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Sonntag, 1. März 2015

Breitwangflue - Alphasäule (WI6+)

Die Breitwangflue ist für das Schweizer Eis- und Mixedklettern das, was die Wendenstöcke fürs alpine Sportklettern sind. Nämlich der Ort, wo die Routen mit Anspruch, Nimbus und Qualität behaftet sind. Rund ein Jahr nach meinem ersten Besuch für den grossen Eisfall-Klassiker Crack Baby sollte es nun zum Ende der Eissaison zu einer Reprise kommen. Geklettert wurde schliesslich die Alphasäule, gekommen ist das wie folgt.

Nach unseren jüngsten Erfolgen beim Eis- und Mixedklettern diskutierten wir unsere Pläne mit viel Selbstvertrauen und hatten in erster Linie eine der anspruchsvollen Touren im linken Wandteil im Visier. Doch schliesslich entwickelten sich die Dinge etwas anders: nach einer anstrengenden Woche mit viel Arbeit und Kinderbetreuung aber wenig Schlaf setzte mir der nächtliche Aufbruch daheim deutlich mehr zu als sonst. Im Gegensatz zum Vorjahr schien so schon nur der Zustieg gegen die Alp Giesenen hinauf wie eine kleine Ewigkeit. Kommt hinzu, dass am Vortag rund 25cm Neuschnee gefallen war, durch welchen wir anstrengend mit den Schneeschuhen zu spuren hatten. Das Wetter tat noch das seinige hinzu, im Aufstieg fiel nach wie vor etwas Schnee, und auf einige Aufklarungen mit freier Sicht folgte wieder dichter Nebel.


So standen wir also unter der bedrohlichen Fluh, und zumindest mein Mumm für eine harte Mixedkletterei war arg zusammengeschrumpft. Ich versuchte mir möglichst wenig davon anmerken zu lassen und liess meinem starken Kletterpartner freie Routenauswahl. Doch auch er konnte sich dem eher grimmigen Ambiente nicht entziehen, so dass wir uns für die auf dem Papier noch etwas moderatere Damokles (M7+) entschieden, und den linken Sektor mit seinen Hammertouren auf ein nächstes Mal verschoben. Unter dem Betasektor angelangt, zeigte sich, dass wir die Startnummer 3 gezogen hatten. Das hätte soweit kein Problem dargestellt, wollten die anderen Seilschaften sich doch an der Alphasäule und an den Elementarteilchen (M8) versuchen. Schliesslich sollte aber nochmals alles anders kommen...

Die erste Seilschaft war nicht eben zügig unterwegs und tat sich mit der etwas ungeschmeidigen Eisqualität in den ersten Seillängen schwer. So hatten wir uns auf eine längere Wartezeit am Wandfuss einzustellen und unsere Entscheidung beinahe nochmals überworfen. Bereits etwas ermattet vom Aufstieg begann sich nun auch noch ein unangenehmes Fröstelgefühl einzustellen. Statt an der Grenze meines Könnens in Eis und Fels zu klettern, hätte ich mir dort zeitweilig lieber ein warmes Bad und einen bequemen Liegestuhl zum Ausruhen gewünscht. Um etwa 11.00 Uhr waren wir dann aber doch an der Reihe, die erste Seilschaft hatte in der zweiten Seillänge das Handtuch geworfen und die Bahn frei gemacht.

Unsere Vorgänger im Kompakteisschild der ersten Länge, die Eisqualität war hier nicht über jeden Zweifel erhaben.
L1, 40m: Erst ein Kompakteisschild mit rund 80 Grad Neigung, dann quert man auf einem Schneeband nach rechts. Bevor man über blumekohliges Eis zur folgenden Säule hinaufsteigt, besteht eine Standmöglichkeit (NH, Cams, evtl. Schrauben weiter rechts). Alternativ kann man auch am Säulenbeginn geschützt dahinter Stand beziehen. Während man rein von Neigung und Morphologie her hier wohl nur WI3+ geben würde, so war das ziemlich spröde, glatte und teilweise mit einer Kruste versehene Eis unangenehm zu klettern - ein herber Auftakt.

Yours truly am unteren Stand nach L1, die eine Seilschaft setzt eben zum Rückzug an.
L2, 50m: Hier wartet die erste steile Säule mit einer längeren senkrechten Passage von rund 30m. Zu Beginn will sogar ein Überhang geklettert sein, Unterarme und Technik werden also zum ersten Mal getestet. Im Vergleich zu dem was weiter oben folgt, ist's aber trotzdem eher noch Zustiegsgelände. Dennoch, die Schwierigkeiten hier waren mit Sicherheit weit über jenen der kürzlich gekletterten Haizähne (WI5+/6-) anzuordnen. Die Absicherbarkeit war zwar ok, dennoch konnten hier nicht überall perfekt zuverlässige Schrauben à discretion angebracht werden. Im gestrigen Zustand würde ich hier das erste Mal den Grad WI6 vergeben.

Diverse krasse Zapfen hat es schon an der Breitwangflue. Hier die dieses Jahr nicht durchgewachsene Betasäule.
L3, 60m: Schräg nach rechts hinauf zielt man zum Sockel der dieses Jahr nicht gewachsenen Betasäule. Über weite Strecken ist es nicht sehr steil, dafür war das Eis dort teilweise etwas überschneit und krustig. Am Säulenkonus selber wartet dann aber trotzdem noch eine steile Stelle an Blumenkohlen und Blüten, wo sogar ein kurzer Überhang geklettert sein will, auch nicht ganz einfach abzusichern dort. Insgesamt ist hier wohl so WI4/4+ zutreffend. Verblüffend ist dann der bequeme und geräumige Standplatz hinter der Beta- und Alphasäule. Hier könnte man im Schutz des Überhangs sogar problemlos ein Zelt aufstellen! Das hatten wir zwar nicht vor, dennoch kann man sich hier ideal auf das bevorstehende Eismonster vorbereiten.

Stand, chasch cho! Abgeseilt wird durchgehend an solchen Abalakovs.
L4, 35m: Die Alphasäule ist dieses Jahr richtig fett gewachsen. Als wir an ihrem Sockel hinaufstiegen, so zeigte sich zwar, dass sie an der Basis gerissen war. Das beunruhigte uns jedoch nicht weiter, weil sie oberhalb über weiteste Strecken grundsolide mit dem Fels verwachsen war. Schon ein sehr eindrückliches Gebilde, das hier an der überhängenden Felswand klebt, mit diversen Überhängen, Balkonen und herabhängenden Zapfen. Die Kletterbedingungen waren gut, oft konnte man an passablen Löchern hooken und morsches Eis das man hätte abräumen müssen war gar keines vorhanden. Ebenso fehlten aber auch die bequemen Fusstritte, welche an den viel begangenen Routen im Oeschiwald die Begehung so erleichtern. So war die Sache einfach anstrengend, athletisch und sehr ausdauernd. Trotzdem, Move um Move mit etlichen Schüttelpausen an Ruhepunkten dazwischen ging es in die Höhe. Nach rund 30-35m erreicht man einen Durchschlupf nach links auf ein Podest, wo man entweder Stand an Schrauben beziehen kann, ebenso ist der BH-Stand der Betasäule links aussen erreichbar. Nach meinem Empfinden war die Schwierigkeit hier klar höher als im Crack Baby letztes Jahr, und das WI6+ durchaus gerechtfertigt.

Jetzt geht's loooos! Blick vom Start der Säule auf den geräumigen Platz darunter. Hier könnte man gar zelten!
Der Blick nach oben erklärt, dass es überhängende Stellen im Eis tatsächlich gibt.
Die Gegenperspektive vom Stand aus auf die Alphasäule.
L5, 35m: Weiterhin geht es betont senkrecht weiter, um einige Absätze herum muss sogar überhängend geklettert werden. Erst auf den allerletzten Metern lässt dann die Neigung und damit auch die Schwierigkeiten am (im Aufstiegssinn rechten Rand) etwas nach. Wiederum sehr erstaunlich erreicht man hier ein bequemes Band, auf welchem man hinter dem Fall durchschlüpfen kann und ideal an Schrauben bzw. vorhandenen Abalakovs Stand bezieht. Insgesamt gute bis sehr gute Eisqualität hier, solide abzusichern aber einfach steil. Gefühlt vergleichbar mit den schweren Längen von Crack Baby, WI6 sicher gerechtfertigt.

Ankunft in der Eishöhle, welche nach der steilen L5 einen sehr bequemen Stand ergibt.
Tiefblick aus dem Eisfenster zur Alp Giesenen und ins nach wie vor neblige Kandertal hinunter.
L6, 20-40m: Aus der Eishöhle hinaus wartet nochmals eine praktisch senkrechte Passage von rund 10m in gutem Eis (ca. WI5/5+), dann hat man den wesentlichen Teil der Alphasäule geklettert. Oberhalb flacht das Terrain deutlich ab. In einem Couloir kann man noch zwei weitere, lange Seillängen von moderater Schwierigkeit zurücklegen - aber Vorsicht vor Lawinen, Spindrifts und überschneitem Eis. Der oft mögliche Wechsel zu den steileren Ausstiegslängen der Route Elementarteilchen ist dieses Jahr hingegen nicht gewachsen und daher unmöglich.

Die letzten steilen Meter in L6 klettert man gleich aus der Eishöhle hinaus.
Weil die Uhr schon auf 16.00 Uhr vorgerückt war, nun auch die Sonne an den Hängen oberhalb ihre Aufwartung machte und die Ausstiegslängen sowieso unter dem frisch gefallenen Pulverschnee begraben waren, liessen wir es dort gut sein. Einerseits wäre die Kletterei von minderem Interesse gewesen, andererseits wollten wir auch nicht das Risiko eingehen, hier noch durch einen Schneerutsch in Probleme zu geraten. Also wurden die Seile eingefädelt und es ging, durchwegs an Abalakovs, in die Tiefe. Die Abseilerei ist an Luftigkeit und Eindrücklichkeit auch kaum zu überbieten. Frei hängend und zwischen den vielen Zapfen hindurch gleitet man im Nu in die Tiefe.

Interessante Weitwinkel-Perspektive beim Abseilen. Links die Beta-, rechts die Alphasäule.
Abseilerei über L3, oben nochmals gut sichtbar das Eismonster der Alphasäule.
Bald darauf standen wir wieder im tiefen Pulverschnee am Wandfuss. Die dritte Seilschaft hatte ihre Bemühungen, unterdessen in der Tsunamix, auch aufgegeben. Wir räumten zügig unser Gear zusammen, schnallten die Schneeschuhe ab und stiegen dem Tal entgegen. 50 Minuten nach Aufbruch trafen wir dort ein. Auf dem Heimweg blieb genügend Zeit, um Bilanz zu ziehen. Schliesslich war es ganz anders gekommen wie geplant - doch an der Breitwangflue gibt es weder schlechte noch einfache Routen, somit gibt es auch an der Alphasäule rein gar nix zu meckern. Das ist eindrücklichstes Eisklettern der höchsten Güteklasse! 

Unsere "Nachbarseilschaft" kämpft in der M8-Länge von Tsunamix.
Verbleibt noch die Frage, welches denn nun die einfachste Route an der Breitwangflue ist: Crack Baby oder die Alphasäule? Nun denn, nebst ein paar einfacheren und flacheren Seillängen haben beide ein 60m langes Stück, wo anhaltend senkrecht oder leicht darüber geklettert wird. Bei Crack Baby folgen danach gleich nochmals zwei vertikale, aber nicht mehr ganz so extreme Längen. Bei der Alphasäule zieht man als Vergleich die steile Länge im "Zustieg" und das letzte Steilstück heran, was in Summe etwas weniger (ca. 20-30) an steilen Metern ergibt. Dafür ist Crux, d.h. die Alphasäule selber eher steiler und wilder. Insgesamt geben sich die beiden Routen wohl nicht viel, beides sind anspruchsvolle Touren, welche sich rein im steilen Eis abspielen.

Yo, da wirsch halb zum Schneemaa, hey! Happy über die gelungene Tour :-)
Facts

Breitwangflue - Alphasäule - ED V WI6+ - 8 SL, 370m - Weber/Haberstock 1999 - *****
Material: 14-16 Schrauben, 2x60m-Seile empfehlenswert

Auch wenn die Alphasäule nicht ganz denselben Bekanntsheitsgrad wie Crack Baby nebenan hat, so handelt es sich dennoch um einen der besten und eindrücklichsten Eisfälle der Alpen. Dem berühmten Bruder steht sie jedenfalls in nichts nach, die nicht jedes Jahr gewachsene Säule an der Schlüsselstelle ist vermutlich sogar noch einen Tick wilder. Falls sie nicht vorhanden ist, so kann die Stelle auch im Fels bewältigt werden und läuft dann unter dem Namen Alpha Rocker. Die Bewertung ist dann stark von der Eismenge abhängig. Man bedenke: die Routen an der Breitwangflue sind nochmals von einer ganz anderen Schwierigkeit und Ernsthaftigkeit wie die viel öfter begangenen Routen in den Sektoren Staubbach und Oeschiwald. Selbst eine Route wie Bück Dich (M7+) kam mir subjektiv einfacher vor wie die Alphasäule. Zudem drohen an der Breitwangflue alle alpinen Gefahren, von Lawinen über heftige Spindrifts, überschneitem Eis bis hin zum Eisschlag von kollabierenden Zapfen, Vorhängen oder gleich ganzen Eisgebilden.

Montag, 23. Februar 2015

Kandersteg - Bück Dich (M7+)

Auch wenn mein Blog dadurch von den Bots in eine komplett falsche Ecke gerückt wird: benannt ist der von uns gekletterte, grosse Mixed-Klassiker nach dem nicht ganz jugendfreien Rammstein-Song Bück Dich. Inspiriert ist dieser Name von der charakteristischen, sehr ausgesetzten Mixed-Traverse unter und über einen grossen Dach, die man durchwegs mit den Knie auf Ellenbogenhöhe klettert. Die Vögelein hatten uns von guten Bedingungen gezwitschert, und so machten wir uns erneut auf den Weg nach Kandersteg, dem Epizentrum der Schweizerischen Eis- und Mixedkletterei.

Blick auf die tolle Linie der Bück Dich im Sektor Staubbach bei Kandersteg.
Nach einer reibungslosen Anfahrt starteten wir den Zustieg um ca. 7.45 Uhr und standen eine gute halbe Stunde später unter dem Staubbach-Sektor. An diesem Tag waren wir als erste Kletterer zugegen. Ein kleines bisschen reizte es mich ehrlich gesagt, zum Aufwärmen noch den extrem begehrten Blue Magic (WI5+) anzupacken. Andererseits, wenn man sich auf eine schwere(re) Route vorbereitet und eingestellt hat, so ist es irgendwie auch komisch, dann doch zuerst woanders einzusteigen, zudem waren in der Bück Dich unsere vollen Kräfte gefragt. So machten wir uns wenige Tage nach dem letzten Mal wieder in derselben Grotte am Wandfuss der Lochroute bereit. Um ca. 8.45 Uhr startete ich mit der ersten Länge.

L1, 35m: Das letzte Mal hatte ich diese ziemlich homogen 80 Grad steile Länge mit eher wenig Eis im Nachstieg begangen und dank dem extrem strukturierten Eis keinen einzigen Pickelschlag tun müssen. Aber schon erstaunlich, wie sich das Eis innerhalb von nur wenigen Tagen verändert, obwohl an dieser Stelle kein Wasser fliesst. Es war viel glatter geworden, die Hooks waren längst nicht mehr so gut, ohne zu Schlagen zu klettern erschien mir absolut unmöglich. Genussvoll und gut abzusichern war es aber weiterhin, WI4- als Grad immer noch passend.

Yours truly unterwegs in L1 (WI4-), welche für die Lochroute und Bück Dich gemeinsam ist.
Quasi ein Pendant zu Ötzi, dieser BH am ersten Stand.
L2, 40m: Im Topo vom Hot Ice wird diese Teilstrecke als zwei Seillängen ausgewiesen, was aber (zumindest aktuell) überhaupt keinen Sinn macht. Der mittige NH-Stand ist von eher bescheidener Qualität, liegt rechts aussen abseits vom Schuss und sorgt in der Schlüsselstelle für einen wirklich ungünstigen Seilverlauf. Zudem reicht das Seil tiptop für die Verbindung, und auch Seilzug ist kein Faktor. Anyway, nach einem relativ einfachen Auftakt im Eis kommt bald das Pièce de Resistance der Route. Aus der Lochroute hatten wir hier ziemlich üble Stürze einer anderen Seilschaft beobachten können, und mit dementsprechend Respekt ging es ans Werk. Ein erster, felsiger Überhang will gemeistert sein - in gewissen Jahren geht der offenbar komplett im Eis, aktuell waren aber gegen 10m im Fels oder zumindest Mixed zu klettern. Drei Bohrhaken sichern die Stelle ab und damit sind die Abstände rein nach Adam Riese nicht sonderlich gross, aber die Sache hat es trotzdem in sich. Den ersten Bohri klippt man quasi aus dem Stehen unterhalb, dann die Geräte in einen seitlichen Riss, verdrehen und mit den Eisen auf Gegendruck, so dass man mit einem weiten Zug auf zwei kleine, wacklige aber positive Hooks kommt. Nun ist es noch ein weiter Zug zu einem grossen Plateau - dort gibt's leider keine schöne Vertiefung, aber halb im Dreck hielt die Haue dann doch... Absolutes Vertrauen in dieses mässig sitzende Gerät ist aber unabdingbar, denn schliesslich muss von hier ziemlich zwingend der nächste BH bei eher schlechten Trittmöglichkeiten geklippt werden. Ein Abgang hier wäre total ungeschmeidig, weil a) der nächste BH unter dem Überhang weiter innen steckt und man b) aufs flachere Eis darunter fällt. Anyway, der Klipp gelang, nun galt es noch dranzubleiben, um in nicht mehr so schwerem, aber dafür athletischem Gelände an passablen Hooks zu einem weiteren BH, einem guten Cam 0.75-Placement und dann ins Eis zu gelangen. Dort lassen die Schwierigkeiten rasch nach, und genüsslich erreicht man den nächsten, bequemen Stand. Mit der richtigen Beta (man kann dem Vorsteiger ideal zuschauen) ging es für mich im Nachstieg ohne grössere Schwierigkeiten. Trotzdem, M7 ist wohl die allerunterste Grenze für die hier wartenden Schwierigkeiten, ich fand diese Länge zudem auch schwerer und zwingender wie die folgenden beiden - die Stelle vom ersten zum zweiten Bolt ist sicherlich die Vorstiegscrux der Route.

Detail und BH-Platzierung in der mit M7 bewerteten L2.
Der Vorsteiger unterwegs, die heikelste Passage ist eben gemeistert.
Stilstudie des Nachsteigers im Softeis-Schild zum Stand hoch. Sieht ganz locker aus, die gepumpten Arme erkennt man nicht...
L3, 30m: Jetzt stand der berühmte Quergang und damit gemäss Topo die Crux im Grad M7+ an. Ich war fest entschlossen, hier im Vorstieg angreifen zu wollen. Einerseits schien mir diese Querung, warum auch immer, in Ferndiagnose gut machbar. Andererseits vermutete ich, dass es wohl im Nachstieg auch nicht unbedingt angenehmer sein würde, was sich dann in der Praxis durchaus bestätigte. Also ging es los: der Beginn ist noch human, an einem schönen Mocken Eis klettert man zum Beginn des berühmt-berüchtigten Dachquergangs hin. Die letzte Schraube platziert gilt es nun ernst, nun sitzen nur noch 2 nach oben eingeschlagene NH als Sicherung für den Quergang. Dessen Schwierigkeiten hängen natürlich arg von der Eismenge, dessen Qualität und nicht zuletzt auch von der Körpergrösse ab. In gebückter Haltung arbeitet man sich nach rechts, die Ellenbogen sind meist auf Kniehöhe wenn nicht noch tiefer, was natürlich das Einschlagen der Pickel jetzt auch nicht unbedingt vereinfacht. Weil jedoch dafür generell eh nicht üppig Eis vorhanden war, schien es sowieso gescheiter die vorhandenen Strukturen zum Hooken zu nutzen. Antreten konnte man meistens im Eis, nur zwischendurch musste mit den Eisen zwingend auf dem plattigen Fels gekratzt werden. Immerhin ist der psychische Anspruch hier vorerst nicht allzu gross, dank den NH im Dach oberhalb fühlt man sich beinahe wie im Toprope, über die Qualität der Sicherungen verlieren wir hier jetzt lieber mal keinen weiteren Gedanken. Nach der Hälfte des Quergangs ändert das dann: man steigt nach rechts hinaus und es kommt keine Sicherungsmöglichkeit mehr. Plötzlich wurde mir gewahr, dass nur noch eine Möglichkeit blieb, nämlich die Flucht nach vorne. Ein Placement war keines mehr vorhanden und ich spürte, wie meine Kräfte im Schwinden begriffen waren. Hier ewig an einer Sicherung rumzufummeln war keine Option. Das Weiterklettern ging aber gut, zuletzt konnte ich dann sogar nochmal einen Cam der Grösse 0.4 in einen Riss stopfen, um die letzten und etwas einfacheren Meter zum Stand abzusichern. Total gepumpt und voller Adrenalin kam ich dort an. Wow, welch ein Erlebnis! Das war jetzt echt einer der eindrücklichsten und bewegendsten Vorstiege in meinem bisherigen Kletterleben gewesen. M7+ an Trad Gear, kaum zu fassen!

Auf geht's! Am Eindrehen der letzten Schraube, bevor es mit dem Quergang (M7+) ernst gilt.

Die kurze Felspassage gemeistert und mit dem zweiten NH die letzte fixe Sicherung geklippt.

Die super exponierte Position am Ende des Dachs. Nun einfach ja durchziehen und nicht stürzen...

Die typische und charakteristische Position für diesen Quergang. Nachhaltiger Muskelkater ist garantiert!

Trotz Eis und Kälte total durchgeschwitzt aber total happy am Stand. Das war jetzt echt sowas von genial!

Schlusspassage zum Stand hin, kaum zu glauben, dass ich das vorgestiegen bin!
L4, 60m: Zum Zurücklehnen war es aber noch zu früh, es wartet eine weitere, überhängende Felspassage, bevor es erst über einen Eisvorhang hinweggeht, um dann in reiner Eiskletterei über das grosse Schild den Ausstieg zu erreichen. Gut, dass hier der Vorsteiger durchaus eine Weile beschäftigt ist, so konnte ich mich etwas erholen, bevor es wieder ernst galt. Ohne Sicht- oder Rufkontakt erfolgt der Aufbruch, aufgrund der langen Seillänge und damit verbundenen Seildehnung würde ein Nachsteiger-Sturz hier auch mehrere Meter in die Tiefe führen, so dass man danach im sicher Leeren baumelt. Somit muss hier auch der Nachsteiger zwingend etwas Können und Psyche aufweisen. Mir gelang's, die Ropeman am Gurt konnten ungenutzt bleiben, die Kletterei entpuppte sich als einfacher wie zuerst befürchtet. Das Terrain ist wohl steil, aber der Fels ziemlich grossblockig und strukturiert, was natürlich das Fortkommen entsprechend erleichtert. Teilweise klettert es sich nach meinem Geschmack in diesem grossgriffigen Gestein mit den Händen sogar einfacher wie mit den Geräten. Die M7-Stelle ist mit 2 NH und je einem Fixkeil und -cam ganz ordentlich gesichert, selber nachlegen kann auch noch wer will. Allerdings sei noch erwähnt, dass die Felsqualität hier nicht über jeden Zweifel erhaben ist, einer der Blöcke wackelte jedenfalls bedenklich - hielt aber dem alternativlosen Rupfen daran dennoch Stand. Aus dem schweren Fels geht's dann direkt im Eis über den Vorhang hinweg, diese Passage ist etwas athletisch und da man aus Sicherheitsgründen erst nicht schrauben kann/sollte, auch etwas kühn. Hat man dann die ersten Meter im Eis gemeistert, so lässt es sich aber prima schrauben und man kann genüsslich im anhaltend steilen WI4+ Gelände weitercruisen, bis man kurz vor Seil aus den BH-Stand am Ende des Eisschildes erreicht.

Auftakt in die 60m lange L4, erst mit einer weiteren Passage M7, danach Eiskletterei ungefähr im Grad WI4+.
Am Stück geklettert leider nicht sehr fotogen, für diese Stilstudie beim letzten Pickelschlag reicht's gerade noch.
Glücklich gratulieren wir uns zur Begehung dieser sehr eindrücklichen Route. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich es mir kaum träumen lassen, überhaupt in eine solche Linie einzusteigen, geschweige denn darin auch noch eine vernünftige Vorstiegs-Figur abzugeben. Aber der eigene Horizont lässt sich eben doch immer wieder verschieben, wenn man entsprechend will, daran glaubt und daran arbeitet. So, nun aber genug der Philosophie. Mit einem 60m-Abseiler reicht es direkt runter, vorbei an den bedrohlich hängenden Zapfen, an den Stand der Lochroute. Es ist jener, wo ein Bohrhaken gefährlich in einer hohlen Schuppe steckte. Die Schuppe wurde aber aus Gründen der Sicherheit entfernt und liegt nun schön handlich auf dem Band unterhalb. Wie man sehen kann, steckte der ca. 5cm lange BH in einer ziemlich exakt solch dicken Schuppe, die offensichtlich auch nicht mehr hielt als sie versprach. Demzufolge hat man an dieser Stelle zum Abseilen aktuell nur noch einen einzigen Bohrhaken zur Verfügung. Anyway, dieser Haken hielt, und so reichte es mit einem weiteren, gestreckten Abseiler retour ins etwas höher gelegene Gelände ob dem Einstieg.

Dort wo sich der Hundekopf befindet, steckte einst der zweite Standbohrhaken...
Hier nützt er zwar nicht mehr viel, richtet aber auch kein Unheil mehr an. Die Schuppe hätte beinahe im Hosensack Platz...
Es war zwar noch nicht allzu spät, aber wir waren gut bedient, das gesteckte Ziel war erreicht. Allerdings konnte ich bereits jetzt fühlen zu welchem Preis, sowohl mein Bizeps, meine Rumpfmuskulatur wie auch auch meine Beine waren arg ausgepumpt. Dieser Art der Kletterei, in diesen Schwierigkeiten ist für mich jedenfalls unglaublich intensiv. Ich will nicht bestreiten, dass bessere Kletterer locker durch die Bück Dich spazieren und es an meiner mangelnden Technik und deren Kompensation durch übermässigen Krafteinsatz liegt. Aber alles zu geben was man hat ist auch toll. Obwohl es rein zeitlich noch möglich gewesen wäre, sahen wir davon ab, noch in eine weitere Route einzusteigen. Im Blue Magic bewarfen sich wieder mindestens ein halbes Dutzend Seilschaften gegenseitig mit Eiswürfeln und Eisgeräten, und auch im Oeschiwald schien jede Route besetzt zu sein. So tuckerten wir zeitig nach Hause und konnten so auch noch die Familie und den Arbeitgeber glücklich machen. Dass schon bald darauf ein weiteres Mixed-Highlight auf dem Programm stehen könnte, zeichnete sich bereits an unseren Diskussionen auf dem Heimweg ab. Indessen hiess es, sich gut zu erholen und für den nächsten Klettertag bereit zu sein.

Die Abseilerei ist an Luftigkeit auch kaum zu überbieten und an diesen Daggern vorbei auch super eindrücklich!


Facts

Kandersteg - Bück Dich - ED IV M7+ - 4-5 SL, 165m - Stofer/Duthiers 2001 - *****
Material: 10 Schrauben, Keile 4-9, Camalots 0.3-1, 2x60m-Seile zum Abseilen praktisch

Genialer Mixed-Klassiker im berühmten Staubbach-Sektor ob Kandersteg. Die Kletterei ist anhaltend interessant, mit abwechslungsreicher Eiskletterei und eindrücklichen Mixed-Passagen, wobei der berühmte Dach-Quergang der Sache die Krone aufsetzt. Wäre die Route noch ein wenig länger, so würde man sie wohl zu den allerbesten dieses Genres und Schwierigkeit zählen. Während die Standplätze durchgehend gebohrt sind, stecken sonst nur noch in der ersten Mixed-Länge drei Bohrhaken. Doch auch der Rest ist mit fixem Trad Gear, Eigeninitiative und Schrauben gut absicherbar. Objektive Gefahren drohen keine, und die Gefahr durch hängende Zapfen und Eisschilder ist überschaubar, wenn auch nicht null. Insgesamt eine sichere und zugängliche Route, welche einen guten Einstieg ins fortgeschrittene Mixed- und Eisklettern erlaubt, dabei aber noch nicht die Ernsthaftigkeit der ganz grossen (Breitwangflue-)Linien besitzt.

Freitag, 20. Februar 2015

Kandersteg - Haizähne (WI5+/6-)

Nachdem wir die Lochroute erfolgreich und in guter Zeit gemeistert hatten, wollten wir die weite Anreise noch mit ein paar zusätzlichen Eismetern veredeln. Dass uns sozusagen als Dessert und Nachmittagstour die bekannten Haizähne gelungen sind, ist schon bemerkenswert. Die Tour ist von solcher Eleganz und Bekanntheit, dass ich selbst dafür ohne weiteres den Weg nach Kandersteg unter die Füsse genommen hätte.

Hochformat ist zwingend. Jonas in L1 der Haizähne (WI5+/6-).
Nach unserem Abstieg vom Staubbach-Sektor herrschte im Oeschiwald zwar noch etwas Betrieb, zumindest die meisten Einstiege waren am frühen Nachmittag aber frei. Also machten wir uns wieder bereit und so stieg ich um ca. 14.45 Uhr in die erste Länge ein, welche unter dem Namen Grimm (WI4) figuriert. Sie führt in einer schönen, total 60m langen Seillänge bis aufs Band und zum Einstieg der Haizähne hoch. Es wartete kompaktes, schön plastisches Eis mit Struktur und einer Steilheit von bis zu 85 Grad. Somit eine Genusskletterei ersten Ranges, dementsprechend begehrt ist diese Route auch als Baseclimb. Wenig erstaunlich also, dass man auf 30-40m Höhe gleich mehrere Bohrhakenstände antrifft. Ich hatte inzwischen das Band und damit den Einstieg der Haizähne erreicht. Von oben tropfte es an diversen Stellen zwar gehörig, aber auf ging’s der Reihe von relativ filigranen Säulen, Wandstellen und Vorhängen entlang.

L1, 45m: Sehr schöne Kletterei in anhaltend senkrechtem Gelände. Ein paar Nischen und Bödeli ermöglichen alle paar Meter einen bequemen Rastpunkt, was die Ernsthaftigkeit dieser Seillänge doch massiv abmildert. Das Eis war soft, perfekt bissig und zudem erleichterten gute Tritte und Begehungsspuren die Sache weiter. Perfekter kann man es hier kaum erwischen, selbst wenn stellenweise eine leichte Dusche das Überziehen der Kapuze erforderte.

Nachstieg in L1 der Haizähne. Teilweise leichte Dusche, Kapuze vorteilhaft, aber kein Problem.
L2, 35m: Im Nachstieg in der Nische mit den zwei sehr hoch und in zweifelhaftem Fels steckenden BH angelangt, war die Reihe nun, äääähhh, an mir. Bisher hatte ich einen Vorstieg in den Haizähnen eher als eine Art Fernziel gesehen, doch nun stand die Sache unmittelbar bevor und zu kneifen wäre schade gewesen. Unvermindert steil bzw. über grösste Strecken senkrecht würde es weitergehen, die Säule nach dem Stand gab da gleich den Tarif durch. Die Verhältnisse waren aber auch hier perfekt und so gelangte ich Schritt für Schritt und Pickelschlag für Pickelschlag sauber und sicher zum Ausstieg.

Los geht's! Steiler Auftakt an einer Säule in L2 der Haizähne.
Dort konnten wir uns um ca. 17:00 Uhr zu dieser tollen Tour gratulieren, grosse Zufriedenheit über das erreichte stellte sich ein. Zwar waren wir uns einig, dass bei diesen perfekten Verhältnissen der sechste Eisgrad an den Haizähnen nur auf dem Papier zu finden ist. Dennoch, die oberen beiden Längen sind auf rund 80m Strecke praktisch senkrecht und wollen erst gemeistert sein! In zwei Abseilern gelangten wir aufs Band, bzw. den obersten BH-Stand der unteren Stufe zurück, von wo es retour auf den Boden ging. Nachdem das Gear eingepufft war, ging es zurück zum Bahnhof. Nach eine Kafistop konnten wir im Zug gemütlich die Beine hochlagern und neue Pläne schmieden. An Tagen wie diesen... würden wir noch manche Abenteuer erleben können!

Erst die letzten Meter zum Top der Haizähne sind dann nicht mehr ganz so anhaltend.
Facts

Kandersteg - Grimm/Haizähne - TD III WI5+/6- - 3-4 SL, 140m - Jasper/Jaerschky 1993 - ****
Material: 10-12 Schrauben, auch mit 2x50m-Seilen gut machbar

Ein grosser Klassiker im Oeschiwald. Auftakt bis aufs Band über die schöne Kompakteislänge Grimm. Obenraus folgen die Haizähne dann einer ästhetischen Linie, welche sich entlang von einigen Säule durch die auf rund 80m praktisch durchgehend senkrechte Wand hochhangelt. In solchem Gelände sind die Schwierigkeiten natürlich stark von den Verhältnissen abhängig. Nicht selten sind diese aber gut, in diesem Fall erleichtern Begehungsspuren die Sache oft zusätzlich. Bis auf die überall hängenden Eiszapfen drohen keine objektiven Gefahren.