Weiter geht's mit der Hitze, also geht's weiter mit der Tour durch die schattig ausgerichteten MSL-Wände der Schweiz. Am äusserst imposanten Miroir d'Argentine hatte ich zuvor nur einen Besuch in meinen schon fast prähistorischen Zeiten vorzuweisen: anno 1995 hatte ich die Route Papagueno geklettert. Hier wieder einmal einen Go zu geben wurde verschiedentlich andiskutiert, aber doch nie ausgeführt. In der Regel scheiterte es an der Motivation der Seilpartner, den zugegeben weiten Weg zu dieser in der Ostschweiz wenig bekannten Wand auf sich zu nehmen. Aber es kam das Jahr 2026, Guido erwiderte meinen Vorschlag mit sprühender Motivation. Mit der Divine Martine, in komplett freier Kletterei eine der schwierigsten Linien der Wand, fanden wir die richtige Herausforderung.
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| So präsentiert sich das gewaltige Massiv des Miroir d'Argentine vom Parkplatz. |
Nach smoother Anfahrt über staufreie Autobahnen und zuletzt einigem Gekurve hinauf in die Waadtländer Berge erreichten wir Solalex. Zuletzt waren wir beide zwecks Betreuung unserer Töchter an den (leider nicht mehr im Programm stehenden) Sportkletter-Wettkämpfen in Villars zugegen gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir damals in den Neunzigern in Solalex 2x ziemlich einsam campiert hatten. Heute scheint das maximal noch knapp geduldet, zudem ist ein Obulus von 7 CHF fürs Parking zu entrichten.
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| Bottom-Up-Shot vom Zustieg mit Blick auf den ungefähren Verlauf der Divine Martine. |
Da der Abstieg nicht mehr am Start der Routen vorbeiführt, rüsteten wir uns bereits am Auto für die Kletterei, überquerten dann den Fluss und schlugen den Zustiegstrail ein. Dieser ist auf der Landeskarte verzeichnet und somit mit GPS-Navigation unverfehlbar. Man sei darauf hingewiesen, dass die Abzweigung im Gelände relativ wenig offensichtlich ist und man schnell einmal zu weit links hinauf gestiegen ist. Das schreibe ich natürlich aus Erfahrung... eine Bushwhack-Traverse brachte uns zurück auf die korrekte Fährte. Auf gutem Weg erreichten wir den Einstieg in einer knappen Stunde. Unterwegs waren Flugblätter ausgelegt, welche auf fallende Steine wegen Routensäuberung hinwiesen. Wir erkundigten uns telefonisch und hatten die Remy-Brothers persönlich am Apparat. Es wurde jedoch nur weiter rechts liegendes Gelände bombardiert (dies dafür massiv!) und wir konnten um 10.40 Uhr in die Divine Martine starten. Deren Einstieg ist stark verblassend mit Farbe angeschrieben.
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| Wir sind parat, es kann losgehen! |
L1, 25m, 7 BH, 5b: Nachdem man den Wandvorbau noch seilfrei zu erkraxeln hat, geht's gleich steil los. Dank durchgehend guten Griffen konstatiert man jedoch trotzdem eine gemütliche Aufwärmlänge, welche zudem auch komfortabel mit BH abgesichert ist.
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| Guido folg in L1 (5b), welche eine gemütliche, gutgriffige Aufwärmlänge bietet. |
L2, 30m, 10 BH, 6c: Hier geht's schon das erste Mal zur Sache an einigen Seitgriffrippen bei nicht sehr üppigem Trittangebot. Dafür stecken hier die BH sehr eng, man könnte sich falls nötig mit A0 behelfen. Der obere Teil ist hingegen deutlich einfacher, hier gibt's auch Luft zwischen den BH.
| In L2 (6c) geht's das erste Mal zur Sache, die kompakte Plattenzone ob dem Climber lässt es erahnen. |
L3, 35m, 7 BH, 6a: Führt einem breiten Riss entlang. An sich nicht so schwierig, aber nicht immer sehr elegant, teilweise etwas rampfig. Wiederholt stellte sich aber der Eindruck ein, dass man sich etwas ungeschickt anstellt. Aber die Strukturen sind halt doch oft etwas rund, das wird der Grund sein.
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| Die ganze Länge L3 (6a) führt diesem System mit einem meist breiten Riss entlang. |
L4, 25m, 6 BH, 6a: Ziemlich steil zweigt man aus dem breiten Risssystem nach links hinaus ab. Risse gibt's auch da, sie sind jedoch deutlich schmaler ausgefallen. Einige Jams schienen mir ziemlich zwingend zu sein, bzw. sie stellen sicherlich die einfachste Lösung dar. Das Finish führt durch eine Verschneidung, der Stand links ausserhalb davon nicht so gut sichtbar.
| Der Abzweiger aus dem breiten Riss zu Beginn von L4 (6a): steiles Jamming an dünnen Rissen, toll! |
L5, 40m, 6 BH, 6a: Quert erst nach links, dann geht's hinauf zu einer tollen Passage mit löchrigem Fels. Etwas später erreicht man ein gschüdriges Band, welches das Dreieck am Sockel beschliesst. Der Stand ist kaum sichtbar, er befindet sich rechts von einem Turm, unter der markanten Schuppe, welche die nächste Länge der Zigofolies nutzt.
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| Das Finish von L5 (6a) ist wenig fotogen, daher hier die schöne Verschneidung am Ende von L4 (6a). |
L6, 30m, 9 BH, 7a+: Kann ab dem Stand neben dem Turm geklettert werden, eine kurze 10m-Verbindungslänge zum Fuss der Steilstufe mit der Crux ist auch nicht verkehrt. Denn dort geht es von einem Band weg gleich zur Sache, der Name ist da übrigens nochmals angeschrieben. Schon der Start ist recht physisch und sorgt für ein Anpumpen vor dem Cruxboulder. Dieser ist nur dank einem gebohrten Loch möglich, ein weiterer Griff wurde vermutlich ebenfalls aufgebessert. Tja, was ist von derlei Praktik zu halten?!? Vermutlich hätte ich es als Erschliesser nicht gemacht - ist ja eher eine verpönte Sache und die Polemik dazu erspart man sich auch lieber. War ich hingegen froh, dank den Chipped Holds doch die ganze Wand "frei" durchsteigen zu können? Das ganz sicher und definitiv... Weiter zu sagen ist: im Onsight ist es bestimmt taff, da die entscheidenden Griffe kaum zu sehen bzw. schwierig zu finden sind und man da nicht ewig rummachen kann. So scheiterte denn auch mein erster Go. Ein zweiter Rotpunkt-Angriff drängt sich hier aber auf. Da konnte ich dann reüssieren, musste aber doch ordentlich aufs Gaspedal drücken. Die zwei, drei härtesten Moves sind nicht geschenkt, 7a+ hard mein Verdikt. Mit dem Exit aus der Cruxpassage steigt man auf die grosse Platte (eben den Miroir) aus - und muss auf diesem noch das Restprogramm mit fordernder 6a-Plattenkletterei bei saftigen Hakenabständen bewältigen.
L7, 40m, 6 BH, 1 NH, 5c+: Führt zuerst über ~25m auf der diagonalen Rampe nach rechts hoch, das ist schon fast Gehgelände. Dann aber gerade hinauf, den Haken an der Ecke am besten gut verlängern. Was folgt, ist ziemlich allegro: entschlossen auf die glatte Platte stehen und zwar deutlich über den Haken! Einige Rissspuren erlauben das Platzieren von Cams und oder Keilen, wovon man sehr gerne Gebrauch macht.
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| On marche et ça marche... weiträumig abgesichertes, plattig-glattes Gelände in L7 (5c+). |
L8, 40m, 6 BH, 5c: Da musste ich erst eine Weile sperbern, bis ich den Weiterweg fand. Dieser verläuft in Richtung 14 Uhr und nicht etwa gerade hinauf! Ein (verblasster) Farbpunkt an einer Ecke markiert die Position des ersten BH. Auch in der Folge orientiert man sich leicht rechts ansteigend (ca. Richtung 13 Uhr). Die Schwierigkeiten sind tiefer als in der vorangehenden Länge - nur eine gesuchte Stelle am Ende treibt sie nochmals etwas in die Höhe.
| Der Sonne entgegen in L8 (5c), der Farbpunkt beim ersten BH im Foto gut ersichtlich. |
L9, 45m, 6 BH, 5c: Nochmals eine supercoole Plattenlänge, wobei auch hier einige Rissspuren zum Fortschritt genutzt werden. Sehr speziell an diesen ist es, dass sie teilweise in Wasserrillen auslaufen - ideales Griff- und Trittmaterial. Erneut gilt es, sich leicht rechtshaltend zu orientieren (ca. 13 Uhr). Auch hier habe ich die spärlichen BH mit mobilen Sicherungen ergänzt.
| Dem finalen Steilriegel wieder ein Stück näher... die Platte ist aber noch lang. Hier L9 (5c). |
L10, 40m, 4 BH, 5c: Zum Ende der vorangehenden Seillänge erreicht man ein Band. Der Weiterweg verfolgt dieses nun nicht, sondern man schlägt eine gesuchte Linksecke über eine kompakte Plattenstelle, womit ein höher gelegenes Band erreicht wird. Hinein in die folgende Wand über 2 nahe steckende BH weg, dann folgt ein längerer Runout. Wobei das Terrain hier weniger steil ist wie in den vorangehenden Längen und zudem wegen der Absenz der blauen Flechten auch die Reibung besser - passt also schon.
L11, 40m, 5 BH, 5b: Nachdem man wieder einmal einen unbequemen Remy-Trademark-Stand erdauert hat, geht's hier zuerst gerade hinauf, dann eher etwas linkshaltend weiter. "Lueg nöd zrugg", so lautet hier das Motto wegen der weiten Hakenabstände am besten (legen ist schwierig bis unmöglich). Zum Ende noch über ein Dächli hinweg und nach links zum Stand.
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| Am Ende von L11 (5b) reicht die Aussicht schon bis zum Genfersee! |
L12, 40m, 4 BH, 4b: Der tiefere Topograd manifestiert sich im Gelände, welches sich weiter zurücklegt und zügigen Fortschritt erlaubt. Gerade hinauf zu einem BH vor dem Dächli lautet das Programm, bevor man oberhalb der diagonalen Verwerfung folgt, um den Stand unmittelbar am Fuss der Steilzone zu erreichen.
L13, 30m, 8 BH, 6b+: Puh, steile Geschichte! Schon gleich zu Beginn heisst es kräftig ziehen - die BH stecken hier zum Glück deutlich näher, aber das flache Terrain darunter ist auch recht nah. Dann kann man auf einem einfacheren Abschnitt nochmals die Kräfte sammeln, um den heftigen Finish entgegen zu treten. Als "burly" würden englischsprachige dies sicher bezeichnen - von eher runden Seitgriffen muss man die Füsse an die Wand pressen im doch deutlich überhängenden Gelände und dies dann auch zwingend zwischen den Bolts.
L14, 25m, 7 BH, 6b: Die letzte Länge ist auch nochmals fordernd, kommt aber ein wenig zahmer daher wie ihr Vorgänger. Diagonal geht's über eine vage Rampe in sehr luftiger Position nach rechts hinaus. Dank nachträglich hinzugefügten BH ist die Sicherung hier dafür recht komfortabel. Kurz vor dem Grat schlägt die Route eine unerwartete Linksecke - ich bin da kühn gerade hinauf und 5m zu weit rechts auf die Krete gekommen.
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| Guido nimmt im Nachstieg von L14 (6b) den einfacheren Linkausstieg über die Rampe. |
Wenige Minuten nach 19.00 Uhr war es, als auch Guido das Top erreicht hatte, was eine Kletterzeit von 8:20h ergibt. Zeit um zurückzulehnen und den Durchstieg (die Crux im 2nd go, den Rest os) zu feiern war hier aber offensichtlich nicht. Denn das Routenende befindet sich an einem exponierten Grat und der Weg ins Tal scheint von da irre weit. Wir nahmen in alsbald in Angriff, zuerst in luftigem Terrain abkraxelnd zur Lücke, wo die klassischen Routen enden. Von dort geht's wieder hinauf und mehr oder weniger dem Grat entlang, die kraftsparend horizontal in der Südflanke verlaufenden Wegspuren führen hingegen in die Irre. Nachher quert man dann auf gut sichtbarem Pfad die Südflanke vom Gipfel der Haute Corde, bevor man ansteigend die grasige Krete erreicht.
| ...diese Querung der Haute Corde auf Bändern mit sichtbarer Wegspur ist auf diesem Foto abgebildet. |
| Später heisst es dann nur noch wandern, hier beim Erreichen der grasigen Krete von Haute Corde. |
| Nach dem Col führt der Weg teilweise durch mannshohes Kraut, auch kann er hier sehr schmierig sein. |
| Fantastische Blicke auf das riesige Massiv des Miroir sind auf dem Abstieg inklusive! |
Nun heisst es rückseitig in einfachem Gelände auf Wegspuren abzusteigen. Wir wählten natürlich den Direktabstieg vom Col de la Poryrette. Da es generell trocken war, entpuppte sich dies als unproblematisch. Nur ein kurzes Stück war schlammig-schmierig, aber mit teils mannshohem Kraut, steilem Geröll und ein paar exponierten Passagen ist da trotzdem für Unterhaltung gesorgt. Um 21.00 Uhr waren wir schliesslich am Parkplatz, der Miroir leuchtete gerade in grandiosem Pink. Wir warfen unsere Ware in den Kofferraum und düsten bald los, der Heimweg war ja nicht eben kurz und es galt auch, eine noch geöffnete Tankstelle anzusteuern, um sich mit Food und Getränk zu versorgen. Auf der Fahrt konnten die Speicher wieder gefüllt werden und es blieb ausreichend Zeit zur Kontemplation. Eine geniale Tour war es - natürlich un poco loco: 22 Stunden dauerte sie von Tür zu Tür, aber genau diese langen Tage bleiben im Gedächtnis haften.
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| Wow, was für eine Lightshow zum Abschied! |
Facts
Miroir d'Argentine - Divine Martine 7a+ (6b obl.) - 14 SL, 485m - C. & Y. Remy 1993 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-2
Ein grosses Unternehmen, welches sich nur für warme und wetterstabile Tage anbietet. Geboten wird einem klettertechnisch erstaunlich viel Abwechslung. Am überraschend steilen Wandsockel wartet vor allem rissige Kletterei. Der athletisch-fingerige Cruxwulst ist an sich nur ein kurzes, aber natürlich entscheidendes Intermezzo. Dann folgt effektiv viel plattige Kletterei über den Miroir, wo die Fussarbeit zentral ist. Das geschickte Ausnutzen von einigen Rissspuren gehört aber dazu. Das Grande Finale über die Steilmauer des Cheval Blanc ist dann das nochmals fordernde Schlussbouquet - gefolgt von einem nicht ganz kurzen und kraxligen Fussabstieg, was ingesamt einen langen Tag und eine alpine Unternehmung ergibt. Die Absicherung darf man als gut bezeichnen. An den Schlüsselstellen ist sie eng, die 7a+ geht problemlos A0. Hingegen schätze ich eine 6b in L13 als obligatorisch ein und auch auf den 5c/6a-Platten ist mancher Schritt zwingend deutlich jenseits der Sicherungen zu machen. Stürze würden da sicher nicht in jedem Fall harmlos ausgehen, die Absicherung dient da mehr dem Verhindern von einem Totalschaden. Sprich, dort muss man einfach sicher unterwegs sein. Hier im Anschluss das Originaltopo aus der historischen Schweizer Kletterzeitschrift Ravage - mit noch etwas anderen Bewertungen, insbesondere galt die Crux damals noch als 7b. Als gedrucktes Werk aus der heutigen Zeit ist der Kletterführer Jura Sud - Vaud - Chablais - Bas-Valais - Sanetsch der Gebrüder Remy die richtige Wahl.
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| Originaltopo aus Ravage Nr. 2, August/September 1993. |















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