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Dienstag, 26. Juni 2018

Graue Wand - Captain Morgan (7c+)

Meter sammeln oder die Sportkletterkünste angewandt zum Einsatz bringen, diese Frage war zentral, als wir uns für das Ziel zu entscheiden hatten. Schliesslich setzte sich erstens die Einsicht durch, dass die Sportkletterform im Lauf des Sommers üblicherweise nicht besser wird. Und zweitens gelangten wir gegenseitig zur Überzeugung, dass hier ein Partner bereitstand, mit welchem man in eine mit 7c+ bewertete MSL-Tour einsteigen konnte. Darauf kann man nicht immer zählen, um in etwas einfacheren Touren Metern zu sammeln, ist die Partnersuche hingegen meist viel einfacher. Nun galt es, aus mehreren alpinen Sportkletterprojekten noch das richtige auszuwählen. Die Tatsache, dass im rauen Klima am Furkapass nicht so oft gute Bedingungen herrschen und der Zustieg zur Zeit unseres Anrückens noch mit Ski zu bewältigen war, gaben schliesslich den Ausschlag für die Captain Morgan (7 SL, 7c+) an der Grauen Wand.

Die Graue Wand, in deren linkem Sektor befindet sich die Captain Morgan (7c+).
Nachdem ich in den vergangenen Wochen für die letzten Ausflüge im Schnee und Nordwand-Eskapaden des Öfteren früh bis sehr früh aufgestanden war, war es mir nur recht, die herausfordernde Tour nach etwas längerer Nachtruhe angehen zu können. So wurde es schliesslich 9.00 Uhr, bis wir etwas oberhalb vom Tiefenbach auf 2150m aufbrachen. Die Strasse zum Tätsch (2272m) war noch nicht komplett befahrbar, ein Schneefeld verhinderte das Weiterkommen. Immerhin konnten wir uns so die sonst üblicherweise fällige Taxe sparen. Bis auf diesen letzten Schneefleck auf der Strasse war es rund um uns herum jedoch schon reichlich grün, ein Loslaufen mit den Skischuhen an den Füssen und den Ski auf dem Rücken schien doch ziemlich exotisch. Aber ich war mir sicher, dass sich die Lage nur wenig weiter oben bald ändern würde. Dem war dann tatsächlich auch so. Bereits ab der Ebene oberhalb vom Älpetli bei 2360m lag noch eine geschlossene und mächtige Schneedecke, so dass wir die Bretter nach 20 Minuten der Portage anschnallen konnten.

Ski & Climb! Mit kurzen Hosen auf dem rauen Wellblechschnee unterwegs, deutlich besser wie zu Fuss.
Es stellt sich natürlich trotzdem die Frage, ob deren Mitnahme berechtigt war. Nachdem wir im Aufstieg eine deutlich vor uns gestartete Seilschaft einholen und eine gleichzeitig gestartete distanzieren konnten und auch im Abstieg deutlich schneller waren, würde ich diese Frage positiv beantworten. Der Auf- und Abstieg mit den Brettern war wohl auch kraftsparender, obwohl der Schnee an sich fürchterlich war. Regen und Wärme hatten einen wahren Acker von Büsserschnee hinterlassen, eine stark gewellte Oberfläche mit 30-50cm tiefen Löchern. Nein, so richtiges Skivergnügen kam da natürlich nicht auf (hatten wir auch nicht erwartet), doch zu Fuss ist solches Gelände ja auch nicht eben erquicklich, so war der Vorteil eben doch auf unserer Seite. Jedenfalls, nach knapp 75 Minuten Aufstieg waren wir am Wandfuss auf 2800m angelangt. Vor Ort war noch eine zweite, uns bekannte Seilschaft, welche sich in der Cannibal Island (7b+) versuchen wollte. Eine apere Terrasse bot sich als bequeme Wechselzone an, Wetter und Temperaturen waren höchst angenehm, so konnte es um 10.45 Uhr mit der Kletterei losgehen.

Hier geht's los (über die Platten und links um die Ecke). Temperaturen und Ambiente auf beinahe 3000m superb!
L0, 50m, 5c: Durch das Abschmelzen des Firnfelds am Wandfuss ist gegenüber dem Originaltopo eine ganze, zusätzliche Seillänge zu klettern. Es steckt überhaupt kein Material, aber weil die Schwierigkeiten von diesem Abschnitt im Fünfer-Bereich liegen und man hie und da etwas Legen kann, geht das ohne Sorgen vor sich. Standplatz entweder an mobilen Sicherungen bevor man in die grosse Verschneidung einsteigt. Alternativ kann man den (etwas abseits liegenden) gebohrten Abseilstand nutzen. Er befindet sich (im Aufstiegssinn) 3-4m links der Verschneidung, ungefähr auf der Höhe wo die Route die Verschneidung nach rechts verlässt. Eine weitere Möglichkeit besteht aufgrund der relativ geringen Schwierigkeiten natürlich darin, simultan am Seil zu gehen und gleich zum offiziellen Stand nach L1 zu klettern, diese Lösung hatten wir gewählt.

L1, 30m, 6a: Nachdem man die grosse, im Grund häufig nasse Verschneidung etwa zur Hälfte zwischen ihrem Ansatz und dem nach links ziehenden Bogen erstiegen hat, muss man nach rechts hinaus in die Seitenwand klettern. Dieser Punkt ist nicht besonders offensichtlich, allerdings ist's auch nicht an vielen Stellen möglich, überhaupt in die Seitenwand zu klettern. Somit wird man schon fündig werden, richtig liegt man dann, wenn man nach der Abzweigung alsbald an einem Schlaghaken vorbeikommt. Über schöne Risse (nochmals NH & BH) und Schwarten gelangt man an die Pfeilerkante, dieser entlang plattig-fein aufwärts zu Stand an 2 alten Ring-BH.

Auf den ersten 3 SL hat die Route eine spezielle Linienführung, die Kletterei am Ende von L1 (6a) aber cool und fotogen!
L2, 50m, 6a: Was auf dem Topo seltsam aussieht, macht vor Ort plötzlich perfekt Sinn. Die Route beschreibt ja in L1 und L2 einen grossen Rechtsbogen, welcher von Weitem völlig unnötig und verzichtbar scheint. Allerdings umgeht man auf diese Weise elegant die dauernasse Verschneidung und mühsam zu kletternde Platten. Somit also der Kante entlang und in fotogener Querung entlang von griffigen Schuppen und Rampen unter einem steilen Wandabschnitt zurück nach links. Es warten keine besonderen Schwierigkeiten, die Bewertung wohl eher gutmütig.

Wow, diese Farben, Formen und Linien! Hier L2 (6a), mit welcher man elegant die oft nassen Platten darunter umgeht.
L3, 50m, 6c: Achtung, hier geht's nicht gerade hinauf zum BH der Cannibal Island und auch nicht im Grund der grossen Verschneidung, wo die alte Niedermann-Route ('Rote Platten') verläuft. Die Captain Morgan verläuft in der linken Wand, irgendwann wird man auch die Bohrhaken erspähen. Irgendwie dünkte mich der Verlauf hier leicht unlogisch, da die Bolts nicht neben dem vermeintlich einfachsten Riss-/Schuppensystem stecken. Doch ich habe pflichtbewusst erst einmal die ersten beiden Bolts eingehängt. Der dortige Piazriss zieht zwar weiter, sieht aber vorerst weder gut zum Absichern noch einfach zum Klettern aus. Daher also doch ins linkerhand gelegene System gewechselt. Später drängt's einen wieder nach rechts zurück, an etwas unscheinbarer (ich musste erst von den Kletterinnen in der Nachbarroute darauf hingewiesen werden) aber strategisch wichtiger Stelle steckt nochmals ein BH. Der Stand dann etwas links aussen auf dem Pfeilerkopf - Vorsicht, nicht direkt zu den gut sichtbaren Bolts klettern, die bereits zur nächsten Länge gehören.

Adi folgt in L3 (6c). Hier stecken auf 50m nur 3 BH, dazwischen darf (und muss) man sich den Weg selber suchen.
L4, 25m, 7a: Eine richtig coole Länge! Plattige Querung nach rechts aus dem Stand hinaus, als nächstes steht ein bouldriges Dächli auf dem Programm. Die Schwierigkeiten a priori sehr schwierig einzuschätzen. Schliesslich löst es sich besser auf wie befürchtet. Dann ziemlich kühn zu einem Untergriffbogen und auf Gegendruck diesem entlang zur Crux. Hier muss man entlang einer feinen Rissspur bei Trittarmut schräg nach rechts oben klettern, die Schwierigkeiten sind hier ziemlich zwingend zu meistern. Der Stand mit einer langen Kette dann 'strategisch günstig platziert' ein bisschen mitten im Nirgendwo.

Nachstieg in der richtig coolen L4 (7a), die ziemlich fordernd ist. Da muss man parat sein!
L5, 25m, 7b: Das 'strategisch günstig platziert' von oben heisst, dass der Stand eben mitten in einer schwierigen Kletterstelle steckt. Wer die Captain Morgan ehrlich punkten möchte, sollte idealerweise L4 und L5 verbinden (was mit 50m-Seil möglich ist). Oder sonst müsste man zumindest mit den Händen am letzten brauchbaren Griff starten, das wäre dann jener, wo die Sicherungsperson die Füsse drauf hat. Jedenfalls ist der Belayer schlicht und einfach im Weg, um die fizzelige Wandstelle gleich am Anfang von L5 zu klettern. Der Weg zum ersten Haken ist auch gleich sehr schwierig und man scheppert halt voll in den Stand rein. Wenn's nicht ganz dumm läuft, zwar am Sicherungsmensch vorbei, aber irgendwie ist's halt doch etwas doof. Nachdem der erste Haken dann geklippt ist, nochmals schwierig und knifflig über eine Wandstelle. Die Kletterei ist etwas weniger als senkrecht, die Wand mit kleinen Noppen gespickt - schwierig zu treten und um sich schlau festzuhalten gibt's auch nix. Dann endlich hat man den Piazriss erreicht, an diesem geht's dann deutlich gängiger und gut mit BH abgesichert im 6c-Bereich in die Höhe - unterbrochen von einer Stelle mittig, wo 2-3 kräftigere Moves im 7a-Bereich warten und man die Coolheit braucht, einen schwierig zu klippenden Bolt entweder deutlich zu überklettern oder gleich auszulassen.

Super Kletterei an Rissen und Piazschwarten im oberen Teil von L5 (7b) - macht echt Laune!
L6, 30m, 7b: Wenn man voraus nach oben blickt, so sieht man, wie auch in dieser Seillänge wieder schöne Piazschwarten bereitstehen. Allerdings beginnen diese erst 3-4m über dem Standplatz, also will zuvor erneut eine knifflige Wandstelle geklettert sein. Ein cooler Boulder: zwei Sloper, zwei Crimps, Füsse rüberschwingen und dann am erst noch sehr dünnen Riss aufrichten. Nicht gerade ideal übrigens für Leute, deren Kniegelenke schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben oder deren Meniskus sonstwie bereits etwas ausgefranst ist. Die Piazrisse selber gehen dann gut (6b/6c-Terrain), nur mittig wartet nochmals eine etwas kniffligere Stelle (6c/7a), wo über eine steile Wandstelle nach links zum nächsten Riss gewechselt werden muss.

Der Mann hat einfach zu viel Zeit zum Posieren. Adi folgt in L6 (7b), wo die letzten Meter etwas einfacher ausgefallen sind.
L7, 30m, 7c+: Der Blick in die sehr steile, orangefarbene Wand oberhalb lässt einen zusammen mit der harten Bewertung böses vermuten. Doch es täuscht! Der vom Stand aus sichtbare Wandabschnitt wartet mit ein paar versteckten, guten Griffen auf und ist erstaunlich gängig im 6c/7a-Bereich zu haben, auch die nachfolgende Linksquerung geht gut auf. Doch dann wird man sich gewahr, dass man die Crux definitiv noch nicht passiert hat. Es wartet nämlich eine listig glatte, steile Platte. Am schwierigsten sind gleich die ersten 3-4m. Ein paar scharfe Mikrokratzer (etwas fragile Kristallleisten) hat's, schlaue Tritte sind allerdings ziemlich Fehlanzeige. Vermutlich muss man hoch antreten und sich irgendwie geschickt auf diese 1cm-Leiste links drüben auf Kopfhöhe schieben. Eine gewisse Beweglichkeit scheint dazu unerlässlich. Als Ausrede könnte ich jetzt vorbringen, dass ich mit meinen MSL-Schlappen das komplett falsche Schuhwerk für einen solchen Move dabei hatte (ernst gemeinter Tipp: ein guter Sportkletterschuh mit aggressivem Downturn könnte m.E. (!!!) für diesen Rockover Gold wert sein). Jedenfalls konnte ich für diese Stelle auf die Schnelle keine echt tragfähige Lösung finden, so dass sich allfällige Rotpunkt-Ambitionen rasch in Luft aufgelöst hatten. Auch die nächsten Moves an einer nun ansetzenden, seichten, diagonalen Rissspur sind noch schwierig, danach wird's graduell wieder einfacher. Wobei das eigentlich nur bis zum bequem erreichbaren Irniger-Stand der 'Heissen Linie' gilt - der Move zum letzten BH und dem 3m rechts oben gelegenen Stand der Captain Morgan ist dann hingegen nochmals etwas knifflig.

Adi folgt in der etwas gutmütigeren Zone vor der 'Final Surprise' in der listig-glatten Cruxlänge L7 (7c+).
Um 16.15 Uhr und damit nach 5:30h der genussreichen Kletterei bei idealen Bedingungen hatten wir beide das Top der Route erreicht. Dieses befindet sich etwas 'mitten im Nirgendwo'. Sprich, man erreicht weder einen Gipfel, noch einen Grat, ja nicht einmal ein Band als logischen Endpunkt der Route. Sondern die Wand geht oberhalb einfach weiter, dies jedoch bei augenscheinlich deutlich geringeren Schwierigkeiten und wenig attraktiver Kletterei. Somit gab es am Top eigentlich nichts weiter zu tun, als die Seile zu fädeln und die Abseilfahrt anzutreten. Die obersten 4 Seillängen lassen sich mit 2 ausgereizten Manövern à 50m gerade bewältigen, nach 3 weiteren 50m-Abseilern waren wir zurück in der 'Wechselzone', d.h. dem bequemen Podest am Wandfuss. Wir wechselten zurück auf das Skigear und schnallten schliesslich die Bretter an die Füsse. Fahrspass war ob dem stark löchrigen Schnee nicht zu erwarten. Immerhin war dieser nun schön aufgeweicht, so dass man es einfach 'tschättern' lassen konnte. Nach einem ersten, kurzen Skiausziehen konnte man auf einem letzten Schneestreifen noch bis auf 2300m abfahren. Dies allerdings zum Preis, irgendwo den reissenden Tiefenbach überqueren zu müssen. Der smarte Mensch hätte sich daran erinnert (oder auf der Karte nachgeschaut), dass es wenig unterhalb bei P.2259 eine Brücke hat. Der Abenteurer machte sich hingegen daran, von Stein zu Stein hopsend ohne künstliche Hilfsmittel möglichst trockenen Fusses auf die andere Seite zu gelangen. Schliesslich war bald darauf das Auto erreicht und wenig später sassen wir mit der Seilschaft aus der Cannibal Island zum Umtrunk im Tiefenbach auf der Terrasse. Wie immer tummeln sich an diesen Passstrassen allerhand schräge Vögel. Wobei wir mit allerlei körperlichen Verrenkungen zum gegenseitigen Vordemonstrieren der entscheidenden Griffabfolgen ganz sicher bestens in diese Welt passten :-)

Die Crux auf dem Rückweg. Schlussendlich ging nur ein Skistock baden, der per heroischem Hechtsprung gerettet wurde ;-)
Facts

Graue Wand - Captain Morgan 7c+ (7a obl.) - 7(+1) SL, 290m - Schwitter/Meyer/Enz 1994 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-2, evtl. auch Grösse 3

Lässige Sportklettertour im linken Sektor an der Grauen Wand. Die schwierigen Stellen beschränken sich auf wenige Meter kurze, dafür glatte und knifflige Wandabschnitte. Während der Anfang über geneigte und sich dann aufsteilende Platten führt, warten in der zweiten Routenhälfte über weite Strecken griffige Risse und Piazschwarten. Letztere und die Schlüsselstellen sind tiptop mit Bohrhaken abgesichert (auf Niveau xxxx), hier muss man fast keine mobilen Sicherungen mehr legen, aufgrund der Felsstruktur wäre es auch nicht gut möglich. Die im Lauf der Zeit neu hervorgetretene Einstiegslänge ist clean und auch die 3 folgenden Längen wollen mobil ergänzt werden. Für meinen Geschmack ist die Materialempfehlung im Originaltopo (siehe unten) oder im Extrem Ost (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich) zu knapp. Ich würde auf jeden Fall ein volles Set Cams für diesen unteren Abschnitt empfehlen. In Bezug auf die Schönheit ist's auf jeden Fall eine sehr lohnenswerte Unternehmung. Ganz gleich gut wie andere Meisterwerke desselben Erstbegehers (z.B. die Jack Daniels oder die Ben Hur) ist die Route aber nicht. Irgendwie fehlt's etwas an Homogenität und Ambiance zur ganz grossen Linie, ebenso ist der Fels hier und da (natürlich auch ob der seltenen Begehungen) ein bisschen flechtig oder brösmelig. Nichts was extrem stört oder gegen einen Versuch spricht, halt einfach nicht in der Topliga. Zuletzt: man bewegt sich hier bei Zustieg in Kletterei an der Schwelle zum Hochgebirge. (Noch) liegt am Einstieg ganzjährig ein Firnfeld. Ausser bei besonders ungünstigen Bedingungen wird man's jedoch in aller Regel mit leichtem Schuhwerk und ohne alpine Hilfsmittel zum Einstieg schaffen.

Originaltopo der Erstbegeher aus der Schweizer Kletterzeitschrift RAVAGE 4/1995 (hoffe das ist ok mit dem Copyright ;-))

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