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Dienstag, 15. September 2015

Bockmattli - Element of Slime (6c+, 7 SL, Erstbegehung)

Bereits 1998 hatte ich die beiden damaligen Seillängen des Element of Slime geklettert, hoch oben an der Westwand des kleinen Bockmattliturms. "Monumentale Kletterei an perfektem Fels wie an den Wendenstöcken, gut abgesichert" hatte ich mir damals kurz ins Tourenbuch geschrieben. Zugestiegen waren wir an jenem Tag zu Fuss auf den ersten Absatz, weiter dann über zwei einfache, etwas grasige Seillängen vom klassischen Westwändli. Zusammen mit einer Stunde Zustieg fast etwas viel Aufwand für zwei wirklich tolle Seillängen an steiler Kletterei.

Das Ambiente an den Bockmattlitürmen im Wägital ist immer wieder toll. Eine meiner Lieblingsgegenden!
Im Zuge der Entstehung des Kletterführers Extrem Ost wiederholte dann auch Sandro das alte Element of Slime und schlug begeistert eine Fünf-Sterne-Bewertung vor. Mein Einwand war, dass ich in Bezug auf die Kletterei in den eigentlichen zwei Seillängen zwar zustimmen würde, als Gesamtbewertung mit dem unlohnenden Zustieg aber höchstens drei Sterne zu vertreten wären. So steht's denn nun heute auch im Führer. Nachdem Erich und ich im 2012 das inzwischen sehr beliebte Echo der Zeit in der Westwand kreierten, stand eine zweite durchgehende Linie durch die Westwand immer auf der Projektliste.

Die Westwand vom kleinen Bockmattliturm mit dem Routenverlauf vom Kletterhüttli aus gesehen. Zustieg ab da: 2 Minuten
Das Element of Slime mit einzubeziehen war dabei stets geplant, so würde sich auch eine eigenständige Linienführung durch steilen Fels verwirklichen lassen. Im Juni 2015 ging es schliesslich an die Realisierung. Von den Erstbegehern hatten wir grünes Licht zur Sanierung der beiden ursprünglichen Seillängen erhalten. Die bald 30-jährigen Kronenbohrhaken durch zeitgemässes Material zu ersetzen schien mir für einen unbeschwerten Klettergenuss nämlich unabdingbar. An die Erlaubnis war die Bedingung geknüpft, die originalen Hakenabstände zu respektieren und den Routennamen zu belassen.

Der Autor im Vorstieg in L2 (6c+), eine der schwersten Stellen der Route ist hiermit bereits überwunden.
So machten wir uns dann im Juni 2015 ans Werk. Mir schwebte schon da ein direkter Einstieg vom Wandfuss vor, doch um gleich mit dem Serious Business zu beginnen, querten wir vom Echo-Einstieg nach links zum 4-BH-Stand einer Rettungsübung und begannen gleich mit der heutigen zweiten Seillänge. Wie immer mit der Maschine am Gurt machte ich mich auf den Weg. Das Setzen des zweiten BH aus wackliger Kletterposition präsentierte sich dabei schon als nervenaufreibende Geschichte! Doch schliesslich war der Silberling platziert, die nachfolgende knifflige Stelle geknackt und weiter ging's mit erstklassiger Bockmattlikletterei, d.h. athletischer Turnerei an griffigen Henkelschuppen, bis zum bequemen Stand auf einer Grasinsel.

Kathrin folgt im oberen Teil von L2 (6c+), die mit vielen, griffigen Schuppen aufwartet.
Für die nächste Sequenz war Erich an der Reihe. Auch bei ihm war für Spannung gesorgt. Das Bohren eines dritten Zwischenhakens am markanten Überhang war unverzichtbar, aber aus der Kletterstellung nicht zu bewältigen. So musste ein 2-Segment-Cam-Placement am offenen Riss herhalten. Dass es zuerst einmal rausflutschte gehört dazu, zum Glück bevor der Bohrer angesetzt wurde. Nachher hielt es dann... Nach einigen Holzerarbeiten war damit auch die heutige dritte Seillänge komplett, hier lässt es sich übrigens auch ideal in die West- bzw. Himmelskante wechseln, für welche unsere neuen Seillängen ebenfalls den lohnendsten Einstieg hergeben.

Erich streng am Bolten in L3 (6c). Der nächste Bolt ist dann jener, der vom 2-Segment-Friend-Placement platziert wurde.
Für mich ging's weiter mit der Maschine am Gurt. Die Platte am Anfang der vierten Seillänge war kein Problem, der folgende Überhang schon eher. Die Bohrerei im athletischen Gelände forderte viel Saft, und einigen davon hatte ich am Vortag strategisch ungünstig beim Sportklettern, den anderen in meiner ersten Bohrlänge liegen lassen. Auf dem Zahnfleisch ging es mit zwei zwingenden Passagen noch bis zum viertletzten Haken dieser Seillänge, womit die Hauptschwierigkeiten jener Sequenz überwunden waren und der Weg nach oben frei schien. Damit war unser Tagewerk beendet, wir seilten ab und verabredeten uns für einen nächsten Versuch.

Der Autor im Vorstieg in L4 (6c+), der Überhang und die folgenden 10m bilden dabei die Crux.
Beim folgenden Angriff zwei Wochen später bestand ich dann darauf, am Wandfuss einzusteigen, um die schöne Wasserrillenplatte einzubohren. Diese ist allemal lohnender wie der Einstieg von rechts her, wo man auch eine Seillänge klettern muss, dies aber im Schrofengelände ohne schlaue Absicherung. Kurze Zeit und fünf Zwischenhaken später hatte ich diese freudvolle Aufgabe erledigt. Die Pein bestand nun darin, den schweren Sack mit den vielen Bolts zu hissen. Dies natürlich auch noch über zwei weitere Seillängen, bevor es in der vierten mit Erstbegehen weiter ging. Es wartete erst nochmal eine knifflige, technische Stelle, dann war der nächste Stand in leichtem Gelände rasch erreicht. Nach ein paar weiteren Holzerarbeiten stand nun noch die Sanierung der bereits bestehenden Seillängen fünf und sechs an.

Kathrin folgt in L4 (6c+), hier gerade in der Cruxzone engagiert.
Da die bestehenden Haken sowieso 1:1 ersetzt werden mussten, entschlossen wir uns zu einem Letztvorstieg am alten Gerät mit Bohren im Nachstieg. Doch auch dies ist anstrengende Arbeit, besonders gut merkt man's, wenn man wie ich (erneut) am Vortag alle seine Körner bereits im Sportkletter-Projekt verschossen hat. Nach schweisstreibender Arbeit war es aber geschafft, d.h. das Ende vom Element of Slime erreicht. Nun wurde die Diskussion des "wie weiter" geführt. Meine Idee war es, in einer Traverse um die Ecke zu klettern, um dort an den letzten Stand vom Echo der Zeit zu gelangen, von wo man noch die schöne 6c-Ausstiegsplatte "Koch ins Loch" hätte sanieren und klettern können. Erich's Gegenargumente waren "unlogisch" und "kreuzendes Routenchaos". Nach einiger Diskussion liessen wir es beim Erreichten bewenden und seilten ab.

Sieht nach nettem Wanderweg aus... das Ende von L4 (6c+) führt ca. 15m durch grasig-einfaches Gelände.
Ein paar Tage später war ich mit Kathrin am Start, um die Route mit einer Gesamtbegehung zu befreien. Temperaturen deutlich jenseits der Hitzemarke erforderten einen frühen Aufbruch, da wir die ganze Route im Schatten klettern wollten. An den beiden Bohrtagen hatte sich die Kletterei für mich jeweils streng angefühlt und so stieg ich doch mit gehörigem Respekt ein. Mein Ziel war wie immer in diesen Fällen, eine komplett sturzfreie Begehung. Damit galt es, konzentriert und fehlerfrei zu bleiben. Für einmal ohne schweres Material am Gurt, ohne elenden Haulbag und ohne vom Sportklettern bedingte Vorermüdung gelang der Gesamtdurchstieg dann doch erstaunlich mühelos. Bereits um 12.30 Uhr erreichten wir nach 3:45 Stunden Kletterei die Westschulter noch im Schatten. Freude herrschte, ein weiteres Projekt hatte sich damit erfolgreich beenden lassen!

Kathrin folgt in L5 (6c+), die wendenmässige Kletterei in tollem Fels bietet.
Nachfolgend eine Beschreibung der einzelnen Seillängen:

L1, 40m, 5c: Schöne Plattenkletterei an wasserzerfressenem Fels in etwas grasigem Ambiente. Man kommt aber gut durch, ohne jemals aufs Gras treten zu müssen. Deutlich lohnender wie der alternative Einstieg von rechts her übers Band.

L2, 30m, 6c+: Knifflige Moves an feinen Griffen und Tritten nach dem zweiten Bohrhaken stellen eine der schwersten Einzelstellen der Route dar. Danach geht es kräftig und anhaltend, dafür meist an Henkelschuppen weiter.

Der Autor im Vorstieg in L6 (6c+). Hier bereits dem Erfolg sicher, die letzten Meter sind zwar steil, aber ultra-henklig.
L3, 20m, 6c: Ausgeprägte Crux am bauchigen Überhang 8m oberhalb vom Stand. Zuerst ausdauernd in einer kleinen Linksschleife dahin, dann in kräftigen Gegendruck-Moves drüber weg und schliesslich über den Pfeiler hoch zum Stand.

L4, 50m, 6c+: Nach der schönen Platte den athletischen, gutgriffigen Überhang von links nach rechts anpacken und knifflig raufmanteln. Es geht anhaltend weiter mit technisch fordernden Moves in vage angedeuteter Verschneidung mit zwingender Stelle daraus hinaus. Nach kurzer Verschnaufpause ein weiteres technisches Schmankerl, zuletzt 15m in etwas grasigem, aber gut begehbarem Gelände (nicht das Filetstück der Route) zum Stand an der grossen Föhre.

Kathrin folgt in L6 (6c+), wo man zuletzt in atemberaubender Position an einem sich verjüngenden Pfeiler klettert.
L5, 25m, 6c+: Der etwas einschüchternd aussehende Beginn löst sich besser auf als gedacht. Easy zum ersten BH, kurze Stelle darüber hinweg, einfachere Moves und ein letzter Zug zum zweiten. Dann die einfachste Linie zum dritten korrekt interpretieren, so ist der Hakenabstand problemlos zu meistern. Die eng gesicherte Crux folgt danach, hier muss entschieden angetreten und an Untergriffen gezogen werden.

L6, 35m, 6c+: Fantastische Kletterei, die nach ein paar gemütlichen Auftakt-Metern die erste Crux mit weiten Moves an Untergriffen bereithält. Danach kaum Gelegenheit zum Verschnaufen, ein kniffliger Klipp von Slopern, bevor die feinen Leisten gefunden und bedient werden wollen, welche zur Henkelschuppe führen. Die letzten 20m bieten steiles Schaulaufen an Henkeln in atemberaubender Position am Pfeiler.

L7, 40m, 4a: Einige Meter hoch, dann erst etwas links rum, die Pfeilerscharte überqueren und hoch aufs Band in der Nordwand. Von da in ein paar letzten Moves hinauf zum Ausstiegsstand vom Echo der Zeit, oder alternativ links an die Kette vom Prachtsexemplar.

Der Ausstieg nach L7 ist erreicht, unten der Wägitalersee, hinten Chli und Gross Aubrig.
Die letzten Meter hinauf auf die Westschulter lassen sich übers Grasgelände nordseitig gut seilfrei begehen, ansonsten hat's ganz oben noch eine Sanduhrschlinge zum Nachnehmen. Hat man L7 geklettert, so empfiehlt sich der Fussabstieg durch die kleine Chälen. Dieser ist problemlos und schnell (ca. 15 Minuten zum Einstieg). Wenn es trocken ist, gehe ich diesen jeweils in Kletterfinken und nehme die Schuhe nicht extra mit. Da aber nicht jeder meine Härte aufweist ;-) bzw. in solchen Badeschlappen wie ich klettert, mag auch die Mitnahme von Turnschuhen angezeigt sein. Wer unbedingt Abseilen möchte, der kann dies vom Top nach L7 übers Prachtsexemplar in der Nordwand tun, zurück an den letzten Stand vom Element of Slime kommt man nicht mehr. Will man dort runter, so muss man bereits am Ende der Schwierigkeiten nach L6 umdrehen. Von dort kann man in 4x Abseilen (50m/45m/50m/35m), wobei nach dem ersten Manöver ein routenunabhängiger Stand (Muniring vom Westriss, siehe Skizze, vor Ort ist's absolut logisch) zu benützen ist.

Ambiente beim Abstieg durch die kleine Chälen.

Facts

Bockmattli - Element of Slime 6c+ (6b+ obl.) - 7 SL, 240m - Götz/Wyser 1989 & Dettling/Rütsche 2015 - ****;xxxx
Material: 1x oder 2x50m-Seile, 10 Express, Keile/Friends nicht nötig

Seit im Jahr 2015 ein neuer Zustieg zu den beiden seit 1989 existierenden Seillängen gefunden wurde, erstrahlt das Element of Slime in neuem Glanz. Es handelt sich nun um eine sehr lohnende alpine Sportklettertour mit eigenständiger Linie durch die Westwand am Kleinen Bockmattliturm. Die Kletterei ist meist von athletischem Zuschnitt an henkligen Schuppen, Unter- und Seitgriffen. Viel Abwechslung ist also geboten. Die Felsqualität ist durchgehend gut, gegen oben hin teilweise sogar echt fantastisch. Ähnliche Worte findet man auch für die Absicherung. Die Schlüsselstellen sind alle sehr gut mit BH eingerichtet, im leichteren Gelände wartet auch einmal ein etwas grösserer Abstand, aber immer so, dass es nicht gefährlich wird.

Topo

Das komplette Topo steht als PDF-Dokument zum Download zur Verfügung. Hier eine Seite als Ausschnitt.



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1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für das gute Topo und den Bericht /Erich

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