- -

Freitag, 12. Januar 2018

Jahresrückblick 2017

Wieder einmal ist es Zeit für den traditionellen Jahresrückblick, dieses mal aufs 2017. Vielleicht ist es dieses Mal fast einfacher zu sagen, was ich nicht gemacht habe: keine Nordwand, keine Pausetour, kein 4000er, kein Chamonix-Trip, undsoweiter. Wer also vor allem Interesse an alpinen Trophäen hat, der kann eigentlich schon weiterklicken. Wenn ich das Jahr 2017 charakterisieren müsste, so wäre wohl "im Zeichen der Familie" der passende Slogan. Wir haben gemeinsam auf dem Gletscher biwakiert, Routen eingebohrt, an Kletterwettkämpfen teilgenommen, ausgiebig MSL geklettert und Trips in Sportkletter-Hotspots wie St. Léger, Ceüse und Margalef unternommen - simply perfect! Darüber hinaus war das Jahr aber doch noch gewürzt mit einigen Highlights wie dem Silbergeier (8b+) im Rätikon, der Zahir (8b+) an den Wendenstöcken und unserer Erstbegehung Baci dal Nord (7c+/8a) im Tessin. Doch gehen wir es im Detail an...

Sportklettern

Im Gegensatz zum Vorjahr war die Frühjahressaison im 2017 viel besser, d.h. sie wurde nicht durch lange anhaltende Nässe in den Projekten und sonstige Problemchen charakterisiert. So konnte ich denn auch gleich fulminant starten und einige schwierige Routen punkten. Irgendwann in der zweiten Jahreshälfte ist mir dann das Momentum mit schnellen Erfolgen in schwierigen Routen jedoch zu Gunsten vom MSL-Klettern etwas abhanden gekommen. Daher ist es umso mehr spannend zu überprüfen, was zum Jahresende schlussendlich auf dem Konto steht. Und das sind dieses Mal 1x 8b, 1x 8a+, 7x 8a. Das wären dann 9 Routen im achten Franzosengrad, so viele wie noch nie. Im Bereich 7c/7c+ sind es 12, auf 7b/7b+ fallen 36 und in der Region 7a/7a+ sind es 91. Über alles gesehen vergleichbar mit dem Vorjahr mit ein bisschen grösserem Volumen, ich bin jedenfalls sehr zufrieden. Sportklettertrips unternahmen wir im 2017 ziemlich viele, so waren wir mehrmals im Tessin (1,2), in St. Léger, in St. Loup, in Reutte/Tirol, in der Region Chiavenna/Bergell/Engadin (1,2,3), in der Dauphiné und in Ceüse und zuletzt in Siurana und Margalef. Ebenfalls in diese Rubrik lasse ich die Teilnahme an diversen Wettkämpfen einfliessen. Angefangen hat alles mit dem Ticket to Rockstars, weiter ging's mit dem Eröffnungswettkampf der Boulderhalle Näfels, dem Contest zum Blockfeld-Jubiläum und schliesslich der Zürcher Klettermeisterschaft. Nunja, als alpin aufgewachsener Oldie bin ich hier ein wahrer Exot und grosse Erfolge zu erwarten wäre mehr als vermessen. Schlussendlich hat aber überall die ganze Familie teilgenommen und wir hatten extrem viel Spass dabei. Alle waren immer angespornt, auf den Punkt ihr bestes zu geben und einige gute Platzierungen sind dabei denn auch herausgekommen. Und wenn nicht, dann erfreuen wir uns am olympischen Geist, dass mitmachen wichtiger als gewinnen ist. Wenn ich jetzt aber erzählen würde, was wir an diesen Wettkämpfen alles an Sachpreisen abgeräumt haben, da würde bestimmt mancher neidisch werden - in diesem Sinne herzlichen Dank allen Organisatoren und Sponsoren dieser Events.

Kaum bekannt, aber ein wirklich cooles Gebiet das wir bei unserem Auffahrtstrip 2017 besucht haben: das Gsperr in der Gegend von Reutte. Landschaftlich sehr schön am klaren Fluss gelegen, der Canyon würde jetzt durchaus in einen Nationalpark der USA passen. Und gleich um die Ecke konnten wir unsere Nüsse knacken... :-)

MSL-Klettern

An MSL-Routen bin ich (ohne Bohrtage und dem Punkten selber eingebohrter MSL) zwischen 12. März und 21. Oktober insgesamt 27 Stück geklettert, wovon bereits 10 Stück mit der Familie waren. Klar, noch handelt es sich bei den letzteren vorwiegend um Unternehmungen im Plaisir-Bereich, wobei mit Routen wie der Ecrins Total (5c+) und der Albigna-Kombi Wassersinfonie/Piz dal Päl (6a, Beitrag folgt) bereits längere Unternehmungen dabei sind, welche durchaus einen gewissen alpinen Stellenwert aufweisen. Auch ist inzwischen genügend Routine vorhanden, dass in Seilschaft von 1 Erwachsenen mit 1 Kind sicher, effizient und zügig MSL geklettert werden kann. Nachdem die Kinder in den letzten Monaten klettertechnisch sprunghafte Fortschritte erzielt haben und es vorkommt, dass (indoor) auch mal eine 6a+ geflasht und als "einfach" oder "eher nur 5c+" bezeichnet wird, werden sich die MSL-Möglichkeiten schon im nächsten Jahr massiv erweitern. Hier nun mit konkreten Projekten zu prahlen wäre verfehlt, abgerechnet wird im Nachhinein. Erwähnt sei aber das Beispiel von Jim Herson (Half Dome RNWF in a day als die Kinder 9 waren, Nose in a day als die Kinder 12 waren) und vor allem die Freude und Begeisterung, welche seine Berichte und Fotos ausstrahlen. Wenn mir das keine Inspiration ist... Bei den MSL ohne Familie stechen natürlich die bereits erwähnten Routen Silbergeier (8b+) und Zahir (8b+) heraus - wobei diese ehrlich gesagt die Projekte von meinem Kletterpartner Dani waren und ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten hinterhergekämpft habe. Trotzdem unvergesslich, an diesen Geräten einmal Hand anlegen zu dürfen. Über 10 weitere MSL habe ich bereits Blogs verfasst, einige sehr interessante Geschichten bedürfen jedoch noch der Publikation. Konkret sind dies: Chöpfenberg, Isenburg (7c+); Wiss Stöckli, Grüter/Müller (7a); Dent de Ruth, Dealer (7a+); Rätikon, Schwarzer Diamant (7a+) und Freiheit, Rote Freiheit (6b+). Wir werden sehen, vielleicht finde ich noch die Zeit dafür, über diese Touren Beiträge zu tippen. Grosse Erlebnisse waren es auf jeden Fall allesamt.

Das Rätikon ist ein Garant für perfekten Kalk. Hier mit Kathrin in der neu fertiggestellten Schwarzer Diamant (7a+).

Bohren

Hier gilt es ganz klar zu sagen: im 2017 wurden Dinge realisiert, von welchen ich vor einem Jahr bestensfalls geträumt habe, oder die ich mir nicht einmal ausgemalt hätte. Einmal als Familie eine Erstbegehung zu machen, das war tatsächlich ein Traum. Dieser ist nun gleich mehrfach Realität geworden. Zuerst mit der 3-SL-Plaisir-Route Sunshine Reggae (5b) am Gamstritt in Partnun, später konnten wir dann mit der 5-SL-Plaisir-Route Geisterbahn (5a, Bericht folgt) am Seeflüeli in Partnun sogar eine noch bessere Linie finden. Aber das ist noch nicht alles - als ich zuhause von einem potenziellen Bigwall-Projekt schwärmte und dabei gleichzeitig über die Mühe klagte, dafür einen geeigneten Partner zu finden, da befand meine Tochter mit einer Mischung von Hilfsbereitschaft, Begeisterung fürs Klettern und kindlicher Naivität: "Papi, du kannst ja einfach mit mir gehen". Ich erklärte dann ein bisschen genauer, was das heisst - es schien ihr zu wenig abschreckend, das Angebot blieb bestehen. Stellte sich noch die Frage, ob ich bei einer meiner mutmasslich anspruchsvollsten, jedoch sicher längsten Erstbegehung tatsächlich mit einem Kind angreifen wollte. Aber eigentlich geht's ja beim Klettern genau darum, Herausforderungen zu überwinden und das unmöglich erscheinende zu realisieren - am Fels und im übertragenen Sinn. Also waren wir kurz darauf das erste Mal unterwegs, d.h. das Lanciamira-Projekt ist gestartet. Weiter gehört in diese Rubrik auch die Baci dal Nord (7c+/8a) an der Parete d'Iragna im Tessin. Diese Semi-Trad-Linie ist definitiv eine meiner coolsten Erstbegehungen. Die Mischung von abgefahrenen Wandstellen und cleanen Rissen ist total begeisternd, eine wahre Perle in meinem Palmares. Im Klettergarten habe ich hingegen nur eher wenig gebohrt, 2 Routen auf der Galerie und 2 auf der Deponie. 

Das macht Laune! Impressionen aus unserer Familien-Erstbegehung Geisterbahn (5 SL, 5a) im Rätikon.

Skitouren

Extrem viel gibt es hier nicht zu schreiben, auch wenn die Aktivität im Vergleich zum Vorjahr etwas höher war. Im Januar/Februar sowie im November/Dezember 2017 lag Schnee bis in tiefe Lagen, deshalb waren vor meiner Haustür Touren möglich. Diese brauchen keine Anfahrt, nur wenig Zeit und laufen eher unter der Rubrik "Alltagsaktivitäten" - auch wenn's natürlich jedesmal ein tolles Erlebnis ist und doch manch guter Pulverschwung zusammen kommt. Ohne es ganz genau benennen zu können, habe ich auf diese Weise ca. 30 Touren angegangen. So ganz "richtige" Skitouren mit allem Pipapo gibt's auch ein paar erwähnenswerte: die geniale auf den Piz Calderas, den April-Powder am Mutteri und die unverhoffte Clariden/Tüfelsjoch-Kombi. Saisonende war am 11. Juni mit der hammermässigen Familien-Biwaktour auf dem Rhonegletscher, wobei der Limistock (3189m) bestiegen wurde. Wieder los ging's am 14. November stimmungsvoll am Fanenstock und die originelle, kombinierte Ski- und Flugtour zum Näbelchäppler am Heiligabend 2017 fällt auch in diese Rubrik. Insgesamt ein Strauss an tollen Erlebnissen auf Ski, wozu für mich natürlich auch die vielen gemeinsamen Familien-Skitage auf den Pisten gehören.

Die wunderbare Frühlingstour zum Piz Calderas (3397m) gehört zu den Skitouren-Highlights im 2017.

Eis- und Mixedklettern

Im Januar 2017 gab's eine Kältephase, wo auch in tieferen Lagen der Alpennordseite wieder einmal ziemlich gute Bedingungen herrschten. Leider war sie nicht sehr langlebig und schon vorbei, bevor allzu viel realisiert werden konnte. Auch im Dezember 2017 wuchsen die Säulen und Zapfen überdurchschnittlich gut, so dass ich schliesslich auf total 8 Tage im Eis zurückblicken kann. Dabei konnte ich mit dem Vorstieg in Reise ins Reich der Eiszwerge (M6+) eines meiner Lifetime-Goals in dieser Spielart des Alpinismus erreichen. Daneben gelangen auch mit der Cascata da Cavloch (WI5), dem Krümelmonster im Brunnital (M8+) und dem Rattenpissoir (WI5+) rassige und renommierte Touren, während der Rest auf (natürlich ebenfalls sehr nette) kleinere Ausflüge und Trainings im Eis entfällt. Nicht weiter verfolgt habe ich im 2017 meine Drytooling-Aktivitäten - dafür war's schon früh im Jahr zu gut zum Sportklettern und auf allen Hochzeiten zu tanzen ist halt eben schwierig.

Impressionen aus der Reise ins Reich der Eiszwerge (M6+), definitiv eines meiner Lifetime-Goals.

Alpines

Hier sind wir schnell fertig: null, nix, nada. Klar wäre es schön, auch hin und wieder im Hochgebirge eine Tour zu machen oder eine Nordwand zu klopfen. Dagegen spricht das Privileg, während der alpinen Hauptsaison in den Sommerferien 5 Wochen gemeinsam mit der Familie unterwegs gewesen zu sein. Sowie natürlich die langen Abwesenheiten, die sich durch ambitionierte Alpintouren ergäben. Wenn ich bedenke, was dadurch an tollen Klettererlebnissen flöten gegangen wären, dann reut's mich nicht. Die Zeit, wo hochalpines mehr opportun ist, wird wieder kommen. Wenn auch kaum im 2018.

As alpine as it gets - ein bisschen grimmige und abenteuerliche Kletterei in der Grüter/Müller (21 SL, 7a) am Wiss Stöckli.
Wow, so entfährt es mir, nachdem ich alle diese Bergerlebnisse im 2017 beim Schreiben nochmals reflektiert habe. Ich bin höchst zufrieden, welch ein Privileg so leben zu können. Aufs kommende Jahr freue ich mich sehr, jedoch wie immer ohne konkrete Ziele zu definieren. Den Moment geniessen und dem Flow folgen, so soll es doch sein. Zuletzt möchte ich allen meinen Touren- und Kletterpartnern im 2017 herzlich für den Support und die gemeinsamen Erlebnisse danken. Besonders hervorzuheben gilt es hier meinen Vater Sepp, die viele Male uneigennützig mit mir an den Fels gekommen ist, um mich in einem Projekt zu sichern. Ein wesentlicher Teil meiner Sportklettererfolge fällt als beruflich und familiär vielbeschäftigter Mensch darauf zurück, auch kleine Zeitfenster nutzen zu können und dabei (fast) jederzeit auf einen Mitstreiter zählen zu können.



ALLES GUTE FÜRS BERGJAHR 2018 UND MIT BESTEM DANK AN MEINE PARTNER IM 2017!!!

Sonntag, 7. Januar 2018

Sportklettern in Margalef

Nachdem die Prognosen für den Jahreswechsel 17/18 hierzulande vor allem Sturm und Sauwetter verhiessen und für einmal auch im geliebten Tessin nichts zu holen war, schien uns einzig ein Trip in südlichere Breitengrade viel versprechend. Ab Zürich ist kaum eine Flugdestination in Europa so breit und günstig erschlossen wie Barcelona, also war die grobe Richtung gesetzt. Wenn das Wetter es zulassen würde, so hielten wir uns an die Gebiete ums Montsant-Gebirge, andernfalls wären auch die deutlich wärmeren Gefilde an der Costa del Sol noch gut erreichbar gewesen.

Raco de las Espadelles, einer der besten und grössten Sektoren für die kältesten Tage des Jahres. Hier findet man ganztags viel Sonne und inklusive der angrenzenden Felsen (nicht alle sichtbar auf dem Foto) ca. 300 Routen.
Das Schicksal wollte es schliesslich so, dass wir bis auf 2 Tage in Siurana zu Beginn ausschliesslich in Margalef kletterten. Diese Destination hatte ich bisher noch nie bereist, gefallen hat es der ganzen Familie vorzüglich. Dies insbesondere, weil es hier auf engstem Raum ein unglaublich breites Angebot vom vierten Schwierigkeitsgrad bis zum Grad 9b gibt, wobei sowohl die ganz einfachen, die mittelschweren und auch die ganz harten Geräte sehr lohnend sind. Es ist doch ziemlich einzigartig, dass das gesamte Spektrum in diesem Ausmass und einer solchen Qualität vorhanden ist. Für schon ernsthaft kletternde Kinder sind die Felsen aufgrund ihrer Beschaffenheit absolut prädestiniert - so konnten denn auch unsere beiden Kids in Margalef ihre Outdoor-Rekorde verbessern.

Golden Hour in Catalunya. Hier die Sektoren an der Cova del Cavall, der östlichen Verlängerung vom Espadelles-Felsband.
Beim Gestein handelt es sich um eine Art Konglomerat, welches jedoch mehr den Charakter von einem löchrigen Kalk hat. Positive Features wie Kiesel gibt's hier und da, meist sind sie jedoch eher klein und man hat nicht den Eindruck, sich an einem überhängenden Kartoffelacker zu befinden. Geklettert wird vorwiegend an 1-, 2- oder 3-Finger-Löchern, natürlich gibt's dann ab und an auch noch eine Kelle, wo man gleich alle Griffel versenken kann. In Bezug auf die Wandneigung gibt's von geneigten Platten bis zu dachartigen Zonen alles. In den oberen Graden dominiert jedoch stark athletische, dynamisch-brachiale und trittarme Kletterei an oft etwas schmerzhaften Löchern. Dass dies ganz und gar nicht mein favorisiertes Gelände ist, wird der versierte Blogleser bereits wissen... "Wegstehen" und Kletterstellen wegen Kraftmangel kreativ zu überlisten funktioniert in Margalef deutlich seltener wie andernorts, Blockierkraft und eine gewisse Vorliebe für Bolzerei sind da unabdingbar. Erwähnt sei auch, dass mich diese Art der Kletterei doch reichlich verletzungsträchtig dünkte: die Finger werden möglichst tief und klemmend in scharfkantige Löcher gesteckt, dann heisst's von schlechten und glatten Tritten dynamisch ziehen... wenn da zur Unzeit ein Fuss wegschlipft, puh!

Ausblick in die Weiten von Katalonien vom Sektor Cabernet bei der Ermita San Salvador. Hier kletterte ich die beinahe 40m lange und rund 10m überhängende Ausdauerroute Califate Coach (7b). Anhaltend schwierig, jedoch nie verzweifelt schwer und bevor ich abgefallen wäre, kam immer genau richtig wieder ein etwas besserer Griff, welche für die nötige Erholung sorgte. Das war definitiv die beste Route dieses Trips!
Naja, die sicherste Methode keine schwierigen Routen zu punkten ist es, gar nicht erst einzusteigen. Und genau das habe ich schliesslich in diesen Ferien gemacht... Ob den Gegebenheiten (Familie, Kletterei, Angst sich die Finger zu verletzten, ...) und dem schier unglaublichen Angebot an guten Touren schien es mir wenig erstrebenswert, hier in einer Route am persönlichen Limit um den roten Punkt zu kämpfen. Deutlich attraktiver war es da schon, sich richtiggehend durch das Angebot zu schlemmen und möglichst viele Touren zu klettern. Klar, wenn's nur um die reine Anzahl gekletterter Route ginge, dann wäre ich im fünften und sechsten Grad noch zu deutlich mehr gekommen. Aber ein bisschen spannend sollte es ja doch auch sein, weshalb ich mich vorwiegend im 7ab-Bereich betätigte. Mit Einsatz, guter Leistung und dem nötigen Quentchen Glück liegt da ein Onsight drin - tatsächlich konnte ich zum Ferienende auf 30 Routen zwischen 7a und 7b+ zurückblicken. Rückblickend kann ich nun sagen wow, das war echt cool - und in Margalef waren wir sicher nicht das letzte Mal!

Blick zur eher schattigen Seite des Tales, welches sich zum Stausee zieht. Das Felsband zieht sich praktisch rund um das Tal herum und ist fast überall lohnend zu beklettern. Darum gibt's so viele Routen auf engem Raum und auch darum findet man für jede Jahreszeit und Temperatur den passenden Sektor.
Facts

Margalef ist ein kleines Dorf in der hügeligen Sierra de Montsant, ca. 2 Fahrstunden bzw. 150km westlich von Barcelona gelegen. Es gibt ~1400 Routen, welche sich auf 82 Sektoren verteilen. Die Sektoren verteilen sich auf 2 Zonen um den Stausee und die Ermita San Salvador und sind oft sehr nahe beieinander gelegen. Vielfach ist es kein Problem, am selben Tag Touren aus verschiedenen benachbarten Sektoren zu klettern, zumal die Zustiege oft minimal sind und kaum je den einstelligen Minutenbereich überschreiten. Das Routenangebot ist wie folgt:

ca. 150 Routen in den Graden 4 und 5
ca. 450 Routen im sechsten Franzosengrad
ca. 500 Routen im siebten Franzosengrad
ca. 300 Routen im achten Franzosengrad
ca. 20 Routen im neunten Franzosengrad

Wie man sehen kann, ist vor allem auch die Dichte an schwierigen Routen enorm. Über deren Qualität kann ich (ausser, dass sie beliebt sind) nicht wirklich etwas sagen. Die einfacheren Routen sind jedoch meist sehr lohnend und wie bereits erwähnt, findet man auf engem Raum oft gute Touren in allen Graden. Viele Routen sind eher kurz, kräftig und daher mit fränkischem Charakter (80% der Routen sind kürzer als 20m). Andererseits gibt's aber auch krasse Ausdauergeräte wie z.B. die 50m lange Era Vella (9a), wo angeblich kein Move schwieriger wie Fb 7B sein soll, dies jedoch dann unglaublich anhaltend.

Der Stausee mit weiteren Felsen, welche jedoch noch wenig erschlossen sind. Alles, was mehr als ein paar Minuten vom Strassenrand weg ist, gilt als eher exotisch... das Potenzial für zusätzliche Routen ist hier sicher noch enorm.
Margalef ist auf ca. 600-800m gelegen und ein Ganzjahres-Gebiet. Es gibt eine grosse Auswahl von sehr sonnigen, halbschattigen und ganztags schattigen Felsen. Nun gut, zur Badesaison wird man hier vermutlich doch eher alleine sein, aber von September bis Mai findet man sicher immer einen Fels mit guten Bedingungen. Erwähnt sei, dass es in den ersten Januartagen 2018 fürs ernsthafte Sportklettern an den sonnigen Felsen bereits zu heiss war und man auch in den Schattenlöchern ohne allzu grosse Entbehrungen moven konnte. Allerdings profitierten wir während unserem Aufenthalt auch von bestem Wetter mit milden Temperaturen bis +19 Grad.

Man muss nicht direkt an der Strasse klettern, aber man kann. Vor unserer Rückreise machten wir für ein paar letzte Routen gerne Gebrauch davon. Es handelt sich übrigens um eine Sackgasse, welche nur zum Stausee führt und ausser von Kletterern kaum befahren wird.
Vor Ort gibt's einen kleinen Lebensmittelladen (täglich geöffnet, 10-13 und 18-20), wo man frisches Brot und sonst gerade so das allernötigste kriegt, um seinen Konsumbedarf so richtig zu stillen muss man jedoch bereits eine längere Strecke fahren (ja, die Gegend ist sehr dünn besiedelt!). Zwei, drei Bars wo man auch kleinere Gerichte erhält, gibt's ebenfalls. Zur Unterkunft findet man im Ort einige Adressen, die einschlägigen Portale helfen weiter. Ansonsten gibt's vor Ort auch diverse offizielle, halboffizielle und auch eigentlich verbotene Stellplätze - es handelt sich um einen bei Campingbus besitzenden Kletternomaden sehr beliebten Spot. Zuletzt vielleicht noch: alle Strassen in der Gegend sind äusserst kurvig, für die ca. 40km bis nach Siurana ist tatsächlich 1 Stunde Fahrzeit notwendig. Und ein bisschen überall sonsthin eigentlich auch - man berücksichtige dies bei der Planung.

Das ist das empfehlenswerte Topo von einem der Haupterschliesser Vicent Palau, Ausgabe 2017. Es ist vor Ort für 28 Euro erhältlich, ebenso wie in ausgewählten Fachgeschäften in Mitteleuropa. Einen Auswahlführer für grösseres Gebiet (z.B. Tarragona Climbs) zu verwenden als Notlösung denkbar, insgesamt aber eher suboptimal, da fehlen doch eine ganze Menge an interessanten Felsen und wissenswerten Infos.

Dienstag, 26. Dezember 2017

Ski & Fly Näbelchäppler (2445m)

Eigentlich wollte ich mit den Kindern auf die Ski. Aber diese waren von den Vorbereitungen aufs Weihnachtsfest so absorbiert, dass ich schliesslich doch alleine losziehen musste. In meinem Kopf waren die Tourenberichte vom Vortag noch sehr präsent - unterhalb von 2000m würde man mehrheitlich auf Bruchharsch treffen. Also gab es zwei Möglichkeiten: entweder länger Auto fahren und höher oben starten, oder sich auf einer Tour am Alpennordhang in erster Linie am schönen Wetter erfreuen. Doch schliesslich kam mir der Gedankenblitz zu einer dritten Möglichkeit...

Bei solch fantastischen Bergwetter muss man einfach fast zwingend draussen unterwegs sein!
Ich sagte mir, dass ich ja einfach den Gleitschirm mitnehmen könnte, diesen hinauftrage bis ich auf akzeptable Schneebedingungen stosse und ihn dort deponiere. Oberhalb würde ich dann einfach eine "normale" Skitour machen, während sich der abfahrerisch unlohnende untere Teil dann mit einem Weihnachtsflug überbrücken liesse. Das schien mir doch einmal ein guter Plan. Gefragt war jetzt nur noch das passende Gipfelziel und nach etwas Nachdenken gab's auch hier eine optimale Lösung. Wie es im Titel schon steht, sollte es der Näbelchäppler, sozusagen der westliche Eckpfeiler vom Glärnisch-Massiv im Klöntal werden.

Am Beginn der Tour auf der Strasse ins Rossmatter Tal. So richtig lohnendes Skigelände...
Der untere Teil dieser Skiroute spielt sich auf steilen Waldstrassen ab, welche selbst bei guten Schneeverhältnissen keinen Abfahrtsgenuss bieten. Oberhalb warten hingegen rassige Hänge und ein tolles Gipfelerlebnis, welche die Tour auf jeden Fall lohnen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass ich sie bisher noch nie angegangen hatte. In dieser Region fast ein Unikum, hier gibt es nicht manchen per Ski erreichbaren Gipfel, den ich bisher noch nicht besucht habe. Nunja, und jetzt ist es nochmals einer weniger. Etwas nach Mittag machte ich mich im Klöntal auf dem Weg. Trotz allgemein sehr milder Bergtemperaturen befand ich mich hier voll im Kältesee, das Thermometer zeigt tatsächlich -10 Grad an!

...aber es wird noch schlimmer. Im Wald sind diverse Kegel von Nasschneelawinen zu überwinden.
Schon auf den ersten Metern der Strasse ins Rossmatter Tal war ich heilfroh, den Schirm auf dem Rücken zu tragen. Ein Bagger hatte hier tiefe Furchen hinterlassen, das wäre zum Skifahren sehr mühsam gewesen. Weiter oben warteten dann die obligaten Lawinenkegel, die es zu übersteigen galt. Doch immerhin gewinnt man auf diesem Abschnitt effizient an Höhe. Beim Chlüstalden öffnet sich dann das Tal und gibt grandiose Blicke auf die Nordwand des Bös Fulen frei. Letztes Jahr an Silvester war ich an dieser Stelle noch trockenen Schrittes für eine famose Solo-Jahresabschlusstour gestiegen (Bericht). Nun sollte es ein knappes Jahr später ein weiteres Abenteuer in dieser einsamen Ecke werden.

Im oberen Teil trifft man dann auf herrlich offenes Gelände. Hier bereits ohne Schirm auf dem Rücken.
Bei der Hinter Schlattalp kam ich an die Sonne und so langsam in potenziell startbares Gelände. Der Schnee hier war aber wirklich nicht gut. Wechselhaft zwischen üblem Deckel und unter den Bäumen total pfluttrig und bodenlos. Da trug ich die doch ziemlich schwere Last auf meinem Rücken gerne noch etwas weiter hinauf. Nach der langen Traverse der Chammstägen auf rund 1900m war es dann aber soweit. Hier war der Schnee nun pulvrig und gut drehbar, bis zu diesem Punkt würde es sich lohnend Skifahren lassen. Überdies war es mir mehr als nur recht, den schweren Sack zu deponieren. An meinen durchnässten Fellen hatten sich nun natürlich auch noch zentnerschwere Stollen gebildet.

Just simply wow! Der markante Bergstock ist der Bös Fulen, den ich knapp ein Jahr zuvor besucht habe.
Nun denn, vom Sack und den Stollen befreit fühlte es sich plötzlich an, als könnte ich den Berg hinauffliegen. Bis zum Gipfel ist's aber doch noch ein reichliches Stück, stellen sich nämlich auch noch 2 längere Traversen mit insgesamt etwa 50m Höhenverlust in den Weg. Dann im Zickzack den Gipfelhang hinauf und nach über 3 Stunden Gehzeit war es dann doch noch geschafft. Beim spartanischen Gipfelkreuz konnte ich die tolle Aussicht in die Glarner Berge und aufs immense Nebelmeer über dem Flachland geniessen.

Der Fürberg gleich über dem Gipfelkreuz, der Bächistock rechts am Bildrand. Auch diesen hatte ich vor ein paar Jahren in einer rassigen Skitour zwischen Weihnachten und Neujahr besucht. Irgendwie scheint mich diese Gegend vor allem in der Altjahreswoche zu locken...
Die Abfahrt war dann tatsächlich überzeugend. Der Schnee war zwar etwas zäh und krustig, aber trotzdem gut drehbar und daher durchaus als "Pulver" zu bezeichnen. Jedenfalls machte es richtig Spass und von den beiden Gegenaufstiegen einmal abgesehen war ich im Nu zurück beim Schirmdepot. Ich hielt einige Minuten inne und beobachtete die Bedingungen - ja, es schien sehr gut startbar zu sein. Somit entschied ich auszupacken und machte mich bereit. Schliesslich war alles verzurrt, also Achtung, Fertig, Los!

Rückblick zum Gipfel, das flachere Gelände davor hält noch 2 Gegenaufstiege bereit.
Wenige Sekunden später war ich in der Luft. An der Krete vom Milchplanggenstock konnte ich tatsächlich noch etwas aufsoaren und meinen Startplatz überhöhen - immer ein erhabenes Gefühl. Doch anstatt noch irgendwelche fliegerischen Rekorde zu jagen war das Ziel ja eigentlich ein sicherer und rascher Abstieg ins Tal. Also ergab ich mich der Gravitation und setzte einige Minuten später direkt neben dem Auto auf. Noch immer war es bitterkalt, also einsteigen, heizen und ab nach Hause zur Familie.

Mein Startplatz auf ungefähr 1900m. Optimales Gelände um mit den Ski und dem Schirm in die Luft zu kommen.