Zum MSL-Klettern in der Eiger Nordwand hatte ich seit der Finalisierung von Adam und Evi im Sommer 2018 nie mehr geschafft. Dabei hatte sich seitdem eine ganze Menge getan: am Rotstock, den Westausläufern der Nordwand und sogar am Genfer Pfeiler sind neue Routen entstanden. Mit der fortwährenden Hitzewelle im Juni 2026 besannen wir uns jedoch auf hoch gelegene und schattige Kletterziele. Ob die Reste von Schnee und Eis bereits verschwunden wären?!? Die Webcams liessen es vermuten und tatsächlich trafen wir auf exzellente Bedingungen. Mit dem starken Bernat am Ruder wählten wir eine der anspruchvollsten Routen: die Golden Shower, wo eine als 7b expo angegebene Passage aufhorchen lässt.
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| Blick auf den westlichen Teil der Eiger Nordwand mit Zustieg und Verlauf von Golden Shower. |
Die wesentliche Neuerung seit meinem letzten Besuch ist die V-Bahn, heute bekannt mit dem kommerziellen Namen Eiger Express. Anstatt wie früher mit der Zahnradbahn via Kleine Scheidegg nach Eigergletscher zu bummeln, erreicht man diesen Ausgangspunkt nun in nur 15 Minuten ab Grindelwald und gondelt dabei fast vor dem Einstieg durch. Ich hätte mir nicht ausgemalt, wie stark dies die Wahrnehmung der Touren in der Eiger Nordwand verändert. Der letzte Rest vom wilden Abenteuer-Ambiente hat sich in Luft aufgelöst. Man kriegt den Eindruck von "normalem" MSL-Sportklettern mit einem kurzen und bequemen Zustieg. Nur tief ins Portemonnaie greifen heisst es: auf sehr stolze 81.20 CHF beläuft sich der Normaltarif, immerhin gibt's mit Halbtax 50% Erlass. Die Anreise per E-Bike (gut bis Eigergletscher möglich) böte wohl mehr zur Einstimmung auf die Tour, noch könnte man einen sehr schönen Batzen ins Amortisationskässeli des Zweirads legen und sich die gesalzene Parkgebühr auch noch ersparen.
Nachdem ich auf der Anfahrt um 6 Uhr morgens 20 Minuten an Stillstand für den amerikanischen Vizepräsidenten erdauern musste, reichte es um genau diese Verzögerung nicht mehr auf die erste Bahn um 7.45 Uhr. Um ca. 8.25 Uhr fanden wir unseren Weg aus dem Stationsgebäude und folgten dem Eiger-Trail bis zur Abzweigung zum Rotstock-Klettersteig. Diesen gilt es über die ersten paar Leitern hinauf zu verfolgen, bevor man bei der ersten sinnvollen Möglichkeit (eher früher als gedacht) nach links hinausquert (markante, ca. 40cm aus dem Boden ragenden Eisenstange, evtl. Steinmann). Über gut begehbare Schuttbänder traversiert man nach links. Der Einstieg ist nicht näher bezeichnet, aber am Fusse des goldenen Pfeilers gut zu lokalisieren, es steckt ein einzelner Mammut-Longlife-BH als Erkennungsmerkmal. In rund 40 Minuten Gehzeit hatten wir den Start erreicht und legten etwas nach 9.30 Uhr los.
L1, 25m, 6c: Ein ziemlich herber Auftakt, ein paar Turnübungen vor dem Losklettern für die Gelenke und das mentale Korsett schaden sicherlich nicht! Der plattige Start ist nicht das Hauptproblem (wenn auch nicht ganz easy), sondern die folgende, leicht überhängende Wand. Bald einmal merkt man: so richtig nahe sind die Bolts hier nicht gesetzt. Und die Crux ist zwingend an etwas unsicherem Fels. Man muss entschlossen von nicht 100% stabilen Leisten auf etwas Unsichtbares ziehen, das eher brüchig aussieht. Naja, ging dann aber doch - dennoch, hart für den Grad, 6c+ wäre bestimmt nicht gestohlen.
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| Meine Beschreibung von L1 (6c) tönt nicht nach Schonprogramm - mit dem Foto nachvollziehbar? |
L2, 25m, 7a: Die Betriebstemperatur ist hoffentlich erreicht, denn hier wartet ein bockharter Start an kleinen Leisten und minimalen Tritten in glatter Wand. Hier sind die Haken nahe, aber Vollgas ballern heisst das Motto. Zur Einstufung würde ich sagen: absolutely heinous für 7a, es fühlte sich nach mindestens einem 6C-Boulder an, sowohl die 7b+ der Gemini wie auch die obere 7b+ der Colibri (Blog folgt...) fand ich klar einfacher. Hier war meine Hoffnung auf einen Durchstieg jedenfalls schon zu Ende, im etwa dritten Anlauf konnte ich die Moves dann entschlüsseln. Nach der Crux ist es vorerst gängiger, doch das Ende ist nochmals überraschend pumpig, liess sich aber wegschütteln.
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| Im Vordergrund die sehr harte Crux von L2 (7a) im Goldstreifen - danach schütteln und dranbleiben! |
L3, 25m, 6a+: Endlich eine richtige Genusslänge, auch wenn der Start noch eher chossy ist. Das lässt sich mit etwas Erfahrung aber gut regeln und ist dank einem Top-Placement für einen Cam 2 auch safe. Die letzten zwei Drittel sind dann echt super in senkrechtem, aber unverschämt griffigem Fels. Etwas luftig gesichert, was bei diesem Charakter aber schon passt.
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| Tolle Genusskletterei in solidem, unverschämt griffigem Fels wartet im oberen Teil von L3 (6a+). |
L4, 40m, 7a: Eine tolle Länge in meist sehr gutem Fels, mit der einen oder anderen kurzen Ausnahme. Die für 7a wiederum harte Crux an kleinen Leisten wartet am vierten BH. Sie ist sicher gängiger wie L2, schwer tat ich mich trotzdem: die höheren Tritte waren zu hoch, um diese Mikroleisten bedienen zu können, die unteren dafür zu tief. Oder dann halt einfach die Finger zu schwach... Der obere Teil der Länge ist zugänglicher, verläuft teilweise in sehr schönem Fels und hat ähnlichen Charakter wie L3.
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| Coole Kletterei am Ende von L4 (7a), die Crux längst hinter sich - hier mit einem Mantle-Problem. |
L5, 25m, 5c: Teils neben, dann an und zuletzt sogar fast in der Verschneidung vom markanten Pfeiler spielt sich diese Seillänge ab. Was von unten einen alpinen Eindruck vermittelt, entpuppt sich als tolle Plaisir-Turnerei an guten Griffen in solidem Fels. Auch wenn nur gerade 3 BH stecken, so ist die Absicherung dank dem griffigen Charakter und mobilen Ergänzungsmöglichkeiten gut.
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| In L5 (5c) geht's entlang der Verschneidung, am Ende sogar dann fast kaminartig. |
L6, 40m, 6a+: Vom coolen, topfebenen Standplatz auf dem Turm geht's weiter. Die folgende Wand bietet soo viele sloprige Löcher - und ist trotz dem moderaten Grad anhaltend und steil. Mit nur 4 BH ist auch diese Länge nicht üppig ausgestattet. Dank gutem Fels und Griffen sowie Legemöglichkeiten ist's aber trotzdem nicht unangenehm. Erst der einfache Schluss ist alpiner mit weitem Abstand zum Stand (Cam-Möglichkeiten). Dieser befindet sich einige Meter vor dem Erreichen des Tops vom Pfeiler und ist links an der Kante an fürs Abseilen optimierter Stelle leicht zu übersehen.
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| Sieht etwas alpin aus, dabei bietet L6 (6a+) tolle Genusskletterei! |
L7, 40m, Gehgelände: Es gilt etwas linkshaltend hinauf über das relativ flache Schuttband zu steigen. Dieses ist gut begehbar und es besteht kaum das Risiko, Steine in die Tiefe zu schicken. Die Fortsetzung ist schon vom unteren Stand sichtbar. Wenn man will/muss, könnte man hier auch problemlos auf eine andere (einfachere) Route wechseln.
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| Ausblick auf das Band (L7) und den oberen Teil, wo die Route durch die steile Wand in Bildmitte verläuft. |
L8, 30m, 7b: Let the ballergames start again! Die Sache in einem goldenen Wandabschnitt hat einen ähnlichen Charakter wie der Auftakt in L2: kleine Leisten, minimale Tritte, glatte Wand. Der klare Unterschied: die Stelle am zweiten BH kriegte ich trotz mehrerer Versuche nicht frei hin. Für mich ist das mit dem Grad 7b nicht vereinbar und auch Bernat, welcher zuvor die Gemini (7c) und danach die Colibri (7b+) als harte Elemente ihrer Währung mühelos onsighten konnte, brauchte hier einen zweiten Go. Zu erwähnen ist die expo-Stelle zum dritten BH: sicherlich potenziell heikel, aber es kommen dann schon gute Leisten - an diesen stürzen Leute, die bis dahin gekommen sind, eher nicht. Und wenn, dann könnte es bei aufmerksamer und gekonnter Sicherung auch glimpflich ausgehen. Aber es lässt sich nicht wegreden: der Boden ist nah! Nach diesem Feat kommt nochmals eine ätzend-wacklige Stelle, wobei der vierte BH etwas rechts ausserhalb vom besten Verlauf steckt. Dann wird es erst gängiger, bevor das anhaltende Finish an rund-sloprigen Löchern prüft, wie viele Körner noch im Akku sind.
| Blick auf die ziemlich blanke Cruxzone von L8 (7b). |
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| Die Gegenperspektive: der obere Teil von L8 (7b) bietet pumpige Ausdauer an angenehmen Griffen. |
L9, 25m, 7a: Eine etwas umwegige Passage durch die Wand (zwei BH im ersten Teil gut verlängern) bei nicht überragender Felsqualität, d.h. teils splittriger Oberfläche. Immerhin: heikel ist es hier (auch dank guter Absicherung) nicht. In Erinnerung bleibt sicher die coole Balance-Traverse in der Mitte. Ja, es geht ohne Wegkippen - erinnere dich genau an diese Worte, wenn du dort bist :-) Nachher hatten die Erschliesser etwas Glück, dass die Passage mit (unerwarteten) Leisten am genau richtigen Ort so schön aufging. Hinweis: Bruchschuppe mitnutzen, die Crimps in der rechten Wand jedoch nicht vergessen. Als einzige der Siebnerlängen fand ich hier den Grad ok (evtl. auch nur wegen Grössenvorteil ;-)).
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| Puh, in L9 doch noch eine 7a geschafft - in dieser Route musste ich froh drum sein. |
L10, 20m, 6c: Nur noch eine 20m lange 6c, so denkt bzw. hofft man gerne. Aber nein, gratis kommt man hier nicht zum Top. Der Anfang geht ja noch, bietet aber auch schon ein paar tricky Moves. Und die gute Absicherung am finalen Wulst bezahlt man mit einer fusslastigen Passage davor an Seitgriffen, zwingend zwischen den BH. Ohne Rastpunkt hängt man eine taffe, trittarm-physische Stelle an Leisten an, bevor das athletische Dessert über den Wulst noch die Ausdauer fordert. Seriously: anderswo auf MSL kriegt man für dieses Programm bestimmt auch eine 7a+ notiert.
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| Zwar nur 20m lang, aber nochmals steil und alles abverlangend ist L10 (6c). |
L11, 15m, 5b: Für den bequemsten Heimweg klettern wir diese easy Traverse nach links. Es ist tatsächlich sehr schottrig, man suche die soliden Griffe. Mit Alpinistenherz geht's aber schon, und auch dieses erfreut sich bestimmt ab den zwei vorhandenen BH.
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| Der Genfer Pfeiler im Background gibt hier mehr her wie der Akteur in der Exit Pitch (L11, 5a). |
Um 16.20 Uhr und damit erst nach rund 6:45h der Kletterei waren wir am Top. Fortwährende Dechiffrier-Aktionen unterwegs, ein Second Go in der Crux und zwischendurch auch umsichtiges Klettern auf nicht zu 100% solidem Fels hatten Zeit beansprucht. Aber wir hatten sie, denn das Wetter blieb stabil und ein rascher Rückweg ins Tal war uns gewiss. Dennoch hielten wir uns am Top nicht lange auf. Wir kletterten links (im Aufstiegssinn) in die Scharte ab, dann rückseitig plattig runter in exponiertem Gelände bis zu einem Fixseil, das bald in einfacheres Terrain führte. Eine Abseilmöglichkeit (wie im Extrem West beschrieben) konnten wir nicht identifizieren, sie ist auch nicht zwingend nötig. Nachher traversiert man etwas aufsteigend den folgenden Kessel in die Westflanke, wo man auf die Wegspuren zum Rotstock-Sattel trifft und von diesem über den markierten Steig retour nach Eigergletscher geht (ca. 40 Minuten).
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| Ganz Nordwand-typisch scheint einem am Ausstieg das erste Mal die Sonne ins Gesicht :-) |
In die Gondel konnten wir unverzüglich einsteigen und waren fast alleine. Da blieb ausreichend Zeit zur Kontemplation: uns kam die Route doch recht anspruchsvoll bzw. hart bewertet vor. Während die korrekte Kalibrierung der Schwierigkeitsangaben endloser Diskussionen Anlass ist, so lässt sich ein Route-zu-Route-Vergleich innerhalb von wenigen Tagen leichter vollziehen. Jedenfalls: die laut dem Kletterführer-Papier eine Stufe höher eingeschätzte Gemini an den Wenden und die Colibri am Titlis (Blog folgt...) hatten wir als leichter empfunden. Hey, und am Tag zuvor hatte ich beim Sportklettern noch eine 7c im First Go ziehen können. Da erwartet man nicht unbedingt, in einer 6c schon Blut zu schwitzen und in einer 7a zu scheitern. Aber vielleicht war halt genau deswegen mein Pulver schon verschossen. Man bilde sich bezüglich der Schwierigkeitsgrade also seine eigene Meinung, wir gehen hier zu den harten Facts weiteren subjektiven Einschätzungen über ;-)
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| Blick auf die Eiger-Westflanke, Mönch und Jungfrau haben auf diesem Pano auch noch Platz. |
Facts
Eiger Nordwand - Golden Shower 7b (7a obl.) - 11 SL, 310m - Allemann/Stadler 2017-2019 - ***;xxx
Material: 50m-Seil, 12 Express, Cams 0.3-2
Interessante, spannende alpine MSL-Sportkletterei mit unkompliziertem Zu- und Abstieg. Hoch gelegen und ganztags schattig, ideal für Hitzeperioden. Die Route hat mir gut gefallen, mich jedoch nicht restlos begeistert. Ein Teil davon ist vielleicht persönlich: an den schwierigen Stellen nutzt man oft etwas fragile Strukturen. Dabei kann man sich nicht "leicht machen", sondern muss so klettern, dass man diese mit aller Gewalt aus der Wand zu reissen versucht - nicht so mein Ding. Sowieso liegt mir die harte Ballerei an kleinen Steller-Leisten eher weniger. Es fühlte sich wiederholt so an, als ob es gleich in den Ringbändern knallt - umso mehr, wenn zur Unzeit ein Griff oder Tritt bricht, wofür das Risiko klar gegeben ist. Sehr gut möglich, dass ich mit (m)einer Portion Altersweisheit deswegen nicht 100% zu geben bereit war und die Kletterei schwieriger empfunden habe, als sie tatsächlich ist. Festhalten möchte ich noch, dass ich a) die gesamte Route ohne Griff-/Trittausbruch geklettert habe und mir b) die Passage von L3 bis aufs Band am besten gefallen hat. Die Absicherung darf man sicherlich als gut bezeichnen, Stufe 3/5 finde ich korrekt. Es stecken rostfreie BH, wir haben es nirgendwo als besonders heikel empfunden. Eine Einschätzung zur Expo-Stelle liest man im Text der Routenbeschreibung. Trotzdem hätte ich mir tendenziell eher mal noch einen BH mehr gewünscht - man muss oft auch zwischen den Haken hart ziehen, an Strukturen wo man nicht so recht weiss, ob sie standhalten oder nicht - nicht so das Wohlfühlprogramm. Sicher mitzuführen ist übrigens ein Set Cams von 0.3-2, welches an diversen Stellen zwingend einzusetzen ist. Weitere Infos zur Route findet man auf der Webseite der Erschliesser und im Schweiz Extrem West, Band II.


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