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Donnerstag, 3. September 2015

Chli Bielenhorn - Sacremotion (7a)

Noch nicht oft war ich bisher am Chli Bielenhorn zu Gange, obwohl es sich dabei in Sachen Granitklettern um einen der besten Spots in der Schweiz handelt. Einerseits lässt eben das raue Klima am Furkapass das Klettern nur an richtig schönen und warmen Tagen zu. Andererseits sind dann aber die dortigen Routen mit ihren 3-8 Seillängen wiederum eher kurz für wettersichere Hochdrucktage. Insgesamt ist das Chli Bielenhorn bestimmt ein ideales Ziel für Spätsommer und Herbst. Nun denn, auch wenn es erst Ende August war, für dieses Mal passte eine Route am Chli Bielenhorn perfekt ins Schema. Eine offensichtliche Wahl ist die im zentralen Wandbereich angesiedelte Sacremotion der Remy-Brüder, im Extrem Ost mit der Höchstnote von 5 Sternen ausgezeichnet.

Das Chli Bielenhorn am Furkapass. Unsere Route Sacremotion führt wenig rechts der Gipfefallinie hinauf...
Im Vorfeld fragte ich mich durchaus, ob es denn Ende August bei Maximaltemperaturen von 30 Grad im Flachland nicht etwa zu warm wäre, um an der auf 2700m gelegenen Südwand zu klettern.  Da die Route aber sonst so perfekt ins restliche Anforderungsprofil passte, entschieden wir uns trotzdem für einen Versuch. Und dies völlig zu Recht: den ganzen Tag konnte man genussreich in Shorts und T-Shirt klettern, es war nie drückend oder lähmend heiss. Dazu der wolkenlose Himmel, der weite Ausblicke ins Gotthardgebiet zuliess, ein absoluter Traumtag! Auch wenn sich an einem solchen Tag natürlich höhere Ziele hätten realisieren lassen oder man auch in einer Nordwand hätte antreten können, so bin ich doch sehr froh, die Sacremotion nicht bei marginalen Wetterbedingungen zähneklappernd oder mit benebeltem Ausblick geklettert zu haben.

...und zwar genau hier. Mit oranger Farbe sind übrigens die Irniger-Stände der sehr praktischen 2x60m-Abseilpiste markiert.
Bei der elterntypisch eher späten Anreise hatten wir uns die begehrten Strassen der Alpentransversale bereits mit etlichen anderen Verkehrsteilnehmern zu teilen - vor allem auch mit den Radsportlern des Alpenbrevets. So an einem Tag rasch 5 Pässe, 276km und über 7000hm klopfen, da sind wir Kletterer doch richtige Schöggeler dagegen. So wurde es schliesslich nach 11.00 Uhr, bis wir bei Sidelenbach P.2280 aufbruchbereit waren. Von dort folgt man dem Weg in Richtung Sidelenhütte bis auf 2470m. Unmittelbar dort, wo der offizielle Weg wieder nach links über den Bach quert, geht rechts eine gute Steigspur ab, welche einen direkt unter die Wände des Chli Bielenhorn führt. Nach rund 45 Gehminuten trafen wir am Einstieg ein. Es herrschte ziemlich Betrieb, u.a. waren in RoRu, Perrenoud und Psychides Seilschaften engagiert und auch in der Sacremotion war bereits ein Team am Werk. Wir gönnten uns eine kurze Pause und stiegen wenige Minuten nach 12.15 Uhr ebenfalls ein.

L1, 40m, 6c: Man quert von links her ein, und gleich geht's los mit einem kniffligen Schritt am noch seichten Riss. Entschlossen will eine Untergriffschuppe gepackt werden, dann darf man nicht rumtämpelen, sondern muss gleich den abschüssigen Tritten vertrauen und im Piaz durchziehen. Nach etwa 10m lässt es etwas nach, eine Rechtsquerung an guten Griffen folgt. Der zweite Teil der Seillänge bietet dann sehr schöne Splitter Cracks und ist etwas einfacher (ca. 6b), hier muss man zwischen den Bolts auch noch 1-2 Sicherungen selber platzieren.

Herausragend schöne Granit-Risskletterei in L1 (6c).
L2, 35m, 7a: Nach ein paar einfachen Metern auf den Pfeiler hoch und dann folgt gleich die Crux, eine 2m-Linksquerung ohne viel Struktur. Mich hat es ziemlich an die Crux vom Prachtsexemplar erinnert. Ganz ausgestreckt lässt sich zwar links aussen ein Griff fassen, die Position aber wieder aufzulösen ist das Problem, auch wenn man gross ist. Irgendwie halb kontrolliert mache ich das, gehen tut's trotzdem. Ist man einmal drüben, so kämpft man erst auch noch in der etwas trittarmen Verschneidung. Bald geht's aber besser dahin, bis es zum Ende der Seillänge nochmals steiler wird und eine knifflige Stelle an einem dünner und dünner werdenden Riss wartet.

Ein bisschen einfacheres Gelände im Mittelteil von L2 (7a), die schwersten Stellen sind am Anfang und am Schluss.
L3, 25m, 6b: Erst wird links vom Pfeiler geklettert (dabei aber nicht in die Krampfader abdriften!), um diesen dann nach 7m nach rechts zu queren (BH). Auf der Ostseite dann eine lustige Hangelquerung an kleinen Leisten - wie daheim am Griffbrett. Als nächstes dann eine steile Piazverschneidung, bevor es neuerlich rechts um die Ecke an einem stehenden Obelisken vorbei, bzw. über einen liegendes Exemplar hinweggeht. Nachdem die vorangehende Seilschaft den engen und sehr unbequemen Stand 10m höher oben in der Verschneidung noch beansprucht, mache ich am Obelisken (plus BH) Stand - sehr zu empfehlen, auch wenn der richtig Stand frei ist!

Der steile Piazriss von L3 (6b). Es ist wie immer, dran glauben, durchziehen und nicht zögern, dann geht's.
L4, 45m, 6c+: In sehr schöner und abwechslungsreicher Turnerei geht es nun die steile Verschneidung hinauf, dabei wird es stets etwas anspruchsvoller. Die Risse haben angenehm scharfe Kanten, so lässt es sich gut piazen, dazwischen sind auch noch 2-3 Sicherungen selber anzubringen. Als Schlussbouquet geht's dann links um die Ecke herum auf die goldene Reibungsplatte. Früher steckten hier nur 2 BH und man sprach von einer 7a+. Im Zuge der Nachrüstung im Jahr 2007 sind dann 2 weitere BH nachgewachsen, seither klettert sich die Stelle bestimmt entspannnter und wird nur noch als 6c+ gehandelt... während man sich im ersten Teil der Platte noch an ein paar Leisten bedient, sucht man im zweiten Teil entschieden den griffigen Riss links aussen. Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass ich im Granit auch schon schwerere 6b's geklettert habe, aber zu fest wollen wir die Bewertung dann auch nicht dumpen.

Die Platte am Ende von L4 (6c+) stellt die Crux dieser Länge dar. Seit der Sanierung nun gut abgesichert.
L5, 40m, 6a: In einem leichten Linksbogen geht's den zahlreich steckenden BH entlang, mich dünkte die Linie dabei etwas unlogisch. Auf jeden Fall ertappte ich mich prompt dabei, gerade hinauf den Rissen entlang klettern und absichern zu wollen wie ich mir Gewahr wurde, dass ich links prompt schon zwei Bohrhaken übersehen hatte. So können hier die Klemmgeräte komplett am Gurt bleiben.

Gemütliche und vergnügliche Kletterei in L5 (6a).
L6, 40m, 6a: Gerade hinauf entlang von steilen, aber gutgriffigen Rissspuren. Wirklich kurzweilige Kletterei, am Schluss dann auch etwas weiter gesichert, Klemmgeräte braucht's aber trotzdem nicht unbedingt. Der Stand dann gemeinsam mit der Perrenoud auf einer grossen, sandigen Terrasse.

Kurzweilige, lässige und nun wieder steilere Risskletterei in L6 (6a).
L7, 40m, 6a: Es geht nach links auf ein Podest hinauf um die Kante. Ich fummle wieder einmal nach einem passenden Cam, vom Standplatz kommt erneut der Hinweis, dass ich stattdessen auch bequem den BH bei meiner linken Schulter klippen könne. Ja mei, in einer Remy-6a erwartet der Autor eben nicht so viele Bolts... Am danach folgenden, steilen Piazriss muss man dann hingegen für 6a nochmals richtig entschlossen "wollen". Danach ein paar einfache Meter, den v-förmigen Kamin links ansteuern, diesen hoch und rechts um die Ecke zum Ausstiegsstand.

Zum Schluss kommen noch ein paar alpine Klemmtechniken zum Einsatz. Ende der Route - L7 (6a).
Es ist inzwischen 16.45 Uhr, die vergnügliche Kletterei hatte uns während 4:30 Stunden bestens unterhalten, mich persönlich jedoch nicht wirklich an die Grenze gebracht. So konnte ich eine komplette Flash-Begehung realisieren, sicherlich ein Indiz dafür, dass die Bewertungen hier für Granit-, Remy- und 1989er-Verhältnisse für einmal recht grosszügig ausgefallen sind. Wenn man das jetzt z.B. mit der ähnlich bewerteten Lancelot an den Wendenstöcken vergleicht... andere Welt. Nachdem uns schon auf der ganzen Route sehr bequeme Standplätze immer wieder die Tief- und Rundblicke hatten geniessen lassen, verweilen wir nicht mehr lange am Top und fädeln die Seile. Wie auf anderen Internet-Seiten schon zu lesen ist, sind hier 2x60m-Seile äusserst praktisch. So erreicht man in 4 praktisch pfeifengraden Strecken mit minimaler Verhängergefahr wieder den Boden. Benutzt werden dabei ausschliesslich routenunabhängige Irniger-Stände, siehe Topo. Mit 50m-Stricken geht das hingegen nicht so einfach, da sind dann tatsächlich 7 Abseilmanöver fällig. So sind wir nach nur 20 Minuten wieder am Einstieg. Rasch heim zu den Kindern lautet die Devise, so machen wir uns umgehend an den Rückmarsch, froh darüber einen solch tollen Tag in den Bergen genossen zu haben.

Team in der benachbarten Psychides (7a+), gemäss Hans' Bericht auch eine schöne Route.

Facts

Chli Bielenhorn - Sacremotion 7a (6b obl.) - 7 SL, 265m - C. & Y. Remy 1989 - ****;xxxx
Material: 12 Express, Camalots 0.3-2, 2x60m-Seile zum Abseilen empfehlenswert

Sehr schöne Route in einem sauberen, orangefarbenen Granit. Geboten werden einem abwechslungsreiche Moves mit ein paar Wandstellen, einigen Splitter Cracks zum Jammen und vielfach Piazkletterei an griffigen Rissen und Verschneidungen. Die Route ist sehr gut mit Bohrhaken ausgerüstet, nicht alle davon wären neben gut selber abzusichernden Rissen zwingend nötig, manche sind dann aber doch +/- unverzichtbar. So sind nur vereinzelt Klemmgeräte zur Ergänzung zu platzieren, kühne Kletterer könnten sogar ganz ohne solche Gerätschaften auskommen. Ich persönlich empfand ein Set Camalots von 0.3-2 als gut ausreichend, Keile und insbesondere den Camalot 4 wie im Bericht auf Camptocamp angegeben fand ich definitiv unnötig. Die Bewertungen sind nach meinem Empfinden für eine Granitroute aus dieser Generation überraschend gutmütig ausgefallen, passt aber schon ;-) Für das Prädikat Weltklasse und damit eine 5-Sterne-Bewertung ist mir die Route etwas zu kurz und einfach zu wenig aussergewöhnlich. Trotzdem handelt es sich natürlich um eine sehr lohnende Unternehmung.

Topo

Ein Topo und weitere Informationen findet man z.B. im Extrem Ost, oder auch im SAC-Führer Urner Alpen 2. Die hier abgebildete Topo-Skizze von Paolo & Sonja ist exzellent und gibt den Routenverlauf exakt wieder. Ich habe zusätzlich noch die Position der Abseilstände eingefügt.

Topo von paolo-sonja.net. Route 1 = Sacremotion, Route 2 = Psychides

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