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Mittwoch, 8. August 2018

Rätikon - Schwarzer Diamant (7a+)

Das Epizentrum der Kletterei im Rätikon sind die Kirchlispitzen und das Schweizereck, doch auch am Westgipfel der Drusenfluh gibt’s famose Klettereien, welche nebst sehr gutem Fels auch Grosszügigkeit und eine stolze Länge aufweisen. Bereits 1997 und damit vor 20 Jahren hatte ich diese Zone das erste Mal besucht und mir eine der ersten Wiederholungen von Mangold (11 SL, 6c+, inzwischen ein Klassiker) sichern können. Wenige Jahre später, anno 2000, bohrten Jörg Nuber und Matze Ruf eine tolle Linie in die Wand. Mit einem deutlichen Makel allerdings. In Seillänge 12, etwa 5-7m vor Ende der Schwierigkeiten war ihnen beim Bohren das Tageslicht und anschliessend der Schnauf zur Vollendung der Route ausgegangen. So figurierte die Nuber/Ruf Unvollendet lange Jahre in den Kletterführern und wurde auch hin und wieder bis zu ihrem damaligen Ende begangen. Ab 2014 nahm sich dann Walter Hölzler der Sache an und vollendete die Linie, welche heute unter dem Namen Schwarzer Diamant (14 SL, 7a+) geläufig ist.

* Ein Blog aus dem Sommer 2017... dann kamen die Sommerferien und er wurde bisher nie komplett fertiggestellt.


Ungewohnte Perspektive auf die aus dieser Distanz fast niedlich kleinen Kirchlispitzen.
Nachdem die Kinder «bessere Pläne» hatten, war es Kathrin und mir wieder einmal vergönnt, eine längere MSL gemeinsam anzupacken. Nachdem nicht zu 100% gewitterfreies Wetter versprochen war, hiess es um 5.00 Uhr aus den Federn zu steigen – eher einen Tick zu früh, wie sich schliesslich zeigen sollte. Der Einstieg der Route ist auf beinahe 2400m gelegen und erhält erst nach 10 Uhr Sonne. Nach einer klaren Nacht ist’s vorher ausser an absoluten Hitzetagen doch meist eher frisch und die erste Seillänge ist kein Spaziergang. Doch erst gab’s sowieso den Zustieg zu meistern. Wir folgten der Güterstrasse zum Heidbüel, was für einmal eine andere, ungewohnte aber sehr interessante Perspektive auf die Rätikon-Wände gibt. Vom Heidbüel dann markiert aber weglos zum Prättigauer Höhenweg und schliesslich zum Einstieg hinauf. Das tönt lapidar, ist es aber nicht. Die riesige Geröllreisse zum Wandfuss hinauf ist ein Pièce de Resistance. Mit guter Planung kann man sich meist in Zonen bewegen, wo die Blöcke gerade gross genug sind, damit nicht alles in Bewegung gerät – aber nicht immer. Und zum Schluss wird man sich dann noch gewahr, dass auch noch heikel der ausgespülte Graben zum Fels zu überqueren ist. Je nach Verhältnissen (z.B. bei hartgefrorenen Schneeresten, oder wenn der Dreck sehr trocken und hart oder dann durch Regen stark aufgeweicht ist) kann dies durchaus problematisch werden – besser beim Schuhwerk etwas konservativ planen! Ist man einmal «drüben», so muss man noch über Schrofengelände zum Einstieg hinauf. An sich nicht weiter schwierig (ca. T5), aber doch gehörig exponiert über der darunter liegenden Felsstufe, Fehler werden hier keine mehr verziehen. Wir waren etwas nach 7.30 Uhr beim Melkplatz losgelaufen, um ca. 8.50 Uhr am Einstieg beim rot angepinselten BH (trotz nur knapp 700hm zieht es sich!) und stiegen schliesslich um 9.15 Uhr ein.

L1, 35m, 7a+:  Schon auf den ersten Metern der Route kriegt man einen Vorgeschmack auf das, was noch folgt. Die Kletterei ist zwar nicht allzu schwierig (5c-Bereich), aber der erste Bolt steckt  auch erst auf 10-12m Höhe. Ein Sturz liegt da nicht drin und es sei bereits an dieser Stelle erwähnt, dass dies noch an manchen anderen Stellen dieser Schwierigkeit genauso gilt. Danach stecken die Haken vermeintlich näher beieinander, allerdings ist die plattige Wand wenig strukturiert und wirkt auch ein bisschen glatt. Sofort ist die Kletterei alles andere als trivial und beim heiklen Move nach rechts raus rutscht mir prompt der eine Fuss weg. Mirakulös kann ich mich auffangen und das Adrenalin schiesst ins Blut – genau das hat es irgendwie gebraucht, mit dieser Spritze bin ich plötzlich befreiter unterwegs und kann auch die eigentliche Crux gerade durchmoven. Kathrin tut sich dann im Nachstieg recht schwer – während ich noch warm vom Aufstieg klettern konnte, ist sie durchs Sichern im Schatten gehörig ausgekühlt. Jedenfalls ist’s gleich ein happiger Kaltstart, nach den ersten Metern auch ok eingebohrt. Trotzdem aber recht zwingend, v.a. auch die Crux.

Aaahhh, endlich an der Sonne, denkt sie. Erst die letzten Meter in L1 (7a+) bieten gemütliche Kletterei.
L2, 25m, 3a: Problemloses Überführungsstück in weniger kompaktem Gelände. Achtung, die Topos sind hier nicht so genau, es geht diagonal nach rechts hinauf. Das ist insbesondere darum etwas störend, weil sich gerade oberhalb bzw. leicht links ein weiterer Stand mit denselben Haken befindet, von wo aus ein Verhauer (BH gut sichtbar) weiterführt.

L3, 35m, 5c+: Bisschen nach rechts und dem Riss entlang aufwärts zu einem ersten Bolt. Dort offenbaren sich Fragezeichen – erstens ist weiteres Equipment nur in weiter Ferne zu erspähen, zweitens sprengt direktes Überklettern des Hakens den Rahmen von 5c+ bei Weitem. Es geht linksrum der Schuppe entlang und erst weiter oben wieder nach rechts zurück. Der zweite Haken steckt erst auf 15-20m Höhe, sprich relativ bald nachdem man den ersten BH überklettert hat, droht ein Sturz auf den Boden (bzw. das Band unter diesem Wandteil). Die Kletterei ist nur im 5b/5c-Bereich, aber ein Sturz wäre kritisch. Gute Möglichkeiten zum Legen habe ich nicht gesehen – Augen zu und durch. Nachher dann sehr schöne Kletterei in ideal strukturiertem Fels.

Die verzinkten Haken von Nuber/Ruf aus dem Jahr 2000 sind nicht mehr alle taufrisch... Im Moment aber noch ok.
L4, 40m, 6b: Ziemlich alpine Länge, hat mir nicht so Freude gemacht. Die ersten Meter unter dem Dach bleiben lange nass, auch bei uns waren noch ein paar Griffe schlonzig – nachdem das Gelände aber henklig und der Fels rau ist, kommt man hier sicher immer durch. Nach dem athletischen Auftakt folgt ein Quergang nach rechts – es fragt sich bloss, wie weit. Das Topo suggeriert bis beinahe zur Rinne rüberzuqueren, aber vor Ort schaut das unlogisch und ungeschmeidig aus. Besser erscheint es, nach dem vierten Bolt wieder gerade hinauf zu steigen, doch ist dort kein weiterer Haken zu erspähen und so richtig trivial ist die Kletterei nicht. Trotzdem, es ist der richtige Weg, es kommen dann schon wieder Bolts. Zum Schluss dann deutlich nach rechts, bisschen lottrig um die Ecke rum und die Rinne überqueren, inzwischen mit irre Seilzug.

Das Finish von L4 (6b) vermittelt einen Eindruck vom sehr schönen Ambiente, in welchem man klettert.
L5, 45m, 6a+: Die Route macht hier ein bisschen einen Umweg nach rechts in sehr schönes, wasserrilliges Gelände. Die Kletterei ist wirklich ausgesprochen attraktiv, dafür die Absicherung wieder einmal mangelhaft. Der erste Bolt kommt nach ca. 6m, der zweite nicht vor 20m und gute Placements habe ich auf den kompakten Platten keine erkannt. Ein Blick nach unten verheisst gar nichts Gutes, somit sträuben sich die Nackenhaare erneut. Ansonsten ist die Kletterei aber wirklich sehr genussvoll. Der letzte Teil, nachdem man auf den Mauerläufer getroffen ist, dann in ein wenig glatterem und anspruchsvollerem Fels.


Sehr schöne Kletterei über wasserrillige Platten bei eher weiten Hakenabständen in L5 (6a+).
L6, 15m, 2a: Kurzes Überführungsstück über wenig kompakten Fels, leicht linkshaltend hoch zu Stand an der nächsten, kompakten Wandstufe.

L7, 35m, 6a: Schöne Kletterei ohne allzu grosse Schwierigkeiten, steht in punkto Schönheit und Attraktivität etwas hinter anderen Seillängen in diesem Wandteil und dieser Schwierigkeit. Von den Abständen her nicht ganz so wild, auch lassen sich hier noch zusätzlich mobile Sicherungen versorgen.

L8, 35m, 6a+: Auf den ersten Blick sieht dieser Abschnitt auch wieder crazy weit  gesichert aus, doch offenbaren sich schlussendlich auch noch einige, von unten nicht sichtbare Bohrhaken, somit passt das tiptop. Die Kletterei genussvoll, dort wo es steiler wird, ist der Fels mit unglaublichen Henkeln gespickt. Zum Stand hin durch eine kleine Verschneidung an die grosse Schlussplatte (eben den Schwarzen Diamant). Da ist gleich klar, dass nun ein Gang hochgeschaltet werden muss.

Genussvolle Henkelkletterei in L8 (6a+).
L9, 30m, 6c+: Gleich zum Auftakt gibt’s eine Boulderstelle, zwei kleine Leisten kneifen und hopp, an den Henkel. Danach geht’s vorerst sehr griffig dahin und man meint, die Schwierigkeiten dieser Länge bereits gemeistert zu  haben. Das Schlussstück zum Stand belehrt einem etwas besseren. Die vorher üppigen Griffe reduzieren sich zu ein paar Tropflöchern und scharfen Krallern, mit den Füssen muss ziemlich sorgfältig auf die Raufasertapete angetreten werden.

Am Ende von L9 (6c+) beginnt sich die Sache langsam zuzuspitzen. Super Kletterei an sehr kompaktem, rauem Fels hier!
L10, 25m, 7a+: Man startet mit einer Querung nach rechts hinaus, erst geht das noch gut. Der zweite Bolt steckt dann ein bisschen doof – schwierig zu klippen und man weiss  nicht recht, wo man am besten langklettert. Hat man das rausgetüftelt, so geht’s kräftig zum dritten Bolt und dann wird es richtig schwierig. Aus der Kletterposition sind keine weiteren Haken mehr sichtbar und auch die korrekte Sequenz ist nicht offensichtlich. Gerade hinauf scheint die logische Variante. Es pumpt und gute Griffe sind keine in Reichweite. Ich kämpfe wie eine Löwe, um die rauen Kraller in eine Abfolge einzureihen. Schliesslich bin ich gekommen, um dieser Route eine Komplett-Onsight-Begehung abzuluchsen, wer würde da einen taktischen Bloc einlegen?!? Doch leider geht der Kampf verloren, ausgepumpt wirft es mich ins Seil. Schlagartig kommt mir dabei das Momentum abhanden. Im Seil hängend erkenne ich dann zumindest, dass etwa 5m weiter gerade obsig tatsächlich der nächste Bolt steckt. Doch die Stelle am dritten Bolt vorbei ist einfach schwierig und der Abstand zur nächsten Sicherung weit, so dass auch der Kopf seine Rolle spielt. Nach ein paar Versuchen identifiziere ich schliesslich ein slopriges Leistlein, dank welchem ich mich (mit den Füssen bereits gut über dem Bolt) noch ein wenig höher schieben kann und endlich wieder etwas greifbares in die Pfoten kriege. Dann wird’s einfacher, nach ein paar Griffen schnappt endlich der nächste Bolt ein. Der Rest zum Stand in griffigem Gelände ist dann Formsache. Fazit: anspruchsvoll, die Crux ziemlich obligat, aber wenn man einmal weiss wie, dann passt der Grad wohl schon.

Ab hier hat's wieder gute Griffe... Sehr schöne und kompakte, unten auch harte Moves in L10 (7a+).
L11, 30m, 6c+: Hier hat Walter im Zuge der Fertigstellung den ersten Bolt nach unten verschoben, da wähnt man sich sehr dankbar darüber. Zum zweiten wartet dann trotzdem eine zupfige Stelle, welche mir in meinem kraftleeren Zustand ordentlich auf die Pelle rückt. Schliesslich bleibt mir nur die Flucht nach vorne, ganz knapp geht’s auf. Das wäre, mit den Füssen bereits 2m über dem Haken, ein harter Sturz in die erste Zwischensicherung gewesen. Ungefährlich zwar, aber es ist mir doch lieber, dass es beim Konjunktiv bleibt. Dann geht’s erst ein bisschen gangbarer weiter, zum Stand hin wird’s aber nochmals sehr plattig und technisch anspruchsvoll. Auch hier steckt verdankenswerterweise gegenüber dem Originalzustand ein Zusatzbolt – immer noch ist’s zwingend und fordernd, im ursprünglichen Zustand hätte ich mich (vor allem in meinem zu der Zeit desolaten Zustand) wohl nicht mehr über Stelle rübergetraut.

Unten athletisch, oben plattig, so geht's in L11 (6c+). Der hier noch sichtbare, letzte BH wurde erst im Zuge der Fertigstellung der Route (zum Glück!) hinzugefügt. Noch immer ist's 'allegro', ohne diese Haken war's definitiv ein crazy Runout, alles andere als einfach. 
L12, 25m, 7a+: Wohl dem, der jetzt noch gut Reserven im Tank hat! Es wartet noch der zupfig-athletische Abschlussüberhang. Erst rechts über 2 Bolts kräftig hinauf und knifflig nach links in eine Nische. Hier, am dritten Bolt, hatten Nuber/Ruf damals aufgegeben. Es folgt ein kräftiger Boulderzug, wobei ich nun nach der Konsultation des Videos von Zimmsi nicht mehr sicher bin, ob ich die einfachste Lösung erwischt habe – meine Sequenz war jedenfalls komplett verschieden von jener, die im Video gewählt wurde. Aber egal, es hat ja geklappt :-) Nach einem Schüttelpunkt folgt noch der Abschlussboulder mit einem weiten Move und dem Mantle aufs Band hinauf.

L13, 40m, 5b: Nach rechts übers Band queren und dann hinauf, bis auf eine kurze Stelle handelt es sich weitgehend um einfaches Gelände. Den Zwischenstand rechts am Band empfand ich als unnötig, sowieso steckt dort derzeit nur 1 Bolt mit Plättli, vom zweiten ist nur der nackte Dübel da.

Aussicht vom vorletzten Stand (oder kurz davor?!?) auf die 'ultimo tiro' (L14, 5a oder auch ein bisschen mehr).
L14, 50m, 5a: Zum Abschluss noch eine anhaltende Seillänge mit Plaisir-Wasserrillen. Weit, weit oben kann man den ersten und einzigen Bolt erspähen, den es anzupeilen gilt. Dort ist auch die schwerste Einzelstelle, doch auch der Rest ist nicht ganz trivial. Meines Erachtens ist diese letzte Länge deutlich anspruchsvoller wie L13, dort 5a und hier 5c dünkte mich als Bewertung passender. Will man hier mehr Zwischensicherungen anbringen, so stellen Cams in den Wasserrillen die einzige Möglichkeit dar. Den 0.75er konnte ich unterbringen, kleineres Material passte nirgends. Und da darüber hinaus nur noch der 1er mit dabei war, sträubten sich unvermeidlich nochmals die Nackenhaare. Wer hier gut absichern will, kommt um den Camalot 2 nicht herum, den 1er und/oder 2er doppelt dabei zu haben ist kein Luxus.

Stand, chasch cho! Spartanische Einrichtung am Routenende.
Um 17.30 Uhr und damit nach über 8 Stunden Kletterei hatten wir doch noch den etwas spartanischen Ausstiegsstand (dünne, gebohrte Sanduhr – zum Nachnehmen als Totmann hinter dem Grat ok, zum Abseilen wäre mir das unangenehm!) erreicht. Nachdem ich in L10 meine Kräfte verpufft hatte, war der Rest ein unerwartet harter Fight geworden. Ich fühlte mich komplett ausgepowert, aber gewonnen war gewonnen. Doch vorerst wartete noch der Abstieg, der auch nicht eben kurz ist. Aber jammern hilft ja nix, runter vom Berg geht’s nur auf den eigenen Füssen. So machten wir uns an den Abstieg über die Nordabdachung. Ich hatte noch in Erinnerung, wie wir diesen nach der Yume heisst Träume in den Kletterfinken angegangen waren und gemäss meiner Erinnerung zügig zurück am Schweizertor waren. Wie das manchmal so ist mit Erinnerungen, dieses Mal kam es mir doch ordentlich weit vor und wir brauchten eine gute Stunde, bis wir den Boden unterhalb des Öfapass unter den Füssen hatten. Der Weg war mit vielen Steinmännern gekennzeichnet, ist im Prinzip (zumindest bei guter Sicht) aber ohne grössere Schwierigkeiten zu finden. Wenn man irgendwo im Zweifel ist, so muss man sich eigentlich immer links halten, zu weit nach links kann man auf diesem Abstieg eigentlich fast nicht geraten. Schliesslich war es dann noch eine Dreiviertelstunde retour zum Auto, wo sich der Kreis nach rund 12 Stunden on the Move schloss. Nachdem die Kinder immer noch «bessere Pläne» als nach Hause zurückzukehren hatten, konnten wir den Abend bei einem feinen Abendessen beschliessen. Prompt wurden wir durch ein Gewitter noch von der Terrasse verjagt, während das Wetter tagsüber perfekt gehalten hatte. Höchst zufrieden fielen wir zuhause dann in tiefen Schlaf - das war wieder ein Rätikon-Abenteuer erster Güte gewesen!

Impression vom  Abstieg. Weiter unten wird's dann auch noch ein bisschen steiler und es muss gekraxelt werden.

Facts

Drusenfluh - Schwarzer Diamant 7a+ (6c obl.) - 14 SL, 450m - Nuber/Ruf, Hölzler et al. 2000-2016 - ****;xx-xxx
Material: 50m-Seil, 12 Express, Camalots 0.3-2, Grösse 1 & 2 evtl. doppelt.

Sehr schöne Rätikon-Route im typischen Drusenfluh-Westgipfel-Style. Das heisst, unten klettert man auf Platten, die hin und wieder von Geröllbändern unterbrochen sind. Die Schwierigkeiten sind dort nicht anhaltend. Das Herzstück der Route bieten die 4 sehr schönen, kompakten und anhaltend schwierigen Seillängen 9-12, bevor die Route auf einfachen Wasserrillenplatten zum Grat führt. Die Absicherung ist an den einfacheren Stellen eher spärlich ausgefallen (bis ca. 6a+, Niveau xx). Oft klettert man bei suboptimalem Sturzgelände meterweit über dem letzten Haken, mobiles Ergänzen ist höchsten vereinzelt möglich. Hier darf man schlicht und einfach keine Fehler machen, sonst hat das gravierende Konsequenzen. Die schwierigen Seillängen sind gut, aber auch nicht allzu üppig eingebohrt und erheischen zwingende Klettermoves auf nichttrivialem Niveau (ca. 6c/+ obl, Niveau xxx). Auch wenn sie nicht allzu oft zum Einsatz kommen, so sind ein Set Camalots von 0.3-2 absolut anzuraten. Im Wasserrillen-Gelände zum Schluss ist es durchaus angenehm, die Grössen 1 und 2 doppelt mitzuführen, ansonsten sind dort weite Runouts fällig. Topo und weitere Infos findet man auf der Seite von Walter Hölzler: klick! 

Dienstag, 31. Juli 2018

Suunto 9

Von Bächli Bergsport und Suunto hatte ich als Kletterer und Bergsportler die brandneu erschienene Suunto 9 zum Testen erhalten - unter der Bedingung, danach über meine Erfahrungen mit einem Blog zu berichten, was nun an dieser Stelle geschieht. Mindestens seit ich ein Mobiltelefon mitführe (und damit wohl ~20 Jahre) trug ich nie mehr eine Armbanduhr. Zeit also, um sich von Neuem an ein ziemlich voluminöses Stück am Handgelenk zu gewöhnen und davon Gebrauch zu machen.

Spezialedition mit einem Diamanten auf dem Rand ;-)
Auf der Produkt-Webseite steht der folgende Text: "Die Suunto 9 ist eine Multisport-GPS-Uhr, entwickelt für Sportler, die höchste Ansprüche an ihre Sportuhr stellen. Das intelligente System der Batterieverwaltung mit smarten Erinnerungen sorgt dafür, dass Ihre Uhr so lang funktioniert, wie Sie sie brauchen. Die robuste Suunto 9 ist für langes, anstrengendes Training, Wettkämpfe und extreme Abenteuer konzipiert." Richtig verstanden: während früher eine Armbanduhr ewig lief, muss diese heute wie ein Mobiltelefon spätestens nach ein paar Tagen zum Aufladen, bei intensivem Gebrauch sogar häufiger. Die Stärke der Suunto 9 gegenüber von Konkurrenzprodukten liegt zwar spezifisch bei der deutlich längeren Akku-Lebensdauer, für mich als Sportuhren-Neuling war's aber trotzdem eine etwas überraschende Tatsache. Nunja, vom Smartphone ist man sich ja bereits daran gewohnt.


Ansonsten funktioniert das Tracking aber einwandfrei und mit hoher Präzision, insbesondere weil die GPS-Signale mit der sogenannten Fusedtrack-Methode mit jenen von Bewegungssensoren und der barometrischen Höhenmessung kombiniert werden. Es gibt Track-Aufzeichnungs-Modi bzw. spezifische Auswertungen für über 80 Sportarten, wobei auch hier eine leichte Kritik zu platzieren ist. Beschrieben werden diese Modi nämlich nirgends. Ein Handbuch gibt's wie üblich nur online und auch dieses schweigt sich darüber aus. Man kommt also nicht ums Ausprobieren herum. Ganz generell dünkt mich die Menüführung auf dem Gerät etwas unübersichtlich. Gewisse Funktionen sind nur über die Tasten, andere nur über den Touchscreen erreichbar und das Ganze wirkt reichlich verschachtelt. Aber vielleicht liegt's ja an mir altem Grufti...

Screenshot der Suunto App von meiner Tour zum Piz Cambrena.
Seine Tracks kann man via Bluetooth über die Suunto App auf dem Smartphone darstellen und dort nach Bedarf auch mit Freunden oder der Öffentlichkeit teilen. Was hingegen fehlt (oder habe ich es bloss nicht herausgefunden?!?) ist die Möglichkeit zum Livetracking. Das mache ich normalerweise aus Sicherheitsgründen (auf dem Smartphone), wenn ich alleine in die Berge gehe. Ein weiteres Feature ist die Pulsfrequenzmessung durch optische Sensoren am Handgelenk. In meinem Fall funktioniert diese jedoch nur mit bedingter Zuverlässigkeit. Sprich, manchmal wird ein Wert angezeigt, manchmal auch nicht. Es liegt wohl daran, dass die Uhr an meinen knochigen Kletterarmen gar nicht so richtig auf der Haut aufliegt, egal wie stark sie festgezurrt wird. Für wen ständige und akkurate Messungen zentral sind, besteht jedoch die Möglichkeit, die Uhr mit einem Pulsgurt zu kombinieren, was dieses Problem dann natürlich behebt.

Mein Fazit

Ein stylisches Qualitätsprodukt mit langer Batterielebensdauer und vielen Features, für welche ein Sportuhren-Anfänger doch etwas Gewöhnungszeit braucht, um sie vollständig auszuschöpfen. Hauptzielgruppe für die Suunto 9 sind sicherlich ambitionierte Ausdauer- und Bewegungssportler jeglicher Couleur, wohingegen aus der Sicht des Kletterers und Soulsportlers einiges nur Spielerei bleibt bzw. die Messungen und Auswertungen nicht ideal zugeschnitten sind, weil gerade Klettermoves, bzw. vertikale Bewegungen und Kraftanstrengung nicht sinnvoll gemessen werden können. Und obwohl der Kalorienverbrauch beim Klettern durch die Auswertungssoftware ganz bestimmt unterschätzt wird, hat mir die Uhr eines definitiv gezeigt: an einem intensiven Weekend in den Bergen gehen durchaus einmal 10'000 kcal flöten. Essen tue ich da höchstens einen Bruchteil davon (frühmorgens wird mir nur übel davon, unterwegs keine Zeit und nix dabei, abends dann zu müde für grosse Portionen). Da braucht man sich dann auch nicht zu wundern, wenn Anfang Woche der Power beim Klettertraining fehlt.

New Record! Und gemäss Berechnung wurden 3766 Aktivitäts-kcal verbraucht. Neben dem Grundumsatz sind's dann eben gute 5000 kcal.
Dass einem die Möglichkeiten der Suunto 9 auch packen und motivieren können, zeigt das Beispiel von meinem Sohn. Er konnte sich überraschend schnell bzw. eben kinderleicht in die Menuführung einfinden und wollte die Uhr immer wieder tragen, um neue Schrittrekorde zu erreichen. Dies gipfelte nach einem langen Wandertag in den Bergen in ein paar abendlichen Jogging-Extrarunden, um meinen bestehenden Schritt-Tagesrekord vom Bumillerpfeiler am Piz Palü zu tilgen. Doch nicht nur das: mittlerweile trägt er nicht nur die Suunto 9 beim Laufen, sondern auch eine echte Laufhose, denn schliesslich gilt's jetzt auf den ersten Trailrun-Wettkampf zu trainieren :-)

Bezugsquelle: die Suunto 9 Baro kann man für 629 CHF bei Bächli Bergsport kaufen.

Montag, 30. Juli 2018

Sportklettern am Nibbio

Eine heftige Gewitterfront hatte uns aus dem Bergell weiter nach Süden in den Raum Lecco vertrieben. Wider Erwarten, doch für diese Gegend nicht weiter erstaunlich, dauerte es nicht allzu lange, bis es wieder aufklarte. So dauerte, was eigentlich als kurzer Zwischenstopp auf unserem Roadtrip geplant war, schliesslich drei ganze Tage.

Sicht vom Klettergebiet Pradello auf den Ostarm des Lago di Como, welcher eben Lago di Lecco heisst.
Noch am Regen- oder eben Nicht-mehr-Regentag wollten wir uns nach einem Shopping-Halbtag noch etwas die Finger langziehen. An der Bastionata del Lago (wo wir auch schon waren) werden derzeitig grossräumig Steinschlagnetze gebaut, so dass man nicht klettern kann. Im gleich anschliessenden Pradello gibt's hingegen keine Einschränkungen. Eigentlich ist das ein typisches Wintergebiet, zudem als speckig verschrien. Doch nachdem es 10 Grad abgekühlt hatte und der Himmel bewölkt war kein Problem. Mit der Politur ist es in den Routen ab 7a ebenfalls deutlich besser. Wie das Titelfoto zeigt dauerte es aber nicht lange, bis die Sonne wieder vom eitel blauen Himmel schien.

Little Boy on Lead am Piccolo Torre di Nibbio.
Nachdem wir direkt am Lago di Garlate einen schönen Camping gefunden hatten, welcher insbesondere den Kindern sehr zusagte, wollten wir nicht direkt weiterreisen, sondern einmal den Nibbio besuchen. Schliesslich steht ja im Führer, dass es sich um einen Sommer-Sportkletterspot handeln soll. Und das ist auch absolut zutreffend! Ab Mitte Vormittag wird im Schatten angegriffen und dank der Höhenlage von 1300m waren die Bedingungen trotz >30 Grad sehr gut.

Corno di Nibbio mit seiner steilen NE-Wand.
Beim Fels handelt es sich nicht etwa um Kalk, sondern um Dolomit. Man klettert hier also wie in den genialen und geliebten Dolomiten-MSL (wie z.B. am Torre Brunico, am Passo Giau oder der Tofana) an Löchern, Taschen, Henkeln, Rissen und Leisten in leicht überhängender Wand, total begeisternd! Ein, zwei Nachteile gibt's auch: die Haken sind teilweise schon etwas angejahrt (passt aber schon noch), wegen dem sehr dichten Routennetz sind der Routenverlauf nicht immer klar und natürlich wissen auch die Italiener um die Vorzüge dieses Ortes. So herrschte am Sonntag beinahe Volksfest-Stimmung (man konnte jedoch immer noch tiptop klettern), am Montag waren wir dann fast alleine.

Sicht vom Gipfel des Corno di Nibbio auf die Stadt Lecco hinunter. Für Gipfelsammler lohnt sich der kurze Aufstieg vom Klettergarten zum Top. Von Osten durch die Rinne hinauf ist es eine schöne Alpinkraxelei im Bereich T5-T6. Westseitig herum geht es möglicherweise auch einfacher.
Folgende Routen habe ich ausprobiert: Ombre di Luce (7c, sehr technisch kleingriffige Wand), Giulia (7a, bisschen hin und her an der markanten Kante), Spit & Span (7a+, die obere Länge ist der Oberhammer), Campione (7a, kurze tricky Stelle an steilem Riss), Gli Antenati (7a+, super, athletische Riss- und Wandkletterei), Pinciroli (7b+, ausdauernde gelbe Leistenmauer), Cardioleso (7a, unübersichtliche Wandstelle an kleinen Griffen). Grundsätzlich sind auch die einfacheren Routen sehr lässig, wenn auch die klassischen, easy Risslinien teils heftig poliert sind. Die Kinder indes hatten vor allem an der Route am vorgelagerten Turm ihren Gefallen gefunden. Hier wurden ein paar griffarme Stellen mit Kletterhallen-Griffen vereinfacht (und niemand hat das bisher zerstört...). Ihre Meinung: sowas sollte es öfter geben ;-) Topos und weitere Infos zum Gebiet findet man übrigens im Extrem Süd von Filidor, im Lario Rock von Versante Sud oder auf dieser Website.

Abendstimmung am Lago di Lecco. Im Zentrum der Stadt ist's übrigens ganz nett. Und einen Besuch in der Gelateria Capo Horn sollte man sich nicht entgehen lassen, die ist wirklich sehr empfehlenswert!
Am Tag der Weiterreise machten wir dann noch eine kurze Aufwartung an der Muro del Pianto am Zucco dell'Angelone. Hier gibt's auch noch ein paar ganz nette Sportkletterseillängen, auch wenn diese nicht ganz so herausragend sind wie jene am Nibbio. Vor allem gibt's hier aber gleich nebenan auf der Placca del Pistolino ein paar wirklich lässige Plattenrouten für die Kinder, ein idealer Spot also. Im Sommer muss man jedoch früh aufstehen, denn ab etwa 14 Uhr kommt die Sonne und dann wird's höchstwahrscheinlich eher zu heiss.