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Donnerstag, 27. August 2026

Kreuzberg III - Zwischenwelten (7b+)

Schon die vierte Hitzewelle ist im Sommer 2026 angerollt, somit bleiben weiterhin nur die schattigen Wände eine Option zum MSL-Klettern. Mein Kletterpartner ist in Herisau stationiert und somit drängt sich eine Unternehmung im Alpstein auf. Eine Tour in den Nordwänden der Kreuzberge soll es werden, und für mich gibt es eine logische Wahl. Nämlich die erst im 2022 von meinen Bekannten Christof und Lukas erschlossene Zwischenwelten. Christof hatte ich an den Schweizer Kletterwettkämpfen kennen gelernt, wo er wie ich für seine Tochter als Betreuer anwesend war. Erstaunlich wenige Elternteile der Comp Kids sind Outdoor-Kletterer oder gar MSL-Aficionados nach unserem Schrot und Korn - so ist es wenig erstaunlich, dass wir einen verbindenden Draht fanden. Die Gemeinsamkeit geht auch bezüglich der hier beschriebenen Route weiter: auch für mein Gusto ist es eine Linie mit genialer Kletterei, einwandfreier Absicherung und freundlicher Bewertung.

Sicht auf die NW-Wand von Kreuzberg III (2019m) mit dem Verlauf von Zwischenwelten (rot) und Gummi (orange).

Die erste Schlüsselstelle zu dieser Tour besteht definitiv im Zustieg. Die Kreuzberge hatte ich bei den vergangenen Touren von verschiedenen Ausgangspunkten besucht: Nasseel oberhalb von Sax im Rheintal, von der Bahn auf die Stauberenchanzel und von Wildhaus über den Mutschensattel. Aufwändig sind alle diese Zugänge und welcher nun der schnellste bzw. idealste ist, hängt einerseits vom persönlichen Ausgangspunkt und der Fitness ab. In die obigen drei Möglichkeiten reiht sich der Zugang vom Parkplatz Pfannenstiel bei Brülisau ähnlich ein. Es sind ca. 6.25km in Luftlinie (Gehdistanz natürlich einiges mehr) und rund 1100 Höhenmeter. Und dies für eine Route von nur gerade fünf Seillängen - wenig erstaunlich, dass es sich um ein Unternehmen für Leute haltet, welche neben dem Klettern auch Freude am Wandern haben.

Bei der Furgglenhütte kurz vor der Bollenwees rückt die Nordwand vom Kreuzberg III ins Blickfeld.

Wir machten uns um ca. 7.50 Uhr mit minimierten Gepäck auf den Weg, waren zügigen Schrittes nach rund 1:15h bei der Bollenwees, etwa eine halbe Stunde später bei der Roslenalp, und nach gut 2:00h am Einstieg der Route. Dieser befindet sich bei zwei nicht verbundenen BH und ist mit dem Fototopo gut auszumachen. Bei angenehmer Frische erholten wir uns vom Aufstieg und starteten in der Gegend von 10.30 Uhr mit der Kletterei.

L1, 45m, 8 BH, 6b+: Ein ideales Aufwärmprogramm mit stets interessanter Kletterei, welche sich steil, anhaltend und gutgriffig präsentiert - nie sehr schwierig, nie sehr einfach. Die Tritte hingegen sind nicht ganz so üppig vorhanden und oft auch etwas glatt, so muss man immer etwas planen und schauen. Man erreicht schliesslich ein Band und teilt dort den Raumer-Bügelstand mit der Route Gummi.

L2, 45m, 10 BH, 7a: Links aus dem Stand heraus führt die Route Gummi weiter, für Zwischenwelten traversiert man ein paar Meter auf dem Band nach rechts. Es folgt eine erste Stufe mit Seitgriffrippen, wo man sich schon einmal etwas festhalten muss. Dann geht's vorerst etwas einfacher und gutgriffig dahin, bis es dann in der zweiten Hälfte mehr und mehr anzieht. Supertolle Kletterei an kleinen, meist positiven Schüppli wartet, wobei es Leisten und Seitgriffe gibt. An einer Stelle relativ kurz vor Schluss gibt's Kontakt mit dem Härzlipfad rechts und seinem antiken Kronenbohrhaken.

Hübsche und anregende Kletterei an Schüppli, Leisten und Seitgriffen trifft man in L2 (7a) an.

L3, 10m, 1 BH, 6a+: Naja, nicht das Filetstück der Route. Aber dann so speziell, dass es doch auch schon wieder Spass macht. Ich kletterte vor dem Eindruck, dass beim Stand gerade hoch die beste Option wäre. Das ist aber gar nicht mal so einfach, einfach tief nach links zum einzigen BH zu traversieren wäre laut meinem Nachsteiger die wesentlich einfachere Option. Nach dem BH quert man dann am Grasbalkon. Um auf diesen zu steigen war er mir zu abschüssig, somit also mit Coiffeurgriff tief bleibend zum Stand, welcher erneut gemeinsam mit Gummi ist.

Eher aussergewöhnliche Kletterei mit Coiffeurgriff in L3 (6a+).

L4, 35m, 10 BH, 7b+: Wow, eine Superlänge! Anhaltende, senkrechte und bisweilen sogar etwas drückende Wand, gespickt mit kleinen (Seitgriff-)Schüppli und positiven Leisten. Die Sache ist ziemlich homogen, wobei der Auftakt-Boulder, ein steile Zone in der Mitte und ein anhaltender Part im letzten Drittel herausstechen. Geduld und Fingerkraft-Ausdauer sind auf jeden Fall hilfreich, ebenso gute Fusstechnik auf kleinen Tritten und geeignetes Schuhwerk dafür. Souverän stieg Bernat das durch, was mir im Nachstieg dann ebenfalls gelang. Ob ich es auch im Vorstieg geschafft hätte? Schwierig zu sagen, dass etwas Chalk auf den Griffen war und er mir die Sequenz im schwierigeren, oberen Teil sehr gut ansagen konnte, machte womöglich den entscheidenden Unterschied.

Monumentale Wandkletterei in kompakten Fels in der Cruxlänge (L4, 7b+). Etwas Argwohn erweckt der Böögg (=Klemmblock) im Nasenloch am rechten Bildrand. Wie gut er wohl verkeilt ist?!? Die Route führt zu wenig nahe daran vorbei, als ob man es ergründen könnte.

L5, 15m, 3 BH, 6c: Ein nur noch relativ kurzes, aber schönes Hindernis auf dem Weg zum Top. Zum Klettern weder ganz einfach noch wirklich schwierig, wobei mir eine ganz objektive Einschätzung nicht so einfach fällt - denn ich wollte hier auf keinen Fall mehr die perfekte Begehung vergeigen, was ja oft ziemlich schwer am Gurt lastet. Wer sich nochmals fordern möchte, kann sich hier an die strikte Hakenlinie halten, mit etwas freierer Interpretation des Verlaufs geht's kommoder. Der Abschlusstand links um die Ecke erneut gemeinsam mit Gummi.

Eher kurz, aber ein lässiger Abschluss zur Route: L5, 6c.

Um 13.20 Uhr hatten wir nach knapp 3:00h Kletterei das Routenende erreicht und konnten tatsächlich die perfekte Team-Onsight/Flash-Begehung verbuchen. Wie immer eine geniale Sache, wenn man alle der gestellten Aufgaben sauber lösen kann. Wir machten uns noch auf den Weg zum Top: kurz über Schrofen zum Vorgipfel, rückseitig abkraxeln und dann zum Steinmann hoch. Die Aussicht ins Rheintal und rundherum war wie immer grandios und wir genossen sie eine Weile, bis es uns zu warm wurde. Somit zurück zum Routenende, von wo man sehr bequem in drei senkrechten, geradlinigen und je gegen 50m langen Strecken an den Einstieg gelangt. Da räumten wir unsere Ware dann zusammen und spazierten nochmals ausgiebig nach Brülisau zurück. Der Spirit war nach dieser Tour und dem sauberen Durchstieg natürlich sehr hoch. Auch wenn wir an dem Tag länger gewandert als geklettert sind, gelohnt hat es sich auf jeden Fall!

Das nächste Mal, wenn wir Lust auf eine ausgiebige Wandertour im Alpstein haben, nehmen wir dann die Route Parzival an der Dreifaltigkeit ins Visier ;-)

Facts

Kreuzberg III - Zwischenwelten 7b+ (6c+ obl.) - 5 SL, 150m - Dürr/Looser 2022 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express

Tolle, bis Mitte Nachmittag schattige MSL-Sportkletterei. Nach einer guten Aufwärmlänge warten zwei richtig lässige, kleingriffig-senkrechte, crimpy Wandkletterlängen, sowie zwei kürzere, einfachere Teilabschnitte. Abgesichert ist die Route vollständig und tiptop mit rostfreien BH. Cams und Keile kann man getrost daheim lassen, im Angesicht des weiten Zustiegs schadet die Minimierung des Gepäcks sicher nicht. In der Zwischenwelten ist nicht nur die Absicherung fair, sondern auch die Bewertungen. Die Cruxlänge ist aber doch recht anhaltend, warum wohl doch so etwas im Bereich 6c+ obligatorisch ist. Dies ist nicht so einfach einzuschätzen, wenn man es durchgestiegen hat. Aber eben, anhaltend, tiptop gebohrt, keine Runouts und bedenkenloses Sturzgelände, das sind die Attribute. Wer sein Gepäck weiter reduzieren möchte (und die Route sicher hochkommt), könnte auch mit 1x50m antraben, da man auch gut zu Fuss absteigen kann. Allerdings müssen dann die Schuhe an den Gurt und ob der sehr einfachen Abseilmöglichkeit ist das Abkraxeln auch kaum schneller. Infos und Topos zur Wand befinden sich im SAC-Kletterführer Alpstein, wovon ich hier mit Genehmigung des Autors Werner Küng einen Ausschnitt präsentieren darf. Die Route Zwischenwelten ist die Nr. 57.

Ausschnitt aus dem SAC-Kletterführer Alpstein mit dem Topo von Zwischenwelten (Nr. 57).

Weitere Berichte zu Routen an den Kreuzbergen:

Kreuzberg II - Elysium (7b+)
Kreuzberg III - Velo (6c+)
Kreuzberg III - Blatta (7a)
Kreuzberg III - Extrameile (6c)
Kreuzberg IV - Graue Eminenz (8a)

Donnerstag, 20. August 2026

Kreuzberg III - Extrameile (6c, 6 SL, Erstbegehung)

Die Kreuzberge sind ein Mini-Gebirge im Alpstein mit 8 Gipfeln und vielen Wänden, Rinnen und Graten. Ein Blick auf's Topo zeigt, dass es hier eine Menge zu erleben gibt. Leichte MSL-Touren, Klassiker auf natürlicher Linie im 5c/6a-Bereich und auch einige MSL-Sportklettereien im 7c/8a-Level. Vergeblich suchte man aber bisher eine lange, moderne Wandkletterei mit zugänglichen, homogenen Schwierigkeiten im 6c/7a-Bereich und freundlicher BH-Absicherung. Nun, einfach herbeizaubern kann man sich eine solche Tour natürlich nicht - im Hitzesommer 2026 haben wir nun aber in der steilen Nordwand vom Kreuzberg III genau die Linie gefunden, welche das Angebot im Gebiet auf eine attraktive Art ergänzt.

Der Blick auf die Kreuzberge von der Saxer Lücke, immer wieder ein erhabener Moment!

Erschliessung

Im Vergleich zu vielen anderen meiner Neutouren handelt es sich bei der Extrameile um eine richtige Blitzgeburt. Die Idee entstand bei der Begehung von Zwischenwelten (5 SL, 7b+, Blog) am 29. Juli 2026. Schon beim Sichern schweiften meine Blicke nach in den augenscheinlich noch freien Wandbereich links der Route Gummi. Das Abseilen erlaubte dann einen noch genaueren Einblick und zeigte strukturierten, soliden Fels, der nur so zum Klettern einlud. Und als wir nach der Tour die Wand von der Roslenalp betrachteten, zeigte sich umso mehr, dass hier noch eine eigenständige Hammerlinie über einen attraktiven Pfeiler möglich war. Nun, an diesem Tag war es bereits zu spät, aber so bald wie möglich wollte ich zurückkommen.

"So bald wie möglich wollte ich zurückkommen": Eine Woche später, hier bin ich. Und wow, der Blick auf die Wand!

Wie immer in dieser Situation schien die Warterei beinahe ewig. Doch es war nur genau eine Woche, bis mich Guido am 5. August 2026 zum Start dieses Projekts begleitete. Aufgrund sämtlicher Gegebenheiten folgerten wir, dass der (weite) Weg ab Brülisau auch dieses Mal der Zustieg der Wahl war. Diese Extrameile mussten wir einfach auf uns nehmen - was uns keineswegs abschreckte, dafür die Wahl des Routennamens gleich erklärt. Nach einem sehr frühen Start und ob der Hitze trotzdem bereits schweisstreibenden Zustieg standen wir um 8.00 Uhr am Einstieg - es schien sehr verlockend, umgehend loszulegen. Gewisse Unklarheiten bzgl. der im Detail zu wählenden Linie waren aber vorhanden, bot der Pfeiler doch gute 25m Platz in seiner Breite. So entschlossen wir uns, über den Normalweg zum Gipfel aufzusteigen, nochmals über Gummi abzuseilen und dabei einen konzentrierten Blick auf die vorhandenen Strukturen zu werfen. Eine genauere Vorstellung über geeignete Standplätze und den ungefähren Weg dazwischen hilft eben sehr entscheidend, ein qualitativ hochwertiges Resultat zu erzielen.

Aufstieg zum Gipfel des KIII über den Normalweg, durch diese Rinne verläuft auch der Fussabstieg.

Sehr lange hielten wir uns damit aber nicht auf. Alles schien wie gewünscht aufzugehen, so behängte ich mich reichlich mit dem schweren Material und machte mich um 10.30 Uhr auf den Weg ins Neuland. Selbst über den geneigten Wandfuss ergab sich ein lohnender und interessanter Weg (L1, 5c). Dieser war noch fast mühelos und zügig eingerichtet, bevor es steiler und fordernder wurde. Um 11.30 Uhr startete ich in den zweiten Abschnitt: 35m an kompromisslos senkrechter, ja teils leicht überhängender Kletterei. Guten Griffen sei Dank zwar nicht sehr schwierig zu klettern (L2, 6c). Aber es war ein hartes Stück Arbeit, die 9 Bolts zu platzieren. Noch dazu musste ich auch das Gelände erkunden - was war der beste Weiterweg, wo versteckten sich die guten Griffe und wie ging die Sequenz am besten auf. Sprich, oft stieg ich einige Meter hinauf und wieder zurück, probierte eine andere Alternative, um mich schliesslich für die lohnendste Variante zu entscheiden. Allem Erwägen zum Trotz: hier musste ich einen Fail-Bolt konstatieren und ihn 1.5m nach links "verschieben". Erst dachte ich, die beste Linie führe nach rechts weiter, was sich schliesslich als Irrtum entpuppte. Dank reichlich Erfahrung habe ich normalerweise ein gutes Gespür und kann solche Fehler vermeiden, doch hier trügte mich meine Intuition für einmal.

Los geht's! Hier wird gerade der allererste BH in L1 (5c) platziert. Die älteren Routen verlaufen hier in den einfacheren Rinnen links und rechts, der kompakte Fels an diesem Pfeiler im Einstiegsbereich war hingegen noch frei. Mit der roten Linie ist der weitere Verlauf in L1 und L2 markiert.

Um 15.30 Uhr, also 4:00 Stunden später, waren wir an Standplatz 2 wieder vereint. Das zeigt exemplarisch, wie viel Pfuus das Einrichten benötigt. Plus natürlich die Engelsgeduld von Guido bei der Sicherungsarbeit, wofür ich mich nur herzlich bedanken kann. Wohlgemerkt, in den vier Stunden ist seine Zeit zum ausführlichen Ausbouldern der Länge schon auch noch enthalten, ich jedenfalls war sehr froh um diese Pause. Normalerweise wäre um diesen Zeitpunkt bald die Sonne in die Wand gekommen. Nachdem schon einige Wolken aufgezogen waren, wurden wir jedoch freundlicherweise nicht gegrillt. Und es sah auch noch genügend freundlich aus, um weiterzumachen. Sehr schöne Lochkletterei (L3, 6b+) brachten mich 20m höher zu einem nächsten, bequemen Standplatz. Ob dieser schon zu nutzen war? Das wusste ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht und zog gleich weiter. Die ersten beiden Bolts in L4 (6c) gingen sich noch aus. So langsam fehlte mir der Strom, um zu bohren - in meinen Armen, nicht im Akku! Auch hatte sich der Himmel deutlich verdunkelt. Nicht extrem bedrohlich, aber wir mussten ja nicht zwingend noch in der Wand nass werden.

Die lange und anspruchsvolle L2 (6c) einzurichten, kostete einiges an Zeit und Kraft!

Also seilten wir ab, räumten die Ware zusammen und waren bald bei der Roslenalp angelangt. Nun, es sah durchaus nach Regen aus, jedoch (noch) nicht unmittelbar. Bis zum nächsten schützenden Dach bei der Bollenwees würde es bestimmt noch reichen, spekulierten wir (es gibt da leider keine zuverlässige Verbindung für Mobilfunkdaten). Mittig zwischen Roslenalp und Saxer Lücke wurden wir eines besseren belehrt. Ein heftiger Platzregen kündigte sich an, zum Umdrehen war es bereits zu spät und so wurden wir doch noch geduscht. Nicht weiter schlimm, auf dem langen Ausmarsch blieb genügend Zeit zum Trocknen. Für den nächsten Angriff wollten wir aber besser einen wettersicheren Tag wählen. Auf dem Programm hatten wir einerseits die Vollendung der Route und idealerweise auch gleich deren komplette RP-Begehung. Auf den 14. August 2026 kündigte sich ein stabiler Prachtstag mit einer Mordshitze von bis zu 38 Grad im Tal an. Erneut starteten wir sehr früh ab Brülisau und sammelten so weitere Meilen auf dem Zustieg.

Da waren wir noch trocken und genossen ein eindrückliches Naturschauspiel... Leider blieb der heftige Platzregen nicht im Rheintal, sondern ergoss sich nur Minuten später auch über uns. Braucht man nicht unbedingt, doch während dieser Hitzeperiode war die Abkühlung auch nicht sehr unangenehm. Und schlussendlich sind es diese Erlebnisse, welche haften bleiben.

Unsere Taktik bestand darin, gleich von unten zu starten und die ersten drei Seillängen auf dem Weg zur Vortriebsstelle zu punkten. Später würde ich dann die Längen einbohren, mich wieder ablassen und sie im Anschluss noch mit leichtem Gurt rotpunkt klettern. Nachdem wir uns auf der Roslenalp mit einem einem Kreuzberge-Veteran durch einem längeren, spannenden Austausch über die Klettergeschichte des Massivs aufgehalten hatten, ging es um 8.30 Uhr mit der Kletterei los. In sehr vergnüglicher Kletterei waren die ersten drei Längen bald gepunktet. Weniger zum Vergnügen gehört jeweils das Hochhieven der Bohrausrüstung im Haulbag, wobei dieser dank der steilen Wand meist frei hing und es deshalb vergleichsweise komfortabel ging. Kurz nach 11.00 Uhr ratterte der Bohrer das erste Mal an diesem Tag. Mit frischen Kräften war die letztmalige Umkehrstelle rasch bewältigt. Der Weiterweg kostete noch ein paar Körner, aber diese waren noch reichlich vorhanden. Dann konnte ich zum vergnüglichen Part mit der Befreiung der Länge schreiten - erneut eine sehr genussvolle, homogen schwierige Sache (L4, 6c).

Weiter geht's - hier wird der Bohrer am zweiten Tag das erste Mal angesetzt (L4, 6c).

Um 13.45 ging es mit Abschnitt Nummer 5 weiter. Leicht links, leicht rechts, was war der beste Weg, der mit homogenen Schwierigkeiten und der schönsten Kletterei aufwartete? Rein optisch war es von unten nicht schlüssig zu entscheiden. Also antesten hier (und wieder abklettern), antesten dort (und wieder abklettern). Es erklärt sich von selbst, dass man derlei nur mit entsprechenden Reserven auf den geforderten Grad tun kann. Schliesslich hatte ich aber die Ideallinie gefunden und alle Bolts waren platziert. Die Schlussmeter in L5 (6b+) waren dann etwas gemütlicher und brachten uns direkt zum vorletzten Stand von Gummi mit der Wandbuchdose. Dieser Klassiker hält sich hier mit einer kurzen Wandstelle links raus und steigt dann über einen Grat oder rückseitiges Schrofengelände zum Top der Wand auf. Um hier noch auf einer eigenen Linie weitermachen zu können, war eine Kreuzung mit Gummi unvermeidlich.

An der Arbeit in L5 (6b+). Als Rechtshänder halte ich den Bohrer bevorzugt in der dominanten Hand und dementsprechend mit links am Fels - was diese Hand dann aber im Lauf eines Bohrtages doch ziemlich plättet. Wobei ich hier auf der Extrameile viele Bolts zwingend mit links bohren, einschlagen und festziehen musste (betrachtet man die Fotos bis hierher, liegt das Verhältnis bei 3 links zu 1 rechts). Vermutlich liegt es an der Felsstruktur, welche relativ oft nach rechts offene Seitgriffschuppen bietet.

Dieses Szenario war mir schon nach dem ersten Bohrtag präsent. Definitiv am liebsten ist es mir, wenn ich Neutouren komplett eigenständig und kreuzungsfrei konzipieren kann, was mir auch fast immer gelingt. Hier hätte das aber bedeutet, es am vorletzten Stand von Gummi bleiben lassen zu müssen. Vor Ort entschied ich mich, zuerst einmal die besagte 5b-Länge vom Gummi zu klettern. Es hätte ja ein vergnüglich-gemütlicher Abschluss sein können. Aber weit gefehlt: richtig geklettert wird nur an der 3m-Wandstufe zu Beginn. Achtung, der Mammut-Longlife-BH, der die Crux absichert, lässt sich zur Hälfte rausziehen und ist keine zuverlässige Sicherung! Unmittelbar danach erreicht man dann den zwar einfachen, aber etwas brüchigen Grat, welcher die Wand links/oben begrenzt. Hier steckt kein fixes Material mehr. Einige Cam-Möglichkeiten zwischen mässig solide verankerten Blöcken gibt es wohl - so richtig zuverlässige, zu 100% sichere Placements aber eher nicht. Kurzum, diese Gummi-Länge ist sowohl im Vor- wie im Nachstieg schlecht gesichert (der/dem Zweiten droht ein gefährlicher Riesenpendler nach Aushängen des BH!!!), unlohnend und einfach keine gefreute Sache. So fiel die Entscheidung leicht: wir machen eine eigene, letzte Länge, welche direkt durch die kompakte Wand zum Top führt - ein ideales und logisches Schlussbouquet für die Extrameile.

Die ersten Sonnenstrahlen streicheln uns hier um 15.51 Uhr, während es zum Start in L6 (6c) nochmals Gas geben heisst.

Diese (L6, 6c) startet gleich mit einer richtig zapfigen Stelle über den Überhang rechts hinauf. Die Abschlusswand bietet nochmals kräftige Kletterei und das Platzieren der BH forderte die letzten Reserven in der Unterarmmuskulatur. Nachdem ich das Top erreicht hatte, nahm ich aber doch gerne die Extrameile auf mich, um noch einen Rotpunkt-Go zu geniessen. Es war noch nicht ganz die letzte Aktion bei diesem Projekt: nach alpiner Tradition gehört auch der Aufstieg zum Gipfel dazu, um die Begehung dort im Buch einzutragen. Schliesslich stand uns noch eine Operation in der letzten Länge bevor: ein labiles Pfeilerlein befand sich zu nahe an der Linie, um es guten Gewissens stehen lassen zu können. Es war niemand im Sektor zugegen, so konnten wir es Stück für Stück abtragen und in die Tiefe befördern. Dann war es Zeit, denselben Weg wie die Steine zu nehmen (jedoch lieber etwas langsamer). Drei effiziente Abseilmanöver später waren wir zurück am Wandfuss. Beim langen Rückweg blieben wir dieses Mal trocken und waren höchst beglückt vom erfolgreichen Abschluss unseres Projekts - einfach eine geniale Sache!

Der Gipfel ist erreicht und das Projekt damit erfolgreich abgeschlossen!

Zustieg

Ist man einmal auf der Roslenalp, so folgt man noch ca. 100m dem Weg Richtung Mutschensattel, quert dann auf Pfadspuren Richtung Talsohle und steigt von dort auf deutlichem, in der LK verzeichnetem Pfad hinauf bis zur Felswand unter der Scharte zwischen den Kreuzbergen III/IV. Nun linkshaltend auf deutlicher Spur etwas absteigend der Wand entlang. Kurz vor dem Einstieg, der sich in Mitte der breiten Wand rechts der markanten Schlucht befindet, wartet eine kurze Kraxelstelle. Jenseitig gibt's einen bequemen Platz, um sich auf die Kletterei vorzubereiten (CH LV95: 2'749'881.88, 1'234'144.27, WGS84: 47.241202, 9.418401, Höhe: 1880m, Kartenlink). Die Kletterei startet am Stand von Gummi mit 2 BH, wir haben die Routen bei der Erstbegehung im 2026 mit Farbe angeschrieben. 

Doch wie kommt man zur Roslenalp? Dazu stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, die je nach persönlichem Gusto und Anfahrtsrichtung unterschiedlich attraktiv sein können. 

1) Von Brülisau (bzw. Parkplatz Pfannenstiel, ca. 940m, Gebühr 1 CHF/h) via Brüeltobel, Bollenwees und Saxer Lücke wartet viel Distanz und netto gut 1000hm bis zum Einstieg. Dafür kann man auf gute, bequeme Fahrstrassen bzw. Wege zählen, die morgens grösstenteils im Schatten liegen. Vergleichsweise wenig anstrengend, zudem ist es eine malerische Gegend zum Wandern. Unser Zeitbedarf zum Einstieg war ca. 2:15-2:30h.

2) Vom Parkplatz Nasseel oberhalb von Sax im Rheintal (P.814) via den markierten Wanderweg. Hier ist die Distanz viel kürzer, die rund 1100hm sind aber steil, zudem heizt da auch die Morgensonne schon richtig stark ein. Der Zeitbedarf hängt stark davon ab, wie effizient man die Höhenmeter frisst. Diejenigen mit dem grossen Appetit können sicher in 1:30-1:45h am Einstieg stehen. Wer es gemütlicher nimmt, um noch Kraft zum Klettern zu haben, braucht wohl ähnlich lang wie von Brülisau.

3) Die bequemste Variante ist die Nutzung der Stauberenbahn ab Frümsen im Rheintal. Von deren Bergstation verbleiben rund 1:15h Gehzeit und mit etwas Auf und Ab netto 350 Höhenmeter bis zum Einstieg. Auf dem Rückweg sind es nochmals ca. 250hm Aufstieg und gut 1:00h Gehzeit. Sicherlich der kleinste physische Aufwand, nimmt man Bahnfahrt und allfällige Wartezeiten hinzu, ist man u.U. nicht viel schneller als mit den anderen Optionen.

4) Für E-Biker ist der Zugang von SW aus dem Toggenburg eine Alternative (im Kanton Appenzell, d.h. ab Brülisau ist striktes Bike-Fahrverbot!). Bis hinter die Teselalp (ca. 1450m) kann man gut und legal fahren. Es folgt dann ein ziemlicher Hatscher zum Mutschensattel (2069m), rückseitig vernichtet man wieder rund 170hm, welche auf dem Rückweg nochmals erklommen werden müssen. Netto sind es auf dem Hinweg rund 700hm Aufstieg, damals bei der Begehung der Grauen Eminenz am Kreuzberg IV brauchten wir 1:55h ab dem Parkplatz in Wildhaus zu deren Einstieg (inkl. der Bikestrecke).

Hier geht's los - egal ob die Farbe schon verblichen ist oder nicht ;-)

Routenbeschreibung

Kreuzberg III - Extrameile 6c (6b obl.) - 6 SL, 150m - M. Dettling & G. Arnold, 14.8.2026
Material: 1x40m oder 2x50m-Seile, 10 Express, Cams/Keile nicht nötig und kaum einsetzbar

L1, 25m, 5c: Los geht's ca. 3m links vom 2-BH-Einstiegsstand von Gummi (im 2026 angeschrieben). Während die klassischen Linien links und rechts im gschüderigen Gelände in den Rinnen verlaufen, konnten wir über sauberen Fels mit durchaus interessanten Moves auf den gelben Turm klettern. Ist dieser erklommen, geht's auf dem grasigen Band nach rechts.

Perspektive vom Einstieg auf L1 (5c) und die Wand.

L2, 35m, 6c: Hier startet das Main Business! Gleich steil, aber dafür gut (seit)griffig geht's aus dem Stand raus. Der Puls beschleunigt sich bestimmt bald einmal, spätestens beim dritten Haken, wo man planen muss, wie man von links nach rechts kommt. Die ansteigende Rechtstraverse danach löst sich schön auf, dann aber folgt die Crux. Crimpy und knifflig zugleich zurück nach links, und nur die Füsse nicht aus den Augen verlieren! Schliesslich folgt steile Ausdauerkletterei einer Rissspur entlang, bis man auf dem Pfeilerkopf rasten kann. Zum Dessert folgt noch einfachere Kletterei zum Stand auf dem Turm - geniale Sache!

Kräftige Wandkletterei an guten Griffen in L2 (6c).

L3, 20m, 6b+: Durch ein tolles Wandstück gleich oberhalb vom Stand führt dieser Abschnitt. Der Fels ist toll mit Schlitzen, Löchern und Schuppen strukturiert. Wer es gut plant und die richtige Sequenz liest, kommt erst noch recht kommod durch - das Finish mit dem Ausstieg in einfacheres Gelände ist hier nach unserem Empfinden die Crux. Nach kurzer Rechtsquerung folgt sogleich der Stand.

Guido folgt in der relativ kurzen, aber dafür tollen L3 (6b+).

L4, 30m, 6c: Nein, den Weg zum ersten Haken habe ich nicht direkt bewältigt - möglich wäre es vielleicht, aber es ist definitiv nicht die einfachste Lösung! Dann folgt eine spannende Wand: Untergriffe und eine Rissspur ermöglichen den Fortschritt und genau da, wo es sie beim Ausstieg braucht, kommen wieder ein paar Crimpy-Schüppli, geniale Sache! Kurz etwas einfacher zu einer Wandstelle von feingriffiger Balancy-Natur. Ein Dächli wird an Seitgriffen gemeistert, gute Griffe leiten in die Wand - doch das Finish vom letzten BH zum Stand erfordert nochmals den Blick für die Optimallösung (mehr sei hier nicht verraten...).

Auch in L4 (6c) wartet lotrechte Wandkletterei in kompaktem, toll strukturiertem Fels.

L5, 20m, 6b+: Schlussendlich haben wir diese Länge wieder einen Tick einfacher eingestuft. Doch das gilt selbstverständlich nur, wenn man die Optimallinie findet. Sie verläuft durchaus etwas im Slalom zwischen den Bolts hindurch. Schüppli und kleine Crimps gibt's mancherlei, aber sie effizient in eine Sequenz zu reihen, das ist genau die freudvolle Kunst, die man hier praktizieren kann. Die letzten Meter dann einfacher hinauf zum Stand mit der Wandbuchdose. Zur Zeit der Erschliessung war sie leer. Wir haben wieder ein Büchlein und einen Stift hinterlassen, so dass man sich eintragen kann.

Ähnlichen Charakter hat auch L5 (6b+) - die hier abgebildete Passage über den letzten BH ist dann etwas einfacher.

L6, 20m, 6c: Es geht gleich mit einer kräftigen Boulderstelle über den Überhang hinweg los. Hopp und zack, so geht das (für mich) - ich hoffe, wir haben mit dem vorgeschlagenen Grad nicht zu tief gestapelt. Einmal etabliert, geht's nicht mehr ganz so kräftig an einer Rissspur vorwärts. Wobei man sich doch noch Bewegen muss, geschenkt ist das nicht. Erst auf der Zielgerade mit der finalen Rechtsquerung lassen die Schwierigkeiten dann nach.

Guido in L6 (6c), kurz vor dem Einbiegen auf die Zielgerade (das Diagonalband zum Top).

Abstieg

Vom Top der Route kann man sowohl am Seil in die Tiefe gleiten wie auch zu Fuss absteigen. Das Abseilen braucht 2x50m-Seile und geht hier ob der steilen, absatzlosen Wand bequem und zügig. Man nutzt entweder die Standplätze der Route (Top -> 4 -> 2 -> Einstieg). Achtung, die letzte Strecke beträgt volle 50m, mehr sind es aber nicht. Alternativ kann man auch über Gummi abseilen, es sind ebenfalls 3 Strecken von je 40-50m Länge. Siehe Topo für die Lage der problemlos aufzufindenden Standplätze. 

Für den Fussabstieg sollte man die Zustiegsschuhe mitführen. Ebenso legt man sein Depot dann am besten unter der Scharte III/IV und nicht am Einstieg an. Vom Top der Route kurz über ein steiles Wiesenbord hinauf zum Vorgipfel, rückseitig ca. 15m über den Grat Richtung N absteigen. Dann rechts die enge Rinne hinunter. Die schwierigste Stelle (II-III) folgt gleich zu Beginn. Vom Ende der Rinne rechts kurz in die Scharte III/IV aufsteigen und dann NW-seitig steil aber gut gestuft hinunter. Wer das nötige Selbstvertrauen hat und auf eine Rückzugsmöglichkeit aus der Route verzichtet, kann sein Gepäck bei dieser Variante auf ein 1x40m-Seil reduzieren.

Blick vom Gipfel der KIII zurück zu Guido, welcher sich am Ausstieg der Route befindet. Das Bild ist als Referenz für den Fussabstieg hilfreich. Vom Routenende hinauf zum Vorgipfel, zum Fotografen hin über den Grat runter, dann rechts abdrehen und durch die im Bild erahnbaren Rinne zwischen den beiden Felsriffen hinunter.

Charakter, Absicherung und Topo

Die Route verläuft anhaltend in steilem Gelände und bietet erstaunlich homogene Schwierigkeiten in üppig strukturiertem, griffigem und kletterfreundlichem Fels von toller Qualität. Da leichte Abschnitte und Übergangspassagen gänzlich fehlen, kann man sich trotz nur 6 Seillängen und 150 Klettermetern eine gute Weile beschäftigen. Die Route ist mit 36 rostfreien Zwischen-BH tiptop auf Niveau xxxx abgesichert, nach meinem Empfinden kann man bei Beherrschung einer dynamischen Sicherungstechnik bedenkenlos am Limit klettern. Geklettert werden muss aber: es gibt auch schwierige Stellen zwischen den Haken, ein 6c-Onsight-Niveau in der Halle und/oder in gängigen Klettergärten ist für den Vorstieg sicher empfehlenswert. Man bedenke: hier in der Extrameile muss man eher mehr (wie dort) investieren, um die beste Sequenz zu finden. Mobile Sicherungen kann man kaum und nicht gewinnbringend platzieren, d.h. die Mitnahme von Cams und oder Keilen scheint mir obsolet. 

Dafür, dass der Mann um 4 Uhr aufgestanden ist und sich auf der Extrameile befindet, sieht er eigentlich noch recht frisch aus ☺️

Die NW-Ausrichtung erlaubt auch im Hochsommer ein Klettern im Schatten bis mindestens 15.30 Uhr (bei der Erstbegehung Mitte August sogar bis kurz vor 16 Uhr). Dank der kompakten Wandkletterei trocknet die Extrameile nach Regen zügig ab. Wir sprechen hier aber von einer Nordwand auf 2000m Höhe, ideale Verhältnisse trifft man insbesondere bei sommerlich-trockenem Wetter an. Früh in der Saison kann sich im Kar der Roslenalp, unter den Wänden und auch in der Abstiegsrinne lange der Schnee halten, ebenso kann dieser die Zustiege zur Roslenalp (v.a. via Mutschensattel sowie den Direktweg von Nasseel zur Roslenalp) beeinträchtigen und allenfalls alpine Ausrüstung benötigen. Eine vollständige Übersicht zum Gebiet und den weiteren Routen an der Wand gibt's im SAC-Kletterführer Alpstein von Werner Küng (2025), die Highlights sind auch im Plaisir Ost von Sandro von Känel (2026) vertreten. Zum Schluss kommt hier nun das Topo (Download als JPG oder PDF) und es gibt noch zwei Dinge zu sagen: 1) vielen herzlichen Dank Guido für deine Mitarbeit bei diesem Projekt und 2) habt viel Spass!

Unser Topo zur Route (Download als JPG oder PDF) - habt viel Spass!

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"Nicht Grösse und Höhe haben den Kreuzbergen den Ruf als schönstes Klettergebiet der Alpen eingetragen, wohl aber die seltene, wilde Schönheit der Formen, hervorragender Fels und erlesene Schwierigkeiten". So lautet der Einstiegssatz im Artikel "Kreuzberge - ein Jahrhundert Klettergeschichte" von This Isler und Meinrad Gschwend, der anno 1994 im SAC-Jahrbuch erschienen ist. Formuliert wurde der Ausspruch aber schon in einem früheren Artikel aus dem Jahr 1943 von Paul Schafflützel, seines Zeichens Erstbegeher der Route durch die Schlucht gleich links der Extrameile. Jedenfalls: dieser Beitrag zur Erschliessungsgeschichte ist sehr lesenswert. Eine maschinendigitalisierte Version (mit einigen Transkribierungsfehlern, ohne Fotos ist hier jedermann zugänglich. Wer wie alle Mitglieder über ein SAC-Konto verfügt, liest besser im eingescannten PDF (Login erforderlich!) des Jahrbuchs auf S.26.

Mittwoch, 2. Juli 2025

Kreuzberg IV - Graue Eminenz (8a)

In den Nordwänden der Kreuzberge war ich bisher nur ein einziges Mal geklettert. Dieses Kalkriff über dem Rheintal ist ziemlich abgelegen und nur mit einem längeren Zustieg erreichbar. Gleichzeitig sind die Routen nur ein paar wenige Seillängen kurz, womit man ein Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag diagnostizieren kann. Trotzdem, um an heissen Tagen im kühlen Schatten zu klettern bietet sich diese Wände an. Zudem hatten wir erfahren, dass vor kurzem Tobias Bitschnau und Florian G. der hier beschriebenen Graue Eminenz in einen Team-RP den ersten Durchstieg abgeluchst und eine Aufwertung auf 8a vorgeschlagen hatten. Da wollten wir gleich nachsehen, was es damit auf sich hatte.

Die Nordwände der Kreuzberge IV und V, markiert Start- und Endpunkt von Graue Eminenz (8a).

Für den Zustieg gibt es je nach Ausgangspunkt mehrere Optionen, es sind jedoch alle aufwändig. Ab Nasseel oberhalb von Sax im Rheintal sind 1100hm fällig. Diese kann man mit der Stauberenbahn in etwa halbieren, der Zeitaufwand ist jedoch kaum kleiner. Wir hingegen setzten auf die E-Bike-Variante ab Wildhaus. Man kann dazu Faulheit monieren, doch kurz und bequem ist auch sie nicht, der Zeitaufwand ab dem Parkplatz ist ähnlich wie aus dem Rheintal. Für mich persönlich besticht sie dadurch, dass sie (pro Weg 35km bzw. 25min) Autofahrt einspart und damit die effizienteste und auch ökologischste Variante ist, um an den Kreuzbergen zu klettern. So machten wir uns um 7.20 Uhr in Wildhaus auf den Weg und deponierten das Zweirad um 7.50 Uhr auf ~1500m etwas hinter der Teselalp.

Unterwegs von Wildhaus zum Mutschensattel, welcher sich in Verlängerung der Strasse befindet.

Nun ging es zu Fuss weiter Richtung Mutschensattel. Nicht gerade ein kurzer Marsch, aber irgendwie doch angenehmer wie der Höhenmeter-Fresser aus dem Rheintal, zudem morgens auch noch angenehm im Schatten. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass auf der NE-Seite des Sattels früh in der Saison gerne noch ein steiles Schneefeld lungert, welches ohne alpine Ausrüstung heikel zu begehen sein kann. Im schneearmen und heissen Vorsommer 2025 war Ende Juni nur noch ein letzter Rest vorhanden, welcher umgangen werden konnte. Dann heisst es vom Sattel P.2069 etwas abzusteigen, man kann jedoch auf ca. 1940m die Höhe halten und auf Wegspuren bzw. Wildwechseln unter die Nordwand der Kreuzberge traversieren. Um 9.15 Uhr und damit 1:55h nach Aufbruch hatten wir den Einstieg aufgespürt, welcher schon im steilen Gelände liegt, angekraxelt werden muss und durch einen einzelnen BH mit silbriger Fixé-Lasche identifiziert ist. Nach einer Pause starteten wir ca. eine halbe Stunde später mit der Kletterei.

Am Mutschensattel, mit dem Rest vom (u.U. heiklen) Schneefeld. Die Wolken verzogen sich bald...

L1, 35m, 7b: Los geht's noch moderat schwierig an etwas dumpf tönendem Fels zum hoch steckenden, ersten BH. Danach heisst es dann gleich subito, parat zu sein. Mit einem dynamischen Startmove zündet man das Feuerwerk, etabliert sich an einer Seitgriffschuppe und powert durch einen erneuten, dynamisch-weiten Move. An einer trickreichen kleinen Rampe lässt sich dann ein schöner Pump aufbauen, der in der finalen, leistenlastigen Rechtsquerung hinderlich sein könnte. Dann endlich kommen Henkel und damit ein Ausstieg in weniger schönes Gelände mit etwas unsicherem Fels, in welchem man die letzten 12m zum Stand bewältigt. Doof, dass da nicht noch ein BH steckt: der Vorsteiger wäre im Falle des Falles sicher mindestens spitalreif, im Nachstieg droht ein übler Pendler. Anyway, das ist alles hypothetisch, Daniel kletterte die Länge onsight und ich konnte sie, nachdem die Rakete für den Startdyno im zweiten Versuch zündete, auch durchsteigen. Trotzdem, die von Tobias vorgeschlagene 7b (Alpsteinführer bisher: 7a) passt und ist sicherlich nicht übertrieben. Zu erwähnen ist auch, dass wir die nur halbfett eingetragene (Original-)Option über den letzten Haken wählten. Linksrum über Hägar auszukneifen wäre da oben evtl. etwas einfacher, jedoch ändert es kaum etwas an der Schwierigkeit der Länge. V.a. aber bringt es einen in eine unvorteilhafte Position für den Weg zum Stand, insbesondere im Nachstieg geht es dann sicherlich in Richtung "echt gefährlich".

Vom toll zu kletternden Teil von L1 (7b) haben wir leider kein Foto. Die letzten 12m im durchzogenen Gelände machen dann nicht mehr gleich viel Freude, v.a. sind sie auch unzureichend abgesichert. Es gibt keine BH mehr und zuverlässige natürliche Möglichkeiten haben wir nicht gefunden.

L2, 25m, 7c+: Diese Seillänge ist ein absoluter Knaller, mitten durch die kompakte Wand, welche man von unten durchaus als unkletterbar taxieren könnte. Doch es geht, die Erstbegeher haben hier den richtigen Riecher (oder Glück...) gehabt. Der Fels ist zwar nur knapp strukturiert, durchgehend säumen aber kleine Leisten den Weg. Und das zum Glück in einer Verteilung, welche ein sehr homogenes Ausdauerproblem ohne verzweifelt schwierige Einzelstelle kreiert. Saubere Fussarbeit und ein gutes Bewegungsrepertoire gehören ebenfalls zu den Anforderungen, welche hier nötig sind. Ich werde Zeuge, wie Daniel wieder einmal sein überragendes Können demonstriert und diesen Abschnitt onsight zieht. Was für eine Leistung, absolut der Hammer! Nicht nur braucht es dazu die nötige Physis und die Skills. Auch mental ist es eine Challenge: es heisst, über eine lange Zeit am Limit dranzubleiben, echte Erholungspausen gibt es unterwegs keine. Meinereiner benötigte ich einige von diesen: mit ca. 5 Rastern im Seil konnte ich die Seillänge in überlappenden Einheiten ebenfalls durchziehen. Die 7c+ schätzen wir als passend ein. Die Absicherung hier ist übrigens gut, die Sache ist aber anhaltend schwierig und es gilt harte Moves auch zwischen den Bolts zu ziehen.

It's hard but a lot of fun (L2, 7c+)!

L3, 15m, 7c/+: Sehr kurz, aber gar nicht schnurz... die Wand legt sich ganz leicht zurück, wird aber gleichzeitig auch etwas strukturärmer. Sprich, die "guten" (d.h. kleinen, aber hin und wieder doch etwas positiven) Leisten von vorher fehlend weitgehend und es geht mehr in Richtung Zauberei an mickrigen Kratzern und Slopern. Somit war es leider bald vorbei mit der Onsight-Begehung und es dauerte eine geraume Weile, bis eine tragfähige Lösung für diesen Abschnitt ermittelt war. Immerhin gelang dies an beiden Seilenden. Wobei wir den Beweis für das Zusammenhängen dieser komplizierten Abfolge schuldig blieben. Möglich scheint es jedoch schon, mittig im schwersten Teil gibt's auch noch einen guten Griff, wo man sich etwas sammeln kann. Trotzdem, mich dünkte diese Länge kaum einfacher wie die benachbarten beiden. Apropos: wer sich nach dem unbequemen Stand nach L2 auf eine bessere Station freut, wird leider enttäuscht. Getoppt wird das Ganze nur vom nochmals unbequemeren Stand nach L4, aber dazu kommen wir ja erst.

Harte Moves an sehr kleinen Griffe in technisch forderndem Gelände (L3, 7c/+).

L4, 35m, 8a: Der Alpsteinführer rapportiert hier eine lapidare 7b, wobei dies wohl eher die obligatorisch zwischen den Haken zu kletternde Schwierigkeit bezeichnet, welche die Erstbegeher im Rahmen der Erschliessung wahrgenommen hatten. In Tat und Wahrheit gibt's von BH #2 zu #3 eine heftige (aber halt nicht zwingend vollständig freizukletternde) Crux von soso Seit-/Untergriff über eine übel schmierige (weiss-flechtige) Sloperleiste an ein kleines Schüppli, dessen pflegliche Behandlung anzuraten scheint. Während Daniel hier den Schlüssel fand (nicht im onsight jedoch), konnte ich diesen Move nicht ausführen: mit den tieferen Tritten fehlte mir die Reichweite, mit den höheren drückte ich mich aus der Sloperleiste und mit Antreten im Nichts dazwischen war dieser Griff einfach zu schlecht, um haltbar zu sein. Als nächsten Programmpunkt erreicht man eine Rissspur, wo man zwar leichter für Fortschritt sorgt (ca. 7a/+), einfach ist es jedoch aufgrund der etwas mehlig-schmierigen Griffe auch nicht wirklich (zudem 1x Cam 0.4 oder 0.5 sehr hilfreich). Irgendwann ist dann aber fertig Riss und es folgen nochmals zähe Wand- bzw. Plattenmoves in sehr knapp und abschüssig strukturiertem Fels. Daniel meinte, dies könne evtl. schon nur 7b sein. Mir hingegen kam dieser Teil schwieriger vor, sprich nochmals in ähnlichem Rahmen wie in L2 und L3. Jedenfalls: eine 7b ist diese Länge sicher nicht, wir stimmen mit Tobias' Vorschlag von 8a überein.

Geschenkt gibt es da gar nix: Marcel in der anhaltenden L4 (8a).

L5, 25m, 6c: Auf dem Topo sieht's eher so aus, als ob die Route nach L4 enden würde. Im Gelände hingegen weniger. Denn der Stand befindet sich effektiv direkt im Verlauf der letzten Seillänge (6c+) von Hägar und auch weiter unten wie in der Literatur verzeichnet. De fakto klettert man hier noch gute 25m und damit fast die ganze Hägar-Länge. Evtl. käme die Crux dort gleich zu Beginn, denn die 6c+ scheint mir eher etwas hoch. Was aber nicht heisst, dass es geschenkt wäre. Ein paar fordernde Moves warten durchaus, aber die Griffe sind nun schon etwas grösser ausgefallen. Am Ende sitzt übrigens nicht mehr jeder Griff bombenfest (passt aber schon) und man hat die Wahl, zwischen einem erneut unbequemen Stand in der Wand, oder einem Ausstieg auf den Felskopf, wo man 3m weiter oben auf zwei Longlife-BH einer klassischen Route stösst.

Wenn man zum Vorgipfel aussteigt, gibt's dafür keine Fotos von L5 (6c)...

Wir nutzten gerne die letztere Option, welche in ein paar weiteren Metern in seilfreiem Kraxelgelände auch noch den Besuch des Vorgipfels erlaubt, so dass eine Rundumsicht in alle Richtungen genossen werden kann. Um 15.20 Uhr waren wir da, hatten somit also 5:30h für die fünf nicht einmal überaus langen Seillängen gebraucht. Schliesslich galt es aber, viele harte Moves zu dechiffrieren und wir waren im Sportklettermodus unterwegs. Während Daniel ein "all free" gelang, blieb mir dieser eine Move in der 8a verwehrt. Trotzdem, das war eine sehr zufriedenstellende Sache und es hatte enormen Spass gemacht, bei angenehmen Bedingungen in dieser Wand zu fighten und zu puzzeln. 

Blick vom Top Richtung Norden, d.h. zur Roslenalp und zum Kreuzberg III.

Für den Weg zurück wäre ein Fussabstieg optional möglich. In Kletterfinken jedoch nicht, so stiegen wir vom Vorgipfel zum Stand zurück, seilten die 3-4m über die Kante zu jenem nach L5 ab. Dann geht's zurück zu jenem nach L4, von wo man dann in zwei voll ausgereizten 50m-Strecken (via Stand 2) gerade wieder zum Einstieg kommt. Dort packten wir zusammen, liefen wieder unter den Kreuzberg-Nordwänden durch und stiegen retour zum Mutschensattel. Daniel schritt zügig seiner daheim wartenden Familie entgegen, ich konnte mir etwas mehr Zeit nehmen und die Abendstimmung in der schönen Umgebung aufsaugen. Spät wurde es auch bei mir nicht, zum Znacht und zum Verfolgen der Seminfinals vom Weltcup in Innsbruck war ich daheim - sehr zufrieden übrigens mit der Zustiegsoption ab Wildhaus, in Kombination mit dem E-Bike ist das für mich die Optimalroute an die Kreuzberge.

Am Mutschensattel, voraus der Weg zurück zum Ausgangspunkt Wildhaus.

Facts

4. Kreuzberg - Graue Eminenz 8a (7b obl.) - 5 SL, 135m - Good/Weber/Wohlwend 1996 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seil, 14 Express, Cam 0.5

Ein richtig cooler, schattig gelegener Alpinsportkletterhammer! Absolut herausragend ist die Kletterei in der anhaltend-ausdauernd-homogenen L2, ebenfalls sehr gefallen haben mir die Moves in L1. Danach ist der Fels etwas abschüssiger strukturiert, die Kletterei wird dementsprechend mehr tüftelig und bouldrig. Auch das ist lohnend, ich fand es aber nicht mehr ganz so cool. Abgerundet wird das Ganze mit einer einfacheren letzten Länge plus Gipfelerlebnis. Somit mein Fazit: für diejenigen die es drauf haben, lohnt sich der weite Weg dahin auf jeden Fall. Sonst gäbe es mehr oder weniger dasselbe unmittelbar daneben auch zu (mutmasslich) leicht günstigerem Tarif in Hägar (7b+). Die Route(n, gilt wohl ähnlich für Hägar) sind sehr gut mit BH abgesichert. Jedoch ist die Kletterei anhaltend schwierig und es gilt doch manchen, fordernden Move zwischen den Sicherungen zu absolvieren. Etwas Argwohn erwecket die Tatsache, dass die verzinkten Bolts mit den rostfreien Laschen aufgrund der galvanischen Korrosion nicht mehr taufrisch aussehen (Stand 2025), zudem sind das (deutlich einfachere, aber vom Fels her nicht 100%ige, 6b max) Start- und Schlussstück in L1 leider boltlos geblieben. Das Topo findet man im SAC-Kletterführer Alpstein. Gegen die bei der ersten RP-Begehung vorgeschlagenen Bewertungen von 7b, 7c+, 7c, 8a gibt es von unserer Seite absolut keinen Grund zur Opposition, sie passen sicher besser wie dir originalen Vorschläge.

Freitag, 2. Mai 2025

Schattenwand - Chupferhode (6b)

Daheimbleiben an Ostern? Das hatten wir in der Vergangenheit nur gezwungenermassen im Pandemiejahr 2020 gemacht, sonst waren wir immer irgendwo unterwegs. Anders im 2025: mit der Selektion für die internationalen Boulderwettkämpfe ging Larina die Verpflichtung ein, voll aufs (Indoor-)Bouldern zu setzen und für die demnächst bevorstehenden Events zu trainieren. Das geht prima von daheim aus und rein wettertechnisch gab die Ostschweiz auch das her, was für des Vaters Outdoor-Zeitvertrieb nötig war. So blicke ich trotz Daheimbleiben auf sehr gelungene Ostern 2025 zurück. Zwei Vollgas-Indoor-Sessions mit Larina, einen 8a-Send am Fels und ein Bike & Climb Ropesolo-Tüürli, über welches an dieser Stelle berichtet wird.

Blick auf die Schattenwand. In deren linkem, etwas grasigem Teil befinden sich einige einfachere MSL in den Graden 5b/5c. Auf der kompakten Platte rechts aussen gibt's einige weitere Möglichkeiten. Dort bewegen sich die Schwierigkeitsgrade meist im Bereich von 6b bis 7a. 

Nun ja, Larina nahm sich den Rat der Trainer zu Herzen, jeweils kurzfristig am Morgen zu entscheiden, ob ein weiteres Training oder ein Ruhetag angesagt wäre. Für diesen Tag fiel die Entscheidung auf Restday, und so durfte ich mich nach einem Outdoor-Alternativprogramm besinnen. Der Situation entsprechend konnte/wollte ich nicht gar nicht so viel klettern. Aber nur Biken oder Laufen war mir dann doch ein bisschen zu wenig Salz in der Suppe. So entschied ich mich, zur von mir noch nie besuchten Schattenwand zu radeln und dort eine (oder mehrere) der kurzen, bestens abgesicherten MSL-Routen zu klettern. So kurzfristig und an Ostern einen Kletterpartner aufzutreiben war natürlich illusorisch, somit war ein Ropesolo die Methode der Wahl. Das ist aber eine Konzession, welche ich gerne zu Gunsten von Larinas flexibler und optimaler Trainingsgestaltung eingehe.

Unterwegs auf den Trails der Neuenalp. Gerade voraus Wisswand (wo ich im 2024 im Rahmen einer weiteren Bike & Climb Ropesolo-Tour unterwegs war), im Bildzentrum der Rotsteinpass und rechts der Wildhauser Schafberg.

Es ist schon fantastisch, welche Möglichkeiten wir in der Schweiz und ihrem dicht ausgebauten Flurtrassen- und Wegnetz haben. So konnte ich im Nesslau starten und komplett abseits vom Verkehr via Steinerberg - Neuenalp - Passhöhe P.1404 zum Gräppelensee und schliesslich steil hinauf zum Bikedepot beim Rietgarten P.1584 gelangen. Von da ist es nur eine kurze Traverse hinüber zur Alp Mutteli, von wo man mit 70hm und ein paar wenigen Minuten Aufstieg an die Schattenwand gelangt. Ein bisschen erstaunt war ich, dass zwei Seilschaften im linken Teil der Wand aktiv waren. Das erklärt sich aber bestimmt dadurch, dass diese im Plaisir Ost als ideale MSL-Einsteigertouren beschrieben sind.

Haha, auf wessen Gefahr denn sonst?

Im rechten Teil der Wand mit den schwierigeren Routen war hingegen niemand aktiv. Ich wollte den optischen Eindruck entscheiden lassen, wo ich einsteigen würde. Die attraktivsten Linien schienen mir jene der zuerst erschlossenen Agaraturm (6c+ A0) und Chupferhode (6b) zu sein. Schliesslich gab ich der letzteren mit ihrer sehr attraktiven Doppel-Wasserrille in L1 und einem superkompakten Plattenschild in L2 den Vorzug. Um 14.20 Uhr hatte ich alles parat und stieg ein.

Immer noch von der Biketour auf der Anreise, hier am Gräppelensee.

L1, 35m, 6a: Los geht's gemässigt über einige Stufen hinweg zur schon erwähnten Doppel-Wasserrille. An dieser geht's dann gleich heftig zur Sache. Heieiei, für eine 5c+ (SAC-Führer Alpstein) bzw. 6a (Plaisir Ost) ist das ganz schön schwierig. Ich konnte die Länge zwar onsighten, aber das fühlte sich für mich eher wie eine taffe 6b an. Und es ist auch noch zu erwähnen, dass ich nur den ersten Abschnitt (wo dies zwingend ist) rein an den Rillen kletterte. Nachher kann man sich einiger Griffe in den Rissen rechterhand bedienen. Auch in meinem Nachstieg war es jenseits von meinem Können, diese komplett zu ignorieren. Vielleicht ginge es mit Oldschool-Kletterfinken besser, welche sich ideal in den Rillen verklemmen lassen?!? Meine Treter sind sicher nicht erste Wahl für derlei Kapriolen.

Rückblick auf die tolle Wasserrille in L1 (6a hard). Nur den Abschnitt über die ersten drei BH muss man zwingend an der Rille klettern, dies ist die Crux. Bei den drei letzten Bolts bis zur Position des Fotografen wird es etwas steiler - da habe ich es nur mit den beiden Rillen nicht geschafft, sondern musste in die grasigen Risse (von hier aus gesehen) links greifen. Was natürlich vollkommen legitim ist, nur wäre es ohne noch schöner.

L2, 35m, 6b: Puh, nochmals schwieriger bewertet, das konnte ja heiter werden. Dieser kompakte Steilplatten-Schild à la Rätikon ist sicherlich das absolute Highlight der Route. Über eine längere Strecke ist die Kletterei anhaltend und es gilt, sauber auf der gefinkelten Wand anzutreten und kleine Kratzer und grössere Sloper zur Stabilisierung zu nutzen. Angst und Bange muss einem dabei aber nicht werden, die Absicherung ist in diesem Abschnitt hallenmässig und fast übertrieben gut - es stecken ca. 16 BH auf dieser Länge. Im oberen Drittel lassen die Schwierigkeiten dann etwas nach, die Kletterei bleibt aber bis zum Schluss sehr attraktiv.

Rückblick auf den Crux-Teil von L2 (6b), anhaltende Steilplatte mit seichten Wasserrillen, super!!!

L3, 30m, 6a: Die letzte Seillänge wartet nochmals mit schöner Kletterei auf, ist aber in ihrem Anspruch deutlich tiefer als die beiden vorangehenden. Als die Crux empfand ich eine Passage in der Mitte über einen kleinen Wulst hinweg. Zuletzt endet die Route ziemlich abrupt bei einem unbequemen Stand, bevor das Gelände oberhalb schrofig wird.

Griffstrukturen in L3 (6a) - fantastisch!

In der Gegend von 16.10 Uhr und damit nach etwas weniger als 2 Stunden Kletterei hatte ich das volle Ropesolo-Programm (Vorstieg, Abseilen, Nachstieg) erledigt und die Route onsight geklettert. Für den Weg zurück an den Einstieg sind 3 Abseilmanöver à 30m auszuführen. Ich hatte korrekt spekuliert, das von mir mitgeführte 60m-Seil war gerade genügend lang. Aber Achtung, wer es mir gleichtut: es reicht jeweils nur knapp. Weil die Wand inzwischen ihrem Namen gerecht im Schatten lag, ein lästig-kühler Föhnwind aufgekommen war und die Zeit auch schon fortgeschritten war, entschied ich mich gegen eine zweite Route. Ich war gut auf meine Kosten gekommen und das gemeinsame Abendessen daheim war die attraktivere Wahl. Somit retour zum Bike, auf dem Heimweg verzichtete ich auf Umwege über Trails und fuhr möglichst direkt (via Laui - Unterwasser) ins Tal - eine nur kleine Klettertour war es, aber doch ein absolut gelungener und spassiger Ausflug!

Glücklich darüber, diesen Ausflug in einer solch schönen Ausflug genossen haben zu können 🥰

Facts

Schattenwand - Chupferhode 6b (5c+ obl.) - 3 SL, 100m - Ott/Wiesmann 1988, saniert 2007 - ***;xxxxx
Material: 1x60m-Seil, 14 Express

Kurze, aber sehr schöne MSL-Route in vorzüglichem Schrattenkalk à la Rätikon. Die Kletterei an Wasserrillen und über Steilplatten begeistert absolut. Seit der Sanierung im Jahr 2007 ist die Absicherung mit vielen rostfreien Bohrhaken fast übertrieben gut. Weitestgehend kann man die Schwierigkeiten A0 bewältigen, wer es also einmal probieren will, hat hier die Chance. Um die Route dann aber freizuklettern, muss man hingegen im plattig-technischen 6b-Gelände schon einigermassen versiert sein. Gleich nebenan gibt's noch weitere Möglichkeiten für attraktive 3-SL-Routen, so ergibt sich falls gewünscht ein voller MSL-Tag. Details zum Gebiet und den Routen findet man im Plaisir Ost oder im SAC-Kletterführer Alpstein.