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Donnerstag, 7. Juni 2018

Gross Windgällen (3187m) - Nordwand

Die Nordwand der Gross Windgällen fällt über 1000m sehr steil zum Seewlisee im Kanton Uri ab. Wenn man ein Foto davon aus entsprechender Perspektive sieht, so braucht man nicht lange zu fragen, warum man als Bergsteiger zu einer solchen Tour aufbricht - Schwung und Steilheit sind einzigartig, die Herausforderung klar gegeben. Nach einigem Werweissen, ob die Bedingungen wohl gut sein würden, einigten wir uns schliesslich auf einen Aufbruch. Mit im Gepäck war auch hier wieder die Ultraleicht-Flugausrüstung, welche uns nach getanem Wanddurchstieg bequem ins Tal bringen sollte. Es wurde schliesslich eine Tour, welche sich sehr gut zur Reflexion eignet, wie schmal der Grat zwischen einem 'excellent adventure' beim abenteuerlichen Bergsteigen und purem Desaster ist...

Noch Fragen offen?!? Das ist die Nordwand der Gross Windgällen, gesehen vom Seewlisee. Foto: Dolmar @ hikr.org
Vorgeschichte & Zustieg

Dieses Mal musste ich bereits um 1.45 Uhr aus den Federn, unsere Tour startete schliesslich um 3.45 Uhr auf der Brunnialp. Die Fahrbewilligung dahin ist für 20 CHF im Rest. Alpina in Unterschächen erhältlich - natürlich nicht um diese Tageszeit, man organisiere sich zuvor entsprechend. Danach wartete ein harter Marsch in den anbrechenden Tag hinein zum Einstieg. Wir wählten die Route via Griesstal und Sprossengrätli. Via Firnband und Zinggen wäre auch möglich und etwas kürzer, jedoch weglos, anstrengender und im Dunkeln nicht ganz einfach zu finden. Bis ins Griesstal hinauf war's schneefrei, danach gingen wir zu etwa 75% über kompakten Sommerschnee. Genau diese Route hatte ich übrigens im Winter 2 Jahre zuvor schon unter dem Motto "Ohne Fleiss kein Eis" begangen. Man muss das nur leicht modifizieren zu "Ohne Fleiss kein Preis" oder eben keine Nordwand, so passt's auch schon wieder. Wenn ich noch daran denke, dass ich 1.5 Jahre zuvor die Gross Ruchen Nordwand via 'Der dunkle Turm' bestiegen hatte und im vorangehenden Sommer den Bigwall der Grüter/Müller (21 SL, 7a) am Wiss Stöckli vom selben Ausgangspunkt anging, so darf man das hintere Brunnital als Adventure Playground der ersten Güteklasse bezeichnen. So standen wir schliesslich um 5.40 Uhr im Angesicht der Wand, welche aus Bottom-Up-Perspektive sehr felsig aussieht. Der Eindruck täuscht aber... Wobei die Ausaperung der Wand tatsächlich schon deutlich fortgeschritten war, dies war uns jedoch von der ideal positionierten Webcam auf Biel-Kinzig schon bekannt. Da sich Literatur und Web weitgehend einig darin sind, dass dies ideale Verhältnisse darstellen (siehe Infoteil für meine Einschätzung dazu), stiegen wir nach einem Frühstück und Montage der alpinen Komplettmontur um 6.10 Uhr in die Wand ein.

Frontalperspektive auf die Wand vom Sprossengrätli, inklusive Routenverlauf. Das Ausstiegscouloir und auch der Gipfel sind aus dieser Perspektive nicht sichtbar. Markant die Differenz in der Steilheit der Wand zwischen diesem Foto und demjenigen oben. Man wähle aus, was einem besser zusagt ;-)
Es war ein fantastischer Marsch in den anbrechenden Morgen hinein. 
Leer schlucken, rechts umgehen. Es gäbe an der Gross Windgällen nicht nur Bruch und Schotter (wie dieser Bericht hauptsächlich beschreibt), sondern es gibt auch Zonen mit Hammerfels so wie hier. Wanna put up some hardcore alpine sportclimb?!? Here you go...
Unterer Wandteil mit den Hauptschwierigkeiten

Zuerst geht's auf dem unteren Firnband nach rechts hinaus. Diese Passage ist ähnlich wie der grosse Quergang im Chalttäli - einfach nur halb so lang und der Tiefblick ist auch noch nicht ganz so enorm. Zum Runterfallen ist's natürlich trotzdem nix. Dort, wo sich das Band in der Wand verliert, geht's kurz nach oben und dann nach links. Mit den Beschreibungen aus Literatur und Web ("um eine Kante herum") konnte ich vor Ort wenig anfangen. Jedenfalls ist es ziemlich unklar, wo es am besten durchgeht, das Gelände ist sehr unübersichtlich. Tipp: generell tief bleiben. Man kann hier noch seilfrei durch, wenn es so schwierig wird, dass man sichern müsste, ist man falsch. Wir konnten hier eine vor uns gestartete Seilschaft überholen, welche zu hoch hinaufgestiegen war und bereits ans Seil musste. Über dennoch stellenweise heikles und exponiertes Gelände gelangten wir zur sogenannten Schneesichel, welche einfach nach links hinauf zur Schlüsselstelle führt (7.30 Uhr, 1:20h ab Einstieg). Durch ein eisig-kaltes Rinnsal ging's hier im Grad 4b mit Steigeisen eine Länge nach oben. Der Fels ist (wie überall in der Wand) brüchig, am angenehmsten zu klettern dünkte es mich noch direkt im Wasserlauf selber und geduscht hatte ich bei einem Aufstehen um 1.45 Uhr an diesem Tag ja natürlich auch noch nicht. Passt ja alles :-)

Auf dem Einstiegsband, ein sehr exponierter Morgenspaziergang.

Die Schneesichel, am Ende des Schneefelds setzt die Crux an, es geht rechts hinauf.

Yours truly in den steilen Auftaktmetern zu Beginn der Cruxlänge. Auf ein paar Metern ganz ordentlicher Fels.

Danach rechts hinaus und mitten durch das eiskalte Rinnsal. Wenn der Fels hier vereist ist, dann gute Nacht!
Zum Sichern ist die Lage in der Cruxlänge trotz zweier Bolts am Anfang prekär. Noch doofer ist's dann, wenn man oberhalb in flacheres Gelände kommt und vielleicht einmal Nachnehmen möchte. Einen Stand gibt's da nirgends, Möglichkeiten für mobile Sicherungen sind Fehlanzeige. Man steht einfach auf einem geneigten, schuttbedeckten Wandabschnitt, der Fels ist brüchig. War ich froh, dass ich ein paar Schlaghaken am Gurt hatte! Auch diese sind nicht einfach zu platzieren, schliesslich fand ich jedoch eine Ritze, wo ich ihn mit ein paar saftigen Schlägen eintreiben konnte. Damit war der 'Point of no Return' bereits erreicht. An diesem windigen Haken abzuseilen, wäre höchstens als Plan Y, also eigentlich gar nicht in Frage gekommen. Handyempfang gibt's in der Wand übrigens auch keinen, der Ruf nach dem Helikopter als Plan Z ist also auch keine Option. Aufgrund der Situation (es waren total 8 Leute vor Ort) entschieden wir uns für eine Art Himalaya-Style-Climbing, d.h. alle anderen stiegen am fixierten Seil nach und ich ging als einziger im Vorstieg. Ziemlich ungewöhnlich, doch zeitsparend und in dieser Situation absolut angebracht. Aufwärts sah es allerdings auch nicht so erbaulich aus. Oberhalb zeigte sich komplexes, unübersichtliches Felsgelände mit höchst unklarer Routenführung, also wollte der Spürhund ausgepackt werden. Schon immer wieder erstaunlich, wie man an einem solchen Ort stehen kann, keine Ahnung hat, wo es langgeht und zig Optionen offen wären. Dann steigt man dort durch, wo es einem am besten scheint. Zuhause checkt man dann im Nachhinein noch einmal alle Berichte im Web und sieht anhand der Fotos - ah ja, die anderen nahmen offenbar denselben Weg.

Nachstieg am fixierten Seil, dies ist der am Anfang überhängende, breite Riss, der im unteren Abschnitt beschrieben ist.
Vom Stand nach der Cruxlänge ging's +/- gerade nach oben über einen brüchigen Plattenbuckel hinweg auf schuttbedeckte Platten und dann ein Schneefeld und zuletzt etwas morsches Eis. An einer 3m hohen Felsstufe liess sich nach 40m ein akzeptabler Stand an 2 Cams einrichten. In der nächsten Länge wurde diese erklettert, um ein nächstes Band zu erreichen. Darauf sind wir über Geröll und Schnee nach rechts gequert. Nach ca. 25m eröffnet ein breiter Riss den Durchschlupf durch den Felsriegel darob. Wiederum fand sich ein akzeptabler Stand an 2 Cams an dessen Fuss. Dann hiess es zupacken, der ca. 7m hohe Riegel war zu Beginn überhängend. Dank guten Griffen und kantigem Fels trotz dem Rinnsal, welches darüber hinunter lief, gut zu erklettern. Oberhalb flacht das Gelände ab, man erreicht wieder ein Band. Zum Sichern liess sich hier nur 1 eher durchschnittliches Placement für einen Cam identifizieren, suboptimal. Von dieser Stelle leitet einen das Gelände weiter nach rechts. Wir rollten das Seil vorerst auf, obwohl eine kurze, brüchige Engstelle auf dem Band zu passieren war. Es folgte ein weiteres Schneefeld und wieder einmal die Frage wie weiter. Beim Aufstieg nach oben wartete eine weitere Stelle im Fels, abgeschlossen war der Pfeiler von einer steilen, senkrechten Passage. Linkerhand hätten sich 2 etwas weniger steile Rinnen angeboten, aber da lief so viel Wasser... sehr unangenehm. Nach rechts hätte man weiter queren können, allerdings sah das abschüssig-schuttig-brüchige Gelände wenig einladend aus. Zudem fielen dort drüben hin und wieder Steine runter. Somit war der Pfeiler wohl die schwierigste, aber die beste Option, also los.

Der Pfeiler mit der steilen, senkrechten oder gar leicht überhängenden Passage, mitunter der beste Fels in der Route.
Am Fuss des steilsten Abschnitt konnte ich meinen letzten Schlaghaken versenken, sonst gab's kaum Optionen zum Sichern. Doch der Pfeiler wartete mit dem besten Fels der ganzen Route auf, mit ein paar kräftigen Zügen an Henkelschuppen war die Sache rasch erledigt. Schwieriger gestaltete sich dann hingegen die Suche nach einem Standplatz. Schliesslich fand ich einen Batzen Resteis, wo ich eine 13er-Schraube sogar ganz eindrehen konnte. Damit waren wir beim nächsten Wandabschnitt angelangt (10.00 Uhr, 3:50h ab Einstieg, in Zweierseilschaft bestimmt eine Stunde weniger). Erst ein schuttbedeckt-brüchiger, geneigter Abschnitt im Fels, dann lange, um die 50 Grad steile Schneefelder führen hinauf zum Ausstiegscouloir. Dieses ist vorerst überhaupt nicht ersichtlich, es hilft also durchaus, wenn man (z.B. aufgrund von einem guten Wandfoto) eine Vorstellung davon hat, wohin man zielen sollte. Der Zugang zum Couloir wird durch eine ungute, brüchige Felsstufe versperrt. Ein paar heikle Moves hinauf, lottrige Querung nach links in eine Rinne und dort das noch vorhandene Resteis pfleglich behandeln, dies bei gehöriger Exposition, uff! Dann geht's vorerst durch eine Art Kessel nochmals etwas einfacher dahin, bis sich das Couloir verengt.

Impressionen aus dem mittleren Wandteil...

...eine gehörige Rutschbahn, und überall liegen Schutt und Steine herum.

Die ungute Bruchstufe am Eingang zum Ausstiegscouloir. Der Scary-Faktor auf dem Foto ist definitiv zu tief.
Durch das Ausstiegscouloir zum Gipfel

Schon bald wartete eine erste Stufe im Couloir. Der Schnee/Eis-Pfropf an dieser Stelle war sich bereits am Auflösen begriffen. Vorsichtig stiegen wir darüber hinweg, er hielt dem Körpergewicht zum Glück stand. Wenn er fehlt, so wartet mit der Stelle aus der überhängenden Gufel hinaus wohl eine ganz andere Herausforderung. Über Schnee ging's weiter zum nächsten Steilabschnitt. An dessen Fuss steckt nochmals ein BH, Zeit um das Seil wieder auszupacken. Über ein paar Meter im 75-Grad-Eis ging's weiter. Nun ist der Juni logischerweise nicht gerade die Hauptsaison zum Eisklettern, selbst auf 3000m nicht. Doch obwohl die Struktur bereits etwas hohl und morsch war, war's genügend stabil und gut kletterbar. Das Problem bestand eher darin, danach einen Standplatz zu bauen. Die Seitenwände einfach nur aus unendlich brüchigem Klötzlifels. Die beste Option entweder ein T-Anker oder kurz vor Seil aus doch noch die Möglichkeit, ein paar Cams zu versorgen. Damit noch nicht genug, nach einem weitere Schneeabschnitt wartet die finale Steilstufe, auch hier nochmals mit einem (derzeit schwierig zu erreichenden) BH an der rechten Seitenwand. Es wartete eine kurze, nahezu senkrechte Kletterei an einem 'Eis-Wasserfall'. Letzteres würde ich eher als Laienbezeichnung titulieren, hier allerdings absolut zutreffend. Wasser floss in Strömen, doch das Safteis liess sich echt noch gut klettern und so war diese Stufe rasch erledigt. Allerdings, es sei erwähnt, wenn hier das Eis fehlt, so ist diese (im Fels) überhängende Stufe aus der Gufel darunter sicherlich auch ziemlich problematisch. Der Stand oberhalb an einer guten Eisschraube war völlig ok.

Heikler Schnee/Eis-Pfropf im Ausstiegscouloir. Wenn er weg ist, wird's schwierig!
Die letzte, eisige Passage im Couloir. Deutlich angenehmer wie der Wühlschnee!
Ich hatte das Seil wieder fixiert und mich diesem entledigt und machte mich darauf, den letzten Abschnitt zu spuren. Der Schnee wurde je länger je fauler, an gewissen Passagen artete es in eine ziemliche Wühlerei aus. Umso angenehmer war's, weiter oben nochmals auf eine vereiste Passage zu treffen. Dann ging's dem Sattel zwischen W- und E-Gipfel entgegen, zuletzt über loses Geröll hinauf zu Meteostation und Gipfelbuch beim E-Gipfel. Um 12.30 Uhr traf ich dort ein, sprich nach 6:20h in der Wand. Nur zu zweit in der Wand wären davon bestimmt 1.5h eingespart worden, aber für die angetroffene Situation war das sehr gut sich aus der Affäre gezogen. Auf dem Gipfel warf ich als erstes einen Blick in die ENE-Flanke, über welche der Abstieg führt. Dieser hatte mir schon a priori Sorgen gemacht. Er wird schon ab 5.30 Uhr von der Sonne bestrichen, somit war klar, dass der Schnee hier bereits aufgeweicht wäre, egal wie lange wir für den Wanddurchstieg bräuchten. Zudem hatte ich diese Wand rund 10 Jahre zuvor einmal als Skitour begangen und doch als heftig steile Sache im Kopf. Doch gottseidank lag eine gut ausgetretene Spur (d.h. der Gipfel wurde auch von der Hütte via den Normalweg angegangen) und ganz so steil wie ich es in Erinnerung hatte, schien es doch auch nicht zu sein. Somit konnte ich ein wenig mit dem Gefühl "wir haben's geschafft" relaxen und warten, bis alle Leute den Gipfel erreicht hatten. Der Aufstieg war nämlich eine ziemlich nervenaufreibende Sache gewesen. Brüchig, schuttig, heikel, schlecht zu sichern, objektiv nicht ungefährlich, da an manchen Orten nur schon ein fallender Stein oder ein kleiner Schneerutsch verheerend hätte sein können. Auch wenn's mir klettertechnisch nicht schwierig gefallen war, so fühlte ich mich unterwegs doch stets angespannt.

Blick vom Gipfel runter zum Sattel zwischen W- und E-Gipfel, zwei Kletterer sind auf den letzten Aufstiegsmetern.
Abstieg mit Schrecken...

Um etwa 13.15 Uhr begannen wir schliesslich mit dem Abstieg. Der Schnee war zwar tief und aufgeweicht, die Tritte aber immer noch solide, somit ging das problemloser, wie ich befürchtet hatte. Allerdings ging's nicht lange, bis ich wieder einmal eiskalte Griffel hatte, die Handschuhe waren ja schon längst komplett durchnässt. Um weiter agil zu bleiben und sicher absteigen zu können, blieb ich auf einer Felsrippe stehen, um einen wieder einmal vaterländischen Kuhnagel zu behandeln. Der Rest der Truppe ging voraus. Plötzlich wurde ich mir aus dem Augenwinkel oder akustisch bewusst, ganz genau kann ich's nicht sagen, wie deutlich rechts von meiner Position ein Schneerutsch über die Wand abging. Ich war auf sicherem Grund, aber die anderen waren inzwischen in einer Rinne genau unterhalb. Sofort warnte ich, aber es war viel zu spät um zu flüchten. Es dauerte nur noch Sekunden, bis sie von den Schneemassen erfasst wurden. Eine Person wurde mitgerissen und stürzte in der Folge rund 200hm über die Flanke und zwei je rund 20m hohe Felsstufen ab. Ich möchte an dieser Stelle nicht mehr über die folgende, beklemmende Stunde schreiben, ausser dass eine rasche, sehr professionelle Bergung durch die Rega erfolgte, die Person schwer verletzt wurde und sich auf dem Weg der Besserung befindet. Sowie auch, dass ich es als fast unglaubliches Glück empfinde, dass das Schicksal hier nicht grausamer zugeschlagen hat und es eine Perspektive nach vorne gibt.

Two minutes before the shit hits the fan... genau hier ist's passiert.
Gross Windgällen ENE-Flanke, durch die 3 Schneefelder inkl. der 3 Felsriegel verläuft der Abstieg.
Schliesslich war der Helikopterlärm verstummt, eine beinahe schon unheimliche Stille war eingetreten und der Rest der Equipe stand wie begossene Pudel auf dem Stäfelfirn. Eigentlich genau hier hatten wir geplant, mit unseren Gleitschirmen zu starten und den 3-4 stündigen Abstieg ins Tal effizient zu verkürzen. Was nun?!? Die Good Vibes waren definitiv verflogen, unter Ausblendung der Umstände waren die Flugbedingungen aber perfekt. Hört man in diesem Moment auf den Kopf oder auf den Bauch?!? Vielleicht mag es an dieser Stelle erstaunlich scheinen, dass wir uns für einen Start entschieden. Doch ich denke, es ist in den Bergen eine absolut unverzichtbare Eigenschaft, jede Situation neu für sich, aufgrund von Wissen und Erfahrung nach vorne gerichtet rational zu beurteilen und sich im entscheidenden Moment nicht zu fest von den Emotionen leiten zu lassen. Die wirkliche Crux für mich war es sowieso gewesen, die Stelle wo der Absturz Minuten zuvor passiert war, im Abstieg sicher zu passieren. Nein, der Flug wäre nicht nötig gewesen. Aber er war gut und safe, 30 Minuten später setzten wir bei der Talstation der Golzernbahn auf. Die Tour war damit noch lange nicht beendet. Kurzfristig ging's vor allem darum, noch einmal zurück zur Brunnialp zum Einsammeln des dort stehenden Autos zu kommen und sicher nach Hause zu zurückzukehren. Um dort dann ausführlich über das Geschehen am Berg nachzudenken. Auch wenn man vor Ort gewisse Dinge ausblenden können soll, so wäre es töricht, über diese nicht im Nachhinein scharf zu reflektieren, alles an seinem Platz einzuordnen und für die Zukunft die richtigen Schlüsse zu ziehen. Nicht zu vergessen, dass diese Tour und ihre Folgen jemanden unter uns noch lange beschäftigen werden. Auch an dieser Stelle wünsche ich alles Gute zur Genesung.

That moment when you feel the freedom! Start bei perfekten äusseren Bedingungen auf dem Stäfelfirn.

Prima Thermik über der Windgällenhütte. Durfte nicht ganz ungenutzt bleiben...

Weil's so unglaublich cool aussieht, nochmals eins vom Gleitschirmstart. Am Horizont vis-à-vis der Oberalpstock.
Facts

Gross Windgällen - Nordwand TD IV 4b WI3 50-55° - 850hm - Brun/Wagner
Material: 1x50-60m-Seil, Camalots 0.3-1 plus 1-2 kleinere, 4 Eisschrauben, Sortiment Schlaghaken

Imposante, kombinierte Tour, welche über rund 1000m Höhendifferenz zum lieblichen Seewlisee abfällt. Die Kletterei ist technisch nie sonderlich schwierig, aber ernsthaft. Die Route eignet sich nur für kompetente Alpinisten, die mit schwieriger Wegfindung, schlechtem Fels und allen Arten von Eis und Schnee souverän umgehen können. Sicherungen sind oft schwierig anzubringen und längere Abschnitte sind eigentlich (nur schon aus Zeitgründen) nur seilfrei sinnvoll zu begehen. Unbedingt mit sollte ein Set an Cams von Mikro bis zum Camalot 1, für grössere gibt's wenig Placements, die Mitnahme von Keilen ist ein wenig Geschmackssache. Je nach der erwarteten Menge an Eiskletterei 4-6 Schrauben pro Seilschaft. Ebenso würde ich keinesfalls auf ein gut sortiertes Sortiment von Schlaghaken (mind. 5 Stück) verzichten. Eine besondere Schwierigkeit dieser Tour besteht darin, geeignete Bedingungen anzutreffen. Man beachte auch, dass ein Rückzug bald schwierig bis unmöglich ist und dass in der Wand kein Handyempfang vorhanden ist (Stand 2018, Swisscom).

Wissenswertes

Jahreszeit: die gängige Empfehlung lautet, diese Tour im Frühsommer (Mai-Juli) nach kalten Nächten anzugehen. Dies greift jedoch zu kurz. Ist die Ausaperung schon fortgeschritten, so droht nach echt kalten Nächten vereister Fels, was die Schwierigkeiten massiv erhöht. Ebenso ändert sich dadurch die Gefahr durch die vielen, herumliegenden Steine nicht und den lottrigen Fels nicht. Selbstverständlich darf es aber auch nicht zu warm sein, da sonst die Gefahr von durch den Schmelzprozess fallenden Steinen erheblich wird. Meine Recherchen im Nachhinein haben ergeben, dass die Tour (bei einer Handvoll Begehungen pro Jahr) meist um dieselbe Jahreszeit bei insgesamt ähnlichen Bedingungen angegangen wurde. Ich sehe folgende Optionen:

  • Man greift wie am Eiger bei Winterbedingungen an. Idealerweise ist der Schnee fest und in den Steilstufen hat es solides Eis und es liegt nirgendwo loser Pulverschnee herum. Die idealen Zeitfenster wären wohl Nov/Dez und März/April. Allerdings braucht's dann für Zu- und Abstieg Ski und diese müssen durch die Wand mit. Ein Foto von einer solchen Begehung im März 2017 zeigt, wie sogar die Cruxlänge genüsslich als WI3 in solidem, fett gewachsenem Eis geklettert werden konnte.
  • Von einer weiteren Begehung Anfang Mai 2014 wurde mir berichtet. Da war bis auf die Cruxlänge noch die ganze Wand verschneit und es konnte auf einer soliden Schneedecke sicher, zügig und angenehm gestiegen werden. Die Steinschlaggefahr wurde als sehr klein empfunden. Im Zu- und Abstieg waren die Verhältnisse ähnlich wie bei uns.
  • Ich würde explizit davon abraten, die Wand bei bereits fortgeschrittener Ausaperung (wie bei uns) anzugehen. Das objektiven Gefahren scheinen mir zu hoch. Fehlt in den Steilstufen im Ausstiegscouloir das Eis (was bei uns nicht der Fall war), so warten dort weitere, schwierige Stellen.
  • Noch schlechter (schwieriger) dürften die Bedingungen sein, wenn in den Kletterpassagen dünnes Wassereis oder unverfestigter Pulverschnee liegt. 
Blick auf die Cruxlänge nach der Schneesichel bei einer Winterbegehung im März 2017. Statt eine brüchig-nasse 4b wie bei uns wurde hier genüsslich und gut abgesichert im WI3-Eis gepickelt. Bestimmt die bessere und sicherere Option, auch wenn dann die Ski auf dem Rucksack mit durch die Wand müssen. Foto: D. Perret, engelbergmountainguide.ch.
Zugang: entweder von der Seilbahn Silenen-Chilcherbergen oder aus dem Brunnital. Sofern man bereits bis auf die Brunnialp fahren kann (mit Bewilligung für 20 CHF, erhältlich im Rest. Alpina in Unterschächen), so beinhaltet die zweite Option weniger Höhenmeter und erlaubt es, die Tour ohne Übernachtung anzugehen. Allerdings ist's immer noch eine eher weite Wanderung zum Einstieg und die Logistik zum Rückholen des Autos ist auch eher aufwändig. Am Seewlisee kann man gut biwakieren oder evtl. auch beim Älpler Quartier finden.

Abstieg: über den Normalweg in der ENE-Flanke. Das Problem besteht darin, dass man bei einer Begehung der Nordwand ab April kaum eine Chance hat, zu einer solch frühen Zeit auf dem Gipfel zu sein, dass der Abstieg noch in guten Bedingungen ist. Stellenweise sind Sicherungsstangen oder Einzelbolts vorhanden, jedoch nicht durchgehend. Vom Bergschrund sind's dann noch ~2000hm bis ins Tal oder ~1400hm bis zur Golzerenbahn.

Flug: vom Gipfel kann 'nicht' gestartet werden. Wobei, aus der Scharte zwischen W- und E-Gipfel... nicht gänzlich unmöglich, sowohl nach S wie nach N, jedoch nur bei perfekten Bedingungen und für wagemutige, besser mit einem Miniwing. Auf dem Stäfelfirn einfache Startplätze von E über S bis W. Landung im Maderanertal problemlos. Im Reusstal oft sehr starker Talwind. Achtung, die Gegend ist sehr föhnanfällig.

Video

Wer so lange durchgehalten und den ganzen Text gelesen hat und bis an diese Stelle von diesem Blog vorgestossen ist, hat nun das grosse Vergnüngen, sich das exzellenten Video von Pascal zu dieser Tour zu Gemüte zu führen. Viel Spass!


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