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Dienstag, 14. Juli 2026

Titlis Nordwand - Colibri (7b+)

Eine Hitzewelle hat sich fix über Mitteleuropa installiert, so besuchen wir wieder einmal the place to be für diese Wetterlage, nämlich die Titlis Nordwand. Hier kann man sich auch bei 35 Grad im Tal bis Mitte Nachmittag in angenehmen Bedingungen der steilsten Henkelzieherei widmen, welche man auf MSL-Touren hierzulande überhaupt finden kann. Bei meinem achten Besuch an der Wand fällt unsere Wahl auf eine der Kreationen vom legendären Duo Ruhstaller-Rathmayr. Über ihre Colibri ist nur relativ wenig bekannt, dafür gibt es einen guten Grund in Form einer sehr plattigen und anspruchsvollen ersten Seillänge.

Blick auf die überaus steile Titlis Nordwand mit dem Verlauf von Colibri.

Im Gegensatz zur Tour in der Eiger Nordwand kurz zuvor werde ich dieses Mal auf der Anfahrt nicht vom amerikanischen Vizepräsidenten aufgehalten. Er hatte die Iran-Konferenz auf dem Bürgenstock bereits wieder verlassen und dabei ausser meinem Zeitverlust nichts Substanzielles erreicht (und diesen Part hätte es ganz bestimmt auch nicht gebraucht). Somit bin ich on time für den letzten Gratis-Parkplatz bei der Fürenalpbahn und bei im Talgrund noch angenehmen Temperaturen wackeln wir um 7.15 Uhr los. Mit der Frische ist es vorbei, sobald wir die ersten Höhenmeter gewonnen haben. Doch vorerst geht's noch, da wir uns im Wald befinden. Später, auf dem Galtigbergboden, heizt die Sonne hingegen schon ein und bringt uns heftig ins Schwitzen. Neu für mich: es gibt auf der Alp nun massive Elektrozäune, welche die Schafe vor Wolfsangriffen schützen sollen. Diese wären nicht nur für die Vierbeiner unüberwindbar, sondern auch für uns. Verdankenswerterweise wurde aber an die Kletterer gedacht und an den entscheidenden Stellen ein Durchgang eingerichtet. Im weiteren Verlauf ist die Wegspur im Gegensatz zu früher inzwischen gut ausgeprägt und weitestgehend klar sichtbar.

Wer möchte, kann sich vor dem Einsteigen noch eine Erfrischung gönnen!

Nach ca. 1:30h Aufstiegszeit befinden wir uns im schattigen Reich unter der Wand. Es geht über die Rampe hinauf, bei Bedarf hätte man ganz einfach eine erfrischende Dusche nehmen können. Die Fixseiltraverse danach wurde mit neuem Material ausgerüstet und präsentiert sich (Stand Juli 2026) in gutem Zustand. Nach 1:50h hatten wir den Einstieg erreicht und identifiziert, der relativ unscheinbar ist. Vom flachen Platz nach Ende der Fixseile, wo v.l.n.r. Hattari Hanzo, Leeper-Hammer, Pipistrello und Süpervitamin starten, geht man noch weiter nach links. Erst an einem weiteren Fixseil hinauf, dann noch ein paar Meter horizontal hinüber. Beim (weit vorstehenden) Lügenbolt ist man schon zu weit, der Einstiegsstand befindet sich 3m rechts von diesem bei einem Stand mit BH und NH, der sich oberhalb vom Fixseil befindet. Nach einer Pause um uns von dieser Kardio-Einheit zu erholen, sind wir um ca. 9.45 Uhr losgeklettert.

L0, 10m, 6a: Es handelt sich nur um eine kurze Stufe hinauf auf das obere Band, ein nochmaliger Stand dort ist aber sinnvoll. Zwei Züge gar nicht mal so einfach, fixe Absicherung gibt es ausser den Standplätzen keine. Seilsicherung ist trotzdem zwingend.

Ausblick auf die krassowitsch Platte in L1 (7b+), oben der Piz dal Nas.

L1, 45m, 7b+: Ein Ultraknaller, über die grosse Platte musst du gehn... Cam 1 an einer Schuppe zu Beginn, dann geht's vorerst bei eher weiter Bolt-Abständen voran. Mit dem richtig interpretierten Pfad findet sich vorerst immer eine Lösung, die recht gut aufgeht. Nach der Mitte zieht's dann an, eine erste "very thin"-Passage ist zwingend zu meistern, ca. 7a/+. Die Sache kulminiert endgültig bei den Moves über den letzten BH hinweg. Bernat steigt nach nur minimalem Zögern onsight drüber, es hatte aus der Ferne richtig locker und einfach ausgesehen. Einmal vor Ort werde ich dann eines Besseren belehrt. Es gibt nur ein paar winzige Crimps vom Typ Fünfliberbreite. Eine satte Portion Fingerkraft ist unerlässlich, dazu verlangen die ebenso winzigen bis fast inexistenten Tritte geeignetes Schuhwerk. Damit ist es nicht getan, Talent und Zauberei an Nichts sind unabdingbar, und im Vorstieg natürlich auch das mentale Korsett für diese extrem unsichere, kaum kontrollierbare Kletterei. Mir jedenfalls fehlten die nötigen Ingredienzen, um den schwersten Meter frei durchzumoven. 

Die "Problemzone" am Ende von L1 (7b+), mit der Klimax am letzten BH. Die "Grösse" der Griffe ist gut sichtbar...

L2, 40m, 6b+: Dass es hier viel einfacher wie zuletzt zugeht, dafür braucht man kein Prophet zu sein. Doch die immer noch plattige Wand und die distant gestalteteAbsicherung erheischen Respekt. Die Sache entpuppt sich aber nicht ganz als so wie vermutet: die Crux kommt schon bald und reichlich zwingend zwischen dem vermeintlich noch nahe steckenden ersten und zweiten BH. Das weiter abgesicherte Gelände danach geht hingegen recht gut auf. Erst folgt man einer Art Rampe mit leichterer Kletterei, bevor die Route wieder nach rechts in die Wand abbiegt. Griffige Löcher erlauben dort aber eine recht gäbige Passage mit cooler Kletterei.

Etwas zugänglichere Kletterei folgt dann hingegen in L2 (6b+) und L3 (6a+).

L3, 25m, 6a+: Der eher brüchige Turm gerade voraus wird mit einer grossen Linksschleife geentert. Zuerst horizont nach links queren, dann noch vor dem grauen Streifen (wo Land ohne Herren verläuft) hinauf. Schöner, speziell strukturierter Fels mit lochähnlichen Taschen. Zuletzt an die Verschneidung von Turm und auf brüchigem Band nach rechts zum Stand.

Ausblick auf L4 (7a+), das Haulseil lässt erahnen wie steil es hier zur Sache geht!

L4, 25m, 7a+: Nun beginnt der Henkelspass! Auf dieser Seillänge muss man wirklich keinen schlechten Griff halten. Nur gilt es die Henkel zu identifizieren und jeweils zu erreichen. Sprich es sind ein paar lange Moves mit saftigen Blockierern nötig. Am schwierigsten wohl der Ausstieg in etwas flacheres Gelände über den vorletzten Bolt hinweg, sowie der Einstieg in die wieder steilere Schlusspassage nach dem letzten BH, gefolgt von Runout-Henkelei zum eher unbequemen Stand. Dieser Abschnitt ist extraordinär steil, insgesamt ca. 6-7m überhängend!

Ultrasteil die Kletterei in L4 (7a+), aber dafür unverschämt griffig!

L5, 35m, 7b+: Henkelspass zum zweiten, nun in etwas verschärfter Gattung. Während der Start zwar nicht voll die Härte ist (und zudem ist man ja da auch noch nicht angezählt), so muss trotzdem die Lösung erkannt werden. Sorgenlos geht's zum zweiten BH, wo es dann kurz mal 2-3 kleinere, etwas sloprige Leisten zu riegeln gilt, bevor wieder Töpfe kommen. Das nächste Pièce de Résistance befindet sich am vierten BH: entweder sehr kräftig von mässigen Tritten zwischen den guten Griffen blockieren, oder dann schlechtere Zwischengriffe halten. Den ganzen Rest erledigt die Ausdauer. Zum Ende geht's etwas nach links hinaus in wasserzerfressenem Gestein. Immer noch sehr steil, aber nicht mehr ganz so sehr wie die Länge davor, auf etwas mehr Kletterstrecke auch ca. 6-7m überhängend.

Sich etwas zurücklegend und deshalb schon fast unspektakulär ist der Ausstieg aus L5 (7b+).

L6, 25m, 7a: Ein weiteres Gustostücklein über sehr stark wasserzerfressenen Fels mit vielen Töffgriffen. Die Art vom Fels bietet etwas die Gefahr von brechenden Spitzen, zur Unzeit könnte das einen auch mal aus der Balance bringen. Die schwierigsten Moves eher nach der Hälfte, wo man schon etwas angepumpt ist und es nach der initialen Rechtstraverse wieder aufwärts geht - für mich inklusive Schockmoment. Drei Meter über dem Haken, die Füsse auf einer (als solide beurteilten) Schuppe, die Hände an Henkeln. Plötzlich bricht doch das ganze Ding unter meinen Füssen weg und beschleunigt mit 9.81m/s^2 Richtung Tal. Ich habe aber genügend Spannung auf den Griffen, dass ich mit den Füssen in der Luft hängen bleibe... mit viel Adrenalin im Blut ist der Stand dann zügig erreicht. Passiert wäre ausser einem Whiiiiippper sicherlich rein gar nix, aber einfahren tut sowas trotzdem gröber. Nicht mehr ganz so steil, aber doch durchgehend überhängend mit 4-5m Ausladung.

Auch in L6 (7a) geht's nochmals steil zur Sache an stark zerfressenem Fels.

L7, 20m, 6c+: Die Wand legt sich vermeintlich zurück, das Schlussstück sieht aus der Bottom-Perspektive schon nahezu "einfach" aus. Doch einerseits befindet man sich immer noch auf der ungünstigen Seite der Vertikalen, andererseits sind die Griffe zwar immer noch gut, aber nicht mehr nur Top-Henkel. So muss man sich doch noch ein wenig anstrengen, auch die Müdigkeit könnte sich inzwischen bemerkbar machen. Sehr lange anhalten tut die Kletterei aber hier nicht, bald ist der Stand am Übergang zu flacherem und brüchigem Gelände erreicht, etwas tiefer als die Nase links.

Am Top sind wir etwas vor 15.00 Uhr, somit beanspruchte uns die Kletterei rund 5:00h. Wie so oft gibt es am Ausstieg weder Kiosk, Getränke noch sonstige Unterhaltung und darum treten wir umgehend den Weg talwärts an, welcher ob der Steilheit der Wand nochmals Aufmerksamkeit braucht. Vom Top würde es metermässig und von der Position her gleich zu Stand 5 reichen. Unklar jedoch, wie gut man das Seil abziehen kann - wir haben uns nicht auf Experimente eingelassen und zweit Etappen gemacht. Achtung, beim Abseilen über L6 und L5 ist wegen der Steilheit und dem diagonalen Verlauf wiederholtes Exen klippen unumgänglich. Vom Stand nach L4 geht's dann direkt zu jenem nach L2. Am besten die letzte Zwischensicherung von L4 klippen und pendeln, so funktioniert es tiptop. Der zweitletzte Abseiler über L2 hat ca. 7-8m horizontalen Versatz, geht aber gut. Schlussendlich bringt einen die letzte Etappe über L1 und L0 zurück zum Einstieg an der Fixseilpiste.

Die Abseilerei ist überaus steil, teilweise sind die Standplätze auch noch seitlich versetzt.

Inzwischen sind einige von Schmelzwasser gespeiste Wasserfälle in Betrieb, die von der Thermik in alle Richtungen verblasen werden. Somit ist das Ambiente auf dem Band eher feucht und man bekommt immer mal wieder eine Ladung ab. So machen wir uns auch hier umgehend vom Acker, d.h. queren aus der Wand raus. In sicherer Distanz von dieser legen wir dann das Material ab und montieren das leichte Tenü für den Abstieg. Eventfrei und zügig geht's Richtung Tal. Den Schlänggen passierend will sich auch Bernat nicht mehr auf mein "an 8a per day keeps the doctor away"-Angebot einlassen, da scheint der Autositz und v.a. dessen Klimaanlage auch für zwei absolute Kletterfans die attraktivere Wahl.

Facts

Titlis Nordwand - Colibri 7b+ (7a obl.) - 8 SL, 225m - Ruhstaller/Rathmayr 2013/2014 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.4-1

Colibri ist eine tolle Route im üblichen Titlis-Nordwand-Stil. D.h. unten plattig und oben sehr stark überhängend in henkligem Fels. Der Unterschied zu manch anderer Tour an der Wand liegt darin, dass hier die plattige Einstiegslänge die Crux darstellt und zwar nicht auf dem Papier, aber in Realität vor Ort eine ziemlich inhomogene Route erzeugt. Das hat auch damit zu tun, dass die Bewertungen nach meinem Gusto total inkonsistent sind: L1 ist hammerhart für 7b+, vermutlich könnte ich das niemals punkten. Die ausdauernde 7b+ in L5 ist dagegen viel leichter verdaulich: das kann sogar der angejahrte Herr Dettling relativ komfortabel flashen. Nimmt man diese Länge als Referenz für den Grad, so sehe ich L1 im Bereich 8a/+ (zu 100% Ernst gemeint!). Natürlich geht die Rechnung mit den wahrgenommenen 3-4 Einstufungen Differenz auch andersrum, oder noch eher liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Aus meiner Optik ist es schade, dass in L1 nicht ein einfacherer Weg gewählt wurde. Ich habe schon beim Klettern vermutet, dass dies ginge, die Inspektion beim Abseilen hat es definitiv bestätigt. Würde man nach der ersten Hälfte rechts raus ziehen, so wäre diese Länge kaum schwieriger wie 7a, würde von den Anforderungen her sehr gut zum Rest passen und die Route zu einem Klassiker der Wand machen - insofern eine verpasste Chance. Dass dann obendrein auch noch die Absicherung in dieser Plattencrux fordernd ist, kommt dazu. Ob die 7a obl. passt?!? Sicher muss man im plattig-vertikalen Gelände voll parat sein. Die schwierigste Stelle dürfte mit Trittschlinge und auf den Haken stehen schon etwas zu entschärfen sein. Es folgen dann nämlich wieder Griffe und Tritte, zwingend geklettert werden muss der 6m-Runout zum Stand aber doch. 

Eine denkbare Alternative ist eine Kombination von Land ohne Herren und Colibri. Man kann nach L4 von Land ohne Herren gut in die Colibri wechseln. Es ergäbe sich die dankbarste Route in diesem Wandbereich mit homogenen Anforderungen. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass die 7a+ in L3 von Land ohne Herren auch nicht so leichtverdaulich ist und eine zwingende Passage bereithält (diese ist jedoch zugänglicher im Charakter und massiv einfacher wie das, was in L1 von Colibri verlangt wird). Diesen Zeilen zum Trotz: die Absicherung in Colibri darf man als gut mit rostfreien BH bezeichnen - gefährlich ist es nicht, aber mit A0 kommt man nicht weit. Auf den Platten braucht es definitiv einen starken Kopf. Oben im Überhang nicht so sehr, auch wenn es schon auch etwas spooky ist, bei Steilheit wie in der Halle zu klettern, aber halt nur jeden ca. vierten Haken zur Verfügung zu haben. An den guten Henkeln mit ausreichend Kraft bzw. Ausdauer scheint das aber besser erträglich, zudem wäre die gravierendste Folge bei einem Sturz nur, dass man u.U. den Fels nicht mehr erreicht. In gedruckter Literatur findet sich die Colibri mit einem Fototopo im SAC-Kletterführer Zentralschweizer Voralpen, Band SW. Hier nachfolgend das Originaltopo der Erschliesser.

Das Topo zur Colibri von den Erschliessern.

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