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Montag, 23. Februar 2015

Kandersteg - Bück Dich (M7+)

Auch wenn mein Blog dadurch von den Bots in eine komplett falsche Ecke gerückt wird: benannt ist der von uns gekletterte, grosse Mixed-Klassiker nach dem nicht ganz jugendfreien Rammstein-Song Bück Dich. Inspiriert ist dieser Name von der charakteristischen, sehr ausgesetzten Mixed-Traverse unter und über einen grossen Dach, die man durchwegs mit den Knie auf Ellenbogenhöhe klettert. Die Vögelein hatten uns von guten Bedingungen gezwitschert, und so machten wir uns erneut auf den Weg nach Kandersteg, dem Epizentrum der Schweizerischen Eis- und Mixedkletterei.

Blick auf die tolle Linie der Bück Dich im Sektor Staubbach bei Kandersteg.
Nach einer reibungslosen Anfahrt starteten wir den Zustieg um ca. 7.45 Uhr und standen eine gute halbe Stunde später unter dem Staubbach-Sektor. An diesem Tag waren wir als erste Kletterer zugegen. Ein kleines bisschen reizte es mich ehrlich gesagt, zum Aufwärmen noch den extrem begehrten Blue Magic (WI5+) anzupacken. Andererseits, wenn man sich auf eine schwere(re) Route vorbereitet und eingestellt hat, so ist es irgendwie auch komisch, dann doch zuerst woanders einzusteigen, zudem waren in der Bück Dich unsere vollen Kräfte gefragt. So machten wir uns wenige Tage nach dem letzten Mal wieder in derselben Grotte am Wandfuss der Lochroute bereit. Um ca. 8.45 Uhr startete ich mit der ersten Länge.

L1, 35m: Das letzte Mal hatte ich diese ziemlich homogen 80 Grad steile Länge mit eher wenig Eis im Nachstieg begangen und dank dem extrem strukturierten Eis keinen einzigen Pickelschlag tun müssen. Aber schon erstaunlich, wie sich das Eis innerhalb von nur wenigen Tagen verändert, obwohl an dieser Stelle kein Wasser fliesst. Es war viel glatter geworden, die Hooks waren längst nicht mehr so gut, ohne zu Schlagen zu klettern erschien mir absolut unmöglich. Genussvoll und gut abzusichern war es aber weiterhin, WI4- als Grad immer noch passend.

Yours truly unterwegs in L1 (WI4-), welche für die Lochroute und Bück Dich gemeinsam ist.
Quasi ein Pendant zu Ötzi, dieser BH am ersten Stand.
L2, 40m: Im Topo vom Hot Ice wird diese Teilstrecke als zwei Seillängen ausgewiesen, was aber (zumindest aktuell) überhaupt keinen Sinn macht. Der mittige NH-Stand ist von eher bescheidener Qualität, liegt rechts aussen abseits vom Schuss und sorgt in der Schlüsselstelle für einen wirklich ungünstigen Seilverlauf. Zudem reicht das Seil tiptop für die Verbindung, und auch Seilzug ist kein Faktor. Anyway, nach einem relativ einfachen Auftakt im Eis kommt bald das Pièce de Resistance der Route. Aus der Lochroute hatten wir hier ziemlich üble Stürze einer anderen Seilschaft beobachten können, und mit dementsprechend Respekt ging es ans Werk. Ein erster, felsiger Überhang will gemeistert sein - in gewissen Jahren geht der offenbar komplett im Eis, aktuell waren aber gegen 10m im Fels oder zumindest Mixed zu klettern. Drei Bohrhaken sichern die Stelle ab und damit sind die Abstände rein nach Adam Riese nicht sonderlich gross, aber die Sache hat es trotzdem in sich. Den ersten Bohri klippt man quasi aus dem Stehen unterhalb, dann die Geräte in einen seitlichen Riss, verdrehen und mit den Eisen auf Gegendruck, so dass man mit einem weiten Zug auf zwei kleine, wacklige aber positive Hooks kommt. Nun ist es noch ein weiter Zug zu einem grossen Plateau - dort gibt's leider keine schöne Vertiefung, aber halb im Dreck hielt die Haue dann doch... Absolutes Vertrauen in dieses mässig sitzende Gerät ist aber unabdingbar, denn schliesslich muss von hier ziemlich zwingend der nächste BH bei eher schlechten Trittmöglichkeiten geklippt werden. Ein Abgang hier wäre total ungeschmeidig, weil a) der nächste BH unter dem Überhang weiter innen steckt und man b) aufs flachere Eis darunter fällt. Anyway, der Klipp gelang, nun galt es noch dranzubleiben, um in nicht mehr so schwerem, aber dafür athletischem Gelände an passablen Hooks zu einem weiteren BH, einem guten Cam 0.75-Placement und dann ins Eis zu gelangen. Dort lassen die Schwierigkeiten rasch nach, und genüsslich erreicht man den nächsten, bequemen Stand. Mit der richtigen Beta (man kann dem Vorsteiger ideal zuschauen) ging es für mich im Nachstieg ohne grössere Schwierigkeiten. Trotzdem, M7 ist wohl die allerunterste Grenze für die hier wartenden Schwierigkeiten, ich fand diese Länge zudem auch schwerer und zwingender wie die folgenden beiden - die Stelle vom ersten zum zweiten Bolt ist sicherlich die Vorstiegscrux der Route.

Detail und BH-Platzierung in der mit M7 bewerteten L2.
Der Vorsteiger unterwegs, die heikelste Passage ist eben gemeistert.
Stilstudie des Nachsteigers im Softeis-Schild zum Stand hoch. Sieht ganz locker aus, die gepumpten Arme erkennt man nicht...
L3, 30m: Jetzt stand der berühmte Quergang und damit gemäss Topo die Crux im Grad M7+ an. Ich war fest entschlossen, hier im Vorstieg angreifen zu wollen. Einerseits schien mir diese Querung, warum auch immer, in Ferndiagnose gut machbar. Andererseits vermutete ich, dass es wohl im Nachstieg auch nicht unbedingt angenehmer sein würde, was sich dann in der Praxis durchaus bestätigte. Also ging es los: der Beginn ist noch human, an einem schönen Mocken Eis klettert man zum Beginn des berühmt-berüchtigten Dachquergangs hin. Die letzte Schraube platziert gilt es nun ernst, nun sitzen nur noch 2 nach oben eingeschlagene NH als Sicherung für den Quergang. Dessen Schwierigkeiten hängen natürlich arg von der Eismenge, dessen Qualität und nicht zuletzt auch von der Körpergrösse ab. In gebückter Haltung arbeitet man sich nach rechts, die Ellenbogen sind meist auf Kniehöhe wenn nicht noch tiefer, was natürlich das Einschlagen der Pickel jetzt auch nicht unbedingt vereinfacht. Weil jedoch dafür generell eh nicht üppig Eis vorhanden war, schien es sowieso gescheiter die vorhandenen Strukturen zum Hooken zu nutzen. Antreten konnte man meistens im Eis, nur zwischendurch musste mit den Eisen zwingend auf dem plattigen Fels gekratzt werden. Immerhin ist der psychische Anspruch hier vorerst nicht allzu gross, dank den NH im Dach oberhalb fühlt man sich beinahe wie im Toprope, über die Qualität der Sicherungen verlieren wir hier jetzt lieber mal keinen weiteren Gedanken. Nach der Hälfte des Quergangs ändert das dann: man steigt nach rechts hinaus und es kommt keine Sicherungsmöglichkeit mehr. Plötzlich wurde mir gewahr, dass nur noch eine Möglichkeit blieb, nämlich die Flucht nach vorne. Ein Placement war keines mehr vorhanden und ich spürte, wie meine Kräfte im Schwinden begriffen waren. Hier ewig an einer Sicherung rumzufummeln war keine Option. Das Weiterklettern ging aber gut, zuletzt konnte ich dann sogar nochmal einen Cam der Grösse 0.4 in einen Riss stopfen, um die letzten und etwas einfacheren Meter zum Stand abzusichern. Total gepumpt und voller Adrenalin kam ich dort an. Wow, welch ein Erlebnis! Das war jetzt echt einer der eindrücklichsten und bewegendsten Vorstiege in meinem bisherigen Kletterleben gewesen. M7+ an Trad Gear, kaum zu fassen!

Auf geht's! Am Eindrehen der letzten Schraube, bevor es mit dem Quergang (M7+) ernst gilt.

Die kurze Felspassage gemeistert und mit dem zweiten NH die letzte fixe Sicherung geklippt.

Die super exponierte Position am Ende des Dachs. Nun einfach ja durchziehen und nicht stürzen...

Die typische und charakteristische Position für diesen Quergang. Nachhaltiger Muskelkater ist garantiert!

Trotz Eis und Kälte total durchgeschwitzt aber total happy am Stand. Das war jetzt echt sowas von genial!

Schlusspassage zum Stand hin, kaum zu glauben, dass ich das vorgestiegen bin!
L4, 60m: Zum Zurücklehnen war es aber noch zu früh, es wartet eine weitere, überhängende Felspassage, bevor es erst über einen Eisvorhang hinweggeht, um dann in reiner Eiskletterei über das grosse Schild den Ausstieg zu erreichen. Gut, dass hier der Vorsteiger durchaus eine Weile beschäftigt ist, so konnte ich mich etwas erholen, bevor es wieder ernst galt. Ohne Sicht- oder Rufkontakt erfolgt der Aufbruch, aufgrund der langen Seillänge und damit verbundenen Seildehnung würde ein Nachsteiger-Sturz hier auch mehrere Meter in die Tiefe führen, so dass man danach im sicher Leeren baumelt. Somit muss hier auch der Nachsteiger zwingend etwas Können und Psyche aufweisen. Mir gelang's, die Ropeman am Gurt konnten ungenutzt bleiben, die Kletterei entpuppte sich als einfacher wie zuerst befürchtet. Das Terrain ist wohl steil, aber der Fels ziemlich grossblockig und strukturiert, was natürlich das Fortkommen entsprechend erleichtert. Teilweise klettert es sich nach meinem Geschmack in diesem grossgriffigen Gestein mit den Händen sogar einfacher wie mit den Geräten. Die M7-Stelle ist mit 2 NH und je einem Fixkeil und -cam ganz ordentlich gesichert, selber nachlegen kann auch noch wer will. Allerdings sei noch erwähnt, dass die Felsqualität hier nicht über jeden Zweifel erhaben ist, einer der Blöcke wackelte jedenfalls bedenklich - hielt aber dem alternativlosen Rupfen daran dennoch Stand. Aus dem schweren Fels geht's dann direkt im Eis über den Vorhang hinweg, diese Passage ist etwas athletisch und da man aus Sicherheitsgründen erst nicht schrauben kann/sollte, auch etwas kühn. Hat man dann die ersten Meter im Eis gemeistert, so lässt es sich aber prima schrauben und man kann genüsslich im anhaltend steilen WI4+ Gelände weitercruisen, bis man kurz vor Seil aus den BH-Stand am Ende des Eisschildes erreicht.

Auftakt in die 60m lange L4, erst mit einer weiteren Passage M7, danach Eiskletterei ungefähr im Grad WI4+.
Am Stück geklettert leider nicht sehr fotogen, für diese Stilstudie beim letzten Pickelschlag reicht's gerade noch.
Glücklich gratulieren wir uns zur Begehung dieser sehr eindrücklichen Route. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich es mir kaum träumen lassen, überhaupt in eine solche Linie einzusteigen, geschweige denn darin auch noch eine vernünftige Vorstiegs-Figur abzugeben. Aber der eigene Horizont lässt sich eben doch immer wieder verschieben, wenn man entsprechend will, daran glaubt und daran arbeitet. So, nun aber genug der Philosophie. Mit einem 60m-Abseiler reicht es direkt runter, vorbei an den bedrohlich hängenden Zapfen, an den Stand der Lochroute. Es ist jener, wo ein Bohrhaken gefährlich in einer hohlen Schuppe steckte. Die Schuppe wurde aber aus Gründen der Sicherheit entfernt und liegt nun schön handlich auf dem Band unterhalb. Wie man sehen kann, steckte der ca. 5cm lange BH in einer ziemlich exakt solch dicken Schuppe, die offensichtlich auch nicht mehr hielt als sie versprach. Demzufolge hat man an dieser Stelle zum Abseilen aktuell nur noch einen einzigen Bohrhaken zur Verfügung. Anyway, dieser Haken hielt, und so reichte es mit einem weiteren, gestreckten Abseiler retour ins etwas höher gelegene Gelände ob dem Einstieg.

Dort wo sich der Hundekopf befindet, steckte einst der zweite Standbohrhaken...
Hier nützt er zwar nicht mehr viel, richtet aber auch kein Unheil mehr an. Die Schuppe hätte beinahe im Hosensack Platz...
Es war zwar noch nicht allzu spät, aber wir waren gut bedient, das gesteckte Ziel war erreicht. Allerdings konnte ich bereits jetzt fühlen zu welchem Preis, sowohl mein Bizeps, meine Rumpfmuskulatur wie auch auch meine Beine waren arg ausgepumpt. Dieser Art der Kletterei, in diesen Schwierigkeiten ist für mich jedenfalls unglaublich intensiv. Ich will nicht bestreiten, dass bessere Kletterer locker durch die Bück Dich spazieren und es an meiner mangelnden Technik und deren Kompensation durch übermässigen Krafteinsatz liegt. Aber alles zu geben was man hat ist auch toll. Obwohl es rein zeitlich noch möglich gewesen wäre, sahen wir davon ab, noch in eine weitere Route einzusteigen. Im Blue Magic bewarfen sich wieder mindestens ein halbes Dutzend Seilschaften gegenseitig mit Eiswürfeln und Eisgeräten, und auch im Oeschiwald schien jede Route besetzt zu sein. So tuckerten wir zeitig nach Hause und konnten so auch noch die Familie und den Arbeitgeber glücklich machen. Dass schon bald darauf ein weiteres Mixed-Highlight auf dem Programm stehen könnte, zeichnete sich bereits an unseren Diskussionen auf dem Heimweg ab. Indessen hiess es, sich gut zu erholen und für den nächsten Klettertag bereit zu sein.

Die Abseilerei ist an Luftigkeit auch kaum zu überbieten und an diesen Daggern vorbei auch super eindrücklich!


Facts

Kandersteg - Bück Dich - ED IV M7+ - 4-5 SL, 165m - Stofer/Duthiers 2001 - *****
Material: 10 Schrauben, Keile 4-9, Camalots 0.3-1, 2x60m-Seile zum Abseilen praktisch

Genialer Mixed-Klassiker im berühmten Staubbach-Sektor ob Kandersteg. Die Kletterei ist anhaltend interessant, mit abwechslungsreicher Eiskletterei und eindrücklichen Mixed-Passagen, wobei der berühmte Dach-Quergang der Sache die Krone aufsetzt. Wäre die Route noch ein wenig länger, so würde man sie wohl zu den allerbesten dieses Genres und Schwierigkeit zählen. Während die Standplätze durchgehend gebohrt sind, stecken sonst nur noch in der ersten Mixed-Länge drei Bohrhaken. Doch auch der Rest ist mit fixem Trad Gear, Eigeninitiative und Schrauben gut absicherbar. Objektive Gefahren drohen keine, und die Gefahr durch hängende Zapfen und Eisschilder ist überschaubar, wenn auch nicht null. Insgesamt eine sichere und zugängliche Route, welche einen guten Einstieg ins fortgeschrittene Mixed- und Eisklettern erlaubt, dabei aber noch nicht die Ernsthaftigkeit der ganz grossen (Breitwangflue-)Linien besitzt.

Freitag, 20. Februar 2015

Kandersteg - Haizähne (WI5+/6-)

Nachdem wir die Lochroute erfolgreich und in guter Zeit gemeistert hatten, wollten wir die weite Anreise noch mit ein paar zusätzlichen Eismetern veredeln. Dass uns sozusagen als Dessert und Nachmittagstour die bekannten Haizähne gelungen sind, ist schon bemerkenswert. Die Tour ist von solcher Eleganz und Bekanntheit, dass ich selbst dafür ohne weiteres den Weg nach Kandersteg unter die Füsse genommen hätte.

Hochformat ist zwingend. Jonas in L1 der Haizähne (WI5+/6-).
Nach unserem Abstieg vom Staubbach-Sektor herrschte im Oeschiwald zwar noch etwas Betrieb, zumindest die meisten Einstiege waren am frühen Nachmittag aber frei. Also machten wir uns wieder bereit und so stieg ich um ca. 14.45 Uhr in die erste Länge ein, welche unter dem Namen Grimm (WI4) figuriert. Sie führt in einer schönen, total 60m langen Seillänge bis aufs Band und zum Einstieg der Haizähne hoch. Es wartete kompaktes, schön plastisches Eis mit Struktur und einer Steilheit von bis zu 85 Grad. Somit eine Genusskletterei ersten Ranges, dementsprechend begehrt ist diese Route auch als Baseclimb. Wenig erstaunlich also, dass man auf 30-40m Höhe gleich mehrere Bohrhakenstände antrifft. Ich hatte inzwischen das Band und damit den Einstieg der Haizähne erreicht. Von oben tropfte es an diversen Stellen zwar gehörig, aber auf ging’s der Reihe von relativ filigranen Säulen, Wandstellen und Vorhängen entlang.

L1, 45m: Sehr schöne Kletterei in anhaltend senkrechtem Gelände. Ein paar Nischen und Bödeli ermöglichen alle paar Meter einen bequemen Rastpunkt, was die Ernsthaftigkeit dieser Seillänge doch massiv abmildert. Das Eis war soft, perfekt bissig und zudem erleichterten gute Tritte und Begehungsspuren die Sache weiter. Perfekter kann man es hier kaum erwischen, selbst wenn stellenweise eine leichte Dusche das Überziehen der Kapuze erforderte.

Nachstieg in L1 der Haizähne. Teilweise leichte Dusche, Kapuze vorteilhaft, aber kein Problem.
L2, 35m: Im Nachstieg in der Nische mit den zwei sehr hoch und in zweifelhaftem Fels steckenden BH angelangt, war die Reihe nun, äääähhh, an mir. Bisher hatte ich einen Vorstieg in den Haizähnen eher als eine Art Fernziel gesehen, doch nun stand die Sache unmittelbar bevor und zu kneifen wäre schade gewesen. Unvermindert steil bzw. über grösste Strecken senkrecht würde es weitergehen, die Säule nach dem Stand gab da gleich den Tarif durch. Die Verhältnisse waren aber auch hier perfekt und so gelangte ich Schritt für Schritt und Pickelschlag für Pickelschlag sauber und sicher zum Ausstieg.

Los geht's! Steiler Auftakt an einer Säule in L2 der Haizähne.
Dort konnten wir uns um ca. 17:00 Uhr zu dieser tollen Tour gratulieren, grosse Zufriedenheit über das erreichte stellte sich ein. Zwar waren wir uns einig, dass bei diesen perfekten Verhältnissen der sechste Eisgrad an den Haizähnen nur auf dem Papier zu finden ist. Dennoch, die oberen beiden Längen sind auf rund 80m Strecke praktisch senkrecht und wollen erst gemeistert sein! In zwei Abseilern gelangten wir aufs Band, bzw. den obersten BH-Stand der unteren Stufe zurück, von wo es retour auf den Boden ging. Nachdem das Gear eingepufft war, ging es zurück zum Bahnhof. Nach eine Kafistop konnten wir im Zug gemütlich die Beine hochlagern und neue Pläne schmieden. An Tagen wie diesen... würden wir noch manche Abenteuer erleben können!

Erst die letzten Meter zum Top der Haizähne sind dann nicht mehr ganz so anhaltend.
Facts

Kandersteg - Grimm/Haizähne - TD III WI5+/6- - 3-4 SL, 140m - Jasper/Jaerschky 1993 - ****
Material: 10-12 Schrauben, auch mit 2x50m-Seilen gut machbar

Ein grosser Klassiker im Oeschiwald. Auftakt bis aufs Band über die schöne Kompakteislänge Grimm. Obenraus folgen die Haizähne dann einer ästhetischen Linie, welche sich entlang von einigen Säule durch die auf rund 80m praktisch durchgehend senkrechte Wand hochhangelt. In solchem Gelände sind die Schwierigkeiten natürlich stark von den Verhältnissen abhängig. Nicht selten sind diese aber gut, in diesem Fall erleichtern Begehungsspuren die Sache oft zusätzlich. Bis auf die überall hängenden Eiszapfen drohen keine objektiven Gefahren.

Sonntag, 15. Februar 2015

Kandersteg - Lochroute (WI5)

Der Eiskletterwinter fand in den vergangenen zwei Wochen statt. Zumindest für mich, wahrscheinlich gilt das aber auf der Alpennordseite ziemlich generell. Mich haben all die Jahre gelehrt, dass es insbesondere im Eis rein gar nichts bringt, Routen in schlechten Verhältnissen erzwingen zu wollen. Man muss die Geduld haben, auf den richtigen Moment zu warten und dann zuschlagen. Natürlich braucht es auch immer etwas Glück, damit es dann wirklich aufgeht. Dieses Mal war es mir wirklich hold, deshalb werde ich hier in den nächsten Tagen die Perlen der Eissaison 2015 präsentieren.


Den Auftakt macht die Lochroute im Sektor Staubbach bei Kandersteg. Sie wurde bereits im Jahr 2000 erstbegangen, fand aber lange relativ wenig Beachtung. Wenn man in diesen Sektor pilgerte, dann für die beiden schillernden Fälle Blue Magic und Rübezahl. Denn obwohl die Lochroute sehr interessante Kletterei bietet, so fehlt ihr die plakative Linie, welche die beiden anderen Fälle haben. Im Winter 2013 war die Lochroute dann in sehr guten Verhältnissen, mit entsprechend vielen Begehungen. Das war der Zeitpunkt, wo auch wir sie auf die Projektliste gesetzt hatten. Nun, zwei Jahre später wagten wir einen Versuch, ohne genaue Kenntnisse über die aktuellen Bedingungen zu haben. Nach einer gemütlichen Anfahrt mit dem Zug und dem ca. 45 Minuten dauernden Zustieg zum Wandfuss konnten wir um 9.45 Uhr mit der Kletterei beginnen. Vor und nach uns war je eine Seilschaft auf Platz, welche aber beide die Mixed-Linie Bück Dich klettern wollten.

Der Sektor Staubbach mit Blue Magic (links), Bück Dich/Finderlohn (mittig) und der von uns gekletterten Lochroute.
L1, 35m: Interessante Auftaktlänge mit einer ziemlich homogenen Steilheit von rund 80 Grad, welche meistens nicht üppig vereist ist. Das war auch dieses Mal so, doch liess sich dieses Teilstück gut klettern und auch sauber absichern. Gut strukturiertes Eis und Begehungsspuren ermöglichten es mir im Nachstieg, die ganze Länge ohne einen einzigen Pickelschlag zu klettern. Die Schwierigkeit würde ich auf ca. WI4- veranschlagen.

L2, 35m: Während Bück Dich nach links zieht, müssen wir rechts weiter. Im Vergleich zu L1 wird es noch ein bisschen steiler und erreicht auf ein paar Metern um die 85 Grad. Man erreicht dann eine kurze Verflachung (Schneefeld), wo man den NH-Stand links aber auslässt. Mit interessanter bouldriger Kletterei über Balkone und Überhänge hinweg erreicht man das nächste Band mit Stand an BH. Diese Länge ist als ca. WI4 einzustufen.

Jonas folgt in L2
Ganz schlechter Standplatz am Ende von L2. Der Bohrhaken steckt in einer dünnen, brüchig-losen Schuppe. Als ich 3 Tage später das nächste Mal vor Ort war, waren sowohl Schuppe wie Bohrhaken bereits entfernt. Folglich muss man aktuell an dieser Stelle an 1 BH Stand machen und auch Abseilen. Wenigstens steckt dieser in soliderem Fels.
L3, 50m: Vom Stand quert man horizontal nach rechts hinaus, um dann über Schnee und/oder Mixed-Terrain aufwärts in die grosse Verschneidungs-/Kaminrinne hinein zu steigen. Der Beginn ist von der Steilheit her noch moderat und problemlos, später wird es dann steiler. Bei optimaler Vereisung ginge die ganze Länge vermutlich sogar als WI3 oder WI3+ durch. Das Problem war aber, dass es hier wie oft nur sehr wenig Eis hatte, man muss eher von dünner Glasur sprechen. Zuverlässige Schrauben konnten nicht gesetzt werden, also mussten Absicherung wie Kletterei zumindest teilweise im Fels stattfinden, was jedoch auch nicht nach Belieben möglich ist. Bei diesen Verhältnisse ist diese Länge eher als M4+ bis M5 zu werten.

Blick auf das Couloir/Kamin, in welchem der zweite Routenteil verläuft. Hier im Vordergrund ist L3 sichtbar.

Detail von L3 beim Abseilen. Wenig Eis hier, zu wenig zum Schrauben, zum Klettern geht's grad so.
L4, 30m: Nun standen wir tief in der Kaminrinne an einem Klemmblockstand vor der nominellen Schlüsselstelle. Hier bildet der Kamin eine ca. 8m hohe, überhängende Nische. Bei optimalen Verhältnissen wächst von oben eine Säule herunter, dank welcher man hier mit ca. WI5 hochkommt. Aber nix da, es hat zwar etwas Eis, doch die Säule reicht nicht bis zum Boden, ist sehr dünn, glasig-fragil und unkletterbar. Wir haben ja das Felsgear dabei, also versucht sich Jonas direkt am überhängenden Kamin. Zentimeter um Zentimeter schiebt und klemmt er sich höher, eine erste Sanduhr bietet dabei Sicherheit. Kurz bevor es endgültig prekär wird und zwingend der Wechsel an die Säule erfolgen muss, lässt sich ein Friend in den Riss schieben und schliesslich unbequem weit im Grund eine weitere Sanduhr fädeln. Jonas bezeichnet diese zuverlässige Sicherung treffend als Game Changer und tatsächlich: auf diese Weise gut gesichert, überwindet er den maroden Vorhang sauber. Der Weg nach oben zum nächsten Stand erfordert dann nur noch Eiskletterei um WI4 herum. Insgesamt muss man bei dieser Länge aktuell aber von M5+ bis M6 sprechen.

Blick aus der Nische hinaus auf die Schlüsselstelle
So sieht es hier bei guter Vereisung aus. Bild von Februar 2013 von Schuff Vince.

Blick beim Abseilen auf die Schlüsselstelle und die Nische runter. Schon steil hier, und schlechtes Eis.
L5, 50m: Zum Abschluss gibt es nochmals eine sehr spektakuläre Länge mit der namensgebenden Passage durchs Loch. Vom Stand weg kommt aktuell eine erste Stelle diagonal nach rechts hinauf, die ebenfalls Mixed und ca. M4 ist. Im Felsenfenster selber dann wartet sehr gutes Eis, nur den Durchschlupf habe ich mir einfacher vorgestellt. Beim ersten Versuch bleibe ich doch tatsächlich stecken und muss nochmals runter. Im zweiten Ansatz richte ich den Körper dann etwas anders aus und komme durch. Nun wartet bis zum Ausstieg noch Plaisir-Eiskletterei im Grad WI3.

Durch dieses Loch musst Du gehen... zu viel Körperfülle ist eher hinderlich.
Blick vom Eingang des Loch zurück auf den letzten Standplatz.
Um 13.15 Uhr sind wir am Top angelangt. Das war jetzt wirklich eine sehr coole Begehung, die uns in jeder Hinsicht gefordert hat. Die Kletterei abwechselnd und herausfordernd und trotzdem lief es gut und zügig, was will man mehr?!? Tja, vielleicht noch ein paar zusätzliche Eismeter! Dementsprechend machen wir uns ans Abseilen. Vom Top sind es direkt runter 60m zurück zum Klemmblock, dann nochmals 50m aufs Band, von welchem man in gestreckten 60m gerade den etwas höher gelegenen Grund links vom eigentlichen Einstieg erreicht. Nach einem Schluck Tee und einer kurzen, aber ergebnislosen Suche nach der abgeworfenen BD-16er-Schraube machen wir uns auf den Weg zum nächsten Testpiece, über welches an dieser Stelle demnächst berichtet wird.

Imposanter Tiefblick beim Abseilen auf den Routenverlauf. Schon ziemlich steil hier!
Facts

Kandersteg - Lochroute - TD IV WI5 oder M5-M6 - 5 SL, 200m - Schäli/Abächerli 2000 - ****
Material: 10 Schrauben (eher auf der kurzen Seite), Keile 4-9, Camalots 0.3-1

Sehr interessante und etwas alpin anmutende Linie, welche nach zwei normalen Eiskletterlängen durch ein enges, teilweise kaminiges Couloir führt, aus dessen letzter Arena ein Felsenfenster (eben das Loch) einen erstaunlichen und einfachen Ausweg bietet. Bei üppig Eis handelt es sich um eine reine und auch gar nicht extrem schwere Eiskletterei. In manchen Wintern sind aber diverse Passagen Mixed, davor sollte man sich also nicht scheuen und auch etwas Felsgear mitführen. Zu- und Abstieg wie auch die Route sind bei normalen Verhältnissen lawinensicher. Zu beachten ist die Gefahr durch Eisschlag von den grossen Zapfen von Finderlohn und dem Direktausstieg Sepsis - nur bei kalten und trockenen Bedingungen einsteigen!