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Donnerstag, 22. Januar 2026

Pilatus Nordwand - Kulmchrachen

Zurück vom Sportklettertrip nach Spanien, mit Lust und Zeit die Beine zu vertreten, aber mangels geeignetem Skitouren-Schnee in weiten Teilen der Schweizer Alpen kam es an Silvester 2025 endlich zur Realisierung dieser Steigeisentour durch eine Voralpen-Nordwand, welche ich schon lange Zeit auf dem Radar hatte. Nie jedoch hatte bisher die Kombination von persönlichem Befinden, zeitlicher Verfügbarkeit und Bedingungen gepasst. Schlussendlich gilt aber auch hier wie bei so manch anderer Tour: wie gut, dass ich auf den richtigen Moment gewartet habe!

Durch dieses eindrückliche Gemäuer führt die Route in (relativ) unschwierigem Gelände hoch.

Mit Nutzung der Pilatusbahnen von Kriens nach Fräkmüntegg (aufwärts) respektive vom Gipfel zurück ins Tal (abwärts) lässt sich diese Tour auch mit einem kleineren Zeitbudget und beschränktem konditionellem Investment realisieren. Will man direkt aus dem Flachland starten, so heisst es hingegen ziemlich weit zu wandern. Weil jedoch wie erwähnt nur sehr wenig Schnee lag (bzw. unterhalb von ca. 1300m gar keiner), konnte ich den ersten Teil mit dem Bike zurücklegen. Ich stationierte mein Gefährt nach rund 15km und 1000hm Anfahrt hier auf 1420m oberhalb von Bonere. Noch etwas effizienter wäre es, als Parkplatz den Abzweig vom Nauenweg hier auf 1345m zu wählen.

Steigeisen anziehen bei P.1620, die tollen Tiefblicke auf den Vierwaldstättersee kommen auf dem Foto wegen einiger Nebelschwaden nicht ganz so zur Geltung. Der Kontrast zwischen alpiner Umgebung, dem grünen Vorland und der nahe liegenden Agglomeration Luzern ist auf dieser Tour besonders stark.

Zu dieser Stelle ging es für mich schon zu Fuss, dann den teilweise exponierten und noch grösstenteils aperen Bergweg hinauf. Das war noch gut ohne die Steigeisen zu machen, so dass ich diese erst bei der Wegkreuzung auf 1620m montierte. Schon auf diesem ersten Abschnitt stellte ich aber fest, dass ich auch schon frischere Beine hatte - war es der Nachhall vom Sportklettertrip oder eher die Zufahrt per Bike? Naja, diese Frage konnte ich bald ad acta legen, denn der spannende Teil des Weges begann nun. Vom P.1620 hält man sich nach links (Osten), vernichtet nochmals ca. 30-40m entlang vom Gsässweg, bevor man bei einem Boulder mit einem markanten Riss Richtung Kulmchrachen abzweigt.

Blick aufwärts im unteren Teil des Kulmchrachens.

Querend geht's in die Rinne hinein und dann in dieser aufwärts. Die Bedingungen waren wirklich perfekt bzw. sehr einfach: es lag harter Styroporschnee und es gab bereits eine ausgetretene Spur mit markanten Tritten. So fühlte es sich trotz >45 Grad Neigung wie das Hochsteigen einer Treppe an. Dank den deutlichen Spuren gab's auch keine Orientierungsprobleme. Sowieso gibt es von diesen nur beschränkt, doch den Abzweiger nach rechts hinaus darf man nicht verpassen (insofern man nicht die deutlich schwierigere Direktvariante machen möchte). Bei der Querung aus der Rinne hinaus lag über ca. 20m Strecke nur relativ wenig Schnee und ein paar Moves in eher plattigem Fels waren nötig - da man nach rechts hinausquert, sofort bei einer Exposition, die keine Fehler mehr erlaubt. Man steigt dann bis zur Felswand hoch und quert über ein schmales Band luftig dieser entlang nach rechts zur Gamelle mit dem Wandbuch.

Links im Bild die Querung auf dem schmalen Band hinaus zum Wandbuch.

Über ein flacheres Feld steigt man dann gerade hinan, bevor die Originalroute wieder nach links hält und in den Kulmchrachen zurück quert. Dies mit einer weiteren, sehr originellen Passage. Auch hier war es wieder ein schmales Band am Fusse von überdachten Felsen - sich zu ducken reichte aber aus, kriechen war nicht nötig. Nach ca. 30m ist man wieder im Kulmchrachen drin und steigt dessen Schneerinne hinauf bis in den Sattel, weit ist es nicht mehr. Da oben kann man tief Luft holen und die Aussicht geniessen, denn je nach Verhältnissen ist der letzte Abschnitt durch die Esel Ostwand nochmals fordernd. Mir jedenfalls kam es so vor: dieser mit T5 oder T5+ bewertete Abschnitt war mixed, d.h. wies nur wenig Schnee auf, war aber trotzdem mit Winterausrüstung zu bewältigen. An sich schon nicht so schwierig, aber doch auch sehr luftig. Eine Nische mit einem weiteren Routenbuch erlaubt nochmals das Durchschnaufen vor der finalen, steilen und erneut exponierten Passage.

In der unteren Bildhälfte das Kriechband bei den überdachten Felsen, welches vom rechten Schneefeld wieder zurück in den Kulmchrachen führt. Mehr oder weniger dem Profil des Felsens im Vordergrund entlang führt dann der Weiterweg bis in den Sattel vor der Eselwand.

Dann war ich auf dem grossen und verbauten Plateau vom Esel angekommen - bei absolut grandioser Rundsicht konnte ich das Panorama alleine geniessen. Zumindest physisch, denn akustisch war der Touristenrummel vom 70hm tiefer gelegenen Pilatus Kulm natürlich bestens wahrnehmbar. Nach einer fantastischen Gipfelrast kommt man dann auf dem Abstieg nicht darum herum, sich kurzzeitig in diesen zu schicken. Es gilt, die Terrasse von Pilatus Kulm zu erreichen (Abschrankung öffnen oder überklettern nötig), dann muss man sogar kurz indoor gehen (?) um den Stollen zu erreichen, welcher unter dem Oberhaupt hindurch auf die NW-Seite führt. An dessen Ende gilt es nochmals, die Abschrankung für die Touristen zu übersteigen, bevor man zurück in der Wildnis ist.

Wunderbares Gipfelpanorama vom Esel mit toller Sicht in die Berner Alpen.

Wobei diese hier nur relativ gilt. Der folgende Abstieg in den Klimsensattel ist unschwierig und bringt einen zur hübsch gelegenen Kapelle. Die 40hm Extraaufwand zur Besteigung des Klimsenhorns nahm ich gerne noch auf mich. Dann trat ich den westseitigen Abstieg an, welcher den schnellsten Weg zurück zum Bike versprach. Zum Schluss fuhren dann nochmals 90hm Gegenanstieg in die Beine, bevor ich es zu Tale rollen lassen konnte. Lieber nicht zu schnell, denn einerseits war es natürlich geschliffen kalt, andererseits erhieschen ein paar vereiste Stellen auf der Strasse die nötige Voraussicht. Es ging aber alles (zum Glück im übertragenen Sinne) glatt, so setzte ich mich auf das vorgewärmte Polster, schlürfte einen Kaffee und fuhr zufrieden der Silvesterfeier entgegen. Ein klein wenig erinnerte mich diese Tour an meinen Silvester-Raid durch die Bös Fulen Nordwand aus dem Jahr 2016, wobei ich mich bei jenem Unternehmen deutlich weiter von der Zivilisation entfernt hatte, wie das hier am Pilatus der Fall war.

Mein letzter Gipfel im 2025, das Klimsenhorn mit seiner Kapelle. Unten am Bildrand sind auch noch zwei junge Romands sichtbar, welche eigentlich den Pilatus besteigen wollten und sich mit ihren Turnschuhen bis hierher vorgekämpft hatten. Schon erschöpft trauten sie sich das Erreichen des Tops vor der letzten Bahn nicht mehr zu und fragten mich nach dem besten/einfachsten Abstieg, denn ihren Aufstiegsweg trauten sie sich runter nicht mehr zu. Ich hoffe, sie haben es wohlbehalten zurück ins Tal geschafft...

Facts

Pilatus Kulmchrachen via Sattel Eselwand (WS+)
800hm ab Fräkmüntegg, bzw. total ~2000hm ab Kriens

Material: Steigeisen, mind. 1 oder evtl. 2 Pickel, Seilsicherung nur am Körper möglich

Hinweise: während die Route bei guten Bedingungen relativ einfach ist, so drohen hier doch alle alpinen Gefahren: Lawinen, Steinschlag und Absturzgefahr. Da im Frühling nur mit sehr frühem Start nach klaren, kalten Nächten gefahrlos begehbar, scheinen mir schneearme Frühwintertage mit solider Schneedecke am besten geeignet. Vorsicht vor Lawinen, schon ein kleiner Schneerutsch kann einen hier ins Verderben reissen.

Tipp: relativ teure Parkplätze bei der Pilatusbahn oder den Sportanlagen von Kriens, alternativer Gratisparkplatz bei P.661 Vorder Buholz, womit man sich im Vergleich zu einem Start in Kriens Zentrum auch noch 200hm spart, dafür aber nicht ganz unten im Flachland startet.

Link: gute Infos mit Topo bei den Mountain Guides von Engelberg

Topo zu den verschiedenen Kulmchrachen-Möglichkeiten von Marko Cupic, vielen Dank!

Freitag, 16. Januar 2026

Weihnachtstrip nach Valencia: Teil 5

Hier geht's unsere Spanienreise nun ins Abschlussfeuerwerk, was sowohl die beschriebenen Tage wie auch diese Reihe von Blogs betrifft. Die hier im Zentrum stehende Pared de Enfrente ist das Schaustück der Kletterei in Chulilla. Gleich vis-à-vis vom Dorf gelegen, bestens sichtbar, nach Osten exponiert und im Winter bis ca. 15.30 Uhr angenehm besonnt ist sie für ambitionierte Sportkletterer eine der ersten Adressen im Gebiet. Auch an regnerischen Tagen stellt sie eine gute Option dar, wovon wir zwischenzeitlich Gebrauch machen mussten.

Da schlägt das Herz gleich höher: Pared de Enfrente, muy muy bien!

Wir sind an drei Klettertagen in drei verschiedenen Sektoren an dieser Wand geklettert. Die Logistik ist immer dieselbe: man nutzt den Parkplatz im Dorf. Der ist zwar nur relativ klein, wir fanden aber doch jedes Mal eine Möglichkeit. Das liegt wohl an den 4 Euro Parkgebühr und der Tatsache, dass "Dorfbewohner" oder Vanlife-Menschen nicht da stationieren. Anzufahren ist er von Valencia übrigens am schnellsten von Norden her (via Losa del Obispo über die CV-394), durch Chulilla hindurch dauert länger und kann mühsam sein. Dann geht's zu Fuss weiter, am besten den Felsen vom Competicion-Sektor in die Schlucht hinunter, ein kurzes Stück dem Fluss entlang, über die Brücke und dann hinauf zur Wand, Gesamtzeit ca. 20 Minuten. 

Über die Brücke des Rio Turia, beim Schild danach geht's links hoch zur Wand.

Tag 3: Chulilla / Sex Shop & Tierra de Nadie

Ui, das ist mal wieder ein sinnvoller Name für einen Sektor, da rückt mein Blog in der Watchlist wohl in ganz andere Sphären. Anyway, an unserem dritten Tag in Spanien hatte der eisige Wind, welcher uns an Tag 1 durch die Glieder pfiff und dem wir am Tag 2 erfolgreich nach Süden auswichen, nachgelassen und die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Wir mussten also nicht lange überlegen, Chulilla war unsere Destination und die Pared de Enfrente das angepeilte Ziel. Unsere Felslust muss riesig gewesen sein, denn wir stürzten uns im Sex Shop gleich auf das erste Objekt in der Auslage...

Bolas Chinas (6b+ hard, os): kann man zum Aufwärmen nutzen, es geht allerdings nach dem kurzen Vorbau dann bald einmal heftig los mit so richtig taffen Leistenmoves auf ultrapolierten Tritten. Ich war kurz vor dem Abschmieren, meine Frauen zeigten mir dann allerdings, dass es zwar durchaus nicht einfach ist, ich mich aber zusätzlich auch suboptimal angestellt hatte.

Larina beim Aufwärmen in der Bolas Chinas (6b+), die Crux eben passiert.

Eco Dildo (7a+, os): die ersten paar Meter gemeinsam mit der vorangehenden Route, dort wo die Schwierigkeiten beginnen zweigt man dann aber gleich nach rechts ab. Ein paar "Schlittschuh-Moves" an Leisten nach rechts, dann geht's besser dahin zur Schüttelposition auf dem Band vor dem Schlusswulst. Hier kann man die alpine Auskneifer-Linie links durch die Verschneidung wählen, das was direkt über den Haken erst unmöglich erscheint, erfordert zwar schon einen beherzten Power-Move, löst sich dann aber gut auf und ist auch nicht wirklich schwieriger.

So lässt sich Weihnachten geniessen! Larina beim üblichen Chillen, denn unser Ablauf war nicht vollständig ausgeglichen. 1) Marcel klettert, Kathrin sichert; 2) Larina klettert, Marcel sichert; 3) Kathrin klettert, Marcel sichert. Somit war mein Tag jeweils pausenlos mit "Arbeit" ausgefüllt, während sich unsere Top-Athletin bestens auf ihre Go's vorbereiten konnte.

Sensaciòn Azul (7b+, os): unmittelbar rechts der vorangehenden Routen wartet diese sehr attraktive grau-orange Wand. Nach ein paar henkligen Einstiegsmoves folgt bald eine kleingriffig-technische Crux, die mit gutem Positioning an Seit-/Untergriffen gelöst wird. Dann kann man Durchschnaufen (oder im Onsight nervös werden?!). Zwei weitere knifflige Bouldersequenzen bringen einen zu einem weiteren Rastpunkt am Band, bevor in der Abschlusswand nochmals Entschlossenheit gefragt ist.

Larina in Sensaciòn Azul (7b+) - techno-athletische Wandkletterei, super Sache.

Cantalobos (7b, os): die Handvoll Routen links auf dem Balkon vom Sex Shop waren alle besetzt, so verschoben wir uns etwas nach links in den Sektor Tierra de Nadie und ich konnte diese Perle in Angriff nehmen. Unten schon anhaltende und stets spannende Kletterei, nie jedoch verzweifelt schwer. Gegen das Ende hin spitzt sich die Sache dann zu. Das Runout-Finish zur Kette bleibt in Erinnerung: zwingende technische Kletterei an einem kleinen Pfeiler, fusslastig an kleinen Griffen - fast wie MSL at its best!

Ein bisschen Lesen an Weihnachten ist doch toll. Am besten im Kletterführer am Fuss der Felsen ;-)

Dumbo Love (7a, os): zum Tagesabschluss konnten wir hier noch einen Speedy-Go in Kathrins Projekt geben. Erst cool an unglaublichen Sintertöpfen, weiter geht's dann teils knifflig an glatten Slopern. Sehr spannende Sache. Mittig ist die Passage nur dank einem grossen, gebohrten Loch möglich - ohne dieses vielleicht nicht unmöglich, aber sicherlich keine homogene 7a und keine lohnende Route. Ein ethisches Dilemma. Sagen wir es so: ich war sehr froh, war das gebohrte Loch da war und gleichermassen, dass ich nicht selbst vor der Frage stand, ob ich dieses anbringen soll.

Das war's für diesen Klettertag. Hier der Blick von der Wand zum Dorf Chulilla.

Tja, schon wieder war es dunkel geworden. Wir fuhren zurück in unser Domizil, deckten uns mit Lebensmitteln ein und machten uns einen gemütlichen Heiligabend inklusive einer Videokonferenz mit dem sich in Finnland befindlichen Teil der Familie.

Tag 7: Chulilla / El Ramallar

Auch bei optimistischer Interpretation des Wetterberichts war dieser Tag als regnerisch angesagt, wobei in Chulilla nur eine relativ geringe Menge prognostiziert wurde. Dies schien also die richtige Ecke zu sein und zudem lässt es sich an der steilen Pared de Enfrente wetterunabhängig agieren. Mit Larinas Wunsch, auch Möglichkeiten im achten Franzosengrad zur Verfügung zu haben, betätigten wir uns etwas weiter links als beim ersten Besuch und machten uns im Sektor El Ramallar bereit.

Panorama vom Parkplatz, links Chulilla City, dann der Sektor Los Techos und schliesslich die von uns angepeilte Wand mit dem Sektor Muro de los Lamentaciones gerade voraus und der Pared de Enfrente rechts anschliessend. Wie mir scheint wäre La Baleine auch noch eine passende Bezeichnung für diesen Felsriegel... gibt's aber halt schon anderswo.

Las Roturas L1 (6c, os), L2 (7a+): viel Gängigeres zum Aufwärmen findet man in diesem Sektor kaum. Die Route fängt zwar einfach an, zum Zwischenstand hin warten dann aber schon ein paar kräftige Moves an seifigen Rissen. Vielleicht hätte mir das eine Lehre in Bezug auf die Fortsetzung sein sollen (oder auch die bis dato nur 37 erfolgreichen Begehungen auf 8a.nu, wo die benachbarten Routen teils >500 haben). Während es ja erst noch geht, ist das Finish auf über 40m dann echt bockhart und warf mich ab - das ist mir in diesen Ferien sonst in keiner 7a+ passiert. Ich meine 7b oder 7b+ wäre realistischer, in einem zweiten Go wäre es ziemlich sicher gegangen, aber...

Rainy Day Crag Vibes. Larina vor dem Go in La Casica del Malaire (8a).

Revuelta en el Frenepático (7b+, os): ...neue Route neue Chance (auf einen Onsight), darum hier probiert und gleich auf Anhieb reüssiert, die schon >500 Begehungen kommen nicht von ungefähr. Es wartet begeisternde technische Kletterei an kleinen, positiven Leisten und Broccoli-Slopern. Gut bewegen, dranbleiben und die Intuition spielen lassen waren die Schlüsselelemente zum Erfolg. Die im Vergleich zur vorangehenden Route milde Bewertung womöglich auch... ;-)

Mal pago (7c, rp): der Regen hatte sich intensiviert, die weniger überhängenden Routen wurden teilweise benetzt. Deshalb hiess es, sich in den steilsten Teil der Wand zu verschieben und den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen. Der untere Teil bietet eine Schleuderstelle, dann lässt es sich weitgehend mit der Ausdauer erledigen, bis die komplett doof platzierte Kette geklippt werden muss. Viel zu hoch oben, wo es keinen brauchbaren Griff mehr gibt, gut habe ich lange Arme. Bisschen inhomogen und eben die Sache mit dem Umlenker, das stellt diese Route im Vergleich zu anderen im Sektor hinten an.

Es schifft zwar in Strömen, aber Wand und Route sind trocken: La Boca de la Voz (8a).

Gerade als ich meinen zweiten Go gestartet hatte, ging bei all unseren Handys der Alarm los. Eine Unwetterwarnung war es, mit dem Hinweis auf die starken Regenfälle und dem Ratschlag, erhöhte Standorte aufzusuchen. Na dann, hoch zum Umlenker, so musste mein Motto sein ;-) Wir liessen uns nicht ins Bockshorn jagen, komplettierten unsere letzten Versuche und kehrten wohlbehalten zum Auto und auch ins Apartment zurück. Wobei wir auf dem Rückweg zum Parkplatz komplett durchnässt wurden, ebenso goss es auf der Fahrt wie aus Kübeln. Offenbar hatte es auch schon den ganzen Tag über so runtergelassen - da täuscht halt einfach die Perspektive an einem solch grossen Überhang, wo der Wind nur hin und wieder ein paar Tropfen hintreibt. Aus dieser Optik hatten wir bestimmt das richtige Tagesziel ausgewählt.

Tag 8: Chulilla / Tierra de Nadie

Am unserem letzten Tag hatten wir heimreisebedingt 16.00 als Deadline für das Klettern definieren müssen, zudem war der starke Regen vom Vortag zu berücksichtigen. Da war es nicht der richtige Zeitpunkt für Experimente oder ausgedehnte Ausflüge. Wir fuhren also nach Chulilla, wo die bestens einseh- und erreichbare Pared de Enfrente trocken war und einige scheue Sonnenstrahlen erhielt, während anderswo noch viele Wasserstreifen glänzten. Nun denn, es gab noch genug zu tun da, also auf bekanntem Weg zum Fels geschritten, das Gear montiert und angegriffen.

Pared de Enfrente... könnte man gerne auch bei mir daheim platzieren :-)

Terreros Royos (6b+, os): eine vergnügliche, grossgriffige Aufwärmroute. Interessant das aufgeschichtete Gestein zu Beginn der Route. Für meine Augen sieht das so aus, als ob es unmittelbar am Auseinanderfallen wäre - was es wohl in einer alpinen Umgebung auch täte. Doch hier im Süden ist das gut zusammengebacken und hält bombenfest.

Agua por Favor (7c, os): rein ins Abschlussfeuerwerk, das war hier die Devise. Zum Charakter war mir so viel bekannt, als dass hier mehrere Boulderstellen mit Schüttelpunkten warten. Das lässt bei einer entsprechenden Grundlagenausdauer die Möglichkeit, die richtigen Lösungen auszutüfteln, somit schien hier die Chance auf einen 7c-Onsight vorhanden. Eine erste Stelle an Leisten, dann ein Untergriff-Boulder, eine Wandstelle die Entschlossenheit an sloprigen Leisten erfordert, seichte Löcher welche gute Übersicht zur Fussplatzierung erfordern, ein drückender Wulst mit Leisten und zum Schluss noch der knifflige Ausstieg mit mindestens 3 unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten. Mir ging alles auf und ich war trotz der Onsight-Chance (die ja eben auch schnell für immer und ewig vergeigt ist) mit gutem mentalem Korsett und Vorwärts-Optik unterwegs. Erst am sloprigen Schüttler vor der letzten Sektion zum Umlenker kam dann leichte Nervosität auf... schon so nahe, nur noch der Endgegner fehlte, doch nur im defensiven "ja nicht mehr herschenken"-Modus war der nicht zu bezwingen. Doch ich konnte mir die Zeit nehmen und sämtliche Lösungen erwägen, setzte am Ende auf das richtige Pferd und klippte unmittelbar danach den Umlenker - wow, was für eine grandiose Sache!

Kurz für Auflockerung sorgen, bevor der Ernst in Agua por Favor (7c) beginnt.

Dann war Larina an der Reihe. Wir handhabten es jeweils so, dass sie die gemeinsamen Routen auch Onsight kletterte. Die Gründe dazu: sie kann das bestens und v.a. muss sie es als Wettkampf-Athletin auch als starkes Asset in ihrem Portfolio führen. Zudem ist das lautstarke Rumplärren von Beta nervig und sowieso passen meine Lösungen für sie nicht zwingend. Bzw. umso interessanter ist es, nachher auszuwerten, wo wir gleich und wo wir unterschiedlich vorgingen, respektive was die Beweggründe dazu waren. Zwei kleine (aber legitime) Vorteile hatte sie hier auf ihrer Seite: die nun bereits installierten Exen und das Wissen, dass es der alte Mann geschafft hat. Mit ihrem inzwischen in allen Belangen klar höheren Level lag die Möglichkeit auf der Hand.

Andererseits wird aus "hier habe ich eine gute Chance" halt auch schnell "das darf ich nun auch keinen Fall vergeigen" - und das macht wie wir alle Wissen einen grossen Unterschied dafür, wie schwierig sich das alles anfühlt, mit entsprechend dämpfendem Effekt auf die Erfolgswahrscheinlichkeit. In diesem Sinne darf man die mentale Bürde meines Durchstiegs gerne als willkommenes, mentales Zusatztraining für die Wettkampf-Athletin betrachten. Denn wenn es dann wirklich zählt, ist das Ganze logischerweise noch viel komplizierter. Langer Rede kurze Essenz: es klappte auch bei Larina, nach einigem Gebastel im Untergriff-Boulder mit mehreren Limit-Moves, die ich so ganz sicher nicht gebacken gekriegt hätte, da war meine Lösung definitiv deutlich effizienter.

 Larina in Agua por Favor (7c): 35m an anhaltender Kletterei in steilem Gelände

Las Carcàmas de la Majà (7b/+, rp): es blieb noch Zeit für eine weitere Route und mit einem Grosserfolg in der Tasche konnte ich es wagen, trotz "hard" und hartem Schlussboulder hier einzusteigen. Nun, das Finish ist zwar komplex , aber nicht so megamässig, als dass es nicht im First Go machbar wäre. Aber es ist einfach hart, ohne die präzise Körperposition und Wissen wie man die Griffe nehmen muss kriegte ich das nicht auf Anhieb hin. Naja, so musste halt die 16 Uhr Deadline noch etwas geritzt werden, damit ein 2nd Go drin lag. Der sass dann und ich konnte die gloriose Schlusssequenz welche sich mit einem Comp-Style Toehook am besten auflöst nochmals geniessen.

¡Hasta la próxima, volveremos!

Packen, laufen, fahren, Auto abgeben, umpacken, Gepäck aufgeben lautete das weitere Programm, danach folgten dann ein paar ruhigere Minuten, bis es Zeit zum Einsteigen war. Der Flug verging dann dank einer spannenden Schachpartie fast zu schnell, aber mit der nötigen Geduld war auch dieser Gegner schlussendlich knapp vor dem Zeitpunkt besiegt, bevor man sich von den Sitzen erheben konnte. Das Fazit zu diesem Trip braucht nicht viele Buchstaben: GRANDIOS war es, so viel gute Kletterei und so viele erfolgreiche, sehr befriedigende Begehungen. Diese vielen Onsight-Battles, 100% try hard, mit jeder Faser des Körpers kämpfend, der Intuition vertrauend, den Blick vorwärts gerichtet und der Schwerkraft entfliehend, das liebe ich einfach. Davon hatte es eine satte Portion gegeben (genug davon kriege ich sicher nie), die Kletterei hatte mir prima gefallen und auch sonst war alles tiptop aufgegangen. Nun gut, das Wetter war insgesamt eher durchzogen, aber genügend warm und ausreichend trocken um jeden Tag voll anzugreifen, in dieser Hinsicht war die Planung perfekt aufgegangen.

Topo

Wir hatten den Chulilla Climbing Guide (Pedro Pons, 2022) ausleihen können, käuflich ist er glaube ich ausser im PizBuBe nicht mehr so einfach zu erwerben (vergriffen). Alternativ stehen auch diverse überregionale Auswahlführer zur Verfügung. Alternativ Online-Routenlisten wie The Crag. 

Saison & Charakter

Die Pared de Enfrente ist nach E exponiert und hat um den Jahrswechsel von frühmorgens bis maximal ca. 15.30 Uhr Sonne. Ideal wenn es kalt ist, bei höheren Temperaturen ab 10 Grad aufwärts und voller Einstrahlung wird es möglicherweise bald einmal zu heiss für die ambitionierte Sportkletterei. Am lohnendsten im Schwierigkeitsgrad 7a-8a, leichtere Routen gibt es vereinzelt, schwierigere hingegen kaum. Vorherrschend ist ausdauernde Wandkletterei in nicht allzu steilem Gelände, welche teilweise auch versintert ist. Fast alle Routen lassen sich bei leichtem Regen klettern, etliche davon auch bei starkem Niederschlag.

Parkplatz & Zustieg

Siehe oben im Beitrag.

Samstag, 10. Januar 2026

Weihnachtstrip 2025 nach Valencia: Teil 4

Nach einer dringenden Empfehlung hatte ich die Wand von Araya auf unsere "must do"-Liste dieses Trips gesetzt. Tolle Ausdauerkletterei in sintrigem Gelände an noch weitgehend unverbrauchtem Fels in einer ruhigen und sonnigen Umgebung gäbe es da zu geniessen. Als dann (bei einer dynamisch-labilen Wetterlage) auch noch sämtliche Karten und Modelle im Gebiet ca. 80km nördlich von Valencia am meisten Sonne bei gleichzeitig minimalem Niederschlagsrisiko versprachen war der Tag gekommen. Die Details folgen hier erst noch, aber ganz kurz: Kletterei prima, Wetter naja.

Hm, ganz so attraktiv sieht das auf diesem Foto vielleicht nicht einmal aus?!? Womöglich dem eher grauen Himmel geschuldet. Der Hauptsektor im Bildzentrum ist rund 40m hoch und bietet echt gute Klettereien. Diese ziehen sich auch bis an den rechten Bildrand hin. Die Wand links aussen ist hingegen meines Wissens nicht erschlossen.

Tag 5: Araya (Teil 3 / Teil 5)

Das kleine Nest Araia (das Dorf wird gängig mit "i" geschrieben, das Gebiet aber mit "y") befindet sich im Hinterland der Küstenstadt Castellò de la Plana und ist von der Autobahn über ca. 8km an kurviger Bergstrasse anzufahren. Gerade am Eingang des Orts geht's rechts ab auf eine unbefestigte Piste. Gut befahrbar an sich, nur an einer Stelle wo einstürzende Altbauten die Strasse verschüttet haben, ist es kurz etwas eng. Google Maps kennt den Standort des zu wählenden Parkplatzes und leitete uns zuverlässig dahin. Für den Zustieg auf dem gut ausgetretenen Pfad (auf OSM/TheCrag verzeichnet) zu den noch nicht sichtbaren Felsen brauchten wir 25 Minuten. Grundsätzlich liegt das Gebiet sehr sonnig, wegen dem vorgelagerten Grat ist im Hochwinter aber bereits irgendwo zwischen 15-16 Uhr fertig mit der Wärmestrahlung. Das war insofern hypothetisch für uns, als dass es bewölkt war und bereits leichter Nieselregen eingesetzt hatte. Möglichst schnell los mit der ersten Route, konnte das Motto nur lauten.

Pincha Perros (7a, os): Schöne, flowige Route mit durchgehend interessanter Kletterei. Sie weist eine relativ markante Crux auf, dort wo man von der Sintersektion wieder etwas flacheres Gelände gewinnt. Erstens einmal gilt es die Lösung zu erkennen, dann braucht's auch noch etwas Power um sie auszuführen.

Wo ist Walter bzw. Larina?!? Wer genau hinschaut, findet sie. Im athletischen Teil der Malos Pensiamentos (7c). Aus dieser Perspektive gibt's glaube ich keine Zweifel, dass diese Wand eine gehörige Portion Ausdauer und Athletik verlangt.

Bis wir alle drei die Route getoppt hatten, war aus dem Nieseln ein ausgewachsener Schauer geworden. Übrigens die einzige Regenzone, welche an diesem Tag über das von Valencia aus in diesem Radius erreichbare Gebiet hinweg zog, ganz im Gegenteil zu dem, was die Wettermodelle angekündigt hatten. Künstlerpech also... an weitere Kletterei war vorerst nicht zu denken: die Routen sind zwar überhängend und blieben mehrheitlich trocken. Doch es beginnen alle mit einer 5-10m hohen, eher plattigen Zone bevor es steil losgeht. Die wurde eben befeuchtet, und ebenso wäre man beim Sichern komplett durchnässt worden. Es blieb uns nichts anderes übrig, als die Sache auszusitzen. Das war auch gar nicht mal so einfach hier, eigentlich verrückt, an einem spanischen Felsen keinen so richtig trockenen und meterweit geschützten Spot am Wandfuss zu finden. Immerhin wurden wir nur leicht betröpfelt, nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, wir griffen wieder an und hatten für den Rest vom Tag Ruhe vor dem Regen.

Red Chili (7a+, os): Ein weiterer, 35m langer Knaller - so genial! Abwechslungsreiche und immer spannende Kletterei an Broccoli-Fels, Sintern und Leisten. Zwei Abschnitte stechen heraus. Wie in der Pincha Perros (7a) ist das Verlassen der sintrigen Steilzone die Crux. Auch hier gilt es die Beta zu erahnen und sie dann mit Strom auszuführen. Weiter oben wartet dann auch noch eine leistige Wandkletter-Crux, die man aber gut wegstehen kann.

Malos Pensiamentos (L1 7b/+ os, L2 7c): Was für eine Route, welche mir einen riesigen Fight abverlangt hat. Nach steilplattigem Auftakt geht's erst athletisch einer Rampe entlang zur Sache. Dann eine kräftige Lochsektion, gefolgt von einem sehr technischen, nervenaufreibenden Mantle. Und zum Schluss gibt's dann noch zwei knifflige Wandkletter-Boulder mit Ruhepunkt dazwischen. It ain't over till it's over... nach heftigem Kampf, langem Schütteln und kreativem Tüfteln unterwegs hatte ich endlich den finalen Henkel in der Hand. Und somit natürlich auch gleich die Verpflichtung, noch den 7c-Abschlussboulder zur zweiten Kette auf 40m anzugehen - einfach ins Seil sitzen konnte bzw. wollte ich ja nicht. So viel hatte da schlussendlich nicht gefehlt, aber die entscheidenden kleinen Leisten ohne schlaue Füsse nach diesem Fight noch zu dübeln ging leider nicht ganz. Ich war mir aber sicher "Larina kann das", zumindest wenn sie den kniffligen Schluss vom ersten Teil meistert. Genau so kam es dann auch: nach kurzem Innehalten vor diesen Bouldersequenzen wurden die Leisten mit Leichtigkeit gehalten, ein souveräner Durchstieg war das Resultat.

Andere Perspektive, aber immer noch Larina in Malos Pensiamentos (7c).

Nachdem auch Kathrin ihr Projekt gemeistert hatte, brach schon wieder die Dunkelheit herein und wir machten uns auf den Rückweg. Naja, die besten Verhältnisse hatten wir nicht getroffen, die Kletterei und auch die Umgebung hatten uns aber sehr gefallen. Mit 3x35m an permanent spannender Herausforderung und den entsprechenden Punkten im Gepäck war auch das ein sehr erfolgreicher Klettertag gewesen.

Topo & Infos

Wir nutzten nur TheCrag, was einwandfrei funktioniert hat. Gedruckte Topos findet man im ganz neuen Costa Azahar CLIMB. (Domingo, 2025) oder im Levante Climbs North (2019). Der Parkplatz ist oben verlinkt, es haben ca. 5-6 Autos Platz. Achtung, auf keinen Fall die Durchfahrt behindern! Notfalls sollte man einige Minuten weiter weg an der Zufahrtsstrasse noch Abstellmöglichkeiten finden.