- -

Donnerstag, 29. September 2016

Rätikon - Prix Garantie (7c, Erstbegehung)

Wer zum ersten Mal zum Klettern ins Rätikon kommt, dessen Blicke richten sich bald einmal zum sogenannten Elefantenbauch an der vierten Kirchlispitze (2494m). Prominent und herausfordernd sticht dieser aus der Bergkette hervor und wohl jeder Kletterer weiss, dass dort die ganz harten Geräte daheim sind. Antihydral (8b), Silbergeier (8b+) und Hannibals Alptraum (8a), um genau zu sein. Ein bisschen verwegen war daher mein Plan schon, an genau dieser Wand eine Linie zu verwirklichen. Andererseits hatte ich den Elefantenbauch bereits aus vielerlei Perspektive studiert, mit Fernglas und Zoom-Fotos nach nutzbaren Strukturen gesucht. Es könnte möglich sein, sagte ich mir immer...

Nicht nur die Kletterei lohnt sich im Rätikon, auch die Aussicht ist sagenhaft! Blick aus der Wand nach SE.
Ein wichtiger Puzzlestein zur Realisierung war dabei das Angebot von Michael, mich beim Bohren zu sichern und beim Materialtransport tatkräftig mitzuhelfen. So griffen wir am 1. Oktober 2015 das erste Mal an. Schwer beladen ging's hinauf über die Fixseile, um endlich einmal einen Blick von ganz nahe auf das Projekt zu werfen. In Realität sah es zum Glück genau so gut aus wie auf den stark vergrösserten Pixeln am Bildschirm. Nur in Bezug auf Schwierigkeit und Machbarkeit blieben wir natürlich vorerst noch im Ungewissen. Tatsächlich erforderte dann schon die erste Länge grossen Einsatz - aber es ging. Mit etwas schwindenden Kräften gelang es an diesem Tag sogar noch, die etwas einfachere zweite Seillänge komplett einzurichten.

Die Kirchlispitzen 4-7 schön aufgereiht - ein wirklich tolles Klettergebiet!
Einen guten Monat später, am 6. November 2015, waren wir das nächste Mal am Start. Wohl herrschten noch beste Spätherbstbedingungen, die Tage waren aber trotzdem bereits kurz. Bis wir die Vortriebsstelle erreicht hatten, war Mittag schon vorbei. Und auch das Einbohren der dritten Seillänge entpuppte sich als kein leichtes Unterfangen. Mit der vierten Seillänge konnte ich damals noch beginnen, drei Bolts liessen sich setzen, was gerade noch einen Blick um die Kante auf den oberen Wandteil zuliess. Noch nie hatte ich den aus dieser Perspektive gesehen - sehr erleichtert nahm ich damals zur Kenntnis, dass es vielversprechend und machbar zugleich aussah. So konnten wir trotz relativ bescheidener Ausbeute von knapp 1.5 Seillängen mit gutem Gefühl in die Tiefe gleiten.

Rock Quality - Quality Rock! Blick zurück beim in die Tiefe gleiten.
Danach kehrte der Winter ein, und der regnerische Vorsommer 2016 mit seinen wenigen und oft gewittrigen guten Tagen liess lange nicht an einen Versuch im Rätikon denken. Bedrohlich rückte der Termin in die Nähe, an welchem Michael Europa zu Gunsten von neuer beruflicher Herausforderung verlassen würde. Am 4.7.2016 war es dann aber endlich soweit - stabiles Wetter war angekündigt, Psyche, Kraft und Haut waren in Topzustand und den langen Tagen sei Dank war genügend Zeit vorhanden. So gelang es dann tatsächlich, die noch fehlenden 3.5 Seillängen bis zum Ausstieg in einem Zug einzurichten - dies trotz ziemlich hohen und anhaltenden Schwierigkeiten. In Summe sicherlich einer meiner besten Bohr-, ja sogar Klettertage aller Zeiten. Das Gefühl, spätabends direkt auf dem Gipfel der 4. Kirchlispitze auszusteigen und die Erstbegehung damit vollbracht zu haben, war einfach unbeschreiblich :-)

Die Zustiegskraxelei entlang der Fixseil, etwa mittig auf der Strecke. Es hat Stellen bis zum 3. Grad, Steigklemme nötig!
Nach der Arbeit das Vergnügen: offen blieb noch, die Route ohne Bohrmaschine zu klettern. Michael, inzwischen weit weg daheim, konnte da leider schon nicht mehr dabei sein. Nach den im Ausland verbrachten Sommerferien wurde es schliesslich der 11. September 2016, bis ich mit Kathrin ins Rätikon aufbrechen konnte. Während mir die oberen Längen auf Anhieb gelangen, entpuppte sich die erste Seillänge nicht unerwartet als harte Knacknuss. Nach zähem Ringen konnte ich sie schliesslich freiklettern. Das vorerst letzte Kapitel vor der Veröffentlichung schrieben dann am 22. September 2016 Daniel Benz und Lukas Hinterberger mit der ersten Wiederholung. Von mir zu einer Begehung der Route ermuntert, sicherte sich mein Freund Dani in souveräner Art und Weise eine komplette Onsight-Begehung der gesamten Route - herzliche Gratulation zu dieser starken Leistung! Nachdem dabei meine Einschätzungen bestätigt wurden, lässt sich in den folgenden Zeilen das Wesentliche lesen.

Kurz vor dem Einstieg, wir haben das Fixseil bis ganz rüber gezogen.
L1, 40m, 7c: Nach einem Auftakt der "weder ganz einfach, noch ganz schwierig" ist, geht's bereits nach dem dritten Haken zur Sache. Entweder erst rechts der Haken hinauf, dafür aber bouldrig-schwer am vierten Bolt nach links queren - oder gleich links der Hakenlinie pressig und kühn nach oben steigen, gefolgt von einer zwingenden Stelle mit Aufrichter zum fünften Bolt. Die nun folgende Passage bis zum siebten Haken bildet die Crux der ganzen Route. Rätikontypische, senkrechte Wandkletterei mit gutem Anstehen und Bedienung kleiner Kratzer und feiner Sloper ist gefragt. Danach etwas einfacher, aber noch mit dem einen oder anderen Boulder zum Stand. Mit 2x p.a. am vierten und sechsten Bolt dürfte man hier übrigens mit 7a/7a+ durchkommen.

Kathrin versucht sich an der kniffligen Rätikon-Kletterei im oberen Teil von L1 (7c).
L2, 30m, 6c: Los geht's mit plattiger Kletterei in sehr schönem Fels, gefolgt von einem Intermezzo in traumhaften, sehr griffigen Wasserrillen. Das senkrechte Wandl darob beinhaltet dann die Crux. Zwei-, dreimal gut durchmoven an Seitgriffen, irgendwann kommt der Henkel. Es folgt noch eine Querung nach rechts hinaus zum Stand.

Die steile Wandkletterei zum Stand hin stellt die Crux von L2 (6c) dar.
L3, 25m, 7a: Der Auftakt über eine sehr schöne, löchrige Platte entpuppt sich als gängig. Bald jedoch werden die Strukturen klein und scharf und man muss sich sorgfältig positionieren, um den Boulder nach rechts hinaus über den überhängenden Wulst angehen zu können. Man gewinnt so eine angetönte, seichte Verschneidung. In fordernder Kletterei geht's darin zum Stand in der Nische.

Die letzten Meter in der angedeuteten Verschneidung von L3 (7a).
L4, 35m, 7a+: Die Steilplatte ob dem Stand sieht nicht so schwer aus, hat's aber in sich. So richtig knifflig sind dann die zwingenden Moves um die Kante nach dem dritten Bolt - an Slopern gilt es sich, um die Ecke zu manteln. Danach sehr anhaltend in feinstem Rätikon-Steilplattenfels hinauf. Immer gerade bevor es verzweifelt schwer würde, taucht zum Glück wieder eine nutzbare Struktur auf.

Sehr schöne, ja fantastische Steilplattenkletterei in L4 (7a+).
L5, 20m, 6c: Kurz, eher plattig, aber nicht zu unterschätzen! Schon gleich nach dem ersten Bolt wartet ein kniffliger Aufsteher. Danach etwas leichter der nicht ganz so griffigen Schuppe entlang zu einem finalen, sehr schönen Boulder an Wasserrillen aufs bequeme Querband hinauf.

Der Wasserrillen-Boulder am Ende von L5 (6c) ist schwieriger, wie man zuerst meint.
L6, 30m, 6c: Auf dem Band erst einige Meter nach links und dann recht fordernd die steile Verschneidung hinauf, welche von griffigen Überhängen abgeschlossen wird. Der vierte Bolt befindet sich dann links draussen auf der Platte, über welche man später sehr schön zum Stand hinaufklettert. Auf dem letzten Meter trifft man die historische Linksdrall (V+ A0), welche hier diagonal über die ganze Wand quert.

Richtig coole Kletterei am Ende von L6 (6c), am Ende kann man noch einen NH der Linksdrall klippen.
L7, 40m, 6b: Sehr schöne Kletterei in nochmals bestem, griffigem Rätikon-Kalk an einem turmartigen Pfeiler, den man bis ganz zuoberst erklimmt. Zuerst etwas plattig-feine Moves, dann formidable Henkel und zuletzt der luftige Ausstieg, ein grosser Genuss. Vom Turmgipfel dann noch wenige Meter zum Ausstiegsstand - das Wand-/Gipfelbuch befindet sich 1.5m horizontal rechts von diesem in der kleinen Nische unter den Steinen versteckt. Wer will, erreicht in einfacher Kletterei (10m, I) flugs den schmucklosen Gipfel der 4. Kirchlispitze.

Tolle Kletterei bis kurz vor Schluss, nur die allerletzten Meter vom Türmchen zum Ausstiegsstand sind etwas schottrig.
Ein Abstieg vom Gipfel über die Nordseite ist möglich, und bietet dem Alpinfreak ein interessantes Erlebnis. Er führt durch etwas unübersichtliches, wegloses Kraxelgelände (ca. T5, II). Man hält sich zuerst an den Grat bis in die Senke östlich der vierten Spitze und steigt dann der Nase nach durch die Nordflanke ab. Wiewohl, die meisten bevorzugen sicherlich sinnvollerweise das Abseilen: mit 2x50m geht's tiptop, mit 2x60m ist's noch ein bisschen effizienter. Sofern die Fixseile am Vorbau in brauchbarem Zustand sind, seilt man am bequemsten an diesen ab. Sollte dies nicht der Fall sein, so befinden sich unterhalb vom Einstieg der Prix Garantie in gerader Linie zwei gut geschützte Abseilstände, an welchen man mit dem eigenen Seil in die Tiefe gleiten kann. Der Geröllsurf hinunter zum Pardutzbödeli gehört dann zum Fun dazu, danach blickt man hoffentlich auf einen gelungenen Klettertag zurück!

Facts

4. Kirchlispitze - Prix Garantie 7c (6c+ obl.) - 7 SL, 220m - Dettling/Bechtel 2016 - ****;xxx
Material: 2x50m (oder etwas bequemer 2x60m)-Seil, 10 Express, Keile/Friends nicht nötig

Die Discount-Linie am eindrücklichen Elefantenbauch der vierten Kirchlispitze, in unmittelbarer Nähe zu den Ultraklassikern Silbergeier (8b+) und Hannibals Alptraum (8a). Auch wenn das Eintrittsbillett hier nicht ganz so teuer wie in den Nachbarrouten ist, so bekommt man doch Qualität und Ambiente garantiert. Die Kletterei ist zwar nur auf wenigen Metern in L1 so verzweifelt schwer wie in den Nachbartouren, doch auch die restlichen Meter sind nicht zu unterschätzen, wollen ehrlich gemeistert sein und erfordern ein gewisses Kletterkönnen. Die Felsqualität ist über weite Strecken hervorragend, man klettert im typischen, silbergrauen Rätikon-Gestein mit seiner hervorragenden Reibung. Ein paar kurze, etwas splittrig anmutende Stellen gibt's wie in fast jeder Rätikon-Route aber durchaus und wer unbedingt irgendwo einen Griff ausreissen will, der dürfte seinen Wunsch auch erfüllen können. Die Route ist mit qualitativ hochwertigen A4-Inox-BH komplett, solide und durchdacht ausgerüstet, mobiles Sicherungsmaterial ist nicht mitzuführen und kaum einzusetzen. Es sei erwähnt, dass manche nicht ganz triviale Kletterstelle bei guter Absicherung durchaus obligatorisch zu meistern ist - es dürfte sich in jeder Hinsicht um die anspruchsvollste Route handeln, welche der Autor bisher eingerichtet hat.

Aktueller Hinweis: am Einstieg befindet sich noch ein Haulbag, sowie auch ein Schild, welches die Route als Projekt markiert. Das darf man natürlich in diesem Fall mit gutem Recht ignorieren. Leider kam ich bei meinem letzten Besuch aus Zeitnot nicht mehr zum Aufräumen...

Topo

Hier gibt's das Topo in voller Auflösung zum PDF-Download, der Screenshot ist nur zur Illustration!


Montag, 26. September 2016

Göscheneralp / Sandbalm - Jack Daniels (7c+)

Die Jack Daniels befindet sich auf der überhängenden Rückseite der Sandbalm-Platten, welche prominent über der Voralpkurve im Göschener Tal trohnen. Sie ist nicht überaus lang, nicht überaus bekannt und nicht in einer überaus eindrucksvollen Wand. Trotzdem darf man sie mit gutem Recht als eine der besten und eindrücklichsten Granitrouten der Schweiz bezeichnen. In sehr homogener, stets bouldrig interessanter Kletterei bewältigt man die steile Wand an bestem, sauberem Fels, der gerade mit den nötigen Strukturen gespickt ist. Blickt man nach links und rechts, so ist das Gestein entweder zu glatt oder flechtig zum Klettern. Wer das Niveau drauf hat, sollte sich dieses Highlight nicht entgehen lassen!

Blick auf die durchgehend überhängende Wand mit der Route.
Schon lange hatte ich mit einem Versuch geliebäugelt, am mutmasslich letzten Sommertag im 2016 kam es nun dazu. Wir beschlossen, die Route im Sportklettermodus anzugehen. Sprich mit Einfachseil, Haulbag, allem nötigen Komfort und der Absicht, die Seillängen zu punkten. Das ist bei dieser Routenlänge (oder bzw. eben Routenkürze) ein realistisches Unterfangen. So machten wir uns bei der Voralpkurve auf den Weg, gingen ins Tal hinein und überquerten kurz nach dem Gatter den Bach (verblassende Aufschrift "Sandbalmhöhle" auf dem Fels, Fundamente der demontierten Brücke sichtbar). An den Klettereien auf der Sandplatte vorbei, wo man bis zum Grad von 7a den Gummi testen könnte, ging's ins grosse Couloir.

Omnipräsent im Bereich der Sandplatte: der Salbit-Westgrat, da waren wir auch schon unterwegs.
Und das ist so eine Sache: das Couloir konnte nie wirklich als ungefährlich bezeichnet werden, doch es führte früher sogar ein weiss-blau-weiss markierter Wanderweg hinauf - bis zu diesem ominösen 28. August 2011. An diesem Tag ereignete sich ein grosser Felssturz, zimmergrosse Blöcke polterten hinunter. Wäre man da in der Nähe gewesen, es wäre der sichere Tod gewesen, ja sogar auf den Wanderweg ennet dem Bach polterten viele Geschosse. Der Zufall wollte es, dass Kathrin und ich zu genau diesem Zeitpunkt die Makita (6c+) an den Sandbalm-Platten kletterten und das Schauspiel aus sicherer Warte verfolgen konnten (Bericht). Auch das Urner Kletter-Urgestein und Haupterschliesser dieser Zone, Bruno Müller war zugegen und entging einem Unglück nur knapp.

Das Couloir hinauf zur Sandbalmhöhle ist gefüllt mit labilem Schutt - eine gefährliche Zone!
Seit diesem Vorfall ist der Weg zur Sandbalmhöhle offiziell gesperrt, und meinen Ambitionen auf die Jack Daniels versetzte das natürlich auch einen Dämpfer. Ich denke, es ist einfach wichtig zu wissen, dass diese Zone und insbesondere das Couloir nicht völlig sicher sind. Andererseits herrschte nun über die letzten 5 Jahre Ruhe, es gab keine grösseren Felsstürze mehr. Aus dieser Optik "darf" man die Jack Daniels also sicher angehen - was wir per Zufall beobachtet hatten, war wohl ein Jahrzehnt- oder gar Jahrhundertereignis. Wollte man in den Alpen alle Zonen meiden, wo in den letzten 100 Jahren einmal grössere Brocken hinunterpolterten, tja dann sähe es mit dem Kletterpotenzial wohl ziemlich düster aus.

In der Sandbalmhöhle drin ist man hingegen sicher - dafür sieht's aus wie in einem Emmentaler!
Mit etwas Herzklopfen, einerseits eben wegen der Vorgeschichte, andererseits weil wir möglichst zügig unterwegs sein wollten, begingen wir das Couloir und bogen in die Sandbalmhöhle ein. Diese ist als die grösste Kristallhöhle der Alpen bekannt, vor über 300 Jahren begann deren Ausbeutung. Die Gesamtlänge aller ausgehöhlten Stollen beträgt über 250m - an dieser Stelle kann man mehr darüber nachlesen. Es wird empfohlen, eine Stirnlampe mitzuführen - wie blöd, dass ich meine vergessen hatte. Tatsächlich ist der längste Abschnitt im Berg zappenduster, doch mit der Taschenlampe-App auf dem Handy konnte man sich behelfen. Nachdem wir den spannenden Ort ausgiebig ausgekundschaftet hatten und noch einen Znüni genommen hatten, starteten wir mit der Kletterei.

L1, 25m, 7b+: Früher kletterte man aus der Höhle eine Mini-Seillänge (5m, 6a) aufs erste Band, doch im Zuge der Sanierung wurde gleich beim Höhlenausgang ein bequemer Stand zum Sichern eingebohrt, so dass die Mini-Seillänge nun entfällt. Nach diesem Abschnitt wartet ein Teilstück an meist gutgriffigen Schuppen - trotzdem nicht ganz geschenkt, ca. 7a. Nach einem Ruhepunkt wartet dann die Crux in satter Wandkletterei: ein paar Crimps und Seitgriffe wollen bei akuter Trittarmut zu einer Sequenz zusammengefügt werden. Dani stieg hier beinahe mühelos darüber hinweg. Ich versuchte mich dann mit seiner Beta (bzw. der markierten, in der ganzen Route waren bei unserer Begehung ausnahmslos ALLE Griffe und Tritte mit Chalk getickt), was jedoch nicht gelang. Es zeigte sich, dass diese Lösung für mich sehr schwer bis undurchführbar war - nach etwas Tüfteln war dann eine tragfähige, alternative Lösung gefunden.

Hopp...
...und zack! Dynamische Kletterei in der satten Wandstelle, welche die Crux von L1 (hart 7b+) markiert.
L2, 20m, 7b+: Vom Stand einfach nach rechts hinüber und dann mit Bolt- und Fixkeilsicherung bouldrig über das Dächli hinauf. Oben hat's Griffe, aber halt keine Henkel, ziemlich knifflig bis die Füsse einmal oben sind. Damit ist's aber noch nicht ganz gegessen, die ersten 2m dem diagonalen Riss entlang sind auch nochmals schwierig - wobei es hier wohl ganz entscheidend ist, dass man die Sache richtig anpackt, um nicht blöd in die offene Tür zu kommen. An dieser Stelle wartet ein etwas längerer Abstand zum nächsten Bolt, wobei die Schwierigkeiten am Riss nach den ersten Moves sofort nachlassen. Mit den beiden Camalots 0.5 & 0.75 kann man hier aber sehr gut mobil absichern. Nach einem letzten BH erreicht man den eher unbequemen, dritten Stand. Hier wurde zwar ein Sitzbrett aus Mahagoni-Holz (!!!) platziert, weil die Standhaken etwas tief stecken und es nichts für die Füsse hat, ist's aber leider doch nicht so komfortabel.

Ausstieg aus dem Crux-Dächli von L2 (7b+): krall...
L3, 20m, 7c: Hier wartet als erstes der cleane, horizontal nach links führende Riss. Mit dem Blick auf die glatte Platte unterhalb mag man den Zeilen im Netz die von "einfacher Kletterei" schreiben, nicht so recht glauben - doch tatsächlich geht's problemlos. Man kann hier ebenfalls wieder die Camalots 0.5 & 0.75 legen, wer kühn ist und über den Schwierigkeiten steht, muss aber nicht mal unbedingt. Der Aufrichter zum ersten Bolt geht nämlich auch unerwartet gut und dann heisst's einfach an Leisten, Seit- und Untergriffen durch diese überhängende Wand riegeln. Wirklich total geniale Moves, man benützt wohl alles, was der Fels hier an Strukturen überhaupt hergibt - inklusive einer an den Fels zurückgebolteten Schuppe mit guter Leiste, aber ohne diese ginge es nicht. Die letzten Meter nach dem Ausstieg über die Lippe dann etwas einfacher und griffiger, mit einer Extraschleife rechtsrum zum Stand. Während Dani hier Mühe hat und erst im zweiten Go mit einem gewaltigen Dyno an der Crux passieren kann, gelingt es mir, diese Seillänge sogar zu flashen. Daraus muss man wohl schliessen, dass diese Länge etwas grossenabhängig ist, und es zeigt wieder einmal schön, wie relativ Kletterbewertungen zu interpretieren sind.

Super Kletterei an Leisten, Seit- und Untergriffen durch die stark überhängende Wand von L3 (7c).
L4, 25m, 7b+: Vorerst geht's noch nicht so schwer über die steile Platte oberhalb vom Stand - wobei Platte tönt nach Schleichen, das stimmt nicht. Es ist Wandkletterei an ein paar perfekten Leisten, welche die Natur hier im genau richtigen Abstand platziert hat. Danach eine luftige Traverse nach links an die Kante des ausgeprägten Bugs, ein bisschen Campus-like. Man klettert rein, setzt den Hook und denkt sich: huiuiui, jetzt habe ich mir ein Ei gelegt... Die Crux besteht im Abfangen des Körperschwungs beim Lösen des Hooks. Es fühlt sich irgendwie so an, als ob man beim Lösen der Ferse durchpendeln würde, um dann in hohem Bogen gleich in die Voralpreuss hinunter zu spicken. Vorstellung und Realität sind aber zwei verschiedene Dinge: tatsächlich können wir hier beide entsprechend Spannung aufbauen und den Schwung ausreichen abbremsen. Gleich danach wird's markant einfacher, der Rissverschneidung entlang kann man wieder die Camalots 0.5 & 0.75 versorgen und gelangt zum bequemen Stand mit dem Wandbuch.

Blick beim Abseilen auf L4 (7b+). Erst über die orangen Flechten, dann Querung nach links an den Bug.
L5, 15m, 7c+: Zum Routenende sind's nur noch ein paar wenige Meter. Die Bewertung suggeriert zwar das härteste Gerät, auf den ersten Blick sieht's aber nicht unbedingt danach aus (es täuscht aber). Speziell auch, dass man am Routenende nicht Stand bezieht (was viel zu unbequem wäre), sondern gleich wieder zum Stand nach L4 ablässt. Ja eben, und die Kletterei: an einer diagonal verlaufenden Säule geht's in die Höhe. Was erst nach passablen Seitgriffen aussieht, entpuppt sich dann als slopriger wie erhofft und vor allem hat's einfach auch keine guten Tritte, wo man das Körpergewicht platzieren könnte. Nachdem man sich erst so hochgeschrubbt, hochgehookt und hochgepatscht hat, wartet dann am Ende noch ein kräftiger Untergriffmove an eine kleine Leiste und ganz zum Schluss kniffliges Balance-Gelände, um den Stand zu klippen. Dani fehlt nur wenig zum Onsight, im zweiten Go packt er's souverän. Ich für meinen Teil muss das erst einmal etwas befühlen - es gibt in der Tat unzählige Lösungsoptionen mit Hooks und selbst für die Hände. Im zweiten Go geht's mir dann besser wie erwartet, allerdings ist die Sequenz noch nicht perfektioniert und um einfach mit Kraft drüberzubügeln fehlen mir am Ende die Körner.

Die letzte Länge (7c+) ist definitiv oberhalb meines Onsight-Könnens... also erst mal schauen, befühlen und putzen...
Hmm ja, hier den Punkt zu holen wäre verlockend - allerdings wäre nun nach diesem "all-out" Go erst einmal eine längere Pause fällig, und der Erfolg scheint trotzdem unsicher, nachdem die Reserven bereits angezapft sind. Um die Punktebuchhaltung komplett ins Reine zu bringen, wären zudem die ersten beiden Seillängen auch noch zu wiederholen, was doch eher unrealistisch erscheint. So beschliessen wir, die Abseilfahrt anzutreten. So "muss", oder eben darf und kann ich an einem anderen Tag die Herausforderung von einem stilreinen Gesamtdurchstieg annehmen. Das ist eigentlich gar nicht zu bedauern, denn diese absolut geniale Route verdient sehr wohl mehr als nur einen einzigen Besuch.

Tiefblick zum Stand nach L4 von ganz oben. Die Seitgriffe hängen leider nicht so gut an, wie man gerne möchte...
Der beste Vergleich zur Jack Daniels sind für mich die beiden Sportkletterklassiker "Kein Wasser kein Mond" an der Schafbergwand, sowie die New Age am Schweizereck. Beide ähnlich lang, ähnlich schwer und (wenn auch kühner), ähnlich im Charakter. Nachdem ich dort jeweils 5 Sterne vergeben hatte, dann ist das hier auch klar der Fall - alles in allem hat mir die Kletterei in der Jack Daniels sogar deutlich am besten gefallen. Bouldrig, interessant, so richtig coole Moves an angenehmen Griffen, irgendwie einfach noch schöner wie der Kampf mit der runden Wasserrille in der KWKM oder die beiden heftig-schweren Einzelstellen der New Age. Einzig einen über die Landesgrenzen hinaus bekannten Alpinsportkletterklassiker hat man mit der Jack Daniels nicht gemacht, aber das ist ja auch sowas von egal.

...einigermassen überhängend ist die letzte Seillänge dann auch noch - vom Stand aus schätzt's man's flacher ein.
Wenn man nach dem Ablassen wieder zurück an den Stand will, so gilt's das Thank-God-Ledge zu nehmen.
Mit der Hilfe des fix installierten Geländerseils gelangen wir an den Stand nach L1 unter dem grossen Dach. Von hier ist's ein kurzes Abseiler an den Einstiegsstand, von wo wir es bevorzugen, einen 50m-Abseiler ins Kraut hinunter zu ziehen, statt durch die Höhle zurück zu kriechen. Hurtig rollen wir die Seile auf, im Couloir wollen wir uns nicht länger als zwingend nötig aufhalten. Wobei an dieser Stelle erwähnt sei, dass sich dort den ganzen Tag über kein einziger Stein geregt hatte. Wir spazieren zurück und können dann der Verlockung "Horrible" nicht widerstehen. Hierbei handelt es sich um einen überhängenden, ca. 10m hohen Block im Bett der Voralpreuss mit einem idealen Splitter-Crack, welcher im Grad 5.11c (entspricht 6c+, das ist aber nicht wirklich repräsentativ, wenn man in diesem Stil nicht geübt ist). Wobei, es ist vor allem mein Kletterpartner, welcher der Verlockung nicht widerstehen kann - ich für meinen Teil bin da schon ein paar Mal tatenlos daran vorbeispaziert.

So einigen wir uns darauf, dass er vorsteigt und die Cams platziert und ich nachher ausräume. Bis auf einen (unnötigen) Zwischen-BH ist der Riss clean. Wir haben immerhin 2x den Camalot 1 dabei, allerdings könnte man den auch etwa fünffach brauchen. Mit etwas Nachschieben und dem Ausnützen der weniger breiten Stellen geht's dann aber auch so. Horrible oder fantastic? Tja, das hängt wohl vom persönliche Können, der Leidensbereitschaft und allenfalls Riss-Handschuhen oder Tape Gloves ab. Dani steigt begeistert durch, ich finde v.a. den zweiten, steilen Teil mit den schmerzhaften Klemmern (mit bare hands) irgendwie naja, halt eben doch nicht so fantastic. Irgendwie bin ich einfach froh, dürfen wir uns hierzulande vor allem der Wandkletterei widmen, und müssen uns nicht wie anderswo auf der Welt an den eher mühsam-schmerzhaften Rissen herumplagen. Ich glaube, wäre es immer so, mir würde die Kletterei nicht ganz so viel Spass machen.

The Horrible Fingercrack (5.11c)
Wenn man nicht tapt, so ist eine gewisse Schmerztoleranz unabdingbar.

Facts

Sandbalm - Jack Daniels 7c+ (7a obl.) - 5 SL, 100m - Mike Schwitter et al. 1993 - *****;xxxx
Material: 2x50m-Seil, 10 Express, Camalots 0.5 & 0.75

Kurze, aber herausragende MSL-Sportkletterei. Schon der Zustieg durch die Sandbalmhöhle ist aussergewöhnlich, die Moves in der beständig überhängenden Wand dann erst recht. Es handelt sich um bouldrige Kletterei der allerhöchsten Güteklasse, auch in einem Klettergarten würde sicher jede Sequenz als echte Perle gehandelt. Auf der Linie ist der Fels prima und gerade eben mit der nötigen Struktur (Leisten, Seit- und Untergriffe, dann und wann ein Riss) gespickt - unmittelbar daneben schaut es hingegen entweder flechtig oder unkletterbar aus. Herzlichen Dank den Erstbegehern, welche diese Linie zu dem optimiert haben, was sie heute ist (man klettert nur gerade in L2 durchgehend auf der originalen, ersten Linie durch die Wand). Ich vergebe gerne die Höchstnote, wer's drauf hat, sollte sich diese Route nicht entgehen lassen. Im 2015 hat Spiri die Route verdankenswerterweise einer Komplettsanierung unterzogen. Es steckt nun perfektes Inoxmaterial, die Absicherung ist sehr gut und hat Klettergartencharakter, man kann bedenkenlos voll angreifen. An ein paar einfacheren Kletterstellen sind die Cams 0.5 & 0.75 mehrmals zu platzieren, mehr Trad-Material ist weder einsetzbar noch nötig.

Topo

Die Route wird im Extrem Ost beschrieben, im Wandbuch hat's ein perfektes Topo, welches hier an dieser Stelle abgebildet wird.



Montag, 19. September 2016

Rätikon / Schweizereck - Schweizerzoo (7a)

Nach unserer Begehung der New Age lockte mich das Schweizereck schon bald wieder ins Rätikon. Dafür sprachen verschiedene Gründe: in erster Linie lag es mir daran, den Schweizerzoo endlich einmal zu komplettieren. Bereits 1999 war ich ein erstes Mal eingestiegen, wobei uns ein gewittriger Schauer in L5 stoppte. Dann war da natürlich kürzlich das Klettern von L1-L3 als Zustieg zur New Age womit ich die Route ein weiteres Mal angefangen, aber nicht komplettiert hatte. Somit lag es mir daran, hier endlich einmal bis zum Ausstieg zu klettern. Dass der angeknackste Fuss meines Kletterpartners sowieso keine weiten Zustiege und extralangen Routen zuliess, passte auch ins Konzept und als Zückerchen würde es obendrein noch einige interessante Sachen am Schweizereck zu beobachten geben...

Wandansicht mit Routenverlauf von Schweizerzoo (7a) am Schweizereck im Rätikon.
Während wir vor Wochenfrist alleine im Sektor waren, herrschte diese Mal schon beinahe Grossandrang. So wollten nicht nur Dani & Kojak die New Age sanieren und klettern, sondern es fand sich mit Babsi & Erik ein weiteres Team zur Jagd auf den roten Punkt ein. Mehr oder weniger gleichzeitig mit den letzteren beiden gingen wir am Parkplatz los. Nach einer halben Stunde hatten wir unseren Einstieg erreicht. Dieser ist nicht markiert und auch sonst ziemlich unauffällig, etwa 20m rechts der markanten Eisenleiter geht's los - man sehe sich vor, dass man nicht irrtümlicherweise in die haarsträubend abgesicherte Tschechenvariante links davon gerät. Wir hielten einen letzten Schwatz mit Babsi & Erik, die beiden wollten die Einquervariante zur New Age wählen. Oben am Berg ratterte hingegen bereits Danis Bohrmaschine und so stieg ich um 10.20 Uhr ein.

Sanierung der Route New Age (8a+) durch Dani & Kojak - herzlichen Dank für diese Arbeit!
L1, 40m, 7a: Ein fulminanter Auftakt mit anhaltender, technisch anspruchsvoller, senkrechter Kletterei. Es wartet viel Abwechslung, feine Stehprobleme, Unter- und Seitgriffe, kleine Tropflochcrimps, grosse Sloper, einfach von allem ein bisschen. Um hier stilrein durchzusteigen braucht es Geduld, Übersicht, die nötigen Bewegungsmuster und auch ein wenig Kraft. Im Internet und in einigen Kletterführern liest man, diese Länge sei nach Griffausbruch härter wie 7a. Ich konnte jedoch nicht erkennen, dass ein entscheidender Griff fehlt, es gibt auch keine Einzelstelle, welche deutlich schwieriger wie der Rest ist. Die Bewertung mit 7a ist global gesehen sicherlich hart, für Rätikon-Verhältnisse aber auch nicht völlig aus dem Rahmen. Andererseits fand ich persönlich eigentlich alle MSL-Routen im 7ab-Bereich, welche ich diesen Sommer geklettert hatte, eher einfacher. Wie auch immer, die RP-Begehung konnte ich mir sichern. Zur Absicherung ist noch zu sagen, dass diese hier grundsätzlich sehr eng gehalten ist (11 BH). Der erste Bolt steckt aber nicht gerade bodennah (Klemmkeil oder Microcam dienlich) und auf den letzten, etwas einfacheren Piaz-Ausstiegsmetern ist ein Runout fällig. Zudem ist am Ende der Rechtsquerung nach dem ersten Drittel eine wirklich zwingende Stelle nahe der Hauptschwierigkeiten zu finden. Der Abstand ist zwar nicht sehr weit dort, es droht aber ein unangenehmer Pendler und vor allem lässt sich der nächste Bolt auch nur notorisch schwer klippen - hier gab's wohl schon manchen Abflug, wie die böse verbogene Öse am Bolt darunter zeigt.

Yours truly ist gestartet zur Mission Rotpunktbegehung in L1 (7a). Bis zur  sichtbaren Stelle ist's zwar auch nicht völlig banal, aber ab hier geht's dann so richtig los mit der schweren Kletterei. Die Rechtsquerung, zu der ich ansetze, hat es in sich. Danach geht's mehr oder weniger dem schwach sichtbaren gelben Streifen oberhalb meiner rechten Hand entlang.
Ich bin schon gut aufgewärmt, nun hat Frieder das grosse Vergnügen in L1 (7a) - eine wirklich tolle, anhaltende Länge!
L2, 35m, 6a: Vom Stand weg sieht's formidabel aus und genauso klettern sich die ersten Meter auch. Bald folgt ein weiter Hakenabstand mit etwas unklarer Routenlinie (mehrere Optionen möglich, mittlere Cams dienlich). Danach wird das Gelände einfacher und etwas weniger schön, es geht diagonal nach rechts hoch (es steckt 1 weiterer Bolt, 1 grosser Cam ist hilfreich).

L2 (6a+) von Schweizerzoo ist nicht so fotogen, darum hier ein Seiteblick zu L1 (7a) von New Age.
L3, 40m, 6b: Auch hier wieder klettert man die ersten 20m sehr schön in einem kompakten Wandabschnitt mit grauem, strukturiertem Fels. Am Ende dieser Wand wartet dann eine ziemlich arschige Stelle, wo der Bolt erst nach dem schwersten Zug dieser Länge geklippt werden kann. Der Hakenabstand ist hier erneut nicht sonderlich weit, es ist aber halt einfach zwingend und das Potenzial für einen unangenehmen Sturz deutlich vorhanden. Danach geht's in der zweiten Hälfte dieser Seillänge mehr oder weniger geradeaus in schrofigem, einfachem Gelände. Der nächste Standplatz befindet sich am Fuss des markanten Turms. Babsi & Erik hatten inzwischen gerade mit der ersten Länge der New Age begonnen - das lässt vermuten, dass man mit der Einquervariante gegenüber dem Klettern der ersten 3 Schweizerzoo-Längen wohl nicht allzu viel Zeit spart.

Die Felsqualität überzeugt auch im ersten Abschnitt von L3 (6b) vollends. 
L4, 30m, 6b+: Zu Beginn versucht die Route (bzw. die Erstbegeher) einen mittels eng gesetzten Haken vom unschön-brüchigen, kaminartigen Riss links fernzuhalten, um stattdessen in der kompakten Wand rechts davon zu klettern. Das lohnt sich auch wirklich, wobei die linke Hand gerne die Kante des Kamins benützt. Somit passiert man hier ohne grössere Sorgen und bei sehr guter Absicherung. Der obere Teil dieser Seillänge ist dann etwas grasig und einfacher. In Summe eher einfacher wie L3, ja vielleicht sogar die gängigste Länge überhaupt.

Zu Beginn von L4 (6b+) stecken die Bolts rechts im kompakten Fels, doch der brüchige Riss links lockt mit besseren Griffen.
Wir haben einen Logenplatz, um dem Treiben in der New Age (L2, 7c) zuzusehen. Babsi gibt einen guten Onsight-Fight.
L5, 35m, 6c+: Ein ziemlich überraschendes Teilstück mit verblüffenden Windungen! Der erste Teil bietet vorwiegend Reibungskletterei in sehr kompaktem, reichlich glattem Fels. Die Absicherung ist gut, aber dennoch zwingend. Wer dem Gummi nicht vertraut, wird sich hier vermutlich schwertun. Danach folgt dann eine Querung nach links, wer die Halbseile nicht vorausschauend getrennt einhängt, bremst sich wohl bald durch üblen Seilzug aus. Doch damit ist noch nicht fertig: nun will nämlich der beinahe schluchtartig anmutende Kamin (in welchem der historische RS-Ausflug (6b) verläuft) gequert werden. Gefragt ist ein athletischer Boulder an der überhängenden Seitenwand, ein stehtechnisch heikler, weiter Zug an einen guten Henkel und der abschliessende Aufrichter, wobei die Hände die Grasbüschel benützen müssen - alles an sich gut gesichert, aber auf A0 kann man hier nicht zurückgreifen.

Zäher Auftakt in schwerer Reibungskletterei in glattem, strukturarmem Fels in L5 (6c+).
Blick nach oben aus der Mitte von L5 (6c+): Schluchtquerung (nicht sichtbar) und ein Boulder-Finish warten noch.
Der weite Move am Ende von L5 (6c+), je mehr man den Füssen auf der arschglatten Platte traut, desto besser geht's.
L6, 20m, 6c: Man wähnt sich schon beinahe am Ausstieg, blickt man nach links hinauf, so scheint die obere Begrenzungskante der Wand zum Greifen nah. Nichtsdestotrotz waren noch zwei so richtig anspruchsvolle Seillängen! Hier geht's noch einfach los, dann will ein erstes Dächli knifflig erbouldert werden, und der anschliessende Mantle erfordert auch etwas Einfallsreichtum. Hat mir sehr gut gefallen!

Die letzten zwei Längen von Schweizerzoo verlaufen durch die glatte Plattenzone, hier der Blick vom New Age Ausstieg.
Ein bisschen andere Perspektive, aber immer noch der Autor am kämpfen in L6 (6c).
Bouldrige Kletterei auf den glatten Steilplatten in L6 (6c), Bewegungstalent und Einfallsreichtum helfen.
L7, 20m, 7a: Das finale Testpiece, das wohl schon manchen Besucher perplex zurückgelassen hat. Bereits nach dem ersten Zwischenbolt folgt ein heftiger Boulder - gut gesichert, aber zwingend. Die beste Lösung für diese Traverse nach rechts ist nicht ganz offensichtlich, so wie ich es schliesslich geklettert habe, passt's meines Erachtens aber durchaus in den Rahmen von 7a. Nach 2-3m wird das Gelände einfacher (und der Fels etwas lottrig), es geht dann aber nochmals ca. 4-5m (gerade hinauf) zum nächsten Bolt. Die nun sehr nahe steckenden BH lassen vermuten, dass es nochmals zur Sache geht, und so ist es dann auch! Der glatte, griff- und trittarme Fels ist nicht einfach zu beklettern und direkt über die Haken ist's auch sicher deutlich schwerer wie 7a. Mit etwas freierer Interpretation der Linie (aber so, dass sich alle Haken gut klippen lassen) geht's aber durchaus. Natürlich, auch dies ist global gesehen eine harte und zudem sehr wenig offensichtliche 7a, im Vergleich zum Rest der Route und dem üblichen Massstab am Schweizereck aber schon +/- im Rahmen. Die letzten Meter haben es dann auch noch in sich: sie verlaufen gemeinsam in der überhängenden Verschneidung mit dem RS-Ausflug (V+ A2, frei 6b). Das mit dem A2 relativiert sich hier, da auf den letzten Metern keine NH mehr stecken - die 6b will demnach obligatorisch und etwas unangenehm 3-4m über dem letzten Bolt geklettert sein. Womöglich könnte man mobil sichern, doch die Cams hängen am Gurt des Nachsteigers - Augen zu und durch heisst die Devise.

Der erste Test in L7 (7a): zwingende Boulderstelle diagonal nach rechts hinauf über das Dächli - sehr abschüssig zum Treten und ausser ein paar mässigen Untergriffen gibt's für die Finger auch nicht allzu viel nutzbares. Nicht wirklich mein favorisierter Kletterstil, aber aussuchen kann man sich's nicht - man muss sich den Herausforderungen stellen, das ist doch auch das Schöne am Klettersport.
Das Finish von L7 (7a) wartet dann erst mit irre glatter Platte, wo man sich einen guten Plan entlang der wenigen verfügbaren Strukturen zurechtzimmern muss. Kurz vor dem Ausstieg wartet dann noch der cleane 6b-Riss vom RS-Ausflug im Vordergrund - nur nicht mehr abschütteln lassen!
Um 15.30 Uhr haben wir den Ausstieg erreicht. Gut 5 Stunden Kletterzeit für 7 eigentlich relativ kurze Seillängen zeigen: auch wenn noch diverse Pausen für das Spektakel in der New Age dabei waren, für einen sauberen Durchstieg muss man tüfteln und etwas Zeit einberechnen, jedenfalls auf meinem Niveau. Für den Weg zurück gibt's die Möglichkeit, über die Route abzuseilen. Der oberste Stand (1 BH, 3 NH) ist nicht so wirklich toll eingerichtet, diejenigen unterhalb dann aber prima). Mit 2x50m-Seilen kann aber nur ein einziger Stand übersprungen werden, 6 Manöver sind fällig. Ebenso gibt's die Möglichkeit von einem Fussabstieg hintenrum. Hierfür besser Turnschuhe mitnehmen, notfalls geht's auch mit Kletterfinken. Man steigt dabei die grimmig aussehende, geröllige Rinne hinab (ca. T5 II). Alternativ kann man vom Ausstieg auch der Abbruchkante der Wand folgen, und an einem (soliden) Einzelbolt einen 50m-Abseiler in weniger steiles Gelände ziehen.

Dort hinunter müssen wir wieder... Tiefblick zum Schweizertor vom Ende der Route Schweizerzoo.
In der New Age ist das Tageswerk hingegen noch nicht vollendet. Babsi in L4 (7a).
Für mich sind die Aufgaben noch nicht ganz erledigt. Ich muss noch zum Ausstieg der Kamala an der 7. Kirchlispitze hinauf, um endlich die Wandbuchdose wieder mit einem Deckel zu versehen und ein neues Buch zu legen. Bis die wassergefüllte Dose gereinigt und wieder einsatzbereit ist, und zudem alles gesichert, festgezurrt und beschrieben, vergeht doch seine Zeit. Während ich mich in den Rätikon-Spitzen herumtreibe, geniesst mein Kletterpartner bequem ein Nickerchen und lagert seinen angeschwollenen Fuss hoch. Das Wetter lädt ja förmlich dazu ein, und in der New Age gibt's erst noch gratis und franko faszinierenden Klettersport zu beobachten. Irgendwann haben wir's geschafft und rollen talwärts. Ich zähle darauf, dass das Aufwärmen am Schweizereck mir am Tag drauf wie nach der New Age wieder Schub in einem Sportkletterprojekt gibt. Mit 8b bewertet ist's dieses Mal (man kann's ja mal versuchen...), doch die Magie des Zauberstabs "Schweizereck" hilft leider nicht. Ausser von heftig wirkender Schwerkraft und blutigen Fingern gibt's dieses Mal nichts zu berichten.

Das Wandbuch der Kamala ist nun wieder einsatzbereit! Der Deckel bleibt von nun an hoffentlich vor Ort.
Facts

Schweizereck - Schweizerzoo 7a (6c obl.) - 7 SL, 220m - Adank/Bodenwinkler 1991 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-1 plus 1 kleinerer

Schöne, abwechslungsreiche und interessante Kletterei in meist gutem Fels. Typisch für diesen Sektor ist er oft relativ struktur- und im oberen Teil auch reibungsarm, somit wirkt er nicht überaus kletterfreundlich. Für die erste Cruxlänge sollte man einerseits in senkrechter Wandkletterei bewandt sein, während in den oberen schwierigen Sequenzen eher gutes Antreten auf glatter Reibung und Bewegungsgefühl gefragt sind. Die Bewertungen dieser Längen sind auf der harten Seite und haben schon manchen Aspiranten auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt - mit roher Kraft allein ist es hier definitiv nicht getan. Die Route ist mit vielen BH gut abgesichert. In den schweren Längen stecken diese teilweise sehr eng (Niveau xxxx bis xxxxx). Trotzdem gibt's auch dort die eine oder andere zwingende Passage nahe der Höchstschwierigkeiten, weil's halt einfach keine guten Griffe hat und die Erstbegeher keine Hand zum Bohren frei hatten. Die einfacheren Abschnitte sind etwas weiter gesichert, so dass ein Set Cams von 0.3-1 plus ein kleinerer sich durchaus mitzunehmen lohnen. Alles in allem ist's vermutlich doch die zugänglichste Route am Schweizereck.

Topo

Ein solches findet man in diversen Rätikon-Führern (Extrem Ost, Panico Rätikon Süd, SAC-Führer Graubünden, Versante Sud Arrampicare in Svizzera). Die einen sind etwas besser, die anderen etwas weniger genau, eine grosse Rolle spielen tut's nicht. Hat man den Einstieg einmal gefunden, kann man einfach den BH entlangklettern, Routenfindungsprobleme gibt's hier keine. Daher reicht auch die Skizze aus dem 94er-Schweiz-Extrem, die es auf alpinrouten.de gibt:

Topo vom Schweizereck. Quelle: alpinrouten.de