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Mittwoch, 25. Oktober 2017

Gammelschlingen

Sie sind berühmt und eigentlich noch viel mehr berüchtigt: die Sanduhrschlingen an den Wendenstöcken. In der frühen Erschliessungsgeschichte scheuten die Erstbegeher keinen Aufwand, um eine natürliche Sanduhr auszugraben oder setzten gleich den Bohrer an, um den fehlenden Durchbruch künstlich zu schaffen. All diesen Sicherungspunkten ist gemein, dass man zwingend auf die fix montierten Schlingen angewiesen ist. Sofern man beim Klettern (wie üblich) nur gerade eine Hand frei hat, ist kaum für Ersatz zu sorgen. So kommt es denn immer wieder vor, dass man den nächsten Runout über einer zumindest verblichen-spröden Schlinge angeht, sofern sie nicht bereits schon zerfetzt und zu einzelnen Fäden aufgelöst ist. Gerade letzthin hatte ich im Torwächter (hier der Bericht) einige fixe Schlingen ersetzt und die alten selbstverständlich nach Hause genommen.

Von den Wendenstöcken mitgenommene Gammelschlinge. Aber sie ward nicht kaputtzustürzen...
Nun wollte ich im Klettergarten prüfen, ob diese einer Sturzbelastung noch gewachsen sind. Die erste Schwierigkeit bestand bereits darin, die Schlinge wieder zu Knoten. Das Textil ist dermassen steif und spröde, dass sich der Knoten augenscheinlich gar nicht richtig anziehen lässt. Die einzige Möglichkeit zur Verbindung war übrigens der Bandschlingenknoten, alles andere wäre illusorisch gewesen. So montierte ich das gute Stück dann im Klettergarten, mit einer etwas längeren Schlinge hintersichert. Von so weit darüber wie ich mich eben traute und es mir nicht ein unnötiges Risiko schien (Füsse ca. 1-1.5m über dem Haken) schepperte ich dann 5x hintereinander mit vollem Karacho in die Schlinge - es tat sich einfach rein gar nichts. Der Mantel von diesem ~10mm dicken, alten Kletterseil war zwar inzwischen auf längerer Strecke komplett zerstört, die Kernfäden waren aber alle intakt. Ich hätte wohl noch einen ganzen Nachmittag lang in die Schlinge stürzen können und sie wäre nicht zerrissen. Fazit: aus einer einzelnen Beobachtung allgemeine Schlüsse zu ziehen, ist immer schwierig. Es scheint mir aber, dass die alten Gammelschlingen doch widerstandsfähiger sind, wie ich befürchtet hatte. Ob ich deswegen den nächsten Wenden-Runout nun mit einem viel besseren Gefühl in der Magengrube angehen werde?!? Hmm, da bin ich dann doch nicht so sicher...

Freitag, 15. April 2016

Eisschlag in der Eiger-Westflanke

Der Hängegletscher in der Eiger-Westflanke: wer schon einmal da war, hat sicher (oder zumindest hoffentlich) mit leicht ungutem Gefühl dort hinauf geschaut. Und das nicht etwa zu unrecht, wirft der doch regelmässig kleine oder grössere Bröcklein in die Tiefe. Daher steht er einerseits unter ständiger Beobachtung, andererseits ist der Weg durch die Westflanke offiziell gesperrt. Dies ist ein Faktor, wenn es um den Abstieg vom Klettersteig Rotstock geht, um den Zustieg zu den Kletterrouten am Genfer Pfeiler wie Freakonomics und Deep Blue Sea, sowie vor allem für die Skitour und natürlich auch den Auf- und Abstieg zu Fuss durch die Westflanke.

Unterwegs auf dem Sommer-Normalweg durch die Eiger-Westflanke, welche gleichzeitig Zu- und Abstieg für alle Kletterrouten am Genfer Pfeiler darstellt, für die Base Jumper der Aufstieg zum Pilz und für die Klettersteigler der Abstieg vom Eisenweg zum Rotstock. Wenn massiv Eis abbricht, so ist man hier genau in der Schusslinie. Im Aufstieg ist man ca. 40 Minuten im Gefahrenbereich, im Abstieg ca. 20 Minuten. In Originalauflösung ist übrigens auch noch mein Kollege Adrian am Gleitschirm sichtbar, der hier per Zufall während unserem Abstieg von der Deep Blue Sea den Eigergipfel überhöhen konnte.
Diese Woche hat sich nun ein etwas grösserer Abbruch von rund 2000 Kubikmeter ereignet (siehe Pressebericht). Im Vergleich zur gesamten Eismasse von 80'000 Kubikmeter, die als absturzgefährdet gilt, war der aktuelle Abbruch jedoch nur ein Klacks. Dennoch, die Bilder und Folgen dieser Eislawine sind sehr eindrücklich und potenziell katastrophal. Dieses Mal kam zwar niemand zu Schaden. Andererseits, hätten sich Personen in der Flanke befunden, so hätte es wohl kaum ein Entrinnen gegeben. Das sollte einem für alpine Aktivitäten in der Westflanke schon zu denken geben, denn es ist noch viel Eis oben und wann es das nächste Mal kommt, ist offen. Meine Gedanken dazu:

  • Bei der Skitour durch die Westflanke steigt man direkt durch das Couloir unter dem Hängegletscher auf und fährt auch wieder dort ab, hält sich also sehr lange im Bereich der grössten Gefährung auf. Ich persönlich habe aus genau diesem Grund bis dato auf diese Tour verzichtet und werde es auch in Zukunft so halten. Darüber hinaus sind leider auf dieser Tour auch regelmässig tödliche Unfälle durch Abstürze zu verzeichnen. Die Fahrerei ist wegen verdeckten Steinen in der Gipfelflanke denn auch heikel.
  • Der "Sommerweg" für Auf- und Abstieg durch die Westflanke ist vor allem im unteren Teil bis etwa 100hm über den Rotstock gefährdet und deshalb offiziell gesperrt. Im oberen Teil besteht keine Gefahr durch den Hängegletscher. Bei zügigem Aufstieg hält man sich ca. 40 Minuten im Gefahrenbereich auf, im Abstieg ca. 20 Minuten. Bei einem kleineren Abbruch findet man vermutlich etwas Deckung, geht der Hängegletscher aber massiv (mit starker Druckwelle!) ab, so wird es definitiv kritisch.
  • Die obigen Bemerkungen gelten auch für den Zustieg zu den Kletterrouten am Genfer Pfeiler, welcher über den Sommerweg durch die Westflanke verläuft. Ein gewisses objektives Gefahrenpotenzial ist da nicht wegzudiskutieren. Es kann minimiert werden, indem man über den Klettersteig Rotstock auf- und absteigt. Sodann sind es vom Ausstieg des Klettersteigs nur ein paar wenige Minuten, wo man sich in der Gefahrenzone aufhält. Der Weg über den Klettersteig ist nicht uninteressant, braucht aber in beiden Richtungen sicher deutlich mehr Zeit (ca. eine halbe Stunde pro Weg, würde ich schätzen).
  • Beim Abstieg von einer Eigernordwand-Durchsteigung im Winter wählt man in aller Regel auch die Skiroute, welche ins Couloir direkt unter dem Hängegletscher führt. Dies ist deutlich einfacher und schneller wie der (Sommer-)Normalweg durch die Westflanke. Wahrscheinlich werden die meisten (verständlicherweise) bei dieser Variante bleiben, auch wenn man sich dabei 1-1.5h sehr stark der Eisschlaggefahr aussetzt.
Übersichtsbild der Westflanke, das die Situation noch etwas verdeutlicht. Der untere Teil, dem Eisschlag exponierte Teil zum Rotstock ist hier nur schlecht einsehbar. Aber von diesem und dessen Exponiertheit gibt das obere Bild einen repräsentativen Eindruck.

Samstag, 14. November 2015

Watch your Anchor!

Über die (Un)Sicherheit von Bohrhaken in maritimem Umfeld hatte ich vor rund einem Jahr bereits berichtet. Vor rund einer Woche hat nun die UIAA, der internationale Kletter- und Bergsteiger-Verband ein Dokument veröffentlicht, welches doch schockierende Ergebnisse zutage fördert. Sollen die im Dokument ausgesprochenen Empfehlungen eingehalten werden, so sind in der Kletterszene doch ein gewaltiges Umdenken sowie einschneidende Verhaltensänderungen notwendig. Es ist sehr empfehlenswert, sich den kompletten Bericht (auf Englisch) zu Gemüte zu führen. Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung der wesentlichsten Punkte.

Wie in meinem Blog von Dezember 2014 bereits erwähnt wurde, dreht sich das Problem um die schwer erkennbare Korrosion von sogenannt rostfreien Stählen. Leider sind alle diese Materialien im Kletterumfeld nicht zwingend beständig, sondern dem sogenannten Stress Corrosion Cracking (SCC, auf Deutsch Spannungsrisskorrosion) unterworfen. Das Problem betrifft vor allem das maritime Umfeld, d.h. Küstenregionen und bis zu 100km landeinwärts, sowie sonstwie belasteten Standorten (Industrie, Vegetation, ungünstige Mineralien im Fels, ...). Die unsichtbare Korrosion kann die Haken und Laschen so stark angreifen, dass sie bei normalen Sportkletterstürzen oder sogar nur unter Körpergewicht versagen.

Dieser Haken auf Kalymnos ist garantiert nicht mehr einwandfrei. Wie viel er wohl noch hält?
Der Bericht enthält eine Liste von Ländern, wo Hakenversagen aufgrund von SCC bereits beobachtet wurde. Die umfasst durchaus populäre Kletterdestinationen wie Thailand, Griechenland mit seinen Inseln, Italien, Sizilien, Sardinien, die balearischen Inseln, undsoweiter. Da die gefährliche Korrosion von rostfreiem Material von Auge nicht erkennbar ist, hat die UIAA eine Reihe von Empfehlungen für Kletterer verfasst. Die meisten davon sind leider zahnlos oder schwer durchzuführen, z.B. man solle das Risiko von SCC bei der Wahl einer Kletterdestination oder -route in Erwägung ziehen und Sicherungspunkte mit mobilem Material, Bäumen oder Sanduhren redundant machen. Wenn man das konkret durchdenkt, so gibt es eigentlich nur 2 mögliche Ansatzpunkte: entweder, man nimmt das Risiko bewusst in Kauf, oder verzichtet bis auf weiteres auf den Besuch von gefährdeten Gebieten.

Eine Untersuchung an einem betroffenen Fels durch Petzl habe gezeigt, dass rund 20% der Sicherungspunkte in einem (ungenannten) Sektor durch SCC dermassen angefressen seien, dass sich bereits bei einer Belastung von 1-5kN versagten (Körpergewicht bis kurzer Sportklettersturz). Ebenfalls wird der bereits von mir dokumentierte Hakenbruch beim Abseilen aus einer MSL-Route in San Vito lo Capo erwähnt. Mir persönlich erscheinen die 20% über alles eine eher hoch gegriffene Schätzung. Wären tatsächlich so viele Haken dermassen schwach, so würden aus den einschlägigen Gebieten sicherlich deutlich mehr Hakenversagen aus der Praxis bekannt. Nützen tut dies freilich wenig, denn auch wenn es nur 2% oder gar 0.2% sein sollten, ein einziger versagender Haken kann nunmal das Ende bedeuten (z.B. bei einem Sturz in den zweiten oder dritten Haken der versagt, mit Grounder in ungünstiges Gelände).

Besseres Exemplar, ebenfalls aus Kalymnos. Die Lasche ist aber auch nicht einwandfrei. Gemäss neustem Wissen ist der Fall auch hier klar, oder eben nicht. Haltekraft unbekannt, man muss davon ausgehen, dass ein solcher Bolt versagen kann.
Zündstoff beherbergen vor allem auch die neuen Empfehlungen der UIAA, da diese nun meilenweit strengere Anforderungen stellen, als sie der bisherige Gebrauch im Kletteralltag zeigen. Konkret:

  • In küstennahen Gegenden (Meeresnähe, bis 100km Inland, sonstige betroffene Standorte) sollen nur noch Materialien aus dem korrosionsbeständigen Titan oder HCR-Stähle zum Einsatz kommen. Das ist begrüssenswert, in der praktischen Umsetzung jedoch nicht einfach. Titanhaken gibt es nur als Klebehaken, HCR-Laschen bisher gar nicht, zudem kostet ein entsprechender Haken gleich ein mehrfaches wie ein "rostfreier" A4-Bohrhaken von guter Qualität.
  • In von SCC nicht betroffenen Gebieten wie z.B. den Alpen bzw. ganz Zentraleuropa soll Outdoor nur noch Material in A4-Stahlqualität (AISI 316 oder die Low-Carbon-Variante 316L) eingesetzt werden. Rostfreie Haken aus A2-Stahl oder gar verzinkte Ware sind zur Verwendung im Klettersport nicht mehr empfohlen! Der Punkt ist nur, dass sogar namhafte Hersteller von Kletter-Hardware nach wie vor kaum Produkte aus A4-Stahl anbieten. Vielerorts wird nach wie vor mit A2-Material saniert, schlimmstenfalls sogar mit noch schlechterem Material wie Zink-Inox-Gemisch wie z.B. meine Beobachtungen an der Grauen Wand von diesem Sommer zeigen.
Der Hammer kommt dann aber zum Schluss. Die UIAA benennt ganz klar, dass die Klettergemeinde hier vor einer riesigen Herausforderung steht. Aktuell stellt sich heraus, dass das in den allermeisten Kletterrouten verbaute Material den Anforderungen nicht genügt, bzw. nicht sicher ist. Dies betrifft nicht nur maritime Klettergebiete, sondern auch ganz viele andere Felsen. In einigen von meinen Reports sind z.B. die Wendenstöcke erwähnt, wo in fast allen Routen die ungünstige Zink/Inox-Mischung steckt, die nun am Ende ihrer Lebensdauer angelangt ist. 

Eine etwas andere Baustelle, aber das Problem beschränkt sich eben nicht nur auf die maritimen Gebiete, welche wir in den Ferien besuchen. In den Alpen ist zwar das Klima günstiger, d.h. SCC weniger ein Problem. Doch auch hierzulande steckt noch vielerorts komplett ungeeignetes Material wie dieser verzinkte Anker mit Inoxlasche im Simplon-Gebiet. 
Der Bericht schliesst mit der Erkenntnis, dass die Herausforderung von unsicheren Bohrhaken sicherlich nicht von einzelnen Individuen (d.h. guten Seelen) gemeistert werden kann, welche aus eigener Initiative und mit eigenen finanziellen Mitteln als Dienst an der Allgemeinheit Sicherungen warten und ersetzen. Ganz klar auf den Punkt gebracht heisst dies: "the bulk of the climbing population needs to start paying for anchors, whereas in the past most had a free ride". Es wird also nicht gehen, ohne dass sich der gemeine Kletterer finanziell beteiligt - für mich definitiv keine neue Erkenntnis. Ich bin gespannt, wie es in dieser Causa weitergeht...

Mittwoch, 3. Juni 2015

Grigri, HMS oder Tuber?

Eine fast religiöse Frage... die meisten Kletterer haben das Sichern mit einem dieser Geräte gelernt und bleiben danach dabei. Oft wird die Wahl auch noch vehement vertreten, obwohl sie gar nicht immer bewusst erfolgt ist. Anyway, in Sicherheitskreisen findet seit einiger Zeit eine Diskussion statt, welche Sicherungsgeräte nicht mehr empfohlen, bzw. ja in Kletterhallen sogar verboten werden sollen. Erhellend ist dazu die folgende Analogie, wörtlich übernommen aus Bergundsteigen 3/13:

Huch! Bild: Augsburger Allgemeine.
Nehmen wir an, es gäbe auf dem Markt Autos mit drei unterschiedlichen Bremssystemen. Die Systeme heissen HMS-Bremse, GRI-Bremse und TU-Bremse. Worin unterscheiden sie sich? Die HMS-Bremse bremst, sobald der Fahrer das Bremspedal drückt. Wie beim echten Auto. Die GRI-Bremse hat sogar eine Spezialkamera, die Bremsanforderungen ziemlich sicher erkennt und den Bremsvorgang automatisch einleitet. Wenn ein Reh auf die Strasse springt, bremst die GRI-Bremse in der Regel sogar dann, wenn man gar nicht auf das Bremspedal drückt. Und dann gibt es noch die TU-Bremse. Sie ist speziell. Wenn man geradeaus fährt, bremst sie prima. Und sie ist kinderleicht zu erlernen und zu bedienen. Deswegen fahren alle gerne TU-Autos. Aber in Abhängigkeit vom Lenkwinkeleinschlag bremst sie immer schlechter. Ab einem bestimmten Lenkwinkeleinschlag kann der Fahrer das Bremspedal drücken so stark er will. Sie bremst einfach nicht mehr. Sie sind Fahrschüler in einem TU-Auto und fragen ihren Fahrlehrer, was sie machen sollen, wenn in einer Rechtskurve ein Reh vor das Auto springt. Er antwortet ihnen: "Ganz schnell erst wieder geradeaus fahren und dann bremsen". Erst bremsen und dann geradeaus fahren ist nicht so gut. Da wird das Bremspedal heiss und man verbrennt sich den Fuss. "Aber", fährt der Fahrlehrer fort, "machen sie sich nicht zu viele Gedanken. Die meiste Zeit fahren sie ja eh geradeaus."

Petzl Grigri 2. Bild: Petzl/bouldercity-shop.de
Der komplette Artikel ist sehr lesenswert und kann hier abgerufen werden. Meine Meinung dazu ist sehr klar: ich bin mir der Problematik bewusst, sichere seit 20 Jahren mit einem Grigri und schwöre darauf. Mein persönlicher Entscheid ist es auch, mich beim Sportklettern nicht mit einem Tuber sichern zu lassen. Mir taugt das mit dem ganzen Hintergrundwissen einfach nicht, und ich kann so nicht mehr befreit klettern. Mit dem Doppelseil kommt entweder der HMS zum Zug, was jedoch bei Halbseiltechnik nicht so richtig befriedigend funktioniert. Die beste Wahl ist dann meines Erachtens das Megajul. Verfügt man nicht über ganz dünne und glitschige Seile, so ist nach meinem Empfinden und einigen Feldtests auch hier eine automatische Bremswirkung praktisch garantiert.

Edelrid Mega Jul. Bild: Edelrid.
Natürlich kann man hier nun endlos Diskussionen führen. Zwei Argumente sollten dabei aber aussen vor bleiben. Erstens: ja, den Grigri kann man so fehlbedienen, dass die Bremswirkung aufgehoben wird. Begeht man aber diesen gravierenden und absolut vermeidbaren Fehler nicht, so bremst er zuverlässig automatisch. Sowieso, das Seil bleibt bei korrekter Bedienung (Stichwort Gaswerkmethode) stets in der Bremshand und ein aufmerksamer Sicherer, der im Falle des Seilausgebens zwei, drei Schritte zur Wand hin macht, braucht den Klemmnocken kaum je zu blockieren. Zweitens: natürlich lässt es sich, wenn man den Körper entsprechend einsetzt, auch mit dem Grigri perfekt dynamisch sichern. Die Person möchte ich erst sehen, welche bei einem überraschenden, weiten Sturz noch kontrolliert Seil durch den Tuber durchrutschen lässt. Für solche Techniken sehe ich ehrlich gesagt überhaupt keinen Bedarf.

Fazit: ich will aus dem Ganzen keine Religion machen - but make your informed personal choice! 

Montag, 9. Februar 2015

Weitere Informationen zum Lawinenunglück am Vilan

Auf meinen Beitrag zum Lawinenunglück am Vilan hin gab es mehrere Kommentare, deren Lektüre sich ganz sicher lohnt. Ebenso hat mich eine weitere, sehr informative Zuschrift erreicht, die ich der höheren Visibilität wegen unredigiert als eigenen Beitrag platziere. 

"Hoi Marcel,

Deinen Bericht finde ich gut. Die Analyse ist sehr detailiert.

Ich war heute am Unfallort und habe den Schnee oberhalb des roten Punktes analysiert indem ich einen Quader herausgestochen habe. Bei leichter Vibration ist die obere Decke schnell weggerutscht. Zum Boden hin hat es sehr pulvrigen, nicht verfestigten Schnee, 20cm darüber dann eine harte Platte und darüber dann der Neuschnee. Bricht die Platte wird alles rutschen. DIe harte Platte entstand nach Graupel und Regen bis zum Gipfel in den letzten Wochen. Das haben mir auch zwei Einheimische erzählt. Es herschte oft Föhnsturm, der den Schnee in die Flanke verfrachtete.

Die Gruppe muss vermutlich beim Roten Punkt (siehe Karte) oder ein wenig weiter unter dem Punkt eingefahren sein. Dort sind auch noch die meisten Spuren zu erkennen. Die Stellen der Ausgrabungen sind vom Lawinenrutsch in dieser Linie weiter unten. Alle Opfer lagen etwa 5-10 Meter auseinander. Die Ausgrabtiefen waren zwischen 0,5 und 1,5 Meter. Warum die weniger tief Verschütteten nicht gerettet werden konnten ist mir ein Rätsel.

Wie und warum es dazu gekommen ist, wird hoffentlich genau die Untersuchungen preisgeben. Man sieht ja beim Aufstieg gut in den Hang und wird sicher beobachtet worden sein. Hinweise können bei der Polizei in Davos gemacht werden.

Ich war übrigens am Unfallort nicht aus Neugier, sondern weil ich einen lieben Menschen verloren habe. Es war für mich wichtig das schlimme Ereignis zu begreifen und loslassen zu können."

Der Komplettheit halber nochmals die Karte mit dem im Text erwähnten Roten Punkt, d.h. den vom SLF angegebenen Koordinaten.

Symbolbild vom Blog des Lawinenwarndienst Tirol, der einen vermutlich ähnlichen Schneedeckenaufbau an einem ganz anderen Ort zeigt. Am Grund eine Schwimmschneeschicht, dann ein harter Schmelzharschdeckel und obendrauf  noch Neu- und Triebschnee. Gemäss den Beobachtungen vor Ort war der Aufbau am Vilan ähnlich.

Montag, 2. Februar 2015

Gedanken zum Lawinenunfall am Vilan

Der weisse Tod hat an diesem Wochenende wieder erbarmungslos zugeschlagen. Mehrere Lawinen reissen insgesamt 8 Wintersportler in den Tod. Soweit die Schlagzeile aus den Medien, an dieser Stelle einige Gedanken zum schwersten Unglück, wo am Vilan im Kanton Graubünden fünf Menschen in derselben Lawine ums Leben gekommen sind. Die grundlegenden Fakten sind bekannt. Gemäss den beim SLF angegebenen Koordinaten hat sich die Lawine im Osthang unmittelbar unter dem Gipfel gelöst. Der Filmbeitrag mit Aufnahmen aus dem Helikopter von SRF bestätigt diese Angabe.

Screenshot von SRF mit Blick auf den Unfallhang. Wie es anhand der vielen Spuren scheint, haben noch zahlreiche weitere Personen bei der Planung die Grundzüge des Risikomanagements nicht berücksichtigt. Da haben einige aber ziemlich viel Glück gehabt...
Zur Lawinengefahr

Am Unfalltag herrschte am Vilan gemäss Bulletin in allen Expositionen ab 1800m erhebliche Lawinengefahr (fortan kurz LWS 3, d.h. Lawinenwarnstufe 3), mit dem auf die wesentlichen Passagen gekürzten Zusatz von "Triebschneeansammlungen können von einzelnen Wintersportlern ausgelöst werden [...] Gefahrenstellen [...] hinter Geländekanten [...] vorsichtige Routenwahl [nötig]". Somit eine verschärfte LWS 3, d.h. eine für das Tourengehen als heikel bis sehr heikel einzustufende Situation. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass eine verschärfte LWS 3 für den Tourengänger eigentlich die höchste relevante Gefahrenstufe darstellt!!! Ja ich weiss, es gibt noch die Gefahrenstufen 4 und 5. Diese warnen jedoch vor spontan anbrechenden, grossen und bis in die Täler vorstossenden Schadenlawinen. Meist gelten sie nur für kurze Zeit, während derer an eine Skitourentätigkeit kaum zu denken ist (schlechtes Wetter, abgeschnittene Verkehrswege, enorme Neuschneemassen, ...) 

Lawinenbulletin für das nördliche Prättigau für den Unfalltag. Quelle: SLF


Die Tour auf den Vilan

Die Tour auf den Vilan an sich ist bei LWS 3 durchaus vertretbar. Den normalen Aufstieg über den E/SE-Rücken kann man auch dann als sicher betrachten, einzig am Gipfelkopf selber überschreitet man kurz und relativ wenig exponiert die kritische Hangneigung von 30 Grad. Diese Stelle wurde am vergangenen Samstag jedoch folgenlos passiert. Wählt man bei der Abfahrt dieselbe Route wie für den Aufstieg, d.h. man hält sich konsequent an den E/SE-Rücken, werden sich kaum Probleme ergeben. Problematisch dabei ist es, dass diese Abfahrtsroute nur mässig lohnend ist, da sie über den engen und oft abgeblasenen Rücken verläuft. Umso mehr lockt da der gefährliche Osthang.

Bei entsprechender Routenwahl ist der Aufstieg auf den Vilan und die Abfahrt meist auch bei LWS 3 vertretbar. Hier sind wir im Dezember 2013 beim Aufstieg über den E/SE-Rücken, welcher meist abgeblasen daherkommt und in der Abfahrt halt auch nicht ganz so lohnend ist. Der gute Abfahrtshang ist dafür brandgefährlich...
Der Osthang am Vilan

Die von der betroffenen Gruppe gewählte direkte Abfahrt über die Osthänge ist bei LWS 3 generell zu meiden. Der freistehende Vilan ist ein sehr windexponierter Berg, und bei den meist vorherrschenden Windrichtungen von Süd (Föhn) über West bis Nordwest (Staulage mit Schneefällen) handelt es sich beim östlich ausgerichteten Unfallhang um einen Leehang, in welchem der Triebschnee deponiert wird. Der Hang ist praktisch durchgehend steiler als die kritischen 30 Grad, mit Stellen die bis an oder über 40 Grad hinausgehen. Achtung: bei LWS 3 ist nicht die Steilheit am Punkt wo man sich aufhält massgebend, sondern die steilste Stelle im gesamten Hang!!! Weiter ungünstig ist die Tatsache, dass der Hang über keinen sanften Auslauf verfügt, sondern am Fuss stellenweise ungünstiger Staubereich vorhanden ist.

Detaillierte Karte der Gipfelregion am Vilan von map.geo.admin.ch. Die Einfärbungen betreffen die Hangsteilheit, wobei ohne Färbung <30 Grad bedeutet, gelb bedeutet 35 Grad, orange 40 Grad, das dunkle violett 45 Grad und hellviolett sind die noch steileren Hänge. Solche Karten sind für jede Tour in der Schweiz für jedermann frei zugänglich! Die vom SLF publizierten Koordinaten sind mit einem Marker angegeben. Man erkennt deutlich, dass der Osthang des Vilan (in seiner bei LWS 3 relevanten Gesamtheit) mit 40 Grad Steilheit eingestuft werden muss.
Taktik im Hang

Egal was, wie, wann und wo, aber insbesondere bei erhöhter Lawinengefahr ist es ein grober taktischer Fehler, sich bei der Abfahrt mit mehreren Personen gleichzeitig im gefährdeten Gelände aufzuhalten. Und hier sprechen wir von (mindestens) 8 Personen, welche sich gleichzeitig im Gefahrenbereich aufgehalten haben. Der Unfallhang ist keine 200hm lang, es wäre an dieser Stelle problemlos möglich (und Pflicht!), ihn einzeln zu befahren. Sichere Aufenthaltsorte vor und nach dem Hang sind vorhanden. Selbst bei LWS 2 fährt man einen solchen Hang grundsätzlich immer einzeln ab.

Der Osthang am Vilan von seinem Fuss, die Unfallstelle befindet sich ziemlich genau in Bildmitte. Man erkennt hier auch gut den ungünstigen Auslauf mit potentiellem Staubereich am Hangfuss. Geht hier eine Lawine ab, so muss man mit grossen Verschüttungstiefen rechnen, ein weiterer Faktor der ungünstig in eine Beurteilung einfliesst. Quelle: adrian @ hikr.org
Risikocheck

Die Lawinenprävention zuallererst einmal zuhause in der warmen Stube statt! An erster Stelle steht eine sorgfältige Auswahl der Tour, mit präzisem Kartenstudium soll eine Beurteilung von deren Machbarkeit mit einem Risiko-Check (elementare Reduktionsmethode, Stop or Go und weitere Derivate) durchgeführt werden. Es ist ganz eindeutig nicht der richtige Ansatz bzw. der erste Schritt in Richtung Lawinenunfall, sich einfach einmal "vor Ort zu begeben und dann zu schauen". Es mag wohl sein, dass sich vor Ort manchmal zeigt, dass ein aufgrund der Planung als zu heikel eingeschätzter Hang doch begehen lässt - nämlich dann, wenn er entweder abgeblasen oder total verfahren und sowieso unlohnend ist. Überall dort, wo aber der schöne Pulverschnee lockt, ist nämlich selbst der Experte dann doch auf die Beurteilung via Gefahrenstufe und Hangsteilheit angewiesen... 

Risikocheck mit elementarer Reduktionsmethode. Quelle: SLF
Schlechte Sicht

Ich gehe nun seit rund 25 Jahren auf Skitouren und habe den Eindruck, dass die Tourentätigkeit bei schlechten Wetterbedingungen massiv zugenommen hat. Für den Unfall am Vilan war dieser Aspekt zwar irrelevant, aber trotzdem: eingeschränkte Sicht (Nebel, teils sogar schon nur diffuses Licht) vertragen sich nicht mit LWS 3!!! Weil dann nämlich Fernauslösungen möglich sind und für die Beurteilung der Steilheit der ganze Hang massgebend ist. Die Tourerei bei schlechtem Wetter sollte also deutlich kritischer gewertet werden - es macht nicht nur weniger Spass, sondern die Odds für einen Unfall sind höher und die Folgen auch gravierender (schlechte Übersicht über das Geschehen, ausbleiben von Hilfe, schnelleres Auskühlen bei Verletzungen, ...).

Folgebeitrag

Diesen gibt es hier!

Dienstag, 30. Dezember 2014

Der Anfang vom Ende?

Wer ist beim Klettern für die Sicherheit verantwortlich? Diese Frage hatte ich mit einem Beitrag nach den Vorfällen in San Vito aufgegriffen. Während meines Erachtens die schlüssige Antwort nur lauten kann, dass jeder für sich selber schauen und beurteilen muss, gibt es auch andere Stimmen. Es ist eine Tendenz zur Normierung, Regulierung und Kontrolle ersichtlich, welche meines Erachtens der Anfang vom Ende des Klettersports und erst recht des Alpinismus in seiner heutigen Form wäre. Mit einem Gastbeitrag schildert Patrik Müller, Präsident der IG Klettern Basler Jura, die aktuelle Situation.

Frisches Ausbruchsmaterial im Einstiegsbereich der alten Klettergartens in Klus/Balsthal, welche von einem Felssturz aus Gelände oberhalb der bekletterten Felsen stammen. Trotz der offensichtlichen Gefahr halten sich Kletterer an dieser Stelle ungeniert zum Sichern, Klettern, Pausieren und sogar Grillieren auf. Bild: Jürg Müller, alpinesicherheit.ch
So wie es im Moment scheint, treiben sich gewisse Teile im SAC effektiv mit der Thematik der Verantwortung beim Klettern um, und planen sich dieser Frage juristisch zu nähern. Dies aus verschiedenen Gründen: zum einen nutzen SACler Klettergärten und deren Einrichtungen, zum anderen unterstützen sie Einrichter bei ihrem Tun oder betreiben Unterhaltsarbeiten in, nach Absprache, ihnen zugeteilten Klettergebieten (sogenannte Gebietspatronagen). Zumindest im Unterland (Mitelgebirge) stellen sich nun Ämter und Behörden immer häufiger auf den Standpunkt, dass Kletterrouten oder -gärten bewilligungspflichtige Anlagen darstellen. Somit wären Kletterrouten, oder zumindest deren Ausrüstung, "Anlagen" wofür der Errichter haftbar gemacht werden könnte bei einem Versagen einer solchen (Werkshaftung). Damit in einem solchen Fall ein Einrichter oder Sanierer haftpflichtmässig abgedeckt wäre, müsste dieser also zumindest einen Kurs vom SAC (Einrichten und Sanieren) abgeschlossen haben. Oder er ist als Bergführer für solche Arbeiten qualifiziert.

Anmerkung von Marcel: hier befinden wir uns wohl in einer mehrfach unglücklichen Situation. Die SAC-Sektionen wollen sich absichern, die Bergführer sehen vor allem die zusätzliche bezahlte Arbeit und wer als Kletterer nicht weiterdenkt, denkt sich, dass so alles sicherer wird. Umso wichtiger ist es, dass wir hier entschieden Gegensteuer geben - die Begründung folgt gleich unterhalb.

Felssturz an der Frümel Ostwand in den Churfirsten, welche die beliebte Plaisirroute Städtliblick zerstört hat. Unvorhersehbar und überraschend kam er, und zeigt deutlich auf, dass nichts und niemand die Sicherheit des alpinen und auch weniger alpinen Kletterns garantieren kann. Bild: Thomas Wälti, alpinesicherheit.ch
Wenn ich solche Überlegungen bis in die letzte Konsequenz weiterdenke stellen sich mir die Haare zu Berge. Lasse ich vor jeder Routeneinrichtung ein geologisches Fachgutachten erstellen, damit ich auch auf diese Seite hin rechtlich abgedeckt bin? Es nützt ja nichts, wenn der einzelne Bohrhaken profimässig perfekt, aber in einem brüchigen Felskopf steckt... So gesehen müsste man vermutlich einige klassische Routen oder viele Klettergärten sofort schliessen. Es ist nicht alles betonfester Bombenfels, an welchem wir hier im Jura rumklettern? Ich bin überzeugt, wir müssen die Risikodiskussion unbedingt führen, aber nicht ausschliesslich betreffend den Ausrüstungsstandards einer Route sondern generell auch unter dem neuen Gesichtspunkt von Verantwortung, Haftung und Schuld. Ich frage mich:
  • Wollen wir Routenbaugesuche bei Ämtern einreichen zu deren Bewilligung Normiergesetze benötigt werden?
  • Wer kann den Unterhalt von bestehenden Routen garantieren? Vor allem, wenn der Errichter nicht mehr lebt?
  • Wer beurteilt bestehende Kletterrouten auf deren Sicherheitsstandard und übernimmt dafür die Verantwortung?
  • In welchen Intervallen benötigen Kletterrouten eine Neubeurteilung? (Beispiel Egerkingerplatte: jedes Jahr!) 
  • Normierung der Kletterei draussen wie diejenige in der Halle nach DIN-Normen?
  • Was soll das kosten??
  • Wer soll dass bezahlen??
  • Eidgenössiches Amt für Kletterei mit Fachstellen zu Geologie, Material, Koordination von Sanierungen durch Profis und Meldestelle für Brüchige Felsstellen oder nicht angezogene Maillons? Taskforce die ausrückt um "gefährliche" Routen sofort zu sperren bis die "Reparaturteams" angerückt sind, die Arbeit erledigt und der Abschlussrapport vom Landbesitzer, der Fachstelle, dem Geologen unterschrieben und das ganze in einer Datenbank abgelegt und die Route wieder offiziell für jeden Volltrottel freigegeben hat?
Felssturz im Klettergarten an der Siggenthaler Flue. Ein weiterer Jura-Klettergarten, den man bei normierter Zulassung gleich komplett sperren müsste. Keiner wird hier je die Verantwortung übernehmen können oder wollen, dass nicht noch weiteres Material ausbricht. Trotzdem kann man hier mit etwas Umsicht problemlos und gut klettern. Bild: Patrik Müller.
Vielleicht zeichne ich da gerade etwas sehr schwarz, denn bisher gibt es solcherlei ja noch nicht einmal in den verschrieenen USA. Aber der Gedanke ist bei uns bereits gesetzt und guteidgenössische Gründlichkeit tut manchmal das Ihrige. Ich meinerseits setze immer noch auf den gesunden Menschenverstand, der gerade in unserer Sportart besonders gefördert werden kann. Ebenso auf Verzicht (Demut) wenn mir etwas zuwenig geheuer ist und auf den Nervenkribbel der Anfang und Ausgangspunkt und elementarer Bestandteil vom Klettersport und Alpinismus generell ist. Es lebe das Plaisirklettern und der wilde Trad und alle Formen dazwischen!!!

Patrik Müller
Präsident IG Klettern Basler Jura

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Zur Sicherheit von Bohrhaken in maritimem Umfeld

In meinem Beitrag zu den Geschehnissen in San Vito hatte ich ja schon über die Gefahr der Hakenkorrosion in Meeresnähe geschrieben. Darauf hin ergab sich ein sehr interessanter Austausch mit Josef Werderits. Er befasste sich beruflich mehr als dreissig Jahre lang mit Fragestellungen zu Festigkeit und Sicherheit, unter anderem von Verankerungen und bei der Werkstoffwahl. Diese Mails habe ich dann zu diesem Beitrag verarbeitet. Auch wenn einiges daraus etwas technisch daherkommen mag und Hintergrundwissen erfordert, so ist es sicherlich für alle Kletterer dennoch sehr lesenswert.

Am wichtigsten jedoch dies: rostfreier Stahl korrodiert anders, als dies bei gewöhnlichem (verzinktem) Stahl der Fall ist. Es tritt nämlich in aller Regel keine üppige Rostschicht auf, sondern die sich ausbildende Schutzschicht auf dem rostfreien Material wird nur punktuell angegriffen und die Korrosion schreitet dann von dort aus fort. Man spricht in diesem Zusammenhang (wissenschaftlich ungenau) auch von "Lochfrass" oder "Spaltfrass". Somit ist die Sache äusserst heimtückisch und für Nicht-Experten nur schwerlich zu beurteilen. Was die Route Collina dei Conigli am Monte Monaco betrifft, so hat mir ein Schweizer Bergführer mitgeteilt, dass er die Route wenige Tage vor dem Hakenbruch noch geklettert habe, und diese rein optisch noch in einem vernünftig guten Zustand schienen.

Rostfreier A2-Bohrhaken von Raumer, der auf Capo Caccia / Sardinien beim Reinsitzen gebrochen ist.
Hakenbrüche aufgrund von Korriosion durch die salzhaltige Meeresluft sind ja zum Glück nicht ein alltägliches Szenario, aber doch auch nicht ganz so selten wie man vielleicht denken könnte - selbst am Mittelmeer, und nicht nur in den Tropen. Auf Planetmountain ist z.B. der korrosionsbedingte Bruch eines rostfreien Klebehakens in der Grotte von Bidiriscottai bei Cala Gonone/Sardinien dokumentiert. Weiter hat mir ein anderer Kollege (ebenfalls ein Schweizer Bergführer) von einem glimpflich ausgegangenen, durch Korrosion verursachten Bruch eines Inox-Dübels in der Route Daytona am Capo Caccia, ebenfalls in Sardinien berichtet. Dies passierte ohne Sturz, einzig durchs ins Seil sitzen am zweiten Bohrhaken der Route. Dank aufmerksamer und gekonnter Sicherung sowie einem Einzelkarabiner im ersten Haken konnte der resultierende Sturz kurz vor dem Boden aufgefangen werden... 

Nun aber zu den Angaben von Josef, editiert und vervollständigt vom Autor:

(1) Als wesentlichste Aspekte sehe ich den verwendeten Werkstoff und die „Formgebung“ (Typ, konstruktiver Aufbau) – die Themen „Felsausbruch“ und „Setzen der Haken“ sind nicht spezifisch für meeresnahe Gebiete; ich werde hier darauf auch nicht eingehen.

(2) Zum Werkstoff: Speziell möchte ich die Werkstoffproblematik am Beispiel der als Haken am häufigsten verwendeten „Spreizanker“ (manchmal auch „Spreizdübel“ oder ganz korrekt „kraftkontrolliert spreizende Dübel“) erläutern – bei diesem System ist das Thema Werkstoff auch am brisantesten.

Spreizanker-System von Petzl aus hochwertigem Material (A316L), jedoch bedenklich kurzem Anker.
(3) Spreizanker aus rostfreiem Standardwerkstoff A2 werden in Thailand in Meeresnähe nach kurzer Zeit unter Sturzbelastung brechen (man braucht dabei keine „Experten“ vor Ort zur Erforschung der Ursachen). Solche A2-Bolts (Werkstoff ist meist 1.4301, teils 1.4306 oder 1.4307) stecken zu zig-tausenfach rund ums Mittelmeer. Während Jahren bis Jahrzehnten hat man mangels besserem Wissen und mangels Verfügbarkeit anderer Materialien damit eingerichtet oder gar saniert. Am Mittelmeer ist das Klima zwar nicht ganz so aggressiv wie in Thailand, aber... 

A2-Inoxdübel im Sektor Odyssey auf Kalymnos. Solche Haken stecken auf der Insel zu Tausenden, noch scheinen sie zu halten...
(4) Der gleiche Haken aus A4-Stahl (1.4401/A316 bzw. 1.4404/A316L) wird länger halten, je nach lokalen Gegebenheiten sehe ich aber durchaus noch Bruchrisiko. Entscheidend dafür sind vor allem Feuchte, Chloridgehalt (Meerwasser), Einwirkungsdauer und Temperatur(!). Anmerkung des Verfassers: Genau, und wir Kletterer führen quasi ein Feldexperiment durch, wo ausprobiert wird, wie viel es braucht und wie lange es dauert, bis die Haken brechen. Rund ums Mittelmeer ist aber noch kein Versagen von A4-Haken bekannt!?!

A4-Anker mit A2-Plättli unmittelbar nebenan im Odyssey auf Kalymnos, die beiden Borhaken sind genau gleich alt.
(5) Seit relativ kurzer Zeit sind Spreizanker aus hochkorrosionsbeständigem Stahl (HCR, High Corrosion Resistant) als Standardprodukte erhältlich. Diese können aus Duplex-Stählen (siehe EN 10088) oder aus Superausteniten (z.B. 1.4539 - Rolex macht seine Oyster-Modelle daraus - oder 1.4547) hergestellt sein. Von Fischer und Hilti gibt es solche Anker, gemäss den in den technischen Zulassungen angegebenen Bemessungslasten handelt es sich wahrscheinlich um Superaustenite. Abgesehen von sehr wenigen (zumeist theoretischen) Fällen sollten diese Anker aus im tropisch-maritimen Umfeld dauerhaft Sturzbelastungen standhalten. Eine brauchbare Grösse der für uns relevanten Beständigkeit ist der PREN-Wert (Pitting Resistance Equivalent), der in Normen oder in den Herstellerangaben zu finden ist.

(6) HCR-Anker sind das eine, dazu sind jedoch auch HCR-Laschen notwendig! Alle Bestandteile an einem Bohrhaken müssen aus ein und demselben Werkstoff gefertigt sein, sonst stellt einem die galvanische Korrosion ein Bein - wiewohl, in freier Wildbahn findet sich die metallurgisch ungünstige Kombination von verzinkten Ankern und rostfreien Laschen ziemlich oft, wobei sich hier im Laufe der Zeit das weniger edle Material (d.h. der nicht sichtbare Anker) geschwächt wird. Nun, Laschen sind etwas aus dem Kletterbedarf, und es gibt aktuell meines Wissens noch keine HCR-Laschen zu kaufen. Duplex und Superaustenite sind jedoch als Bleche erhältlich, die Herstellung geeigneter Laschen ist damit (mit entsprechendem Wissen/Können) kein Problem.

Die galvanische Zelle, für einmal andersrum als gewohnt, aus einer Route am Gonzen. Verwendet wurde ein rostfreier Anker (vermutlich A4) und ein verzinktes Plättli. Man sieht gut, wie dieses durch galvanische Korrision geschwächt wird. Meistens ist diese ungünstige Kombination gerade andersrum montiert, d.h. ein verzinkter Dübel mit rostfreier Lasche.
Galvanische Korrision in der üblichen Variante: rostfreie A2-Lasche, kombiniert mit einem verzinkten Dübel in der Route Berghi an der Parete Nascosta im Simplongebiet. Die Mutter zeigt hier den Rost, richtig schlimm sieht der Dübel jedoch garantiert unter der Lasche und im Bohrloch aus, nur sieht man dies von aussen nicht...
(7) Zur Formgebung der Haken: Kritisch unter korrosiven Umgebungsbedingungen (Meeresnähe, durchaus auch Nähe zu bestimmten Industrieanlagen) sind Kerben, Kontaktstellen und Spalte. „Spreizdübel“ (siehe oben) weisen genau all diese Elemente auf – Korrosionsversagen ist damit natürlich besonders kritisch. (In Kommentaren wird fallweise nur von „Spannungsrisskorrosion“ gesprochen. Tatsächlich ist das Thema wesentlich komplexer – Spannungsrisskorrosion ließe sich in unserem Fall mit geringem Aufwand vermeiden, das Bruchrisiko würde dadurch allerdings nur geringfügig verringert!).

(8) Haken ohne die oben genannten „kritischen Formelemente“ sind wesentlich weniger anfällig bezüglich Korrosionsversagen, das Werkstoffthema damit auch weit weniger kritisch (als nur ein Beispiel die Haken in vor kurzem sanierte Routen im rechten Sektor der „Cala Luna“ – sehr saubere unkritische Formgebung, über den Werkstoff weiß ich leider nicht Bescheid). Unkritische Formgebung bedeutet also Klebehaken. Gelungene Lösungen sind aus meiner Sicht die geschmiedeten Anker von Petzl (BATINOX 14mm, COLLINOX 10mm). Nach meinem Wissen aus A4 bzw. A316L. Ob diese im tropisch-maritimen Umfels bei hoher Salz- und Temperaturbelastung "dauerhaft sicher" (Grössenordnung 50 Jahre) sind, kann ich nicht beurteilen. Die Klebehaken (ebenfalls aus A4) einiger anderer Hersteller halte ich aufgrund der Formgebung für den Einsatz in maritimer Umgebung für grundsätzlich nicht geeignet.

Klebehaken Petzl Collinox 10mm. Quelle: petzl.com


(9) Bei den Vorteilen von Klebehaken in Bezug auf die Korrosion des Stahls muss aber natürlich auch der Kleber in Betracht gezogen werden. Auch dieser muss "dauerhaft sicher" sein, was in aggressivem Klima längst auch nicht bei jedem Produkt gegeben ist. Zumindest will kein Hersteller eine Lebensdauer oder gar Garantie für den Einsatz am Fels im maritim-tropischen Umfeld abgeben. Somit beackert die Klettergemeinschaft hier ein weiteres Experimentalfeld.

Wer sich bis hier durchgekämpft hat, hat nun vielleicht mehr Fragen als zuvor. Immerhin sei an dieser Stelle versichert, dass Josef nichtsdestotrotz (mehr oder minder) seit über vierzig Jahren den Haken im Fels vertraut. Genau so würde ich das selber ebenfalls unterschreiben, auch wenn mir die wesentlichen Inhalte der obigen Zeilen nun schon ein paar Jahre bewusst sind. Es schadet sicher nicht, eine gesunde Vorsicht walten zu lassen. Kritisch ist beim Sportklettern oft der Bereich zwischen dem zweiten und dem vierten/fünften Haken, wo das Versagen einer einzigen Sicherung oftmals zu einem Bodensturz führen würde. Beim Umlenker ist darauf zu achten, dass zumindest zwei zuverlässig (!!!) verbundene Fixpunkte vorhanden sind, zum Topropen hängt man besser noch die obersten 1-2 Zwischenhaken ebenfalls ein. Achtung auch beim Abbauen durch Ablassen von stark überhängenden Routen (z.B. in der Grande Grotta auf Kalymnos) - irgendwann verhindert meist auch nur noch 1 Haken einen potentiell fatalen Pendler in den Boden, zudem wird die Sicherung dort auch noch ungünstig axial belastet. Im Zweifelsfall lässt man besser die letzten 2 Exen drin und holt diese kletternd raus.

Links

UIAA: Extreme Caution Advised for Anchors in Tropical Marine Areas (Web oder PDF)
Forumsbeitrag von Alan Jarvis, Delegierter der Sicherheitskommission der UIAA 
Dokument von Hilti zu Korrosion und Materialien (PDF)
DHV-Bohrhakenbroschüre (PDF, unbedingt lesen!)
Artikel über Capo Caccia auf Planetmountain

Freitag, 5. Dezember 2014

Unfall in Ponte Brolla Ost

Nicht schon wieder... mein Blog soll kein Ort werden, wo ständig über Kletterunfälle berichtet wird. Im Ostsektor von Ponte Brolla hat sich aber einer ereignet, aus welchem auch wieder das eine oder andere lernen können. Mitte Oktober stürzte ein Deutschweizer Kletterer aus rund 10m Höhe auf den Boden und verletzte sich schwer. Was ist passiert?

Gemäss den Angaben auf aquile.net stieg der Kletterer in eine Route ein, welche er nicht komplettieren konnte. Stimmen die Angaben auf dem Foto, so dürfte es sich um die Artiglio del Diavolo (6c) handeln. Der Rückzug erfolgte, indem ein dünnes Maillon von nur 4mm oder 5mm Dicke in einen einzigen BH installiert wurde. Beim Ablassen am Doppelseil öffnete sich nun die nur von Hand angezogene Schraube, wohl durch die Reibung der Seile oder durch die Vibration. Leider war die Festigkeit dieses dünnen Billig-Maillons (es handelte sich um ein nicht genormtes Baumarkt-Maillon) nicht genügend gross, so dass es aufgebogen wurde und der Sturz auf den Boden folgte.

Mit dem Doppelseil wurde an einem dünnen/kleinen Maillon abgelassen. Durch Reibung des Seils oder durch Vibrationen, unterstützt durch die Schwerkraft, öffnete sich der Verschluss. Dabei muss man sagen, dass auch etwas Pech mit dabei war. Von 4 möglichen Konfigurationen mit Anordnung des Verschlusses und Laufrichtung des Seils ist wohl nur eine einzige brandgefährlich. Foto: M. Bognuda / aquile.net
Links das Unfall-Maillon, rechts ein baugleiches, noch unbenutztes Teil. Die Festigkeit ist nur 4mm oder maximal 5mm, zudem war es kein genormtes Qualitätsstück. Gemäss Experimenten von Tessiner Kletterern verbiegt sich ein 4mm-Maillon im offenen Zustand bereits, wenn man ein Gewicht von ca. 100kg anhängt. Foto: Kantonspolizei TI, Sgt M. Castellani / aquile.net
Schauplatz des Unfalls: 1) ist die Stelle, an welcher das Maillon platziert wurde, hierbei handelt es sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um einen Bolt der Artiglio del Diavolo (6c). An der Stelle 2) gab die Verankerung nach, 3) markiert die Sturzstrecke von 5-10m und 4) den Punkt des Aufpralls. Foto: Kantonspolizei TI, Sgt M. Castellani / aquile.net
Fazit:

  • Ein Rückzug soll wenn schon durch Hinterlassen eines Karabiners und nicht eines Maillons erfolgen. Dazu hatte ich schon bei meinem Text zur Festigkeit von Maillons aufgerufen. Es ist nämlich total nervig, wenn Bohrhaken schon durch Maillons belegt sind. In vielen Fällen braucht es nur wenig, und man kann die Dinger nur noch mit Werkzeug oder gar Eisensäge entfernen. Die Mehrkosten eines günstigen Schnappers gegenüber einem genormten Maillon mit ausreichender Festigkeit (8mm) sind minimal (ca. 1-2 CHF).
  • Dünne Baumarkt-Maillons sind einfach totaler Schrott, wenn schon dann verlasse man sich auf genormte Ware mit ausreichender Dicke/Festigkeit. Diese nimmt massiv ab, wenn der Verschluss offen ist. Dass man die Schraube nur mit Werkzeug zuverlässig anziehen kann ist ein weiterer Grund, dass man besser einen Karabiner anstelle von Maillons für Rückzuge verwendet!
  • Dieser Tipp ist eigentlich gar nicht nötig, weil man ja nicht auf Maillons zurückgreifen soll. Wäre dieses aber so platziert worden, dass sich der Verschluss gegen oben und nicht gegen unten öffnen muss, so wäre hier sehr wahrscheinlich nix passiert. Vibration und Seilreibung dürften fürs Öffnen des Verschlusses nur ausreichen, wenn die Schwerkraft unterstützen kann.
  • Beim Rückzug von einer zweifelhaften Verankerung wird besser abgeseilt als abgelassen. Die auf die Verankerung wirkende Kraft ist beim Ablassen theoretisch doppelt so gross wie beim Abseilen. Die dynamisch auftretenden Kraftspitzen dürften den Faktor 2 sogar eher noch übertreffen, weil es beim Ablassen entsprechend schwierig ist, eine gleichmässige Belastung zu erreichen.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Wer ist verantwortlich?

Auf dem Internet wird auf meinen letzten Post hin die Frage aufgeworfen: "Warum? Warum nur habt ihr nichts gemacht, wenn euch die Gefahr bekannt war?". Ich habe Verständnis für die Frage und kann den Schmerz von Familie, Angehörigen und Beteiligten verstehen, wie auch den Wunsch, das Rad der Zeit zurückdrehen zu können, den Unfall ungeschehen zu machen, ja vielleicht sogar einen Verantwortlichen dafür zu finden. Hier der Versuch einer Antwort.

An deren Basis steht die Tatsache, dass beim Klettern letztendlich jeder für seine eigene Sicherheit verantwortlich ist und seine eigenen Entscheidungen treffen muss. Mein Kollege hat diesen Umlenker für sich als unsicher beurteilt und ihn nicht benutzt, ich habe an mehreren anderen Orten wie z.B. in Tartareu schon gleiches getan, und dies dann sogar auf meinem Blog so beschrieben. Ebenso habe ich schon an zahlreichen Stellen aufs Weiterklettern oder Einsteigen in Routen verzichtet, weil sie mir (!!!) mit zu altem Material eingerichtet erschienen oder aus sonstigen Gründen zu gefährlich waren. Aber deswegen diese Touren gleich zu sperren, umzubohren oder auszunageln, das ist einfach komplett unrealistisch. Zumal meine Meinung, mein Empfinden, mein Können und mein Wissen ja nicht sakrosankt sind, wer hat schon den Röntgenblick wie viel ein Haken tatsächlich hält?

Weiterklettern? Heimgehen? Sanieren? Ignorieren?
Wenn ich mein Empfinden zum Massstab nehmen würde, so gäbe es sogar ganze Sektoren, wo man die Haken entfernen müsste. Ein Beispiel ist der wohlbekannte Sektor Emisfero im Val Pennavaire (Oltrefinale). Nach meinem Geschmack ist der Fels dort grossflächig hohl, sprich zu wenig solide um darin zuverlässige Bohrhaken zu setzen. Meine (!!!) Konsequenz ist es, dass ich an dieser Wand nicht klettere, Punkt. So ist es beim Klettern und so soll es meines Erachtens auch bleiben. Es gibt keine Regeln, Schilder und Normen und niemand der die Verantwortung für unser Tun und Lassen übernimmt, ausser wir selber. Es geht gar nicht anders, denn da draussen haben Wind, Wetter, Regen, Schnee und Eis ihren Einfluss, der Zahn der Zeit nagt an allem. Und wo wäre dann die Grenze, wenn wir Verantwortung für die anderen übernehmen müssen? Darf ich, ja muss ich vor dem hoch steckenden ersten Haken in einer Tour im Frankenjura einen zusätzlichen setzen, wenn ich die Gefahr erkannt habe, dass da jemand auf die Blöcke am Einstieg stürzen und sich schwer verletzen könnte? Gebe ich in L3 vom Batman an den Wendenstöcken einen zusätzlichen BH, weil ich gesehen habe, dass dort das Seil bei einem Sturz über eine scharfe Kante läuft und womöglich durchtrennt wird? Soll ich den Runout in der Crux der Blauen Lagune (Wendenstöcke) entschärfen, weil sich da schon viele den Fuss gebrochen haben und der nächste der noch etwas unglücklicher stürzt sich vielleicht ein Schädel-Hirn-Trauma zuzieht? 

Bei der Begehung der Blauen Lagune, dort leider kein unübliches Szenario.
Gemäss der geltenden Kletterethik werden all diese Fragen mit einem klaren Nein beantwortet. Der Preis, den wir dafür zahlen sind Unfälle von möglicherweise fatalem Ausgang, welche bei anderer Absicherung oder einer Sanierung zu verhindern gewesen wären. Andererseits, 100% Sicherheit kann und wird es beim Klettern nie geben – wer sicher und unfallfrei unterwegs sein will, braucht Umsicht, Wissen, Können, Demut und auch das Glück, nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Doch selbst für vorsichtig agierende Könner verbleibt stets ein Restrisiko, umso bitterer ist die Stunde, wenn es zuschlägt. Zuletzt, was mich selber betrifft: ja, ich saniere hin und wieder Routen und ersetze Haken. Ja, ich versuche meine Neuerschliessungen nach bestem Wissen und Gewissen mit hochwertigem Material gut und sicher auszurüsten und ja, ich teile meine Wahrnehmung von Gefahren durch meinen Blog mit euch Kletterern. Wer aufmerksam mitliest, wird viele aus meiner Sicht nützliche und potenziell sogar lebensrettende Tipps lesen – was daraus gemacht wird, bleibt aber jedem einzelnen selber überlassen.

Bitte denkt an Stefan und seine Familie, der Spendenaufruf befindet sich hier!

Freitag, 28. November 2014

Bolt & Anchor Failures at San Vito / Sicily

Es ist erst 1.5 Jahre her, seit wir in San Vito auf Sizilien tolle Kletterferien verbracht hatten. Der Zustand von einigen Bohrhaken hatte mir damals schon etwas Anlass zum Stirnrunzeln gegeben. Doch in den letzten Wochen ereigneten sich zwei schockierende Zwischenfälle, deren Kenntnis mir für alle Sizilien-Reisenden unerlässlich scheint. Aber auch wenn man keine Reise auf die Insel gebucht hat, so schadet es doch nicht, dieses Posting zu lesen. Bohrhaken-Korrosion ist bei allen in Meeresnähe gelegenen Gebieten, also auch auf Kalymnos, Sardinien und Konsorten ein Major Issue, und Vorsicht ist immer angebracht.

Am 16. November 2014 kletterte Stefan Rass aus Österreich die 8a mit dem Namen Pocahontas Loveline im Pipeline-Sektor am Salinella-Felsband. Beim Ablassen brach der Block aus, an welchem die Umlenkung befestigt war. Das Seil bremste seinen Sturz zwar noch, trotzdem zog er sich schwerste Verletzungen zu. Weitere Details dazu sowie einen Spendenaufruf für seine junge Familie findet man auf Planetmountain (auf Englisch). Ein solcher Felsausbruch am Stand ist natürlich der absolute Horror, und Sportklettern ist nun einfach beinahe unmöglich, wenn man den Umlenkungen nicht vertraut. Umso mehr stehen alle Erschliesser in der Verantwortung, diese nur in grundsoliden Fels zu versenken. Gerade am Salinella-Felsband ist das aber gar nicht immer so einfach, da der Fels am Ende der Route oft blockig wird und von der Vegetation durchsetzt ist. Nachtrag: bei der Recherche nach dem Namen der Unfallroute griff ich zu meinem Topo des Gebiets. Als ich die Seite mit dem Pipeline-Sektor aufblättere, schaudert es mich plötzlich gewaltig. "Achtung, Umlenker in hohlem Fels" hatte ich mir bei dieser 8a notiert - ein Kollege hatte dies beim Klettern bemerkt, denjenigen der Nebenroute benützt und mich gewarnt. Da ich die Route nie probiert hatte, war mir dieser Umstand beim ersten Lesen der Unfallmeldung und beim Schreiben des Postings gar nicht mehr bewusst.

Der ausgebrochene Block mit dem Stand. Photo by Elio Bonfanti, planetmountain.com
Glimpflicher ging ein anderer Zwischenfall im Oktober 2014 aus - ebenfalls in San Vito, und zwar am Monte Monaco in der Route La Collina dei Conigli (6b+). Dort brach nicht ein Felsblock aus, aber ein Bohrhaken an einem Stand ging kaputt, während ein Kletterer am Abseilen war. Eine alte Schlinge, welchen diesen mit dem zweiten Haken verband, verhinderte mirakulös die Katastrophe und rettete auch zwei weitere Kletterer, welche an demselben Stand gesichert waren. Dieser Unfall ist auf (für jedermann einsehbar, lesbar sofern man dem Italienischen und Französischen mächtig ist) auf Facebook dokumentiert. Es befindet sich dort auch ein Statement des bekannten Erschliesser Michel Piola. Sein Fazit: das Klima auf Sizilien sei ähnlich zu jenem in Thailand oder auf Madagaskar, wo es bereits bestens bekannt ist, dass selbst rostfreie Bohrhaken im tropisch-feuchten Meeresklima nicht lange der Korrosion (sogenanntes Stress Corrosion Cracking, SCC) widerstehen. Er wirft den Gedanken auf, alle Felsen um San Vito zu sperren (oder zumindest zu meiden), bis alle Routen mit zuverlässigem Material saniert seien. Logischerweise wird dieser Prozess dauern, teuer und sehr arbeitsaufwendig sein. Ebenso klar ist sein Statement, dass das Einrichten mit allen Materialien die schlechtere Stahlqualität als A316L aufweisen, fahrlässig oder gar kriminell sei. Leider aber wird in vielen Gebieten nicht nur mit minderem Material erschlossen, sondern sogar noch damit saniert. Je nach Klima und Exposition beträgt die Lebensdauer von solchem Material wenige Monate bis wenige Jahre...

Pling, aber die Schlinge hat zum Glück gehalten. BH-Bruch am Monte Monaco in Sizilien. Foto: M. Piola / facebook.com
Nachtrag II: Ich wurde nun bereits einige Male gefragt, ob man denn eine Kletterreise nach Sizilien noch empfehlen könne und wie man die erwähnten Gefahren minimieren könne. Zum ersten Punkt meine ich ja - mit dem Wissen, dass Bohrhaken keine 100%-Sicherheit bieten, weder auf Sizilien noch sonstwo. Die Sache mit dem Umlenker stufe ich als tragischen Einzelfall ein, das bedeutet nicht, dass die Kletterei am Salinella-Felsband per se gefährlich ist. In schlechtem Fels platzierte Umlenker sind zum Glück selten, derjenige in der Pocahontas Loveline ist aber bestimmt auch nicht der einzige. Ich erinnere mich an Routen in der Schweiz, in Italien, in Spanien und in Kalymnos, wo ich dem Fels in dem der Umlenker steckte nicht vertraut habe, und darum die Route (oft mühsam) irgendwie anders abgebaut habe. Die Gefahr ist heimtückisch und nicht einfach zu erkennen. Ein relativ simpler Test ist es, rasch mit einem Karabiner auf den Fels neben dem Haken zu klopfen. Das identifiziert zwar nicht jede Gefahrensituation, falls es aber auf diese Weise schon hohl tönt, dann ist höchste Vorsicht angezeigt. Der Test ist an neuralgischen Punkten (Umlenker und entscheidende Zwischenhaken) durchaus zu empfehlen... sicher aber auch exotisch. Mich hat die Erfahrung von ein paar Tausend eigenhändig und sorgfältig versenkten Bolts aber eben gelehrt, dass der Fels längst nicht überall gut genug für ein BH-Placement ist.

Der zweite Punkt mit den Haken und dem Klima, das schon etwas systematischeres. Allerdings betrifft das wie erwähnt nicht nur Sizilien, sondern im Prinzip alle Klettergebiete in Meeresnähe. Auch auf Sardinien und in Kalymnos gab es schon Bolt Failures, und es werden nicht die letzten gewesen sein. Vorsicht ist vor allem dort angezeigt, wo die BH nur aus A2-Stahl gefertigt sind, was leider generell sehr verbreitet der Fall ist. Die Qualität ist übrigens in der Regel auf der Schraubenmutter eingeprägt. In der Gegend um San Vito sind mir qualitativ schlechte Haken vor allem an der Crown of Aragorn, an der Never Sleeping Wall und am Monte Monaco aufgefallen. Am Salinella-Felsband waren hingegen die meisten Routen mit A4-Haken eingerichtet.

Nachtrag III: mein Folgeposting befindet sich hier.

Montag, 13. Januar 2014

Thron eingestürzt!

Es ist zwar Mitte Januar, aber irgendwie fühlt es sich wie März an. Dass dieser Eindruck nicht täuscht, zeigen uns auch die Eiskaskaden. Eine um die andere geht "viel zu früh" von dannen. So zum Beispiel diesen letzten Sonntag der Thron im Avers. Vormittags wurde er, wie auch am Tag zuvor, noch "bei guten Bedingungen" begangen, am Nachmittag war er weg. 

Diesen Vorfall möchte ich zum Anlass nehmen, um ein bisschen über das Verhalten des Homo Alpinensis nachzudenken. Dies soll keine Anklage von einzelnen Personen oder Personengruppen sein, und ich nehme mich selber von dieser Kritik auch gar nicht aus. Ich stelle einfach fest, dass die Tourenwahl in diesem verkorksten Winter oft mehr vom Wunschdenken als von der Vernunft geleitet wird. Da werden bei gefährlichen Verhältnissen auf Teufel komm raus steile Skitouren unternommen, mürbe gewordene Eisfälle angepackt und es wird selbst bei üblem Tauwetter in Nordwände eingestiegen.

Bild von Bodhi Climbing auf Facebook, aufgenommen am 12.1.2014.
Dabei sollte die Maxime für die Wahl solch alpiner Unternehmungen nicht lauten "ich will jetzt hin, es wird schon gehen", sondern man sollte sich viel mehr fragen, ob nicht ein besserer Tag kommen wird, wo man die entsprechende Tour bei besseren und vor allem viel sichereren Verhältnissen geniessen kann. Die Tourenwahl sollte doch von den aktuellen Möglichkeiten und Bedingungen geleitet sein, unter dem Bestreben die Risiken bestmöglichst zu minimieren - und nicht in erster Linie von den eigenen Ambitionen. Klar, dies ist derzeit eine bittere Pille, die es zu schlucken gilt, denn die eigentlich idealen Tage für winterliche Klettereien gehen vorbei und kommen diese Saison kaum mehr zurück. Dennoch ist es sicher besser, diese Pille zu schlucken als einen Unfall zu erleiden. Stay safe!

Tägliche Durchschnittstemperatur mit Max/Min seit Anfang Jahr in Hinterrhein (1620m, ca. 20km vom Thron entfernt).
Temperaturverlauf in Hinterrhein am Einsturztag, 12.1.2014. Beide Bilder sind von der Seite wettermelder.sf.tv.