Wie im vorangehenden Beitrag erwähnt, war nun der Zeitpunkt gekommen, um die Felsen von Chulilla zu besuchen. Aus dramaturgischen Gründen geht's hier allerdings nicht mit dem Folgetag weiter, sondern wir springen gleich zu Tag 4. Da war das uneingeschränkt sonnige Wetter bereits wieder Geschichte, es hatte auf bewölkt aber mild gewechselt. Darüber wurde aber nicht lamentiert, sondern wir nahmen es als Anlass, die populärste Wand im Gebiet zu besuchen, welche um diese Jahreszeit sowieso keinen einzigen Sonnenstrahl abbekommt. In den nach Norden ausgerichteten Paredes del Pantano warten mehrere Sektoren mit rund 230 Ausdauerklettereien in oft versintertem Gelände, eine fabelhafte Mauer!
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| Ein Paradies, das Felsband der Paredes del Pantano, mit vielen Hundert Metern bestem Gestein. |
Tag 4: Chulilla, Oasis & Algarrobo
Noch ohne die perfekte Orientierung fuhren wir an diesem Tag (es war gerade Weihnachten) durch Chulilla hindurch, stationierten östlich der Pantano-Schlucht und wählten den sehenswerten, aber längeren Zustieg, welcher insgesamt drei Brücken beinhaltet. Während der erste Teil gut ausgebaut ist und zügig bewältigt werden kann, beinhaltet der Schluss unter der eigentlichen Pantano-Wand einen dschungligen Ho-Chi-Minh-Pfad mit einigem Auf und Ab. Nach rund 40 Minuten waren wir da und versuchten uns eine Übersicht zu verschaffen. Wie gehabt ist das auch hier nicht ganz einfach. Angeschrieben ist nichts und die aus der Distanz aufgenommenen Fototopos helfen für die sichere Identifikation der überhängenden, dicht beeinander liegenden Routen vom Wandfuss aus nur bedingt. Schlussendlich waren wir aber sicher, wo wir sind und legten los.
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| Hängebrücke im Zustieg durch die Schluchten. |
Richi (6b+, os): immer zuerst alle verfügbaren Online-Quellen zu checken vor dem Einstieg ist mir normalerweise viel zu mühsam. Hier hätte es sich unter Umständen gelohnt. Der Boulderstart ist "huere müesam", super slippery und richtig taff für 6b+. Der Rest ist dann zwar schöner bietet aber zwei weitere, für den Grad recht schwierige Stellen. Für denselben Aufwand kriegt man nebenan auch eine 7a, meinen wir.
Top of the Rock (7a, os): wir wechselten ca. 30m hinüber nach links in den Sektor Algarrobo, wobei die Abgrenzungen mir da an dieser durchgehenden Wand ziemlich willkürlich erschienen. Wie schon gehabt gibt's auch hier einen etwas öttelig-kleingriffigen Startboulder, weiter oben fordert eine zwingende Passage an kleinen Sintern mit zähem Untergriffzug, bevor ein Wulst Power und Entschlossenheit verlangt, um den Plaisir-Abschluss geniessen zu können.
Las Caquitas de Nazarten (7b, os): den Einstiegsboulder gibt's auch hier, wobei man sich bei einer 7b nicht mehr darüber beschweren darf und er auch vergleichsweise zahm daherkommt. Die Route baut sich anschliessend im überhängenden Ausdauergelände richtig schön auf und kulminiert mit kräftigen Moves am Abschlussdächli - puh, eher nur knapp bin ich da ungerupft ins Tropflochgelände oberhalb entkommen, aber geschafft ist geschafft!
El Oasis (7a, os): es war ja Weihnachten und so schenkte ich einen meiner Go's, damit Larina ihr Projekt Rin Ran (7c+) noch punkten konnte. Somit war die Absicht, hier bei zunehmender Dämmerung noch einen raschen Punkt zu holen. Das gelang wie gewünscht: zuerst der übliche Einstiegsboulder, wobei ein Clipstick fast unverzichtbar scheint. Der erste BH steckt hoch und man startet hier von einem schmalen Band 4m über Grund, sprich da dürfte man ohne Pre-Klipp nicht failen. Im Anschluss dann homogene, flowige Wandkletterei. Mir kam's insgesamt eher einfacher wie unsere Auftaktroute Richi (6b+) gleich nebenan vor, aber vielleicht hatte ich mich einfach an den Style gewohnt.
Nun hiess es, endgültig die Segel zu streichen. Im Schein der Stirnlampen wackelten wir den Dschungelpfad zurück. Dass ein kurzer Regenschauer alle Steine nass und glitschig gemacht hatte, erhöhte die Geschwindigkeit auch nicht gerade. Spielt aber alles keine Rolle, mit Freude im Herzen über die gelungenen Routen fuhren wir retour in unser Domizil und genossen den Weihnachtsabend im kleinen Kreis. Dass wir nochmals an die Paredes del Pantano zurückkämen, wussten wir da noch nicht mit Sicherheit, aber...
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| Larina in der Rin Ran (7c+), 35m Ausdauer-Wandkletterei vom Feinsten. |
Tag 6: Chulilla, Balconcito, Oasis & Chorreras
Eigentlich sollte es an diesem Tag mehrheitlich trocken bleiben, doch mit der Zuverlässigkeit der Prognosen hatten wir inzwischen unsere Erfahrungen gemacht und "mehrheitlich" heisst ja auch, dass man zwischendurch mit Regen zu rechnen hat. "Play it safe" war unser Motto, besuchen wir nochmals die überhängenden Paredes del Pantano, wo uns allfällige Schauer nichts anhaben können. Dieses Mal hatte ich das nötige Zugangs-Engineering betrieben und dabei auf den westlichen Parkplatz bei Pantano de Loriguilla gesetzt. Der verspricht nämlich nicht nur einen kürzeren Zustieg, sondern ist von Valencia her auch schneller zu erreichen (etwas kontraintuitiv, da in Luftlinie weiter weg gelegen).
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| Blick auf den Sektor Chorreras - oh so good! |
Larina wollte eine schwierige Route projektieren (8a und aufwärts), was für mich persönlich in meinem von vielen Onsight-Battles schon etwas angebrutzelten Zustand nicht das favorisierte Programm war: lieber möglichst viele Onsights realisieren. Doch es ergab sich eine sehr interessante Gelegenheit. Ich wurde von einem Einzelgänger auf der Suche nach Kletterpartner angesprochen. Es dauerte einige Sekunden, bis mein Hirn prozessieren konnte, wer da vor mir stand. Ein Vater/Coach einer finnischen Konkurrentin von Larina, den wir schon im Sommer an der WM in Helsinki getroffen hatten, im Oktober dann in den Ewigen Jagdgründen im Zillertal und nun also in Chulilla. Er hatte sein Material bereits in einem 40m langen 8a+ Ausdauerhammer montiert und so war es nur naheliegend, dass Larina mit ihm klettern würde (die ersten beiden Aufwärmrouten bestritten wir noch gemeinsam). Die Tochter sozusagen verkauft, somit nur zu zweit statt wie üblich zu dritt gab es an diesem Tag unüblich viele Punkte...
Gargola L1 (6b, os) & L2 (7a+, os): der untere Teil bietet interessante Kletterei einer Verschneidung entlang und eignet sich tatsächlich gut zum Aufwärmen (die schwierigste Stelle kommt allerdings gleich ziemlich am Anfang). Nach der Kette auf 20m gehen die nächsten 4 BH noch gut über die Bühne, dann allerdings folgt eine heftige Crux: hohen, mässig guten Untergriff nehmen und ohne gescheite Füsse daran anlaufen und sich später an ein paar Leisten nicht mehr abschütteln lassen. Es war wohl mehr mein Wille, hier auf keinen Fall scheitern zu wollen, der mich diese Stelle bewältigen hat lassen. Zero Margin und statt Aufwärmen eher Anzeichen von Überhitzung...
Daños Collaterales (7b+, os): bis Frau und Tochter die Gargola ebenfalls geklettert hatten, war ich wieder auf optimaler Betriebstemperatur. Das ist insofern auch nötig, dass hier gleich ein heimtückischer, etwas schlipfrig-polierter Start wartet. Die folgende Tufa-Sequenz ging gut, aber der sloprige Ausstieg mit ein paar feuchten Stellen war hingegen ein Eiertanz. Die letzten 15m bieten dann Ausdauerkletterei an kleinen Tufa-Features und Leisten - lange gut kontrollier- und schüttelbar, gegen das Ende hin heisst es dann aber auf's Gas drücken. Doch der "Flucht nach vorne"-Schalter funktionierte, als er gebraucht wurde.
Cap i Cua L1 (7a+, os): spezielle Sache an teilweise absolut struktur- und reibungslosem Flowstone, welcher dann punktuell doch mit ein paar stachligen Broccoli bestückt ist - das muss wohl das Vorbild für die modernen Dual-Tex-Hallengriffe gewesen sein. Cool, so etwas auch in der Natur zu finden, mir hat's gefallen. Ich fand die Route noch recht leichtverdaulich, beim nicht so eng gebolteten Finish hilft's aber ziemlich sicher, a) über dem Grad zu stehen und b) etwas Körpergrösse mitzubringen.
La Paz del Borrego (7b, os): im Sektor Chorreras mit den grossen Sintern musste unbedingt noch eine Route geklettert sein. Diese hier wurde mir empfohlen und ich kann das nur mit Nachdruck bestätigen. Gute 40m pfeift die Linie zwischen riesigen Sinterorgeln in die Höhe, einfach geil! Die Kletterei ist über weite Strecken recht gutgriffig und v.a. nicht anhaltend schwierig. Mehrere Boulder erfordern aber Einfallsreichtum und diverse kreative Techniken (Jamming, Kneebar, Reinstemmen, Spreizen, ...). Oben eher weite Abstände, spürbarer Seilzug und die Sicherungspartnerin befindet sich gefühlt auf einem anderen Planeten, daher durchaus alpines MSL-Feeling. Speziell war auch noch, dass diese Route bereits mit Exen ausgerüstet war. Nehm ich noch 2 Exen mit oder doch lieber 4? Schliesslich 4 Stück an den Gurt gehängt und weiter oben festgestellt, dass jede einzelne davon noch gebraucht würde (die letzten 3 BH und der Stand waren nicht ausgerüstet, dies war vom schmalen Band am Einstieg so nicht ersichtlich).
Miguel Gomez (7a+, os): zum Tagesabschluss wurden wir hier noch eingeladen, bzw. gebeten, die bereits ausgerüstete Route doch bitte abzubauen. Nichts lieber als das, war mein Motto :-) Geboten kriegt man doch ganz andere Kletterei wie sonst im Sektor: positive Leisten statt Sinter, aber echt cool.
Mit diesem Onsight-Flow hätte es gerne noch länger weitergehen dürfen. Doch leider war das Tageslicht schon wieder zu Ende und wir mussten zum Rückzug blasen. Beim Power-Duo von Larina und ihrem finnischen Kletterpartner hatte sich leider kein Rotpunkt-Erfolg eingestellt, in ihrer Route war es offenbar mit dem zeitweiligen Regen und der feuchten Luft ziemlich schmierig, was für mich kein Problem dargestellt hatte.
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| Dieses Mal kamen wir von der anderen Seite in den Canyon und kletterten somit an den Wänden rechts. |
Topo
Wir hatten den Chulilla Climbing Guide (Pedro Pons, 2022) ausleihen können, käuflich ist er glaube ich ausser im PizBuBe nicht mehr so einfach zu erwerben (vergriffen). Alternativ stehen auch diverse überregionale Auswahlführer zur Verfügung. Die hier im Beitrag beschriebenen und von uns bekletterten Sektoren sind auch auf The Crag gut und vollständig beschrieben.
Saison & Charakter
Die in diesem Beitrag beschriebenen Wände sind nach NNW orientiert und im Winter ganztags im Schatten, im Sommer bis am späteren Nachmittag. Am meisten geloggt werden die Routen trotzdem im Hochwinter. Sobald das Thermometer einen Wert von 5-10 Grad überschreitet, wird hier heftig geriegelt. Die Konzentration von Routen im Bereich von 7a-8b ist enorm hoch, darunter wird man nur vereinzelt glücklich. Es handelt sich vorwiegend um überhängende, ausdauernde Wandkletterei mit Tufa Features, die jedoch doch nicht allzu steil bzw. athletisch-powerig ist. Sofern es nicht zu stark regnet, bleiben die meisten Routen gut kletterbar.
Parkplatz & Zustieg
Siehe oben im Beitrag. Wenn ich in Chulilla residiert hätte, so wäre ich sicherlich vom Ort aus gelaufen und nicht zu einem der beiden Parkplätze gefahren, da die Fahrerei zeitlich kaum mehr einen Vorteil bringt.





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