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Donnerstag, 22. Oktober 2020

Graue Wand - Toggel (6c)

Über die 1984er-Route 'Toggel' der Remy-Brothers an der Grauen Wand war lange Zeit nicht viel in Erfahrung zu bringen. Der SAC-Führer Urner Alpen 2 von 1996 wartete mit den lapidaren Bemerkungen "Superroute, zweite SL psychisch anspruchsvoll" auf. In neueren Topos wurde der Toggel dann gar nicht mehr aufgeführt. Nach dem Wenigen, das man vernehmen konnte, handelt es sich allerdings tatsächlich um ein haariges Unternehmen. Bewegung in die Sache kam dann mit meiner Begehung vom benachbarten Eisbrecher anno 2015. Da konnte ich beobachten, dass eine Sanierung im Gang war. Schliesslich erreichte mich die Kunde, dass jene im 2019 abgeschlossen wurde, womit der Toggel sofort Aufnahme in meine Shortlist fand. Wie sich im Rahmen unserer Begehung zeigte, absolut zurecht. Es handelt sich wirklich um Granitklettern auf Weltklasse-Niveau, absolut genial! Einzig die Art und Weise wie die Route saniert wurde ist beschämend, ja fast schon skandalös - mehr dazu dann weiter unten.

Die imposante Graue Wand mit dem Verlauf der Route Toggel (10 SL, 6c).

Nachdem ich am Vortag in der Gletschersinfonie am Wellhorn schon einen perfekten Klettertag erlebt hatte, entschlossen wir uns "zum Ausklettern" noch dem Toggel einen Besuch abzustatten. Das entpuppte sich als ein genialer Schachzug, denn die Route war so genial, dass sie nun nicht einfach ein Anhängsel zum Wellhorn ist, sondern gleich ein erneutes Highlight darstellt. Toll auch, dass die beiden Routen solch unterschiedliche Charaktere aufweisen. Nur in einem Punkt hatten wir uns verschätzt: auf dem rudimentären Topo waren 9 Seillängen annotiert, mit nur einer 6c und ein paar Seillängen im Bereich 6ab tönte das nach "easy going". Das war jedoch ganz und gar nicht der Fall, warten sollte schliesslich durchwegs fordernde Granitkletterei, lange Seillängen, komplexe und komplizierte Moves, die vollen Einsatz erforderten. Aber das war ganz gut so, auf diese Weise konnte gar keine Müdigkeit aufkommen, Körper und Geist hatten stets vollkommen präsent zu sein.

Im Zustieg lag noch viel Schnee. Bis hinauf unter die Wand ist das schon ein wenig hinderlich und mehr zeit- bzw. kraftraubend, der Schlussteil ist hingegen bei Ausaperung unangenehm. Kein Foto gemacht haben wir leider von der alpinen Passage zum Sattel mit dem Einstieg.

Ein wenig Schlaf zur Erholung schien aber absolut ratsam, so brachen wir um ca. 8.45 Uhr vom Tätsch (Taxe 7 CHF pro Tag, in Münzen an Automat zu bezahlen) auf. Aus älteren Berichten entnehme ich, dass wir auch schon in nur einer guten Stunde zum Einstieg der Conquest gegangen waren. Dieses Mal kam mir die Strecke aber durchaus länger vor: einerseits waren die Beine schon etwas müde, an den Füssen waren die Bergschuhe, einige Schneefelder galt es bereits im unteren Teil zu queren und aber der Hütte lag dann eine noch fast geschlossene Schneedecke. Das Weiss war immerhin kompakt und gut zu gehen. Für den steilen Schlussaufstieg durchs Couloir hinauf montierte ich dann die Steigeisen - bei dem weichen Schnee wäre es vorerst wohl noch ohne gegangen, aber ein Ausrutscher käme da bereits teuer zu stehen. Nach einem Intermezzo in felsigem Gelände am Einstieg der Niedermann vorbei versperrte schliesslich ein steiler Schneepropf den Zugang zum Sattel, wo Toggel, Accept und Eisbrecher beginnen. Hier wäre es ohne alpine Ausrüstung (Steigeisen, Pickel) definitiv sehr gefährlich gewesen. Nach all diesen Herausforderungen (rund 1:30h Gehzeit) und einer Pause mit den üblichen Vorbereitungen starteten wir um 10.30 Uhr mit der Kletterei.

L1, 40m, 6a+: Auf los geht's los! Der Einstieg befindet sich wenige Meter unterhalb des Sattels auf der Westseite und bringt die Crux der Länge gleich am ersten Bohrhaken mit einem kurz kniffligen Zug in Wandkletterei. Bald folgt eine lange und im Wesentlichen einfache Linkstraverse. Mittig ist eine Stelle jedoch für den Nachsteiger sehr heikel gesichert. Gleich nach dem Aushängen folgt eine balancy 5c-Stelle, wo ein 15m-Pendler mit Aufprall auf ein geneigtes Band droht. Hier darf der Vorsteiger keinesfalls bloss die Bolts klippen, es gibt nach der heiklen Stelle ein gutes Placement für einen Cam 0.4 oder 0.5.

Die ersten Meter der Route haben es gleich in sich... (L1, 6a+).

L2, 40m, 6b: Aus dem Stand raus gleich zum Bohrhaken, der auf dem Remy-Topo fehlt und daher für etwas Verwirrung in der Linienwahl sorgt. Man könnte wohl gleich nach links abzweigen, der Toggel nimmt aber tatsächlich die logische Linie den selbst abzusichernden Rissen und Schuppen gerade hinauf. Prima Kletterei, es kommen dann schon wieder Bolts. Zum Abschluss dieser Risse fordert dann eine vermutlich ziemlich grössenabhängige Wandstelle. Damit nicht genug, es steht noch eine feine, technische Querung in die links ansetzende Verschneidung an. Mit ziemlich kniffligen und auch etwas kühnen Moves folgt man dieser zum sackunbequemen Hängestand - eine richtig coole Seillänge!

Geniale Perspektive auf die auch nach der Sanierung immer noch ein wenig kühne L2 (6b).

L3, 35m, 6a+: Der Blick nach oben lässt hohe Schwierigkeiten vermuten, doch die Sache löst sich einfacher auf wie befürchtet. Gleich aus dem Stand raus haben die Moves eher Wandkletter-Charakter und bieten die forderndste Stelle der Länge. Nachher geht es bald etwas gemässigter voran und schliesslich in die nun wieder ausgeprägte Verschneidung hinein. Diese bietet schön scharf geschnittene Risse an, wo genussvoll und teils selber absichernd in die Höhe geturnt werden darf.

Verschneidungskletterei am Ende von L3 (6a+) über der grossen Schnee-Landebahn.

L4, 45m, 6b: Es folgt ein sehr abwechslungsreicher und taffer Abschnitt! Die Route führt nach rechts, wo nach den ersten, noch einfachen Metern eine knifflige Querung in Wandkletterei folgt. Der Bolt steckt tiefer, als man die einfachste Kletterlinie vorerst vermutet... traut man da seiner Intuition oder setzt man doch auf die möglicherweise schwierigere, aber psychisch angenehmere Variante einer tieferen Querung? Ich halte mich hier mit Ratschlägen zurück, meine Lösung fühlte sich sackschwer an und ich entging nur knapp dem Abschmieren, d.h. habe die Passage möglicherweise nicht optimal erwischt. Einmal drüben, folgt ein erst griffiger Riss (bleibt länger feucht!), der sich aber schliesst und zu einer dachartigen Verschneidung führt. Auch hier will die Lösung entschlüsselt werden, wie man sich aus dem wegdrehenden Piaz unterhalb ob der Kante etablieren kann. Einmal geschafft, geht's kurz etwas leichter voran, bis einem kurz vor Ende eine popelig aussehende Stelle mit dem Haken unter den Füssen nochmals challengt. Nein, ohne den Untergriff, den miesen Sloper und entschiedenem, plattigen Antreten kriegt man die griffige Schuppe nicht zu fassen, auch wenn man es sich anders wünschen würde.

In L4 (6b) muss man parat sein: am Anfang, in der Mitte und auch am Ende nochmals...

L5, 20m, 6a+: Obwohl es in den Topos nirgendwo so dargestellt ist, verläuft diese Seillänge im Wesentlichen gleich wie L6 von Eisbrecher. Die plattige Wandstufe bietet halt eben nur direkt oberhalb des Toggel-Standplatzes genügend Struktur, um moderat schwierig darüber hinwegzukommen. Im Eisbrecher-Originaltopo wurde dieser Abschnitt mit 7+ (6b+/6c) eingeschätzt, die Remys geben hier nur eine 5c für dieselben Moves aus. Die Wahrheit liegt wohl dazwischen im Bereich von 6a+. Einmal über der Stufe, geht's nicht an die vor der Nase liegende, schöne Inox-Standkette vom Eisbrecher, sondern auf dem Band nach links leicht absteigend zum Toggel-Stand.

L5 von Toggel (ca. 6a+) verläuft im Wesentlichen gemeinsam mit L6 von Eisbrecher. Man sieht auch eine Seilschaft, welche in der nachfolgenden L7 vom Eisbrecher engagiert ist. Toggel quert hingegen links um die Ecke, der weitere Verlauf ist auf diesem Foto nicht gut einsehbar.

L6, 45m, 6b+: Eine absolute Monster-Länge, voll genial! Mit einem kleinen Abkletter-Loop erreicht man in schwieriger Wandkletterei die Kante links - der hier steckende Bolt nützt als Sicherung nicht viel und hilft höchstens für A0, auf jeden Fall sollte man ihn um Seilzug zu vermeiden wieder aushängen, wenn man einmal drüben ist. Die Kante gehört eigentlich zu einer v-förmigen Verschneidung. Knifflig arbeitet man sich mit allerlei Techniken (Piaz, Knieklemmer, Ellbogenklemmer, Squeeze, Spreizen, Wand links und rechts) in die Höhe. Wirklich eine unglaublich komplexe und komplizierte Sache! Die ersten 2 Bolts stecken rechts oberhalb der Verschneidung, die nächsten 2 links in der Wand, dann findet man sie wieder rechts... das macht es nicht einfacher und es erfordert auch, dem Seilverlauf genaue Beachtung zu schenken. Die Kante ist teils extrem scharf und könnte bei einem Sturz sicherlich auch einen Seilriss verursachen, wenn die Seilführung ungünstig ist. Nach dieser ersten Verschneidung klettert man dann nach rechts und kann kurz etwas durchschnaufen. Das ist auch nötig, weil die nun ansetzende, zweite Verschneidung nochmals eine Herausforderung ist. Auch hier ist vom Squeeze über Faustklemmer im Riss zu Spreizen und Wandmoves nochmals die gesamte Palette gefordert - der letzte BH steckt ~12m vor dem Stand, man sollte unbedingt noch ein paar Cams auf Reserve haben (den 0.5er konnte ich an entscheidender Stelle perfekt platzieren).

Schwierige Verschneidungen erfordern in L6 (hart 6b+) allerlei Techniken.

L7, 45m, 6c: Der Blick ins Topo und nach oben (oder umgekehrt) lässt einen leer schlucken. Es wird steiler und ja offenbar nochmals schwieriger... wie man diese Herausforderung wohl bewältigt?!? Gleich vom Stand weg folgt schwierige Wandkletterei - mit 2 BH zwar gut gesichert, aber im Sturzfall ist die Sicherungsperson trotzdem in Schusslinie. Danach gilt es dann wieder einmal, eine dachähnliche Verschneidung zu überqueren. Das konnte man ja bis zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Mal praktizieren - und hilft hoffentlich, diese nun nochmals schwierigere und athletischere Stelle zu meistern. Mit meinem letzten Reserven klammerte ich mich fest, die Kräfte schwanden und der Abgang schien unvermeidlich... in letzter Hoffnung setzte ich alles auf eine Karte und plötzlich löste sich die Stelle auf. War es nun wirklich so schwierig?!? Wer weiss... Jedenfalls, nach dieser Passage erreicht man ein bequemes Band und damit ist die Route geknackt. Es warten auch danach noch sehr schöne und auch nicht ganz triviale Kletterstellen, aber so richtig über eine längere Strecke hart ist es nirgends mehr. Gleich oberhalb vom Band folgt ein griffiger Piazriss - zwar gut gesichert, aber das Band im Sturzraum bleibt (ohne Sichtverbindung zur Sicherungsperson) heikel. Am Ende des Risses kurze, fordernde Rechtstraverse, bevor man in einfacherem, rissig-gestuftem Gelände zur gut sichtbaren Inoxkette klettert. Auch dieser Stand (und die letzten Meter der Seillänge) verlaufen gemeinsam mit dem Eisbrecher und zwar dessen L9. Dieser Sachverhalt ist zwar in keinem Topo so beschrieben oder eingezeichnet, stimmt aber unzweifelhaft. Lustigerweise haben die Remys ja zwischen Toggel und Eisbrecher noch Platz für die Route Artilium gefunden - wo diese genau durchführt, hat sich mir bisher aber noch nicht im Detail erschlossen.

Zwar nicht mal senkrechte, aber trotzdem sehr athletische Kletterei folgt nach diesem Spreizer in L7 (6c).

L8, 40m, 6a: Zuerst an schuppigen Griffen über die Steilstufe hinauf (BH), auch dieses Stück verläuft gemeinsam mit dem Eisbrecher. Jener führt dann gerade hinauf in den cleanen Riss, während Toggel auf einem schmalen Felsband nach links führt (2 BH gut sichtbar). Schliesslich steigt man einem Riss folgend in genussvoller, nicht allzu schwieriger Kletterei hinauf (es stecken nochmals 2 BH), wobei die Sache nach und nach anzieht. Der Stand schliesslich steckt am rechten Risssystem, es will also noch dahin gewechselt werden. Auf welcher Höhe man das optimalerweise vollzieht, bleibt sowohl anhand der Topos wie auch aufgrund unserer Erfahrung unbekannt (verschiedene Lösungen führen zum Ziel).

Super Granitkletterei, coole Perspektive in L8 (6a).

L9, 40m, 6b: In der Wand links der Verschneidung geht's hinauf, Struktur und ein paar Risse helfen beim Vorankommen, die Verschneidung selber muss man vorerst nicht bemühen. Allerdings scheint dann der Abstand zum 2. BH sehr weit und um mobil zu sichern sieht's vorderhand auch etwas mau aus. Allerdings (und dieses Placement sollte man nicht verpassen) gibt's direkt an der Kante der Verschneidung einen sanduhrmässigen Zacken, wo man ideal eine Schlinge legen kann. Oberhalb dieser ersten Wand dann etwas nach links zu einer Schuppe (BH & mobil zu sichern), um dann erneut links steile, aber unglaublich griffige, dafür etwas hohl tönende Risse/Schuppen zu gewinnen, welche einen in leicht überhängender Kletterei auf das diagonal verlaufende Standband bringen. In dieser Seillänge wurde die Passage bei der Sanierung wohl neu gelegt. Die alten Topos schlagen eine tiefere Bewertung vor, welche mehr rechtsrum wohl auch zu finden wäre. Es stecken aber genügend  BH, um den heute angedachten Verlauf nachvollziehen zu können. Die 6b dünkte mich im Vergleich zu anderen Seillängen (v.a. L4, L6) doch deutlich softer - passt aber eher zu den heutigen Einschätzungen. Weiterer Hinweis: wie in manch anderer Seillänge gilt es auch hier den Seilverlauf mit langen Exen und/oder Halbseiltechnik zu optimieren, sonst bremst man sich aus.

Grosszügige Kletterei erster Güteklasse mit einem steilen Finish wartet in L9 (6b).

L10, 20m, 6a: Die Abschlusslänge ist zwar kurz, bietet aber nochmals senkrechte und absolut tolle Granitkletterei à la Chamonix. An henkligen Rissen und Schuppen geht's in traditioneller Manier mobil absichernd ganz gut voran (Cotation Chamoniarde wäre hier wohl IV). Ganz am Ende kommt dann aber noch ein BH, denn da wartet noch ein "moderner" Kletterzug, der die 6a-Bewertung durchaus rechtfertigt. Der Stand befindet sich unmittelbar darob am Grat auf der Rückseite.

Sehr steil an super-griffigen Schwarten ist die letzte Seillänge (L10, 6a).

Um 16.15 Uhr und damit nach 5:45h Kletterei waren wir hochzufrieden am Top angelangt. Da waren wir also doch eine ganze Weile beschäftigt - länger auch als ich im Vorfeld aufgrund des Topos gedacht hätte. Doch die Schwierigkeiten sind über längere Strecken anhaltend, die Kletterei ist oft komplex und kompliziert und Gelände um einfach durchzumarschieren gibt es wenig. Weiter muss zusätzlich mobil abgesichert werden, was aber auch nicht immer perfekt und à discretion möglich ist, d.h. die Wahl der Placements und das Legen von zuverlässigen Sicherungen frisst wie das Rearrangieren vom typischerweise ausgeschossenen Rack immer Zeit in Anspruch. Aber die Begehungszeit ist natürlich (ausser für Planungszwecke) völlig egal (mir persönlich jedenfalls)! Was zählt, ist die geniale Kletterei und die Tatsache, dass mir die ganze Route onsight/flash gelungen war.

Ausblick vom Top der Route auf die Dammastock-Kette.

Am Top gab es nicht viel zu tun und so fädelten wir unsere Seile in den Stand und glitten in die Tiefe. Beim ersten Abseiler lassen sich auch mit 50m-Stricken die Abschnitte 9 & 10 (knapp!) verbinden und das Seil fällt aufgrund der Steilheit schön selbständig in die Tiefe. Doch das war es dann in etwa mit den Abseilfreuden. Da der Toggel im Routenverlauf beständig etwas nach links quert, muss in der Folge stets diagonal abgeseilt werden, um den Sattel beim Einstieg wieder zu erreichen. Wir wechselten beim zweiten Abseiler auf die besseren Kettenstände des Eisbrechers, sowieso käme man via Toggel im unteren Teil nicht mehr zum Sattel zurück. So gab es dann zahlreiche, stark diagonal verlaufende Abseilmanöver. Die griffigen Schuppen, welche die Kletterei an der Grauen Wand so toll machen, erwiesen sich hier als entscheidender Nachteil - sie frassen beständig das Seil, so dass viel Pflegen und nach dem Abziehen auch 2x ein Wiederaufstieg zum Befreien nötig war - insgesamt ein ziemlicher Figg! Immerhin, nach 9 Manövern waren wir wieder am Sattel bei Schuhen und dem deponierten Material und konnten auch gleich noch über den Schneepropf am Sattel abseilen. Vorsichtig stiegen wir durch das felsige Couloir mit viel losem Geröll ab (tw. marode Fixseile), dann über den aufgeweichten Schneehang hinunter. Hier konnte die Anspannung nun abfallen. Dank der tollen Stimmung, spannenden Diskussionen und dem Gefühl eine Hammerroute geklettert zu haben, fielen die inzwischen reichlich müden Beine auf dem Rückweg zum Tätsch nur wenig ins Gewicht.

Gedanken zur Sanierung

Die Route wurde ja von Yves Remy persönlich "saniert", wobei es höchst fragwürdig ist, was da geleistet wurde. Konkret wurden 40 Bolts hinzugefügt - an fast jedem Standplatz einer, die meisten (ca. 30) anderen an Kletterstellen, wo vorher nichts war. Natürlich steht es den Erstbegehern frei, ihre Route im Charakter zu verändern und ich kann auch attestieren, dass diese Zusatzbolts sinnvoll gesetzt sind und ich sie eigentlich auch in den allermeisten Fällen als nötig empfand. Die Route ist auch in diesem neuen Zustand noch immer anspruchsvoll und muss zusätzlich mobil abgesichert werden - total Psycho-Stellen oder gefährliche Sequenzen gibt es aber kaum mehr. Keine Kritik bzgl. dem Nachbohren also.

Verzinkter Einschlaganker mit Alteisen-Lasche, anlässlich der Sanierung 2019 gesetzt.

Äusserst fragwürdig ist aber das eingesetzte Material und das Belassen der alten Ware. Es wurden durchwegs verzinkte Anker eingesetzt, die im Granit der Grauen Wand demnächst wieder korrodieren werden. Die Laschen ein Mischmasch aus Alteisen, neue Ware verzinkt oder rostfrei, diverse verschiedene Fabrikate - ganz klar ungenügend. Überall dort, wo bereits bei der Erstbegehung BH gesetzt wurden, wurde einfach die alte Ware belassen. D.h. konkret, dass man sämtliche Schlüsselstellen (teils auch längere Abschnitte) nach wie vor an den handgebohrten M8-Spits von 1984 klettert. Auch an den Standplätzen steckt überwiegend Antikes, einzig mit belassenen, ausgedienten Alu-Karabinern, wo das Schraubgewinde mit dem Hammer unbrauchbar geschlagen wurde, wurden diese bei der Sanierung "aufgebessert".

M8-Spit mit Petzl-Alulasche ("Colalasche"). Anscheinend stammen diese Bolts aus dem Späleo-Bereich und waren gar nie zum Klettern gedacht. Sicherlich genügen sie heute, d.h. 36 Jahre nach der Erstbegehung, nicht mehr wirklich zum Klettern. Sämtliche Schlüsselstellen im Toggel müssen aber über solchen Haken geklettert werden...

In Summe also: die Route ist super, wirklich sehr empfehlenswert, das Vorgehen bei der Sanierung dilettantisch, ja eigentlich skandalös. Und es handelt sich ja nicht etwa um namenlose Amateure, sondern um eigentliche "Erschliesser-Profis" und Ehrenmitglieder des SAC... ich habe diesen Text unmittelbar nach unserer Begehung auf Facebook geteilt mit der Bitte um Stellungnahme und Diskussion. Die Meinung dazu war einhellig, dass es "so nicht geht" und man dieses Treiben eigentlich als Felsverschandelung bezeichnen muss.

Verzinkter Einschlaganker mit korrodierter, verzinkter Fixé-Lasche. Ich kann es natürlich nicht beweisen, bin mir aber ziemlich sicher, dass es sich nicht um eine neue Lasche handelt, welche hier vor Ort korrodiert ist, sondern um ein bereits korrodiertes Exemplar, das anderswo entfernt wurde und dem hier ein neuer Einsatzzweck angedacht wurde... :-/

Facts

Graue Wand - Toggel 6c (6b+ obl.) - 10 SL, 370m - C. & Y. Remy 1984, saniert 2019 - *****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12-14 Express, Camalots 0.2-3, evtl. 0.3-1 doppelt und/oder Keile

Top-Granitkletterei, vorwiegend steil durch Verschneidungen, an griffigen Schuppen und über einige Wandstellen. Granittypisch ist die Route anspruchsvoller, wie die eher tiefen Bewertungen vermuten lassen. So ist auch schon im Grad 6b+ reichlich Einsatz gefragt und der Vorsteiger muss durchaus etwas auf dem Kasten haben, um hier durchzukommen. Der Anspruch vom Toggel ist m.E. höher wie im auf den Topos ähnlich bewerteten Eisbrecher oder auch der Conquest. Seit der Pseudo-Sanierung im 2019 stecken nun überall Bohrhaken, wo diese nötig sind. Leider sind manche davon von zweifelhafter Qualität. An vielen Stellen muss nach wie vor mobil abgesichert werden, ein volles Rack muss auf jeden Fall mitgeführt werden. Ein mässig präzises Topo zur Route findet man auf C2C.  

Dienstag, 26. Juni 2018

Graue Wand - Captain Morgan (7c+)

Meter sammeln oder die Sportkletterkünste angewandt zum Einsatz bringen, diese Frage war zentral, als wir uns für das Ziel zu entscheiden hatten. Schliesslich setzte sich erstens die Einsicht durch, dass die Sportkletterform im Lauf des Sommers üblicherweise nicht besser wird. Und zweitens gelangten wir gegenseitig zur Überzeugung, dass hier ein Partner bereitstand, mit welchem man in eine mit 7c+ bewertete MSL-Tour einsteigen konnte. Darauf kann man nicht immer zählen, um in etwas einfacheren Touren Metern zu sammeln, ist die Partnersuche hingegen meist viel einfacher. Nun galt es, aus mehreren alpinen Sportkletterprojekten noch das richtige auszuwählen. Die Tatsache, dass im rauen Klima am Furkapass nicht so oft gute Bedingungen herrschen und der Zustieg zur Zeit unseres Anrückens noch mit Ski zu bewältigen war, gaben schliesslich den Ausschlag für die Captain Morgan (7 SL, 7c+) an der Grauen Wand.

Die Graue Wand, in deren linkem Sektor befindet sich die Captain Morgan (7c+).
Nachdem ich in den vergangenen Wochen für die letzten Ausflüge im Schnee und Nordwand-Eskapaden des Öfteren früh bis sehr früh aufgestanden war, war es mir nur recht, die herausfordernde Tour nach etwas längerer Nachtruhe angehen zu können. So wurde es schliesslich 9.00 Uhr, bis wir etwas oberhalb vom Tiefenbach auf 2150m aufbrachen. Die Strasse zum Tätsch (2272m) war noch nicht komplett befahrbar, ein Schneefeld verhinderte das Weiterkommen. Immerhin konnten wir uns so die sonst üblicherweise fällige Taxe sparen. Bis auf diesen letzten Schneefleck auf der Strasse war es rund um uns herum jedoch schon reichlich grün, ein Loslaufen mit den Skischuhen an den Füssen und den Ski auf dem Rücken schien doch ziemlich exotisch. Aber ich war mir sicher, dass sich die Lage nur wenig weiter oben bald ändern würde. Dem war dann tatsächlich auch so. Bereits ab der Ebene oberhalb vom Älpetli bei 2360m lag noch eine geschlossene und mächtige Schneedecke, so dass wir die Bretter nach 20 Minuten der Portage anschnallen konnten.

Ski & Climb! Mit kurzen Hosen auf dem rauen Wellblechschnee unterwegs, deutlich besser wie zu Fuss.
Es stellt sich natürlich trotzdem die Frage, ob deren Mitnahme berechtigt war. Nachdem wir im Aufstieg eine deutlich vor uns gestartete Seilschaft einholen und eine gleichzeitig gestartete distanzieren konnten und auch im Abstieg deutlich schneller waren, würde ich diese Frage positiv beantworten. Der Auf- und Abstieg mit den Brettern war wohl auch kraftsparender, obwohl der Schnee an sich fürchterlich war. Regen und Wärme hatten einen wahren Acker von Büsserschnee hinterlassen, eine stark gewellte Oberfläche mit 30-50cm tiefen Löchern. Nein, so richtiges Skivergnügen kam da natürlich nicht auf (hatten wir auch nicht erwartet), doch zu Fuss ist solches Gelände ja auch nicht eben erquicklich, so war der Vorteil eben doch auf unserer Seite. Jedenfalls, nach knapp 75 Minuten Aufstieg waren wir am Wandfuss auf 2800m angelangt. Vor Ort war noch eine zweite, uns bekannte Seilschaft, welche sich in der Cannibal Island (7b+) versuchen wollte. Eine apere Terrasse bot sich als bequeme Wechselzone an, Wetter und Temperaturen waren höchst angenehm, so konnte es um 10.45 Uhr mit der Kletterei losgehen.

Hier geht's los (über die Platten und links um die Ecke). Temperaturen und Ambiente auf beinahe 3000m superb!
Hinweis: die Route wurde nach unserer Begehung am 15./16.8.2018 durch Mike Schwitter und Anna Enrich saniert. Dabei wurden 30 rostfreie Haken zum Ersatz von bisherigen gesetzt, zusätzlich entschärfen 14 Extra-Bolts einige heikle Stellen. Darüber hinaus gibt's eine neue, erste Seillänge inkl. Standplatz wegen dem abgesunkenen Gletscher (siehe Topo am Ende des Beitrags). Die Angaben in der Routenbeschreibung beziehen sich auf den Originalzustand vor der Sanierung, sie können also von der aktuellen Situation abweichen.

L0, 50m, 5c: Durch das Abschmelzen des Firnfelds am Wandfuss ist gegenüber dem Originaltopo eine ganze, zusätzliche Seillänge zu klettern. Es steckt überhaupt kein Material, aber weil die Schwierigkeiten von diesem Abschnitt im Fünfer-Bereich liegen und man hie und da etwas Legen kann, geht das ohne Sorgen vor sich. Standplatz entweder an mobilen Sicherungen bevor man in die grosse Verschneidung einsteigt. Alternativ kann man den (etwas abseits liegenden) gebohrten Abseilstand nutzen. Er befindet sich (im Aufstiegssinn) 3-4m links der Verschneidung, ungefähr auf der Höhe wo die Route die Verschneidung nach rechts verlässt. Eine weitere Möglichkeit besteht aufgrund der relativ geringen Schwierigkeiten natürlich darin, simultan am Seil zu gehen und gleich zum offiziellen Stand nach L1 zu klettern, diese Lösung hatten wir gewählt.

L1, 30m, 6a: Nachdem man die grosse, im Grund häufig nasse Verschneidung etwa zur Hälfte zwischen ihrem Ansatz und dem nach links ziehenden Bogen erstiegen hat, muss man nach rechts hinaus in die Seitenwand klettern. Dieser Punkt ist nicht besonders offensichtlich, allerdings ist's auch nicht an vielen Stellen möglich, überhaupt in die Seitenwand zu klettern. Somit wird man schon fündig werden, richtig liegt man dann, wenn man nach der Abzweigung alsbald an einem Schlaghaken vorbeikommt. Über schöne Risse (nochmals NH & BH) und Schwarten gelangt man an die Pfeilerkante, dieser entlang plattig-fein aufwärts zu Stand an 2 alten Ring-BH.

Auf den ersten 3 SL hat die Route eine spezielle Linienführung, die Kletterei am Ende von L1 (6a) aber cool und fotogen!
L2, 50m, 6a: Was auf dem Topo seltsam aussieht, macht vor Ort plötzlich perfekt Sinn. Die Route beschreibt ja in L1 und L2 einen grossen Rechtsbogen, welcher von Weitem völlig unnötig und verzichtbar scheint. Allerdings umgeht man auf diese Weise elegant die dauernasse Verschneidung und mühsam zu kletternde Platten. Somit also der Kante entlang und in fotogener Querung entlang von griffigen Schuppen und Rampen unter einem steilen Wandabschnitt zurück nach links. Es warten keine besonderen Schwierigkeiten, die Bewertung wohl eher gutmütig.

Wow, diese Farben, Formen und Linien! Hier L2 (6a), mit welcher man elegant die oft nassen Platten darunter umgeht.
L3, 50m, 6c: Achtung, hier geht's nicht gerade hinauf zum BH der Cannibal Island und auch nicht im Grund der grossen Verschneidung, wo die alte Niedermann-Route ('Rote Platten') verläuft. Die Captain Morgan verläuft in der linken Wand, irgendwann wird man auch die Bohrhaken erspähen. Irgendwie dünkte mich der Verlauf hier leicht unlogisch, da die Bolts nicht neben dem vermeintlich einfachsten Riss-/Schuppensystem stecken. Doch ich habe pflichtbewusst erst einmal die ersten beiden Bolts eingehängt. Der dortige Piazriss zieht zwar weiter, sieht aber vorerst weder gut zum Absichern noch einfach zum Klettern aus. Daher also doch ins linkerhand gelegene System gewechselt. Später drängt's einen wieder nach rechts zurück, an etwas unscheinbarer (ich musste erst von den Kletterinnen in der Nachbarroute darauf hingewiesen werden) aber strategisch wichtiger Stelle steckt nochmals ein BH. Der Stand dann etwas links aussen auf dem Pfeilerkopf - Vorsicht, nicht direkt zu den gut sichtbaren Bolts klettern, die bereits zur nächsten Länge gehören.

Adi folgt in L3 (6c). Hier stecken auf 50m nur 3 BH, dazwischen darf (und muss) man sich den Weg selber suchen.
L4, 25m, 7a: Eine richtig coole Länge! Plattige Querung nach rechts aus dem Stand hinaus, als nächstes steht ein bouldriges Dächli auf dem Programm. Die Schwierigkeiten a priori sehr schwierig einzuschätzen. Schliesslich löst es sich besser auf wie befürchtet. Dann ziemlich kühn zu einem Untergriffbogen und auf Gegendruck diesem entlang zur Crux. Hier muss man entlang einer feinen Rissspur bei Trittarmut schräg nach rechts oben klettern, die Schwierigkeiten sind hier ziemlich zwingend zu meistern. Der Stand mit einer langen Kette dann 'strategisch günstig platziert' ein bisschen mitten im Nirgendwo.

Nachstieg in der richtig coolen L4 (7a), die ziemlich fordernd ist. Da muss man parat sein!
L5, 25m, 7b: Das 'strategisch günstig platziert' von oben heisst, dass der Stand eben mitten in einer schwierigen Kletterstelle steckt. Wer die Captain Morgan ehrlich punkten möchte, sollte idealerweise L4 und L5 verbinden (was mit 50m-Seil möglich ist). Oder sonst müsste man zumindest mit den Händen am letzten brauchbaren Griff starten, das wäre dann jener, wo die Sicherungsperson die Füsse drauf hat. Jedenfalls ist der Belayer schlicht und einfach im Weg, um die fizzelige Wandstelle gleich am Anfang von L5 zu klettern. Der Weg zum ersten Haken ist auch gleich sehr schwierig und man scheppert halt voll in den Stand rein. Wenn's nicht ganz dumm läuft, zwar am Sicherungsmensch vorbei, aber irgendwie ist's halt doch etwas doof. Nachdem der erste Haken dann geklippt ist, nochmals schwierig und knifflig über eine Wandstelle. Die Kletterei ist etwas weniger als senkrecht, die Wand mit kleinen Noppen gespickt - schwierig zu treten und um sich schlau festzuhalten gibt's auch nix. Dann endlich hat man den Piazriss erreicht, an diesem geht's dann deutlich gängiger und gut mit BH abgesichert im 6c-Bereich in die Höhe - unterbrochen von einer Stelle mittig, wo 2-3 kräftigere Moves im 7a-Bereich warten und man die Coolheit braucht, einen schwierig zu klippenden Bolt entweder deutlich zu überklettern oder gleich auszulassen.

Super Kletterei an Rissen und Piazschwarten im oberen Teil von L5 (7b) - macht echt Laune!
L6, 30m, 7b: Wenn man voraus nach oben blickt, so sieht man, wie auch in dieser Seillänge wieder schöne Piazschwarten bereitstehen. Allerdings beginnen diese erst 3-4m über dem Standplatz, also will zuvor erneut eine knifflige Wandstelle geklettert sein. Ein cooler Boulder: zwei Sloper, zwei Crimps, Füsse rüberschwingen und dann am erst noch sehr dünnen Riss aufrichten. Nicht gerade ideal übrigens für Leute, deren Kniegelenke schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben oder deren Meniskus sonstwie bereits etwas ausgefranst ist. Die Piazrisse selber gehen dann gut (6b/6c-Terrain), nur mittig wartet nochmals eine etwas kniffligere Stelle (6c/7a), wo über eine steile Wandstelle nach links zum nächsten Riss gewechselt werden muss.

Der Mann hat einfach zu viel Zeit zum Posieren. Adi folgt in L6 (7b), wo die letzten Meter etwas einfacher ausgefallen sind.
L7, 30m, 7c+: Der Blick in die sehr steile, orangefarbene Wand oberhalb lässt einen zusammen mit der harten Bewertung böses vermuten. Doch es täuscht! Der vom Stand aus sichtbare Wandabschnitt wartet mit ein paar versteckten, guten Griffen auf und ist erstaunlich gängig im 6c/7a-Bereich zu haben, auch die nachfolgende Linksquerung geht gut auf. Doch dann wird man sich gewahr, dass man die Crux definitiv noch nicht passiert hat. Es wartet nämlich eine listig glatte, steile Platte. Am schwierigsten sind gleich die ersten 3-4m. Ein paar scharfe Mikrokratzer (etwas fragile Kristallleisten) hat's, schlaue Tritte sind allerdings ziemlich Fehlanzeige. Vermutlich muss man hoch antreten und sich irgendwie geschickt auf diese 1cm-Leiste links drüben auf Kopfhöhe schieben. Eine gewisse Beweglichkeit scheint dazu unerlässlich. Als Ausrede könnte ich jetzt vorbringen, dass ich mit meinen MSL-Schlappen das komplett falsche Schuhwerk für einen solchen Move dabei hatte (ernst gemeinter Tipp: ein guter Sportkletterschuh mit aggressivem Downturn könnte m.E. (!!!) für diesen Rockover Gold wert sein). Jedenfalls konnte ich für diese Stelle auf die Schnelle keine echt tragfähige Lösung finden, so dass sich allfällige Rotpunkt-Ambitionen rasch in Luft aufgelöst hatten. Auch die nächsten Moves an einer nun ansetzenden, seichten, diagonalen Rissspur sind noch schwierig, danach wird's graduell wieder einfacher. Wobei das eigentlich nur bis zum bequem erreichbaren Irniger-Stand der 'Heissen Linie' gilt - der Move zum letzten BH und dem 3m rechts oben gelegenen Stand der Captain Morgan ist dann hingegen nochmals etwas knifflig.

Adi folgt in der etwas gutmütigeren Zone vor der 'Final Surprise' in der listig-glatten Cruxlänge L7 (7c+).
Um 16.15 Uhr und damit nach 5:30h der genussreichen Kletterei bei idealen Bedingungen hatten wir beide das Top der Route erreicht. Dieses befindet sich etwas 'mitten im Nirgendwo'. Sprich, man erreicht weder einen Gipfel, noch einen Grat, ja nicht einmal ein Band als logischen Endpunkt der Route. Sondern die Wand geht oberhalb einfach weiter, dies jedoch bei augenscheinlich deutlich geringeren Schwierigkeiten und wenig attraktiver Kletterei. Somit gab es am Top eigentlich nichts weiter zu tun, als die Seile zu fädeln und die Abseilfahrt anzutreten. Die obersten 4 Seillängen lassen sich mit 2 ausgereizten Manövern à 50m gerade bewältigen, nach 3 weiteren 50m-Abseilern waren wir zurück in der 'Wechselzone', d.h. dem bequemen Podest am Wandfuss. Wir wechselten zurück auf das Skigear und schnallten schliesslich die Bretter an die Füsse. Fahrspass war ob dem stark löchrigen Schnee nicht zu erwarten. Immerhin war dieser nun schön aufgeweicht, so dass man es einfach 'tschättern' lassen konnte. Nach einem ersten, kurzen Skiausziehen konnte man auf einem letzten Schneestreifen noch bis auf 2300m abfahren. Dies allerdings zum Preis, irgendwo den reissenden Tiefenbach überqueren zu müssen. Der smarte Mensch hätte sich daran erinnert (oder auf der Karte nachgeschaut), dass es wenig unterhalb bei P.2259 eine Brücke hat. Der Abenteurer machte sich hingegen daran, von Stein zu Stein hopsend ohne künstliche Hilfsmittel möglichst trockenen Fusses auf die andere Seite zu gelangen. Schliesslich war bald darauf das Auto erreicht und wenig später sassen wir mit der Seilschaft aus der Cannibal Island zum Umtrunk im Tiefenbach auf der Terrasse. Wie immer tummeln sich an diesen Passstrassen allerhand schräge Vögel. Wobei wir mit allerlei körperlichen Verrenkungen zum gegenseitigen Vordemonstrieren der entscheidenden Griffabfolgen ganz sicher bestens in diese Welt passten :-)

Die Crux auf dem Rückweg. Schlussendlich ging nur ein Skistock baden, der per heroischem Hechtsprung gerettet wurde ;-)
Facts

Graue Wand - Captain Morgan 7c+ (7a obl.) - 7(+1) SL, 290m - Schwitter/Meyer/Enz 1994 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-2, evtl. auch Grösse 3

Lässige Sportklettertour im linken Sektor an der Grauen Wand. Die schwierigen Stellen beschränken sich auf wenige Meter kurze, dafür glatte und knifflige Wandabschnitte. Während der Anfang über geneigte und sich dann aufsteilende Platten führt, warten in der zweiten Routenhälfte über weite Strecken griffige Risse und Piazschwarten. Letztere und die Schlüsselstellen sind tiptop mit Bohrhaken abgesichert (auf Niveau xxxx), hier muss man fast keine mobilen Sicherungen mehr legen, aufgrund der Felsstruktur wäre es auch nicht gut möglich. Die im Lauf der Zeit neu hervorgetretene Einstiegslänge ist clean und auch die 3 folgenden Längen wollen mobil ergänzt werden. Für meinen Geschmack ist die Materialempfehlung im Originaltopo (siehe unten) oder im Extrem Ost (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich) zu knapp. Ich würde auf jeden Fall ein volles Set Cams für diesen unteren Abschnitt empfehlen. In Bezug auf die Schönheit ist's auf jeden Fall eine sehr lohnenswerte Unternehmung. Ganz gleich gut wie andere Meisterwerke desselben Erstbegehers (z.B. die Jack Daniels oder die Ben Hur) ist die Route aber nicht. Irgendwie fehlt's etwas an Homogenität und Ambiance zur ganz grossen Linie, ebenso ist der Fels hier und da (natürlich auch ob der seltenen Begehungen) ein bisschen flechtig oder brösmelig. Nichts was extrem stört oder gegen einen Versuch spricht, halt einfach nicht in der Topliga. Zuletzt: man bewegt sich hier bei Zustieg in Kletterei an der Schwelle zum Hochgebirge. (Noch) liegt am Einstieg ganzjährig ein Firnfeld. Ausser bei besonders ungünstigen Bedingungen wird man's jedoch in aller Regel mit leichtem Schuhwerk und ohne alpine Hilfsmittel zum Einstieg schaffen.

Originaltopo der Erstbegeher aus der Schweizer Kletterzeitschrift RAVAGE 4/1995 (hoffe das ist ok mit dem Copyright ;-))
Topo nach der Sanierung im Jahr 2018, vielen Dank Anna & Mike!

Sonntag, 23. August 2015

Graue Wand - Eisbrecher (6b+)

Wenn es ums Granitklettern geht, so ist die im Becken des Tiefengletschers am Furkapass situierte Graue Wand eine der ersten Adressen in der Schweiz. Neben der klassischen Niedermann, der Conquest mit ihrem berühmten Super-Fissure und der wenig bekannten, aber schönen El Niño wollte ich nun eine weitere Tour kennenlernen. Die Wahl fiel dabei auf den Eisbrecher, einer Route von Martin Scheel, Thomas Müller und Roli Heer aus dem Jahre 1982. Im Plaisir Ost erhält diese zwar schlechte Presse nach dem Motto "zu gefährlich für Plaisirkletterer, zu langweilig für Extremkletterer", doch selber nachschauen macht immer schlauer. Und tatsächlich entpuppte sich der Eisbrecher als Weltklasse-Granittour mit steiler Kletterei an griffigen Rissen und schön strukturierten Platten sowie stimmiger Absicherung.

Die Graue Wand in Bildmitte. Der Eisbrecher verläuft mitten in der Wand zur kleinen Scharte zwischen dem Doppelgipfel.
Unsere Tour begann um 9.15 Uhr beim Parkplatz Tätsch (P.2272), den man nach löhnen einer Maut von 7 CHF pro Tag (Taxautomat, Kleingeld bereithalten!) mit dem Auto anfahren darf. An einem weiteren, wunderschönen Sommertag zogen wir die sehenswerte Landschaft geniessend bis unter die Albert-Heim-Hütte hinauf. Beim kleinen See unter der Hütte (P.2480) muss man sich auf dem Pfad etablieren, welcher auf der für die Wasserleitung gebauten Mauer gegen das Gletschhorn zieht. Bis über die Steilstufe auf 2600m hinauf gibt es noch Wegspuren, danach betritt man Firn oder ewiges Eis. Alternativ kann man sich auch ans Geröll rechterhand halten. Um zum Eisbrecher zu gelangen, muss dann die steile Schneezunge gegen das Zentrum der Wand hinaufgestiegen werden. Hier ist es steil (40-45 Grad), bei ungünstigen Verhältnissen braucht man nicht nur einen Pickel, sondern auch Steigeisen. Während wir im Schnee auf eine gute, weiche Auflage trafen, war das Gelände ab Mitte des Couloirs ausgeapert. Dort wartet unerquickliches Geröll, welches sehr rasch in Bewegung kommt. Sind hier mehrere Partien zu Gange, so ist grösste Vorsicht angebracht! Um 11.15 Uhr hatten wir den höchsten Punkt vom Couloir beim Pfeilerkopf und damit den Einstieg erreicht. Nach einer viertelstündigen Pause konnte es um 11.30 Uhr losgehen.

L1, 35m, 5c: Die eigentlich logische Einstiegsvariante wäre der gerade Riss, der zur Route Accept gehört und direkt zum ersten Stand hinauf- und in der zweiten Seillänge weiterführt. Der Einheit wegen hielt ich mich jedoch an den etwas einfacheren, originalen Eisbrecher-Einstieg, welcher in einem System von mehreren Rissen etwa 10m rechts verläuft. Die Kletterei an sich ist relativ gutmütig, Sicherungsmöglichkeiten gibt es hingegen nicht à discretion. Doch immer bevor es heikel wird, findet sich wieder ein gutes Placement. Mit vier Klemmgeräten und einem zur Accept gehörenden Bolt lässt sich dann doch guten Mutes steigen.

Schöne und fast komplett selbst abzusichernde Kletterei bereits hier in L1 (5c). Nur in der abgebildeten Linksquerung kann ein nachträglich gesetzter Bolt der kreuzenden Remy-Route Accept geklippt werden. 
L2, 35m, 6a+: Hoppala, hier geht's gleich ziemlich knackig los. Der erste BH steckt erst in 15m Höhe und der steile Fingerriss nach dem Stand will ehrlich geklettert und selber abgesichert werden. Weil am Vorabend noch ein Schauer durchgezogen ist, ist der Riss etwas feucht und glitschig. Ich verstaue zwei, drei Gerätschaften und ziehe dann in schwerer Wandkletterei durch, den rutschigen Klemmern mag ich mich nicht anvertrauen. Der obere Teil zum Stand hinauf ist dann nicht mehr ganz so schwer und mit zwei BH abgesichert, wobei der erste eher etwas hoch steckt und leicht unangenehm zum Klippen ist.

Der coole, steile Handriss von L2 (6a+) hier nicht sichtbar, im oberen Teil geht's etwas weniger steil der seichteren Rissspur entlang.
L3, 40m, 6b+: Anspruchsvolle Plattenkletterei an schön strukturiertem Fels, kein reiner Schleicher. Die Absicherung mit Bohrhaken ist hier löblich gut ausgefallen, dennoch sind die Moves zwingend zu klettern. Sicherlich kann man es sich hier auch schwerer machen wie es tatsächlich ist, den einfachsten Weg zu finden erfordert jedoch durchaus ein geübtes Auge. Nach der Hauptschwierigkeit folgt dann eine einfachere Traverse, hier war das erste Mal der sandige Strahler-Aushub (siehe unten) störend. Am Ende noch wenige Meter zum Stand hinauf.

Die erste Cruxlänge (L3, 6b+) mit ihrer einfacheren Querung am Ende. Hier auch gut sichtbar der Dreck vom Aushub der Strahler. Wer hier meint "ist ja nicht so viel, stört ja nicht" bedenke, dass der klebrige Sand genau auf allen guten Tritten und Griffen liegt, bzw. die schön griffigen Schüppchen aufgefüllt hat.
L4, 35m, 5c+: Eine problemlose Sequenz, nach meinen Dafürhalten sogar (bis auf den Ausstieg über die Niedermann) die einfachste Seillänge der ganzen Tour. Der Anfang bietet plattige Kletterei und ist mit zwei BH gut abgesichert. Danach steckt und liegt nicht mehr viel, allerdings warten auch keine schweren Moves mehr.

L5, 35m, 6a: Hier ist gleich nach dem Start ein erster Mantle zu bewältigen, und zwar noch vor eine Zwischensicherung eingehängt werden kann. Das Wändchen sieht aber schwerer aus, wie es ist. Danach klettert man eine leichte Rechtsschleife zu einem alten, nicht sanierten Ringhaken, um dann in einfacherem Cruising-Gelände zum Stand zu klettern. Wer will, kann die folgende L6 gleich noch anhängen.

L6, 15m, 6a+: Linksquerung vom Stand weg und den ersten, durch die Remy-Brüder für eine ihrer Routen hinzugefügten, tief steckenden Haken auslassen, sonst gibt's Seilzug. Der wäre in der folgenden Reibungspassage nämlich durchaus hinderlich, da man schon fein hinstehen muss. Überaus fordernd ist's aber nicht, v.a. wenn man bedenkt, dass diese Stelle im Scheel-Originaltopo mit 7+ bewertet war - bestimmt jedoch noch ohne Stealth-Gummi.

Das ist die feingriffige Reibungsstelle am Ende von L6 (6a+), wir hängten diese gleich noch an L5 an - geht prima.
L7, 35m, 6b: Nun ist man in der steilen Headwall angelangt und es wartet eine Seillänge der allerersten Güte. Vorsicht, hier nicht einen Verhauer in die A1-Bohrhakenpiste der kreuzenden Remy-Route Artilium produzieren! Um einen ersten Aufschwung geht's links herum in einen steilen, kräftigen Piazriss, der von einer henkligen Traverse nach rechts abgeschlossen wird, super! Dann einige Meter rechts bei der einfachsten Möglichkeit hochsteigen, dabei den Artilium-BH wegen Seilzug auslassen.

Tolle, steile und kühne Risskletterei in L7 (6b), ein Highlight!
L8, 35m, 6b+: Gleich nach dem Stand wartet die Vorstiegscrux der Route. Nachdem der erste BH geklippt ist, gilt es sich an feinen Seitschuppen höher zu arbeiten, die Füsse treten auf Reibung an. Über ein paar Meter bleibt es anhaltend schwer und man sieht sich einem möglicherweise harten Sturz mit Faktor >1 ausgesetzt, wirklich gefährlich ist's aber nicht. Nachdem man erst eine Schlinge ums Köpfl gelegt hat, folgen dann bei etwas einfacherer Kletterei auch zwei BH. Zuletzt dann eine anspruchsvolle Passage in die Verschneidung hinein und horizontal nach rechts raus - schade wurde der BH bei der Sanierung nicht an die rechte Wand verlegt.

Nach einem anspruchsvollen, kühnen Start wartet am Ende von L8 (6b+) noch eine bouldrige Verschneidungsstelle.
L9, 30m, 6a: Auf den ersten Metern werden gleich steile, aber super griffige Risse geboten, die willig Cams aufnehmen. Nachdem man nach etwa 8m einen BH zur Orientierung geklippt hat, geht es geradeaus in anhaltender, komplett selbst abzusichernder Risskletterei weiter, absolutement génial! Achtung, Verhauergefahr nach links in die Artilium, wo zwar zwei BH stecken, die Absicherung aber anscheinend schlecht ist. Erst nachdem man alles geradeaus dem Riss entlang auf ein Band mit einer ausgebeuteten Kristallkluft gelangt (Köpfl für Nachsteiger nicht vergessen) quert man an der Höhle vorbei nach links und zuletzt ein paar Meter aufwärts zum Stand.

L10, 40m, 6a: Eine weitere Hammer-Seillänge an steilen, selber abzusichernden Rissen komplett ohne fixes Material, den in der Mitte gut sichtbaren Remy-Bohrhaken lässt man gescheiter links liegen. Vor allem der Mittelteil ist hier allererste Sahne, beim kräftigen Rissüberhang kann man die Schlüsselstelle perfekt mit einem 0.4er Cam absichern und durchziehen, bald danach kommen im Riss wieder Schubladen-Griffe der allerersten Güteklasse. Von solchen Seillängen träumt man danach noch lange!

Hammergeniale, steile und komplett cleane Risskletterei in L10 (6a).
L11, 40m, 5c+: In gemässigter Kletterei hinauf, bis wieder einmal ein BH geklippt werden kann. Die folgende Stelle wird etwas rechtsrum geklettert, und nach einem weiteren BH beginnt bald das grosse Rätselraten. Es gibt 3 mögliche Varianten, nämlich a) den Graspolster-Riss links, b) die steile Rissverschneidung gerade hinauf oder c) eine Querung rechts ums Türmli und die Rampe hinauf. Obwohl ich 3 Topos dabei habe bleibt völlig unklar, welches der korrekte Weg ist. Wahrscheinlich gehen jedoch alle, ich habe mich schliesslich für a) entschieden, da ich den Stand links vermutete. Er ist aber gerade oben, und aus allen Varianten gut erreichbar.

Point of Decision in L11 (5c+). Links der Klettererin Variante b) in der Rissverschneidung, rechts a), der Graspolster-Riss.
L12, 40m, 5a: Mit einer einfachen Traverse von wenigen Metern erreicht man die Niedermann-Führe, welcher man über zwei weitere BH nach rechts hinauf folgt. Dann ist der Grat erreicht, welchem man hintenrum (d.h. nordseitig) leicht zum Gipfel (P.3172) der Grauen Wand folgt.

Am Top der Grauen Wand, hinten erst das Gletschhorn (3305m), dann der Galenstock (3583m).
Die durchgehend steile, anspruchsvolle und über weite Strecken selber abzusichernde Kletterei hatte durchaus Zeit in Anspruch genommen. Die Uhr war bereits auf 17.45 Uhr vorgerückt, somit hatte uns die Route 6:15 Stunden beschäftigt. Weil zudem in Richtung Grimsel auch noch ein hochaufgeschossener Giftpilz am Himmel thronte, machten wir uns sogleich an die Abseilfahrt. Bereits nach zwei Teilstücken liess sich dann das Rätsel der über die ganzen Wand gespannten Fixseile lösen. Während ich erst einen Zusammenhang mit der Sanierung der Remy-Route Kalypso vermutete, zeigte sich, dass die aufwendige Einrichtung von Strahlern vorgenommen wurde. Ganz offensichtlich waren diese im oberen Wandteil mit dem Ausbeuten einer Kluft beschäftigt. 

Grundsätzlich gönne ich ja jedem Tierchen sein Plaisirchen und bin gegen grundsätzliche Einschränkungen und für Freiheit in den Bergen. Hier allerdings stelle ich mir schon die Frage, ob es statthaft und sinnvoll ist, eine Fixseilpiste in einem vielbesuchten Klettersektor einzurichten. Die Seile interferieren mit den Routen Accept, Eisbrecher, Kalypso, Niedermann sowie auch der Abseilpiste. Damit nicht genug, um die Fixseile zu befestigen wurden sogar ein paar zusätzliche Bohrhaken hinzugefügt. Noch viel störender ist jedoch aktuell der Punkt, dass der Aushub in der Menge von 2-3 Kleintransportern, einfach über die Wand hinuntergekippt wurde. Beim Eisbrecher waren wir zum Glück nur auf 1.5 Seillängen betroffen, doch die Route Kalypso dürfte aktuell wenig geniessbar sein. Der sandig-feuchte Dreck bleibt dabei auf jedem etwas mehr der Horizontale zugeneigten Griff oder Tritt kleben und füllt alle Schuppen auf - bestimmt wird er auch nicht mit dem ersten Regen einfach weggewaschen.

Beschädigter Stand der Abseilpiste. Wenig erstaunlich, wenn oberhalb ganz Klüfte ausgehoben werden.
Nun denn, wir seilten weiter ab. Bereits beim Zustieg hatte ich festgestellt, dass in der Einstiegslänge der Kalypso neue Bohrhaken stecken. Da sich diese Route durchaus auf meiner Projektliste befindet, inspizierte ich beim Abseilen die Änderungen genau. Was ich sah, rief bei mir aber schon einige Fragezeichen hervor! Bei der angeblichen "Sanierung" durch die Erstbegeher wurde nicht etwa das alte Material ersetzt. Nein, an allen schweren Stellen, wo schon früher BH steckten, klettert man weiterhin am 30-jährigen Material, selbst an den Ständen hat's wohl keine neuen Haken. Was wurde dann überhaupt getan? An einfacheren oder früher selbst abzusichernden Stellen wurden zusätzliche Bolts gesetzt. Wie nötig oder sinnvoll diese sind, kann ich ohne die Route zu klettern natürlich nicht beurteilen. Gemäss dem Bericht von meinem Kletterkollegen Hans, der die auf gleiche Weise "aufgebesserte" Conquest geklettert hat, sind Nutzen und Sinn von diesen Zusatzhaken jedoch eher anzuzweifeln.

Der ganzen Sache den Deckel auf setzt jedoch die Tatsache, dass die Brüder hier im Urgestein tatsächlich weiterhin entweder komplett verzinkte Ware oder dann die wegen galvanischer Korrosion noch kurzlebigere Variante mit verzinkten Ankern und rostfreien Plättli einsetzen. Dieser Sachverhalt sollte inzwischen wirklich jedem bekannt sein, der eine Bohrmaschine besitzt. Bei selbsternannten Erschliesser-Profis sollte man das erst recht erwarten können. Aber naja, mit einem solchen Pfusch demaskiert man sich ja in erster Linie selber. Um diese etwas ernüchternden Erkenntnisse reicher standen wir um 19.00 Uhr wieder am Wandfuss. Die Bergschuhe wurden wieder geschnürt und der vorsichtige Abstieg durch steinschlägige Couloir und das mit schmierig-aufgeweichtem Schnee bestückte Firnfeld konnte beginnen - Steine kommen hier wie erwähnt rasch ins Rollen und ein Rutscher im Schnee könnte schmerzhaft enden. Nach diesem Teilstück konnte die Anspannung jedoch abfallen, und die Wanderung retour zum Tätsch bei schöner Abendstimmung war nur noch purer Genuss.

Tolle Abendstimmung auf dem Rückweg mit Blick aufs Skitourengebiet von Lucendro, Stotzigen Firsten, Rotondo und Stotzig Muttenhorn.
Facts

Graue Wand - Eisbrecher 6b+ (6b obl.) - 12 SL, 420m - Scheel/Heer/Müller 1982 - *****;x(xx)
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-2 plus 1 kleinerer, evtl. Keile

Für mich ist der Eisbrecher eine Weltklasse-Granittour mit viel Abwechslung in bestem Gestein, das fast komplett frei von Gras und Flechten ist. Mir hat die Route sogar noch besser gefallen wie andere hochgelobte Granittouren der Zentralschweiz (z.B. Motörhead, Via Hammerbruch, Conquest). Nach meines bisherigen Erfahrungen bezeichne ich sie gerne als beste ihres Genres in der Region, meines Erachtens kann sie sogar mit den Touren im Mont-Blanc-Gebiet mithalten. Obwohl die Maximalbewertung von 6b+ passt und somit ganz schwere Kletterstellen fehlen, so stellt die Route doch einen recht hohen Anspruch. Einen Hinweis darauf erhält man vielleicht, wenn man die Originaltopos von Martin Scheel zu Supertramp und Eisbrecher vergleicht - da gibt es von den nominell angegebenen Schwierigkeiten her keinen grossen Unterschied. Die Absicherung der Route kann man als gut bezeichnen, wobei teils aber wie im Text erwähnt ganze Seillängen mit Klemmgeräten auszustatten sind. Überall wo nötig stecken jedoch solide Inox-Bohrhaken, überhaupt erachte ich die von Dani Luthiger, Franz Zürcher und Stefan Helfenstein ausgeführte Sanierung als sehr professionell. Im Vergleich zum Originalzustand wurden (in Absprache mit den Erstbegehern) nur 2 zusätzliche fixe Sicherungen gesetzt, welche vormals echt gefährliche Stellen entschärft haben. Zu erwähnen ist auch noch, dass man mit Cams und dem Auge diese zu legen auf eine solide xxx-Absicherung kommt. Ganz nach Belieben und à discretion kann man jedoch meistens nicht selber absichern. Die Schuppen und Risse sind an manchen Stellen "flared" und nehmen daher nicht überall zuverlässige mobile Sicherungen auf. Somit ist der Eisbrecher definitiv keine Plaisirroute, für alle die sich mehr zutrauen, ist's aber definitiv eine sehr lohnende und auch sichere Tour!

Topo

Neben dem nicht mehr ganz aktuellen Originaltopo von Martin Scheel gab es im Plaisir Ost von 2007 ein Topo. Allerdings sind dort die Sicherungssymbole teilweise fehlerhaft und teilweise gar nicht vorhanden, ebenso ist die Linienführung stark generalisiert. Im neusten Plaisir Ost wird der Eisbrecher nicht mehr beschrieben, im Extrem Ost hingegen schon - allerdings komplett ohne Sicherungssymbole mit einem Topo, welches die Linienführung nur sehr rudimentär zeigt und auch die teils kreuzenden Remy-Routen nicht enthält. Langer Rede kurzer Sinn: diese geniale Route hat ein adäquates, detailliertes Up-to-Date-Topo verdient, hier steht es zum Download zur Verfügung. Eine ebenfalls sehr gute Alternative stellt das Topo im Kletterführer Alpen, Band I von Topoguide dar. Es ist auch als Einzelstück käuflich erwerbbar.