Freitag, 25. Mai 2012

Schafbergwand - Ungläubiger Michael (6c)

Wieder mal ist in den Alpen Föhn angesagt, die Wetterlage ist ähnlich wie 3 Wochen zuvor. Zudem liegt in vielen Regionen nach wie vor viel Schnee. So erstaunt es nicht, dass wir erneut dasselbe MSL-Kletterziel wählen, die Kalkplatte am Wildhauser Schafberg. Dieses Mal ist Kathrin mit von der Partie, und gehen soll es in die "Ungläubiger Michael" (6c). Es ist eine der wenigen zeitgemäss abgesicherten Routen in der östlichen Plattenwand, die ich noch nicht kenne, und sie wird im Führer als hervorragende Steilplattenkletterei gelobt.

Der Zustieg an diesen Ort ist zwar zuletzt steil und erfordert Kraxelei (T5), ist aber dennoch Formsache, nach etwa einer Stunde sind wir dort. Das Wetter ist bestens, die Sonne scheint, es ist angenehm warm und der Wind weht nur schwach. In Langstrasse, Sandührliweg und Sandi in the Moon ist je eine Seilschaft am Einstieg, unsere Route ist noch frei. So kann es bald losgehen:

Ungläubiger Michael, 3. SL (6c). Sehr schöne Knallerplatte, das Gras wird weiträumig umklettert.
SL 1, 6b, 45m: der Weg durch die Einstiegsplatte löst sich meist recht gut auf, bis auf eine Einzelstelle nach dem 2. BH. Dort ist ein äusserst kniffliger Reibungsaufsteher gefordert, heitere Cheib! Mit dem einst bei Nina Caprez beim Bouldern abgeschauten Trick (das eigene Knie als Griff benützen!) geht's dann grad. Die 6b passt hier aber eher als Fb-Boulderbewertung, oder? Wegen sowas gehen wohl auch viele gute Sportkletterer gar nicht mehr Alpinklettern: da machst Du im Klettergarten 8a, und hier hast Du schon Mühe, eine 6b onsight zu steigen. Zuletzt dann auf dem Band rechts hoch zum Stand vom Sandührliweg.

SL 2, 6a+, 30m: hier geht es über ein 1m-Dach hinweg. Mit der Nässe, die unterhalb rausdrückt und den vermoderten Schlingen in einer Sanduhr an der Dachkante sieht es ziemlich grimmig aus. Aber es ist dann nur halb so schlimm: die Nässe ist nicht gröber problematisch, und da ein BH steckt, kann man die Schlingen auslassen. Mit Spannweite und Foothook lässt sich die Sache problemlos klettern. Zuletzt am ersten Stand (Sanduhr und BH) vorbei zu goldenen Kette auf dem oberen Band.

SL 3, 6c, 30m: nun wartet die nominelle Schlüssellänge (die rechte Linie, links ein noch nicht beendetes Projekt) durch eine steile, kompakte Wandzone. Die Absicherung ist recht gut mit BH, aber 7 Bolts auf 30m bedeuten, dass man doch jeweils ziemlich drübersteigen muss. Und das bei anhaltenden Schwierigkeiten in plattigem Gelände. Die Schwierigkeit ist auch ein bisschen, dass die Absicherung ziemlich Interpretationsspielraum bzgl. der Linienwahl lässt. Mit Geduld und gutem Beobachten kann ich die Länge aber sauber onsighten und frage mich, ob die beiden Einzelstellen in den unteren Längen nicht jeweils schwerer waren!?

SL 4, 6a+, 20m: kurze Seillänge, die grössten Schwierigkeiten warten gleich nach dem Stand. Da kann noch nicht gesichert werden und im Sturzraum lungert die Sicherungsperson und das Querband auf welchem diese steht herum (etwas expo). Danach kommt dann erst einmal eine schlechte Sanduhr, und zuletzt dann 3 Bolts und ein gemütlicher Quergang nach rechts zum Stand vom Sandührliweg.

SL 5, 45m, 6b+:  da kommt jetzt nochmals ein ziemliches Pièce de Resistance. Knifflig gleich auf den ersten Meter, bald darauf ein Aufsteher an glattem Sloperzeugs, weiter oben Moves an zwar guten, aber weit auseinanderliegenden Löchern. Ich mühe mich ziemlich ab, und muss gleich an diversen Orten mehrmals ansetzen, der Onsight gelingt aber. Zuletzt geht's dann etwas einfacher zum Stand hin, der aus einem grossen Bündel morscher Schlingen in einer Sanduhr ziemlich links besteht.

SL 6, 45m, 5b: eine eher unlohnende Seillänge, welche sich nur lohnt, wenn man noch die letzte SL anhängt, welche nominell zum Sandührliweg gehört. Nach dem Stand Querung nach rechts und dann schräg aufwärts, an 2 BH vorbei in den breiten, grasigen Riss, der komplett selber abgesichert werden will (gut möglich). Zuletzt zum Stand rechts der rechten Föhre.

SL 7, 30m, 6b: nochmals eine prima Länge an strukturiertem, vom Wasser zerfressenem Fels - einfach genial. Die Absicherung ist auch bestens, bis kurz vor Schluss. Da wartet nochmals eine unliebsame Überraschung und man kann zeigen, wie gut man im Verlauf der Begehung gelernt hat, auf Reibung aufzustehen. Da kommt mein Kletterfluss nochmals kurz ins Stocken und ich muss ein wenig grübeln, doch die perfekte Begehung lasse ich mir nicht mehr nehmen!

Das Abseilen über die bestens eingerichtete Piste geht dann problemlos, ob den feucht-dreckigen Verhältnissen seilen wir dann auch über die Zustiegsstufe 1x30m ab. So kommen wir zeitig und wohlbehalten zuhause bei den Kindern an, welche mit den Grosseltern eine tolle Zeit verbracht haben - vielen Dank fürs Hüten!

Eindeutig die fotogenste Länge, und wohl auch die schönste: 3. SL, 6c.
Facts:

Schafbergwand - Ungläubiger Michael (6c, 6b+ obl.) - Erstbegeher - 7 SL, 245m - ***, xxx
Material: 12 Express, Camalots 0.3-1

Sehr schöne Plattenkletterei an prima strukturiertem Fels mit hervorragender Reibung. Typischer Schafberg-Stil, d.h. das eine oder andere Band ist vorhanden, und die eine oder andere Grasmutte will benützt oder umklettert werden. Insgesamt aber ein sehr lohnendes Unternehmen, das qualitativ mit den anderen Klassikern (Langstrasse, Sandührliweg, Sandi in the Moon) in diesem Wandteil problemlos mithalten kann. Die Anforderungen sind aber durchwegs höher - die Absicherung kann wohl gerade noch als gut bezeichnet werden, d.h. wirklich gefährliche Stürze sind unwahrscheinlich, an einigen Stellen sollte sich der Vorsteiger seiner Sache aber dennoch sicher sein.

Dienstag, 15. Mai 2012

Projektklettern auf der Galerie

Beim allerersten Versuch fühlte es sich noch ziemlich unmöglich an. Immerhin nicht ganz hoffnungslos, so dass ich für weiteres Probieren motiviert war. Am nächsten Klettertag dann, liessen sich schon alle Stellen entschlüsseln, eine konsistente Lösung war gefunden. Nachdem mir am letzten Sonntag dann auch noch ein Durchstieg der Tour im Toprope gelang, war klar, dass es geht. 

Und wenn man einmal weiss, dass es geht, dann ist die Motivation endgültig geweckt. Der Durchstieg nistet sich im Kopf ein wie ein Ohrwurm, etwas auf die Schultern drückt er auch, wie ein Joch. Nachdem man alle Griffe einmal bis zum Top ja schon einmal durchgezogen hat, könnte man auch sagen, es sei eine Formalität. Aber halt, so einfach ist es dann doch nicht. Die Tour ist ziemlich kleingriffig, zum Einhängen gibt es leider keine bequemen Henkel und fussgrossen Tritte. Vor allem auch kommt die Cruxpassage erst auf einer Höhe von gut 30m, wo das Seil schon ordentlich nach unten zieht. Und dann ist da noch der letzte schwere Zug, ein Schnapper dynamisch nach rechts. Die letzte Sicherung befindet sich da bereits auf Fusshöhe, somit ist auch noch etwas Überwindung nötig.

A50, Einstieg über Kopp ab, danach alles gerade hoch, die weissen Bolts weisen den Weg.
Wir kommen an, schwer mit Expressschlingen bepackt wärme ich mich wie immer in der Kombination Furgipo/Kopp ab auf. Ein super Klassiker, 6c der eher alten Schule, wie ich finde. Immerhin kenne ich langsam die wesentlichen Kniffe und erreiche kraftsparend das Top. Die Schlingen werden ins Projekt gehängt und prompt fallen da die ersten Regentropfen... Mist, kann man da nur sagen! Soll jetzt wirklich der ganze Aufwand umsonst gewesen sein? Immerhin lässt es sich nicht gröber ein und da es nochmals etwas aufklart, trocknet es gleich wieder ab.

Im ersten Go dann fühle ich mich super kraftvoll, klettere aber etwas ungestüm in die Cruxzone hinein, der Rhythmus stimmt irgendwie nicht. Prompt passiert mir ein Sequenzfehler mit den Füssen. Irgendwie zeigt das, dass es für mich hier um "mehr" geht - sonst unterläuft mir so etwas kaum je. Nun denn, ich versuche es trotzdem durchzuziehen, aber es geht nicht: Sturz, fertig! Ich klettere noch zum Top, und lasse mich wieder ab. Natürlich beginnt nun das Pokern: noch ist es trocken, wie lange soll ich abwarten? Je länger die Pause, desto besser die Regeneration, aber desto grösser auch die Wahrscheinlichkeit, dass einsetzender Regen einen weiteren Versuch vereitelt.

Just in Time vor der Regenfront...!
Tatsächlich fallen nochmals ein paar Tropfen, dann drückt wieder etwas die Sonne. Irgendwann fehlt mir dann die Geduld, und ich steige ein. Der "Zustieg" zur Cruxzone geht inzwischen automatisiert, selbst der recht knifflige Boulder der "Bloch ab" macht mir keine Probleme mehr. Danach noch 3x tief durchschnaufen, und los geht's - nun nur keine Fehler mehr! Zack, zack, zack, die Moves sitzen sauber und kurz darauf kann ich schon zum letzten schweren Zug, dem Schnapper ansetzen. Wie immer ist er gefühlt weit weg, doch meine Intuition sagt mir, den linken Fuss vom Tritt zu lösen. Eigentlich ein No-Go, im Durchstieg den Ablauf zu ändern. Egal, ich mache es trotzdem, und tatsächlich, die Balance stimmt. Ich packe den Griff mühelos, noch einige Moves zum Stand, geschafft!

Das war's mit der A50, meine erste Outdoor-8a auf der Alpennordseite, nach Anna, Dani und Mike wohl die vierte Begehung. Danke Anna für die Tour, und danke Neni fürs Mitkommen als Sicherungsmann! Nach einem kurzen Intensiv-Abwärmen (A50 im Toprope, dann Pizzabuuch und No Name Toprope) machen wir uns eilig auf den Weg. Tatsächlich klatschen schon in Weesen dicke Regentropfen auf die Frontscheibe, bald danach folgt eine richtige Sintflut - heute hat das Timing gestimmt!

Samstag, 12. Mai 2012

Mathematik des Schlappseils

Die Diskussion ist altbekannt, bei Könnern sieht man es immer wieder: viel Schlappseil, weil dies einen allfälligen Sturz beim Klettern weicher und damit angenehmer mache. Aber ob das auch wirklich stimmt? Einfache Physik liefert eine ziemlich konkrete Antwort, und die lautet nein!


Einfache Physik

Um die Sache einfach zu machen, betrachten wir ein konkretes Szenario. Der Kletterer befindet sich auf 10m Höhe, mit dem Anseilknoten über der letzten Sicherung. Nun kommt es zum Sturz. Wir betrachten die beiden Fälle:
  • Ohne Schlappseil: die Sturzstrecke beträgt 2m, bis die Wirkung des Seils einsetzt und damit der Abbremsvorgang beginnt. Der Sturzfaktor beträgt also 2m/10m=0.2.
  • Mit 2m Schlappseil: das nutzlose Schlappseil wird einfach durchgezogen, bis der Bremsvorgang beginnt. Die Sturzstrecke beträgt also 4m anstatt nur 2m. Der Kletterer weist, bevor das Seil zu bremsen beginnt, doppelt so viel kinetische Energie und eine gut 40% höhere Geschwindigkeit auf. Anstatt 10m Seil wie vorher sind jetzt 12m Seil vorhanden, welche die Energie aufnehmen können. Der Sturzfaktor beträgt 4m/12m=0.33
Ohne Zweifel führt also unnötiges Schlappseil nicht nur zu längeren Sturzstrecken, sondern auch noch zu härteren Stürzen. Schlussfolgerung aus dem obigen, einfachen physikalischen Ansatz: Schlappseil macht einen Sturz nicht angenehmer, sondern bietet nur ein zusätzliches Gefahrenpotential.


Instruktionen zum sicheren (Hallen)klettern: in Bodennähe wenig Schlappseil geben! Quelle: DAV


Die Realität

Die obige Argumentation mit den Sturzfaktoren beinhaltet die Annahme, dass alleine das Seil die Sturzenergie aufnimmt, und dies erst noch konstant über dessen ganze ausgegebene Länge zwischen Anseilknoten und Sicherungsgerät. Das ist in der Praxis so sicher nicht erfüllt. Welche Aspekte sind bzgl. Schlappseil in der Realität also auch noch zu beachten?

  • Die reale Physik ist deutlich komplizierter: v.a. die Reibung des Seils dürfte da der wesentliche Faktor sein. Am meisten Energie wird vom Seilstück zwischen Umlenkpunkt und Anseilknoten aufgenommen. Gegenüber diesem Referenzpunkt sind die Stürze 2m in 1m Seil (ohne Schlappseil) und 4m in 3m Seil (mit Schlappseil). Dieser Vergleich ginge also sogar zu Gunsten des Schlappseils aus. Der wahre Sturzhärtenunterschied (welch ein Wort...) dürfte also wegen der Seilreibung kleiner sein, als das einfache physikalische Modell vorschlägt. 
  • In der Realität, d.h. mit einem Menschen als Sicherungsperson, wird nicht statisch gesichert, sondern es gibt stets eine Bewegung des Sichernden in Richtung des ziehenden Seils. Je grösser diese ist, desto dynamischer ist der Abbremsvorgang, und desto weicher wird der Sturz empfunden. Es ist nun vorstellbar, dass der kürzere Sturz ohne Schlappseil den Sichernden noch nicht wesentlich aus dem Gleichgewicht bringt und er quasi statisch sichert, wohingegen ihn der grössere Sturz mit Schlappseil zur Wand hinzieht. Verstärkt wird dieser Effekt, dass sich Sichernde, die viel Schlappseil geben, meist auch weiter weg vom Wandfuss aufhalten und dementsprechend beim Sturzabbremsen den weiteren Weg zurücklegen.
  • Ein Klettersturz hat nie nur eine vertikale Komponente, sondern es gibt stets auch eine horizontale Bewegung zur Wand hin. Bei ungünstig wenig Schlappseil und damit Bewegungsfreiheit "im Flug" kann diese deutlich höher sein als ohne. Da bei Sportkletterstürzen in einigermassen steilem Gelände meist der Anprall an die Wand (=horizontale Komponente) problematisch ist, dürfte zusätzliches Schlappseil oft als angenehmer empfunden werden.
Fazit

Während die einfache Physik die klare Antwort "vermeide jegliches Schlappseil" liefert, muss die Sache in der Realität differenziert betrachtet werden. Der theoretisch errechnete Sturzhärtenunterschied dürfte nämlich meist kleiner sein, als die einfache Physik vorgibt. Und in weniger steilem Terrain kann zu enge Sicherung sogar einen unangenehmen Peitscheneffekt hervorrufen, so dass man zum Sturzende mit hoher Horizontalgeschwindigkeit an die Wand geknallt wird.

Was lernen wir daraus? Wohl in etwa das, wie es durch erfahrene Kletterer gehandhabt wird. Befindet sich der Kletterer noch in Bodennähe oder droht ein Sturz auf ein Band, so wird so eng wie möglich gesichert, so dass ein Sturz auf den Boden bzw. das Band soweit möglich verhindert wird. Hat der Kletterer eine gewisse Höhe (~8-10m) erreicht, so ist in idealem Sturzgelände etwas Schlappseil nicht so kritisch. Auf jeden Fall soll der Kletterer genügend Bewegungsfreiheit beim Moven und Einhängen haben, und auch ein allfälliger Peitscheneffekt beim Sturz soll ausgeschlossen werden.

Ich handhabe das in der Praxis so, dass ich mich, wenn der Kletterer auf den ersten Metern unterwegs ist, sehr nahe an der Wand positioniere und kaum Schlappseil gebe. Befindet sich der Kletterer nicht mehr in Gefahrenzone für einen Grounder, so positioniere ich mich in bequemem Abstand zum Wandfuss, ohne aber noch meterweise Schlappseil zu geben. Dies hat gleich mehrere Vorteile: Stürze werden weich abgefangen, rasches Seilgeben zum Einhängen lässt sich mit zwei, drei Schritten zur Wand hin subito und ohne Seil durch Sicherungsgerät zu ziehen bewerkstelligen und nicht zuletzt kann man den Kletterer so in nackenschonendem Modus auch besser beobachten.

Kommentare, Gedanken und Ergänzungen sind erwünscht!

Mittwoch, 9. Mai 2012

Skitour Stössenstock (2941m)

Schon bereits 6 Wochen war es her, seit ich das letzte Mal mit den Tourenski unterwegs war. Kletterferien im Süden, und der wettertechnisch ungute April sind die Hauptgründe. Und wenn das Skizeugs mal im Keller verstaut ist, das Ambiente zuhause frühlingshaft bis vorsommerlich und in der Freizeit der Fokus wieder auf dem Sportklettern liegt, so braucht es auch etwas Überwindung, sich nochmals frühmorgens aus dem Bett zu schälen und dem Schnee nachzufahren für eine Skitour.

Der Stössenstock (2941) ist der am niedrigsten erscheinende Gipfel rechts der Lücke in  Bildmitte.
An diesem Dienstag waren die Bedingungen jedoch absehbar gut, und so brauchte es keine grossen Motivationskünste, um mich nochmals auf die Skis zu bewegen. Nach etwas Werweissen war dann mit dem Meiental auch ein geeignetes Tourengebiet identifiziert. Sogar ein spannendes Projekt konnte gefunden werden, wegen lokal ungünstigen Voraussetzungen liessen wir es dann aber damit bleiben, und strebten dem Stössenstock, dem höchsten Punkt im Grassengrat zu. Dieser bietet eine einsame, landschaftlich eindrückliche und skifahrerisch lohnende Tour. 

Kurz vor dem Skidepot, direkt über dem Tourengänger das Couloir, durch welches ich abgefahren bin.
Um rund 7.00 Uhr gingen wir in Gorezmettlen los, die Strasse ist bis dahin geräumt und befahrbar. Auf dem ersten Kilometer ins Tal hinein liegt gar nicht mehr allzu viel Schnee. Während es im Moment noch durchgehend mit den Skis an den Füssen geht, wird nach einigen warmen Tagen definitiv Portage fällig. Ab etwa 1700m liegt aber noch viel Schnee, auch die Rinne des Hohbergtals ist meterhoch zugeschneit und problemlos begehbar. Auf rund 2200m erreicht uns das erste Mal die Sonne, somit ist eine gehörige Tenüerleichterung fällig.

Yours truly, im Aufstieg kurz vor der Lücke. Die breite Abfahrtspiste ist gut sichtbar.
Das Wetter ist bestens, die Schneedecke schön glatt und bestens durchgefroren. Hier können wir uns auf eine sehr gute Abfahrt einstellen! Zügig geht es weiter, auf dem weiten Wichelplanggfirn der namenlosen Lücke (ca. 2850m) zwischen Stössenstock und Wichelplanggfirn entgegen. Schon beim Anmarsch fällt mir das Couloir in der Südflanke des angepeilten Gipfels auf. Da wird man auch mit den Skis runterfahren können! Somit wartet auf dieser sonst skitechnisch einfachen Tour doch noch eine gewisse Herausforderung.

Schon auf der Abfahrt, urplötzlich bildet sich etwas Quellbewölkung, wir sind knapp unterhalb der Basis.
Während die Lücke bei wenig Schnee manchmal auch Probleme bietet, ist sie aktuell so gut verschneit, dass das eingerichtete Fixseil vollkommen überflüssig scheint. Auch die nachfolgende SW-Flanke Richtung Gipfel ist problemlos zu begehen. Steigeisen und Pickel sind da heute nicht vonnöten, die hätten wir also auch im Tal lassen können. Bald sind wir oben, die Aussicht ist umfassend und gegen den Titlis und das grüne Engelbergertal auch eindrücklich. Doch wir spüren auch den Föhn, der über die Kämme streicht, und machen uns deshalb bald wieder an den Abstieg. 

Der Autor im Schwung, der Sulzschnee hat 1a-Qualität!
Das heisst, ein Abstieg ist es nur für meinen Begleiter Adrian, ich schnalle die Skis an und fahre das Couloir. Es ist gute 45 Grad steil, in der Mitte ziemlich eng, so dass auf knapp 20hm nur abgerutscht werden kann. Der Rest lässt sich in angefeuchtetem Pulver prima fahren. Bald treffen wir uns am Skidepot wieder, und machen uns gegen 10.00 Uhr an die Abfahrt. Noch geht es ein paar Meter über angefeuchteten Pulver weiter, doch bald trägt die Schneedecke noch einwandfrei, und es gibt wunderbare Sulzschwünge.

Der Steilhang ins Tal bei Wyssgand hinunter bietet auch noch prima Bedingungen.
In der Gegend oberhalb des Hohbergtals (ca. 2200m) wird es zwar kurz etwas klebrig, der Steilhang rechts der Rinne ist dann aber wieder einwandfrei und sehr genussvoll zu befahren. Auch unten im Tal läuft es noch prima, so sind wir zügig retour beim Automobil. Das war jetzt kein Riesenabenteuer, aber einfach eine schöne, gemütliche Frühlingstour. Wir machen uns auf den Heimweg und sind mittags bereits am Arbeiten. Mit der Entbehrung von einigen Stunden Schlaf und 2 Stunden Nacharbeiten am nächsten Tag müssen wir für die Tour nicht mal das Ferienbudget strapazieren - auch gut so!

Sonntag, 29. April 2012

Schafbergwand - Piccolo & Bridge of Light (6c)

Abgemacht waren zwei Bergtage mit Jonas, doch angesagt war eine stürmische Föhnlage, was Skitouren oder gar Bergsteigen unattraktiv machte. Aber etwas Alpinklettern müsste doch drinliegen. Das naheliegende Ziel um diese Jahreszeit, bereits schneefrei und den Sturmwinden nicht allzu fest ausgesetzt, war die bekannte Kalkplatte am Wildhauser Schafberg. Soviel vorweg, unsere Vorstellungen wurden voll erfüllt, und wir genossen eine tolle Kletterei bei sehr angenehmen Wetterbedingungen.

Kathrin und Basti liessen sich ob der oben genannten Logik für dasselbe Tourenziel begeistern, so ging es zu viert nach Wildhaus. Im Aufstieg via Gamplüt zur Alp Fros hinauf liegen zwar noch einige Schneefelder, doch man kann ihnen fast vollständig ausweichen, und gelangt gut trockenen Fusses dahin. Der Schlussaufstieg zur Wand hingegen ist noch fast komplett verschneit, doch dank dem kompakten, trittfesten Schnee gut in leichten Schuhen und ohne Winterausrüstung zu begehen. Somit konnte es kurz vor 11.00 Uhr losgehen mit der Kletterei.

Die Schafbergwand, immer wieder ein lohnendes Tourenziel!
Wir begannen mit der Route Piccolo:

SL 1, 25m, 4b: Ziemlich grasige Zustiegslänge zum eigentlichen Routenanfang. Von unten überlegt man sich zuerst, ob man gleich seilfrei gehen soll, doch dafür ist es dann doch zu schwierig, und die Griffe wollen auch etwas geprüft werden. Es stecken 2 Bolts, Stand an Föhre mit Schlingen.

SL 2, 35m, 6a+: Nun zweigt man nach rechts ab, zuerst einer Rissfolge entlang zu einem Verschneidungssystem. Die Kletterei hier ist sehr gut, lohnend, und auch gar nicht so einfach. Der Fels ist genügend fest, aber noch nicht erste Sahne. Die Absicherung mit BH ist bestens.


Piccolo, 2. SL (6a+)
SL 3, 25m, 6a+: Erst folgt man einfach entlang der Verschneidung weiter. Die Crux besteht aus einer Querung nach links über eine Platte. Hier muss man die Moves sorgfältig planen, der schwerste Zug an 2 Einfingerlöchern mit den Füssen auf Reibung. Diese Stelle kann auch A0 bewältigt werden. Danach wieder einfacher, und etwas "gemüsig", zum Stand. 

SL 4, 40m, 5c+: Die schönste Seillänge dieser Tour! Vom Stand geht es erst gemässigt aufwärts, bis hinauf unter einen überhängenden Aufschwung. Dieser ist aber nicht zu fürchten, ist er doch mit Traumhenkeln ausgestattet. Danach geht es weiter an Supergriffen, schön luftig der Kante entlang. Der Fels ist hier mehrheitlich fest, allerdings befindet sich der Stand die ganze Zeit genau in Schusslinie, weshalb trotzdem etwas Vorsicht nötig ist. Die Seillänge ist gut mit einem Mix von BH und Schlaghaken abgesichert.

Piccolo, die sehr schöne 4. SL (5c+)
Nach etwa 1.5 Stunden erreichen wir das Top. Die saubere Begehung dieser kurzweiligen Route war jetzt nicht die grosse Herausforderung, ein ganz simples Hochspazieren war es aber dennoch nicht. Wir seilen nun  auf der Rückseite 50m in den grossen Kessel/Schlucht ab, von wo wir die zweite Route anpacken werden.

Bridge of Light:

Vom grossen Kessel gilt es zuerst, ca. 60m die linke Schrofenrinne hochzusteigen. Zu Beginn noch nicht so schwierig und exponiert (T5), zuletzt liegen dann aber keine Fehler mehr drin (T5+). Für den Vorsteiger gibt es hier kaum Sicherungsmöglichkeiten, man kann ebenso gut seilfrei gehen. Zudem: Vorsicht vor Steinschlag! Am Routeneinstieg kann an einem einzelnen Klebehaken Stand gemacht werden. 

SL 1, 40m, 6c: Ziemlich einschüchternd sieht der steile Riss aus, zum Glück stecken hier die Bohrhaken in recht kurzen Abständen. Sobald man am Werk ist, stellt man dann fest, dass der Eindruck nicht getäuscht hat. Die Kletterei ist anspruchsvoll und pumpig, der Riss ziemlich rund, gute Griffe sind Mangelware. Nachdem ich zu Beginn den falschen Weg wähle und in eine Sackgasse gerate, lasse ich mich nochmals ab und kann die Länge im zweiten Anlauf dann sauber durchsteigen, allerdings nicht mit grossen Reserven. Hier könnte man wohl gut auch eine 6c+ vergeben, finde ich! Aber wie auch immer die Bewertung ist, diese Länge ist einfach toll, mit sehr abwechslungsreichen, ungewöhnlichen Moves.

Bridge of Light, Auftakt zur 2. SL (6b). Der Riss muss komplett selbst abgesichert werden.
SL 2, 20m, 6b: Zuerst wartet eine steile Verschneidung, welche gänzlich ohne fixe Absicherung ist. Sie sieht doch ziemlich einschüchternd aus, entpuppt sich dann aber als gutmütiger als vermutet. Selber Legen ist hier Pflicht, ein Sturz auf das Standbödeli hätte wohl gravierende Konsequenzen. Mit grossen Camalots (Grössen 1-3) ist dies aber gut möglich. Erreicht man den ersten Absatz in der Verschneidung, geht es links hinaus in die hier etwas grasige Platte, wo dann auch Haken (1 NH und 3 BH) stecken. Zuletzt wieder nach rechts hinaus zur Verschneidung mit unbequemem Hängestand.

Bridge of Light, 2.SL (6b). Nach der Verschneidung in die hier etwas grasige Platte hinaus.
SL 3, 20m, 5c+: Der Verschneidung entlang geht es weiter, zwei Bolts stecken, die Absicherung will also noch etwas aufgepeppt werden, wozu wiederum die grossen Cams zum Einsatz kommen. Dank griffigem, wasserzerfressenem Fels ist die Kletterei nicht allzu schwierig, und sehr genussvoll. Dank den Tropflöchern links muss man über weite Strecken gar nicht an der Verschneidung piazen, sondern kann in der Plattenwand links klettern. Obwohl rechts ein bequemes Bödeli erreichbar wäre, muss man auch hier einen unbequemen Hängestand vergegenwärtigen.

Bridge of Light, 3. SL (5c+). Mal in der Verschneidung, mal in der sehr schönen Platte.
SL 4, 25m, 6a: Eine weitere Seillänge im gleichen Stil wie die Vorherige: knappe Absicherung mit 3 Bolts, aber gut zu Ergänzen mit den Cams, dazu die Kletterei im wasserzerfressenen Fels, manchmal die Verschneidung benützend, manchmal in der Wand links. Der Fels ist einfach vorzüglich und erinnert sehr an den unteren Teil der Millenium in der Hauptwand des Reissend Nollen. Und gleich nochmals gibt es hier einen unbequemen Hängestand.

Bridge of Light, 4. SL (6a): Verschneidung und Platte, super!
SL 5, 40m, 6c: Vom Stand weg gilt es eine Plattenquerung nach links zu meistern. Auf den ersten Eindruck sieht das nicht sonderlich schwer aus, doch nie nahe steckenden Bolts lassen anderes vermuten. So ist es dann auch, es muss sauber auf Reibung angetreten werden und gute Griffe sind Mangelware. Ist die linke Kante erreicht, so geht es dieser entlang einfacher aufwärts, man bedient sich grasgefüllter Risse als Griffe, hier sollte man mal richtig putzen! Zum Schluss quert man dann wieder nach rechts an die Verschneidung und muss über den Überhang hinweg nach rechts aussteigen. Die richtige Linie zu erkennen ist gar nicht so einfach hier, da hier nur selten geklettert wird, gibt es überhaupt keine Spuren und die Griffe sind auch etwas staubig. Ich kann es dann aber doch durchziehen, und mit Seilzug geht es über Graspolster zum Stand, etwa 15m unterhalb des Westgrats.

Bridge of Light, 5. SL (6c). Dieser Wulst ist die Crux, zum Ausstieg ist's dann etwas grasig.
Um 15.40 Uhr sind wir am Ausstieg, etwa 2.5 Stunden haben wir also für die Route gebraucht. Ich muss sagen, eine wirklich tolle und abwechslungsreiche Kletterei, typische Schafberg-Plattenschleifer kommen zwar auch vor, aber (für solche die das fürchten) nur in homöopatischen Dosen. Ich muss sagen, leicht ist mir die Tour nicht gefallen, die beiden 6c-Längen sind alles andere als einfach, doch immerhin bestens abgesichert. Die drei Verschneidungslängen dazwischen fand ich hingegen eher hart bewertet, zudem ist auch bezüglich der Absicherung Eigeninitiative gefragt.

Wir machen uns ans Abseilen. Dies wäre problemlos über die Route möglich, noch bequemer geht es, wenn man zwei Stände der benachbarten "Tanz auf dem Regenbogen" von meinem Tourenpartner Walter Hölzler benutzt. So erreicht man mit 3x50m wieder den Einstieg, von wo man am Klebehaken die Schrofenrinne abseilt. Zum nächsten Stand sind es da 60m, aber man kann die untersten 10m auch gut abklettern (einfach und nicht exponiert). Ab dem dortigen Abseilstand sind es dann weitere 60m bis zum Wandfuss, ein Zwischenstand mit BH ist jedoch vorhanden, so dass es auch gut mit 2x50m-Seil geht. 

Blick zu den Churfirsten, noch viel Schnee auf der Nordseite.
Um 16.30 Uhr brechen wir auf und rutschen im Nu die immer noch schön kompakten Schneefelder zur Alp Fros hinunter. Dann geht's zügig nach Wildhaus, so dass wir schon bald das Panaché bestellen können. Das tut echt gut, denn die warme, trockene Föhnluft hat für gewaltigen Durst gesorgt. Gemütlich lassen wir es uns im Wirtshaus gut gehen, bis das Duo aus der "Da muesch en Dickä schickä" auch bei uns eintrifft.

Facts:

Schafbergwand - Piccolo (6a+, 6a obl.) - M. und U. Wiesmann 1982 - 4 SL, 125m - **, xxxx
Material: 10 Express, evtl. Camalots 0.3-1 und Keile 4-9.

Nach der unschönen Zustiegslänge lohnende Kurztour mit Verschneidungs- und Wandkletterei an meist solidem Fels. Die Route wurde durch Walter Hölzler saniert und ist gut mit Inoxbolts ausgerüstet. Zusätzliche Absicherung mit mobilen Mitteln ist nicht zwingend nötig, Friends und Keile könnten aber hier und da gut platziert werden. Die Route ist besonders als Zustieg zu den oberen Südwandrouten attraktiv, der Normalweg durch die Schlucht ist nämlich steinschlägig und unlohnend.

Schafbergwand - Bridge of Light (6c, 6b obl.) - Hutzli/Jäggi/Suter 1998 - 5 SL, 150m - ***, xxx(x)
Material: 12 Express, Camalots 1-3.

Prima abwechslungsreiche Riss-, Verschneidungs- und Plattenkletterei in vielfach vorzüglichem, wasserzerfressenem Fels, lediglich einige kurze Passagen folgen grasgefüllten Rissen. Die Kletterei ist anhaltend recht anspruchsvoll und für die angegebenen Bewertungen ziemlich fordernd. Die Absicherung an den schweren Stellen ist bestens mit Inoxbolts, die drei einfacheren, zentralen Verschneidungslängen müssen aber teilweise zwingend mit Klemmgeräten zusätzlich abgesichert werden. 

Topo:

Gute Routenskizzen inklusive der eingezeichneten Haken (auch wenn es hier und da noch einen mehr hat als eingezeichnet) findet man im Kletterführer Alpstein, oder hier auf der Seite von Walter Hölzler. Unten ein Übersichtstopo mit Routenverläufen aus meiner Produktion, es ist auch als PDF verfügbar.

Schafbergwand: Topo von Piccolo & Bridge of Light.




Donnerstag, 26. April 2012

Galerie - Madame Muscle Natural (7c)

Die Madame Muscle ist eine Tour im Klettergarten Galerie ob dem Walensee. Mit dem Grad 7b bewertet erfreut sie sich nicht sonderlich grosser Beliebtheit. Dafür sehe ich hauptsächlich zwei Gründe: erstens ist die Tour ziemlich inhomogen. Die Schwierigkeiten bewegen sich über weite Strecken im Bereich von 6c, nur eine etwa 7-8 Züge umfassende Cruxzone ist deutlich schwieriger. Zweitens weist diese Schlüsselpassage auch noch einen unschön geschlagenen Griff auf, welcher vermeintlich eine Begehung erst möglich macht.

Routenbeschriftung, die Naturvariante könnte man jetzt ergänzen :-)
Am 28.2.2010 hatte ich diese Linie klettern können. Leicht ist sie mir nicht gefallen, in der Crux musste ich mich einer komplizierten Sequenz bedienen, welche ich erst nach 6 Versuchen erfolgreich aneinanderreihen konnte. Schon damals war mir aufgefallen, dass der künstliche Griff wohl nützlich war, aber vermutlich nicht unentbehrlich, d.h. dass eine Begehung an den naturgegebenen Strukturen möglich sein dürfte. Doch ich wandte mich wieder anderen Galerie-Projekten zu, und verschob die Idee der Nature-Begehung auf später.

Nach dem Einrichten der gleich nebenan gelegenen Crossroads lag es dann auf der Hand, die Madame Muscle wieder einmal zu inspizieren. Die Griffabfolge ohne Verwendung des geschlagenen Bohrmaschinenlochs konnte ich mir bald einmal vorstellen, das ganze in eine durchstiegsreife Sequenz zu verpacken war dann aber doch gar nicht so einfach, der Teufel steckte im Detail. Zudem brauchen die kleinen Griffe schlicht und einfach Kraft, ebenso fressen sie ziemlich Haut. So waren dann über 4 Besuche verteilt ganze 10 Versuche notwendig, bis endlich der Rotpunkt gelang! Mit etwas Glück bzw. weniger Unvermögen und grösserer Hartnäckigkeit wäre es vielleicht auch ein bisschen schneller möglich gewesen...

Föhnstimmung auf der Galerie
Somit kann man nun also sagen, dass der Kunstgriff in der Madame Muscle definitiv unnötig ist. In der Naturvariante schätze ich die Schwierigkeit auf 7c oder 7b+ ein, wegen meiner zahlreichen Versuche würde ich eher auf ersteres tippen. Somit bleibt einzig drei Fragen im Raum: a) hast Du die Madame Muscle auch schon einmal ohne den Kunstgriff geklettert, b) welcher Grad passt für die Madame Muscle Natural und c) müsste man den geschlagenen Griff jetzt wieder auffüllen? Kommentare sind erwünscht...

Sonntag, 22. April 2012

Amden - Sellbach - Tapis Volant (WI3+)

Während der Kälteperiode im Februar 2012 überschlagen sich in den Medien die Superlative bezüglich maximal tiefer Temperaturen. Für den Eiskletterer ist auch ohne das Mediengetöse sehr offensichtlich, dass wir es mit einer einmaligen Chance zu tun haben, die möglicherweise nicht so bald wiederkommt. Als ich dann auch noch ein sehr spannendes Projekt in der Nähe vorschlagen kann, lässt sich Kathrin nach nur kurzem Zögern für eine Tour im Eis begeistern...

Obwohl viele "klassische" Touren zu jenem Zeitpunkt "risikolos" zu haben gewesen wären, d.h. gemäss Berichten in eindeutig sehr guten Bedingungen, entscheiden wir uns für das Abenteuerliche, sprich für eine unbekannte, aussergewöhnliche Tour, wo wir dafür über das Anzutreffende im Unklaren waren. Nun, dass im von Amden in den Walensee entwässernden Sellbach Eis vorhanden war, hatte ich auf der Vorbeifahrt klar gesehen. Ungewiss waren vor allem Verlauf und Schwierigkeiten. Ebenso wenig drang trotz Rumfragen Kunde von früheren Begehungen dieses Baches zu meinen Ohren.

Terrasse von Amden mit Mattstock, der Sellbach in Bildmitte.
Oben im Bild die Sicht über den Walensee hinweg, auf Amden und Mattstock. Der Sellbach führt kaum sichtbar, ziemlich genau in Bildmitte, durch ein eingeschnittenes Couloir vom flachen Gelände oberhalb is zum See runter. Die Zoom-Aufnahme im Bild unterhalb schafft Klarheit: das Eiscouloir, wiederum in Bildmitte, ist klar sichtbar. Hinweis: die Bilder wurden eine Woche nach der Tour aufgenommen, auf dem Rückweg von der Tschuggen-Skitour, als schon eine deutliche Erwärmung eingesetzt hatte.

Close-Up vom Sellbach.
Der Zustieg ist dann selten bequem - mit dem Auto fährt man direkt am Einstieg vorbei. Dass man auf der schmalen Strasse nicht direkt am Bach parkieren kann, ist unter diesen Voraussetzungen fast unerhört ;-). Na ja, 300m weiter geht das schon, und in minutenschnelle ist man wieder zurück am Einstieg. Da spielt es nicht einmal eine Rolle, dass ich für einmal wieder die Seile im Kofferraum liegen lassen habe.

Einstieg auf der Teerstrasse.
Der Einstieg, reichlich skurril, auf einer Teerstrasse direkt am Walensee, auf 419m. So trivial wie man meinen mag, ist es dann aber gar nicht, ans Eis zu kommen. Die Betonmauer, bzw. der Abgrund dahinter stellt doch ein ziemliches Hindernis dar, so dass ich Kathrin am seeseitigen Brückengeländer ablasse. Ich ziehe dann aber doch den Weg über die Mauer und die dadurch folgende Traverse im Fels vor.

Die erste Seillänge sieht ganz ordentlich gemütlich aus: einfache Eiskletterei in der schmalen Bachrinne, mit zwei etwas steileren Aufschwüngen durchsetzt. WI2 kann man dafür veranschlagen, tiptop zum Aufwärmen und Angewöhnen. Bei einem (trockenen) Bassin bietet sich nach 50m ein idealer Stand an, Bäume an den Seiten wären vorhanden, bequemer geht's mit zwei Schrauben im Eis. So, nun ist Kathrin mit dem Nachstieg dran...

Kathrin folgt in SL 1 (WI2).
Oben im Bild Kathrin am Ende der ersten Seillänge (WI2), welche der hier schmalen, aber tiptop vereisten Bachrinne folgt. Während von der Strasse durch das Geäst noch fast gar nichts erkennbar war, haben wir nun freien Blick auf die nächste, d.h. die zweite Seillänge, welche einen sehr vielversprechenden Eindruck macht.

Blick auf SL 2 (WI3).
Erst warten 20 weitere Genussmeter, ebenfalls im WI2-Bereich, danach wird es steiler, und es folgen 30m supertolle Kletterei, gegen Schluss hin so um 80 Grad steil, ich würde WI 3 dafür veranschlagen. Die Eisqualität übrigens tiptop, trotz der Kälte schön plastisch, gar nix spröde, und bestens zum Schrauben.

Kathrin folgt in SL 2 (WI3).
Ja, so macht es richtig Spass! Kathrin steigt auch diese zweite Seillänge problemlos nach - nicht selbstverständlich, ist es doch eine kleine Ewigkeit her, seit sie das letzte Mal die Steileispickel geschwungen hat. Das gute Eis, die genussreiche Kletterei an der Sonne, das liebliche, fast mediterrane Ambiente und trotz Minusgraden angenehme Temperaturen machen es aber auch einfach. Der Weiterweg sieht nochmals einen Tick schwieriger aus. Aber nichts beängstigendes...

Die Cruxlänge, ca. WI3+/WI4-.
Die erste Hälfte der dritten Seillänge offeriert genussreiches Gelände um WI3-. Danach folgt die steilste Stelle der Tour, etwa 10m erreichen fast die Senkrechte, d.h. sind ca. 85 Grad. Ich denke, die dürften so bei WI3+, vielleicht sogar WI4- einchecken. Bei diesen guten Bedingungen, die Pickel bissen zumeist beim allerersten Schlag solide, aber natürlich problemlos.

Nachstieg in der Cruxlänge, mit Sicht runter bis zum Einstieg.
Kathrin packt auch diese Seillänge sauber im Nachstieg, so können wir schon bald den Blick nach vorne richten. Und da wartet nochmals eine dick vereiste Stufe, etwa 70 Grad steil, etwa WI2. Erneut eine super Genusslänge, gute 30m geht es so dahin, dann weiter bis zum Seilende über einige Stufen rauf dem sonst flachen Bach entlang.

Blick auf SL 4 (WI2).
Kathrin kommt zügig zu mir nach, und das Bild, welches ich machen kann, bevor sie den Stand erreicht, dürfte für eine Eisklettertour Seltenheitswert haben: nebst dem Eis ist es fast so grün wie in der Masoala-Halle im Zürcher Zoo!

Kurz vor dem Stand von SL 4.
Spannend ist nun vor allem der Weiterweg. Am Fusse einer Felswand entlang hat sich der Bach sein Bett gefressen, landschaftlich sehr eindrücklich. Hier kann man ganz simpel auf Eis spazieren, danach wird es dann wieder steil zur Sache gehen - womöglich gar zu steil? Also machen wir uns auf den Weg...

Der Weiterweg: was wartet wohl?
Wie wir am Fusse der nächsten Stufe ankommen, müssen wir konstatieren, dass sich diese nicht vollständig wird beklettern lassen. Viel zu dünn ist das Eis, stellenweise kaum vorhanden. Im Toprope oder wenn im Fels Bohrhaken stecken würden, so könnte man sich vielleicht schon hocharbeiten.

Die zu schwach vereiste Stufe - in Natura höher und steiler, als es hier aussieht.
Aber das ist halt nicht so, und darum ist ein schlauer Plan B gefragt. Natürlich, abseilen zurück zum Einstieg wäre problemlos möglich, aber nach oben aussteigen ist immer attraktiver. Und dafür entdecke ich eine Möglichkeit. Zuerst wartet nochmals eine 15m-Eisstufe, dann Mixedgelände und schliesslich können werden wir auf einem Felsband nach links ausqueren können.

15m-Eisstufe zu Beginn der 6. SL (WI3).
Das Eis zu Beginn der Stufe ist recht steil, lässt sich aber gut klettern. Doch es wird dünner und dünner, und das Gelände wird Mixed. Bei kurz etwas mässiger Sicherung muss ich auf dem eher ausgewaschenen Fels rumkratzen: eher etwas psycho als wirklich schwierig. Weiter geht es dann linkshaltend in cooler Torfkletterei zu bequemem Stand auf dem Felsband.

Kathrin steigt nach im "Eigerterrain" von SL 6 (WI3). 
Das Felsband lässt sich wohl problemlos begehen, hält aber sonst noch einige Überraschungen bereit. Da war wohl mal der Specht auf Besuch, allfälligen Angstschweiss kann man mit Rexona übertünchen und für potentielle Schmerzen gäbe es auch noch eine Portion Total Tramal...

Torfkletterei und Felsstufe zum Ende von SL 6 (WI3).
Wir können uns indessen losseilen, queren über das Band raus und erreichen oberhalb einen bequemen Weg. Diesem folgen wir, um bald auf den Wanderweg zu treffen, der uns nach Betlis zurückführen wird. Erst ist noch etwas Aufstieg nötig, dann geht alles runter, und es gibt tolle Einblicke in den Seerenbachfall.

Felsband, auf welchem wir ausgequert sind.
Nach kurzer Zeit sind wir retour beim Strandbad in Betlis, wo sich der Kreis schliesst und wir unsere Tour beenden. Das Ambiente mit dem baldigen Sonnenuntergang über dem Walensee ist fast mediterran. Wer würde glauben, dass wir von einem Eisklettertag zurückkehren?

Sonnenuntergang über dem Walensee

Facts:

Betlis/Amden - Sellbach - Tapis Volant (III, WI 4-, 280m) - Marcel & Kathrin Dettling 12.02.2012*

* Womöglich wurde der Fall schon früher begangen, ich habe bisher aber nix derartiges erfahren

Superschöne, gemütliche Eisklettertour mit zwei, drei kurzen, steileren Stellen durch eine Bachrinne. Wegen der tiefen Lage (Einstieg auf 420m), der südseitigen Ausrichtung und der Tatsache, dass der Sellbach für das Kraftwerk Muslen gefasst wird und daher nicht viel Restwasser fliesst dürften die Bedingungen nur in seltenen Fällen geeignet sein. Wenn dem aber so ist, so darf man nicht zögern! Der Erlebniswert der Tour steht für mich auf allerhöchster Stufe, es ist eine der, wenn nicht die schönste Eistour, die ich bisher begehen konnte.