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Freitag, 29. April 2022

Fontainebleau - Roche aux Sabots

Neuer Tag, neuer Circuit! Die nächste Empfehlung lautete auf die Roche aux Sabots, sogar noch näher am Camping La Musardière gelegen wie das Gebiet vom Vortag. Trotzdem, um die Lauferei zu begrenzen, wollten wir mit dem Panthermobil in unmittelbare Nähe der Blöcke fahren. Doch diese zeigte uns die kalte Schulter nach dem Motto "Bouldern ist auch Alpinismus", verweigerte seinen Dienst und zwang uns auf einen weiteren Fusszustieg. Mit seinem fortgeschrittenen Alter kommen die Allüren... oder vielleicht war es auch nur eine entladene Batterie. Wir hielten uns aber an die bewährte Strategie "erst kümmern wir uns mit dem Klettern ums Wesentliche, die Probleme regeln wir später" und erreichten die Blöcke in rund 30 Minuten per Pedes.

Larina bouldert #32 (Mise à Pied, Fb 4A).

Meine ob der Aufregung wegen dem streikenden Panthermobil kurze Suche nach einem Plan mit dem blauen Circuit war erfolglos geblieben. Aber entweder fänden wir den Start auch so, oder dann hülfe uns bestimmt jemand aus der Patsche. Inzwischen war es nämlich Karfreitag und an diesem gut zugänglichen Sektor fand ein richtiges Volksfest statt. Halb Frankreich und Gäste aus ganz Europa schienen hier ihr weisses Pulver über die Felsen verbreiten zu wollen, Picknickdecken wurden ausgebreitet, Hängematten installiert, Grossmütter kümmerten sich ums leibliche Wohl... ein lustiger Zirkus, aber störend fanden wir das nicht, eher unterhaltsam. Bald hatten wir nicht nur einen Plan im Kopf, sondern auch einen des Circuits auf dem Smartphone. Nachdem wir die Startmarkierung aufgespürt hatten, konnte es losgehen. Satte 50 Probleme standen auf dem Menü, so hiess es Gas geben.

#8 nennt sich 'Bon pied, bon oeuil' und das passt so richtig gut zu diesem Bild und den Bouldern. Zum Halten gibt's zwar ganz ordentliche Löcher, die Füsse müssen aber sehr plattig auf kleinen und polierten Tritten antreten. Während das bei Larina ziemlich souverän aussieht, macht sich die Boulderin im Hintergrund auf eben diese Suche nach tauglichen Starttritten. Bewertet ist das Ganze mit Fb 3C, a priori würde man denken, dass es dafür kaum die Hände braucht... was dann aber schon nicht ganz zutrifft.

Die #1-8 sind alle ziemlich nahe beisammen, es handelt sich meist um relativ kurze Lochprobleme, die sich recht zügig klettern lassen. Die perfekte Circuit-Begehung kam mir auch an diesem Tag bald einmal abhanden. In der leicht kniffligen #6 mal die Finger falsch ins Loch gesteckt, auf miesen Tritten aufgestanden und schon war ich irreversibel blockiert - there goes the flash...

Larina in #9 (Carie Dentaire, 4c+). Für mich waren die beiden Löcher aus dem Stand einfach erreichbar und somit beschränkte sich die Easy-Version auf den Mantle von diesen Löchern. Auch der Sitzstart, den ich zusätzlich praktizierte war nicht viel schwieriger. Bei kleinerer Körperlänge wird's hingegen ein schwieriger Run-in & Jump und mit Sitzstart wird es dann schon richtig, richtig knifflig. Aber wie schon (und unten gerade wieder) erwähnt, manchmal sind Lange, manchmal sind Kurze im Vorteil. Und dann gibt es auch noch Boulder, wo die Grösse kaum eine Rolle spielt.

Vor #12 standen wir sehr verwundert - sehr hoch und sehr schwierig sah es aus, zwei grosse Löcher und dann nichts mehr. Das roch nach Zwergentod für Larina... Doch wie der erste Eindruck manchmal täuscht: sie konnte sich an den grossen Löchern viel besser aufrichten und erreichte einmal stehend mühelos die Kante. Für den alten Langen war es hingegen ein richtiger Knorz, sich an diesen Löchern aufzurichten. Definitiv nötig waren hingegen Matten und ein Spotter.

Wenn man versucht ein Bild zu zeigen, wo man die Nachteile für Grossgewachsene sieht... ja dann sieht es halt nach absolut unelegantem Knorz aus. Tatsache ist, dass die nächsten Griffe bei diesem Boulder #12 in unerreichbarer Ferne sind, solange man nur an den beiden Löchern hängt. Der Aufrichter am Loch mit dem Loch ist also zwingend und wenn man einmal steht, so sind die nächsten Griffe dann für alle Morphologien erreichbar.  

Weiter ging's im Text, einige relativ zügig zu erledigende Boulder brachten uns zu #17 mit einem coolen, pressigen Mantle-Exit und wenig später zur Kombo #19/#20 an derselben Wand. Eine grosse Menschentraube war da versammelt, viele Matten waren platziert - offenbar forderten diese Probleme viele Akteure stark heraus. Schliesslich wurde uns ein Versuch gegönnt und fast ein wenig Show-Off-mässig konnte ich ganz locker flashen. Die Meinung, dass auch Larina mit diesen leistenlastigen Klettereien kurzen Prozess machen würde, musste ich aber zügig revidieren... es ging (vorerst) nicht, bzw. nicht auf die Schnelle und eine Mittags- und Reflektionspause wurde nötig. 

Das Blockfeld bietet Unterhaltung für viele Passionen. Jerome startete mit uns auf den Parcours, zog sogar einige blaue Boulder oder betätigte sich daneben auf dem mehr oder weniger parallel verlaufenden, orangen Parcours. Irgendwann schmerzten die Zehen und er fokussierte mehr auf coole Jumps zwischen den Blöcken, Überfälle (das ist eine Klettertechnik ;-)) und verlegte sich später auch aufs Fotografieren des noch bouldernden Rests der Familie - danke!

Mit nach der Pause frischen Kräften waren #19 und #20 rasch nachgeholt und an ein paar einfacheren Bouldern kamen wir zügig voran, bis mit #25 ein cooles Compression-Problem im Weg stand. Offensichtlicher von der Reichweite abhängig kann ein Boulder fast nicht sein... aber er gelang schliesslich mit hoher Investition an Power auch Larina.

Die etwas fiese #25 (Quartier Libre, 4C+). Es geht wirklich nicht nur mit der Kante oder dem Riss, man muss zwingend beide Features gleichzeitig nutzen können. Mit genügend Spannweite greift man nur an den jeweils 'guten' Stellen zu, aber wenn's knapp ist, so kommt man links und rechts nur in Mini-Intervallen voran, was viel länger dauert und einen zwingt, auch übel sloprige Griffe zu halten.

Zeit zum Zurücklehnen hatten wir aber keine, denn schliesslich hatten wir ja eben erst die Hälfte des Circuits abgeschlossen. Vorerst ging's zum Glück zügig weiter, nur #31 mussten wir skeptisch mustern. Ein alpin anmutender Schinderriss, mit Grünspan angehaucht und tropfendem Wasser im Grund. Tja, in Bleau gibt es nichts, was es nicht gibt! Zum Glück war's dann schneller geklettert als befürchtet, die zu greifende Kante war trocken und mit ein paar kräftigen Piazzügen war das Top zügig erreicht.

#31, alpin anmutender Piazriss (oben kommt nirgends ein guter Griff)

Erwähnenswert fanden wir auch das coole Lochproblem #33, das mit Sitzstart aufgepeppt werden kann. Der Rest der 30er-Probleme ging dann gut über die Bühne. Wieder mehr aus dem Vollen schöpfen mussten wir an der kniffligen Kante von #40. Wobei wir hier die offizielle 4C als einen Auskneifer linksrum beurteilten und stattdessen die ästhetischere 5C (bzw. mit Sitzstart sogar 6B) anpackten.

#35 (Marche à Pied, 4A) schien mir auch wie gemacht für einen Sitzstart (offiziell nicht nötig).

Somit waren wir auf der Zielgerade, wobei für jene noch etwas Körner nötig sind. Dies insbesondere für den weil etwas abgelutscht kniffligen Riss von #43 (Tord-Boyau, 4C) und dann insbesondere das überhängende Power-Lochproblem #48 (Travailleurs de Force, 5A+). Das Finale befindet dann auf der Rückseite dieses Blocks statt und bietet mit #49 (Coup de Grâce, 5B) einen genialen Mantle über einen Heelhook, bevor man an angenehmen Griffen unmittelbar daneben das letzte Top erreicht.

#43 (Tord-Boyau, 4C), ich fand es schwierig aus diesem Boulder auszusteigen und das Foto mag einigermassen zu vermitteln, warum dem so ist (natürlich ohne Shenanigans wie rechts über die Platte steigen oder den Block links benützen).

Nach erneut vielen Stunden hatten wir es geschafft und den kompletten Parcours sauber geklettert. Das hatte schon etwas Kräfte gekostet, v.a. am zweiten Tag in Folge. Es war inzwischen schon Abend geworden, wir packten unsere Sachen und liefen zurück zum Camping. Unsere Nachbarn halfen uns per Überbrücken, den Panther wieder in Gang zu bringen. Offenbar hatte sich wirklich die Batterie wie von Zauberhand entladen... ohne dass wir irgendwas anders gemacht hatten wie die Tage zuvor. Auch nachher trat das Problem zum Glück nicht mehr auf - naja, darüber will ich mich jetzt nicht beklagen. Nach einem feinen Znacht cremten wir dick unsere Finger ein und krochen bald ins Zelt, denn am Folgetag sollte natürlich erneut gebouldert werden. Unsere Freunde waren inzwischen angekommen, mit ihnen sollte es nach Beauvais Naville zum Rocher du Duc gehen. Mehr davon im nächsten Beitrag.

#48, ein kräftiges, sehr hübsches Lochproblem.

Facts & Links

Die Roche aux Sabots bieten Boulder und Circuits in allen Schwierigkeiten von Grün (easy) bis Rot (ziemlich anspruchsvoll). Zusammen mit dem kurzen Zustieg ist hier meist sehr viel Betrieb. Die Blöcke sind etwas verwinkelter als am Tag zuvor in der Canche aux Merciers. Das wirkt sich auf das Apsrunggelände aus: es ist vielfach, aber nicht immer perfekt. Bei einigen Bouldern könnte ein Sturz ohne Matter und Spotter auch unangenehm sein.

Liste und Fotos/Videos zum Durchklicken von bleau.info

Karte, Liste und Fotos zum Durchklicken von boolder.com

Topo von lepetitbleausard.fr


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