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Dienstag, 7. Juli 2026

Eiger Nordwand - Golden Shower (7b)

Zum MSL-Klettern in der Eiger Nordwand hatte ich seit der Finalisierung von Adam und Evi im Sommer 2018 nie mehr geschafft. Dabei hatte sich seitdem eine ganze Menge getan: am Rotstock, den Westausläufern der Nordwand und sogar am Genfer Pfeiler sind neue Routen entstanden. Mit der fortwährenden Hitzewelle im Juni 2026 besannen wir uns jedoch auf hoch gelegene und schattige Kletterziele. Ob die Reste von Schnee und Eis bereits verschwunden wären?!? Die Webcams liessen es vermuten und tatsächlich trafen wir auf exzellente Bedingungen. Mit dem starken Bernat am Ruder wählten wir eine der anspruchvollsten Routen: die Golden Shower, wo eine als 7b expo angegebene Passage aufhorchen lässt.

Blick auf den westlichen Teil der Eiger Nordwand mit Zustieg und Verlauf von Golden Shower.

Die wesentliche Neuerung seit meinem letzten Besuch ist die V-Bahn, heute bekannt mit dem kommerziellen Namen Eiger Express. Anstatt wie früher mit der Zahnradbahn via Kleine Scheidegg nach Eigergletscher zu bummeln, erreicht man diesen Ausgangspunkt nun in nur 15 Minuten ab Grindelwald und gondelt dabei fast vor dem Einstieg durch. Ich hätte mir nicht ausgemalt, wie stark dies die Wahrnehmung der Touren in der Eiger Nordwand verändert. Der letzte Rest vom wilden Abenteuer-Ambiente hat sich in Luft aufgelöst. Man kriegt den Eindruck von "normalem" MSL-Sportklettern mit einem kurzen und bequemen Zustieg. Nur tief ins Portemonnaie greifen heisst es: auf sehr stolze 81.20 CHF beläuft sich der Normaltarif, immerhin gibt's mit Halbtax 50% Erlass. Die Anreise per E-Bike (gut bis Eigergletscher möglich) böte wohl mehr zur Einstimmung auf die Tour, noch könnte man einen sehr schönen Batzen ins Amortisationskässeli des Zweirads legen und sich die gesalzene Parkgebühr auch noch ersparen.

Impression vom Zustieg - auch hier in der Eiger Nordwand gibt es genauso wie in den von uns die Tage zuvor und danach besuchten Sektoren am Mähren und der Titlis Nordwand viele verrottete Seilreste. Teilweise auf dem Zustieg, aber auch in den Wänden. Ich empfinde das als störend für Auge und Ambiente, nutzbar sind diese Stricke sicherlich nicht mehr. Insofern wäre eine Aufräumaktion an diesen Orten sicherlich ein Gewinn.

Nachdem ich auf der Anfahrt um 6 Uhr morgens 20 Minuten an Stillstand für den amerikanischen Vizepräsidenten erdauern musste, reichte es um genau diese Verzögerung nicht mehr auf die erste Bahn um 7.45 Uhr. Um ca. 8.25 Uhr fanden wir unseren Weg aus dem Stationsgebäude und folgten dem Eiger-Trail bis zur Abzweigung zum Rotstock-Klettersteig. Diesen gilt es über die ersten paar Leitern hinauf zu verfolgen, bevor man bei der ersten sinnvollen Möglichkeit (eher früher als gedacht) nach links hinausquert (markante, ca. 40cm aus dem Boden ragenden Eisenstange, evtl. Steinmann). Über gut begehbare Schuttbänder traversiert man nach links. Der Einstieg ist nicht näher bezeichnet, aber am Fusse des goldenen Pfeilers gut zu lokalisieren, es steckt ein einzelner Mammut-Longlife-BH als Erkennungsmerkmal. In rund 40 Minuten Gehzeit hatten wir den Start erreicht und legten etwas nach 9.30 Uhr los.

L1, 25m, 6c: Ein ziemlich herber Auftakt, ein paar Turnübungen vor dem Losklettern für die Gelenke und das mentale Korsett schaden sicherlich nicht! Der plattige Start ist nicht das Hauptproblem (wenn auch nicht ganz easy), sondern die folgende,  leicht überhängende Wand. Bald einmal merkt man: so richtig nahe sind die Bolts hier nicht gesetzt. Und die Crux ist zwingend an etwas unsicherem Fels. Man muss entschlossen von nicht 100% stabilen Leisten auf etwas Unsichtbares ziehen, das eher brüchig aussieht. Naja, ging dann aber doch - dennoch, hart für den Grad, 6c+ wäre bestimmt nicht gestohlen.

Meine Beschreibung von L1 (6c) tönt nicht nach Schonprogramm - mit dem Foto nachvollziehbar?

L2, 25m, 7a: Die Betriebstemperatur ist hoffentlich erreicht, denn hier wartet ein bockharter Start an kleinen Leisten und minimalen Tritten in glatter Wand. Hier sind die Haken nahe, aber Vollgas ballern heisst das Motto. Zur Einstufung würde ich sagen: absolutely heinous für 7a, es fühlte sich nach mindestens einem 6C-Boulder an, sowohl die 7b+ der Gemini wie auch die obere 7b+ der Colibri (Blog folgt...) fand ich klar einfacher. Hier war meine Hoffnung auf einen Durchstieg jedenfalls schon zu Ende, im etwa dritten Anlauf konnte ich die Moves dann entschlüsseln. Nach der Crux ist es vorerst gängiger, doch das Ende ist nochmals überraschend pumpig, liess sich aber wegschütteln.

Im Vordergrund die sehr harte Crux von L2 (7a) im Goldstreifen - danach schütteln und dranbleiben!

L3, 25m, 6a+: Endlich eine richtige Genusslänge, auch wenn der Start noch eher chossy ist. Das lässt sich mit etwas Erfahrung aber gut regeln und ist dank einem Top-Placement für einen Cam 2 auch safe. Die letzten zwei Drittel sind dann echt super in senkrechtem, aber unverschämt griffigem Fels. Etwas luftig gesichert, was bei diesem Charakter aber schon passt.

Tolle Genusskletterei in solidem, unverschämt griffigem Fels wartet im oberen Teil von L3 (6a+).

L4, 40m, 7a: Eine tolle Länge in meist sehr gutem Fels, mit der einen oder anderen kurzen Ausnahme.  Die für 7a wiederum harte Crux an kleinen Leisten wartet am vierten BH. Sie ist sicher gängiger wie L2, schwer tat ich mich trotzdem: die höheren Tritte waren zu hoch, um diese Mikroleisten bedienen zu können, die unteren dafür zu tief. Oder dann halt einfach die Finger zu schwach... Der obere Teil der Länge ist zugänglicher, verläuft teilweise in sehr schönem Fels und hat ähnlichen Charakter wie L3.

Coole Kletterei am Ende von L4 (7a), die Crux längst hinter sich - hier mit einem Mantle-Problem.

L5, 25m, 5c: Teils neben, dann an und zuletzt sogar fast in der Verschneidung vom markanten Pfeiler spielt sich diese Seillänge ab. Was von unten einen alpinen Eindruck vermittelt, entpuppt sich als tolle Plaisir-Turnerei an guten Griffen in solidem Fels. Auch wenn nur gerade 3 BH stecken, so ist die Absicherung dank dem griffigen Charakter und mobilen Ergänzungsmöglichkeiten gut.

In L5 (5c) geht's entlang der Verschneidung, am Ende sogar dann fast kaminartig.

L6, 40m, 6a+: Vom coolen, topfebenen Standplatz auf dem Turm geht's weiter. Die folgende Wand bietet soo viele sloprige Löcher - und ist trotz dem moderaten Grad anhaltend und steil. Mit nur 4 BH ist auch diese Länge nicht üppig ausgestattet. Dank gutem Fels und Griffen sowie Legemöglichkeiten ist's aber trotzdem nicht unangenehm. Erst der einfache Schluss ist alpiner mit weitem Abstand zum Stand (Cam-Möglichkeiten). Dieser befindet sich einige Meter vor dem Erreichen des Tops vom Pfeiler und ist links an der Kante an fürs Abseilen optimierter Stelle leicht zu übersehen.

Sieht etwas alpin aus, dabei bietet L6 (6a+) tolle Genusskletterei!

L7, 40m, Gehgelände: Es gilt etwas linkshaltend hinauf über das relativ flache Schuttband zu steigen. Dieses ist gut begehbar und es besteht kaum das Risiko, Steine in die Tiefe zu schicken. Die Fortsetzung ist schon vom unteren Stand sichtbar. Wenn man will/muss, könnte man hier auch problemlos auf eine andere (einfachere) Route wechseln.

Ausblick auf das Band (L7) und den oberen Teil, wo die Route durch die steile Wand in Bildmitte verläuft.

L8, 30m, 7b: Let the ballergames start again! Die Sache in einem goldenen Wandabschnitt hat einen ähnlichen Charakter wie der Auftakt in L2: kleine Leisten, minimale Tritte, glatte Wand. Der klare Unterschied: die Stelle am zweiten BH kriegte ich trotz mehrerer Versuche nicht frei hin. Für mich ist das mit dem Grad 7b nicht vereinbar und auch Bernat, welcher zuvor die Gemini (7c) und danach die Colibri (7b+) als harte Elemente ihrer Währung mühelos onsighten konnte, brauchte hier einen zweiten Go. Zu erwähnen ist die expo-Stelle zum dritten BH: sicherlich potenziell heikel, aber es kommen dann schon gute Leisten - an diesen stürzen Leute, die bis dahin gekommen sind, eher nicht. Und wenn, dann könnte es bei aufmerksamer und gekonnter Sicherung auch glimpflich ausgehen. Aber es lässt sich nicht wegreden: der Boden ist nah! Nach diesem Feat kommt nochmals eine ätzend-wacklige Stelle, wobei der vierte BH etwas rechts ausserhalb vom besten Verlauf steckt. Dann wird es erst gängiger, bevor das anhaltende Finish an rund-sloprigen Löchern prüft, wie viele Körner noch im Akku sind.

Blick auf die ziemlich blanke Cruxzone von L8 (7b).

Die Gegenperspektive: der obere Teil von L8 (7b) bietet pumpige Ausdauer an angenehmen Griffen.

L9, 25m, 7a: Eine etwas umwegige Passage durch die Wand (zwei BH im ersten Teil gut verlängern) bei nicht überragender Felsqualität, d.h. teils splittriger Oberfläche. Immerhin: heikel ist es hier (auch dank guter Absicherung) nicht. In Erinnerung bleibt sicher die coole Balance-Traverse in der Mitte. Ja, es geht ohne Wegkippen - erinnere dich genau an diese Worte, wenn du dort bist :-) Nachher hatten die Erschliesser etwas Glück, dass die Passage mit (unerwarteten) Leisten am genau richtigen Ort so schön aufging. Hinweis: Bruchschuppe mitnutzen, die Crimps in der rechten Wand jedoch nicht vergessen. Als einzige der Siebnerlängen fand ich hier den Grad ok (evtl. auch nur wegen Grössenvorteil ;-)).

Puh, in L9 doch noch eine 7a geschafft - in dieser Route musste ich froh drum sein.

L10, 20m, 6c: Nur noch eine 20m lange 6c, so denkt bzw. hofft man gerne. Aber nein, gratis kommt man hier nicht zum Top. Der Anfang geht ja noch, bietet aber auch schon ein paar tricky Moves. Und die gute Absicherung am finalen Wulst bezahlt man mit einer fusslastigen Passage davor an Seitgriffen, zwingend zwischen den BH. Ohne Rastpunkt hängt man eine taffe, trittarm-physische Stelle an Leisten an, bevor das athletische Dessert über den Wulst noch die Ausdauer fordert. Seriously: anderswo auf MSL kriegt man für dieses Programm bestimmt auch eine 7a+ notiert.

Zwar nur 20m lang, aber nochmals steil und alles abverlangend ist L10 (6c).

L11, 15m, 5b: Für den bequemsten Heimweg klettern wir diese easy Traverse nach links. Es ist tatsächlich sehr schottrig, man suche die soliden Griffe. Mit Alpinistenherz geht's aber schon, und auch dieses erfreut sich bestimmt ab den zwei vorhandenen BH.

Der Genfer Pfeiler im Background gibt hier mehr her wie der Akteur in der Exit Pitch (L11, 5a).

Um 16.20 Uhr und damit erst nach rund 6:45h der Kletterei waren wir am Top. Fortwährende Dechiffrier-Aktionen unterwegs, ein Second Go in der Crux und zwischendurch auch umsichtiges Klettern auf nicht zu 100% solidem Fels hatten Zeit beansprucht. Aber wir hatten sie, denn das Wetter blieb stabil und ein rascher Rückweg ins Tal war uns gewiss. Dennoch hielten wir uns am Top nicht lange auf. Wir kletterten links (im Aufstiegssinn) in die Scharte ab, dann rückseitig plattig runter in exponiertem Gelände bis zu einem Fixseil, das bald in einfacheres Terrain führte. Eine Abseilmöglichkeit (wie im Extrem West beschrieben) konnten wir nicht identifizieren, sie ist auch nicht zwingend nötig. Nachher traversiert man etwas aufsteigend den folgenden Kessel in die Westflanke, wo man auf die Wegspuren zum Rotstock-Sattel trifft und von diesem über den markierten Steig retour nach Eigergletscher geht (ca. 40 Minuten).

Ganz Nordwand-typisch scheint einem am Ausstieg das erste Mal die Sonne ins Gesicht :-)

In die Gondel konnten wir unverzüglich einsteigen und waren fast alleine. Da blieb ausreichend Zeit zur Kontemplation: uns kam die Route doch recht anspruchsvoll bzw. hart bewertet vor. Während die korrekte Kalibrierung der Schwierigkeitsangaben endloser Diskussionen Anlass ist, so lässt sich ein Route-zu-Route-Vergleich innerhalb von wenigen Tagen leichter vollziehen. Jedenfalls: die laut dem Kletterführer-Papier eine Stufe höher eingeschätzte Gemini an den Wenden und die Colibri am Titlis (Blog folgt...) hatten wir als leichter empfunden. Hey, und am Tag zuvor hatte ich beim Sportklettern noch eine 7c im First Go ziehen können. Da erwartet man nicht unbedingt, in einer 6c schon Blut zu schwitzen und in einer 7a zu scheitern. Aber vielleicht war halt genau deswegen mein Pulver schon verschossen. Man bilde sich bezüglich der Schwierigkeitsgrade also seine eigene Meinung, wir gehen hier zu den harten Facts weiteren subjektiven Einschätzungen über ;-)

Blick auf die Eiger-Westflanke, Mönch und Jungfrau haben auf diesem Pano auch noch Platz.

Facts

Eiger Nordwand - Golden Shower 7b (7a obl.) - 11 SL, 310m - Allemann/Stadler 2017-2019 - ***;xxx
Material: 50m-Seil, 12 Express, Cams 0.3-2

Interessante, spannende alpine MSL-Sportkletterei mit unkompliziertem Zu- und Abstieg. Hoch gelegen und ganztags schattig, ideal für Hitzeperioden. Die Route hat mir gut gefallen, mich jedoch nicht restlos begeistert. Ein Teil davon ist vielleicht persönlich: an den schwierigen Stellen nutzt man oft etwas fragile Strukturen. Dabei kann man sich nicht "leicht machen", sondern muss so klettern, dass man diese mit aller Gewalt aus der Wand zu reissen versucht - nicht so mein Ding. Sowieso liegt mir die harte Ballerei an kleinen Steller-Leisten eher weniger. Es fühlte sich wiederholt so an, als ob es gleich in den Ringbändern knallt - umso mehr, wenn zur Unzeit ein Griff oder Tritt bricht, wofür das Risiko klar gegeben ist. Sehr gut möglich, dass ich mit (m)einer Portion Altersweisheit deswegen nicht 100% zu geben bereit war und die Kletterei schwieriger empfunden habe, als sie tatsächlich ist. Festhalten möchte ich noch, dass ich a) die gesamte Route ohne Griff-/Trittausbruch geklettert habe und mir b) die Passage von L3 bis aufs Band am besten gefallen hat. Die Absicherung darf man sicherlich als gut bezeichnen, Stufe 3/5 finde ich korrekt. Es stecken rostfreie BH, wir haben es nirgendwo als besonders heikel empfunden. Eine Einschätzung zur Expo-Stelle liest man im Text der Routenbeschreibung. Trotzdem hätte ich mir tendenziell eher mal noch einen BH mehr gewünscht - man muss oft auch zwischen den Haken hart ziehen, an Strukturen wo man nicht so recht weiss, ob sie standhalten oder nicht - nicht so das Wohlfühlprogramm. Sicher mitzuführen ist übrigens ein Set Cams von 0.3-2, welches an diversen Stellen zwingend einzusetzen ist. Weitere Infos zur Route findet man auf der Webseite der Erschliesser und im Schweiz Extrem West, Band II.


Sonntag, 19. August 2018

Eiger Nordwand - Adam & Evi (7a+, 10 SL, Erstbegehung)

Einmal eine Route an der 'Wand der Wände' in der Schweiz einzurichten, das war ein grosser Wunsch von mir. Normalerweise assoziiert man die Eiger Nordwand eher mit einem gefährlichen Abenteuer in Eis, Schnee und brüchigem Fels als mit alpinem Sportklettern. Doch schon seit einiger Zeit hat sich herumgesprochen, dass man im westlichen, gut zugänglichen Teil der Nordwand vielerorts auf hervorragendes Gestein trifft, das exzellente Routen in einem einmaligen Ambiente bereithält. Bei der Begehung der Freakonomics im 2011 und der Deep Blue Sea im 2012 hatte ich das Potenzial erkannt, am Genfer Pfeiler eine Neutour einrichten zu können. Wenig später stand ich das erste Mal mit der Bohrmaschine am Einstieg. Nach einer beinahe biblischen Enstehungsgeschichte über die Zeitdauer von 6 Jahren hat mein Projekt nun am 12. August 2018 mit der Rotpunkt-Begehung seinen Abschluss gefunden.

Die Eiger Nordwand mit dem im wolkenfreien Bereich markant hervortretenden Genfer Pfeiler im rechten Bilddrittel.
Die lange Erschliessungsdauer versteht sich von selbst, wenn man sich bewusst wird, dass wir hier von einer schattigen Nordwand auf 3000m Höhe sprechen. Genussvoll klettern kann man hier in erster Linie im Hochsommer an wetterstabilen Hitzetagen nach einer Trockenperiode (>30 Grad im Flachland, Nullgradgrenze >4000m). Und auch wenn die Route gut und ab dem Eigergletscher rasch zugänglich ist, so befindet sie sich dann doch nicht in meinem Vorgarten und ein Besuch am Genfer Pfeiler ist auf jeden Fall eine ausgedehnte Tagesunternehmung. Ein ganz herzlicher Dank gebührt an dieser Stelle an Evelyne, welche mich am ersten Bohrtag ganz uneigennützig begleitet hat. Ohne sie hätte ich dieses Projekt damals nicht sogleich nach der Begehung der Deep Blue Sea starten können und es wäre wohl im Lauf der Zeit wieder in Vergessenheit geraten. An diesem Tag schafften wir es, die ersten beiden Seillängen einzubohren, seilten dann wieder ab und stiegen entlang der damals maroden Fixseile etwas weiter westlich wieder zum Grat auf. Und genau aus diesem Grund heisst die Route auch so, wie sie heisst. Nein, ich bin nicht der Adam und man muss auch keiner sein, um die Tour zu klettern - aber mit Blick auf die lange Erschliessungsgeschichte und Evis Beitrag lag's auf der Hand, den Namen so zu wählen.

Der gewaltige Genfer Pfeiler im Morgenlicht mit dem Verlauf von 'Adam & Evi' (7a+). Foto: Daniel B.
Das nächste Mal vor Ort war ich dann ein Jahr später, am Folgetag der Löcherspiel-Begehung. Damals schaffte ich die nächsten drei Seillängen (L3-L5), somit war der untere Teil bereits komplett. Doch zur Fertigstellung war noch ein langer Schnauf nötig! Den nächsten, sehr langen Bohrtag gab's erst im 2015, um an der oberen Hälfte zu arbeiten. Ich hatte damals bewusst den Gleitschirm mitgenommen, damit ich nicht auf die letzte Bahn um 18 Uhr für die Talfahrt angewiesen war. Als ich diese von weit oben am Berg davonrattern sah, war mir plötzlich bewusst, in was für eine Lage ich mich begeben hatte. Zu dem Zeitpunkt war ich von der Bohrerei völlig ausgepowert, Getränke und Food waren ebenfalls aufgezehrt. Wenn's mit dem Flug nicht geklappt hätte, so wäre mir noch eine ellenlange Wanderung mit einer mordsschweren Packung bevorgestanden. Mit zittriger Hand und klopfendem Herzen drapierte ich spätabends meinen Schirm bei wechselhaften Windverhältnissen. Ja, es klappte schliesslich und ich konnte sanft ins Tal gleiten - trotzdem schwor ich mir damals, mich nicht mehr so extrem auf Gedeih und Verderb auf eine Fluggelegenheit zu verlassen.

Der Routenverlauf im oberen Teil. Die Exposition hier ist NW, am Nachmittag kann man an der Sonne klettern.
Im 2016 kam mir die Sache mit dem Hängegletscher in die Quere, während der Zeit wo sich gute Bedingungen mit meiner Verfügbarkeit überschnitten, war der Zustieg in der Westflanke sogar offiziell gesperrt (inzwischen hat sich die Lage entspannt, man kann wieder ganz normal über die Westflanke zusteigen!). Im 2017 ergab es sich dann aus ferientechnischen Gründen nicht und somit sind wir bereits beim aktuellen Jahr. Hier konnte ich, teils mit der Mithilfe von meinem Vater Sepp, die noch fehlenden Meter einbohren. Spätabends waren wir am Tag zuvor aus den Kletterferien heimgekehrt, ich machte ich mich umgehend ans Auspacken, um danach die Bohrausrüstung zusammenzuklauben. Viele Stunden Schlaf gab's anschliessend nicht mehr, denn wir wollten ja auf die erste Bahn zum Eigergletscher. Komplett verrückt eigentlich, aber ohne einen die absolute Passion und einen gewissen Einsatz geht's nicht, wenn man als berufstätiger Familienvater solche Routen einrichten will. Dies von den rund 500 CHF für die Bohrhaken und einem noch grösseren Betrag für Fahrspesen und Billette einmal abgesehen... wobei sich definitiv jeder Cent mehr als gelohnt hat! Jedenfalls war die Route nun komplett und ich fieberte darauf hin, sie endlich einmal komplett am Stück klettern zu können. Nach einer wöchigen Periode mit instabil-gewittrigem Wetter war es schliesslich soweit, dass ich mit Kathrin angreifen konnte.

Typisches Zustiegsgelände: geröllige Bänder mit Stufen drin. An sich problemlos begehbar, trotzdem nicht ganz harmlos.
Wie üblich nahmen wir die erste Bahn um 7.25 Uhr in Grindewald Grund. In gut 45 Minuten mit Umsteigen auf der Kleinen Scheidegg gelangt man zum Ausgangspunkt beim Eigergletscher. Es wird prognostiziert, dass sich dieser Teil der Reise zukünftig mit der sich bereits im Bau befindenden V-Bahn zeitlich massiv reduzieren wird. Von dort steigt man in die Westflanke ein, es sind deutliche Pfadspuren vorhanden, weiter oben bis zum Rotstocksattel dann auch Markierungen und Fixseile. Von diesem Sattel erst dem Weglein entlang übers Geröll hoch und dann in einer Links-Rechts-Links-Schleife über die etwas steileren, schuttbedeckten Platten und zuletzt wieder über Geröll zum Depot am Fuss des Genfer Pfeilers auf ~2900m. Bis dahin sind also ~600hm zu überwinden, was bei normalem Gehtempo rund eine Stunde in Anspruch nimmt. Um an den Einstieg zu gelangen, seilt man am einfachsten 3x über die Freakonomics ab. Das geht sehr zügig, die Strecken betragen je 40-50m und das Gelände ist sehr steil. Danach muss man noch 15m auf dem gut begehbaren Band nach links queren und es kann losgehen. Einige Minuten nach 10.00 Uhr waren wir schliesslich, bereit.

Hier geht's los! Bin gespannt, wie lange die Farbe halten wird...
L1, 40m, 7a: Die erste Seillänge präsentiert sich als wahre Knallerplatte. Die ersten 10m lassen sich an griffigen Löchern noch gut klettern, doch dann beginnt der Ernst der Sache. Die teils seichten Löcher und kleinen, scharfen Leisten wollen in eine Sequenz eingereiht werden und es warten gleich mehrere knifflige Boulder. Das Einbohren dieser Länge lag bereits 6 Jahre zurück, somit hatte ich natürlich keine Ahnung mehr von der richtigen Beta. Kommt noch hinzu, dass ich in der Erwartung von plattiger Kletterei mit Socken und den Quadratlatschen angetreten war - völlig falsch, muss man doch effizient auf kleine Leisten und in Löcher treten. Noch dazu hatte ich während dem Anschreiben der Route in den Kletterfinken kalte Füsse bekommen, welche nach einer Weile nur noch gefühllose Klumpen waren, ziemlich suboptimal. Doch beharrlich kämpfte ich mich durch und konnte die Länge schlussendlich mit vollem Einsatz punkten. Daher Bewertungsvorschlag 7a!?! Oder würde man das mit dem richtigen Gummi am Fuss und bei guten Bedingungen nur als 6c empfinden?!? Schwierig zu sagen, jedenfalls ist's sicher deutlich schwieriger wie L1 (6c+) von Freakonomics.

Ziemliche Knallerplatte in L1 (7a), über eine längere Strecke anhaltend schwierig zu klettern.
L2, 30m, 6b+: In meiner Erinnerung hatte ich eine Boulderstelle bald nach Beginn und dann eine formidable Turnerei. Genau so entpuppte sich die Sache auch 6 Jahre später wieder. Der Boulder war jedoch (mit nun aufgetauten Gliedern, ohne Socken und mit den präzisen Schuhen) doch ziemlich viel einfacher wie befürchtet, vielleicht reicht auch 6b als Bewertung?!? Der zweite Teil der Seillänge dann wirklich spektakulär und genussreich, der Felscharakter ähnlich wie an den Wendenstöcken!

Spektakuläre und griffige Kletterei im oberen Teil von L2 (6b+), der Fels erinnert an die Wendenstöcke.
L3, 30m, 6c+: Eine spektakuläre, athletische Seillänge an guten Griffen! Vorerst geht's moderat und in gleich schönem Fels weiter wie zuletzt gehabt. Am dachartigen Überhang selber befinden sich dann Henkel und auch ein paar Aufleger. Mit ein paar athletisch-weiten Moves und etwas Entschlossenheit geht's darüber hinweg. Doch auch danach lässt es nicht gleich nach, der Ausdauerfaktor und die Übersicht kommen zu tragen, erst die letzten Meter hinauf in die Standnische sind dann markant einfacher. Als Bewertung passt wohl 6c oder 6c+?!?

Kleiner Wasserstreifen am Ende von L3 (6c+), man konnte daneben klettern ohne einen einzigen feuchten Griff zu nutzen.
L4, 45m, 6b: Unglaublich spektakulär, wie sich die Felsstruktur von der einen zur anderen Seillänge ändert! Hatten wir zuletzt Henkel und horizontal-positive Leisten, gibt's hier nun 'buchi da Ceüse', d.h. sloprige Löcher und diagonale Strukturen. In einer Rechtsschleife geht's aus dem Stand raus und dann 'geng gredi' - super lässige, lange und anhaltende Turnerei. Diese Seillänge ist sicher jene, welche in Bezug auf die Nässe am problematischsten ist. Dank Einfachheit, Griffigkeit und der guten Absicherung sollte man aber wohl auch dann durchkommen?!?

Super lässige Lochkletterei, fast à la Ceüse, wartet in der letzten Seillänge vom unteren Wandteil (L4, 6b).
L5, 30m, 3a: Nach L4 befindet man sich wenige Meter vom Abseilpunkt der Freakonomics und damit dem Depot entfernt. Also ein idealer Zeitpunkt, um sich zu verpflegen und allenfalls einige Kleider zurückzulassen, den nun geht's von der schattigen Nordwand in die am Nachmittag sonnige NW-Wand. Das Überführungsstück zum oberen Wandteil ist problemlos, wer will kann auch noch den Bohrhaken für das Fixseil vom Deep Blue Sea Notausstieg einhängen.

L6, 25m, 7a+: Vom selben Punkt wie die Freakonomics geht's weiter. Während erstere die markante, etwas grimmige Rissverschneidung hochführt (die im trockenen Sommer 2018 dauernass und daher kaum kletterbar war!), zieht meine Route über den Bauch in die rechte Verschneidungswand und um die Kante. Athletisch geht's an ein paar Löchern los, dann an kleinen, scharfen Crimps und flachen Leisten weiter. Die Felsqualität wird nach den ersten 3-4m mega! Die Crux folgt nach dem dritten Haken und ist vorzugsweise direkt am Bauch zu klettern. So hatte ich das beim Bohren angedacht und auch beim Punkten geklettert. Ich wurde mir aber gewahr, dass man an dieser Stelle eventuell linkshaltend auskneifen kann - sicher weniger empfehlenswert, möglicherweise auch heikel wegen dem Seilverlauf. Danach heisst's dann in ausdauerndem Gelände dranbleiben, zuletzt biegt man um die Kante zu Stand.

Hammermässige, athletische Kletterei an super Fels wartet in L6 (7a+).
L7, 35m, 7a: Hinein in die schöne Rissverschneidung oberhalb vom Stand, erst auch gar noch nicht mal so schwierig. Doch sie steilt sich auf und es bleibt schliesslich nur der Ausweg nach rechts in henkliges Gelände. Das Problem stellt die Absenz von nutzbaren Tritten dar, weshalb ich das Ganze schliesslich in Campus-Manier gemeistert habe und dabei ganz schön an die Grenze kam. Ist's tatsächlich eine 7a oder habe ich es so schlecht erwischt?!? Die Zeit wird es zeigen. Danach geht's nach rechts, an griffigen Rissen aufwärts (mit der Möglichkeit, ein paar Cams zu versorgen, was mir jedoch nicht wirklich nötig scheint), bevor zuletzt ein plattiger Quergang nach links zum Stand an der Kante erfolgt.

Coole Kletterei an griffigen Rissen im oberen Teil von L7 (7a), wo unterhalb eine schwierige athletische Stelle wartet.
L8, 25m, 6c: Eine ganz lässige Seillänge mit hervorragender Felsqualität - kompakt-rauer Plattenkalk und Aufleger, man fühlt sich plötzlich wie im Rätikon! Nie ganz trivial, aber bevor es wirklich schwierig würde, taucht doch wieder eine nutzbare Struktur auf. Nur gegen das Ende hin ist dann auf einmal etwas Entschlossenheit nötig - möglicherweise auch die zwingendste Stelle der ganzen Route, wobei das immer schwierig zu sagen ist, wenn man alles gut klettern kann.

Kompakt-rauer Plattenkalk und Aufleger, fast wie im Rätikon warten in L8 (6c). Kathrin gerade in der zwingenden Stelle.
L9, 35m, 7a: Achtung, der Kletterer sollte hier rechts (!) der Sicherungsperson starten und gleich einen zupfigen Boulder an stark wasserzerfressenem Fels aus dem Stand raus klettern. So ist das auch tiptop gesichert. Linksherum probieren wäre hingegen definitiv expo (und ich vermute, es ist nicht einfacher, bzw. gar nicht möglich). Nun geht's rechts um die überhängende, sehr luftig exponierte Nase herum, gefolgt von einer Boulderstelle an erst feinen Leisten. Da sieht man dann, wie viel Crimp-Strom noch vorhanden ist! Nach der ersten Hälfte der Seillänge lassen die Schwierigkeiten dann etwas nach, worüber man vermutlich gar nicht unfroh ist.

Fantastischer Tiefblick auf die grünen Weiden unter der Nordwand am Ende von L9 (7a).
L10, 25m, 6a: Vom Stand geht's griffig über den steilen Wulst auffi, danach wird das Gelände einfacher. Auf den letzten 15m zum Top im dritten/vierten Grad ist das Gestein nicht mehr sonderlich kompakt und es liegen lose Steine herum. Mir ist's sowohl beim Bohren wie auch beim Punkten gelungen, keinen einzigen Stein in die Tiefe zu schicken. Der Stand unterhalb ist allerdings für den Fall des Falls gut geschützt, so dass die Sicherungsperson safe positioniert ist.

Wie bei allen anderen Routen auch sind die letzten 15 Meter nicht mehr super kompakt, das gehört am Eiger einfach dazu!
Um 16.30 Uhr und damit rund 6:30 Stunden nach Beginn der Kletterei hatten wir das Top erreicht. Von dort sind's keine 5m zum Biwakplatz auf dem Genfer Pfeiler, wer also spät dran ist, muss nicht mehr lange nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen. Für Wiederholer, welche der Route nur einigermassen gewachsen sind, wird's nach Aufbruch mit dem ersten Zug aber bestimmt gut reichen, die letzte Bahn zu erwischen (fährt derzeit um 18.08 Uhr am Eigergletscher). Wir hatten uns unterwegs viel Zeit zur Freikletterei an beiden Seilenden gelassen, Verpflegungspausen eingelegt, die Route markiert, usw.. Trotzdem blieb uns am Top noch Zeit, eine halbe Stunde mit einem vor Ort biwakieren wollenden Bergsteiger zu plaudern, der extra aus South Carolina (USA) angereist war, um den Eiger über die Westflanke zu besteigen - dem Vernehmen nach waren exakt 160 Jahre seit der Erstbesteigung des Berges über ebendiese Route vergangen!

Ambiente im Abstieg zum Eigergletscher. Einfach eine wunderbare Berggegend hier!
Für den Abstieg heisst's, vom Top ca. 250m nach Westen zu queren - erst horizontal, dann etwas absteigend. Es sind Wegspuren und wohl meist auch Steinmänner vorhanden, welche einen zur Rinne leiten, an welchen entlang von Fixseilen über dies Stufe abgestiegen wird. Danach in gerölligem Gelände in total nur 15-20 Minuten zurück zum Depot. Wer sich das Gewicht für die Schuhe sparen will: ich bin diesen Abstieg auch schon in Kletterfinken gegangen, für meinen Geschmack ist das so gut und problemlos möglich. Vom Depot zurück zum Eigergletscher geht's dann auf dem Aufstiegsweg, wofür nochmals etwa 40 Minuten zu veranschlagen sind. Wenn's pressiert, dann geht's sicher auch noch ein paar Minuten schneller. In unserem Fall war das nicht nötig - bereits 15 Minuten vor Abfahrt sitzen wir auf dem Bänkli vor der Station, können in die Westflanke hinaufschauen und konstatieren, dass dies nun alles in allem einfach eine total geniale Sache war!

Facts

Eiger Nordwand - Adam & Evi 7a+ (6b+ obl.) - 10 SL, 320m - M. Dettling et al. 2018 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seil, 10-12 Express, evtl. Camalots 0.3-1

Alpine Sportklettertour am Genfer Pfeiler in der Eiger Nordwand, die sehr viel Abwechslung bietet. Von der Knallerplatte zu griffiger Wandkletterei, über henklige Überhänge zu fantastischem Lochfels, wasserzerfressenem Crimpy-Gelände, ein paar griffigen Rissen und sogar rätikonartigem Plattenkalk ist fast alles vorhanden. Die Felsqualität ist über weite Strecken sehr gut bis hervorragend. Wie überall am Eiger liegt hier und da etwas loses Geröll auf den Bändern und Griffausbruch-Spezialisten werden garantiert die Möglichkeit finden, ihr Metier zu praktizieren. Der Zugang zum Depot in Routenmitte erfolgt problemlos vom Eigergletscher in ca. 60 Minuten, dann wird am besten 3x à 40-50m über Freakonomics zum Einstieg abgeseilt. Alternativ kann man die Fixseilpiste weiter westlich zum Abstieg benutzen, über welche im Notfall auch aufgestiegen werden kann (ca. 100m, 3./4. Grad im Aufstieg, gebohrte Standplätze und Fixseile vorhanden). Die Route ist fair und solide mit Inox-Bohrhaken abgesichert (Niveau xxxx), in L1-L4 mit Irniger-Laschen, in L6-L10 mit Austrialpin-Laschen. Hier und da lässt sich sicher noch ein Cam der Grössen 0.3-1 platzieren, persönlich empfinde ich dies jedoch nicht als notwendig und trete nur mit Expressschlingen am Gurt an. Der Abstieg vom Top am Genfer Pfeiler erfolgt am schnellsten und einfachsten zu Fuss (auch in Kletterfinken machbar). Ein Rückzug/Abseilen über die Route ist sowohl im unteren wie auch im oberen Teil problemlos möglich, jedoch im Vergleich zu den Alternativen (unten: Zugang via Abseilen über Freakonomics, oben: Fussabstieg) nicht erste Wahl und daher zur Zeit der Erstbegehung nicht eingerichtet. Hinweis: auf der Panorama-Webcam vom Lauberhorn (Zoom möglich!) kann man die Verhältnisse im Gebiet sehr gut einschätzen. Ein PDF-Topo mit allen Informationen kann man hier runterladen.

Hinweis

Der Route fehlt aktuell noch das Wandbuch! Bei der Rotpunkt-Begehung ging's vergessen und Freunde, welche sich in der Woche darauf die erste Wiederholung sichern wollten, sind wegen heftiger Niederschläge am Vortag bereits am Einstieg gescheitert. Das Wandbuch ist aber vor Ort: es wartet 3m rechts vom Stand nach L5 (d.h. am Anfang des oberen Routenteils) in einer Nische. Ideal wäre es, wenn es jemand in der Nische am Stand nach L9 (oder allenfalls L8) platziert könnte! Man  sollte es dort einfach ohne weitere Befestigung hinter ein paar Steine platzieren können! Vielen Dank an die Seilschaft, welche das erledigt und mir eine kurze Notiz zukommen lässt!

So ist das Buch bzw. die Dose aktuell deponiert, so kann man's auch weiter oben in einer der Nischen platzieren. Instruktionen zur Platzierung der Büchse sind auch vor Ort vorhanden.

Freitag, 15. April 2016

Eisschlag in der Eiger-Westflanke

Der Hängegletscher in der Eiger-Westflanke: wer schon einmal da war, hat sicher (oder zumindest hoffentlich) mit leicht ungutem Gefühl dort hinauf geschaut. Und das nicht etwa zu unrecht, wirft der doch regelmässig kleine oder grössere Bröcklein in die Tiefe. Daher steht er einerseits unter ständiger Beobachtung, andererseits ist der Weg durch die Westflanke offiziell gesperrt. Dies ist ein Faktor, wenn es um den Abstieg vom Klettersteig Rotstock geht, um den Zustieg zu den Kletterrouten am Genfer Pfeiler wie Freakonomics und Deep Blue Sea, sowie vor allem für die Skitour und natürlich auch den Auf- und Abstieg zu Fuss durch die Westflanke.

Unterwegs auf dem Sommer-Normalweg durch die Eiger-Westflanke, welche gleichzeitig Zu- und Abstieg für alle Kletterrouten am Genfer Pfeiler darstellt, für die Base Jumper der Aufstieg zum Pilz und für die Klettersteigler der Abstieg vom Eisenweg zum Rotstock. Wenn massiv Eis abbricht, so ist man hier genau in der Schusslinie. Im Aufstieg ist man ca. 40 Minuten im Gefahrenbereich, im Abstieg ca. 20 Minuten. In Originalauflösung ist übrigens auch noch mein Kollege Adrian am Gleitschirm sichtbar, der hier per Zufall während unserem Abstieg von der Deep Blue Sea den Eigergipfel überhöhen konnte.
Diese Woche hat sich nun ein etwas grösserer Abbruch von rund 2000 Kubikmeter ereignet (siehe Pressebericht). Im Vergleich zur gesamten Eismasse von 80'000 Kubikmeter, die als absturzgefährdet gilt, war der aktuelle Abbruch jedoch nur ein Klacks. Dennoch, die Bilder und Folgen dieser Eislawine sind sehr eindrücklich und potenziell katastrophal. Dieses Mal kam zwar niemand zu Schaden. Andererseits, hätten sich Personen in der Flanke befunden, so hätte es wohl kaum ein Entrinnen gegeben. Das sollte einem für alpine Aktivitäten in der Westflanke schon zu denken geben, denn es ist noch viel Eis oben und wann es das nächste Mal kommt, ist offen. Meine Gedanken dazu:

  • Bei der Skitour durch die Westflanke steigt man direkt durch das Couloir unter dem Hängegletscher auf und fährt auch wieder dort ab, hält sich also sehr lange im Bereich der grössten Gefährung auf. Ich persönlich habe aus genau diesem Grund bis dato auf diese Tour verzichtet und werde es auch in Zukunft so halten. Darüber hinaus sind leider auf dieser Tour auch regelmässig tödliche Unfälle durch Abstürze zu verzeichnen. Die Fahrerei ist wegen verdeckten Steinen in der Gipfelflanke denn auch heikel.
  • Der "Sommerweg" für Auf- und Abstieg durch die Westflanke ist vor allem im unteren Teil bis etwa 100hm über den Rotstock gefährdet und deshalb offiziell gesperrt. Im oberen Teil besteht keine Gefahr durch den Hängegletscher. Bei zügigem Aufstieg hält man sich ca. 40 Minuten im Gefahrenbereich auf, im Abstieg ca. 20 Minuten. Bei einem kleineren Abbruch findet man vermutlich etwas Deckung, geht der Hängegletscher aber massiv (mit starker Druckwelle!) ab, so wird es definitiv kritisch.
  • Die obigen Bemerkungen gelten auch für den Zustieg zu den Kletterrouten am Genfer Pfeiler, welcher über den Sommerweg durch die Westflanke verläuft. Ein gewisses objektives Gefahrenpotenzial ist da nicht wegzudiskutieren. Es kann minimiert werden, indem man über den Klettersteig Rotstock auf- und absteigt. Sodann sind es vom Ausstieg des Klettersteigs nur ein paar wenige Minuten, wo man sich in der Gefahrenzone aufhält. Der Weg über den Klettersteig ist nicht uninteressant, braucht aber in beiden Richtungen sicher deutlich mehr Zeit (ca. eine halbe Stunde pro Weg, würde ich schätzen).
  • Beim Abstieg von einer Eigernordwand-Durchsteigung im Winter wählt man in aller Regel auch die Skiroute, welche ins Couloir direkt unter dem Hängegletscher führt. Dies ist deutlich einfacher und schneller wie der (Sommer-)Normalweg durch die Westflanke. Wahrscheinlich werden die meisten (verständlicherweise) bei dieser Variante bleiben, auch wenn man sich dabei 1-1.5h sehr stark der Eisschlaggefahr aussetzt.
Übersichtsbild der Westflanke, das die Situation noch etwas verdeutlicht. Der untere Teil, dem Eisschlag exponierte Teil zum Rotstock ist hier nur schlecht einsehbar. Aber von diesem und dessen Exponiertheit gibt das obere Bild einen repräsentativen Eindruck.

Dienstag, 8. Dezember 2015

Ausser Spesen nix gewesen...

Wie viele Male sass ich schon daheim, während ideale Bedingungen herrschten? Jedes Mal war ich fit, motiviert und bereit zu gehen. Aber entweder scheiterte es als beruflich und familiär mit fixem Plan engagiertem Mann an der Möglichkeit, die nötigen 3 Tage am Stück frei zu kriegen. Oder wenn für einmal nicht dieser Umstand das Problem darstellte, so war es die Verfügbarkeit von einem kompetenten und motivierten Kletterpartner zu genau der richtigen Zeit.

Der Autor unterwegs in L1...
Nun hat sich etwas geändert: ich durfte wenigstens einmal den Rucksack definitiv packen, die Anfahrt ins Berner Oberland unter die Räder nehmen und die Anspannung vor der Tour erleben. Geklettert ist die Wand der Wände aber leider doch nicht. Die ideale Phase 2.5 Wochen vorher musste leider wieder einmal ungenutzt verstreichen, doch nun passten wenigstens Wetter und Kletterpartner. Das Zeitbudget, naja, hätte besser sein können. Mit der ersten Bahn am Morgen am Tag 1 hinauf, rassig einsteigen und bis zum Biwak am Brüchigen Band oder am Götterquergang durchziehen. Am nächsten Tag dann zum Gipfel, absteigen und zwingend auch heimfahren, denn bei der Vorlesung um 8:00 Uhr am Tag 3, da konnte ich nicht fehlen. Immerhin ging's meinem Kletterpartner in der Hinsicht auch nicht besser.

Wandansicht bei eher nicht so wirklich guten Bedingungen
Das hätte durchaus klappen können. Wobei, Anfang Dezember ist so ziemlich die ungünstigste Saison für eine Begehung mit knappem Zeitbudget. Es wird erst nach 7.00 Uhr hell und ist um 17.00 Uhr bereits dunkel, was die Kletterzeit weiter limitiert. Alles in allem, Zu- und Abstieg abgezogen, blieben uns über die beiden Tage keine 14 Stunden Tageslichtbudget für den Wanddurchstieg. Bei idealen Bedingungen vielleicht machbar, wo doch schnelle Seilschaften inzwischen weniger Stunden für die Wand brauchen, als eine Hand Finger hat. Wie auch immer, probieren geht über studieren. Das galt nicht nur für das Zeitbudget, sondern erst recht in Bezug auf die Verhältnisse. Sicher war nur, dass keine Spur liegt. Ganz klar suboptimal und dem Zeitbudget nicht förderlich. Auf der Webcam sah die Wand immerhin nicht übel zugeschneit aus. Könnte also passen. Nur nicht die Hoffnung verlieren...

Spurarbeit auf dem Weg zum Einstieg. Eigentlich möchte man hier Kräfte sparen und möglichst schnell sein.
Vor Ort war es dann so, dass schon die Querung zum Einstieg hin uns mit öfters knietiefer Spurarbeit in unverfestigtem Pulver etwas ausbremste. Die Motivation war aber hoch, und so wurden die Tritte behände gestapft. Dann die erste Stufe hinauf aufs Band. Pulverschnee liegt auf plattig-abschüssigem Fels, ungut, heikel. Lässt sich wenigstens die Querung in die Wandmitte bequem gehen? Leider nur teilweise, auch hier versaufen wir ab und zu recht tief im Schnee. Und dann gilt es endgültig ernst. Seilfrei bis zum Schwierigen Riss, so geht das, oder? Schon die erste, richtige Seillänge zieht uns aber die Zähne. Der Fels ist mit lockerem Pulverschnee überzogen, nirgendwo findet man halt. Ohne den Schnee abzuputzen lässt sich das nicht klettern. Ohne Seil auch nicht, aber absichern ist schwierig und nagt an der Zeitreserve. Ganz fest sogar, und eigentlich ist sie eh schon fast abgenagt.

Die ersten, und für uns auch die letzten Meter in der Wand. Plattiger Fels mit unverfestigter Pulverauflage, ungut.
Es dauert nicht allzu lange, bis wir uns die Sinnlosigkeit des Unterfangens eingestehen müssen. Schlecht im Sinne von objektiv gefährlich sind die Bedingungen zwar nicht. Aber eben auch nicht gut, und schon gar nicht schnell. Mit einem Biwak durchzukommen und am Folgetag noch heimzureisen ist die komplette Utopie, nichts anderes als das. Das müssen wir aber, unbedingt. Da gibt es nur noch eine Option: umdrehen! Und zwar lieber jetzt als später, wo das nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich ist. Der Vernunftentscheid fällt und ich bin gar nicht so betrübt. Einerseits, weil's wegen dem knappen Zeitbudget und den unbekannten Bedingungen ein Experiment war. Andererseits, weil ich nun wirklich einmal ein paar Meter mit Steigeisen und Eisgeräten in der Wand klettern konnte - und "nicht nur" mit den Kletterfinken, wie bis anhin immer. Auf jeden Fall "a story to follow" - vielleicht klappt es ja eines Tages doch noch. Mit der Heckmair in der Eiger Nordwand, natürlich.

So sehen mässige Bedingungen aus.

Dienstag, 6. August 2013

Eiger Nordwand - Löcherspiel (6b)

Rasch spitzte ich meine Ohren, als ich hörte, dass Anika & Dani einen Klettertrip an den Eiger planen. Bei der warmen und stabilen Wetterlage hatte ich nämlich selbst schon damit geliebäugelt, meinem Projekt in der Nordwand einen Besuch abzustatten. Wir vereinbarten, dass ich sie am ersten Tag im Löcherspiel (8 SL, 6b) begleiten würde. Am zweiten Tag dann planten sie die Chant du Cygne (24 SL, 7a), welche ich bereits 12 Jahre zuvor hatte klettern können. Da würde ich mich dann an die Erstbegehungsarbeit meiner zukünftigen Route Adam & Evi machen.

Hinweis: die Route wurde nach unserer Begehung im Jahr 2018 saniert, dabei mit vielen zusätzlichen Bohrhaken besser abgesichert und am Ende mit 2 weiteren Seillängen ergänzt. Dieser Bericht beschreibt die aktuelle Situation also nur noch teilweise akkurat. Ein Topo der neuen Variante findet man hier.

Frühmorgendlich reisten wir an, nahmen den ersten Zug um 7.25 Uhr ab Grindelwald Grund und fuhren bis zur Station Eigergletscher. In 10-15 Minuten gelangt man von dort über den Eigertrail unter die Wand. Hier wollten wir biwakieren und deponierten dementsprechend die dazu notwendigen Utensilien. Danach geht's hinauf Richtung dem Klettersteig am Rotstock. Diesem folgt man über den ersten, steilen Aufschwung, welcher mit einigen Leitern überwunden wird. Für Alpinisten und Kletterer ist eine Sicherung dabei nicht zwingend notwendig. Bei der ersten Verflachung benutzt man die erste Möglichkeit, um den Klettersteig zu verlassen und nach links (Osten) auf Bändern in die Wand hinauszuqueren.

'Ortsplan' der westlichen Eiger Nordwand mit Routenverlauf.
Diese Bänder sind von Geröll übersät und recht gut begehbar, dennoch aber ziemlich exponiert. Der Weg ist durch das Gelände vorgegeben, nach einer Weile trifft man dann auch auf Fixseile. Diese leiten einen erst zu zwei Routen, die weder in der Literatur noch in einschlägigen Internetquellen verzeichnet sind. Während es sich bei der einen um ein aufgegebenes (?) oder zumindest vernachlässigtes (?) Projekt handeln dürfte, sieht die andere fertig aus (Nachtrag vom 28.9.2016: die fertig aussehende Linie ist ebenfalls noch im Projektstatus und wurde von Robert Jasper eingerichtet). Tiptop ist sie mit Inox-BH abgesichert, die Kletterei sieht steil, schwer und spannend aus. Wäre schon toll, einmal etwas darüber zu erfahren. Solche Linien sollen ja schliesslich nicht brach liegen, sondern geklettert werden.

Zustieg auf den typischen Eigerbändern. Eigentlich problemlos, exponiert ist es trotzdem.
Für das Löcherspiel muss man dann allerdings noch etwas weiter nach links gehen und noch auf eine Art Vorbau bzw. höhere Schuttterrasse aufsteigen (immer noch dem Fixseil entlang). Der Einstieg befindet sich unmittelbar links des höchsten Punkts von diesem Vorbau. Aktuell endet das Fixseil am Einstieg, bzw. am in 2m Höhe steckenden roten NH, dessen Farbe mit gutem Willen noch knapp erkennbar ist. Weitere fixe Sicherungen wollen dann aber mit einer Rastersuche per Fernglas identifiziert werden... der erste BH steckt auf jeden Fall hoch, ist aber grundsätzlich vom Einstieg aus erkennbar. Vom Eigergletscher muss man etwa 45 Minuten kalkulieren, um hierher zu gelangen. Wir haben und nicht beeilt und die Eindrücke in der Eigerwand ausgiebig auf uns wirken lassen. Darum legt Dani erst nach 10.30 Uhr mit dem Vorstieg los. Kaum hat er vom Boden abgehoben, kommt Extrem-Alpinist Robert J. mit einem Lacoste-Freizeitschüeli tragenden Gast daher. Die beiden wollen auch ins Löcherspiel - doch wegen zweier Geröllbänder in der Route verträgt es nicht wirklich zwei Seilschaften, weshalb sie murrend das Weite suchen.

'Stand, chasch cho!'. Es stecken zwar einige solide BH, die Sicherungssituation ist aber schon manchmal prekär.
SL 1, 45m, 6a: Der Auftakt schon recht steil, aber mit griffiger Wandkletterei und daher easy (ca. 5bc). Die Sicherungsabstände sind aber sehr weit, und dazulegen kann man eigentlich nichts. Nach dem dritten und letzten BH beginnt dann das Business. Man muss unter bzw. in die nach links ziehende Verschneidung gelangen, was doch schon einige beherzte Züge an kleinen Leisten verlangt. Für 6a sicher nicht geschenkt, immerhin kann man, wenn man einmal in der Verschneidung drin ist, mit Cams recht gut absichern. Der Stand dann nur an 1 BH, lässt sich aber gut mit Friends/Keilen verstärken.

Der Start in SL 1 bereits steil und weit gesichert, aber noch easy, ca. 5bc.
SL 2, 35m, 6a: Vom Stand weg nach rechts in die Verschneidung zurück. Der steile, etwas moosig aussehende Riss lässt böses vermuten. Gemäss Topo muss man dieses System irgendwo nach rechts verlassen. Ob das jetzt vor oder nach dem Riss zu sein hat, darüber bleibt man im Unklaren. In der Praxis ist es so, dass davor wohl möglich aber sehr kühn und suboptimal abgesichert wäre. Danach erfordert das Klettern dieses unangenehmen Risses und sorgt für sehr ungünstigen Seilverlauf. Also wählen wir eine Variante in der Mitte. Danach kühn an der rechten Kante aufwärts, irgendwann kommt dann wieder mal ein BH, ein Sturz davor würde wohl mit schwersten Verletzungen enden. Zuletzt dann immer noch steil, aber etwas einfacher hoch zum Stand in der Doppelnische mit 2 BH.

Die 2. SL ist sehr kühn, hier die Querung nach rechts raus zwischen den beiden Absätzen, was uns der einfachste Weg schien.
SL 3, 40m, 6a: Etwas linkshaltend hoch in schöner, griffiger Wandkletterei, um dann mit einer Traverse nach rechts (hier kurze feuchte Stelle) in einfacheres Gelände auszusteigen. Man folgt dann einfacher einem ansetzenden Verschneidungs-/Kaminsystem ziemlich weit, bis zum Stand an BH und sehr dünner Sanduhr. Irgendwie fühlte sich diese Länge nun doch etwas weniger streng als die ersten beiden an.

Erneut kühne, aber doch schön griffige, steile Wandkletterei in SL 3 (6a). 
SL 4, 45m, 6b: In sehr schöner Wandkletterei an griffigen Leisten und ein paar Löchern zieht die Route hier kühn in die linke Wand hinaus. Die Absicherung mit 4 BH hier zwar immer noch weit, aber für einmal als knapp genügend zu bezeichnen. Nur nach dem letzten BH wartet ein weiter Runout zum Stand hinauf, der erst ganz zuletzt mit einem Cam entschärft werden kann.

Sieht fast gleich aus wie zuvor, ist aber bereits SL 4 (6b). Wiederum tolle Wandkletterei an Löchern und Leisten.
Nachstieg in SL 4 (6b). Die Kappe unter dem Helm ist übrigens keineswegs verkehrt, wir hatten alle eine auf.
SL 5, 50m: Nun gilt es, die Schuttzone zum oberen Wandteil zu traversieren. Es handelt sich wirklich um einen grausamen 'Gschirrlade', einfach absolut unmöglich, hier keine Steine in die Tiefe zu schicken. Hält sich der Vorsteiger etwas links, so werden wenigstens die Personen am Stand kaum behelligt. Im oberen Wandteil muss man die markante Verschneidungs-/Kaminrinne rechts anpeilen. An deren Fuss steckt ein NH, welcher mit Cams/Keilen aufgebessert werden kann.

Anika im 'Gschirrlade' von SL 5. Der Schutt ist dermassen labil, dass man unweigerlich Steine auslösen wird.
Sicht auf den oberen Wandteil mit dem Routenverlauf in den SL 6 und 7. Der Ausstieg (SL 8) ist verdeckt.
SL 6, 40m, 5c+: Auf dem Topo steht 'expo', dies liegt daran, dass in dieser SL keine fixen Sicherungen vorhanden sind. Die ersten ca. 12m bewältigt man im Verschneidungssystem (prima absicherbar). Dieses verengt sich kurz kaminähnlich und wird dann wieder offener. An dieser Stelle klettert man kühn in die linke Wand hinaus und folgt den erst sehr guten Löchern. Nach einer Weile wird dann der Stand (2 BH) sichtbar und dient als Fixpunkt. Die Kletterei ist eigentlich nirgendwo wirklich schwer, aber doch sehr kühn. Absichern muss man mit Cams in den Löchern, die alle nach aussen etwas offen sind. Wie viel diese Sicherungen zu halten vermögen? Man probiert es wohl besser nicht mit einem Sturz aus.

Durch diese kaminartige Verschneidung klettert man in SL 6 erst ca. 12m hinauf...
...und quert dann in kühner, aber schöner Lochkletterei nach links in die Wand hinaus. Fixe Sicherungen hat es keine!
SL 7, 40m, 6b: Sehr kühne SL mit spezieller Jojo-Linienführung. Den ersten BH klettert man bevorzugt untenrum an, hängt ihn ein und steigt gleich wieder etwas ab, um auch den zweiten BH untenrum anzuklettern. Ist dieser geklippt heisst es dann 'gredi obsi'. Zum Stand sind es noch 20m, die Wandkletterei an Leisten ist jetzt nicht mega schwer aber doch anhaltend und vor allem scheinen die Schüpplein hier durchaus etwas fragiler, so dass man sich nicht wie ein Elefant im Porzellanladen bewegen sollte. Ein paar Löcher nehmen auf diesem Teilstück schlechte Cams auf. Am Stand dann 1 BH, und Möglichkeit für weitere schlechte Cams in Löchern.

Dani in der Jojo-Seillänge 7 (6b). Die Absicherung ziemlich frei, ebenso frei ist man in der Interpretation der Linie...
Sicht hinauf zum Genfer Pfeiler, wo sich die Deep Blue Sea befindet. Die Fixseile des Notausstiegs vom Band am Genfer Pfeiler sind erkennbar.
SL 8, 55m, 6a: Vom Stand weg klettert man auf einer Art Pfeiler, mit 2 BH ist es recht gut abgesichert, dafür aber auch ziemlich schwer für den Grad. Vor allem der sloprige Ausstieg auf die Terrassen ob dem Pfeiler. Hier ist nochmals eine kurze Geröllzone zu durchqueren (Vorsicht!). Eigentlich sollte sich hier auch ein Stand befinden, wohl aber ohne fixes Material. Unser Vorsteiger hat ihn nicht auffinden können, und auch die 4 Augen der Nachsteiger haben ihn nicht entdeckt. Mit 60m-Seilen kann man aber direkt bis zum Ausstieg klettern. Dafür nimmt man die rechte, teilweise fast kaminartige Verschneidung, welche zur deutlichen Scharte im Grat zielt. Auf der SW-Seite befindet sich ein BH zum Nachnehmen. Für einen zweiten wäre das Loch da, mehr aber nicht.

Der Pfeiler zu Beginn von SL 8 (6a) mit 2 BH gut gesichert, aber für 6a alles andere als easy!
In diese Scharte führt die Route hoch. Irgendwo an dieser Stelle wäre gemäss Topo noch ein Stand, der allerdings nicht auffindbar war.
Wir hatten es nicht eilig und liessen uns beim Klettern dementsprechend Zeit. Wirklich schnell kommt man in dieser Tour mit der häufig etwas heiklen, schlecht abgesicherten Kletterei aber auch nicht vorwärts. So war es doch schon 17.45 Uhr geworden, bis wir alle am Top waren. Für den Abstieg muss man am Ausstiegs-BH erst ein paar Meter abseilen, und steigt dann über die schuttigen Platten ab (T5). Der Rückweg zum Wandfuss bzw. zu unserem  Biwak erfolgt dann entweder via die Station Eigergletscher, oder schneller, indem man über den Klettersteig Rotstock absteigt.

Anika auf den letzten Metern zum Top, unten der zweite, etwas weniger heikle 'Gschirrlade'.
Nach einem etwas schmalen Nachtessen legten wir uns bald zur Ruhe, schliesslich würde der Wecker bereits bei Tagesanbruch wieder schellen. Dani und Anika machten sich auf in die Chant du Cygne, welche sie in einer Zeit von gut 12 Stunden durchsteigen konnten. Die Route war im Wesentlichen trocken und wies gute Verhältnisse auf. Ich hingegen machte mich im Projekt an die Arbeit. Diese war von Erfolg gekrönt, konnte ich doch am Tagesende auf einen Fortschritt von 70 Klettermetern und 2 ganzen Seillängen zurückblicken. Die eine bietet überhängende Ausdauerkletterei an Henkeln, die andere die für die Zone typische Kletterei an Löchern, beide in prima Fels. Somit sind am Projekt nun 5 Seillängen komplett. Bis zum Ende der Route fehlen noch ein paar und es steht in den Sternen, ob der Rest noch im 2013 gelingen wird. Schliesslich muss für einen Besuch bestes, warmes, gewitterfreies Bergwetter herrschen und die Anreise ist nicht eben kurz. Spätestens im nächsten Sommer sollte es dann aber soweit sein.

Am Ausstieg der Route, es gilt dann kurz südseitig abzuseilen.
Tiefblick auf den Westgrat, Rotstock und Kleine Scheidegg. Schon eine absolut tolle Gegend da!
Facts

Eiger Nordwand - Löcherspiel 6b (6b expo obl.) - 8 SL, 350m - Anker/Gruber 1988 - ***; x(x)
Material: 10-12 Express, Klemmkeile 4-9, Camalots 0.3-3, evtl. zweiter Satz Camalots 0.3-3

Schöne, aber abenteuerliche Kletterei mit homogenen Schwierigkeiten. Die fixe Absicherung ist ungenügend (Niveau x) und erfordert auf jeden Fall Eigeninitiative, sowohl beim Klettern wie auch an den Ständen. Dies ist aber nicht immer gut möglich und längere Runouts über etwas unsicheren Friends sind einzukalkulieren. Der Fels ist zumeist von guter bis sehr guter Qualität, mit kletterfreundlicher Struktur. Neben Löchern in allen Grössen (vom Einfingerloch bis zur Körpernische) gibt es auch viele griffige, positive Leisten, welche die 300m hohe Wand zum Genuss machen.

Stimmungsbild aus meinem Projekt, den Rest lasse ich jetzt mal noch im Dunkeln. Auf jeden Fall wird es eine tolle, gut abgesicherte und gut zugängliche Eigertour geben!
Wissenswertes

  • Ein Rückzug aus der Route ist nicht unmöglich, aber eher schwierig zu bewerkstelligen. Keiner der Stände ist zum Abseilen eingerichtet und oft steckt nur 1 BH. Allerdings soll man über die Geröllterrasse in Wandmitte nach Westen ausqueren können, was die Ernsthaftigkeit etwas abmildert.
  • Die 6a-Längen empfand ich zum Teil als eher hart bewertet. Summa summarum sind eigentlich alle Seillängen ähnlich schwer. Wohl übersteigen die Anforderungen ein 6b nicht, dafür sollte man dieses auch im quasi 'free solo mode' klettern können.
  • Um am Eiger auf fast 3000m Höhe im Schatten genussreich klettern zu können, sollten entsprechende Temperaturen herrschen. Das heisst >30 Grad im Flachland, bzw. eine Nullgradgrenze oberhalb von 4000m. Warme Kleidung mitzuführen ist dennoch nicht verkehrt, die Sonne sieht man erst am Ausstieg wieder.
  • Ein Topo zur Route findet man im SAC-Führer Berner Alpen 4. Da ich es auf dem Internet, versehen mit einigen Zusatzanmerkungen, habe finden können (klick), stelle ich es an dieser Stelle ebenfalls zur Verfügung. Wenn ich dann wieder etwas mehr Zeit habe, werde ich selber noch eine Toposkizze anfertigen und hier publizieren.
  • Im Abstieg von dieser Route befindet man sich im Gefahrenbereich des grossen Hängegletschers, der immer wieder Brocken abwirft. Daher ist ein Abstieg über den Klettersteig Rotstock keine dumme Idee. Man kommt so auch wieder in der Nähe des Einstiegs vorbei und kann ein allfälliges Depot aufheben. Mein Beitrag gibt noch mehr Hinweise.

Die absolut schönsten Sonnenuntergänge gibt's immer bei den Biwaks am Eiger!