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Montag, 22. Juni 2026

Bockmattli - Chronos (6b, 5 SL, Erstbegehung)

Mit dem nahenden zweiten Geburtstag unserer Route Kairos in der Nordwand vom Namenlosen Turm im Bockmattli 2 Jahre alt wurde es Zeit, Familienplanung zu betreiben, sprich über ein Geschwister nachzudenken. Mein Besuch am Kleinen Turm im Mai mit bestem Blick auf die bereits früher erspähte Möglichkeit intensivierte diesen Kinderwunsch markant. Als ich Guido über meine Pläne orientierte, so wollte er diesen Plan "auf keinen Fall verhüten", so war die Sache geritzt und es waren dieselben Eltern bei der Entstehung beteiligt. Was dabei herauskam: ein Geschwister, das seine Familienzugehörigkeit auf keinen Fall leugnen kann, aber trotzdem ein Unikat ist und seinen ganz eigenen Charakter hat.

Unterwegs zum Bockmattli - immer ein erhabenes Gefühl, diesem Gebirge näher zu kommen!

Erschliessung

Dem trockenen Wetter im Frühling und Vorsommer 2026 sei Dank mussten wir uns bei Chronos nicht so lange der Enthaltsamkeit verpflichten wie bei Kairos. Nach dem Entschluss zur Familienvergrösserung schickte der Winter zwar nochmals einen Gruss, doch nachdem ich diesen am Klausen gebührend verabschiedet hatte, war es zwei Wochen später am 29. Mai 2026 soweit. Kairos hatten wir in einem einzigen, langen Tag komplett erschaffen können. Somit schien es attraktiv, diese Genesis auch bei Chronos anzustreben. Doch bei jeder Geburt gibt es Überraschungen und Unabwägbarkeiten. Immerhin war uns ein stabiler Tag mit sehr angenehmen Bedingungen und langem Tageslicht sicher. Die Frage war also, wie weit Akkukapazität, Hakenvorrat und unsere Energie reichen würden.

Mit grosser Freude an der Arbeit. Hier wird der zweite Standhaken in L2 gesetzt.

Um 9.30 Uhr wurde der Bohrer das erste Mal in Betrieb gesetzt. Hernach kamen wir zügig voran: was in L1 mit einigen Metern Horizont glatt aussah, offerierte dort wo nötig Löcher und Leisten. Die Sanduhrbrücke in L2 liess sich elegant überschreiten und es fand sich an idealer Stelle ein Halt. In L3 gilt es nämlich durch eine Art Geheimgang nach backstage zu kommen. Sprich, mit einer Querung durch einen schluchtartigen Kamin die weiter rechts hinten liegende Wand zu erreichen. Diese ist von einer markanten, diagonal verlaufenden Fuge durchzogen und erlaubte uns - wie erhofft - durch glattes, sehr luftiges und kompaktes Gelände voranzuschreiten. Sodann war es nur noch eine Seillänge bis zum bequemen Band unter der Gipfelplatte. Es blieben noch ausreichend viele Bolts im Haulbag und Wattstunden im Akku. So war auch das letzte Teilstück bald erledigt und wir konnten noch vor 18.00 Uhr zum Handshake auf dem Gipfel ansetzen. In 8:30h war das nun absolut keine Zangengeburt, sondern es war wie am Schnürchen gelaufen. Was im Angesicht unserer gleichartigen Erfahrungen bei der Kairos schon fast wie eine Selbstverständlichkeit scheint, ist es absolut ganz und gar nicht: es waren doch 43 Bohrhaken zu setzen und ganz viele Kletterstellen zu lösen!

Blick auf den Start und das Wandbuch, welches am Stand nach L4 platziert ist - es freut sich auf deinen Eintrag. Zu den Kletterfinken ist noch zu sagen: unwahrscheinlich, dass ER sich einmal auf diese Route begeben wird. Aber so war er doch immerhin auch einmal dabei. Allerdings ist die Verwendung dieses Schuhwerks eher ein Zeugnis für mein Kletterfinken-Missmanagement. Alles so durchgeklettert, ohne sich rechtzeitig um Alternativen zu kümmern, dass nur noch diese Indoor-Treter als bequeme Möglichkeit für diesen warmen Tag blieben.

Drei Wochen später konnten wir dann zum Genussprogramm mit der Rotpunktbegehung schreiten. Etwas unverhofft liess sich auch noch eine Gotte für Chronos finden. Im realen Leben ist sie durchaus meine Frau, aber in diesem Fall gehört ihr im Familienstammbaum nur dieser sekundäre Platz. Da mit leichtem Gepäck und grosszügigem Zeitbudget unterwegs, wollten wir Chronos so klettern, dass es richtig viel Klettergenuss gibt. Nämlich mit einem Link-Up einer Tour, welche zur Westschulter des Kleinen Bockmattliturms führt. Die logische und schwierigkeitsmässig am besten passende Wahl ist das Echo der Zeit, von dessen Top es nur ein Katzensprung an den Einstieg ist. Seit dessen Eröffnung im 2012 hatte ich das Echo nie mehr komplett geklettert - und konnte es mit den durch diese lange Zeit begründeten Erinnerungslücken nun fast mit der Wahrnehmung eines "normalen Wiederholers" klettern. Hui, der Auftakt in L1 ist ganz schön sec und die 6a-Bewertung wohl ein gehöriger Sandbag, 6a+ oder sogar 6b wohl passender. Da fiel mir die schon in den 1980ern mit 6b bewertete L4 (ehemals Gilgen an Galgen) doch eher einfacher - aber was für eine fantastische Turnerei an tollem Fels sie ist. Am Piazriss von L5 war ich gefordert: da muss doch kurz mal ordentlich zugepackt werden und die ehemals vergebene 6b hat sich das heute im Plaisir vergebene Plus ganz sicher verdient. Nach einer weiteren Henkelparade (L6, 6a) waren wir auf der Westschulter und wenige Minuten später am Start von Chronos.

Gleich am Anfang vom Echo der Zeit geht's zur Sache. L1 ist offiziell 6a, aber die 6b passt wohl besser.

Die Crux von Echo der Zeit (L5, 6b+), ein kräftiger Piaz, wo man sich festhalten muss!

Ob meinen vielen Zeilen zum Echo der Zeit könnte man nun meinen, dass der Hauptevent schon vorbei gewesen wäre. Insbesondere, weil er in diesem Paragrafen mit gar nicht ganz so vielen Zeilen gewürdigt wird. Aber die Detailbeschreibung der Seillängen kommt halt erst weiter unten. Jedenfalls, mit grossem Genuss erkletterten wir die neuen Seillängen der Chronos und erfreuten uns ab unserer "Produktion". In der zweiten Seillänge holte uns schliesslich die Sonne ein und sorgte für warme, aber immer noch erträgliche Bedingungen. So genossen wir als Highlight die 50m lange Crux-Sektion, welche sehr viel Abwechslung und anhaltend fordernde Kletterei bietet - da erlebt man auf einer einzigen Länge mindestens gleich viel, wie in einer ganzen Session in der Kletterhalle ;-) Mit durchaus durstigen Kehlen erreichten wir ein wenig später den Gipfel - alle 3 mit einer lupenreinen Begehung. Was für ein grandioser Tag und welch ein tolles Erlebnis - herzlichen Dank Kathrin und ganz insbesondere Guido für den Support und die Mitarbeit bei diesem Projekt.

Dass Routenanschreiben so trizepsintensiv ist, habe ich nicht gewusst 🤪

Zustieg

Vom Wägitalersee entweder zu Fuss oder bequemer und zeitsparend per Bike zur Schwarzenegg. Ein markierter Wanderweg führt weiter zur am Wochenende bewarteten Kletterhütte Bockmattli. Von dieser kurz durch die Gross Chälen hinauf, bis in der fünften Kehre nach dem Wegweiser ein deutlicher Pfad nach links in die Kleine Chälen abzweigt. An deren Fuss gute Depotmöglichkeit, dann ~10 Minuten auf guten Trittspuren durch die Rinne hinauf bis zum Punkt, wo die Spur von der Westschulter des Kleinen Turms von links her einmündet. Nach einer kurzen Traverse von 20m nach rechts befindet man sich auf dem bequemen Einstiegsband. Links am Fuss einer Verschneidung startet Meriba (5c+), die mit Fixé-Laschen mit Bächli-Imprint ausgerüstet ist. Zehn Meter rechts davon ist der Einstieg von Kairos (Austrialpin-Plättli), gekennzeichnet durch 2 SU-Schlingen und einem eingemeisselten 'K'. Wer weitere 5m nach rechts schreitet, findet 1 SU-Schlinge und den (Stand 2026) angeschriebenen Einstieg von Chronos (Koordinaten CH LV95 2'715'010/1'217'660 bzw. WGS84 47.09993, 8.95372, Höhe 1660m). Gehzeit vom See zu Fuss ca. 75-90 Minuten (750hm), mit Bike ca. 30 Minuten schneller.

Wie viele Prozent der Leistung kommen aus den (welchen) Beinen und wie viele vom Motor?

Und wenn wir schon beim Zustieg sind: Kairos lässt sich ideal mit allen Routen kombinieren, welche auf der Westschulter des Kleinen Bockmattliturms enden (u.a. Echo der Zeit, Element of Slime, Skyrace und Prachtsexemplar). Insbesondere zum Echo der Zeit ist es schwierigkeitsmässig die perfekte Ergänzung. Von dessen Ausstieg an der Westschulter erreicht man in nur 2 Minuten den Einstieg von Chronos (oder Kairos) und kann gleich wieder loslegen, es ist ein absolut logisches Enchainement.

Der Blick vom Kletterhüttli auf das von uns gekletterte Enchainement von Echo der Zeit und Chronos.

Routenbeschreibung

Bockmattli / Namenloser Turm - Chronos 6b (6a+ obl.) - 5 SL, 185m - M. Dettling & G. Arnold 2026
Material: 50m-Seil, 12 Express, Cams 0.3-2 und/oder Keile einsetzbar, aber nicht zwingend nötig

L1, 30m, 6a: Ein sehr griffiger Auftakt an Henkeln und Schlitzen führt über den ersten Bauch hinweg. Im nun eigentlich flacheren Gelände, muss die Beta für die nächste Sequenz jedoch sorgfältig analysiert werden. Es gibt aber eine gute Lösung und so klettert man bald an Leisten und Löchern dem Himmel entgegen. Was man als schwierig vermuten könnte, löst sich stets sehr gut auf. Kurz vor Schluss erreicht man eine Rinne, der BH befindet sich am Grat links, etwas links ausholend erreicht man den bequemen Stand.

Das ist der griffige Auftakt in L1 (6a). Es war gegen 13 Uhr, der Schatten wurde schon fast knapp.

L2, 45m, 6a: Diese Seillänge ist geprägt von einer riesigen Sanduhr. Oft gleichen die von uns Kletterern so benannten Strukturen den tatsächlichen Zeitmessern ja nur sehr entfernt - nicht so hier, insbesondere wenn man vom Kleinen Turm hinüberguckt! Die ersten Meter bis dahin sind gemütlich, doch mit dem Überschreiten der Brücke geht die Crux los und sie erfordert etwas Zupacken. Dies geschafft, überschreitet man eine Kante (BH an dieser bevorzugt lang einhängen!) und klettert jenseits in gängigem Gelände knapp links des Grates noch 25m weiter bis zum Stand.

Am Einrichten von L2 (6a), die Stelle mit der Sanduhrbrücke wurde eben überschritten.

L3, 50m, 6b: Wie schon angekündigt, diese Seillänge bildet das Herzstück der Route. Erst heisst es Abklettern, auf einem diagonal verlaufenden Band steigt man zum schluchtartigen Kamin ab (ca. 5b). Für den/die Seilzweiten kann ein zu Beginn gesetzter Cam 0.75 beruhigend sein, zwingend ist er nicht. Die Schlucht wird dann mittels einem Überfall und Spreizschritt gleich überwunden, ohne darin zu klettern. Jenseits ermöglicht stark vom Wasser zerfressener Fels überhaupt nur die Passage. Nun geht's durch die Plattenwand diagonal in die Höhe. Erst noch gut machbar, fordert später eine plattige Stelle. Ein paar Reibungstritte und Thank-God-Pockets machen es jedoch im 6b-Rahmen möglich. Das Schlussbouquet sind dann die luftig-anhaltenden 20m entlang der Diagonalfuge. Da müssen viele Register der Klettertechnik gezogen werden und it ain't over till it's over!

In L3 (6b) wird zuerst abwärts geklettert, bevor es an zerfressenem Fels wieder hinauf geht...

Das Finish von L3 (6b) entlang der Diagonalfuge in kompaktem Gelände in luftiger Position.

L4, 35m, 5c+: Auf den ersten Blick vermutet man hier zügig abspulbares Gelände, sieht der Fels doch reichlich strukturiert aus. Das manifestiert sich beim Klettern aber nicht so ganz wie gedacht. Da ist man doch immer am Griffe suchen und ohne etwas Einsatz geht es vorerst nicht. Schliesslich steigt man auf eine grasige Schulter aus, geht rechts an einem Turm vorbei (an diesem steckt ein BH, welcher leicht zu übersehen ist!), bevor es übers Grasband gerade voraus zum Stand mit Wandbuch (in kleiner Höhle direkt unterhalb der Haken) geht.

Dieser Stunt am Ende von L4 (5c+) ist fakultativ, aber für das Foto hat er sich definitiv gelohnt!

L5, 25m, 5c+: Der Gipfel ist schon nahe, aber dieses Dessert lässt man sich ganz sicher nicht entgehen. Vor langer Zeit muss an dieser Stelle das Gestein abgerutscht sein. Hervorgekommen ist eine vom Wasser bearbeitete und stark strukturierte, fast korallenähnliche Wand. Nach 15m hat man dieses Stück bewältigt, ein Dächli wird an Henkeln überwunden. Diese finden sich auch auf der Zielgeraden, bevor man direkt zum Top vom Namenlosen Turm aussteigt (Stand an Muniring und BH etwas zurückversetzt).

Die letzten Moves in L5 (5c+). Die Getränkebestellung kann man schon zur Kletterhütte rufen...

Abstieg

Von Namenlosen Turm gibt es zwei ideale, zügige und unkomplizierte Fussabstiege. Dazu vom Gipfel 100m ostwärts auf gut sichtbarer Wegspur der Krete entlang bzw. leicht nordseitig unterhalb gehen bis zu einem kleinen Sattel. Nun entweder a) nach rechts auf einem Weg in die Gross Chälen absteigen, was in 20 Minuten zur Kletterhütte Bockmattli führt. Alternativ b) vom Sattel nach links weglos über die wenig steile Grasflanke absteigen. Diese führt einen (zuletzt über eine kurze Stufe) zur Kleinen Turmscharte am oberen Ende der Kleinen Chäle. Dann durch diese auf Trittspuren hinunter zurück zur Kletterhütte. Der Zeitbedarf dafür ist etwas länger, dafür kommt man nochmals am Einstieg vorbei. Ein Abseilen vom Gipfel ist hingegen nicht möglich und sinnvoll. 

Auf dem Abstieg in die Gross Chälen, Doppelspur mit Überholmöglichkeit ;-)

Rückzugsmöglichkeiten

Von Stand 1 kann man problemlos abseilen, auch von Stand 2 steht diese Option mit etwas Umsicht offen. Von Stand 3 hingegen wird es umständlich: gerade hinunter kommt man ins Niemandsland, dementsprechend muss man sich diagonal "zurückarbeiten", was nicht ohne Aufwand und allenfalls Materialverlust geht. Als Aufmunterung: von Stand 3 ist es nicht mehr sehr weit zum Gipfel. Bei Zeitnot oder Wetterumschwung kann man ab Stand 4 mit gross ausholendem Rechtsumweg über die letzte Länge der Namenlosen Kante (2a) den Gipfel noch zügiger erreichen.

Ich hoffe, es können alle ihre Tour so zufrieden und bei besten Verhältnissen beenden, wie das hier bei mir am Ende des langen Bohrtages der Fall war. Das war definitiv wieder ein Tag für das persönliche Geschichtsbuch!

Material, Absicherung & Topo

Die Route ist mit total 45 rostfreien Bohrhaken (die 2 auf dem Gipfel sind ausgeliehen ;-)) gut abgesichert. Das ist exakt 1 Exemplar weniger als in der Kairos. Somit vergrössert sich nach Adam Riese die mittlere Distanz zwischen den Haken von 4.02m auf 4.11m. Natürlich, diese Mathematik ist blosse Spielerei (und berücksichtigt auch nicht die Doppelhaken an den Standplätzen). Sie signalisiert aber doch, dass zwischen den Sicherungspunkten geklettert werden muss. Insbesondere in der diagonal verlaufenden Cruxlänge von Chronos hilft die Strategie A0 nur sehr beschränkt weiter. Ob deren Natur mit Abklettern, zwingendem Spreizschritt und anhaltender Traverse sollte auch die Person am hinteren Seilende einer 6b vernünftig gewachsen sein. Und eben, einfach Ablassen und Heimgehen geht da auch nicht so prickelnd. Alles in allem würde ich sagen, dass Chronos trotz gleichen Freikletter-Graden, nahezu gleich vielen Bolts und vergleichbarem Charakter schon einen Tick anspruchsvoller wie Kairos ist. Sprich, wer zweifelt und hadert, probiert besser zuerst Kairos.

Gut kalkuliert ist halb geklettert - wir wünschen euch viel Spass!

Dank der guten Grundabsicherung mit strategisch platzierten BH ist die Route für mich ohne mobile Sicherungen machbar. Sicherlich sind an diversen Stellen SU-Schlingen, Cams (0.3-2) und/oder Keile für zusätzliche mobile Sicherungen einsetzbar - je nach Können vielleicht eine prüfenswerte Option! Ein paar weitere Planungsgrundlagen: die NW-seitig ausgerichtete Route liegt bis am frühen Nachmittag im Schatten, hat grob von Mai-Oktober Saison und trocknet dank der Wandkletterei über kompakte Wandzonen (für Bockmattli-Verhältnisse) zügig ab. Generell macht's (mir) am Bockli aber am meisten Spass, wenn's so richtig trocken ist und nicht aus jeder Ritze die Feuchtigkeit drückt. Als vorletzter Punkt darf die Namenswahl erklärt werden: während Kairos den günstigen Moment beschreibt, so steht Chronos für die vergehende Zeit und deren Planung. Zusammen mit der grossen Sanduhr in L2 als Symbol dafür gab es hier nur eine logische Wahl. Somit ist alles geklärt: es verbleibt mir wie immer nur, viel Spass zu wünschen! Hier gibt's das Topo als PDF, allez les amateurs! 

Das Topo von Chronos, es ist auch als PDF verfügbar.

Mittwoch, 27. Mai 2026

Bockmattli - Frick an Strick & Billy ze kick (7b)

Im Bockmattli und insbesondere an der Westwand vom Kleinen Turm habe ich schon manch eine Route geklettert. Die Kombination der 1980er-Kreationen Frick an Strick & Billy ze kick (7b) aber bisher nicht. Aufgrund von stark veraltetem Material war sie für eine lange Zeit auch kaum mehr begehbar, bis die Haken vor einigen Jahren ersetzt wurden. Der Sanierer Thomas Götz lobt diese Kombination als die "schönste Tour im Bockli", da schien es fast Pflicht, einmal einen Augenschein zu nehmen. In Begleitung von Julen, einem starken Kletterer aus dem Baskenland, war es an einem Sonntag Anfang Mai soweit.

Der Verlauf der von uns gekletterten Kombi von Echo der Zeit, Frick an Strick und Billy ze kick.

Zu Anfahrt und Zustieg gibt es nicht mehr viel Neues zu erzählen. Wobei doch: die Strasse hinauf zur Schwarzenegg wurde im Herbst 2025 betoniert. Das spielte uns insofern in die Karten, als dass wir nur über ein einziges E-Bike verfügten, welches das Bio-Bike in den Schlepp nahm. Ob das auf dem rauen Schotter von früher funktioniert hätte ist fraglich - nun war es problemlos. Ebenso wie der Weiterweg hinauf zum Einstieg, welchen wir über das Echo der Zeit bestreiten wollten. Um ca. 11.15 Uhr legten wir bei angenehmen Temperaturen los.

L1, 40m, 6a (Echo): Seit der Erstbegehung vom Echo im 2012 hatte ich diese Länge nie mehr geklettert. Es handelt sich um eine spannende Kletterei an strukturiertem Fels, mehrheitlich rechts vom Riss in der Wand, bis zum Stand an der Föhre. Der Schwierigkeitsgrad ist sicherlich eher knapp bemessen (stammt jedoch von Erich Rütsche, welcher diese Länge bereits früher als Baseclimb eingerichtet hatte). Noch logischer als Start für die Kombi wären übrigens die beiden mit 6c+ bewerteten Längen gleich links mit den Namen Obsigent und Pearl Harbor. In Unkenntnis darüber, ob man von deren Stand weiterklettern kann, hatten wir diese Idee verworfen. Mit einer kurzen Querung kommt man aber problemlos ins Echo und kann sich dementsprechend in L1 schon mehr fordern, wenn man möchte.

Nicht grad geschenkt, die erste Länge vom Echo der Zeit (6a).

L2, 20m, Gehgelände (Echo): Kurzer Übergang über die Wiese zum BH-Stand an der nächsten Wandstufe. Diesen Punkt kann man auch von der Kleinen Chäle einquerend erreichen (steiles Gras, T5, je nach Verhältnissen etwas heikel).

L3, 40m, 5c (Echo): Auch diese Seillänge gehört noch zum Echo der Zeit, hier hatte ich die Bolts anno 2012 eigenhändig platziert. Es machte Freude, diese schöne Platte erneut zu klettern. Sicherlich deutlich einfacher wie die erste Länge... Es gilt dann, beim ersten Stand Halt zu machen, jener vom Echo befindet sich noch einige Meter weiter diagonal rechts oben.

Tolle Kletterei über die kompakte Platte in L3 (5c) vom Echo, erst die letzten Meter sind etwas grasig.

L4, 45m, 7a+ (Frick): Die ersten Meter geht's noch gemässigt linksherum los, aber der steile und kompakte Fels folgt bald. Und das Thema dieser Seillänge hat man auch bald einmal gecheckt: es gilt, mit der Nutzung von Untergriffschuppen und -schüppli den Druck auf die Füsse zu bringen, welche auf Reibung in oft relativ schwach strukturiertem Fels antreten. Vereinzelte Löcher und Löchlein sowie ein paar seltene Leisten sorgen für etwas Entlastung. Nach etwas Anplättung folgt dann nach dem ersten Drittel die markante Crux, wo man von (logisch!) Untergriffen auf eine glitschig-schlechte-mickrige Leiste zieht und das Ganze mehr oder weniger trittlos zum nächsten Loch retten muss. Gut abgesichert zwar, aber dennoch zwingend - insgesamt habe ich auf dieser Route drei Umkehrmaillons eingesackt, eines natürlich genau da. Generell werden die Abstände gegen oben hin weiter, wobei sich einzelne schwierige Moves in Hakennähe mit griffigerem Gelände dazwischen abwechseln. Fazit: eine interessante und schöne Länge, auch wenn die Schüppli teils etwas gar fragil wirken und die Löcher teils schmerzhaft sind. Und ohne volle Kanne daran zu dübeln geht's dann garantiert nicht. Früher wurde diese Seillänge sogar nur als UIAA 8 (d.h. 7a) bewertet, mich dünkt auch die bei der Sanierung ausgeworfene 7a+ zu tief, sowas im Bereich 7b/+ scheint mir wesentlich realistischer.

Ab dieser Position folgt in Frick an Strick (7a+) nun die Cruxpassage.

L5, 25m, 6c (Billy): Los geht's ein paar Meter weiter rechts unten auf dem Band, man muss den Stand in einer Mikro-Seillänge dahin verschieben. Die ersten Meter noch relativ einfach zu einer Untergriffschuppe hinauf, nach rechts raus und an Tropflöchern und Schlitzen den Pfeiler hinauf. Coole Moves und auch gut mit BH gesichert, wobei der entscheidende verdammt schwierig zu klippen ist. Mit viel Risiko und auf dem letzten Blatt ging's mir auf, in etwas zugänglicherem Gelände kommt dann auch schon bald einmal der Stand. Gefühlt würde ich diese Länge eher als 7a einstufen.

Tolle Kletterei in kompaktem Tropflochfels in der ersten Länge von Billy ze kick (L5, 6c).

L6, 35m, 7b (Billy): Es geht die überhängende Verschneidung hinauf (welche ja nach Position in der Chälen so richtig wahnwitzig aussieht!). Kurz knifflig, bis man etabliert ist, danach geht's dann streng und anhaltend, aber doch an meist guten Griffen bis zu einem Schüttler, bevor man nach links hinaus in die steile Plattenwand klettert. Glatt antreten, Löchli nutzen und gekonnt nach links retten, die Challenge ist eher technischer Natur als sehr physisch. Es lässt dann auch gleich wieder nach, wobei die Kletterei an vereinzelt guten, aber weit auseinander liegenden Schuppen doch einen guten Plan erfordert, zudem muss auch etwas über die Haken gestiegen werden. Zum Ende kommt man in einen einfachen Kamin, welcher durch eine dicke Föhre abgeschlossen ist. Stand entweder da oder dann 5m weiter links oben an BH im Fels (Seilverlauf nicht so günstig).

In dieser überhängenden Verschneidung startet die zweite Länge von Billy ze kick (L6, 7b).

In der Gegend von 15.15 Uhr und damit nach rund 4:00h Kletterei hatten wir das Top erreicht. Julen hatte L4 souverän geonsighted und war in L6 nur sehr knapp am Gesamtdurchstieg gescheitert. Mir hingegen gingen beide diese Cruxen nicht auf Anhieb, der Rest jedoch auch. Es verblieb noch die Frage, welche der beiden Cruxlängen schwieriger gewesen war. Meiner Meinung nach die erste, d.h. Frick an Strick, aber zu 100% einig wurden wir uns in dieser Frage nicht ganz. Nach einer gemütlichen Pause am Routenende machten wir uns auf den Abstieg: linksherum hinauf zur Westschulter, dann über die Rampe in die Kleine Chälen und durch diese retour zum Einstiegsbereich. Zufrieden mit diesem anregend-anspruchsvollen Sonntagsprogramm machten wir uns auf den Heimweg.

Facts

Bockmattli - Frick an Strick & Billy ze kick 7b (7a obl.) - 6 SL, 200m - M. Scheel 1985; Th. Götz 1989 - ***;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

Interessante und logische Kombination durch die Westwand am Kleinen Bockmattliturm, wo man bis gegen die Mittagszeit Schatten vorfindet. Ob das jetzt die schönste Tour im Bockmattli ist?!? Nach meinem Gusto nicht unbedingt, da bietet z.B. Element of Slime gleich nebenan die deutlich homogenere Challenge mit viel schöneren Schlüssellängen. In der hier beschriebenen Kombi sind die Schwierigkeiten relativ unhomogen und während der Fels von guter Qualität ist, so sind die teils fragil wirkenden Schüppli und scharfen Löcher nicht so mein Ding. Zusammen mit der Trittarmut hat die Kletterei in den schwierigen Seillängen einen harten, brachialen Charakter, welcher so richtig den Geist der 1980er versprüht. Das gilt auch für die Absicherung: zwar ist sie mit nun durchgehend rostfreien BH durchaus als gut zu bezeichnen, einige Passagen (v.a. in Frick an Strick) sind aber zwingend zu meistern und erfordern durchaus Sportsgeist, weil die Art der Kletterei halt einfach psychisch fordernd ist. Objektiv gemessen wäre die Absicherung wohl xxxx, subjektiv empfunden ist sie eher nur xxx. Cams und Keile braucht es nicht, es wäre mit ihnen auch kaum etwas anzufangen. Hier das Topo vom Sanierer Th. Götz, welches es auf den Seite der Yoyo Kletterschule gibt - vielen Dank für die Arbeit!

Topo von Th. Götz / Kletterschule Yoyo. Die im Beitrag beschriebene Kombi ist Nr. 3 (rot).

Dienstag, 10. Februar 2026

Powderhamstern am Fluebrig

Nach langer Zeit hatte es endlich wieder einmal eine Portion Neuschnee gegeben, noch dazu war ein sonniger und kalter Tag angesagt. Mit müden Knochen vom Training und Bouldern passte ein Ausflug in den Schnee bestens ins Programm. Mitunter am meisten der weissen Pracht war im Wägital gefallen, somit wollte ich da mein Glück suchen. Oben wo noch eine Altschnee-Unterlage vorhanden war, rechnete ich mit Top-Verhältnissen. Unten würde es wohl eher prekär. Doch ich hoffte, zumindest einen Teil des Zustiegs mit dem Bike absolvieren zu können.

What a beautiful day in Skitoureneldorado Wägital.

Vor Ort fielen mir dann gleich zwei Dinge auf: a) viele andere Tourengänger waren auf dasselbe Ziel gekommen und b) das Bike konnte ich gleich am Auto montiert belassen, denn auch am See unten hatte es 25cm der Neuschnee gegeben, da war mit dem Zweirad kein Fortkommen. Relativ spontan änderte ich mein Tourenziel dann auf den Fluebrig, das versprach weniger Leute und mehr Sonne, zudem war ich da im Gegensatz zu Rederten/Muttri schon eine Weile nicht mehr unterwegs. Es liess sich gleich fellend aufsteigen, wobei insbesondere in den waldigen Abschnitten schon da um die Steine herumgetreten werden musste. Das rauere Steilstück im Wald ob Schlänggen und die nachfolgende Querung wiesen ebenfalls Schneemangel auf, nachher war es dann aber Wintertraum pur. Einige Tourengänger hatte ich auf dem Weg überholt, doch zwei Dreiergruppen blieben mir bis zum Skidepot voraus und erledigten die Spurarbeit, danke!

Blick auf die Berge östlich vom Wägitalersee. Von links: knapp sichtbar das Bockmattli, dann der breite Schiberg, der dreieckige Plattenberg, das Doppelmassiv mit Brünnelistock und Rossalpelispitz (wo ich im Dezember eine tolle Skitour hatte), sowie der kecke Zindelspitz.

So konnte ich mich bereits darauf fokussieren, die Optimallinie für die erste Abfahrt festzulegen. Man muss ja hier nicht gleich alle Geheimnisse preisgeben, doch wer seine Scheuklappen auf eine Distanz von mehr als 20m von der Aufstiegsspur öffnet, wird ganz viele Möglichkeiten finden. Jedenfalls, es ergab sich eine absolute Traumabfahrt in herrlich fluffigem Powder mit First Line, einfach perfekt. Vor der Querung auf 1430m zog ich meine Felle wieder auf, eine zweite Runde im Gipfelbereich war an diesem Tag unverzichtbar. Das Timing passte perfekt, um bei der noch sonnigen Alp Fluebrig eine Pause einzulegen und mit unseren Skidamen bei deren zweitem Lauf mitzufiebern. Doppelter Podestplatz, da konnte ich mich mit demselben Gerät an den Füssen nicht lumpen lassen und musste auch eine gute Spur in den Schnee zaubern [ok, ich gebe es an dieser Stelle zu: obwohl ich nur wenig TV konsumiere, für den Skirennsport habe ich eine (mir selbst etwas unerklärliche) Faiblesse...].

Einige der vielen schon vor dieser Tour vorhandenen Kratzer auf dem Skibelag sind auf diesem Foto erkennbar. Nachher waren es ganz bestimmt noch etliche mehr. Somit: diese Tour an diesem Tag war nur mit Material zu empfehlen, wo die Kratzer nicht mehr gezählt werden können/müssen.

Eventfrei lief ich wieder hoch in den Gipfelbereich, dieses Mal mit dem Ziel, noch den Turner mitzunehmen. Dort war ich zwar auf meiner Wägital-Rundtour vorbeigekommen, mit den Ski stand ich jedoch noch nie an seinem Top. Doch Project Pending heisst es immer noch: nordseitig kann man da nicht durchgehen, und südseitig war das nur knapp verschneite Gelände mit rutschigem Gras und losen Felsen ohne Steigeisen nicht mit ausreichender Sicherheitsmarge passierbar. Insofern egal, dass ich östlich von P.2058 einen idealen Einstieg in die Nordflanke fand und dort einen perfekten Hang mit einer makellosen Spur drapieren konnte. Ich muss sagen, auf diese Ästhetik von einer ideal ins Gelände gelegten, zackigen Aufstiegsspur und/oder einem perfekten Kurzschwung-Zöpfli gefällt mir schon sehr und liefert neben vielen weiteren Vorteilen auch eine Motivation, in unberührtem Gelände unterwegs zu sein. Wie mir aber scheint, ist es den meisten Tourengängern (heutzutage?) egal, welche Spuren sie zurücklassen. Wohl der Zeitgeist, denn dasselbe kann man auch abseits vom Skitouren über die Menschheit generell sagen. Und wenn wir schon dabei sind: das gedankenlose und oft komplett unnötige Zerfahren der Aufstiegsspur ist eine weitere Untugend, die sich leider immer mehr manifestiert.

Wow!

Nun denn, ich bin in die Gesellschaftskritik abgedriftet, vielleicht als Kontrast zu den absoluten Traumverhältnissen?! Der reale Weckruf aus den Skitouren-Träumen kam dann in der Querung auf 1400m, nach dem dank dünner Altschnee-Unterlage nochmals gut fahrbaren Schlänggen-Hang war dann auf 1150m definitiv fertig mit lustig, den letzten Teil stieg ich dann sogar zu Fuss ab. Himmel und Hölle lautete das Fazit des Tages ganz eindeutig, wobei man abschnittweise den Teufel sogar schon recht heftig mit seiner Gabel an den Ski kratzen spürte. Oder mit anderen Worten: gut dass ich die bereits komplett abgeschriebenen Steinski genommen hatte. Sonst wäre ich am Ende noch auf die Idee gekommen, dass dieser Schneefall nur eine Propaganda-Aktion der Sportgeschäfte und Hersteller für ihre Services und Produkte gewesen wäre.

Facts

Fluebrig ab Au / Allmeindli
1180hm (+650hm) Aufstieg, Ski-Schwierigkeit S-

Freitag, 5. Dezember 2025

Skitour Rossalpelispitz (2075m)

Obwohl die Verhältnisse nicht mehr das Winter-Wonderland der vorigen Woche versprechen, zieht es mich bei Nebel im Flachland und Sonne in der Höhe nochmals auf eine Skitour. Das Interpretieren der Tourenberichte der Vortage ist etwas kryptisch und es ist nicht einfach, daraus eine geeignete Tour herzuleiten. Eines ist sicher, unverspurt muss das Terrain sein, auf einem halbgefrorenen Acker würde man nur minimalen Spassfaktor erleben. Ein Beitrag auf hikr.org über die Durchsteigung der Rossalpelispitz Nordwand weckt mein Interesse, dieses Gemäuer aus der Nähe zu betrachten. Da sich die Anfahrt ins Wägital kurz präsentiert, das Gelände mit allergrösster Wahrscheinlichkeit unbegangen ist und mir auch die Option offen lässt, die Tour vor Ort über Nord- oder Südhänge (zum Plattenberg) verlaufen zu lassen, ist der Plan gemacht.

Brünnelistock, Rossalpelispitz und Zindelspitz mit ihren Nordwänden.

Zuerst wird aber (wie beim letzten Mal vor gut 15 Jahren) gearbeitet, wobei ich dieses Mal schon um Mittag bei Bruch P.922 starte. Über die Alpstrasse geht's hinauf zur Brücke P.1101 vor dem Aberliboden, wo ich mich entschliesse, den Weg via die Hohfläschen-Hütte zu nehmen. So kann ich an der Sonne gehen, Schnee liegt auch am Südhang noch ausreichend und eine Spur von Schiberg-Gängern gibt es obendrein. Ohne besondere Vorkommnisse laufe ich in schönem Ambiente in den Kessel von Hohfläsch, da gibt's die gewünschten Nahblicke auf die Nordwand. Diese steht heute nicht auf dem Menü, doch etwas Alpinismus ist trotzdem nötig, um die Steilstufe hinauf zur Lücke P.1990 zwischen Brünnelistock und Rossalpelispitz zu erklimmen. Eine Portage ist unumgänglich, eine gehörige Prise Exposition und Wühlerei gibt's gratis dazu.

Die Steilstufe hinauf zu P.1990. Ich weiss, ich weiss, auf diesem Foto sieht das ziemlich klein und unspektakulär aus. Die Passage ist auch nicht sehr lang (ca. 20hm), aber steiler wie es auf dem Foto den Anschein macht. Und ein Rutscher führt unweigerlich zu einem Absturz über die darunter liegende Felswand, was tunlichst zu vermeiden ist. Hinten sieht man übrigens auch die sehr steilen, letzten Meter hinauf zum Gipfel des Rossalpelispitz - auch das ist alpines Terrain.

Oben geht's dann erst nochmals mit den Ski weiter (kurz bis 40 Grad steil) bis zum Sattel auf ca. 2040m. Da heisst es Skidepot und obwohl es nur noch ein Katzensprung zum Gipfel ist, kann das noch ein Pièce de Résistance werden. Schon beim letzten Mal war das ein Heiden-Geeier mit griesigem Schnee auf glatten Felsplatten. Heute ist die Konsistenz der Unterlage zwar etwas besser. Hier und da komme ich aber trotzdem auf Steilgras und Gestein durch und es ist schwierig, für Fortschritt zu sorgen. Mit etwas Hartnäckigkeit klappt es aber schliesslich und ich erreiche das Top - im Gegensatz zu damals nun mit Kreuz und Gipfelbuch geschmückt.

Top of Rossalpelispitz - im Gegensatz zum letzten Besuch nun mit einem Kreuz geschmückt.

Der Abstieg geht dann im Nu und bald sind auch die Bretter an den Füssen. In etwas zähem, aber doch gut fahrbarem und vor allem deckelfreiem Pulver schwinge ich in die Tiefe. Die exponierte Steilstufe nehme ich auch an diesem Tag wieder mit den Ski. Zu Fuss wäre es im Abstieg nicht angenehmer oder sicherer - es erfordert aber, dass man seine Bretter richtig im Griff hat. Die folgende Abfahrt den Nordwänden von Rossalpelispitz und Zindelspitz entlang ist dann überraschend schön. Kompakte Unterlage, obenauf noch weich - ob Powder die richtige Bezeichnung ist, sei mal dahingestellt, aber Spass hat's gemacht. Später führt der direkteste Weg ins Tal durch den Aberliwald auf den gleichnamigen Boden hinunter. Für diese 100hm im 35 Grad steilen Gelände mit einigem Fallholz am Boden liegt eindeutig zu wenig Schnee für Fahrspass. Ich komme aber durch, ohne die Bretter je abzuschnallen, zische bald im Oberflächenreif über den Boden und bin wenig später retour an der Strasse. Da kann ich mir gut und gerne auf die Schulter klopfen: da hast du eine richtig gute Tour ausgesucht, Marcel!

Kein super fluffy Pow, aber doch ganz ordeli zum Fahren und erst noch mit Sonne :-)

Facts

Rossalpelispitz ab Bruch P.922
1150hm, Ski-Schwierigkeit weitestgehend ZS
Fussaufstieg in Steilstufe zu P.1990 und Gipfelhang bis zu 50 Grad steil & exponiert
Sichere Lawinenverhältnisse sind Pflicht. Pickel und Steigeisen auf jeden Fall mitführen.

Samstag, 16. August 2025

Bockmattli - Schattenspiel (7c+)

Der Bockmattli Ostturm fristet etwas ein Schattendasein im Lichte seiner beiden westlichen Nachbarn. Dies liegt an verschiedenen Gründen wie der Zugänglichkeit und dem Routenangebot. Immerhin, für die Toptour Gravitation (8b) habe ich es vor rund 10 Jahren einmal in diesen Sektor geschafft. Ebenso steht der Trubadur (7a+) schon seit bald 30 Jahren auf meiner Projektliste. Einmal war ich mit Kathrin in dessen Richtung losgezogen, dann aber mussten wir wegen viel Restschnee in der Zustiegsschlucht auf die Dreimal kurz gelacht (6c) umdisponieren. Nun, auch dieses Mal wurde es eine andere Route: aus der Nähe schien uns das Schattenspiel (7c+) attraktiver, beim Trubadur schienen die Risse sehr grasig zugewachsen und feucht, was kein Klettervergnügen versprach.

Blick auf Trepsenstock, Ostturm und die Ostkante vom Grossen Turm im Bockmattli.

Wie üblich ging's per Bike zur Schwarzenegg, dann aber im Gegensatz zum üblichen Trott nicht Richtung Gross Chälen, sondern auf dem Trepsenweg unter den Türmen durch, welche sich aus dieser Froschperspektive sehr eindrücklich und einschüchternd zeigen. Man zweigt dann besser früher als später vom Wanderweg ab, konkret im Bereich der Schlucht zwischen Ostturm und Grossem Turm. So kann man durchgehend in gerölligem Gelände steigen, während es weiter östlich sehr krautig ist und man morgens dementsprechend durchnässt würde. Das Ziel ist aber schon die Schlucht links vom Ostturm. Von unten sieht es absolutely heinous aus, schon nur den Einstieg zu erreichen. Es löst sich dann aber doch recht gut auf: zuerst überhängend aber noch bodennah durch den Kamin (links 2 BH von beschränktem Nutzen), dann gestuft und zuletzt sehr exponiert aber doch vernünftig gängig in einer Linksschleife zum Einstieg.

Die m.E. beste Variante beim Kamin in der Zustiegsschlucht geht wie hier von mir geklettert direkt.

Achtung: der etwas improvisierte Standplatz am Einstieg (1 BH, 1 gebohrte SU, 2 NH) ist (Stand 2025) in schlechtem Zustand, d.h. der BH vom Steinschlag defekt und das Schlingenmaterial verrottet. Wir bereiteten uns auf die Kletterei vor und stiegen um 9.00 Uhr schliesslich ein.

Defekter Lotterstand am Einstieg, an welchem man auf dem Heimweg zwingend abseilen muss.

L1, 30m, 7a: Vom Ansehen her wirkt der Fels zu Beginn schön löchrig, was sich schliesslich beim Klettern nicht ganz so wie gewünscht manifestiert. Alles fühlt sich ein wenig rund an und es ist steil, so dass man rasch auf Betriebstemperatur kommt. Die Crux folgt dann mittig am vierten BH. Auch dieser war in einem schlechten Zustand: kolossal rostig, er steckt in eher brüchigem Fels, welcher um den Haken schon ausgebrochen ist. Ob der halten würde? Ich zweifle, aber da der BH darunter nicht weit weg ist, kann man es riskieren. Es folgt die Rési-Crux und ein etwas wackliger nächster Klipp, zum Glück blieb die Gurke ungetestet. Zuletzt gilt es noch, eine etwas ausdrehend-unbequeme Verschneidung zu meisten, dann ist Stand.

Recht komplexe und kräftig-ausdauernde Kletterei in L1 (7a). Zudem liefert das Bild einen guten Blick auf den letzten Teil vom Zustieg. Vom Schneefeld am oberen Bildrand geht's über ein paar Stufen in der Rinne hoch, zuletzt dann beim Wechsel vom dunklen zum hellen Gestein in einer Schleife (linksherum in Realität, via rechten Bildrand hier auf dem Foto) zu den Säcken, die am defekten Einstiegs-Standplatz deponiert sind.

L2, 45m, 7a: Es geht gleich steil weiter, auf den ersten paar Metern noch leidlich griffig. Bald zieht's aber an, alles wird sloprig-abschüssig und es heisst, sich gekonnt mit einem weiten Zug in eine stabile Position zu manövrieren. Leider stecken die Haken da etwas kreuz und quer, wer im Bereich der Crux nicht gut verlängert, zahlt später mit Seilzug. Mittig folgt dann einfacheres Gelände (6b), wo man in der Wand nahe einer etwas grasigen Rampe klettert. Zum Schluss hingegen geht's nochmals steil und crimpy neben und an einer kleinen Verschneidung zur Sache, dieser Teil ist etwas staubig und wohl oft auch nass.

Der Schlussabschnitt in L2 (7a) bietet nochmals steile und ausdauernde Kletterei.

L3, 40m, 6b: Auch hier geht's gleich wieder steil los, zum Glück aber gutgriffig. Nach dem Klipp des zweiten BH machte ich dann grosse Augen: wie zur Hölle soll man mit 6b-Moves zum 3m horizontal versetzten dritten kommen? Nach unserer Ansicht ist der zweite Haken ein Verhauer, die Rampe führt untenrum der etwas brüchigen Rampe entlang, so löst es sich gut auf (siehe Foto). Weiter geht's dann athletisch über einige Dächlein hinweg, später schliesslich einem zunehmend grasig werdenden Riss/Rampe entlang, wobei die Kletterei doch recht cool bleibt und nicht unangenehm ist.

Die im Text beschriebene Stelle zu Beginn von L3 (6b) mit dem Verhauer-BH.

L4, 15m, 6c: Kurz aber oho, so lautet das Motto für diesen nach links querenden Abschnitt. Der Beginn ist etwas öttelig, d.h. nicht einfach (auch nicht schwierig), der Fels nicht überzeugend und die Platzierung der BH macht es auch nicht bequem. An einer ersten kompakten Wandzone wartet ein Committing Move, so richtig fordernd ist dann aber das Finish. Da entfernt man sich mit einer Gegendruck-Linksquerung an Unter- und Seitgriffen zünftig vom Haken und riskiert an beiden Seilenden einen unangenehm wirkenden Pendelsturz. Wie schlimm es wäre bleibt zum Glück ungeprüft, somit kann ich nur beruhigen, indem ich schreibe, die Moves lösen sich dann schon besser auf, wie man aufs Erste befürchtet.

Hier am Ende von L4 (6c) heisst es zupacken. Die Schlüsselstelle ist sowohl im Vor- wie auch im Nachstieg anspruchsvoll und zwingend zu klettern. Der drohende Pendelsturz ist nicht unbedingt gefährlich, unangenehm wäre er aber sicher.

L5, 30m, 7c+: It's crux time! Diese Seillänge liegt in ihrer Schwierigkeit deutlich höher wie der Rest. Los geht's erstmal technisch-tricky, es will die beste Lösung erkannt werden (es gibt sie). Weiter führt eine steile und echt coole Sequenz an griffig-strukturiertem Fels bis unter ein Dächlein hoch, wo dann die Crux folgt (7a+/7b bis dahin). Diese besteht aus zwei richtig taffen Moves an miesen Seitgriff-Slopern bei sehr dürftigem Trittangebot, bis die Griffel nach einem weiten Move in ein positives Schüppli versorgt werden können - das Ganze übrigens in sehr luftiger Position. Ich habe nicht sehr lange experimentiert, diesen 2-Mover konnte ich auf die Schnelle aber nicht lösen. Hätte man dies getan, so darf man sich im weiterhin anspruchsvollen Rest einfach nicht mehr abschütteln lassen. Das ist fordernd, denn es ist a) steil-pumpig, b) etwas unübersichtlich und c) auch noch etwas chossy, sprich der Fels ist nicht schön, es gibt Griffe zum Ausreissen und Tritte zum Wegtreten, mit einer sorgfältigen Auswahl geht's aber schon. Der Teil ab der Crux zum Stand ist nochmals als ca. 7a+ einzustufen, im Durchstieg gibt's dann übrigens keinen wirklichen Rastpunkt.

Im Schlussteil der Cruxlänge (L5, 7c+) muss man kräftig dranbleiben. 

L6, 40m, 6c: Auch hier geht's wieder steil los und die Kletterei ist recht fordernd. Das ist nicht so leicht verdaulich, mit dem nötigen Selbstvertrauen und adäquaten Kraftreserven aber doch gut lösbar. Nach ca. 15m legt sich das Gelände dann etwas zurück und man kommt leichter zur Schlusswand, wo an schönem Fels bei einer Mischung von Riss und Wasserrille auf ein Podest an der Kante geklettert werden muss. Zuletzt dann links der Kante zum Stand. Achtung: das ist zwar einfach, aber expo. Man ist da schon sehr weit über dem letzten BH und würde im Sturzfall sicherlich sehr ungünstig im flacheren Gelände darunter an den Fels prallen.

Zu Beginn von L6 (6c) muss man sich doch ganz ordentlich festhalten im Steilgelände.

L7, 45m, 6a: Tja diese letzte Seillänge hat uns auch etwas auf dem falschen Fuss erwischt. Online hatten wir gelesen "evtl. kleine bis mittlere Cams für die letzte Seillänge", im Extrem Ost steht Cams 1 & 2. Wir führten schliesslich 0.3-0.75 mit und wähnten uns mit diesen 4 Pieces gut gerüstet, aber das war nicht der Fall. Die Seillänge beginnt mit einer durchaus noch schönen Plattenpassage, wo nach 3m der erste und einzige BH kommt. Dann die Verschneidung hinauf (Achtung, lose Blöcke/Schuppen), bevor man ca. 12m auf die Schlussplatte aussteigt. Dort geht's noch 25m bei abnehmender Felsqualität hinauf. Klar ist's einfach, aber stecken tut nix, die 4 Cams waren bald einmal ausgeschossen, das Gelände ist unangenehm und ein Sturz absolut zu vermeiden. Immerhin, die Zweifel ob oben überhaupt noch etwas kommt, waren unbegründet. Den Stand mit 2 BH vor dem Übergang zu Wald/Wiese wird man schon finden, denn brauchen tut man ihn ja unbedingt.

Zum Finish in L7 (6a) ein bisschen Scheissgelände mit schlechter Absicherung, insbesondere dann, wenn man nicht ausreichend viele Cams und Keile mitführt. Die Aussicht auf Chöpfenberg, Brüggler und Wageten macht jedenfalls sicher mehr Freude.

Um 14.30 Uhr und somit nach 5:30h in der Wand hatten wir das Top erreicht. Eigentlich gar nicht mal so schlecht, bis auf L5 hatte ich alles os/fl geschafft. Dort hatte ich mit ein paar Pausen bis auf 2 Moves alles klettern können. Ob die 7c+ passt, vermag ich nicht restlos zu beurteilen, geschenkt ist sie jedoch sicherlich nicht. Die restlichen Bewertungen fanden wir hingegen passend. Umgehend machten wir uns auf den Weg in die Tiefe, denn ab 15.30 Uhr waren die ersten Gewitter angekündigt. Das Abseilen funktioniert bei dieser steilen Route an sich problemlos. Allerdings: die Standplätze sind nur mit alten, verrotteten Schlingen verbunden und man fädelt das Seil entweder in antike Schnapper oder dünne, rostige Maillons. Ich würde unbedingt empfehlen, ein paar solide Maillons (rostfrei/Inox) und genügend Seilmaterial mitzubringen, noch besser wäre gleich eine Standplatzsanierung. Zu beachten ist auch, dass man mit 2x50m-Seilen einen separaten Abseilstand nutzen muss (Topo beachten), mit 2x60m wäre dies vermeidbar.

Steile Abseilerei, hier über die Cruxlänge (L5, 7c+). Wie wir uns beim Weg nach Hause gewahr wurden, gäbe es hier zu 98% die Möglichkeit, der harten und von uns nicht in freier Kletterei gemeisterten Schlüsselstelle mit einer Linkstraverse am Dach auszuweichen. Das gäbe womöglich ein homogeneres Ensemble und könnte bei einer allfälligen Sanierung beachtet werden.

Das vorsichtige Abseilen vom Einstieg über das Zustiegsgelände schien trotz dem defekten Stand am Einstieg gegenüber dem freien Abklettern vorteilhaft. So setzten wir das um und setzten wohlbehalten wieder den Fuss auf ebeneres Gelände. Blieb noch der Weg zurück ins Tal, den wir trotz dunkel drohenden Wolken trocken zurücklegen konnten. Es war also alles aufgegangen wie geplant, tiptop!

Facts

Bockmattli / Ostturm - Schattenspiel 7c+ (6c obl.) - 7 SL, 210m - Rütsche/Zanetti 2001 - **;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Cams 0.2-1 & Keile

Eine durchaus interessante Route in schattiger Lage. Sie führt durch steiles Gelände und bietet an ihren Schlüsselstellen steile, ausdauernde Wandkletterei. Der Fels ist dabei meistens von guter Qualität. Einige Stellen sind etwas staubig/belagig, anderswo ist es leicht brüchig und aus fast allen Rissen spriesst üppig das Gras. Die Absicherung ist bei allen schwierigen Stellen eng gehalten, mit 6c obl. sollte man gut durchkommen. Im einfacheren Gelände sind die Abstände weiter und im 6a-Schlussabschnitt steckt sogar nur ein einziger BH zu Beginn. Wer dort hoch will, dem kann ich nur empfehlen, die von mir angegebenen Cams/Keile mitzunehmen. Ebenfalls zu erwähnen ist, dass die Absicherung etwas sanierungsbedürftig wirkt. Die teilweise verzinkten Haken zeigen Korrosion und insbesondere die Standplätze sind (gerade für das Abseilen) schmalbrüstig ausgestattet. Ein Topo und weitere Infos vom Erschliesser findet man auf der Topo-DB, ebenso ist die Route im Extrem Ost beschrieben.

Freitag, 4. Juli 2025

Bockmattli - Skyrace (7b+ oder 6c+ A0)

Beim Skyrace handelt es sich um drei neue Seillängen (6b, 6c, 7a+ oder 6b 1pa), welche im Jahr 2025 am Wandsockel des Kleinen Bockmattliturms eingerichtet wurden. Diese ermöglichen eine sehr attraktive und gut zugängliche Routenkombination direkt an der kühnen NW-Kante des Kleinen Turms. Der Weiterweg über die Himmelskante hinauf zur Westschulter bietet sich absolut an. So ergeben sich 8 genussreiche Seillängen für einen spannenden Klettertag am Schatten. Während zum Freiklettern der beiden kurzen Schlüsselstellen am Dach der Westkante und am Überhang in der Platte darunter Boulder-Kings und -Queens gefragt sind, so können diese kurzen Abschnitte auch mit Hakenhilfe bewältigt werden. So ergibt sich eine genussvolle Möglichkeit im gehobenen Plaisirbereich mit maximaler Freikletterschwierigkeit von 6c+, bzw. 6b obligatorisch. 

Das Topo mit Routenverlauf und allen Infos (gibt's auch im PDF-Format!)

Erschliessung

Die Vision mit dem Skyrace kam wir während meinem Ausflug in die Gumpiroute. Die Idee verschwand nicht mehr aus meinem Kopf und so machte ich mich gute zwei Wochen später am 19.5.2025 auf den Weg, um der Sache an einem sonnigen Frühlingsabend auf den Grund zu gehen. Ein Abseilen über Himmelskante und Prachtsexemplar sollte mir die nötigen Informationen für eine optimale Routenführung liefern. Sehr erfreut nahm ich zur Kenntnis, dass mir die Klettergötter freundlich gesinnt waren und die angedachte Linie realistisch war. Wohlweislich hatte ich die Bohrausrüstung am Wandfuss deponiert und konnte umgehend loslegen. Im Ropesolo schaffte ich gleich noch den wesentlichen Teil von L1 bis über den markanten Überhang hinweg, bevor das Tageslicht erlosch.

Diese Türme müssen einen einfach in den Bann ziehen. Das Skyrace verläuft an der rechten Kante.

Die Fortsetzung wurde dann am heissen Freitag, den 13.6.2025 angepackt. Es hatte sich keine motivierte Begleitung ergeben, und gleichzeitig war ich auch positiv gestimmt, dass die Fortführung des Projekts sich innerhalb meiner Ropesolo-Kragenweite befinden würde. Ein stabil-sonniger Hitzetag war angekündigt, doch ich kalkulierte, die zweieinhalb Seillängen noch am kühlenden Schatten einrichten zu können. Wie sich zeigte, lag ich mit meiner Zeitbudgetierung weit daneben. Klettern, bohren, putzen, abseilen, jümaren, haulen und Material immer wieder neu sortieren nahmen viele Stunden in Anspruch, so dass mich die sengende Sonne irgendwann einholte. Das tat meiner Freude aber keinen Abbruch. Einmal am bequemen und noch teilweise schattigen Biwakplatz unter dem Dach der Westkante angekommen, konnte ich sehr zufrieden bilanzieren: alles war genau nach meinem Gusto aufgegangen. 

Nicht mehr ganz taufrisch, nach dem langen Solo-Bohrtag am 13.6.2025.

Der krönende Schlusspunkt zum Projekt mit der durchgehenden RP-Begehung der gesamten Kombination bis zur Schulter der Westkante erfolgte schliesslich am 2.7.2025 in Begleitung von Kathrin. Wiederum war ein Hitzetag angekündigt, dieses Mal sollte es aber (mehr oder weniger) zum Top reichen, ohne dass wir von der Sonne gegrillt würden. Die ersten beiden Seillängen liefen wie am Schnürchen, bevor die beiden Crux-Sequenzen viel Boulderstrom erforderten. Dieser war glücklicherweise in ausreichendem Mass vorhanden, und so blieb uns noch der Genuss der Himmelskante, welche wir auf den Tag genau 15 Jahre zuvor schon einmal gemeinsam erklettert hatten. Verrückt, wie die Zeit vergeht - die Erinnerungen bleiben aber und ganz sicher wird auch der erfolgreiche Tag im Skyrace einen prominenten Platz in unseren Hirnwindungen einnehmen.

Die Verschneidung am Start von L2 (6c) bei der RP-Begehung.

Zustieg

Vom Wägitalersee entweder zu Fuss oder bequemer per Bike zur Schwarzenegg und weiter auf dem markierten Wanderweg zum Fuss der Bockmattlitürme. Man wählt dabei vorteilhaft den unteren Weg links, nicht den Panoramaweg über den Kamm, welcher zur Kletterhütte Bockmattli führt. Der Einstieg befindet sich direkt bei der NW-Kante des Kleinen Turms, nur wenige Schritte vom Wanderweg entfernt. Von diesem quert man auf Pfadspuren ca. 30m hinüber zur Dole der Wasserfassung, wo sich ein ideales Depot befindet. Ab da geht man 5m nach links, kraxelt über eine 2m-Stufe hoch und findet ca. 10m weiter links den Einstiegsstand mit BH & NH, der Routenname ist angeschrieben (Stand 2025). Hinweis: 8m weiter links befindet sich bei der markanten Tanne der Start vom Prachtsexemplar. Zeit vom See zu Fuss ca. 60-75 Minuten, mit Bike ca. 30 Minuten schneller.

Per Bike unterwegs zum Bockmattli, welches sich direkt unterhalb der Sonne befindet.

Routenbeschreibung

Bockmattli/Kleiner Turm - Skyrace 7b+ (6b obl.) - Total 8 SL, 240m - M. Dettling 2025
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

L1, 45m, 6b: Dieser Abschnitt startet mit plattiger Wandkletterei an kleinen Crimps und Schüppli, aber das Gelände steilt sich immer mehr auf. Die Griffe werden aber auch besser. An wasserzerfressenem Fels findet man viele Seit- und Untergriffe, dann und wann auch kernige Henkel. Die Crux wartet am überhängenden Wulst, man lasse sich nicht abschütteln. Wenn dies gelingt, dann steigt man ungerupft auf den Pfeilerkopf aus. Von dort führt einfacheres, plattiges Gelände zum Stand.

Marcel packt gerade den steilen Wulst in L1 (6b) mit der Crux an.

L2, 35m, 6c: Steil und imposant geht's los in die Verschneidung hinein. Hier wurde nicht der klassische Weg gewählt, aus modernen Gesichtspunkten ist es definitiv attraktiver (und nicht verifiziert: auch einfacher), gleich wieder nach links über die Seitenwand auszubüxen. Dem Pfeiler und einigen Rissspuren entlang geht's in die Höhe. Nach einem Querband zieht's mit ein paar Bucchi di Céüse an, kulminieren tut die Sache in einem kniffligen Ausstieg in einem seichten Winkel.

Da hat Kathrin die Crux in L2 (6c) eben hinter sich. Eine durchaus etwas knifflige Sache!

L3, 25m, 7a+ oder 6b 1pa:  Grasig-einfach geht's ein paar Meter hinauf zum Plattenschild unter dem Dach. Wobei, "Platte" ist da die falsche Bezeichnung. Die Challenge und Crux dieser Länge besteht darin, aus der überhängenden Nische so richtig athletisch vom Boden abzuheben. Ein Power-Boulder erster Güte: ich meine, er ist auf ca. Fb 6B+/6C einzuschätzen. Falls nötig, geht's mit einer Trittschlinge auch mit 1pa und weil man nach gut 1 Körperlänge Kletterei wieder gute Griffe in der Hand hat, wird so nicht mehr als 6b verlangt. 

Bockmattli-Vibes während Kathrin die schöne Platte nach dem Boulder-Auftakt in L3 (7a+) klettert.

L4, 15m, 7b+ oder 6a A0: Dieser dachartige Überhang gehört zur Westkante. Wurde früher an Schlaghaken "geleiterlet", so erlauben heute eng steckende BH die freie Passage oder den leidlich bequemen Textilgriff. Wer genügend stark ist, kann das vielleicht sogar im Campus-Style erledigen? Für meine Disposition kommt das nicht in Frage. So sind nicht nur die Anforderungen an die Athletik hoch, sondern es gilt technisch geschickt die Füsse mal hier und mal da zu platzieren und mehr oder weniger alle gummierten Zonen der Kletterfinken einmal auf die eine oder andere Art an den Fels zu pressen, damit die freie Passage möglich wird. Meine Einschätzung: es ist eine echt geniale Bouldersequenz, welche bei ca. Fb 6C+/7A eincheckt.

Los geht's! Entschlossenheit, eine gute Sequenz und Power sind nötig für das Dach in L4 (7b+).

L5, 25m, 6a: Aus Dach mach gemütlich: hier, in der ersten Seillänge der Himmelskante, bewegt man sich wieder mehr auf den Füssen. Geschenkt ist aber trotz dem tiefen Grad gar nichts. Einige vertikale Kanten bzw. Rissspuren entpuppen sich als nicht so griffig und positive Tritte sind auch Mangelware, so dass man doch die grauen Zellen anstrengen muss, um eine funktionierende Sequenz zu finden. Erst zuletzt dann einfacher in kurz nicht ganz so bombigen Fels zum Stand an Irniger-Platte vor dem steilen Kantenteil. 

Im ersten Teil von L5 (6a) fühlt sich nicht jeder Meter gleich der vergebenen Schwierigkeit an.

L6, 20m, 6c: Die zweite Seillänge der Himmelskante pfeift direkt an der Ecke kühn in den Himmel. Formidabler Fels und tolle Moves warten. Kräftig, trickreich und anhaltend muss stets nach der optimalen Lösung gesucht werden. Und wenn sich diese nicht gleich offeriert, dann beginnt womöglich die Ausdaueruhr zu ticken. Erst zuletzt geht's dann an zwei kernigen Henkeln nach rechts in die Wand hinaus zu einem unbequemen Stand, welchen man aber zur Vermeidung von Seilzug zwingend nutzen muss.

Anhaltend, elegante und immer spannende Kletterei direkt an der (Himmels)kante in L6 (6c). 

L7, 25m, 6c+/7a: Hier haben wir es mit der dritten Seillänge der Himmelskante, der nominellen Crux zu tun. Diese offenbart sich gleich im steilen und kompakten Wandabschnitt oberhalb vom Standplatz. Es gilt einen abgefahrenen technischen Boulder zu bewältigen, dessen Lösung aber trotzdem recht gut erahnt werden kann. Hat man sich dann wieder an der Kante links etabliert, heisst es über 2-3 Haken an Untergriffen noch etwas dranzubleiben, bevor die Schwierigkeiten nachlassen. Über graduell einfacheres Gelände erreicht man den Stand direkt an der Kante, alternativ kann man auch 5m weiter nach links zum BH-Stand vom Prachtsexemplar weiter.

In L7 (6c+/7a) kommt die Crux gleich zu Beginn, danach lässt's mehr und mehr nach.

L8, 50m 5c: Wer noch eine gemütliche Seillänge zum Ausklettern machen, den bequemen Rastplatz auf der Westschulter erreichen und zu Fuss absteigen möchte, wählt idealerweise das letzte Teilstück vom Prachtsexemplar. Dieses bietet vergnügliche Kletterei an guten Griffen, die Crux befindet sich mittig bei einem steileren Abschnitt. Achtung, 50m-Seile sind vom Stand der Himmelskante knapp: entweder wie bei L7 schon erwähnt den Stand vom Prachtsexemplar nutzen, alternativ kann der/die Seilzweite auch die ersten paar Meter nachfolgen (einfaches Gehgelände). 

Geschafft! Die letzte Seillänge (L8, 5c) bietet ein gemütliches Ausklettern.

Abstieg

Vom letzten Stand noch ca. 20m hochsteigen auf die bequeme Fläche der Westschulter. Von dort kann man bequem in 15 Minuten zu Fuss absteigen. Auf deutlichen Wegspuren geht's südseitig über das Schrägband in die Kleine Chälen und dann durch diese hinunter. Das Abseilen mit 2x50m funktioniert auch gut. Von L8 kann man entweder direkt über das Prachtsexemplar abseilen (siehe Topo), oder auch zurück zu Stand 7 und dann über die gekletterte Route (S8 -> S7 -> S5 -> S2 -> S1 -> Einstieg). 

Der Abstieg über das Schrägband in die Klein Chälen, die Wegspur ist gut sichtbar.

Planungsgrundlagen, Absicherung & Topo

Die ersten 3, von mir neu erschlossenen Skyrace-Seillängen sind sehr gut mit rostfreien Bohrhaken und Raumer-Kettenständen abgesichert (Niveau xxxx). Im Dach der Westkante stecken die BH im 50cm-Abstand. Die Himmelskante wurde 1995 und 2004 von Benno Kälin mit rostfreien BH saniert. Während die Sicherungen im einfachen Gelände (L5, zweiter Teil von L7) nicht so dicht präsent sind, gibt es im Hauptteil eine enge Absicherung (Niveau xxxx-xxxxx). Zwingend schwierige Stellen kommen meines Erachtens nirgends vor, mehr als 6b ist kaum obligatorisch zu meistern. Wer möchte, kann hier und da sicherlich noch eine mobile Sicherung unterbringen. Aus meiner Optik ist dies jedoch nicht nötig und deshalb lautet meine Empfehlung, Cams und Keile daheim zu lassen. 

Unzweifelhaft, hier geht's los - auch wenn die Farbe dereinst verblasst sein sollte.

Die NW-seitig ausgerichtete Route liegt auch im Hochsommer bis am frühen Nachmittag am Schatten. Der obere Teil der Himmelskante erhält ab ca. 13.00 Uhr die erste Einstrahlung. Somit besteht eine mögliche Strategie darin, an heissen Tagen früh einzusteigen. Dank einfachem Zugang, moderater Länge, guter Rückzugsmöglichkeit und der Schutz bietenden Kletterhütte lässt sich möglicherweise auch an gewittrigen Tagen noch ein Punkt holen. Wichtig ist da eher, dass es am Vorabend nicht intensiv geregnet hat. Generell sind die Verhältnisse am Bockmattli besser, wenn es nicht unmittelbar zuvor sehr feucht war. Für lokale Verhältnisse ist das Skyrace aber schnell trocken und kletterbar. Eine von mir gerne gewählte Strategie fürs Bockmattli besteht an nicht ganz so heissen Tagen darin, erst Mitte Nachmittag einzusteigen und bis spätabends im goldenen Licht der Sonne zu klettern, man geniesst in diesem Fall ein fantastisches Ambiente mit Blick auf den leuchtenden Zürisee. Zum Ende interessieren sich bestimmt alle brennend für das Topo der Route - gerne, hier ist es!

Klettern am Bockmattli, immer wieder ein grosser Genuss!

Als Endpunkt noch ein Disclaimer für all jene, die oben nicht genau gelesen haben: neu am Skyrace sind drei komplett eigenständige, von mir im 2025 erschlossene Seillängen unter das Dach der Westkante. Der Weiterweg ist absolut logisch und bezieht wie in Bericht und Topo dargestellt Seillängen der Westkante, der Himmelskante und vom Prachtsexemplar mit ein. Es stellt sich natürlich die Frage, welcher Name für das Ensemble der treffendste ist: Himmelskante, Skyrace oder eine traditionell inspirierte Neukonstruktion à la Direkte NW-Kante?!? Ich habe keine starke Meinung dazu und kann mit jeder Option gut leben. Im Sinne der Transparenz sei an dieser Stelle erwähnt, dass sich die Erschliesser im Fall des 2015 eingerichteten Direkteinstiegs zum Element of Slime gewünscht haben, den ursprünglichen Namen für die neue Version beizubehalten. Im vorliegenden Case erhielt ich jedoch keine Rückmeldung in dieser Hinsicht. Dementsprechend bleibt mir keine andere Option, als einen neuen Namen zu wählen. Ohne das explizite Einverständnis scheint es mir nicht legitim, die etablierte Route Himmelskante neu zu definieren.