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Montag, 6. Juli 2015

Titlis Nordwand - Lochblick (7b)

Vor erst gerade 10 Jahren wurde die schattige Titlis Nordwand als Klettergebiet entdeckt. Zwar ist sie aus dem Tal durchaus gut sichtbar, doch bleibt es von weitem ziemlich unklar, wie es denn mit der Gesteinsqualität aussieht. Rein optisch macht die Zone (auf mich) von weitem jetzt nicht den allerbesten Eindruck. Grund genug, der Sache einmal auf die Spur zu gehen. Auch wenn ich der Wand schon länger einmal einen Besuch abstatten wollte, so kann ich nun konstatieren, dass sich das Warten durchaus gelohnt hat. Nicht etwa, weil die Kletterei unlohnend wäre. Sondern, weil man hier vorzugsweise an Hitzetagen klettert. Etliche Seiten im Netz berichten von vor Kälte tauben Fingern und schlotternden Gliedern. Wir hingegen waren in der Hitzeperiode anfangs Juli 2015 genussreich im T-Shirt am Fels.

Wandansicht mit Verlauf der Route Lochblick.
Die Tour beginnt für mich leicht wie im falschen Film. Ausgangspunkt ist der Parkplatz bei der Fürenalpbahn und erst läuft man den flachen Weg zum Klettergarten Schlänggen, der mir von vielen Besuchen mit der Familie wohlbekannt ist. Dieser wird aber für einmal links liegen gelassen und bald darauf steigt man steil hinauf gegen die Hütten der Hohfaldalp (P.1439, Brunnen vorhanden). Nachdem man den Wanderweg noch rund 150m nach SSE zum Hundsbach verfolgt, steigt man vor der Brücke, meist auf schwachen Wegspuren, die Wiesenhänge in Richtung Galtigbergboden hinauf. Ist das Gelände erst von den Schafen noch brutal überdüngt und zwingt einem zum Slalom zwischen Brennesselfeldern hindurch, warten nach dem Zaun schönste Magerwiesen mit toller Alpenflora. Nach rund 900hm und 1.5h Zustieg treten wir auf rund 2000m definitiv in der Bann der steilen Wand, bzw. suchen gleich ihren Schatten auf für den Wechsel auf die Kletterausrüstung. Ja, frieren würden wir heute kein einziges Mal!

Auf der Hohfaldalp, unterwegs Richtung Galtigbergboden ins Reich der Titlis Nordwand.
Eine definitive Wahl für die Route hatten wir im Vorfeld noch nicht getroffen - das ist auch nicht so einfach möglich, da es wegen den zahlreichen losen Steinen auf den Bändern in dieser Wand wenig ratsam ist, hinter einer anderen Seilschaft einzusteigen. Doch wie es sich zeigte, waren wir an diesem Tag zwar nicht als einzige (Süpervitamin und Piccola Spada wurden ebenfalls begangen), jedoch als erste unterwegs und hatten damit freie Wahl. Diese fiel auf die wohl zugänglichste Route der Wand, den Lochblick - mit immerhin 12 Seillängen und Schwierigkeiten bis 7a+ auch ein respektables Ziel. Die Gründe lagen darin, dass wir so auch in unserer 3er-Seilschaft auf ein zügiges Fortkommen hofften, dass für den Abend eine gewisse Gewittergefahr angesagt war, sowie auch dass man ja eigentlich am gescheitesten zuerst die am tiefsten hängenden Früchte erntet und später dann immer noch eine Schippe drauflegen kann. So stiegen wir um ca. 9.30 Uhr von der einfach zu überwindenden Randkluft ein.

Auf geht's! Zwei von drei unserer Seilschaft sind bereits mit der ersten Seillänge beschäftigt.
L1, 40m, 6c: Schöne Kletterei von eher plattiger Natur an Löchern verschiedener Grösse, gut machbar. Darüber waren wir nicht unfroh, denn der Pfeiler über welchen die Route verläuft, sieht vom Einstieg aus sehr steil und unnahbar aus. Auch eine gewisse Ähnlichkeit zum Genfer Pfeiler am Eiger lässt sich nicht verleugnen. Doch nachdem die 6c der ersten Länge gut abgesichert war und die Kletterei nicht bösartiges an sich hatte, konnten wir uns guten Mutes auf den Weiterweg machen.

Unterwegs in L1 (6c), der steile Pfeiler den es zu erklettern gilt noch weit, weit weg.
L2, 35m, 6b: Es wartet eine senkrechte Zone mit steiler Wandkletterei. Hier trumpft die Wand ein erstes Mal mit ihrer typischen Struktur auf. Obwohl es von unten nicht den Anschein macht, hat es immer wieder sehr gute, positive Griffe und auch von der Festigkeit her ist es kein Problem. So passiert man diese Zone ebenfalls zügig und befindet sich bald auf der zweiten, etwas einfacheren Hälfte dieser Seillänge.

Auftakt in L2 (6b). Die Wand ist viel griffiger, als es auf diesen Fotos den Eindruck macht.
L3, 35m, 5b: Einfachere Seillänge ohne nennenswerte Schwierigkeiten, in welcher eine geneigte Plattenzone schräg nach rechts oben an meist guten Griffen und Tritten bewältigt wird.

Bald schon zu warm für den Pulli, doch das nasse T-Shirt wollte erst getrocknet werden...
L4, 25m, 6a: Grundsätzlich nochmals ähnlicher Charakter wie L3, nur ist die Wand hier bereits wieder etwas steiler und hat auch nicht mehr ganz so viel Struktur. An einer Stelle in der Mitte muss man schon einmal etwas genauer hinschauen, doch insgesamt passiert man auch diese Länge problemlos.

Hans steigt gerade die schwierigste Stelle in L4 (6a) nach.
L5, 35m, 6b: Nun wird es wieder steiler, und gleich zu Beginn will ein kleines Dächli mit einem athletischen Zug überwunden werden. In schöner Kletterei verfolgt man eine schwach ausgeprägte Verschneidung, die dann scharf nach recht hinaus verlassen wird. Achtung, Verhauergefahr ins brüchige Gelände gerade hinauf. Rechts wartet dann hingegen nochmals ein Dächli, ähnlich schwer wie das Erste.

Hier nun im zweiten Dächli am Ende von L5 (6b). 
L6, 25m, 6c: Gleich über dem Stand wartet eine steile Wandstufe, die mit ein paar athletischen Zügen an guten Griffen überwunden wird. Hat den Charakter von einem ersten, kleinen Testpiece. Bald lassen die Schwierigkeiten aber nach, und zum nächsten Stand ist es nicht mehr weit. 

L7, 50m, 7a+: Wie erwartet hatte Robert seinen Vorstiegsjob perfekt erfüllt, und sauber Onsight den sechsten Stand erreicht. Nun wurden die Seilenden gewechselt, und ich hatte gleich in die nominelle Crux der Route zu starten. Dabei will gleich zu Beginn der Seillänge ein Wulst mit ein paar athletischen Leistenzügen überwunden werden. Diese dünkten mich zwar nicht sonderlich schwierig, viel mehr lastete doch der Druck, hier die Onsight-Begehung weiterzuführen auf mir. Etwas verkrampft agierend schaffte ich es dennoch souverän, und war bald in den zweiten Teil der Seillänge entlassen, welche mit der bisher typischen, griffigen Wandkletterei im 6a-Bereich weitergeht.

In der nominellen Crux der Route (L6, 7a+). Falls nötig, so passiert man diese Stelle auch problemlos A0.
L8, 40m, 6c+: Hatten sich die Schwierigkeiten bisher auf einzelne Moves oder kurze Steilpartien beschränkt, geht es hier für einmal etwas anhaltender zur Sache. Die Linie beinhaltet etwas hin und her sowie ein paar Querungen, Halbseiltechnik ist angezeigt. Die Rechtsquerung in Mitte der Länge ist dann auch gar nicht so einfach, diverse Griffe sind hier ausgebrochen und auch meine Begleiter hatten sich im Nachstieg weiter der Felssäuberung gewidmet. Ein paar kleine, feste und positive Leisten hat es jedoch auch noch, an diesen hatte ich keine Mühe durchzuziehen. Meine Kameraden meinten, dass die angegebenen Grade von L7 und L8 eher zu tauschen seien. Mich dünkten beide Passagen in etwa ähnlich schwer.

Das ist die Schlüsselstelle von L8 (6c+). Man sieht's, die Absicherung ist auch hier sehr eng gehalten.
L9, 40m, 6b+: Vom Stand weg ein kurzes Dächli und dann ein luftiger Linksquergang auf einer Art Rampe mit nicht immer ganz perfektem Fels (dafür sehr gut abgesichert). Im zweiten Teil sind die Abstände dann etwas grösser, die anhaltende Kletterei an Henkeln in etwas versintertem Fels fand ich grandios.

Der luftige, etwas brüchige Quergang am Anfang von L9 (6b+), jedoch üppig geboltet.
Obenraus in L9 (6b+) dann tolle, griffige Kletterei mit etwas weiteren Hakenabständen.
L10 & L11, 55m, 6a+: Steile Wandkletterei an zumeist guten bis sehr guten Griffen. Wenn man 60m-Seile dabei hat, so lassen sich diese beiden Längen auch recht gut verbinden. Zumindest, wenn man die Schwierigkeiten im Griff hat, denn ein Sturz in der Steilzone nach dem Start von L11 ist beim Verbinden wegen dem Band unterhalb eher ungünstig. Aber es hat dort auch viele perfekte Henkel. Was kann ich noch sagen: L11 fand ich trotz gleicher Bewertung klar anspruchsvoller wie L10, und am Stand erreicht man das Deluxe-Wandbuch, hier hat sich Erstbegeher Sämi Speck nicht lumpen lassen. Wir trugen die insgesamt 16. Begehung der Route ein.

Ankunft beim Stand nach L11 mit dem Wandbuch, das Tal weeeiiiit unten.
L12, 50m, 6b: Zum Start über eine erste Wandstufe empor zu einem Gschirrlade, die nächste Stufe wird von links her über eine einfache Rampe gemeistert. Dann wartet das Herzstück, eine Steilstufe mit etwa 15m an athletischer Leistenkletterei. Zuletzt muss dann in wieder einfacheren, etwas unübersichtlichem Gelände der Weg noch etwas gesucht werden. Die Bolts stecken aber auch hier noch zahlreich, wahrscheinlich lagen meine Orientierungsprobleme eher dran, dass mir hier die Sonne voll frontal ins Gesicht schien.

In der letzten Länge (L12, 6b). Die Crux der Aufschwung gleich oberhalb vom Kletterer.
Um rund 15.00 Uhr hatten wir nach knapp 5.5 Stunden Kletterei das Top erreicht und konnten den Lochblick vollziehen. Hier eine komplette Onsight- (bzw. Flash-)Begehung anzubringen, hatte mich nun nicht an die Grenzen gebracht. Doch das Routenende mit dem Eindruck zu erreichen, dass auch noch mehr dringelegen wäre, ist auch kein schlechtes Gefühl :-) Bis auf ein paar tolle Tiefblicke nach Engelberg und seinen Golfplatz hat das Routenende aber nicht viel zu bieten, es befindet sich dort, wo die Wand definitiv in eine Geröllhalde der übleren Sorte übergeht. Puh, wenn sich hier ein ordentlicher Gewitterregen ergiesst, so werden bestimmt viele Steine den Weg in die Tiefe antreten! 

Der berühmte Blick durchs Loch. Das Gelände hier oben schuttig und gemeinhin wenig solide.
Auf diesen machten wir uns und fädelten die Seile in den Stand. Schon bei den ersten Abseilern zeigte sich dann klar, warum es an dieser Wand keine gute Idee ist, hinter einer anderen Seilschaft einzusteigen. Da auf den Bändern einfach viel Schutt herumliegt, ist es absolut unmöglich abzuseilen (bzw. das Seil abzuziehen), ohne dass sich dabei Steine lösen. Für einen selbst ergibt sich dabei höchstens eine geringe Gefährung, da die Standplätze entweder recht gut geschützt oder seitlich versetzt liegen. Eine andere, kletternde oder weiter unten abseilende Seilschaft wäre jedoch mit Sicherheit einem massiven Steinschlagrisiko ausgesetzt.

Finde die Kletterer: Seilschaft mit Facebook-Friends in Piccola Spada.
Da wir 60m-Seile dabei hatten, war nach 8 Manövern der Einstieg wieder erreicht. Das Topo verspricht zwar, dass auch 50m-Seile ausreichen, gerade beim Weg zum routenunabhängigen Abseilstand im oberen Teil blieben uns aber klar weniger als 10m an Restseil übrig. Vielleicht liegt es daran, dass die Seile meines Tourenpartners bereits etwas geschrumpft sind - man sei aber gewarnt, dass man mit älteren (geschrumpften) 50m-Seilen hier in die Bredouille kommen könnte. Nach etwa 1.5h hatten wir (zu dritt) wieder unser Depot erreicht, wo wir an der Sonne bei einer auch hier nur knapp erträglichen Hitze unsere Flüssigkeitdefizite ausgleichen konnten. Bald darauf waren die Schuhe geschnürt und der schwitzige Weg in die Tiefe konnte angetreten werden. Schon nach weniger als 1h marschierten wir am Klettergarten Schlänggen vorbei, wo prompt noch einige bekannte Gesichter damit beschäftigt waren, sich die Finger langzuziehen.

Obwohl's noch letzte Schneereste hat, ist's heiss und durstig hier!
Facts

Titlis Nordwand - Lochblick 7a+ (6b obl.) - 12 SL, 430m - Sämi Speck et al. 2011 - ***;xxxx
Material: 2x50m- (oder vielleicht besser, siehe Text) 2x60m-Seile, 12 Express, Keile/Friends nicht nötig

Lässige Klettertour für Hitzetage! Die von weiten unnahbar erscheinende Wand trumpft mit vielfach griffigem Henkelfels auf und ist auch genügend solide. Nur einzelne Passagen sind etwas brüchig und auf den zahlreichen Bändern liegt reichlich Schutt herum, doch solange man alleine in der Route ist und kein Gewitter niedergeht, bleibt alles im grünen Bereich. Für mich ein klarer Fall einer 3*-Route. Die Absicherung mit zahlreichen Bohrhaken ist prima ausgefallen. An einfacheren Stellen im 4./5. Grad muss man auch mal ein paar Meter über die Haken steigen, sämtliche schweren Stellen sind aber prima mit Bolts in kurzen Abständen gesichert, insgesamt xxxx. Weil diese Schlüsselstellen dazu auch noch eher kurz sind und die Bewertungen vergleichsweise milde ausfallen, ergibt sich über alles gesehen ein ziemlich gutmütiger Routencharakter, mit 6b obligatorisch kommt man sicherlich durch. Das Originaltopo von Sämi kann man hier downloaden, ansonsten gibt's im Extrem Ost oder dem SAC-Kletterführer Zentralschweiz Südwest weitere Infos. Zuletzt: im Frühling und nach Regenfällen nicht zu früh und nur bei warmen Temperaturen anrücken, sonst nass und weniger lohnend. Sofern es am Einstieg noch ein Schneefeld hat (auf dieser Webcam gut ersichtlich), so können bei Hartschnee ein Leichtpickel und taugliche Schuhe rasch ein unverzichtbares Hilfsmittel zum Erreichen des Einstiegs werden.

Mittwoch, 1. Juli 2015

Schafbergwand - Kein Wasser Kein Mond (7c)

Den Extremklassiker Kein Wasser kein Mond am westlichen Eckpfeiler der Schafbergwand hatte ich schon lange auf dem Radar. Die bereits 1985 von Martin Scheel mit mehreren Begleitern eröffnete Route geniesst weit über die Landesgrenzen hinaus Berühmtheit und ist sowohl für ihren Anspruch wie auch ihre Qualität bekannt. Auf dem Papier sieht's mit total 4 Seillängen, nur 100m Routenlänge und einem Maximalgrad von 7c gar nicht so extrem aus. Andererseits ist bis heute keine Onsight-Begehung von diesem Testpiece bekannt und ausser für Spitzenkönner handelt es sich definitiv um ein Projekt an der Grenze.

Der steile und kompakte westliche Eckpfeiler der Schafbergwand mit der Route.
So auch für meinen Kletterpartner. Obwohl er über mehrere Jahre verteilt der Route bereits ein halbes Dutzend Besuche abgestattet hatte, blieb ihm die komplette RP-Begehung bisher verwehrt. Und dies notabene, obwohl er im Klettergarten deutlich höher wie im Grad 7c unterwegs ist. Aber so viel zur Schwierigkeit der Linie nur vorweg. Seine Anfrage, ob ich ihn bei einem weiteren Versuch begleiten würde, war natürlich sehr willkommen, verschiedentlich hatte ich schon mit einer Begehung geliebäugelt, sie jedoch noch nie realisiert. So machten wir uns am Tag mit dem spätesten Sonnenuntergang des Jahres auf den Weg, um die Route im sanften und wärmenden Licht der Abendsonne zu klettern. Zumindest dieser Plan ging gut auf: nachdem wir bis Mitte Nachmittag noch der Steigerung des Bruttosozialprodukts gefrönt hatten, starteten wir um 16.30 Uhr mit der Kletterei.

L1, 35m, 7a: Die erste Hälfte von L1 bietet zwar keine schlechte Kletterei, ist aber noch etwas durchzogen mit ein paar Grasbüscheln. Die Schwierigkeiten liegen dort nur bei ca. 6a, dafür steckt ausser einem alten NH auch kein Material. Mit den Camalots 0.75 & 1 sowie einer SU-Schlinge ist das Gelände aber abzusichern. Der wesentliche Teil beginnt dann mit dem ersten der drei BH. Geht es erst noch gut an ein paar griffigen Schuppen im 6c-Bereich dahin, so beginnt der Ernst nach dem Klippen des dritten BH. Technische Kletterei verlangt gute Fusstechnik und liefert einen ersten Vorgeschmack auf das, was weiter oben noch wartet. Die Crux nach dem letzten Haken ist wohl gut gesichert aber zwingend, der folgende, einfacher werdende Runout erfordert das erste Mal Entschlossenheit. Steht man dann in einfacherem Gelände, so sichert ein mittlerer Keil oder Camalot 0.3 die letzten, einfachen 5m zum Stand hin ab.

Auftakt in L1, der Vorsteiger hat eben die selbst abzusichernde Zone überwunden und den ersten Bohrhaken geklippt.

Die Crux der ersten Länge eben sauber überwunden, hier der kleine Runout zum Stand hoch.
L2, 20m, 6c+: Paradoxerweise ist die steilste der vier Seillängen auch gleich die einfachste. Doch sie ist sehr schön! Bei sehr guter BH-Absicherung geht es athletisch über einige Wulste hinweg, ein paar wohlgeformte Löcher (die nach Niederschlagsperioden noch etwas feucht bleiben können) helfen einem dabei.

Steile Kletterei über zwei Dächlein hinweg in L2 (6c+). Super genussvoll!

Auch für yours truly ein entspannter Genuss - der Vorsteiger hat nicht einmal alle Bolts geklippt...
L3, 25m, 7c: Schon der Start entlang einem seichten Riss bis zum ersten BH ist nicht ganz einfach, ein Pre-Klipp im Anschluss an L2 ist sicherlich angenehm. Dann folgt eine knifflige Wandstelle zum zweiten Bolt, gefolgt von einer schrägen Rampe mit ausdrehendem Piaz zum dritten BH. Hier folgt nun die Crux, ein weiter und beinahe trittloser Move aus Untergriffen nach links - Reichweite hilft! Nun hat man die berühmt-berüchtigte, seichte und runde Wasserrille erreicht. Im Piaz-Style und absolut ohne Tritte muss man sich nun in die Höhe arbeiten. Sehr anstrengend das Ganze und zudem auch ohne Rastpunkt direkt nach der Crux zu meistern, somit ist auch einiges an Resi erforderlich. Zum Stand hin wird es zwar beständig etwas einfacher, bis zuletzt warten aber knifflige Züge und man kann auch noch scheitern, wenn man kurz vor dem Stand ist (ging scheinbar schon vielen so!).

Im Vordergrund der seichte Riss von L3 (7c), nun folgt die Piazrampe. Der Vorsteiger hält Ausschau nach der Crux.

Nicht mehr so entspannte Kletterei an der berüchtigten runden Wasserrille im oberen Teil von L3 (7c). Die Wand hängt hier leicht über und Tritte gibt es fast gar keine, es ist ziemlich schwierig, den Druck auf den Füssen aufrecht zu erhalten. Und hier sieht man es auch: an dieser Stelle ist der letzte BH weniger als 1m unter den Füssen. Bei dieser unsicheren Art von Kletterei fühlt sich das trotzdem wie eine kleine Weltreise an. Zudem ist's einfach auch sackschwer und diffizil, aus der Kletterstellung das Seil hochzuziehen und in die Exe einzuhängen.
L4, 20m, 7b+: Hier steckt der erste Bohri zwar nahe, dafür wartet dann ein längerer Abstand mit ganz schwerer Kletterstelle zum nächsten. An winzig kleinen, scharfen Tropflochleisten und nur minimalen Tritten will man sich für einen Dynamo an eine griffige Schuppe positionieren. Danach klippen, kurzes Schütteln, eine Untergriffschuppe anlaufen und dann eine zweite Crux in crimpy Wandkletterei, um den Riss links aussen zu gewinnen. Dort dann griffig und leichter, aber in kleinem Runout zum dritten und letzten Bolt, von welchem man mit einer letzten, athletischen Wandstelle an Löchern das Top erreicht.

Die erste Crux mit sehr kleingriffiger Wandkletterei und anschliessendem Dynamo in L4 (7b+) ist gemeistert. Eine zweite schwere Wandstelle zur Verschneidung links oben hin wartet jedoch noch auf den Akteur. Und auch an dieser kann eine RP-Begehung noch scheitern...

Nachstieg an ebendieser Stelle. Die Kompaktheit des Gesteins ist übrigens unübertrefflich!
Trotz unserem späten Start hatte die Zeit gut ausgereicht, um die ganze Route zu komplettieren. Die ersten zwei Seillängen gingen dabei flott vom Stapel und konnten im Alzheimer-Onsight bzw. Flash erledigt werden. In der Crux der dritten Länge kam die saubere Begehung dann leider beiderseits ins Stocken, doch liessen sich hier immerhin alle Moves entschlüsseln und ein Plan für einen korrekten Durchstieg beim nächsten Mal fassen. Dass dies kräftemässig nicht ohne ist, zeigte sich dann in der letzten Länge. Die bisherigen Anstrengungen hatten ihren Tribut gefordert, und wir mussten schon froh sein, überhaupt das Top erreicht zu haben. Mich persönlich dünkten dabei die Moves nach dem ersten BH von L4 die schwersten überhaupt auf der ganzen Route. Doch vielleicht war ich einfach schon platt, und da ich zu nachlässig war, um ganz unten im Haulbag zu grübeln, hatte ich auch die falschen Reifen montiert. Nach einem Handshake gelangten wir mittels Abseilen wieder zurück zum Einstieg. Mit einem 80m-Seil kommt man in 2 Manövern (dabei den Stand vom Luftschloss benützen!) gerade wieder retour auf den Boden. Gemütlich konnten wir unsere Sachen zusammenräumen und im sanften Abendlicht nach Wildhaus zurückmarschieren. Wer weiss, wann wir das nächste Mal hier am Start stehen... zu tun gibt es auf jeden Fall noch etwas, und lohnend sowie fordernd ist dieser Route bestimmt ein jedes Mal aufs Neue.

Facts & Tipps

Schafbergwand - Kein Wasser kein Mond 7c (7b+ obl.) - 4 SL, 100m - Scheel/Carrigan et al. 1985 - *****; xxx
Material: 1x60m-Seil, 10 Express, für L1 Camalots 0.3, 0.75 & 1.

Ich beschränke mich hier für einmal auf ein Zitat aus dem Kletterführer, da es absolut zutreffend ist: Grandiose Sportkletterei in vielfach senkrechtem bis überhängendem Fels. Auch wenn es nur vier Seillängen sind, stellt die Route an den Begeher hohe Anforderungen in Bezug auf Ausdauer, Technik und Moral. Die Erstbegehung 1985 von unten war damals ein absoluter Meilenstein im alpinen Sportklettern. Auch heute noch wird die Route als grosse Herausforderung angesehen und zieht internationales Publikum an. Aufgrund von Bedeutung, Schönheit und Eleganz gibt es hier trotz der relativen Kürze die ganzen fünf Sterne - Weltklasse!

Wie schwer ist die Route denn nun? Die offiziellen Seillängen-Grade sind mit 7a/6c+/7c/7b+ sicherlich eher harte Währung bzw. alte Schule. Andererseits jedoch sicherlich auch nicht komplett falsch oder unrealistisch, auch wenn man hier nicht mit einer "normalen" Sportkletter-7c vergleichen kann. Oft wird auch eine Gesamtbewertung von 7c+ erwähnt. Abgesehen davon, dass sich das Konzept von Gesamtbewertungen bei MSL-Routen nie durchgesetzt hat, zweifle ich daran. Die ersten beiden Längen sind bei entsprechendem Können ideale Aufwärmer für die 7c. Danach muss "nur noch" eine kurze, nicht mal pumpige 7b+ mit zwei kurzen Boulderstellen geklettert werden, so dass mir eine höhere Gesamtbewertung nicht unbedingt zutreffend scheint. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass der äusserst erfahrene und kompetente Alpinkletterer Tobias Wolf L3 mit 8a und L4 mit 7c bewertet. Was habe ich kleine Maus da zu widersprechen... Schwierigkeitsgrade sind halt sowieso wie immer und überall ziemlich relativ und variabel, und schwierig ist KWKM definitiv!

Die Route kann man ohne weiteres als gut abgesichert bezeichnen. Die alten Haken wurden ersetzt, es stecken solide Inox-Bolts. Die erste Hälfte von L1 ist clean, aber selber abzusichern. Der wesentliche Teil hat xxxx-Absicherung, mit einem Runout in einfacherem Gelände zum Stand. In L2 ist die Absicherung tadellos (xxxx) und auch in L3 warten keine weiten Abstände. Die Kletterstellen zwischen den Bolts sind halt zwingend und alles andere als einfach, aber auch hier ist von den Abständen her xxxx zutreffend. Die letzte Länge ist in Bezug auf die Absicherung klar am anspruchsvollsten, hier klettert man die schwersten Moves gleich 2x mit den Füssen auf Hakenhöhe, doch auch hier langt es immer noch für solide xxx. Für weitere Details, siehe den nächsten Abschnitt.

Auch heute noch korrektes Originaltopo von Martin Scheel. Quelle: azoom.ch
Der Weg zum ersten Bolt in L3 ist eher weit und nicht ganz trivial, daher empfiehlt es sich, diesen nach dem Klettern von L2 vorzuhängen. L4 ist etwas schlechter abgesichert wie der Rest. Hier sind zwischen erstem und zweitem Bolt Flüge möglich, die bis zum Stand runtergehen und daher Sturzfaktor 1 aufweisen. Vom Gelände her ist es zwar ungefährlich und neben der Sicherungsperson fliegt man auch gerade vorbei, aber vom unbequemen Hängestand aus ist es nicht so einfach, sauber dynamisch zu sichern. Daher tut man evtl. gar nicht so schlecht daran, L3 und L4 zu verbinden. Auch aus sportlicher Sicht bietet sich das an. Am Stand vor L4 gibt es zwar einen No-Hand-Rest, indem man auf zwei schlechte Reibungstritte ausspreizt, wirklich gut erholen kann man sich so aber nicht.

Cams braucht es vor allem auf dem Weg zum ersten Borhaken in L1, der gute 15m ob dem Einstieg steckt. Wir setzten die Camalots 0.75 und 1. Vor dem Stand von L1 bietet es sich noch an, einen mittleren Keil oder Camalot 0.3 zu legen. In L2 und L3 kann und muss man nichts legen, auch die Standplätze sind inzwischen alle mit mindestens zwei Bohrhaken ausgestattet. In L4 nimmt der Riss links zwischen zweiten und drittem Bolt einen Camalot 0.75 auf. Allerdings kann man an dieser Stelle auch noch zwei mässig schwere Züge an guten Griffen machen und den nächsten Bolt klippen, was eher angenehmer ist, wie an dieser Stelle noch mit einem Cam rumzufummeln.

Auf den ersten zwei Seillängen sind eher Schuhe gefragt, mit welchen man gut auf Reibung steht, in der dritten ist ein Mix von gutem Stehen auf kleinen Tritten und antreten auf Reibung gefragt. In der letzten länge will präzise auf kleinsten Tropflochleisten gestanden werden. Daher entsprechendes und möglicherweise unterschiedliches Schuhwerk mitführen. Mit einem Einfachseil zu klettern ist sicher angenehmer. Zum Abseilen ist minimal 1x60m erforderlich, dann sind allerdings 4 Abseilmanöver fällig - die Stände sind alle entsprechend eingerichtet. Mit 1x70m kommt man dann mit 3x Abseilen durch, mit 1x80m sogar mit zweimal. Make your Choice!

In der kalten Jahreszeit erhält die Route nicht allzu viel Sonne. Die Wand ist nach WSW exponiert und wird erst nach der Mittagszeit von den ersten Sonnenstrahlen bestrichen. Vor allem der in einer kleinen Schlucht gelegene Einstieg liegt ziemlich schattig, da muss man den Zeitpunkt schon optimal treffen. Zum Aufwärmen oder Kennenlernen dieses Sektors bietet sich ideal die Schwesterroute Luftschloss an. Auch der Westriss und der Frospfeiler sowie die gut gesicherte Einstiegsvariante sind lohnend und werden demnächst auf meiner Fels-Seite beschrieben. Weitere Möglichkeiten bietet auch der Klettergarten an den vorgelagerten Türmen.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Wendenstöcke - Tsunami (7b+)

Allzu viele, für mich machbare und noch nicht gekletterte 5-Sterne-Touren gibt es inzwischen nicht mehr an den Wendenstöcken. Tsunami, eine Kreation vom Trio Ruhstaller, Rathmayr und Fullin an der Hauptwand des Reissend Nollen, ist eine solche. Sie führt unmittelbar links der bekannteren und zugänglicheren Caminando in die Höhe. Ihr haftet der Ruf von sehr kletterfreundlichem Fels und anspruchsvoller Absicherung an. Dem wollten wir auf den Grund gehen und tatsächlich, nach rund 30 gekletterten Touren am Massiv der Wendenstöcke gehört Tsunami für mich zusammen mit der Blauen Lagune und Ben Hur zu den drei besten Routen vor Ort. Mit dem Bericht hat es nun etwas gedauert, aber gut Ding will Weile haben...

Die Arena am Reissend Nollen mit der Linie von Tsunami. Links davon auch Cleopatra, Batman & Painkiller, rechts Caminando & Millenium.
Weil diverse Kaltfronten im September bereits eine Ladung Schnee bis auf Höhe des Einstiegs deponiert hatte, mussten wir unsere Tsunami-Pläne jedoch noch eine Weile in der Schublade halten. Eine Schönwetterwoche nachdem wir uns in der Transocean an Fels und Absicherung gewöhnt hatten, standen die Signale dann auf grün. In gewohnter Manier fuhren wir frühmorgens auf die Wendenalp und zogen hinauf gegen den Reissend Nollen. Das Biwak unter dem Vorbau war rasch erreicht, im exponierten Schrofen- und leichten Klettergelände mit Stellen bis zum dritten Grad ging es dann hinauf zum Einstieg. Dieser ist (inzwischen schwach lesbar) annotiert und befindet sich am rechten Rand der Grotte bei der grossen Kaskade. Die Kaskade war noch trocken, doch während wir uns für die Kletterei vorbereiteten, stürzte wie bei einem Hahn der angestellt wird von der einen auf die nächste Sekunde ein Wasserfall in die Tiefe. Solange es aber windstill bleibt, lässt sich die Tsunami trotzdem gut klettern. Also konnte es um 9.30 Uhr losgehen.

Auf dem Weg zum Einstieg. Das Gelände ist recht gut gangbar, auf dem Foto sieht's doch schon reichlich fordernd aus...
L1, 6a: Kurze Auftaktlänge an tief eingeschnittenen Wasserrillen, ohne fixe Absicherung.

Start in L1 (6a), der Einstieg (mit hier sichtbarer Aufschrift!) noch nah, der Ausstieg noch fern.
L2, 6b: Schöne Kletterei an Wasserrillen und über glatte Platten. Mit 4 BH auf volle 50m jetzt nicht gerade üppig abgesichert. Da die Kletterei meist gemässigt schwer ist und sich die Bolts vor den kurzen Plattenbouldern befinden, geht's aber trotzdem ganz ordentlich. Stürzen wäre aber vielerorts ungesund.

Die wasserrilligen Platten von L2 (6b) sind auch noch fast als Zustieg zum wesentlichen Teil oberhalb zu werten...
L3, 6c+: Nun geht's richtig los, bis zum Ausstieg ist das Gelände nun vorwiegend senkrecht und überhängend. Der Auftakt in diese Länge spielt sich in perfekt modelliertem, griffigem Fels ab, so dass sich die Schwierigkeit trotz der Steilheit nur etwa bei 6b bewegt. Allerdings ist der Start in diese Länge ungenügend abgesichert. Beim Anklettern des dritten BH in gegen 20m Höhe scheint immer noch ein Grounder aufs Standplatzband möglich. Die Crux dann danach, gut gesichert in einer kurzen Rechtsquerung (tief halten hilft), danach griffig-steil bei wieder weiten, aber gefahrlosen Abständen zum Stand hinauf.

Runoutige und nicht ungefährliche 6b-Kletterei zum Auftakt von L3 (6c+).
L4, 6c: Sehr schöne, homogene und gut abgesicherte Länge mit einem Auftakt, der in griffiger Wandkletterei in eine Verschneidung hineinführt. Diese wird bald wieder nach links über den Wulst hinaus verlassen, um mit einem Quergang eine Zone mit toller Tropflochkletterei zu erreichen.

Sehr schöner Start in L4 (6c), diese zieht in die Verschneidung beim Kopf des Kletterers und dann links hinaus.
Stilstudie in L4 (6c), Griffgrösse und die typische Felsstruktur sind sehr gut ersichtlich.
L5, 7b+: Es geht gleich volle Pulle los mit steiler, crimpy Wandkletterei. Die Haken sind zwar nicht allzu weit auseinander, die Schwierigkeiten (7a/+) aber voll obligatorisch und weil man direkt über dem Stand rumturnt, ist's dennoch leicht unangenehm. Nach einem 6b-Runout wartet dann der finale Wulst mit ein paar gut gesicherten, bouldrigen Zügen an Slopern. Für die Angabe von 7b+ läuft der uns erstaunlich einfach rein.

Die Black Wall von L5 (7b+). Erst crimpy & fordernd gerade hinauf, 6b-Runout nach rechts und Slopercrux am Wulst.
Die Schlüsselsequenz der Route besteht darin, sich aus dem Überhang kommend auf dieser Platte zu etablieren.
L6, 7b: Ein plattige Zone um 6c rum führt ziemlich unerwartet zur Crux. Es handelt sich um einen kurzen Boulder, ein zwingender Dynamo von einer Untergriffschuppe an Leisten/Henkel oberhalb. Insgesamt eher etwas unschön, der Fels dort unangenehm glatt und auch nicht ganz fest. Weiter geht's dann in phänomenaler, luftiger, runoutiger und leicht überhängender Querschlitz-Kletterei um 7a rum.

Blick auf L6 (7b). Die 6c-Plattenzone im Vordergrund, das kleine Dächli die Crux, der Akteur im 7a-Querschlitz-Bereich darob.
Eine weitere Stilstudie aus L6 (7b). Die Wand ist hier deutlich steiler, dafür die Griffe auch etwas grösser.
L7, 7a: Coole, aber sehr inhomogen abgesicherte Seillänge. Der schöne Start mit gut abgesicherter Steilplattenkletterei, ähnlich wie wenn ich das selber eingebohrt hätte. Plötzlich kommt die Länge aber dann ganz anders daher, bei heikler 6b-Plattenkletterei warten weite Abstände mit auch noch reichlich unklarer Kletterlinie. Die 7a-Crux ist dann ein ziemlich problemloses One-Move-Wonder, zudem stecken hier auch 2 BH sehr nahe zusammen.

Krasse Runouts im Mittelteil von L7 (7a). Die Kletterei zwar dort "nur" um 6b rum, aber 20m-Flüge sind hier möglich.
L8, 6c+: Meines Erachtens die schönste Länge der ganzen Route. Athletische Kletterei in prächtigem, strukturiertem Fels mit homogenen Schwierigkeiten bei guter Absicherung. Der Ausstieg dann ziemlich sloprig und sehr ausgesetzt, das macht richtig Laune.

Unterwegs in L8 (6c+), das "gelbe Dach" am oberen Bildrand wird am linken Ausläufer passiert.
Die Felsqualität hier einfach göttlich. Fest, kompakt, strukturiert, rauh und griffig. Traumhaft!
L9, 6b: Ziemlich kurze Überführungslänge an den nächsten Wulst. Nicht schlecht, aber auch nichts besonderes. Die Kletterei ist nicht so schwer, dafür sind die Abstände weit, es stecken nur zwei BH.

Yours truly on duty. Hinten das schöne Massiv der Fünffingerstöcke.
L10, 7b: Stark überhängender Wulst mit athletischer Kletterei an meist positiven Leisten und Löchern, die bisweilen etwas staubig sind. Ziemlich schwer zu lesen, einerseits im Kleinen um die besten Griffe zu wählen, andererseits auch im Grossen: der Ausstieg nach dem letzten BH im Steilen erfolgt nach rechts und nicht nach links. Das Topo ist hier leider unpräzise, von unten ist kein weiteres fixes Material sichtbar und beide Wege sind möglich. Wer falsch pokert und links steigt, kommt nicht umhin irgendwann einfach abzuspringen. Die Absicherung ist hier jedoch fast sportklettermässig gut.

Kurz vor dem Abgang... die etwas unübersichtliche, steile Wandzone von L10 (7b) beendete leider die Onsight-Ambitionen.
Spätestens hier muss auch der Nachsteiger parat sein. A0 ist unmöglich, Seilzug geben dito und es müssen auch im Nachstieg längere Strecken zwingend durchgeklettert werden, sofern man nicht bei einem Sturz im Leeren baumeln will. Im Falle des Falles wäre ein Selbstaufstieg am Seil unumgänglich.
L11, 6c: Nun wähnt man sich schon beinahe am Top. Doch auch diese Länge fordert nochmals, bereits der Weg zum ersten Bolt ist weit und auch nicht ganz so einfach, wie es erst den Anschein macht. Dann geht's mit athletischer Kletterei an guten Griffen weiter - nicht so schwer, aber wenn nicht mehr so viel Reststrom in den Armen ist und mit zwingenden Stellen zwischen den gut gesetzten Bolts ist's trotzdem nicht trivial.

Die athletisch-gutgriffige Steilkletterei von L11 (6c) fordert ein letztes Mal alles von den Unterarmen.

Dies erst recht an deren sloprigem Ausstieg, zudem pfeift's grandios in die Tiefe hier.
L12, 6b: Nochmals recht schöne Kletterei, jedoch nicht mehr von Premium-Qualität. Die Haken scheinen auf den ersten Blick recht distanziert und vom Stand sieht's nicht einfach aus, es löst sich dann aber trotzdem ganz gut auf. Im zweiten Teil lassen die Schwierigkeiten nach, und das Problem besteht vor allem darin, im nicht mehr so kompakten Gelände den Stand aufzufinden - der befindet sich weiter rechts, wie das Topo suggeriert und man erst denkt.

Auf den letzten Metern von L12 (6b), das Gelände hier nicht mehr ganz so kompakt wie zuvor.
Ok, es war nun gut 17.00 Uhr und hier ist die Route fertig - oder auch nicht. Bis auf den Pfeilergipfel folgt nämlich noch eine Länge im Grad 4c. Sie ist im Topo zwar nur halbfett eingezeichnet, oben sind keine Haken und kein Abseilsymbol eingetragen und wirklich schön sieht das Gelände auch nicht aus. Trotzdem, Alpinistenehre, man klettert doch bis der Berg (oder zumindest der Pfeiler) fertig ist und irgendwie müssen ja auch die Erstbegeher wieder runtergekommen sein, also wird es auch eine Abseilmöglichkeit geben. So schnappe ich mir bei Ankunft am Stand die Cams und steige gleich weiter. Erst ist's noch ganz ok, weiter oben wird es dann zunehmend brüchiger und zuletzt sind es so abwärtsgeschichtete Schindeln, die total lose sind. Fixe Sicherungen hat es keine, doch mit etwas Vorsicht und sorgfältiger Auswahl der solideren Tritte ging's im Aufstieg grad so. Irgendwann stand ich dann oben auf dem Pfeilergipfel im Schnee, eine Stand- oder Abseilmöglichkeit war nicht ersichtlich. Also räumte ich überall dort, wo ich diese vermutete, mal mit blossen Händen den eiskalten Schnee zur Seite, aber nada, nix da.

Blick auf das letzte, nicht eingerichtete Teilstück, das im linken Bilddrittel erklettert wird. Ich würde ausdrücklich davon abraten!!!
Das war schon eine dumme Situation: das Abklettern durch den Bruch schien mir nicht realistisch und viel zu gefährlich. Somit blieben nur noch zwei Alternativen, nämlich a) der Helikopter, oder b) der Aufstieg durchs alpine Gelände hintenrum, um den Ausstieg von Caminando und Millenium zu erreichen. Weil die Uhr zudem auch schon auf  17.30 Uhr vorgerückt war und gar nicht mehr so viel Zeit vor dem Eindunkeln übrig blieb, war eine rasche Entscheidung gefragt. Da die Kommunikation mit dem Partner über eine Distanz von 40m nicht die einfachste war und sowieso gemeinsames Handeln angesagt war, holte ich Dani per Totmannsicherung von der kalten Nordseite nach. Wir entschieden schliesslich, den Aufstieg zum Caminando-Top versuchen zu wollen - ich war zuvor schon 2x dort oben angelangt und war mir sicher, dass er von hintenrum zugänglich sein müsste. Mit den Kletterfinken ging's dann also kletternd durch das verschneite, nordwestseitige Mixed-Gelände, zum Glück liess sich hier und da ein Cam platzieren. Nach rund 70m Kletterstrecke und zwei weiteren Seillängen war es dann aber geschafft, wir waren beim Steinmann auf dem Caminando-Pfeiler angelangt und der Weg ins Tal war frei.

Ungünstig war nur, dass wir vor der letzten 6b-Länge unseren Haulbag hatten hängen lassen, wir rechneten ja damit, ihn wenige Minuten später beim Abseilen wieder mitnehmen zu können. Das sollte aber im Moment unsere geringste Sorge sein, nun galt es erst einmal noch vor Einbruch der Dunkelheit vom Berg zu kommen, dennn die Stirnlampen waren natürlich im Haulbag geblieben. Dies übrigens eine Emotion, die ich an selber Stelle nach der Begehung der Millenium wegen einem Seilverhänger beim Abseilen schon einmal sehr ähnlich erlebt hatte. Dieses Mal klappte die Abseilerei aber reibungslos, noch ohne Stirnlampe konnten wir auch am Vorbau über die Spasspartout abseilen und das letzte Tageslicht für den Rückweg in Richtung Wendenalp nutzen, wo wir schliesslich glücklich und wohlbehalten eintrafen. Tja, von dieser Aktion gibt es leider kein einziges Bild, wir waren von unserem Tun so absorbiert, dass wir keine Sekunde mehr ans Fotografieren gedacht hatten. Im Nachhinein habe ich vom Tsunami-Erschliesser Reto Ruhstaller dann erfahren, dass auf dem Pfeilergipfel tatsächlich kein Stand vorhanden ist. Dort würde man ja auch nicht raufklettern, das lohne sich überhaupt nicht - von den Erstbegehern hatte auch nur eine Person ein paar Erkundungsmeter gemacht, und war dann wieder abgeklettert. Er meinte auch, mit dem den Seillängen zum Caminando-Ausstieg hätten wir sicherlich eine Erstbegehung gemacht ;-)

Die Wendenalp, Anfangs- und Endpunkt jeder Route am Massiv.
Die Geschichte wäre auch nicht vollständig, wenn nicht noch die Bergung des zurückgelassenen Haulbags erwähnt wurde. Schliesslich waren nach genauerem Nachdenken nicht bloss etwas Speis und Trank darin, sondern auch noch Gore-Tex-Jacken, ein Keilset, Kletterfinken und weitere Wertgegenstände. So "musste" dann halt ein paar Tage darauf auch noch die Caminando geklettert werden, um mit einem genügend langen Seil und leicht heikler Querkletterei die Materialbergung durchzuführen. Aber das ist dann eigentlich schon die nächste Geschichte... danke Dani!

Facts

Reissend Nollen - Tsunami 7b+ (7a obl.) - 12 SL, 450m - Ruhstaller/Rathmayr/Fullin 1996 - *****;xx
Material: 2x50m-Seile, wobei 2x60m zum Abseilen sehr praktisch sind. 12 Express, Camalots 0.3-2

Geniale, alpine Sportklettertour durch die eindrückliche Arena am Reissend Nollen. Der Fels ist bis auf wenige Stellen einfach perfekt, super strukturiert und kletterfreundlich. Geboten wird zumeist Wandkletterei, in der Neigung zwischen steilplattig und athletisch-überhängend variierend. An der Tsunami gibt es nun wirklich fast gar nix zu mäkeln, hier kann man die 5 Sterne mit Sicherheit vergeben. Ganz leichten Abzug gibt's für den nicht ganz perfekten Schluss und die Tatsache, dass wir es hier nicht auch noch mit einem Superklassiker von gewaltigem Nimbus zu tun haben. Für die Absicherung gibt es hingegen nur xx: teils ist sie gut, meistens ok, doch es gibt auch ein paar Stellen, die nicht ganz ungefährlich sind. Wobei diese Passagen dann jeweils nicht megaschwer sind, mehr als ~6b muss man nie weit weg (>2m) vom Haken klettern, bis zu diesem Grad dann allerdings auch mal 5m über dem Haken bei ungünstigem Sturzgelände. Mit Keilen und Friends lässt sich übrigens nur wenig bis fast gar nix anstellen, trotzdem sollte ein Satz Cams nicht fehlen. Ein Topo zur Route findet man im Kletterführer Extrem West aus dem Filidor-Verlag.