ausgebesserte Strasse hoch zum Grüscher Älpli problemlos. Mit dem Versuch, noch weiter in Richtung Kletterhüttli voranzukommen, lassen wir dann etwas Zeit liegen, die Strasse ist nämlich noch nicht passierbar.

Situation an der Drusenfluh Südwand im Juni 2012 - unsere Tour am Pfeiler im linken Bilddrittel
So geht es halt zu Fuss weiter, nach rund einer Stunde Zustieg, zuletzt etwas mühsam weglos über labile Geröllhänge und zuletzt pickelbewehrt über ein kurzes, steiles und hartes Schneefeld, stehen wir unter der eindrücklichen Wandflucht. Einschlägige Quellen bezeichnen die ersten beiden Seillängen als unlohnend und umgehbar. Im Angesicht des schuttig-flachen Geländes, durchsetzt mit nur wenigen Metern hohen Felsstufen, schätzen wir dies ebenso ein, steigen rechterhand über Schrofengelände hoch und beginnen um 10.15 Uhr gleich mit der nominell dritten Seillänge.

Etwas mühsamer wegloser Zustieg über labile Geröllhänge, oben die komplexe Wandflucht
SL1, 6a+: die Crux in Wandkletterei gleich zu Beginn, dann lange Querung nach rechts, zuletzt eine gar nicht so einfache, abdrängende, etwas brüchige Verschneidung zum Stand auf der Kanzel rechts.

Tobias in SL 1 (6a+), die Verschneidung am Schluss hat es noch in sich...
SL2, 6c: lange, sehr schöne Seillänge mit Wasserrillen und zerfressenem Fels. Der im Panico-Führer angegebene Grad (6a) stimmt nur, wenn man 2 Bolts auslässt und die durchaus erzwungene Crux ungesichert rechts umklettert. Das wagt wohl kaum jemand. Auch direkt geklettert geht es im Grad 6c gut frei, oder ansonsten auch A0 an den 3 Haken. Zuletzt dann etwas kühn über Wasserrillen zum Stand. Trotz klammen, gefühllosen Fingern und Zehen konnte ich diese Cruxlänge (wie auch den Rest der Tour) mit etwas Geduld onsight durchsteigen.

Hinweis: der Stand nach SL1, die ganze zweite Seillänge und der Stand nach SL2 liegen in direkter Fallinie des grossen Gerölltrichters in Wandmitte. Die teilweise glattpolierten Felsen deuten klar darauf hin, dass hier immer wieder Steine fallen. Bei Schneeresten in der Wand oder Regenfällen herrscht hier grösste Gefahr, aber auch bei guten äusseren Bedingungen können Steine fallen (siehe unser Erlebnis unten).

SL 3, 6a: Kurz über Schrofen nach rechts hoch und in etwas gesuchter Linie in schönem Fels über eine Stufe hinweg. Danach den breiten Riss queren, und in sehr schöner, gut nachgerüsteter Plattenkletterei zum Stand.

Schöne Kletterei in SL 3 (6a).
SL 4, 4a: Kurze Überführungsseillänge ohne Absicherung und nennenswerte Schwierigkeiten zur nächsten kompakten Wandzone.

SL 5, 6a: In sehr schönem, rauhem Fels klettert man nach links tendierend aufwärts. Der gut sichtbare Pfeiler/Turm wird links umgangen. Der zweite und dritte Bolt sind von unten nicht sichtbar, aber auf der einfachsten Linie links aufwärts tendierend wird man sie schon finden.

Super Fels in SL 5 (6a), der Pfeiler oberhalb des Kletterers wird links (!) umklettert.
SL 6, 5c+: Schönes Wändchen in prima Fels gleich oberhalb vom Stand, dank einem Zusatzbolt nun auch gut abgesichert. Nach etwa 20m erreicht man den Stand.

Nun gilt es, über Schrofen und Geröll den Pfeilergipfel zu erreichen. Hier steckt kein Material, da wenig steil und nicht sonderlich exponiert, kann man hier seilfrei gehen. Am Fusse des nächsten Aufschwungs steigt man über etwas unsicheren Fels linkshaltend in den Geröllkessel ab (T6, II, zu Beginn exponiert). Von dort steigt man dann hinauf in das offensichtliche, sich verzweigende Kaminsystem. Nach rund 70-80 Klettermetern vom vorangehenden Stand baut man am besten Stand an einer fixen Schlinge.

Gefunden auf dem Weg zum oberen Teil. Wie und warum die (Jahrgang 2010) wohl hierhin kam?
SL 7, 6a: Erst noch etwa 15m nach links hoch durch die Kaminrinne, dann rechts in die Wand hinaus, mit sehr schönem Fels. In einem grossen Bogen klettert man erst nach rechts, dann wieder nach links (Seilzug). Der Beginn und ein kühner Move zum Stand hin wurden mit 2 nachträglich gesetzten Bolts entschärft.

Prima Kletterei, gar nicht so schwierig: SL 7, 6a
SL 8, 6a+: Eine ziemlich schwierige, griffarme Stelle wartet gleich unmittelbar nach dem Stand. Kriegt man die Griffe oberhalb einmal zu fassen, folgen athletische Moves, bevor man sich auf eine stetig einfacher werdende Querung nach links begibt.

Knifflige Stelle gleich aus dem Stand raus, dann athletisch weiter: SL 8, 6a+
SL 9, 6a+: Vom Stand nach rechts, mit einer Boulderstelle über einen Bauch hinweg. Auf einem schmalen Band quert man nach rechts zu einem Bolt, dann links aufwärts zu einem weiteren BH, und durch eine etwas brüchige Verschneidung zum Stand und Ende der Schwierigkeiten.

Yours truly, fotogen in der Crux von SL 9, 6a+
Nach dem Boulder über den Bauch folgt schöne Plattenkletterei, Tobias in SL 9, 6a+
SL 10, 5b: Nach rechts zum breiten, selbst abzusichernden Riss. Dort wo dieser ausläuft, leicht nach rechts tendierend in einfacherem Gelände aufwärts. Ein dort steckender BH dient zur Orientierung.

SL 11, 5c: Man klettert nach links an die Plattenkante und verfolgt diese in sehr schönem Fels. Mit der Zeit wird das Gelände einfacher und die Felsqualität minder. Leicht rechtshaltend schlägt man sich zum Stand durch.

Super Fels und schöne Kletterei zum Beginn von SL 11, 5c
Von dieser Stelle, wo die letzten Bohrhaken der Route stecken, warten noch 25m problemlose Kletterei, maximal im dritten Grad, zum Gipfelgrat. Noch vor 14.30 Uhr erreichen wir diesen. Ohne zu pressieren haben wir die Route in nur gerade gut 4 Stunden durchklettert und sind sehr zufrieden. Während es lange windstill war hat hier auf dem Kamm nun der Föhn eingesetzt. So ist es trotz Sonnenschein gar nicht so urgemütlich, und wir machen uns bald wieder auf den Weg nach unten.

Normalerweise erfolgt dieser, indem man über die Nordabdachung absteigt. Da wir dort noch viel Schnee erwarteten, d.h. über die genauen Verhältnisse im unklaren waren und nicht eine komplette Alpinausrüstung durch die Tour mitschleppen wollten, entschieden wir uns schon im Vornhinein für das Abseilen. Man sei sich aber Gewiss, dass dies keine gute Option ist.

Top of Drusenfluh, links vom Kletterer die Kirchlispitzen, am Horizont die Schesaplana
Abseilen

Erst gilt es nämlich, mangels Verankerung am Top, die 25m bis zum letzten Stand wieder abzuklettern. Die ersten beiden Abseilstrecken sind flach und schuttig, daher etwas mühsam. Als wir endlich das steilere Gelände darunter erreichen, passiert es dann: wohl durch das Seil selbst löst sich ein Stein und durchtrennt eines der beiden Halbseile bis auf wenige Mantelfasern - zum Glück merke ich dies beim Abseilen rechtzeitig. So wird das Seil halt zusammengeknüpft und der Knoten passiert, etwas mühselig, aber machbar.

Aber das ist noch nicht alles: als wir im Geröllkessel in Wandmitte stehen und das Seil abziehen wollen, verhakt es sich prompt an einem Pfeiler etwa 30m oberhalb. Ich spiele das rauf/runter-Spiel um es zu befreien, es gelingt. Danach muss das ungesicherte Gelände bis zum Stand von SL 6 abgeklettert werden, was vorsichtiges Agieren erfordert. Ab da geht es dann eventfrei und einigermassen zügig retour an den Wandfuss.

Diese Kaminschlucht bin ich beim Abseilen ein weiteres Mal auf- und abgeklettert...
Der Steinschlag

Ich erreiche den Einstieg als erster, Tobias kommt nach. Während ich meine Schuhe wechsle, zieht er die Seile ab. Just in diesem Moment kommen riesige Böller genau auf uns zugeflogen. In letzter Sekunde können wir uns in Deckung werfen und bleiben unbehelligt. Nur Minuten zuvor haben wir uns beim Abseilen aber genau in Schusslinie befunden. Wäre die Salve dann gekommen, so hätten wir alles Glück dieser Welt gebraucht, um die Situation unbeschadet zu überstehen. Angesichts des Sperrfeuers und dem eher plattigen Gelände, wo man diesem schutzlos ausgeliefert ist, wären Treffer wohl kaum zu vermeiden gewesen.

In den folgenden Minuten kommen noch zwei, drei kleinere Steinschläge nach, dann ist es wieder gespenstisch ruhig. Das Problem für uns ist, dass der Abstieg über die Schrofenzone (d.h. die ersten beiden, von uns umgangenen Seillängen der Tour) in die Geröllhänge darunter diesen Steinschlägen auch ausgesetzt ist. Es handelt sich hierbei um T5/T6-Gelände, welches einerseits sorgfältiges Abklettern verlangt, wenige Optionen zum Ausweichen bietet, und zudem droht hier bei einem Treffer der Absturz.

Wir entscheiden uns schliesslich für ein etwas aufwendiges Abklettern dem Wandfuss entlang. So müssen wir zwar höhere Kletterschwierigkeiten vergegenwärtigen, sind dafür jedoch einigermassen geschützt. Nur zum Schluss müssen wir im Hui ein kurzes Stück in der Gefahrenzone abklettern, um den Schneekonus zu erreichen, auf welchem wir uns im Nu abfahrend aus dem heiklen Gelände entfernen. Es blieb zwar die ganze Zeit des Abkletterns über ruhig, aber wer weiss das schon genau...

Routenübersicht: Drusenfluh, Alpenkönig
Facts

Drusenfluh - Alpenkönig 6c (6a obl.) - Ammann/Riebelmacher, 14.8.2000 - 11-16 SL, 700m - **, xxx
Material: 10 Express, Camalots 0.5-2, empfohlen werden 60m-Seile, 50m geht jedoch auch.

Leichtere Rätikontour, die aber über weite Strecken den typischen, tollen Fels mit hervorragender Reibung und kletterfreundlicher Struktur bietet. Es sei jedoch auch gesagt, dass die Wand hier etwas strukturiert ist, d.h. es warten auch einfachere Teilstücke mit weniger gutem Fels, bzw. einigen Schrofen- und Geröllzonen. Den alpin orientierten Kletterer wird dies aber nicht zu stören vermögen. Nachdem die Route im Jahr 2007 durch die Erstbegeher mit 12 BH nachgerüstet wurde, kann man sie durchaus als gut abgesichert bezeichnen. Die schwereren Kletterstellen sind nun wirklich alle vernünftig behakt, einzig im leichteren Gelände gilt es hier und da ein Klemmgerät zu plazieren, oder einen Runout zu vergegenwärtigen. Man beachte, dass die Route in der unteren Hälfte dem Steinschlag exponiert ist!!! Deshalb sollte man nur bei sicherem Wetter einsteigen, und nur wenn sich absolut keine Schneeresten mehr in der Wand befinden. Das Abseilen über die Route ist durchführbar, aber mühsam, steinschlägig und wenig empfehlenswert - man wählen den Fussabstieg!

Topo

An dieser Stelle wird das Originaltopo der Erstbegeher präsentiert. Von Frank Nebbe existiert ein weiteres, gutes Topo zur Tour. Bei topoguide.de kann man für 1 Euro ein weiteres Topo erwerben. Dieses gibt m.E. den Routenverlauf am besten wieder. Mit ausschliesslich demjenigen aus dem Panico-Führer Rätikon Süd dürfte man hingegen seine liebe Mühe haben, der Tour zu folgen, es ist sehr rudimentär.


Originaltopo der Erstbegeher

Hinweis: weitere Bilder von Tobias sind auf dem Rocksports-Forum zu finden

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