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Dienstag, 17. August 2021

Rienzwand - Hat Spass gemacht (6b+)

Am Vortag hatten wir es am zweiten Tag unserer Reise noch bis nach Südtirol geschafft, doch bis zum Einstieg einer gelobten Dolomitenkletterei war es immer noch ein ziemlich langer Weg. Kam hinzu, dass wir auf der Weiterfahrt im Pustertal eine Ewigkeit im Stau standen - abseits der Hauptreisezeit ziemlich unerklärlich, aber was soll's. Dank sicherem Wetter sollte es aber für eine Tour im Rienztal trotzdem noch reichen. Mit 14 Seillängen und ~500 Klettermetern handelt es sich bei der hier beschriebenen Route zwar nicht um ein wirklich kurzes Unterfangen. Da die Route aber sehr gut abgesichert ist und mit zügig abspulbarer Wandkletterei aufwartet, lässt es sich effizient auf die Tube drücken. Auch der Abstieg ist nicht eben kurz, verläuft aber nicht in alpinem Gelände sondern über Wanderwege, die nötigenfalls auch im Stirnlampenlicht zu beschreiten wären...

Die gewaltige Mauer der rund 500m hohen Rienzwand mit Ein- und Ausstieg von 'Hat Spass gemacht'

Um 12.20 Uhr liefen wir schliesslich vom Parkplatz gegenüber dem Hotel Tre Cime los (7 Euro pro Tag, kostenlose Plätze etwas weiter der Hauptstrasse entlang Richtung Cortina). Auf einigen Webseiten wird für den Weg ins malerische, relativ flache Rienztal ein Bike empfohlen. Was trotz der schottrigen Strasse zeitsparend wäre, aber es ist auch klar ausgeschildert, dass Fahrräder in diesem Tal nicht geduldet werden. Wir hatten keine Räder dabei, marschierten aber zügig los, so rückten die eindrücklichen Wände bald einmal ins Blickfeld - wow, ein solcher Anblick ist immer wieder ergreifend! Nach ~40 Minuten hatten wir die Stelle erreicht, wo der Bach überquert und zur Wand aufgestiegen werden muss. Ein deutlich ausgeprägter Steig führt durch die Bäume und am Rand einer Geröllhalde hinauf und quert zuletzt mit leichtem Höhenverlust nach links zum Einstieg. Dieser befindet sich ca. 10m rechts vom tiefsten Punkt der Wand und ist nicht (mehr) näher bezeichnet. Zwei (mässig nützliche) SU-Schlingen sind jedoch noch da und während die verzinkten, einstmals goldgelben Fixé-BH durch die Korrosion farblich schon dem Fels angeglichen sind, wird das spähende Auge sie schon erblicken. Der Zustieg hatte uns total 50 Minuten gekostet, nach dem Schuhwechsel stiegen wir um 13.20 Uhr ein.

L1, 35m, 6b: Ein fulminanter Auftakt, in manchen Beschreibungen wird diese Länge gleich als die (oder zumindest eine der) schwierigsten der Tour beschrieben. Sicherlich weist sie recht anhaltend steile Kletterei auf, gewürzt mit der einen oder anderen Herausforderung und man muss sich ja auch immer erst an Wand und Fels gewöhnen. Ob's wirklich schwieriger ist wie weiter oben, vermag ich jedoch nicht sicher zu sagen.

Die erste Länge (6b) gleich gepackt. Und wie man sieht, 13.51 Uhr, der Einstieg gerade noch schattig.

L2, 50m+, 6b: Der steile Bug oberhalb wird rechtsherum umgangen, nach einem noch moderat schwierigen Auftakt geht's in steiler, gutgriffiger Kletterei zur Sache, was mich nicht wesentlich einfacher wie die Anforderung in L1 dünkte. Man steigt schliesslich auf eine weniger steile Zone aus. Erst der nach rechts ziehenden Rampe entlang, dann aber direkt hoch und zuletzt in flachem Gelände zu "Seil aus" und Stand - je nach Schrumpfung des Stricks kommt wohl das eine oder andere zuerst. Die eine oder andere Sicherung will hier gut verlängert sein, ansonsten wird es unangenehm!

L3, 35m, 6b: Anhaltend steile, homogene Wandkletterei in gelbem Fels, mit vielen BH gut abgesichert. Ja, hier kann man durchaus etwas Pump fühlen, je nach individueller Fitness halt mehr oder weniger. Teils ist der Fels ein wenig splittrig, aber alles im grünen Bereich: es finden sich mehr als genügend solide Griffe.

Nachstieg in L3 (6b), einzelne BH sind wie man sieht teils etwas ausserhalb der direkten Linie.

L4, 25m, 6b+: In dieser Seillänge stellt vor allem der Auftakt aus dem Stand hinaus die Challenge. Dies schon nur in der Routenwahl, man kann nämlich sowohl links wie rechts von den Standhaken und der Sicherungsperson anpacken. Es bedürfte dem Ausprobieren beider Varianten um die einfachere zu benennen. Für mich funktionierte es linkerhand gut, auch wenn dies bis dato sicherlich die schwierigsten Moves waren und ein '+' verdienen (A0 wäre hier sicher gut möglich falls nötig). Danach eine Linksecke klettern und in weniger steilem, griffigen Gelände zum nächsten Stand.

L5, 30m, 6a: Prima Wandkletterei in sehr griffigem, grauem und festem Fels. Hier kamen wir nun richtig in den Kletterfluss, man könnte beinahe von einer Speed-Begehung sprechen. Einfach stetig aufwärts, der nächste Griff ist genau da, wo man ihn braucht und für die Füsse passt es auch immer.

Sehr schöne Wandkletterei in prima strukturiertem Fels, richtiges Cruising-Gelände in L5 (6a+).

L6, 30m, 4b: Hat den Charakter einer Überführungslänge. Zuerst unschwierig zu einem Schuttplatz hinauf, dann die Wand darob anpacken. Der Standplatz liegt etwas links ausserhalb und ist von unten kommend erst nach den BH der folgenden Länge erkennbar. Man könnte ihn bestimmt auch gut links liegen lassen und L6 & L7 linken, 50m-Seile dürften wohl knapp (oder knapp nicht) reichen, wobei im schlimmeren Fall gut kurz gemeinsam gestiegen werden könnte.

L7, 25m, 6a: Erst folgt man in für einmal beinahe klassischer Manier dem markanten Riss bzw. der fast kaminähnlichen Verschneidung. Hier könnte man noch viel mehr Höhe machen, doch irgendwann wurde es den Erschliessern zu bunt und sie querten wieder nach links in die griffige Wand hinaus. 

L8, 45m, 6b+: Diese Seillänge sticht noch einmal deutlich aus den anderen heraus. Das liegt daran, dass man nach dem Auftakt, den man linksherum angeht, bald einmal auf eine deutliche Crux an einem Wulst trifft, der mit kleingriffigen Leistenzügen überwunden wird. Ich fand diese Stelle deutlich anspruchsvoller wie das übliche Gelände an diesem Berg. Danach geht's aber in gewohntem Stil und wieder einfacher weiter.

Hier kriegt man einen hervorragenden Eindruck von L8 (6b+) - das Foto ist aber echt von da!

L9, 25m, 6a+: Laut dem Topo der Erschliesser wird auch diese Länge wie jene davor mit 6b bewertet, doch hier haben wir keine schwierige Stelle angetroffen. Erneut sehr schöne und griffige Wandkletterei, richtiges Cruising-Gelände.

L10, 25m, 6a: Es gilt genau dasselbe wie für die Länge davor, griffiges Cruising-Gelände ohne besonders markante Stellen - einfach ein bisschen weniger steil wie in der Länge davor. 

L11, 25m, 6a+: Hier wirft vor allem der Start gewisse Fragezeichen auf. Der Wulst sieht ganz direkt über den Haken geklettert eher schwierig aus, rechts oder links geht's kommoder. Bloss auf welcher Seite?!? Die Schleifspuren der Exen am Gestein bezeugen, dass die Stelle auf beiden Seiten angegangen wird - und so schwierig war's dann auch nicht, mit 1-2 athletischeren Zügen war es erledigt. Man mündet dann in eine Verschneidung ein, für einmal etwas Abwechslung von der üblichen Wandkletterei.

Ausstieg aus der Verschneidung am Ende von L11 (6a+). 

L12, 50m, 5a: Von Stand 11 besteht die letzte, sinnvolle Rückzugsmöglichkeit durch Abseilen. Wer hier also weiterklettert, ist fast gezwungen nach oben auszusteigen, weil man sonst beim Seil abziehen sicherlich viele Steine lösen würde. Mit einer markanten Rechtsquerung peilt man in griffig-einfachem Gelände die grosse Verschneidung an. Dieser entlang geht's aufwärts, wobei man interessanterweise fast ausschliesslich in der Wand links vom Winkel klettert. Achtung Seilzug, Halbseiltechnik und lange Exen helfen.

Der markanten Verschneidung entlang führt L11 (dank griffigem Gelände nur 5a).

L13, 35m, 5c: In den letzten beiden Seillängen nimmt die Route doch eine eher spezielle Linie. Links könnte man in der Wand wohl ziemlich einfach das Top erreichen. Aber gut, da liegt doch eine ganze Menge an losen Steinen herum und der gewählte Weg durch ein steiles Kaminsystem ist originell und bietet einen spannenden Abschluss. Zuerst geht's auf dieser Seillänge ungesichert über Stufen hinweg, dann eben steil hinauf an einem Riss bzw. einer Verschneidung in Richtung des markanten Kamins.

Durch das tiefe dunkle Loch leicht rechts der Bildmitte führt die Route

L14, 35m, 6a+: Mit der Erwartung einer 6a+ laut Topoguide bin ich in diese Seillänge gestiegen. Erst in Kamintechnik, später dann in der Wand links. Leichter kam es mir ehrlich gesagt auch nicht vor, aber wie meine holde Angetraute mir später verraten hat, soll ich mich hier ungeschickt angestellt haben. Auch das Originaltopo wirft hier eine lapidare 5+ aus. Einmal dem Kamin entronnen, geht's noch über eine Stufe hinweg zum Ausstieg. Den letzten Stand macht man an 1 BH und an Latschen befestigten Schlingen, er ist rechts etwas unscheinbar und versteckt.

Geschafft! Das ist der Ausstieg der Route in L14 (6a+).

Um 19.00 Uhr und damit nach gut 5:30 Stunden Kletterzeit hatten wir das Top erreicht. Das war (für uns) nun wirklich eine Express-Onsightbegehung gewesen, schneller wäre es nicht möglich gewesen. Wir schnürten subito die Schuhe und machten uns auf die Socken. Der führt erst noch etwas aufwärts durch die Latschen hindurch und über ein paar Stufen hinweg nach Süden. Einen richtig deutlichen Weg gibt es nicht, trotzdem ist die Passage gut zu finden. Man erreicht schliesslich ein Plateau, auf welchem man etwas linkshaltend die Langenalm erreicht (19.30 Uhr). Dies mit atemberaubenden Blick auf die Nordwände der Drei Zinnen, wirklich fantastisch!

Die Hütte der Langenalm mit fantastischem Blick auf die Nordwände der Drei Zinnen.

Erinnerungen an meine Begehung der Nordwand der Grossen Zinne über die Hasse/Brandler keimten auf und eine weitere, spannende Idee lag auf der Hand - das Pfeifhofer-Enchainment nämlich. Hat doch der Erschliesser der 'Hat Spass gemacht' mit der 'Petri Heil' in der Nordwand der Westlichen Zinne eine 19-SL-Tour hinterlassen, welche ideal angehängt werden könnte. Nun denn, wir waren tageszeitlich schon etwas zu spät unterwegs für dieses Vorhaben, die 'Petri Heil' kletterten wir zwar schon, aber nicht mehr an diesem Tag. Also mussten wir uns um den Weg ins Tal kümmern. Vermutlich gibt es aus der Umgebung der Langenalm einen direkten Steig hinunter ins Rienztal?!? Jedenfalls sieht es von unten sehr wohl danach aus und wir gingen davon aus, dass wir den Einstieg in diesen Schnellabstieg problemlos finden würden. Dem war aber nicht so, wir gingen dem markierten Weg Nr. 105 entlang, trotz offenen Augen konnten wir den Abzweig nicht entdecken und die für uns verfügbaren Beschreibungen waren alle zu vage und unklar.

Die Zinnen in ihrer ganzen Pracht - davon kann man nicht genug bekommen!

Bald einmal stellten wir fest, dass wir den Abzweiger definitiv verpasst haben mussten. Also liefen wir weiter auf dem markierten Weg - was sicherlich einen markanten Umweg bedeutet, dafür aber eine wirklich sehr genussreiche Wanderung darstellt mit Top-Blicken auf die Nordwände der Drei Zinnen. Um diese Zeit waren so gut wie keine Leute mehr unterwegs, wir genossen einen fantastischen und sichtigen Sommerabend, besser hätte es nicht sein können, um noch etwas zu wandern und die Ausblicke zu geniessen. Schliesslich liess sich unter der Drei-Zinnen-Hütte dann eine Ecke abkürzen (Pfade gut sichtbar), bevor es ins Rienztal hinunterging (20.00 Uhr). Aber nicht ohne bei einem Tümpel noch hervorragende Bilder der Zinnen inklusive Spiegelung zu schiessen - so genial!


Nun hiess es aber, die Hinteren hervor zu nehmen. Noch immer stand uns eine längere Strecke zum Ausgangspunkt bevor. Und dummerweise hatten wir auf der Anfahrt weder Quartier noch Nachtessen organisiert, auf der Tour war dies mangels Handyempfang auch nicht möglich. Da Kathrin die besseren Schuhe für einen Trailrun trug ;-) wurde sie vorgeschickt, während ich den Sherpa spielte. Ihre Aufgabe hat sie mit Bravour erledigt: mit dem Beizer des Tre Cime einen prima Deal ausgehandelt und bis ich um 21.20 Uhr nach ziemlich genau 9:00 Stunden für die ganze Runde ins Wirtshaus (mit schon geschlossener Küche) trat, stand bereits ein kühles Bier, ein würzige Gerstensuppe und ein Piatto mit Fleisch, Käse und Brot auf dem Tisch. Das war ein mehr als gelungener Abschluss einer hervorragenden Tour :-)

Sicht aus der Wand auf das Rienztal, durch welches Zu- und Abstieg führen.

Facts

Rienzwand - Hat Spass gemacht 6b+ (6a+ obl.) - 14 SL, 480m - H. Pfeifhofer et al. 2011 - ****;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 14 Express (davon 4-6 verlängerbar), Cams/Keile nicht nötig

Für lokale Verhältnisse sehr gut, aber nicht übertrieben mit BH abgesicherte Klink & Go Route durch eine eindrückliche Dolomitenwand. Die stets griffige, steile Wandkletterei ist an sich hervorragend, weist aber nicht so viel Abwechslung und markante Kletterstellen auf. Konkret heisst das, dass man auf den fast 500 Klettermetern erstaunlich selten je überlegen muss, wie man eine Stelle zu lösen hat. Topos zur Route findet man in diversen Dolomiten- und überregionalen Auswahlführern à la Topoguide oder Moderne Zeiten. Oder auch hier das wenig detaillierte Originaltopo. Wobei es zu sagen gilt, dass man einmal auf der richtigen Fährte den Weg dank den zahlreichen BH kaum mehr verfehlen wird.

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