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Dienstag, 19. Juni 2018

Skitour mit Biwak: Wysse Nollen (3418m)

Bereits vor einem Jahr hatten wir mit der ganzen Familie eine Nacht auf dem Rhonegletscher campiert und waren danach mit den Ski auf den Limistock (3189m) gestiegen. Es war ein grosser Wunsch der Kinder, dieses Erlebnis zu wiederholen. Das ist gar nicht mal so einfach zu realisieren, denn das Zeitfenster zwischen Passöffnung und Ausaperung beschränkt sich auf maximal 2-3 Weekends. Wenn denn noch dazu kommt, dass einwandfreies Wetter herrschen sollte und keine anderen Verpflichtungen wie Turnfeste, Kletterwettkämpfe oder Geburtstage im Wege stehen, so wird man sich gewahr, wie schwierig es sein kann, solche Wünsche zu erfüllen. Aber: es hat auch im 2018 geklappt!

Mit einigem an Gepäck unterwegs auf dem Rhonegletscher.
Der Wetterbericht tönte schlussendlich zwar nicht ganz einwandfrei, aber doch ausreichend gut. Somit wurde wieder eifrig gepackt, wobei wir gegenüber dem letzten Jahr beim mitgeführten Material aus nahe liegenden Gründen doch etwas abgespeckt hatten. Weil auch die Kinder bereits um ein Jahr älter und kräftiger waren, d.h. mehr beim Tragen mithelfen konnten, hatte der Weg zum Campingplatz schon deutlich weniger Tubel-Trophy-Faktor. Den ganzen Zirkus am Belvedere umgingen wir dieses Mal auch elegant, indem zuerst noch eine Klettersession im Garten von Lungern eingelegt wurde. Diesen hatten wir zuvor 5 Jahre lang nicht mehr besucht. Das heisst, es war sowieso wieder einmal höchste Zeit für eine richtige Ernte von inzwischen gereiften Früchten und auch für die Kleinen gibt's da bereits gut etwas zu holen.

Unser Camp auf dem Rhonegletscher.
Somit brachen wir erst um 19.30 Uhr vom um diese Zeit beinahe verwaisten Belvedere auf. Der erste Blick auf den Gletscher zeigte, dass noch etwas mehr Schnee lag als im Jahr zuvor. Doch dafür, dass wir einen ausserordentlich schneereichen Winter hatten und wir eine Woche früher dran waren wie im Vorjahr, war's doch auch schockierend. Die Zunge zeigte bereits grössere, apere Flecken, der Gletscherfluss stürzte in besorgniserregendem Tosen über die Felsen - wenn's mit den Temperaturen so weitergeht wie bisher in diesem Frühling und Vorsommer, so wird auch im 2018 wieder ausserordentlich viel Eis vom Rhonegletscher wegschmelzen. Wir stiegen noch etwas hinauf und stellten das Zelt schliesslich bei der spaltenfreien Flachzone auf ca. 2300m mehr oder weniger am selben Ort wie letztes Jahr auf. Das Wetter zeigte sich doch einigermassen bewölkt, aber dennoch gutmütig. Dazu war es fast windstill und warm, für den nächsten Tag war Sonnenschein angesagt, da konnten wir guter Dinge sein.

Aufbruch in Richtung Wysse Nollen. Alleine ist man auf dem Rhonegletscher definitiv nicht unterwegs...
Nach einem (eben der Gewichtsersparnis geschuldeten) Tütendinner legten wir uns schliesslich aufs Ohr. Wenig später vernahm ich, wie doch tatsächlich Regen einsetzte, der immer heftiger wurde. Das stand so eigentlich nicht wirklich auf dem Programm... doch kurz darauf döste ich ebenfalls weg, wir waren ja im Trockenen. Am nächsten Morgen stürmten dann die ersten Tüüreler bereits ab 4.00 Uhr früh am Zelt vorbei. Die meisten zogen still und schlurfend ihre Schritte, einige wenige zeigten sich bereits um diese Zeit hellwach, begeistert und munter parlierend. Gefühlt waren es jedenfalls Dutzende bis Hunderte, die in unserer Nähe vorbeigingen. Ich hingegen hatte entschieden, die Kinder erst um 6.00 Uhr zu wecken. Einerseits, um ihnen noch etwas mehr Schlaf zu gönnen, andererseits erschien mir das Timing so auch günstiger. So geschah dies dann und nach einem raschen Frühstück machten wir uns um 6.30 Uhr auf den Weg - wie üblich mit dem bewährten System Skilift, wobei die Kinder à discretion auch zu Fuss gehen konnten/durften.


Nachdem wir auf dem Limistock (3189m), dem am einfachsten zu erreichenden Gipfelziel im Becken des Rhonegletschers bereits im Vorjahr waren, so war der am nächsten gelegene, von mir/uns noch unbestiegene Gipfel jener des Wyss Nollen (3418m). Doch auch bis dahin sind's gute 8km Distanz und über 1100hm, ein rechtes Stück Arbeit. Die Bedingungen für den Aufstieg waren jedoch sehr gut. Die Schneedecke war kompakt und bald einmal gefroren. Eher gewellter Sommerschnee zwar, aber dankdem es gespurt war, liess es sich trotzdem ohne viel Widerstand gehen bzw. eben Skilift spielen. So schafften wir es in gut 3:30h tatsächlich bis auf den Wysse Nollen, eine super geniale Sache! Zum Dammastock bzw. den mir noch fehlenden Gipfeln von Eggstock und Schneestock wären es zwar nur noch gute 200 zusätzliche Höhenmeter gewesen. Doch es wäre im etwas aufsteilenden Gelände noch ein hartes Stück Arbeit gewesen alle dort hinauf zu bringen, man muss ja nicht gleich übertreiben und schliesslich sollen wir in den nächsten Jahren auch noch neue Ziele am Rhonegletscher haben. Mit Tieralpli-, Egg-, Schnee- und den beiden Rhonestöcken sind diese ja gegeben.

Fantastisches Ambiente! Der Schnee hingegen nicht so glatt wie ein Teppich.
Nach einer gütlichen Rast machten wir uns um 10.40 Uhr an die Abfahrt. Inzwischen hatte der gefrorene Sommerschnee an der Oberfläche etwas aufweichen können. Die früher aufgebrochenen Skifahrer, welche uns im Aufstieg schon entgegen gekommen waren, hatten sich hingegen mit einer üblen Rüttelpiste abfinden müssen, das war gut zu sehen und zu hören. Auch für uns war's dieses Mal nicht das ganz grosse Fahrvergnügen, doch wir gelangten dennoch spassig und bequem zu unserem Camp zurück. Dort hiess es nach einem Zmittag erst einmal, den ganzen Karsumpel wieder zu verstauen. Als Pièce de Resistance wartet dann jedoch noch der Aufstieg vom Gletscherende zurück zum Belvedere. Mit dem schweren (nun nicht mehr ganz gleich gut organisierten) Gepäck durch die Touristen aus allen Ecken der Welt hindurchzugehen ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Lustig vor allem, welche Bewunderung die Kinder erfahren, wenn sie da als beinahe vollwertige Alpinisten in Skimontur mit einem grossen Rucksack selbständig hinaufsteigen und selbst so noch manche der kaum geländegängigen und halt eben auch höchst unfitten Menschen zu überholen vermögen.

Sulziger Sommerschnee in der Abfahrt, war gar nicht so leid.
Schliesslich war dann das Belvedere erreicht, ein willkommenes, kühles Getränk konnte in die Kehle zischen und ein verdientes Glacé genossen werden. Der übliche Passstrassen-Zirkus war in vollem Gange, immer wieder eine amüsante Sache. Doch auch wir bieten hier ja einen prägnanten Farbtupfer. Schliesslich machten wir uns mit dem Ziel Après-Skitouring (d.h. Klettern nach einer Skitour) auf den Weg. Es dauerte jedoch nur wenige Minuten, bis die Jungmannschaft in einen komatösen Schlaf gefallen war, der bis zu unserer Heimkehr nicht enden wollte. Tatsächlich legten wir beim Reduit im Urnerland noch einen Stopp ein. Doch mit Blick auf die Temperaturanzeige von 29 Grad, den sacküberhängenden, anspruchsvollen Routen und meinem durch die strenge Tour auch reichlich angebrutzelten Zustand verschoben wir die vertikalen Ambitionen auf einen anderen Zeitpunkt. Eine Fahrstunde später waren wir daheim. Ich war noch eine gütliche Weile mit dem Trocknen und Aufräumen des Materials beschäftigt, während die inzwischen wieder muntere Tochter sofort ihren (B)log schrieb. Nein, natürlich noch nicht elektronisch, sondern altmodisch-analog ins Tagebuch. Mir scheint aber, der Apfel falle nicht so weit vom Stamm ;-)

Donnerstag, 14. Juni 2018

Vrenelisgärtli - Chalttäli (AD+)

Die Glärnisch Nordwand ist ca. 8km breit und über 2000m hoch. Eine ganz imposante Wand also, mit diesen Parametern sogar alpenweit ein richtig grosses Ding. Trotzdem hat sie in der alpinen Szene bisher wenig Beachtung gefunden, ist nicht weitherum bekannnt. Woran es liegt?!? Vielleicht an der relativ geringen Gipfelhöhe von nur gut 2900m?!? Eventuell an der nicht immer überragenden Felsqualität?!? Oder handelt es sich einfach um eine der unerklärbaren Anomalien in der Kletterwelt, die es immer wieder gibt?!? Einer der wenigen Wege durch die grosse Mauer ist die Chalttäli-Route. Auf einem etwas verschlungenen Pfad überwindet sie die 2000m-Wand, ohne dass man dabei auf nennenswerte technische Schwierigkeiten trifft. Zwar handelt es sich dabei durchaus um einen lokalen Klassiker, der im Frühjahr bei guten Bedingungen regelmässig Begehungen sieht. Dass aber eine Tour von diesem Zuschnitt nicht regelrecht überrannt wird, erstaunt doch ein wenig.

Die breite Glärnisch Nordwand mit der Chalttäli-Route von vis-à-vis gesehen. Foto: P. Straub auf hikr.org.
Schon lange Jahre hatte ich die Tour durchs Chalttäli auf dem Radar. Schon seit jeher war klar, dass der Weg zurück zum Ausgangspunkt beim Hinter Saggberg, d.h. der Abstieg über die Normalroute vom Vrenelisgärtli via Glärnischhütte, und der Hatscher entlang vom See ein sehr weiter sein würde. Und seit ich mit dem Gleitschirmfliegen in Kontakt gekommen war, war die Erkenntnis da, dass man diese Tour idealerweise mit einem Flug verbinden würde, was den Abstieg zu einem Kinderspiel macht. Daher hatte ich das Chalttäli natürlicherweise ziemlich vorne in meinem Gedankenspiel, als ich mir in diesem Frühjahr endlich eine Ultraleicht-Flugausrüstung anschaffte. Nun ist die Tour von A-Z, d.h. vom Aufstieg bis zum Flug, perfekt gelungen. Die Ausgabe für das Flugmaterial hat sich daher zumindest gefühlsmässig bereits amortisiert.

Während man die Chalttäli-Route früher noch fast ganzjährig begehen konnte, gilt es heute im Zuge der Klimaerwärmung und der fortschreitenden Ausaperung das richtige Zeitfenster zu treffen. Es darf nicht zu viel Schnee haben, aber auch nicht zu wenig und natürlich soll es sich dabei um eine gut verfestigte, kompakte Unterlage handeln. Darüber hinaus ist's kommod, wenn die Hänge bis hinauf zum Chnorren (P.2210) bereits ausgeapert sind. Normalerweise trifft man von Mitte Mai bis Mitte Juni auf die besten Bedingungen, ausnahmsweise mag es auch einmal im Spätherbst ideal sein. Nun denn, nach dem schneereichen Winter 2017/2018 und dem extrem warmen Frühjahr 2018 waren die Bedingungen gegeben. Als dann noch eine Strahlungsnacht und am Folgetag leichter NW-Wind auf Gipfelhöhe angesagt waren, durfte es kein Zögern mehr geben.

Stimmungsbild aus der Nordwand, hier im Couloir bei den 'Chrumme Würm".
Während man im Chalttäli zwar auf keine wirklichen technischen Schwierigkeiten stösst und die Tour in aller Regel seilfrei macht (sichern kann man sowieso kaum!), so ist es eben doch keine Wanderung, sondern eine alpine Unternehmung, die entsprechend seriös angegangen werden will. Sprich auch mit einem ausreichend frühen Aufbruch nach einer klaren Nacht. Ist der Schnee einmal aufgeweicht und seifig, so werden die vielen, exponierten Querungen im 50-Grad-Gelände schnell einmal kritisch, zudem fallen bei schmelzendem Schnee auch gerne Steine (und loses Geröll hat es beileibe genügend in dieser Wand). So hiess es, den Wecker bereits auf 2.50 Uhr zu stellen, damit wir um Punkt 4.00 Uhr losgehen konnten. Auf die Platzierung eines Autos am anderen Seeende verzichteten wir, schliesslich waren wir davon überzeugt, per Gleitschirm absteigen zu können.

Im Schein der Stirnlampen ging's hinauf vom P.1048 via Tschingel und Vorder Schlattalpli zum Mittelstafel. Man folgt zwar unmarkierten, aber deutlichen Bergpfaden, die Orientierung kein Problem. Von den Alpgebäuden beim Mittelstafel quert man horizontal auf Wegspuren ins Chalttäli hinein. Noch vor dem Bach biegt man, nun weglos, bei Chueplangge links ab und steigt die gerölligen Hänge hinauf. Weiter oben an offensichtlicher Stelle überquert man den Bach und erreicht über Gras und Geröll die Mittelmoräne der Firnfelder im Chalttäli. Auf dieser geht's hinauf bis zu deren Ende auf ~1715m. Es war inzwischen erst gut 5.00 Uhr, da waren wir also zügig aufgestiegen. Wir konnten nun die Stirnlampen ausschalten, das Timing hatte perfekt gepasst - es macht Sinn, wenn man ab dieser Stelle über Tageslicht und Weitsicht verfügt. Ebenso nahmen wir die Pickel zur Hand, die Steigeisen konnten vorerst jedoch im Rucksack bleiben.

Ein schlechtes Foto, ich weiss, aber es zeigt so gut wie möglich den Einstieg aufs Band, das auf die Grashänge vom Chnorren leitet.
Sieht easy aus, ist aber die Schlüsselstelle auf dem Weg zum Chnorren: die ersten Meter, bis das Band breiter wird.
Das Schneefeld wird leicht links aufwärts gequert, es gilt den ca. 40hm weiter oben liegenden Einstieg in das Band zu finden, welches auf die Grashänge vom Chnorren leitet. Die Orientierung ist nicht weiter schwierig, unterhalb der auffällig gebänderten Felswand ist man richtig. Gleich die ersten Meter von diesem Band sind abschüssig und etwas 'gschüderig', eigentlich gleich die schwierigste Stelle bis hinauf zum Chnorren. Danach wird das Band deutlich breiter, wenig später biegt man um die Ecke und ist auf den Grashängen angelangt. Auf diesen geht's der Nase nach hinauf. Hier eine Routenbeschreibung anzugeben ist nahezu unmöglich, es gibt so viele Varianten. Auf jeden Fall muss man nirgends wirklich klettern (höchstens ein paar Züge kraxeln), ansonsten ist man falsch. Zu Wissen braucht man, dass man zuletzt nach rechts auf die NW-Hänge des Chnorren ausweicht und diesen nicht in direkter Linie ersteigt. Mehr braucht's nicht. Das Gelände ist gut gangbar, die Planggen trittig und nicht glatt. Ich würde das auf ein T5 veranschlagen - in etwa wie ein Wendenzustieg, einfach ohne Wegspuren.

Auf dem Chnorren (P.2210) trafen wir gut 2:00 Stunden nach unserem Aufbruch ein. Nun hatten wir bereits 1200hm und damit fast 2/3 der gesamten Höhendifferenz im Kasten. Man könnte denken, dass der Gipfel bereits zum Greifen nah sei, aber dieser Eindruck täuscht doch sehr. Der flache Rücken des Chnorren bietet sich jedoch sehr als Frühstücksplatz an, wir machten gerne davon Gebrauch und montierten gleich die Steigeisen. Meist wird es sich jedoch lohnen, noch bis hinauf zum ersten Band oder gar dessen Ende damit zu warten. Nun geht's nämlich vom Chnorren erst dem Rücken entlang und dann leicht linkshaltend hinauf über ein paar einfache Stufen zu eben diesem ersten Band. Um es zu gewinnen, muss eigentlich die einzige, kurze Kletterstelle der Wand gemeistert werden. Es sind allerdings nur 2-3m, nicht exponiert und etwa ein Zweier. Doch dann wird's gleich deutlich ernster. Wir hatten die Wahl, die Linksquerung auf diesem ersten Band entweder an seinem unteren Ende im geröllig-lottrigen Fels, oder oberhalb im steilen Schnee zu gehen. Sofort war gehörig Exposition da, Fehler sind hier keine mehr erlaubt.

Das ist (sic!) der Cruxmove der Chälttali-Route, d.h. der gesamten 2000m-Nordwand. Von der Akteurin elegant mit einem Dynamo an den (losen) Henkel gelöst ;-). Da muss man auch erst einmal im richtigen Moment den Auslöser drücken, um den entscheidenden Sekundenbruchteil in einem 5-stündigen Aufstieg einzufangen :-) 
Linksquerung auf dem ersten Band. An sich einfaches Gelände, aber eben sehr exponiert, Fehler sind da keine erlaubt.
Nach ~150-200m an linksansteigender Querung erreicht man das Couloir, das rechts an den 'Chrumme Würm' vorbeiführt. Diese markanten Felsformationen sind wirklich sehr sehenswert und einzigartig. Teilweise könnte man sogar richtig Kaminklettern darin! Das Couloir ist meist so um 45 Grad steil, hier kann man sich wieder ein bisschen entspannen. Es geht darin ~140hm aufwärts, bis fast zur markanten Felswand hinauf, wo der grosse Quergang beginnt. Man hüte sich davor, bereits eine Etage zu tief nach rechts abzubiegen. Der Quergang ist mit einer Länge von ~800m eine halbe Weltreise. Es geht meist horizontal dahin, jedoch mit etwas Auf und Ab und auf der ganzen Strecke werden brutto ungefähr 50hm vernichtet (netto sind's wohl über 100hm). Die ersten 300m des Quergangs, bis man wieder oberhalb vom Chnorren-Sporn ist, sind dabei deutlich schwieriger wie der zweite Teil. Die Steilheit des Geländes erreicht bisweilen (je nach Schneeverhältnissen) 50-55 Grad. Gefühlt befindet man sich wie auf einem Kirchendach, unterhalb folgt nur noch Luft bis hinunter zum Klöntalersee. An sich technisch unschwierig, jedoch unglaublich exponiert, es gibt wenig Fehlertoleranz und sichern ist eigentlich unmöglich. Fixpunkte gibt's keine - wenn, dann müsste man sich mit mobilen Sicherungen oder Schlaghaken im Fels welche schaffen (die Felsstruktur eignet sich dafür nur bedingt!) oder T-Anker im Firn verwenden.

Im Couloir, das rechts an den 'Chrumme Würm' vorbeiführt. Himmelsleiter mit grandiosem Tiefblick zum Klöntalersee.
Erwähnt sei auch noch, dass es durchaus möglich ist, vom Chnorren direkt hinauf zu steigen. Dabei ist aber mindestens eine brüchige Felsstufe zu meistern, welche zwingend und eigentlich ohne Sicherungsmöglichkeit ein paar Züge im dritten Grad verlangt. Das ist sicher noch eine Spur ernster wie der Weg durchs Couloir bei den 'Chrumme Würm'. Wie auch immer, nach ein paar aufregenden Momenten ging's für uns einfacher dahin. Erwähnt sei allerdings, dass wir von richtig guten Schneebedingungen profitieren konnten. Es war zwar nicht richtig gefroren, dafür gab es schön tiefe und dennoch solide Tritte. Ebenso konnte man den Pickel solide im firnartigen Schnee versenken, so dass dieser beinahe einen Elefanten gehalten hätte. So fühlte man sich natürlich stets sicher. Eine ganz andere Dimension bekommt diese Querung, wenn der Schnee entweder seifig-rutschig oder hartgefroren ist - puh! Ebenfalls ungünstig ist natürlich, wenn es bereits ausgeapert hat. Der hervortretende Fels ist brüchig-schuttig-heikel.

Eine der zapfigeren Stellen im 800m-Quergang, die Exposition ist wirklich atemberaubend!
Gegen Ende wird das Gelände im 800m-Quergang einfacher. Hinter der Akteurin mit rotem Helm die 'Chrumme Würm'.
Vom Chnorren bis zum Beginn des Ausstiegscouloirs hatten wir schliesslich beinahe 2 Stunden gebraucht, wir mussten jedoch auch den ganzen Weg spuren. In Luftlinie wäre es eigentlich eine kurze Wegstrecke und nur gut 200hm, aber wie immer, alles ist eben relativ. Das Ausstiegscouloir ist übrigens problemlos zu finden. Hier gibt's keine Fragezeichen: es ist das erste, breite Couloir, wo ein hinaufsteigen einfach möglich ist. Mit dem Ende der Quererei war auch klar, dass man nun wieder Fahrt aufnehmen könnte, sofern noch genügend Saft  in den Beinen vorhanden ist. Immerhin warteten noch beinahe 500hm an Stapferei in idealem Trittschnee. Inzwischen hatten sich alle 6 Personen, welche an diesem Tag durch die Wand stiegen vereint. Erstens war man sich (wie erstaunlich, oder eben doch nicht?!?) bereits persönlich bekannt und zweitens funktioniert an solchen Orten das Teamwork ja sowieso meistens gut. Das Ausstiegscouloir ist wiederum eher von der 45 Grad-Sorte, daher problemlos. Der ominöse Klemmblock, der bei stärkerer Ausaperung zu Tage tritt und eine Umgehung rechts im Fels fordert, tauchte nicht auf - er war noch zugeschneit. Ansonsten gilt es einfach, immer im Hauptcouloir zu bleiben und keinen der nach rechts abzweigenden Äste zu wählen.

Das rund 45 Grad steile Ausstiegscouloir von unten...
...und von oben.
Schliesslich senkte sich die Horizontlinie und wir erreichten den Grat auf 2800m. Wieder einmal hatten wir den Nordwandmoment - jener, wo einem die Sonne das erste Mal ins Gesicht scheint. Spannend war's für uns natürlich noch aus einem anderen Grund. Hier würde sich bereits weisen, wie die Windverhältnisse im Gipfelbereich sein könnten. Es wehte eine leichte Brise aus NW, von der Stelle wo wir den Grat erreicht hatten, wäre ein Start möglich gewesen. Was für eine Erleichterung. So konnten wir frohen Mutes dem Gipfel entgegen schreiten. Über gerölligen, von unzähligen Steigeisen zerkratzten Fels ging es hinauf. Schliesslich war es gerade gut 9.00 Uhr, bis wir nach rund 5:00 Stunden Aufstieg die etwas fragwürdige, aus ortsfremdem Stein gefertigte, anbetonierte Gipfelbank erreicht hatten. Auch hier waren die Windverhältnisse unserem Flugvorhaben dienlich, somit konnten wir beruhigt Gipfelrast abhalten. Während wir oben waren, trafen auch gleich noch zwei Tourengänger die über den Guppengrat aufstiegen ein. Von der Normalroute kam hingegen niemand herauf.

Idealer Startplatz unmittelbar unter dem Gipfelkreuz vom Vrenelisgärtli.
Perfekte Bedingungen, ready to go!
Bevor sich unsere Mitstreiter an den noch sehr langen Abstieg machten, übergaben sie uns dankend ihre Autoschlüssel. So war es möglich, ihnen die Blechkarossen am See unten zu platzieren und sie ihnen damit wenigstens ein Stück weit näher zu bringen. Dies würde ihnen am Ende des Tages den Gegenanstieg von 250hm vom See hinauf zum Hinter Saggberg ersparen. Wir indessen präparierten unsere Schirme unmittelbar beim Gipfelkreuz. Der Schneehang weist hier optimale Neigung auf. Nachdem es nicht vereist war, konnten wir uns auch gleich der Steigeisen entledigen (eine Landung mit Steigeisen kann bei schlechten Verhältnissen problematisch und bei guten problemlos sein). Dass wir hier problemlos und sicher in die Luft kommen würden, daran gab's keine Zweifel. Es gab leichten Vorwind, der Hang war ideal - einfach loslaufen und schon war man in der dritten Dimension. Da hätte einem jeder Anfänger den Schirm stehlen können, nur gut dass diese dies nicht wussten ;-) Der Flug hinunter zum Ausgangspunkt war dann purer Genuss, obendrein bot er herrliche Ausblicke in die eben begangene Nordwand, mit etwas Morgenthermik liess er sich sogar ein wenig verlängen. Sanft setzten wir unmittelbar neben dem Parkplatz auf. Nun hiess es nur noch die Schirme zu falten. Bereits vor Mittag waren wir auf dem Heimweg, rechtzeitig zum Essen war ich um ein grandioses Abenteuer reicher daheim. So genoss ich den Nachmittag dann mit "what ordinary people do" - einem Besuch im Freibad.

Facts

Vrenelisgärtli - Chalttäli AD+ III 2a 45-55° - 1200hm - Erste Begehung fraglich, vermutlich 1899
Material: Seil & Sicherungsmaterial verzichtbar, 2 Pickel oder moderate Eisgeräte, Steigeisen, Helm

Sehr imposante Tour durch die insgesamt 2000m hohe Glärnisch Nordwand, welche auf der idealen Route nur mässige technische Schwierigkeiten beinhaltet. Im Fels wird der zweite Grad nicht überschritten, das Grasgelände hinauf zum Chnorren ist im Bereich T5/+ nicht haarsträubend und auch im stellenweise bis zu 55° steilen Firn muss man keine Wunderdinge vollbringen. Trotzdem darf man die Tour absolut nicht unterschätzen, vor allem weil sie über rund 1200hm permanent in Absturzgelände verläuft und viele exponierte Querungen aufweist, wo sicheres Steigeisengehen absolute Pflicht ist. Sichern ist in diesem Gelände über weite Strecken nahezu unmöglich, die Mitnahme von Seil und Sicherungsmaterial daher eigentlich obsolet. Wer sich's nicht zu 100% seilfrei zutraut, wählt besser einen anderen Weg auf's Vreneli. Weitere Anforderungen werden an die Wegfindung gestellt. Markierungen oder Spuren gibt's wenig bis keine - auch wenn der Weg an sich absolut logisch ist und stets dem Pfad des geringsten Widerstands folgt, so ist doch ein guter alpiner Orientierungssinn und etwas Selbstvertrauen vonnöten. Gefahren drohen auch durch Steinschlag und Schneerutsche, man plane den Zeitpunkt der Begehung also sorgfältig und breche tageszeitlich früh auf. Ideal ist's dann, wenn die Hänge bis zum Chnorren bereits aper sind, oberhalb auf den Bändern und in den Couloirs jedoch noch durchgehend guter Trittschnee liegt. Meist trifft man so grob von Mitte Mai bis Mitte Juni auf geeignete Bedingungen. Liegt harter Schnee bzw. Eis oder sind die Querungen und Couloirs bereits ausgeapert, so dass geröllbedeckter, brüchiger Fels zutage tritt, so steigen die Anforderungen deutlich an!

Donnerstag, 7. Juni 2018

Gross Windgällen (3187m) - Nordwand

Die Nordwand der Gross Windgällen fällt über 1000m sehr steil zum Seewlisee im Kanton Uri ab. Wenn man ein Foto davon aus entsprechender Perspektive sieht, so braucht man nicht lange zu fragen, warum man als Bergsteiger zu einer solchen Tour aufbricht - Schwung und Steilheit sind einzigartig, die Herausforderung klar gegeben. Nach einigem Werweissen, ob die Bedingungen wohl gut sein würden, einigten wir uns schliesslich auf einen Aufbruch. Mit im Gepäck war auch hier wieder die Ultraleicht-Flugausrüstung, welche uns nach getanem Wanddurchstieg bequem ins Tal bringen sollte. Es wurde schliesslich eine Tour, welche sich sehr gut zur Reflexion eignet, wie schmal der Grat zwischen einem 'excellent adventure' beim abenteuerlichen Bergsteigen und purem Desaster ist...

Noch Fragen offen?!? Das ist die Nordwand der Gross Windgällen, gesehen vom Seewlisee. Foto: Dolmar @ hikr.org
Vorgeschichte & Zustieg

Dieses Mal musste ich bereits um 1.45 Uhr aus den Federn, unsere Tour startete schliesslich um 3.45 Uhr auf der Brunnialp. Die Fahrbewilligung dahin ist für 20 CHF im Rest. Alpina in Unterschächen erhältlich - natürlich nicht um diese Tageszeit, man organisiere sich zuvor entsprechend. Danach wartete ein harter Marsch in den anbrechenden Tag hinein zum Einstieg. Wir wählten die Route via Griesstal und Sprossengrätli. Via Firnband und Zinggen wäre auch möglich und etwas kürzer, jedoch weglos, anstrengender und im Dunkeln nicht ganz einfach zu finden. Bis ins Griesstal hinauf war's schneefrei, danach gingen wir zu etwa 75% über kompakten Sommerschnee. Genau diese Route hatte ich übrigens im Winter 2 Jahre zuvor schon unter dem Motto "Ohne Fleiss kein Eis" begangen. Man muss das nur leicht modifizieren zu "Ohne Fleiss kein Preis" oder eben keine Nordwand, so passt's auch schon wieder. Wenn ich noch daran denke, dass ich 1.5 Jahre zuvor die Gross Ruchen Nordwand via 'Der dunkle Turm' bestiegen hatte und im vorangehenden Sommer den Bigwall der Grüter/Müller (21 SL, 7a) am Wiss Stöckli vom selben Ausgangspunkt anging, so darf man das hintere Brunnital als Adventure Playground der ersten Güteklasse bezeichnen. So standen wir schliesslich um 5.40 Uhr im Angesicht der Wand, welche aus Bottom-Up-Perspektive sehr felsig aussieht. Der Eindruck täuscht aber... Wobei die Ausaperung der Wand tatsächlich schon deutlich fortgeschritten war, dies war uns jedoch von der ideal positionierten Webcam auf Biel-Kinzig schon bekannt. Da sich Literatur und Web weitgehend einig darin sind, dass dies ideale Verhältnisse darstellen (siehe Infoteil für meine Einschätzung dazu), stiegen wir nach einem Frühstück und Montage der alpinen Komplettmontur um 6.10 Uhr in die Wand ein.

Frontalperspektive auf die Wand vom Sprossengrätli, inklusive Routenverlauf. Das Ausstiegscouloir und auch der Gipfel sind aus dieser Perspektive nicht sichtbar. Markant die Differenz in der Steilheit der Wand zwischen diesem Foto und demjenigen oben. Man wähle aus, was einem besser zusagt ;-)
Es war ein fantastischer Marsch in den anbrechenden Morgen hinein. 
Leer schlucken, rechts umgehen. Es gäbe an der Gross Windgällen nicht nur Bruch und Schotter (wie dieser Bericht hauptsächlich beschreibt), sondern es gibt auch Zonen mit Hammerfels so wie hier. Wanna put up some hardcore alpine sportclimb?!? Here you go...
Unterer Wandteil mit den Hauptschwierigkeiten

Zuerst geht's auf dem unteren Firnband nach rechts hinaus. Diese Passage ist ähnlich wie der grosse Quergang im Chalttäli - einfach nur halb so lang und der Tiefblick ist auch noch nicht ganz so enorm. Zum Runterfallen ist's natürlich trotzdem nix. Dort, wo sich das Band in der Wand verliert, geht's kurz nach oben und dann nach links. Mit den Beschreibungen aus Literatur und Web ("um eine Kante herum") konnte ich vor Ort wenig anfangen. Jedenfalls ist es ziemlich unklar, wo es am besten durchgeht, das Gelände ist sehr unübersichtlich. Tipp: generell tief bleiben. Man kann hier noch seilfrei durch, wenn es so schwierig wird, dass man sichern müsste, ist man falsch. Wir konnten hier eine vor uns gestartete Seilschaft überholen, welche zu hoch hinaufgestiegen war und bereits ans Seil musste. Über dennoch stellenweise heikles und exponiertes Gelände gelangten wir zur sogenannten Schneesichel, welche einfach nach links hinauf zur Schlüsselstelle führt (7.30 Uhr, 1:20h ab Einstieg). Durch ein eisig-kaltes Rinnsal ging's hier im Grad 4b mit Steigeisen eine Länge nach oben. Der Fels ist (wie überall in der Wand) brüchig, am angenehmsten zu klettern dünkte es mich noch direkt im Wasserlauf selber und geduscht hatte ich bei einem Aufstehen um 1.45 Uhr an diesem Tag ja natürlich auch noch nicht. Passt ja alles :-)

Auf dem Einstiegsband, ein sehr exponierter Morgenspaziergang.

Die Schneesichel, am Ende des Schneefelds setzt die Crux an, es geht rechts hinauf.

Yours truly in den steilen Auftaktmetern zu Beginn der Cruxlänge. Auf ein paar Metern ganz ordentlicher Fels.

Danach rechts hinaus und mitten durch das eiskalte Rinnsal. Wenn der Fels hier vereist ist, dann gute Nacht!
Zum Sichern ist die Lage in der Cruxlänge trotz zweier Bolts am Anfang prekär. Noch doofer ist's dann, wenn man oberhalb in flacheres Gelände kommt und vielleicht einmal Nachnehmen möchte. Einen Stand gibt's da nirgends, Möglichkeiten für mobile Sicherungen sind Fehlanzeige. Man steht einfach auf einem geneigten, schuttbedeckten Wandabschnitt, der Fels ist brüchig. War ich froh, dass ich ein paar Schlaghaken am Gurt hatte! Auch diese sind nicht einfach zu platzieren, schliesslich fand ich jedoch eine Ritze, wo ich ihn mit ein paar saftigen Schlägen eintreiben konnte. Damit war der 'Point of no Return' bereits erreicht. An diesem windigen Haken abzuseilen, wäre höchstens als Plan Y, also eigentlich gar nicht in Frage gekommen. Handyempfang gibt's in der Wand übrigens auch keinen, der Ruf nach dem Helikopter als Plan Z ist also auch keine Option. Aufgrund der Situation (es waren total 8 Leute vor Ort) entschieden wir uns für eine Art Himalaya-Style-Climbing, d.h. alle anderen stiegen am fixierten Seil nach und ich ging als einziger im Vorstieg. Ziemlich ungewöhnlich, doch zeitsparend und in dieser Situation absolut angebracht. Aufwärts sah es allerdings auch nicht so erbaulich aus. Oberhalb zeigte sich komplexes, unübersichtliches Felsgelände mit höchst unklarer Routenführung, also wollte der Spürhund ausgepackt werden. Schon immer wieder erstaunlich, wie man an einem solchen Ort stehen kann, keine Ahnung hat, wo es langgeht und zig Optionen offen wären. Dann steigt man dort durch, wo es einem am besten scheint. Zuhause checkt man dann im Nachhinein noch einmal alle Berichte im Web und sieht anhand der Fotos - ah ja, die anderen nahmen offenbar denselben Weg.

Nachstieg am fixierten Seil, dies ist der am Anfang überhängende, breite Riss, der im unteren Abschnitt beschrieben ist.
Vom Stand nach der Cruxlänge ging's +/- gerade nach oben über einen brüchigen Plattenbuckel hinweg auf schuttbedeckte Platten und dann ein Schneefeld und zuletzt etwas morsches Eis. An einer 3m hohen Felsstufe liess sich nach 40m ein akzeptabler Stand an 2 Cams einrichten. In der nächsten Länge wurde diese erklettert, um ein nächstes Band zu erreichen. Darauf sind wir über Geröll und Schnee nach rechts gequert. Nach ca. 25m eröffnet ein breiter Riss den Durchschlupf durch den Felsriegel darob. Wiederum fand sich ein akzeptabler Stand an 2 Cams an dessen Fuss. Dann hiess es zupacken, der ca. 7m hohe Riegel war zu Beginn überhängend. Dank guten Griffen und kantigem Fels trotz dem Rinnsal, welches darüber hinunter lief, gut zu erklettern. Oberhalb flacht das Gelände ab, man erreicht wieder ein Band. Zum Sichern liess sich hier nur 1 eher durchschnittliches Placement für einen Cam identifizieren, suboptimal. Von dieser Stelle leitet einen das Gelände weiter nach rechts. Wir rollten das Seil vorerst auf, obwohl eine kurze, brüchige Engstelle auf dem Band zu passieren war. Es folgte ein weiteres Schneefeld und wieder einmal die Frage wie weiter. Beim Aufstieg nach oben wartete eine weitere Stelle im Fels, abgeschlossen war der Pfeiler von einer steilen, senkrechten Passage. Linkerhand hätten sich 2 etwas weniger steile Rinnen angeboten, aber da lief so viel Wasser... sehr unangenehm. Nach rechts hätte man weiter queren können, allerdings sah das abschüssig-schuttig-brüchige Gelände wenig einladend aus. Zudem fielen dort drüben hin und wieder Steine runter. Somit war der Pfeiler wohl die schwierigste, aber die beste Option, also los.

Der Pfeiler mit der steilen, senkrechten oder gar leicht überhängenden Passage, mitunter der beste Fels in der Route.
Am Fuss des steilsten Abschnitt konnte ich meinen letzten Schlaghaken versenken, sonst gab's kaum Optionen zum Sichern. Doch der Pfeiler wartete mit dem besten Fels der ganzen Route auf, mit ein paar kräftigen Zügen an Henkelschuppen war die Sache rasch erledigt. Schwieriger gestaltete sich dann hingegen die Suche nach einem Standplatz. Schliesslich fand ich einen Batzen Resteis, wo ich eine 13er-Schraube sogar ganz eindrehen konnte. Damit waren wir beim nächsten Wandabschnitt angelangt (10.00 Uhr, 3:50h ab Einstieg, in Zweierseilschaft bestimmt eine Stunde weniger). Erst ein schuttbedeckt-brüchiger, geneigter Abschnitt im Fels, dann lange, um die 50 Grad steile Schneefelder führen hinauf zum Ausstiegscouloir. Dieses ist vorerst überhaupt nicht ersichtlich, es hilft also durchaus, wenn man (z.B. aufgrund von einem guten Wandfoto) eine Vorstellung davon hat, wohin man zielen sollte. Der Zugang zum Couloir wird durch eine ungute, brüchige Felsstufe versperrt. Ein paar heikle Moves hinauf, lottrige Querung nach links in eine Rinne und dort das noch vorhandene Resteis pfleglich behandeln, dies bei gehöriger Exposition, uff! Dann geht's vorerst durch eine Art Kessel nochmals etwas einfacher dahin, bis sich das Couloir verengt.

Impressionen aus dem mittleren Wandteil...

...eine gehörige Rutschbahn, und überall liegen Schutt und Steine herum.

Die ungute Bruchstufe am Eingang zum Ausstiegscouloir. Der Scary-Faktor auf dem Foto ist definitiv zu tief.
Durch das Ausstiegscouloir zum Gipfel

Schon bald wartete eine erste Stufe im Couloir. Der Schnee/Eis-Pfropf an dieser Stelle war sich bereits am Auflösen begriffen. Vorsichtig stiegen wir darüber hinweg, er hielt dem Körpergewicht zum Glück stand. Wenn er fehlt, so wartet mit der Stelle aus der überhängenden Gufel hinaus wohl eine ganz andere Herausforderung. Über Schnee ging's weiter zum nächsten Steilabschnitt. An dessen Fuss steckt nochmals ein BH, Zeit um das Seil wieder auszupacken. Über ein paar Meter im 75-Grad-Eis ging's weiter. Nun ist der Juni logischerweise nicht gerade die Hauptsaison zum Eisklettern, selbst auf 3000m nicht. Doch obwohl die Struktur bereits etwas hohl und morsch war, war's genügend stabil und gut kletterbar. Das Problem bestand eher darin, danach einen Standplatz zu bauen. Die Seitenwände einfach nur aus unendlich brüchigem Klötzlifels. Die beste Option entweder ein T-Anker oder kurz vor Seil aus doch noch die Möglichkeit, ein paar Cams zu versorgen. Damit noch nicht genug, nach einem weitere Schneeabschnitt wartet die finale Steilstufe, auch hier nochmals mit einem (derzeit schwierig zu erreichenden) BH an der rechten Seitenwand. Es wartete eine kurze, nahezu senkrechte Kletterei an einem 'Eis-Wasserfall'. Letzteres würde ich eher als Laienbezeichnung titulieren, hier allerdings absolut zutreffend. Wasser floss in Strömen, doch das Safteis liess sich echt noch gut klettern und so war diese Stufe rasch erledigt. Allerdings, es sei erwähnt, wenn hier das Eis fehlt, so ist diese (im Fels) überhängende Stufe aus der Gufel darunter sicherlich auch ziemlich problematisch. Der Stand oberhalb an einer guten Eisschraube war völlig ok.

Heikler Schnee/Eis-Pfropf im Ausstiegscouloir. Wenn er weg ist, wird's schwierig!
Die letzte, eisige Passage im Couloir. Deutlich angenehmer wie der Wühlschnee!
Ich hatte das Seil wieder fixiert und mich diesem entledigt und machte mich darauf, den letzten Abschnitt zu spuren. Der Schnee wurde je länger je fauler, an gewissen Passagen artete es in eine ziemliche Wühlerei aus. Umso angenehmer war's, weiter oben nochmals auf eine vereiste Passage zu treffen. Dann ging's dem Sattel zwischen W- und E-Gipfel entgegen, zuletzt über loses Geröll hinauf zu Meteostation und Gipfelbuch beim E-Gipfel. Um 12.30 Uhr traf ich dort ein, sprich nach 6:20h in der Wand. Nur zu zweit in der Wand wären davon bestimmt 1.5h eingespart worden, aber für die angetroffene Situation war das sehr gut sich aus der Affäre gezogen. Auf dem Gipfel warf ich als erstes einen Blick in die ENE-Flanke, über welche der Abstieg führt. Dieser hatte mir schon a priori Sorgen gemacht. Er wird schon ab 5.30 Uhr von der Sonne bestrichen, somit war klar, dass der Schnee hier bereits aufgeweicht wäre, egal wie lange wir für den Wanddurchstieg bräuchten. Zudem hatte ich diese Wand rund 10 Jahre zuvor einmal als Skitour begangen und doch als heftig steile Sache im Kopf. Doch gottseidank lag eine gut ausgetretene Spur (d.h. der Gipfel wurde auch von der Hütte via den Normalweg angegangen) und ganz so steil wie ich es in Erinnerung hatte, schien es doch auch nicht zu sein. Somit konnte ich ein wenig mit dem Gefühl "wir haben's geschafft" relaxen und warten, bis alle Leute den Gipfel erreicht hatten. Der Aufstieg war nämlich eine ziemlich nervenaufreibende Sache gewesen. Brüchig, schuttig, heikel, schlecht zu sichern, objektiv nicht ungefährlich, da an manchen Orten nur schon ein fallender Stein oder ein kleiner Schneerutsch verheerend hätte sein können. Auch wenn's mir klettertechnisch nicht schwierig gefallen war, so fühlte ich mich unterwegs doch stets angespannt.

Blick vom Gipfel runter zum Sattel zwischen W- und E-Gipfel, zwei Kletterer sind auf den letzten Aufstiegsmetern.
Abstieg mit Schrecken...

Um etwa 13.15 Uhr begannen wir schliesslich mit dem Abstieg. Der Schnee war zwar tief und aufgeweicht, die Tritte aber immer noch solide, somit ging das problemloser, wie ich befürchtet hatte. Allerdings ging's nicht lange, bis ich wieder einmal eiskalte Griffel hatte, die Handschuhe waren ja schon längst komplett durchnässt. Um weiter agil zu bleiben und sicher absteigen zu können, blieb ich auf einer Felsrippe stehen, um einen wieder einmal vaterländischen Kuhnagel zu behandeln. Der Rest der Truppe ging voraus. Plötzlich wurde ich mir aus dem Augenwinkel oder akustisch bewusst, ganz genau kann ich's nicht sagen, wie deutlich rechts von meiner Position ein Schneerutsch über die Wand abging. Ich war auf sicherem Grund, aber die anderen waren inzwischen in einer Rinne genau unterhalb. Sofort warnte ich, aber es war viel zu spät um zu flüchten. Es dauerte nur noch Sekunden, bis sie von den Schneemassen erfasst wurden. Eine Person wurde mitgerissen und stürzte in der Folge rund 200hm über die Flanke und zwei je rund 20m hohe Felsstufen ab. Ich möchte an dieser Stelle nicht mehr über die folgende, beklemmende Stunde schreiben, ausser dass eine rasche, sehr professionelle Bergung durch die Rega erfolgte, die Person schwer verletzt wurde und sich auf dem Weg der Besserung befindet. Sowie auch, dass ich es als fast unglaubliches Glück empfinde, dass das Schicksal hier nicht grausamer zugeschlagen hat und es eine Perspektive nach vorne gibt.

Two minutes before the shit hits the fan... genau hier ist's passiert.
Gross Windgällen ENE-Flanke, durch die 3 Schneefelder inkl. der 3 Felsriegel verläuft der Abstieg.
Schliesslich war der Helikopterlärm verstummt, eine beinahe schon unheimliche Stille war eingetreten und der Rest der Equipe stand wie begossene Pudel auf dem Stäfelfirn. Eigentlich genau hier hatten wir geplant, mit unseren Gleitschirmen zu starten und den 3-4 stündigen Abstieg ins Tal effizient zu verkürzen. Was nun?!? Die Good Vibes waren definitiv verflogen, unter Ausblendung der Umstände waren die Flugbedingungen aber perfekt. Hört man in diesem Moment auf den Kopf oder auf den Bauch?!? Vielleicht mag es an dieser Stelle erstaunlich scheinen, dass wir uns für einen Start entschieden. Doch ich denke, es ist in den Bergen eine absolut unverzichtbare Eigenschaft, jede Situation neu für sich, aufgrund von Wissen und Erfahrung nach vorne gerichtet rational zu beurteilen und sich im entscheidenden Moment nicht zu fest von den Emotionen leiten zu lassen. Die wirkliche Crux für mich war es sowieso gewesen, die Stelle wo der Absturz Minuten zuvor passiert war, im Abstieg sicher zu passieren. Nein, der Flug wäre nicht nötig gewesen. Aber er war gut und safe, 30 Minuten später setzten wir bei der Talstation der Golzernbahn auf. Die Tour war damit noch lange nicht beendet. Kurzfristig ging's vor allem darum, noch einmal zurück zur Brunnialp zum Einsammeln des dort stehenden Autos zu kommen und sicher nach Hause zu zurückzukehren. Um dort dann ausführlich über das Geschehen am Berg nachzudenken. Auch wenn man vor Ort gewisse Dinge ausblenden können soll, so wäre es töricht, über diese nicht im Nachhinein scharf zu reflektieren, alles an seinem Platz einzuordnen und für die Zukunft die richtigen Schlüsse zu ziehen. Nicht zu vergessen, dass diese Tour und ihre Folgen jemanden unter uns noch lange beschäftigen werden. Auch an dieser Stelle wünsche ich alles Gute zur Genesung.

That moment when you feel the freedom! Start bei perfekten äusseren Bedingungen auf dem Stäfelfirn.

Prima Thermik über der Windgällenhütte. Durfte nicht ganz ungenutzt bleiben...

Weil's so unglaublich cool aussieht, nochmals eins vom Gleitschirmstart. Am Horizont vis-à-vis der Oberalpstock.
Facts

Gross Windgällen - Nordwand TD IV 4b WI3 50-55° - 850hm - Brun/Wagner
Material: 1x50-60m-Seil, Camalots 0.3-1 plus 1-2 kleinere, 4 Eisschrauben, Sortiment Schlaghaken

Imposante, kombinierte Tour, welche über rund 1000m Höhendifferenz zum lieblichen Seewlisee abfällt. Die Kletterei ist technisch nie sonderlich schwierig, aber ernsthaft. Die Route eignet sich nur für kompetente Alpinisten, die mit schwieriger Wegfindung, schlechtem Fels und allen Arten von Eis und Schnee souverän umgehen können. Sicherungen sind oft schwierig anzubringen und längere Abschnitte sind eigentlich (nur schon aus Zeitgründen) nur seilfrei sinnvoll zu begehen. Unbedingt mit sollte ein Set an Cams von Mikro bis zum Camalot 1, für grössere gibt's wenig Placements, die Mitnahme von Keilen ist ein wenig Geschmackssache. Je nach der erwarteten Menge an Eiskletterei 4-6 Schrauben pro Seilschaft. Ebenso würde ich keinesfalls auf ein gut sortiertes Sortiment von Schlaghaken (mind. 5 Stück) verzichten. Eine besondere Schwierigkeit dieser Tour besteht darin, geeignete Bedingungen anzutreffen. Man beachte auch, dass ein Rückzug bald schwierig bis unmöglich ist und dass in der Wand kein Handyempfang vorhanden ist (Stand 2018, Swisscom).

Wissenswertes

Jahreszeit: die gängige Empfehlung lautet, diese Tour im Frühsommer (Mai-Juli) nach kalten Nächten anzugehen. Dies greift jedoch zu kurz. Ist die Ausaperung schon fortgeschritten, so droht nach echt kalten Nächten vereister Fels, was die Schwierigkeiten massiv erhöht. Ebenso ändert sich dadurch die Gefahr durch die vielen, herumliegenden Steine nicht und den lottrigen Fels nicht. Selbstverständlich darf es aber auch nicht zu warm sein, da sonst die Gefahr von durch den Schmelzprozess fallenden Steinen erheblich wird. Meine Recherchen im Nachhinein haben ergeben, dass die Tour (bei einer Handvoll Begehungen pro Jahr) meist um dieselbe Jahreszeit bei insgesamt ähnlichen Bedingungen angegangen wurde. Ich sehe folgende Optionen:

  • Man greift wie am Eiger bei Winterbedingungen an. Idealerweise ist der Schnee fest und in den Steilstufen hat es solides Eis und es liegt nirgendwo loser Pulverschnee herum. Die idealen Zeitfenster wären wohl Nov/Dez und März/April. Allerdings braucht's dann für Zu- und Abstieg Ski und diese müssen durch die Wand mit. Ein Foto von einer solchen Begehung im März 2017 zeigt, wie sogar die Cruxlänge genüsslich als WI3 in solidem, fett gewachsenem Eis geklettert werden konnte.
  • Von einer weiteren Begehung Anfang Mai 2014 wurde mir berichtet. Da war bis auf die Cruxlänge noch die ganze Wand verschneit und es konnte auf einer soliden Schneedecke sicher, zügig und angenehm gestiegen werden. Die Steinschlaggefahr wurde als sehr klein empfunden. Im Zu- und Abstieg waren die Verhältnisse ähnlich wie bei uns.
  • Ich würde explizit davon abraten, die Wand bei bereits fortgeschrittener Ausaperung (wie bei uns) anzugehen. Das objektiven Gefahren scheinen mir zu hoch. Fehlt in den Steilstufen im Ausstiegscouloir das Eis (was bei uns nicht der Fall war), so warten dort weitere, schwierige Stellen.
  • Noch schlechter (schwieriger) dürften die Bedingungen sein, wenn in den Kletterpassagen dünnes Wassereis oder unverfestigter Pulverschnee liegt. 
Blick auf die Cruxlänge nach der Schneesichel bei einer Winterbegehung im März 2017. Statt eine brüchig-nasse 4b wie bei uns wurde hier genüsslich und gut abgesichert im WI3-Eis gepickelt. Bestimmt die bessere und sicherere Option, auch wenn dann die Ski auf dem Rucksack mit durch die Wand müssen. Foto: D. Perret, engelbergmountainguide.ch.
Zugang: entweder von der Seilbahn Silenen-Chilcherbergen oder aus dem Brunnital. Sofern man bereits bis auf die Brunnialp fahren kann (mit Bewilligung für 20 CHF, erhältlich im Rest. Alpina in Unterschächen), so beinhaltet die zweite Option weniger Höhenmeter und erlaubt es, die Tour ohne Übernachtung anzugehen. Allerdings ist's immer noch eine eher weite Wanderung zum Einstieg und die Logistik zum Rückholen des Autos ist auch eher aufwändig. Am Seewlisee kann man gut biwakieren oder evtl. auch beim Älpler Quartier finden.

Abstieg: über den Normalweg in der ENE-Flanke. Das Problem besteht darin, dass man bei einer Begehung der Nordwand ab April kaum eine Chance hat, zu einer solch frühen Zeit auf dem Gipfel zu sein, dass der Abstieg noch in guten Bedingungen ist. Stellenweise sind Sicherungsstangen oder Einzelbolts vorhanden, jedoch nicht durchgehend. Vom Bergschrund sind's dann noch ~2000hm bis ins Tal oder ~1400hm bis zur Golzerenbahn.

Flug: vom Gipfel kann 'nicht' gestartet werden. Wobei, aus der Scharte zwischen W- und E-Gipfel... nicht gänzlich unmöglich, sowohl nach S wie nach N, jedoch nur bei perfekten Bedingungen und für wagemutige, besser mit einem Miniwing. Auf dem Stäfelfirn einfache Startplätze von E über S bis W. Landung im Maderanertal problemlos. Im Reusstal oft sehr starker Talwind. Achtung, die Gegend ist sehr föhnanfällig.

Video

Wer so lange durchgehalten und den ganzen Text gelesen hat und bis an diese Stelle von diesem Blog vorgestossen ist, hat nun das grosse Vergnüngen, sich das exzellenten Video von Pascal zu dieser Tour zu Gemüte zu führen. Viel Spass!