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Montag, 29. Juni 2026

Wendenstöcke / Mähren - Gemini (7c)

Den gewaltigen Mähren in der Kette der Wendenstöcke habe ich bisher nur selten besucht. Immerhin, schon zuvor hatte ich mit No Name, AHV, Vreneli und Torwächter  vier Routen geklettert und damit vermutlich mehr wie 99.99% der Kletterpopulation. Dort oben läuft nicht viel und dementsprechend war über die hier beschriebene Gemini lange Zeit nur wenig bis nichts bekannt. Ein mir vorliegendes, handgezeichnetes Topo versprach eine recht zugängliche Route mit 7b max und 6c obl. Hin und wieder kam die Route ins Gespräch, ich liebäugelte mit einem Versuch, schien das Unternehmen doch innerhalb der persönlichen Kragenweite zu liegen. Schliesslich fehlte aber immer der letzte Schnauf zur Realisierung. Mit dem neuen Extrem West aus dem Jahr 2025 kamen andere Informationen zum Vorschein: auf 7c expo beliefen sich nun die Anforderungen, nicht gerade mein übliches Tummelfeld. Da wären wir vielleicht doch besser früher mit positiver(er) Einstellung und einem noch ruhigen Gewissen gegangen?!?

Ein definierendes Bild für Gemini: die ultradiffizilen Wasserrillen am Ende der Cruxlänge (L4, 7c).

Bernat hatte das Vergnügen, sich schon am Vortag mit meiner Zambo aufwärmen zu können. Ich hingegen düste früh los, so dass wir um 7.00 Uhr mit dem Zustieg von der Wendenalp starten konnten. Bis vor die Hütten von Mettlenberg folgt man noch dem Wanderweg, danach muss man sich die Passage selbst suchen. Wir gingen noch vor der ersten Hütte eine breite Rinne hoch und traversierten dann linkshaltend. Da noch früh in der Saison, war das Gelände viel weniger krautig wie beim letzten Mal. Ab ca. 2000m steilt das Terrain markant auf. Um die Touren im Sektor Eiserner Vorhang zu erreichen, muss man sich weiter links halten wie für jene am Mohikaner-Pfeiler - wobei die von uns gewählte Passage auch für jene Touren genutzt werden könnte und eher geeigneter schien wie der damalige Weg zum Vreneli. Während das Gelände weitgehend gut begehbar ist, so gilt es zum grossen Amphitheater mit dem Biwak hinauf doch noch einige Steilschrofen und Felszonen zu meistern. Dank guter Bedingungen war es aber keine wilde Sache. Auch der Einstiegshaken mit Tschechen-Plättli war leicht zu identifizieren: er ist gut sichtbar und am logischen Startpunkt. Noch vor 8.30 Uhr waren wir dort und starteten um 8.45 Uhr mit der Kletterei.

Bottom-Up-Perspektive auf den Sektor Eiserner Vorhang am Mähren mit dem Verlauf von Gemini.

L1, 35m, 6a: Schöne Aufwärmlänge, welche sich noch auf der gutmütigen Seite der Vertikale befindet. Auch die Absicherung macht einen freundlichen Eindruck. Mit 6 BH und einem NH (oder Cam-Placement) ist sie zwar nicht sehr eng gehalten. Die Bolts stecken aber genau da, wo es sie braucht. Denn zwei, drei etwas knifflige Moves über die Haken hinweg hat es nebst gängigerem Terrain durchaus.

Am Vortag genoss er etwas Wenden-Plaisir in der Zambo, L1 (6a) von Gemini gehört in dieselbe Liga.

L2, 30m, 6b: Über ein Band kurz nach rechts, dann geht's gleich mit der bouldrigen Crux an der ersten Stufe los. Dann folgt typische Wenden-Kletterei: mit nur 4 BH ist die Absicherung luftig, der gerippelte Fels ist perfekt mit super Reibung und es gilt die Ideallinie über einige Dächli hinweg zu erkennen, welche längst nicht immer durch die Direttissima gegeben ist - geilo!

Toller, gerippelter und rauer Fels in L2 (6b), eine Länge im absolut typischen Wenden-Style.

L3, 35m, 7b+: Wie eine riesige Walze schwingt sich hier die Wand über einem auf. Hoffentlich sind die Unterarme auf Betriebstemperatur, sonst kann es hier einen üblen Pump absetzen. Schon überhängend geht's aus dem Stand raus, Leisten kneifend geht's vorerst recht sorgenlos zum dritten BH. Zähe Leistenmoves folgen gleich danach, bevor es an besser werdenden Griffen dranbleiben heisst. Zum vierten Bolt muss relativ weit geklettert werden. Expo im Sinne von gefährlich ist das nicht, der Sturzraum ist frei. Wer die nötige Ausdauer nicht mitbringt, kann aber schon heftig ins Geschirr kacheln und findet sich nach dem Abbremsen wohl auf der Höhe vom Standplatz wieder. Man hat aber Sichtkontakt und könnte einen Soft Catch geben, passt schon. Der Rest von diesem Abschnitt fordert dann absicherungstechnisch nicht mehr so stark, marschieren muss man trotzdem. Es ist saumässig steil, mit oft entsprechend guten Griffen, wo sich aerob gut ausgestattete Athlet:innen hochschütteln können. Zwei Passagen stechen nochmals heraus: mittig ein Blockierer auf einen kleinen Zacken, und im Bereich vom letzten Bolt eine fordernde Rechtstraverse an ein paar kleineren (Seitgriff-)Leisten.

Ultrapumpige Ausdauerlänge an Leisten und Henkeln à la Titlis Nordwand in L3 (7b+) - mega!

L4, 30m, 7c: Hoffentlich sind beim Sichern die Kräfte zurückgekehrt! Die gilt es hier nämlich bald an die Wand zu bringen. Die ersten Auftaktmeter an einer Schuppe gehen noch gut (Cam 3 hilfreich!). Aber dann folgt bald feingriffige Wandkletterei an Querschlitzen. Bernat hat das direkt durchgezogen - das ging bei ihm und war rasch erledigt. Meine Lösung war dann viel aufwändiger, aber möglicherweise einfacher. Jedenfalls: man klettert zuerst zum falschen (linken) dritten Haken, klippt dann aber den rechten. Eine recht feine, fusslastige Traverse führt nach rechts - das geht alles noch. Die Klimax von diesem Abschnitt folgt dann aber am Ende. Man erreicht da sich etwas zurücklegendes Terrain, wo der Fels dafür sehr abschüssig. reichlich glatt und eher reibungsarm ist. Nur dank einiger (nicht wirklich griffiger) Wasserrillen kommt man hier überhaupt hoch. Bis zum fünften und letzten BH geht's ja noch, wobei wir uns gefragt haben, wie die Erschliesser ihn bloss platzieren konnten?!? Man steht da voll auf Abpfiff und nur schon eine Extremität für 0.2 Sekunden vom Fels zu lösen ist herausfordernd. Jedenfalls, im Layback geht's darüber hinweg, später dann spreizend. Ohne ans absolute Reibungslimit zu gehen funktioniert das nicht. Die Kletterei ist extrem unsicher, technisch und mental zugleich. Très engagé, für den Vorsteiger besteht das Potenzial für einen gehörigen Abflug, welcher aber ins Leere führt und bei dynamischer Sicherung kaum echt gefährlich scheint. Am hinteren Seilende ist es sicher angenehmer, wobei auch Vorsicht angezeigt ist: es geht ca. 4-5m diese Rillen hinauf zu einer gebohrten Sanduhr (in dünnem Schüpplein), versehen mit einem Schnürsenkel. Die letzten 4-5m nach rechts sind zwar kein Problem mehr. Wer aber nachsteigend in der Crux stürzt, sieht sich bei nicht unwahrscheinlichem Versagen dieser Pseudo-Sicherung einem gewaltigen Pendler ausgesetzt, wobei das Seil über die scharfen Rillenkanten schreddert. Entsprechende Konsequenzen sind nicht restlos auszuschliessen, Vorsicht ist angezeigt!

L4 (7c) aus der Bottom-Perspektive mit vorerst feingriffiger Wandkletterei.

Äusserst diffizile Gegendruck-Moves an der sloprig-glatten Wasserrille, für die Füsse gibt es auch nichts, was so richtig Widerstand macht. Das hatten wir doch schon einmal irgendwo... eine gewisse Ähnlichkeit dieser Cruxpassage in L4 (7c) mit Kein Wasser kein Mond an der Schafbergwand lässt sich absolut nicht leugnen.

L5, 25m, 6b: Hier gibt es zwei Varianten. Wir haben die linke gewählt, ob die rechte auch geht und wie schwierig es ist, kann ich nicht sagen. Vom Stand folgt erst eine Wandstufe mit einigen Löchern an der genau richtigen Stelle. Nicht wirklich schwierig, ein paar akrobatische Verrenkungen braucht es aber durchaus. Später geht's einem Riss-/Schuppensystem entlang. Wo dieses unterbrochen ist, hat's wieder genau da wo nötig die Löcher. Da war die Natur uns Kletterern wohlgesinnt - ohne die Strukturen wäre das in diesem schlabbrigen Fels noch rasch sehr taff bis unmöglich!

Den Löchern an genau der richtigen Stelle sei Dank ist L5 nur eine 6b - tolle Kletterei!

Auch die Gegenperspektive gibt so richtig etwas her - geniales Ambiete in L5 (6b).

L6, 25m, 6c: Ein paar Meter geht's links hinauf in vorerst noch einfachem Gelände, aber es zieht bald an. An einer Schuppe heisst es beherzt antreten, später wechselt der Charakter dann zu eher kleingriffiger Kletterei in steilem Gelände, die Crux fanden wir für den Grad nun wirklich nicht geschenkt. Zum Stand hin klettert man dann noch eine längere Wasserrillenpassage. Das ist in Sachen Schwierigkeit kein Vergleich zum Finish von L4, es handelt sich um Plaisirgelände (ca. 6a) und die Hauptrille ist fast so griffig wie ein Kalynmos-Tufa. Dafür gibt's für ~10m keine fixe Absicherung, wir haben einen Cam 3 zwischen die Rillen gelegt.

Mit Blick auf das Foto frage ich mich, ob die Einschätzung "6a-Plaisir" für das Finish von L6 (6c) zutrifft...

L7, 20m, 7a: Aus dem Gelände und der Absicherung kann man lesen, dass es gleich zur Sache geht. Und zwar mit einer Art von Gegendruck-Moves in drückendem Gelände. Felsmässig nicht mega-berauschend am Anfang. Dafür geht's eher besser, wie man befürchten könnte. Gekrönt wird das ganze erneut von guten 10m an wunderschönen Plaisir-Wasserrillen. Fixe Absicherung gibt's auch hier nicht, dafür die Möglichkeit für einen Cam 2. Ein Sturz ist da natürlich tunlichst zu vermeiden - bei Schwierigkeiten im 5c-Bereich werden das die Leute, dies es bis dahin geschafft haben, aber sicher auch vermeiden können.

Der Hexer hat Gemini onsight gemeistert, Chapeau und Gratulation! Wer an dieser Stelle noch nicht genug hat: es wartet noch viel Berg oberhalb. Wenn man möchte, könnte man gut via die Coelophysis weiterklettern. Der Fels oberhalb von diesem ersten Band sieht allerdings nicht so dolle aus und dürfte kaum Wenden-Premium-Quality haben. Das ist bestimmt auch der Grund, warum Gemini an dieser Stelle endet.

Um 13.30 Uhr waren wir nach ca. 4:45h der Kletterei am Top. Bernat hatte die ganze Route os/fl geklettert, what a legend! Mir war es auch gut gelaufen: auf ein paar Abschnitten hatte ich mich vorausgewagt und diese os heimbringen können. Mit Schütteln und Pumpresistenz konnte ich die 7b+ im Nachstieg flashen. Ich meine: die 7b+ ist für ans Kilterboard und Hallen- oder Outdoorüberhänge gewohnte Mover recht gutmütig. Auch die 7c gelang mir bis zum letzten BH sauber durchziehen. Den potenziell gefährlichen Pendler vor Augen warf ich da aber ohne eine Sekunde zu überlegen das Handtuch - keine virtuelle Trophäe ist es wert, das Risiko von einem Seilriss einzugehen. Somit enthalte ich mich bzgl. der Bewertung der Crux jeglichen Kommentars. Die restlichen, einfacheren Seillängen passen gut in den Wendenkontext, ohne böse Überraschungen zu bieten.

Die Abseilerei ist eher von der gäächen Sorte, man sollte wissen was man tut.

Das Abseilen geht ob der kurzen Seillängen sehr zügig in nur 4 Manövern: Top > 5 > 3 > 1 > Einstieg. In der stark überhängenden L3 müssen einige Exen geklippt werden und ob es mit 2x50m auch von 3 > 1 reicht, bin ich nicht ganz sicher. Falls nicht, geht aber wohl 3 > 2 > Einstieg, womit die Manöverzahl nicht ansteigt. Einmal zurück auf Terra Firma, stiegen wir noch zum Biwak hinauf, welches einen vernachlässigten Eindruck macht. Material ist auf dem Boden verstreut, dazu hat es einiges an alter Ware, welche defekt und kaum mehr nutzbar ist. Zu erwähnen sind auch die vielen Fixseile in diesem Sektor - man könnte fast meinen, man befinde sich am Everest! Im Gegensatz zum letzten Mal fand ich aber nun das Biwakbuch. Es blieb die Zeit, um darin die Räubergeschichten der Hauptprotagonisten Lechner und Pitelka zu lesen. Die Hochblüte von diesem Sektor und dem zugehörigen Biwak war offenbar bereits Ende der 80er bzw. Beginn der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Das ist sehr lange her, weitergepflegt hat die Installationen scheinbar niemand. Die Routen bleiben aber natürlich gut zu klettern, begangen werden sie jedoch mutmasslich sehr selten bis gar nicht. Einige wie Muggenstutz, Montana, Lavazza Time oder Zyklopenauge sind bis heute Mysterien geblieben, über die man so gut wie gar nichts weiss. 

Spartanisches Mähren-Biwak mit ebener Liegefläche in exponiertem Gelände.

Hm, vielleicht wären ein paar dieser Bolts in der/den Route(n) besser aufgehoben gewesen, wie sie hier im Dreck am Wandfuss vergammeln zu lassen ;-) Wie im Haupttext geschrieben, das Biwak wirkt etwas verwahrlost, die Säcke sind teils zerrissen (wohl durch Wind, Wetter und UV-Strahlung). Die Erschliesser haben sich in den letzten 30 Jahren höchstens noch vereinzelt und mit sehr grossen Abständen ins Buch eingeschrieben.

Facts

Wendenstöcke / Mähren - Gemini 7c (7b obl.) - 7 SL, 200m - Lechner/Pitelka 1993 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Cams 0.3-3

Selten gekletterte, aber sehr lohnende Route an der untersten Bastion im Sektor Eiserner Vorhang. Geboten wird einem etliche Abwechslung, vom pumpiger Ausdauer bis zu diffizilen Slabs. Die Felsqualität ist meist sehr gut. In den steilen Passagen sind die Henkel und die Querschlitze teils etwas staubig und in den oberen Seillängen ist das Terrain recht strukturarm schlabbrig. Zusammen mit der limitierten Länge, relativ inhomogenen Schwierigkeiten, einem Ende auf 1/3 Wandhöhe, fehlendem Klassiker-Status und nicht durchgehend Premier Cru Fels reicht es nach meinem Gusto nicht für die Maximalnote von 5 Sternen. Solide 4 Sterne sind aber verdient und sehr lohnend ist diese Route allemal. Zur Absicherung: der Extrem West ist hier mit Attributen wie "expo" und "sanierungsbedürftig" sehr pessimistisch. Beim Hakenmaterial handelt es sich um verzinkte Anker mit rostfreien Laschen, teilweise sind die Bolts sichtbar korrodiert. Allzu beunruhigend ist die Lage jedoch nicht, wir fühlten uns nicht unsicher. Erwähnt sei auch, dass wir M. Pitelka vor der Tour vor Ort angetroffen haben. Angesprochen auf den Kletterführer-Text hat er uns zu einer Begehung ermutigt und einem Sanierungsbedarf deutlich widersprochen. Meine Meinung: zur Zeit ist das Material noch ok, für immer wird es nicht halten, eine Sanierung mit rostfreien Bolts kann nicht ewig aufgeschoben werden. Rein von der Absicherung her darf man die Route so belassen, wie sie ist. Ein Abschnitt am Anfang von L3 ist engagé (nicht expo!), das Finish von L4 sogar sehr engagé und psychisch äusserst anspruchsvoll. Diese Passage ist auch nicht 7a obl., sondern fordert mehr - der nicht so unwahrscheinliche Flug wäre weit, bliebe aber bei dynamischer Sicherung ziemlich sicher folgenlos. Hingegen wäre es gut, die gebohrte Sanduhr zum Ende dieser SL durch einen BH zu ersetzen. Die als expo angegebenen Passagen an Wasserrillen in L6 und L7 sind hingegen definitiv eine No-Fall-Zone. Man kann jedoch Cams legen und die Schwierigkeiten sind nur im 5c/6a-Bereich. In allen Längen haben wir mobile Sicherungen platziert, ein Camset von 0.3-3 ist mitzuführen, auch wenn es nur relativ spärlich zum Einsatz kommt. Ein Topo und Infos zu den anderen Routen im Sektor findet man im Extrem West, Band II, Ausgabe 2025. Oder alternativ hier mein eigenes Kunstwerk. Es ist auch als PDF zum Download verfügbar.

Selbst gezeichnetes Topo zur Gemini am Mähren - viel Spass!


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