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Donnerstag, 22. Januar 2026

Pilatus Nordwand - Kulmchrachen

Zurück vom Sportklettertrip nach Spanien, mit Lust und Zeit die Beine zu vertreten, aber mangels geeignetem Skitouren-Schnee in weiten Teilen der Schweizer Alpen kam es an Silvester 2025 endlich zur Realisierung dieser Steigeisentour durch eine Voralpen-Nordwand, welche ich schon lange Zeit auf dem Radar hatte. Nie jedoch hatte bisher die Kombination von persönlichem Befinden, zeitlicher Verfügbarkeit und Bedingungen gepasst. Schlussendlich gilt aber auch hier wie bei so manch anderer Tour: wie gut, dass ich auf den richtigen Moment gewartet habe!

Durch dieses eindrückliche Gemäuer führt die Route in (relativ) unschwierigem Gelände hoch.

Mit Nutzung der Pilatusbahnen von Kriens nach Fräkmüntegg (aufwärts) respektive vom Gipfel zurück ins Tal (abwärts) lässt sich diese Tour auch mit einem kleineren Zeitbudget und beschränktem konditionellem Investment realisieren. Will man direkt aus dem Flachland starten, so heisst es hingegen ziemlich weit zu wandern. Weil jedoch wie erwähnt nur sehr wenig Schnee lag (bzw. unterhalb von ca. 1300m gar keiner), konnte ich den ersten Teil mit dem Bike zurücklegen. Ich stationierte mein Gefährt nach rund 15km und 1000hm Anfahrt hier auf 1420m oberhalb von Bonere. Noch etwas effizienter wäre es, als Parkplatz den Abzweig vom Nauenweg hier auf 1345m zu wählen.

Steigeisen anziehen bei P.1620, die tollen Tiefblicke auf den Vierwaldstättersee kommen auf dem Foto wegen einiger Nebelschwaden nicht ganz so zur Geltung. Der Kontrast zwischen alpiner Umgebung, dem grünen Vorland und der nahe liegenden Agglomeration Luzern ist auf dieser Tour besonders stark.

Zu dieser Stelle ging es für mich schon zu Fuss, dann den teilweise exponierten und noch grösstenteils aperen Bergweg hinauf. Das war noch gut ohne die Steigeisen zu machen, so dass ich diese erst bei der Wegkreuzung auf 1620m montierte. Schon auf diesem ersten Abschnitt stellte ich aber fest, dass ich auch schon frischere Beine hatte - war es der Nachhall vom Sportklettertrip oder eher die Zufahrt per Bike? Naja, diese Frage konnte ich bald ad acta legen, denn der spannende Teil des Weges begann nun. Vom P.1620 hält man sich nach links (Osten), vernichtet nochmals ca. 30-40m entlang vom Gsässweg, bevor man bei einem Boulder mit einem markanten Riss Richtung Kulmchrachen abzweigt.

Blick aufwärts im unteren Teil des Kulmchrachens.

Querend geht's in die Rinne hinein und dann in dieser aufwärts. Die Bedingungen waren wirklich perfekt bzw. sehr einfach: es lag harter Styroporschnee und es gab bereits eine ausgetretene Spur mit markanten Tritten. So fühlte es sich trotz >45 Grad Neigung wie das Hochsteigen einer Treppe an. Dank den deutlichen Spuren gab's auch keine Orientierungsprobleme. Sowieso gibt es von diesen nur beschränkt, doch den Abzweiger nach rechts hinaus darf man nicht verpassen (insofern man nicht die deutlich schwierigere Direktvariante machen möchte). Bei der Querung aus der Rinne hinaus lag über ca. 20m Strecke nur relativ wenig Schnee und ein paar Moves in eher plattigem Fels waren nötig - da man nach rechts hinausquert, sofort bei einer Exposition, die keine Fehler mehr erlaubt. Man steigt dann bis zur Felswand hoch und quert über ein schmales Band luftig dieser entlang nach rechts zur Gamelle mit dem Wandbuch.

Links im Bild die Querung auf dem schmalen Band hinaus zum Wandbuch.

Über ein flacheres Feld steigt man dann gerade hinan, bevor die Originalroute wieder nach links hält und in den Kulmchrachen zurück quert. Dies mit einer weiteren, sehr originellen Passage. Auch hier war es wieder ein schmales Band am Fusse von überdachten Felsen - sich zu ducken reichte aber aus, kriechen war nicht nötig. Nach ca. 30m ist man wieder im Kulmchrachen drin und steigt dessen Schneerinne hinauf bis in den Sattel, weit ist es nicht mehr. Da oben kann man tief Luft holen und die Aussicht geniessen, denn je nach Verhältnissen ist der letzte Abschnitt durch die Esel Ostwand nochmals fordernd. Mir jedenfalls kam es so vor: dieser mit T5 oder T5+ bewertete Abschnitt war mixed, d.h. wies nur wenig Schnee auf, war aber trotzdem mit Winterausrüstung zu bewältigen. An sich schon nicht so schwierig, aber doch auch sehr luftig. Eine Nische mit einem weiteren Routenbuch erlaubt nochmals das Durchschnaufen vor der finalen, steilen und erneut exponierten Passage.

In der unteren Bildhälfte das Kriechband bei den überdachten Felsen, welches vom rechten Schneefeld wieder zurück in den Kulmchrachen führt. Mehr oder weniger dem Profil des Felsens im Vordergrund entlang führt dann der Weiterweg bis in den Sattel vor der Eselwand.

Dann war ich auf dem grossen und verbauten Plateau vom Esel angekommen - bei absolut grandioser Rundsicht konnte ich das Panorama alleine geniessen. Zumindest physisch, denn akustisch war der Touristenrummel vom 70hm tiefer gelegenen Pilatus Kulm natürlich bestens wahrnehmbar. Nach einer fantastischen Gipfelrast kommt man dann auf dem Abstieg nicht darum herum, sich kurzzeitig in diesen zu schicken. Es gilt, die Terrasse von Pilatus Kulm zu erreichen (Abschrankung öffnen oder überklettern nötig), dann muss man sogar kurz indoor gehen (?) um den Stollen zu erreichen, welcher unter dem Oberhaupt hindurch auf die NW-Seite führt. An dessen Ende gilt es nochmals, die Abschrankung für die Touristen zu übersteigen, bevor man zurück in der Wildnis ist.

Wunderbares Gipfelpanorama vom Esel mit toller Sicht in die Berner Alpen.

Wobei diese hier nur relativ gilt. Der folgende Abstieg in den Klimsensattel ist unschwierig und bringt einen zur hübsch gelegenen Kapelle. Die 40hm Extraaufwand zur Besteigung des Klimsenhorns nahm ich gerne noch auf mich. Dann trat ich den westseitigen Abstieg an, welcher den schnellsten Weg zurück zum Bike versprach. Zum Schluss fuhren dann nochmals 90hm Gegenanstieg in die Beine, bevor ich es zu Tale rollen lassen konnte. Lieber nicht zu schnell, denn einerseits war es natürlich geschliffen kalt, andererseits erhieschen ein paar vereiste Stellen auf der Strasse die nötige Voraussicht. Es ging aber alles (zum Glück im übertragenen Sinne) glatt, so setzte ich mich auf das vorgewärmte Polster, schlürfte einen Kaffee und fuhr zufrieden der Silvesterfeier entgegen. Ein klein wenig erinnerte mich diese Tour an meinen Silvester-Raid durch die Bös Fulen Nordwand aus dem Jahr 2016, wobei ich mich bei jenem Unternehmen deutlich weiter von der Zivilisation entfernt hatte, wie das hier am Pilatus der Fall war.

Mein letzter Gipfel im 2025, das Klimsenhorn mit seiner Kapelle. Unten am Bildrand sind auch noch zwei junge Romands sichtbar, welche eigentlich den Pilatus besteigen wollten und sich mit ihren Turnschuhen bis hierher vorgekämpft hatten. Schon erschöpft trauten sie sich das Erreichen des Tops vor der letzten Bahn nicht mehr zu und fragten mich nach dem besten/einfachsten Abstieg, denn ihren Aufstiegsweg trauten sie sich runter nicht mehr zu. Ich hoffe, sie haben es wohlbehalten zurück ins Tal geschafft...

Facts

Pilatus Kulmchrachen via Sattel Eselwand (WS+)
800hm ab Fräkmüntegg, bzw. total ~2000hm ab Kriens

Material: Steigeisen, mind. 1 oder evtl. 2 Pickel, Seilsicherung nur am Körper möglich

Hinweise: während die Route bei guten Bedingungen relativ einfach ist, so drohen hier doch alle alpinen Gefahren: Lawinen, Steinschlag und Absturzgefahr. Da im Frühling nur mit sehr frühem Start nach klaren, kalten Nächten gefahrlos begehbar, scheinen mir schneearme Frühwintertage mit solider Schneedecke am besten geeignet. Vorsicht vor Lawinen, schon ein kleiner Schneerutsch kann einen hier ins Verderben reissen.

Tipp: relativ teure Parkplätze bei der Pilatusbahn oder den Sportanlagen von Kriens, alternativer Gratisparkplatz bei P.661 Vorder Buholz, womit man sich im Vergleich zu einem Start in Kriens Zentrum auch noch 200hm spart, dafür aber nicht ganz unten im Flachland startet.

Link: gute Infos mit Topo bei den Mountain Guides von Engelberg

Topo zu den verschiedenen Kulmchrachen-Möglichkeiten von Marko Cupic, vielen Dank!

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