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Freitag, 15. April 2016

Eisschlag in der Eiger-Westflanke

Der Hängegletscher in der Eiger-Westflanke: wer schon einmal da war, hat sicher (oder zumindest hoffentlich) mit leicht ungutem Gefühl dort hinauf geschaut. Und das nicht etwa zu unrecht, wirft der doch regelmässig kleine oder grössere Bröcklein in die Tiefe. Daher steht er einerseits unter ständiger Beobachtung, andererseits ist der Weg durch die Westflanke offiziell gesperrt. Dies ist ein Faktor, wenn es um den Abstieg vom Klettersteig Rotstock geht, um den Zustieg zu den Kletterrouten am Genfer Pfeiler wie Freakonomics und Deep Blue Sea, sowie vor allem für die Skitour und natürlich auch den Auf- und Abstieg zu Fuss durch die Westflanke.

Unterwegs auf dem Sommer-Normalweg durch die Eiger-Westflanke, welche gleichzeitig Zu- und Abstieg für alle Kletterrouten am Genfer Pfeiler darstellt, für die Base Jumper der Aufstieg zum Pilz und für die Klettersteigler der Abstieg vom Eisenweg zum Rotstock. Wenn massiv Eis abbricht, so ist man hier genau in der Schusslinie. Im Aufstieg ist man ca. 40 Minuten im Gefahrenbereich, im Abstieg ca. 20 Minuten. In Originalauflösung ist übrigens auch noch mein Kollege Adrian am Gleitschirm sichtbar, der hier per Zufall während unserem Abstieg von der Deep Blue Sea den Eigergipfel überhöhen konnte.
Diese Woche hat sich nun ein etwas grösserer Abbruch von rund 2000 Kubikmeter ereignet (siehe Pressebericht). Im Vergleich zur gesamten Eismasse von 80'000 Kubikmeter, die als absturzgefährdet gilt, war der aktuelle Abbruch jedoch nur ein Klacks. Dennoch, die Bilder und Folgen dieser Eislawine sind sehr eindrücklich und potenziell katastrophal. Dieses Mal kam zwar niemand zu Schaden. Andererseits, hätten sich Personen in der Flanke befunden, so hätte es wohl kaum ein Entrinnen gegeben. Das sollte einem für alpine Aktivitäten in der Westflanke schon zu denken geben, denn es ist noch viel Eis oben und wann es das nächste Mal kommt, ist offen. Meine Gedanken dazu:

  • Bei der Skitour durch die Westflanke steigt man direkt durch das Couloir unter dem Hängegletscher auf und fährt auch wieder dort ab, hält sich also sehr lange im Bereich der grössten Gefährung auf. Ich persönlich habe aus genau diesem Grund bis dato auf diese Tour verzichtet und werde es auch in Zukunft so halten. Darüber hinaus sind leider auf dieser Tour auch regelmässig tödliche Unfälle durch Abstürze zu verzeichnen. Die Fahrerei ist wegen verdeckten Steinen in der Gipfelflanke denn auch heikel.
  • Der "Sommerweg" für Auf- und Abstieg durch die Westflanke ist vor allem im unteren Teil bis etwa 100hm über den Rotstock gefährdet und deshalb offiziell gesperrt. Im oberen Teil besteht keine Gefahr durch den Hängegletscher. Bei zügigem Aufstieg hält man sich ca. 40 Minuten im Gefahrenbereich auf, im Abstieg ca. 20 Minuten. Bei einem kleineren Abbruch findet man vermutlich etwas Deckung, geht der Hängegletscher aber massiv (mit starker Druckwelle!) ab, so wird es definitiv kritisch.
  • Die obigen Bemerkungen gelten auch für den Zustieg zu den Kletterrouten am Genfer Pfeiler, welcher über den Sommerweg durch die Westflanke verläuft. Ein gewisses objektives Gefahrenpotenzial ist da nicht wegzudiskutieren. Es kann minimiert werden, indem man über den Klettersteig Rotstock auf- und absteigt. Sodann sind es vom Ausstieg des Klettersteigs nur ein paar wenige Minuten, wo man sich in der Gefahrenzone aufhält. Der Weg über den Klettersteig ist nicht uninteressant, braucht aber in beiden Richtungen sicher deutlich mehr Zeit (ca. eine halbe Stunde pro Weg, würde ich schätzen).
  • Beim Abstieg von einer Eigernordwand-Durchsteigung im Winter wählt man in aller Regel auch die Skiroute, welche ins Couloir direkt unter dem Hängegletscher führt. Dies ist deutlich einfacher und schneller wie der (Sommer-)Normalweg durch die Westflanke. Wahrscheinlich werden die meisten (verständlicherweise) bei dieser Variante bleiben, auch wenn man sich dabei 1-1.5h sehr stark der Eisschlaggefahr aussetzt.
Übersichtsbild der Westflanke, das die Situation noch etwas verdeutlicht. Der untere Teil, dem Eisschlag exponierte Teil zum Rotstock ist hier nur schlecht einsehbar. Aber von diesem und dessen Exponiertheit gibt das obere Bild einen repräsentativen Eindruck.

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