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Dienstag, 8. März 2016

Breitwangflue - Dreh den Swag auf (M8+)

Der extrem milde und eisarme Winter 15/16 hatte bisher nicht viele Gelegenheiten geboten, um die Eisgeräte bestimmungsgerecht einzusetzen. Dafür hatten wir ausgiebig dem Einhaken ebendieser Geräte ins Felsritzen, Löcher und sonstiger Vertiefungen gefrönt. Sprich, das Drytooling war bei dem häufig vorherrschenden nassmilden Sauwetter nicht zu kurz gekommen. Für die einen von uns mit grossem, für die anderen mit eher bescheidenem Erfolg. Immerhin, für zwei Touren im Grad M9 hatte es auch für mich gereicht. Nun war der Tag gekommen, um diese Fertigkeiten auch in einer längeren Route einzusetzen. Obwohl in Kandersteg zu dieser Zeit keine einzige reine Eisroute begehbar war, wurden wir uns gewahr, dass die Dreh den Swag auf an der Breitwangflue machbar sei. Die schwersten Stellen bieten dort sowieso immer Drytooling und an den einfacheren Stellen war ausreichend Eis präsent.

Der linke Teil der Breitwangflue mit der von uns gekletterten Linie. Ebenfalls sichtbar: Flying Circus, Mach 3, Panic Room.
Rechter Wandteil im Februar 2016 mit u.a. Tsunamix, Elementarteilchen, Beta- und Alphasäule sowie Crack Baby.
Zuerst galt es, die Frage nach den Zustiegsmodalitäten zu klären. Fürs Crack Baby waren wir damals aufgrund der guten Spur zu Fuss mit Bergschuhen und ohne Hilfsmittel aufgestiegen. Zur Alphasäule, wo noch keine Spur lag, gingen wir mit den Schneeschuhen. Nun sollten die Tourenski zum Einsatz kommen: einerseits ist die Swag-Route ganz links hinten an der Breitwangflue gelegen, andererseits lag bester, tiefer und noch komplett unverspurter Pulverschnee. Im Nachhinein betrachtet war das Verwenden der Ski die absolut richtige Entscheidung. Zwar lag bis auf 1250m nur ein Hauch Weiss, so dass wir die Bretter im ersten Viertel des Aufstiegs zu buckeln hatten. Oberhalb nahm die Schneemenge aber rasch zu, so dass sich der Aufstieg bequem, effizient und kraftsparend erledigen liess. Mit Schneeschuhen oder gar zu Fuss wär's hingegen am Schluss ein echter Murks gewesen. In der Abfahrt waren die oberen 500hm dann ob der famosen Schneequalität trotz dem Rucksack ein richtiger Genuss, danach liess es sich noch 250hm gut fahren, bevor wir wieder per Pedes abstiegen.

Falls man mit den Ski zusteigt, so stellt sich natürlich die Frage, mit welchem Schuhwerk denn geklettert werden soll. Wenn man welche hat, so stellen Toolyboots bestimmt die beste Lösung dar. Mir scheint zwar, dass diese, bzw. deren Einsatz im alpinen Gelände nicht unumstritten sind - aber sie sind leicht, sowohl zum Tragen wie zum Mitnehmen, und nachdem ich inzwischen auch einmal solche ausprobieren konnte muss ich sagen, dass auch die Präzision und Direktheit absolut überzeugt. Sicherlich eine sehr interessante Anschaffung, für alle die ernsthaft im Drytool- und Mixed-Bereich unterwegs sind. Tja, diesen Zeilen zum Trotz zeigen die Fotos, dass ich selber (mangels eigener Toolyboots) die Route sogar mit den Skischuhen geklettert bin. Wobei mein Modell nicht schwerer wie meine Bergschuhe ist und mit der steiferen Sohle und der besseren Kälteisolation punktet. Nur der etwas höhere Schaft ist natürlich bisweilen hinderlich, bei der Kletterei eingeschränkt fühlte ich mich durch diese Wahl jedoch nicht entscheidend.

Steigeisen: Petzl. Schuhe: Scarpa. Hose: Mammut. Socken: Rohner. Unterwäsche: Odlo - so haben fast alle etwas davon ;-)
Unser Tourentag startete wie üblich wenn's nach Kandersteg geht mit frühem Aufstehen, um 3.00 Uhr schrillte der Wecker. Einige Minuten nach 6.00 Uhr starteten wir noch im Schein der Stirnlampen mit gebuckelten Ski, um schliesslich nach rund 2:00 Stunden Zustieg am Ort der Begierde einzutreffen. Hier oben war alles jungfräulich, keine Spuren von anderen Begehungen waren erkennbar. Wir rüsteten uns zum Klettern und während der Vorsteiger in L1 engagiert war, traf prompt noch eine zweite Seilschaft ein. Diese hatte dasselbe Ziel wie wir auf dem Radar, eine ungünstige Situation. Nach dem Studium der Alternativen (sämtliche anderen Routen schienen entweder gar nicht oder höchstens unter deutlich erschwerten Bedingungen begehbar) blieb ihnen nichts anderes übrig, als wieder von dannen zu ziehen. Ein Hinterhersteigen ist hier wie immer eine schlechte Idee, vor allem auch weil alles was in L4 und L5 abgeräumt wird, unweigerlich auf L3 hinunter fällt.

L1, 30m, M8+: Eine reine Drytooling-Länge, komplett ohne Eis. Der erste Teil ist senkrecht und bietet interessante, noch nicht ganz so schwere (ca. M7) Kletterei an Topfels mit kleinen Wasserlöchlein. In diesem Abschnitt muss man doch zünftig über die Haken steigen und darf ob der eher klein-wackligen Hooks nicht zweifeln. Der zweite Teil der Länge hängt dann deutlich über. Einige positive Hooks säumen den Weg, die Kletterei ist bei nun enger gehaltener Absicherung aber athletisch und auch nicht so einfach zu lesen. Die Climax folgt, wenn man es vermeintlich schon geschafft hat, mit dem Ausstieg ins flachere Gelände zum Standplatz.

Dieser gewaltige Überhang (man beachte die hängenden Zapfen!) wird in L1 (M8+) in reinem Drytooling überwunden.
Der erste, noch nicht ganz so steile Teil (ca. M7) bietet feine Kletterei an tollen Wasserlöchlein.
Der Ausstieg zum Stand nach L1 erfordert dann nochmals gefühlvolles Klettern an eher feinen Hooks in glattem Fels.
L2, 30m, M6+: Vom Stand weg nach rechts über eine plattige Zone hinweg, die Passage erinnert (ausser dass man auf die falsche Seite quert und das Fixseil fehlt) etwas an den Hinterstoisser-Quergang. Je nach Verhältnissen kann dieser Abschnitt wohl zwischen Spaziergang und unmöglich variieren. Bei uns gab es eine dünne Semifreddo-Auflage (d.h. Schnee/Eis-Gemisch). Absichern war auf den ersten 10m unmöglich, doch wenn man ganz vorsichtig zu Werke ging, dann hielt die Glasur. Eine weitere Seilschaft, welche die Route ein paar Tage nach uns bei wärmeren Temperaturen angriff, musste hier jedoch die Segel streichen, nachdem Geräte und Eisen an dieser Stelle überhaupt keinen Halt fanden. Die eigentliche Crux folgt dann erst danach, man quert im Tooly-Gelände überhängend um eine Kante herum ins Eis. Uns dünkte es recht schwer für den Grad, vermutlich ist's aber kommoder zu haben, wenn es rechts mehr Eis gibt. In diesem (ca. WI4) noch ca. 20m zu Stand.

Die zweite Seillänge (M6+) mit dem heiklen Beginn im Ausblick (der Akteur ist in der Crux engagiert).
So sieht's im Rückblick aus, wenn das Eis einmal erreicht ist. Die heikle Glasur wird ohne Zwischensicherung geklettert.
L3, 55m, WI4: Reine Eislänge, auf welcher wir ein bisschen wider Erwarten sehr gute Bedingungen antrafen. Der schwerste Abschnitt (ein paar Meter senkrecht) gleich nach dem Stand, danach geht's etwas einfacher dahin. Wo gewünscht liessen sich gute Schrauben drehen, obenraus im Tropfbereich gab's dann sogar perfektes Softeis wie man sich das immer wünscht.

Dieses Foto zeigt die letzten Meter der Eislänge von L3 sowie den Weiterweg in der zweiten Cruxlänge. Es geht in L4 erst über die Eisglasur am linken Bildrand hoch, dann in einer Links/Rechtsschleife am Überhang an den Eisvorhang oberhalb, und schliesslich durch einen engen Spalt hinter den Säulen durch.
L4, 35m, M8+: Vom Standband über eine Eisglasur zu einem überhängenden Wulst, der in einer Links-Rechts-Schleife rein im Fels überwunden wird. Das Gestein ist hier nicht ganz so gut und die Kletterei weniger elegant als in L1, sondern von leicht murksigem Zuschnitt. Dafür ist die Absicherung mit BH hier löblich gut ausgefallen. Sofern nötig, käme man hier wohl auch A0 drüber - für meinen Vorsteiger aber nicht nötig, der liess hier seinen Komplett-Onsight der ganzen Route nicht anbrennen, saggstarch :-) Nach der Felspassage wechselt man dann ins Eis. Bei uns waren die Verhältnisse ideal, vom letzten BH konnte man ins moderat schwere Eis wechseln - hat es zu wenig davon, könnte diese Passage natürlich herausfordernd werden. Nach einigen Metern im Eis war für uns schliesslich der Durchschlupf durch einen schmalen Spalt hinter der grossen Säule durch möglich - aussenrum ginge es bestimmt auch, was jedoch natürlich schwerer, exponierter und weniger spannend wäre.

Diese Foto gibt vielleicht den Eindruck, dass auch L4 (M8+) im Felsteil massiv überhängend ist.
Vom Stand hat man den perfekten Einblick in die Cruxlänge (M9) von Mach 3. Ein gewaltiger Zapfen muss hier abgebrochen sein und ist bestimmt mit Überschallgeschwindigkeit ins Tal gedonnert. Da ist es von deutlichem Vorteil, zu diesem Zeitpunkt nicht in der Nähe zu sein.
L5, 30m WI4: Sehr, sehr schöne, reine Eiskletterei mit homogenen, aber nicht allzu grossen Schwierigkeiten und nebenbei zum Zeitpunkt unserer Begehung auch perfekten Bedingungen. So geht's dahin, bis die Route etwas abrupt in einer Nische endet, wo das Nass aus einer moosigen Grotte quillt.

Ausblick auf die stimmungsvolle und sehr schöne, reine Eiskletterei von L5 (WI4).
Hier endet die Route abrupt, das Eis bildende Nass quillt aus der moosigen Grotte, oberhalb ist alles trocken.
Um 14:15 Uhr hatten wir es geschafft und die tolle, sehr genussreiche Kletterei bewältigt. Wir hielten uns nicht lange auf, sondern machten uns umgehend ans Abseilen. Dieses ist hier keineswegs auf die leichte Schulter zu nehmen. Gerade beim ersten Abseiler galt es, das Seil geschickt so zu legen, dass man exakt zwischen den riesigen, hängenden Zapfen in die Tiefe gleiten konnte, ohne diese zu belasten. Insgesamt eine extrem bedrohliche Kulisse, mit der richtigen Linienwahl sind die objektiven Gefahren aber sicher vertretbar, da man sich dann auch nicht exakt in Falllinie der Zapfen aufhält. Ein nächstes Manöver führte uns zu einem BH-Stand der Route Tränen der Eisprinzessin, von welchem wir mit einem gestreckten 60m-Abseiler den Boden erreichten.

Alles Gute kommt von oben und das Schlechte bleibt hoffentlich dort. Zirkeln zwischen den Zapfen beim Abseilen.
Ambiente vom Typ "wow" beim Abseilen, hier am Stand von Tränen der Eisprinzessin.
Es blieb noch Zeit und Motivation für weitere Taten. So wurde mit einem Versuch in Flying Circus (M10) geliebäugelt, wir stiegen sogar L1 (WI1) hinauf und richteten uns am Stand im hintersten Punkt der Grotte ein. In der Route hingen zwar einige Zapfen, es war jedoch deutlich weniger Eis wie in anderen Jahren und die Vorhänge und Zapfen machten einen extrem fragilen Eindruck. Man hätte sich wohl auf noch schwerere Kletterei und noch heiklere Absicherung wie sonst gefasst machen müssen, weshalb ein Weitersteigen schliesslich verworfen wurde. Weil wir selbst danach noch Mumm hatten, kletterten wir noch L1 (M7) von Mach 3, welche sich unmittelbar bei unserem Depot befand. Eine relativ kurze, aber interessante Länge mit einem giftigen Dächli, das man an einem Riss bei Trittarmut toolend überwindet, um sich nachher an einer dünnen Eisglasur zu etablieren. Es steckt in dieser Länge nur gerade 1 NH, für den Vorsteiger eine psychisch ziemlich fordernde Geschichte.

Die Monthy Python Cave mit u.a. Flying Circus, welche aus dem tiefsten Punkt der Grotte emporführt.
In  L1 (WI1) von Flying Circus, welche eine schöne Genusskletterei plus Traverse über das Bruchband bietet.
Das Weitersteigen über Mach 3 schien hingegen eine weniger gute Idee. Die zweite Länge führt mittels Drytooling (M8+) ins Eis. Dieses war jedoch extrem mager gewachsen, so dass beim Übergang von Fels zu Eis ein längerer Runout zu kalkulieren gewesen wäre, zudem sah das Eis auch nach einer abgelösten, fragilen und potenziell gefährlichen Glasur aus. So seilten wir uns neuerdings ab und packten unsere Kletterausrüstung zusammen. Im seidenfeinen Pulver ging's hinunter zur Alp Giesenen und über die offenen Hänge darunter noch 150hm sehr genussreich weiter. Danach leisteten die Beinmuskeln noch etwas Bremsarbeit, bis wenig später der Ausgangspunkt wieder erreicht war. Wir fuhren los, um wenig später in der Drytooling-Area von Mitholz neuerlich einen Stopp einzulegen. Seil und Gurt blieben da zwar im Auto, doch ein paar Boulder am Wandfuss mussten dennoch sein. Hier könnte man sich bei einem Scheitern in einem der Kandersteger Projekte trotzdem noch einen interessanten Tag gestalten. Zu unserem Glück war dies für uns an diesem Tag aber nicht nötig gewesen. Hochzufrieden mit unseren Erlebnissen setzten wir uns wieder aufs Polster und traten den langen Heimweg an.

Fast ein bisschen grimmig-alpines Ambiente in der kurzen, aber giftigen L1 von Mach 3 (M7).

Facts

Breitwangflue - Dreh den Swag auf M8+ (M7 obl.) - 5 SL, 220m - Stofer/Seuren/Diener 2013 - ****
Material: 2x60m-Seile, 12 Express, 10 Eisschrauben, Keile/Friends nicht nötig

Sehr schöne Route im linken Teil der Breitwangflue, welche zwei schwere, längere, gut mit BH abgesicherte Drytooling-Passagen bietet. Metermässig spielen sich ca. 2/3 bis 3/4 im reinen Eis ab, welches schöne Kletterei bei nur relativ moderaten Schwierigkeiten bietet. Die Felspassagen sind bis auf die Startmeter gut bis sehr gut mit BH abgesichert, zusätzliches Felsmaterial ist nicht notwendig. Allerdings ist der Zustand des Hakenmaterials eher bescheiden, die Korrosion hat schon stark genagt. Man beachte bei der Bestückung mit Eisschrauben, dass die beiden Stände nach L2 und L4 im Eis einzurichten sind und danach jeweils eine komplette Seillänge im Eis folgt. Zu beachten ist im gesamten Einstiegsbereich und in den Startlängen die enorme objektive Gefahr durch die riesigen Zapfen oberhalb. Deshalb ist bei Tauwetter, abrupten Temperaturwechseln oder stark fliessendem Wasser höchste Vorsicht angebracht.

Beim Abseilen über L1 der Swag-Route. Der korrodierte Haken im Vordergrund am linken Bildrand ist leider ziemlich repräsentativ.
Topo

Dani hat nach unserer Begehung ein perfektes Topo der Route angefertigt. Es lässt sich auch als PDF-File herunterladen.


Sonntag, 1. März 2015

Breitwangflue - Alphasäule (WI6+)

Die Breitwangflue ist für das Schweizer Eis- und Mixedklettern das, was die Wendenstöcke fürs alpine Sportklettern sind. Nämlich der Ort, wo die Routen mit Anspruch, Nimbus und Qualität behaftet sind. Rund ein Jahr nach meinem ersten Besuch für den grossen Eisfall-Klassiker Crack Baby sollte es nun zum Ende der Eissaison zu einer Reprise kommen. Geklettert wurde schliesslich die Alphasäule, gekommen ist das wie folgt.

Nach unseren jüngsten Erfolgen beim Eis- und Mixedklettern diskutierten wir unsere Pläne mit viel Selbstvertrauen und hatten in erster Linie eine der anspruchsvollen Touren im linken Wandteil im Visier. Doch schliesslich entwickelten sich die Dinge etwas anders: nach einer anstrengenden Woche mit viel Arbeit und Kinderbetreuung aber wenig Schlaf setzte mir der nächtliche Aufbruch daheim deutlich mehr zu als sonst. Im Gegensatz zum Vorjahr schien so schon nur der Zustieg gegen die Alp Giesenen hinauf wie eine kleine Ewigkeit. Kommt hinzu, dass am Vortag rund 25cm Neuschnee gefallen war, durch welchen wir anstrengend mit den Schneeschuhen zu spuren hatten. Das Wetter tat noch das seinige hinzu, im Aufstieg fiel nach wie vor etwas Schnee, und auf einige Aufklarungen mit freier Sicht folgte wieder dichter Nebel.


So standen wir also unter der bedrohlichen Fluh, und zumindest mein Mumm für eine harte Mixedkletterei war arg zusammengeschrumpft. Ich versuchte mir möglichst wenig davon anmerken zu lassen und liess meinem starken Kletterpartner freie Routenauswahl. Doch auch er konnte sich dem eher grimmigen Ambiente nicht entziehen, so dass wir uns für die auf dem Papier noch etwas moderatere Damokles (M7+) entschieden, und den linken Sektor mit seinen Hammertouren auf ein nächstes Mal verschoben. Unter dem Betasektor angelangt, zeigte sich, dass wir die Startnummer 3 gezogen hatten. Das hätte soweit kein Problem dargestellt, wollten die anderen Seilschaften sich doch an der Alphasäule und an den Elementarteilchen (M8) versuchen. Schliesslich sollte aber nochmals alles anders kommen...

Die erste Seilschaft war nicht eben zügig unterwegs und tat sich mit der etwas ungeschmeidigen Eisqualität in den ersten Seillängen schwer. So hatten wir uns auf eine längere Wartezeit am Wandfuss einzustellen und unsere Entscheidung beinahe nochmals überworfen. Bereits etwas ermattet vom Aufstieg begann sich nun auch noch ein unangenehmes Fröstelgefühl einzustellen. Statt an der Grenze meines Könnens in Eis und Fels zu klettern, hätte ich mir dort zeitweilig lieber ein warmes Bad und einen bequemen Liegestuhl zum Ausruhen gewünscht. Um etwa 11.00 Uhr waren wir dann aber doch an der Reihe, die erste Seilschaft hatte in der zweiten Seillänge das Handtuch geworfen und die Bahn frei gemacht.

Unsere Vorgänger im Kompakteisschild der ersten Länge, die Eisqualität war hier nicht über jeden Zweifel erhaben.
L1, 40m: Erst ein Kompakteisschild mit rund 80 Grad Neigung, dann quert man auf einem Schneeband nach rechts. Bevor man über blumekohliges Eis zur folgenden Säule hinaufsteigt, besteht eine Standmöglichkeit (NH, Cams, evtl. Schrauben weiter rechts). Alternativ kann man auch am Säulenbeginn geschützt dahinter Stand beziehen. Während man rein von Neigung und Morphologie her hier wohl nur WI3+ geben würde, so war das ziemlich spröde, glatte und teilweise mit einer Kruste versehene Eis unangenehm zu klettern - ein herber Auftakt.

Yours truly am unteren Stand nach L1, die eine Seilschaft setzt eben zum Rückzug an.
L2, 50m: Hier wartet die erste steile Säule mit einer längeren senkrechten Passage von rund 30m. Zu Beginn will sogar ein Überhang geklettert sein, Unterarme und Technik werden also zum ersten Mal getestet. Im Vergleich zu dem was weiter oben folgt, ist's aber trotzdem eher noch Zustiegsgelände. Dennoch, die Schwierigkeiten hier waren mit Sicherheit weit über jenen der kürzlich gekletterten Haizähne (WI5+/6-) anzuordnen. Die Absicherbarkeit war zwar ok, dennoch konnten hier nicht überall perfekt zuverlässige Schrauben à discretion angebracht werden. Im gestrigen Zustand würde ich hier das erste Mal den Grad WI6 vergeben.

Diverse krasse Zapfen hat es schon an der Breitwangflue. Hier die dieses Jahr nicht durchgewachsene Betasäule.
L3, 60m: Schräg nach rechts hinauf zielt man zum Sockel der dieses Jahr nicht gewachsenen Betasäule. Über weite Strecken ist es nicht sehr steil, dafür war das Eis dort teilweise etwas überschneit und krustig. Am Säulenkonus selber wartet dann aber trotzdem noch eine steile Stelle an Blumenkohlen und Blüten, wo sogar ein kurzer Überhang geklettert sein will, auch nicht ganz einfach abzusichern dort. Insgesamt ist hier wohl so WI4/4+ zutreffend. Verblüffend ist dann der bequeme und geräumige Standplatz hinter der Beta- und Alphasäule. Hier könnte man im Schutz des Überhangs sogar problemlos ein Zelt aufstellen! Das hatten wir zwar nicht vor, dennoch kann man sich hier ideal auf das bevorstehende Eismonster vorbereiten.

Stand, chasch cho! Abgeseilt wird durchgehend an solchen Abalakovs.
L4, 35m: Die Alphasäule ist dieses Jahr richtig fett gewachsen. Als wir an ihrem Sockel hinaufstiegen, so zeigte sich zwar, dass sie an der Basis gerissen war. Das beunruhigte uns jedoch nicht weiter, weil sie oberhalb über weiteste Strecken grundsolide mit dem Fels verwachsen war. Schon ein sehr eindrückliches Gebilde, das hier an der überhängenden Felswand klebt, mit diversen Überhängen, Balkonen und herabhängenden Zapfen. Die Kletterbedingungen waren gut, oft konnte man an passablen Löchern hooken und morsches Eis das man hätte abräumen müssen war gar keines vorhanden. Ebenso fehlten aber auch die bequemen Fusstritte, welche an den viel begangenen Routen im Oeschiwald die Begehung so erleichtern. So war die Sache einfach anstrengend, athletisch und sehr ausdauernd. Trotzdem, Move um Move mit etlichen Schüttelpausen an Ruhepunkten dazwischen ging es in die Höhe. Nach rund 30-35m erreicht man einen Durchschlupf nach links auf ein Podest, wo man entweder Stand an Schrauben beziehen kann, ebenso ist der BH-Stand der Betasäule links aussen erreichbar. Nach meinem Empfinden war die Schwierigkeit hier klar höher als im Crack Baby letztes Jahr, und das WI6+ durchaus gerechtfertigt.

Jetzt geht's loooos! Blick vom Start der Säule auf den geräumigen Platz darunter. Hier könnte man gar zelten!
Der Blick nach oben erklärt, dass es überhängende Stellen im Eis tatsächlich gibt.
Die Gegenperspektive vom Stand aus auf die Alphasäule.
L5, 35m: Weiterhin geht es betont senkrecht weiter, um einige Absätze herum muss sogar überhängend geklettert werden. Erst auf den allerletzten Metern lässt dann die Neigung und damit auch die Schwierigkeiten am (im Aufstiegssinn rechten Rand) etwas nach. Wiederum sehr erstaunlich erreicht man hier ein bequemes Band, auf welchem man hinter dem Fall durchschlüpfen kann und ideal an Schrauben bzw. vorhandenen Abalakovs Stand bezieht. Insgesamt gute bis sehr gute Eisqualität hier, solide abzusichern aber einfach steil. Gefühlt vergleichbar mit den schweren Längen von Crack Baby, WI6 sicher gerechtfertigt.

Ankunft in der Eishöhle, welche nach der steilen L5 einen sehr bequemen Stand ergibt.
Tiefblick aus dem Eisfenster zur Alp Giesenen und ins nach wie vor neblige Kandertal hinunter.
L6, 20-40m: Aus der Eishöhle hinaus wartet nochmals eine praktisch senkrechte Passage von rund 10m in gutem Eis (ca. WI5/5+), dann hat man den wesentlichen Teil der Alphasäule geklettert. Oberhalb flacht das Terrain deutlich ab. In einem Couloir kann man noch zwei weitere, lange Seillängen von moderater Schwierigkeit zurücklegen - aber Vorsicht vor Lawinen, Spindrifts und überschneitem Eis. Der oft mögliche Wechsel zu den steileren Ausstiegslängen der Route Elementarteilchen ist dieses Jahr hingegen nicht gewachsen und daher unmöglich.

Die letzten steilen Meter in L6 klettert man gleich aus der Eishöhle hinaus.
Weil die Uhr schon auf 16.00 Uhr vorgerückt war, nun auch die Sonne an den Hängen oberhalb ihre Aufwartung machte und die Ausstiegslängen sowieso unter dem frisch gefallenen Pulverschnee begraben waren, liessen wir es dort gut sein. Einerseits wäre die Kletterei von minderem Interesse gewesen, andererseits wollten wir auch nicht das Risiko eingehen, hier noch durch einen Schneerutsch in Probleme zu geraten. Also wurden die Seile eingefädelt und es ging, durchwegs an Abalakovs, in die Tiefe. Die Abseilerei ist an Luftigkeit und Eindrücklichkeit auch kaum zu überbieten. Frei hängend und zwischen den vielen Zapfen hindurch gleitet man im Nu in die Tiefe.

Interessante Weitwinkel-Perspektive beim Abseilen. Links die Beta-, rechts die Alphasäule.
Abseilerei über L3, oben nochmals gut sichtbar das Eismonster der Alphasäule.
Bald darauf standen wir wieder im tiefen Pulverschnee am Wandfuss. Die dritte Seilschaft hatte ihre Bemühungen, unterdessen in der Tsunamix, auch aufgegeben. Wir räumten zügig unser Gear zusammen, schnallten die Schneeschuhe ab und stiegen dem Tal entgegen. 50 Minuten nach Aufbruch trafen wir dort ein. Auf dem Heimweg blieb genügend Zeit, um Bilanz zu ziehen. Schliesslich war es ganz anders gekommen wie geplant - doch an der Breitwangflue gibt es weder schlechte noch einfache Routen, somit gibt es auch an der Alphasäule rein gar nix zu meckern. Das ist eindrücklichstes Eisklettern der höchsten Güteklasse! 

Unsere "Nachbarseilschaft" kämpft in der M8-Länge von Tsunamix.
Verbleibt noch die Frage, welches denn nun die einfachste Route an der Breitwangflue ist: Crack Baby oder die Alphasäule? Nun denn, nebst ein paar einfacheren und flacheren Seillängen haben beide ein 60m langes Stück, wo anhaltend senkrecht oder leicht darüber geklettert wird. Bei Crack Baby folgen danach gleich nochmals zwei vertikale, aber nicht mehr ganz so extreme Längen. Bei der Alphasäule zieht man als Vergleich die steile Länge im "Zustieg" und das letzte Steilstück heran, was in Summe etwas weniger (ca. 20-30) an steilen Metern ergibt. Dafür ist Crux, d.h. die Alphasäule selber eher steiler und wilder. Insgesamt geben sich die beiden Routen wohl nicht viel, beides sind anspruchsvolle Touren, welche sich rein im steilen Eis abspielen.

Yo, da wirsch halb zum Schneemaa, hey! Happy über die gelungene Tour :-)
Facts

Breitwangflue - Alphasäule - ED V WI6+ - 8 SL, 370m - Weber/Haberstock 1999 - *****
Material: 14-16 Schrauben, 2x60m-Seile empfehlenswert

Auch wenn die Alphasäule nicht ganz denselben Bekanntsheitsgrad wie Crack Baby nebenan hat, so handelt es sich dennoch um einen der besten und eindrücklichsten Eisfälle der Alpen. Dem berühmten Bruder steht sie jedenfalls in nichts nach, die nicht jedes Jahr gewachsene Säule an der Schlüsselstelle ist vermutlich sogar noch einen Tick wilder. Falls sie nicht vorhanden ist, so kann die Stelle auch im Fels bewältigt werden und läuft dann unter dem Namen Alpha Rocker. Die Bewertung ist dann stark von der Eismenge abhängig. Man bedenke: die Routen an der Breitwangflue sind nochmals von einer ganz anderen Schwierigkeit und Ernsthaftigkeit wie die viel öfter begangenen Routen in den Sektoren Staubbach und Oeschiwald. Selbst eine Route wie Bück Dich (M7+) kam mir subjektiv einfacher vor wie die Alphasäule. Zudem drohen an der Breitwangflue alle alpinen Gefahren, von Lawinen über heftige Spindrifts, überschneitem Eis bis hin zum Eisschlag von kollabierenden Zapfen, Vorhängen oder gleich ganzen Eisgebilden.

Sonntag, 9. März 2014

Breitwangflue - Crack Baby (WI6)

Es ist der unumstritten beste Eisfall der Schweiz, und womöglich sogar im ganzen Alpenraum: Crack Baby an der Breitwangflue im Kandertal. Total gegen 400 Klettermeter gilt es zu absolvieren, wobei fast die Hälfte davon kompromisslos senkrecht ist, teilweise noch gespickt mit überhängenden Balkonen. Ja, da muss man nicht überlegen, diese Route gehört auf die Wunschliste jedes ambitionierten Eiskletterers. Für mich war sie der grosse Eisklettertraum, das ultimative Ziel - nun ist die Realisierung geglückt.

In den letzten Wochen konnte man vernehmen, dass sich die auf rund 2000m gelegene Linie im milden und föhnigen Winter 2013/2014 perfekt aufgebaut hatte. Es war überdurchschnittlich viel Eis vorhanden, zudem von bester Qualität. Dies zog wiederum zahlreiche Kletterer an, was zu vielen Begehungsspuren führte und die Kletterei nochmals angenehmer machte. Stimmen aus meinem Umfeld meinten "wenn, wann nicht jetzt" und schliesslich zeigte mir mein Kollege Jonas vor 2 Wochen explizit, dass die Route auch für unsereins machbar ist. Sorry Jonas, das ist natürlich überhaupt keine Geringschätzung deiner Fähigkeiten, sondern manchmal braucht es den zusätzlichen Ansporn von jemandem, dessen Können man genau einschätzen kann.

Im Abstieg von der Breitwangflue, den grossen Traum gelebt. Crack Baby ist die massive Linie über meiner rechten Hand.
Schwieriger gestaltete sich da schon die Suche nach einem Seilpartner. Es steht ja nun nicht gerade jedermann dafür zur Verfügung, und um mit jemandem mit wenig Erfahrung dort anzurücken herrscht aktuell einfach zu viel Verkehr. Von den in Frage kommenden, erfahrenen Kollegen hatten die meisten die Tour schon geklettert, und so sah ich meine Ambitionen schon baden gehen. Bis mir kurzfristig mein Spezl Tobias, der sich leider verletzt hatte, seinen Seilpartner Jürgen vermittelte. Tobias selber hatte Crack Baby auch schon geklettert, wusste aber um die Ambitionen von Jürgen und mir, brachte uns in Verbindung und so war die Sache dann rasch geritzt. Bei der erstbesten Möglichkeit sollte es losgehen.

Etwas Kopfzerbrechen bereitete da hingegen die Wetterlage. Nach 3 Monaten Wartezeit war zwar endlich wieder einmal eine stabile Hochdrucklage angesagt. So weit, so gut, aber mit dem einher gingen eben auch deutlich ansteigende Temperaturen. Waren diese in den Wochen zuvor eigentlich meist im idealen Band zwischen -5 und 0 Grad, so waren auf 2000m nun hingegen deutliche Plusgrade angesagt. Exakte Recherchen zeigten dann aber, dass sich am Freitag höchstens leicht positive Temperaturen einstellen würden, danach eine klare Strahlungsnacht käme und am Samstag im Tagesverlauf schliesslich mit etwa +5 Grad zu rechnen wäre. Durch einen frühen Aufbruch sollten wir dem begegnen können, was dann tatsächlich auch der Fall war. Die äusseren Bedingungen bei unserer Begehung waren absolut im dunkelgrünen Bereich, es gab in der Wand nicht das geringste Anzeichen von Tauwetter, kurzum es war einfach perfekt.

Daten der Imis-Station Fisi, welche auf 2160m am Doldenhorn ob Kandersteg liegt. Quelle: slf.ch
Noch näher illustrieren kann man den Sachverhalt mit der für die Breitwangflue sehr nützlichen IMIS-Station bei Fisi. Sie liegt auf 2160m am Doldenhorn, d.h. grob auf der Höhe vom Ausstieg von Crack Baby, nur wenige Kilometer entfernt an einem NW-Hang, in noch leicht sonnigerer Exposition. Man kann gut ersehen, dass die Lufttemperatur von Donnerstag Abend bis Samstag Mittag in einem engen Bereich um den Gefrierpunkt pendelte, und danach auf rund 5 Grad anstieg. Die Oberflächentemperatur lag dank dem freien Himmel und dadurch optimaler Abstrahlung bis auf die paar Stunden, wo das Flachfeld in Fisi besonnt ist, meilenweit im negativen Bereich. Hierzu muss man nun auch noch wissen, dass Crack Baby derzeit, d.h. Anfangs März, bis zum späteren Nachmittag komplett im Schatten liegt und dann nur noch etwas Streiflicht von der Sonne erhält. Somit lassen sich die optimalen Bedingungen gut erklären und es ist durchaus denkbar, dass diese noch ein paar Tage anhalten.

Unsere Tour begann am Freitag Abend mit der Anfahrt nach Mitholz. Bis wir ankamen, war es leider schon dunkel, so dass wir keinen Blick mehr auf unser Projekt erhaschen konnten. Beim Parkplatz ob dem Mitholztunnel wollten wir für eine kurze Nacht biwakieren. Dies wird toleriert, und damit dies so bleibt, möchte ich alle Kletterer inständig um diskretes Verhalten bitten, und auf den Verzicht, Abfälle und Fäkalien zurückzulassen. Den Wecker stellten wir auf 3.30 Uhr, mit diesem Alpine Start wollten wir der Konkurrenz ein Schnippchen schlagen und hofften darauf, als erste in die Route einsteigen zu können. Schon mit dem ersten Läuten war ich hellwach, schon erstaunlich, welche Kräfte und Motivation die Realisierung von Traumtouren freizusetzen vermag. Nach einem kurzen Frühstück machten wir uns um Schlag 4.00 Uhr auf die Socken. Im einen Fahrzeug auf dem Parkplatz war schon Licht, im anderen schienen die Bewohner noch zu schlafen.

Das Base Camp bei Mitholz, hier allerdings nach der Tour beim Trocknen des Materials vor der Heimreise.
An den fehlenden Spuren im Schnee war ersichtlich, dass wir als erste am Hochsteigen waren. Dementsprechend drückten wir auf die Tube, denn diese Position wollten wir natürlich unbedingt behalten. Erst als wir dann nach 20 Minuten an den Stirnlampenlichtern beobachten konnten, dass die Italiener eben am Aufbrechen waren, konnten wir unsere Anspannung etwas lösen und das Tempo leicht drosseln, denn diesen Vorsprung würden wir uns nicht mehr nehmen lassen. Etwas weiter oben stellten wir dann auch beruhigt fest, dass der Schnee in den schattigeren Lagen noch pulvrig und locker war, was auf optimale Verhältnisse hindeutete. Noch in dunkler Nacht erreichten wir die Alp Giesenen und bogen ab, obsi gegen die Breitwangflue. Zuletzt war dann noch etwas Spurarbeit im zugeblasenen Track erforderlich, aber nach 900hm und 1.5h des Weges konnten wir unsere Rucksäcke beim Depot abstellen. Aufschirren und los hiess die Devise! Noch im Schein der Stirnlampe hämmerte ich um 6.00 Uhr den ersten Pickel ins Eis, die Startlänge war auch so gut zu klettern. Doch schon am ersten Stand konnte diese ausgeschaltet werden, und wir sahen klar und deutlich, was noch auf uns wartete. Nachfolgend nun eine Beschreibung der einzelnen Seillängen.

SL 1, 60m, WI3+: Diagonale Querung nach rechts hoch. Steilere Aufschwünge von maximal 80 Grad wechseln sich mit etwas flacheren Zwischenstücken ab. Achtung, um den gut geschützten BH-Stand am Ende der zweiten SL zu erreichen, ist es zentral, das 60m-Seil komplett auszuklettern. Der Stand nach SL 1 ist hingegen im Eis zu beziehen, aktuell sind diverse Abalakovs bereits vorhanden.

SL 2, 60m, WI3: Man quert noch weiter nach rechts hoch, wiederum über einige Aufschwünge und ein paar flachere Partien. Die Steilheit würde ich mit maximal 75 Grad angeben. Ein gebohrter und optimal geschützter Stand befindet sich in einer Nische (siehe Topo unten). Ansonsten kann man auch gut (wie wir) etwas unterhalb im Eis Stand machen (aktuell diverse Abalakovs vorhanden).

Jürgen folgt in SL 1, noch etwas im Dämmerlicht. Hinten sind mehr und mehr Anwärter im Anmarsch...
Yours truly am Ende von SL 2, bzw. Anfang von SL 3. Unser Stand war nämlich zu weit unten und nicht in der Nische, vorhandene Abalakovs hatten uns ein bisschen in die problemlos zu korrigierende Irre geführt. Man glaube mir: der Blick von hier nach oben ist einfach atemberaubend...
SL 3, 40m, WI5: Nun bereits etwas ernstere und anhaltendere Seillänge. Zupfig und kurz säulenartig aus der Gufel raus, die 80 Grad werden auch in der Folge nicht mehr unterschritten. Ein kurzes Teilstück am Ende ist dann nochmals senkrecht, war allerdings super strukturiert. Oben findet man einen sehr bequemen Stand auf dem geräumigen Band, wo man gar biwakieren könnte. Hier schluckt man 3x leer, denn nun legt Crack Baby gleich nochmals eins drauf, die nächsten 160 Klettermeter sind nämlich durchgehend senkrecht bis überhängend!

SL 4+5, 60m, WI6: Um die bereits aufrückenden, sehr stark kletternden Italiener auf Distanz zu halten, hängt Jürgen nun gleich zwei Seillängen zusammen und klettert die 60m-Seile bis auf die letzte Faser aus. Die nominelle SL 4 beginnt an einer optimal ausgehackten 'Rampe', die wiewohl auch beinahe senkrecht ist. Super spektakulär ist dann deren Abschluss, überhängend muss auf einen Balkon raufgebouldert werden. Die Pickel oberhalb greifen jedoch super, so geht's prima. Nun käme nach 20m ein BH-Stand, erneut auf einem bequemen Band. Diesen ausgelassen, ging es gleich in die nominelle Cruxlänge. Erst zwängt man sich durch einen schmalen Spalt zwischen Wand und einem hängenden Zapfen, danach geht es extremst anhaltend 40m in senkrechtem Gelände weiter. Die Verhältnisse sind aber optimal, kompaktes, plastisches Eis von allererster Güte - ins Schnaufen kommt man aber trotzdem, denn hier gibt es nun nicht mehr ganz so viele Hooks und Tritte wie zuvor, d.h. es muss jetzt auch selber gehackt werden! Erst auf den allerletzten Metern lässt die Neigung dann etwas nach, der BH-Stand ist dann erneut links, auf einem Band und gut geschützt. 

Aufbruch in die fantastische Combo der SL 4 und 5...
Und hier nun nach einem ziemlichen Fight an deren Ende. Die saugende Tiefe ist enorm!
SL 6, 40m, WI5+: Erneut eine fantastische Mauer. Man packt direkt an und hält sich dann eher etwas nach links. Das Eis war hier enorm strukturiert, mit Podesten, Balkonen und Kanzeln. Eine ganz geniale und abwechslungsreiche Kletterei also, trotz der kompromisslosen Steilheit von durchgehend 85-90 Grad mit etlichen Ruhepositionen, darum einen Tick einfacher und nicht ganz so ernst. Den Stand findet man erneut links, auf einem bequemen Band gelegen, an Bohrhaken.

SL 7, 60m, WI6: Nun werden die Arme nochmals aufs Äusserste gefordert, denn es wartet eine kompromisslos senkrechte Mauer in kompakten Eis. Hier gab es im Vergleich zu unten deutlich weniger Struktur, mehr Schlagen und die Füsse sauber platzieren heisst die Devise. Die bisherigen Efforts sind schon deutlich zu spüren. Der Italiener hinter mir vermag selbst im Vorstieg schneller zu klettern als ich im Nachstieg und rückt mir auf die Pelle. Aber gut, der hat Eis-Erstbegehungen satt auf dem Konto und klettert selbst alpin zweistellige Mixed-Grade, da bin ich eine kleine Leuchte dagegen. Anyway, ich kann sauber durchziehen und meinen Vorsprung knapp behaupten und so stehen wir mit einem Grinsen im Gesicht am Stand, welcher durch eine Batterie von Abalakovs markiert wird. Auch wenn hier schon für viele Seilschaften Schluss ist, eigentlich geht's noch weiter...

Das Ende ist in Sicht. Aber noch wartet eine weitere Länge, die auch nicht von schlechten Eltern ist.
Um 6.00 Uhr eingestiegen, um 10.11 Uhr war der Vorsteiger am Ende von SL 7...
SL 8, 60m, WI4: Nach einem Aufstieg von etwa 25m über ein geneigtes Schneefeld folgen nochmals 35m schöne Eiskletterei. Selbst auf der schwächsten Linie beträgt die Steilheit nochmals 80-85 Grad, wer mehr will kann das auch haben. Die Kingline ist der Zapfen rechts aussen, den die Italiener wählen. Ich halte mich hingegen an die gängige Variante. Man spürt deutlich, dass hier weniger geklettert wurde, das Eis ist etwas spröde und erfordert beherztes Abräumen. Gut, dass dies in den unteren Längen nicht so war. Schliesslich stehen wir am Ende vom Eis, d.h. am Übergang zum Schneefeld. Eigentlich ein absolut nichtssagender Ort hier, aber dennoch sehr begehrt. Stand bezieht man an Schrauben, oder an potentiell vorhandenen Abalakovs.

Jürgen folgt in der letzten Seillänge von Crack Baby, hoch über der Alp Giesenen.
Die uns folgenden Italiener packen die schöne Kerze in der letzten Länge an.
Nun galt es wieder runter zu kommen, wozu man über die Route abseilt. Dies geht ob dem steilen Gelände sehr zügig vonstatten. Natürlich befanden wir uns alsbald in der ungünstigen Situation, dass nun oberhalb von uns geklettert wurde. Nachdem die Stände aber immer gut geschützt sind und man nicht in der Kletterlinie, sondern eher auf der Seite abseilt, war dies nicht allzu schlimm. Safe und sound standen wir kurze Zeit später wieder am Einstieg, wo wir uns nun Zeit lassen konnten. Wir genossen noch etwas die magischen Eindrücke am Fusse der Breitwangflue, studierten ausgiebig die anderen Routen und watschelten schliesslich in der Spur zu Tale. Beim ersten Hang war es Sünd und Schande, keine Skis dabei zu haben: das Terrain hinunter zur Alp Giesenen ist breit, mit rund 25 Grad optimal geneigt und es lag allerbester Pulverschnee. Aber janu, das war in Kauf zu nahmen, und dem Alpweg entlang ging es zurück nach Mitholz. Die Sonne heizte bereits massiv ein, und es herrschte eine richtige Frühlingsstimmung.

Blick nach oben beim Abseilen. Enorme Eismasse, enorme Steilheit und Komplexität!
Auf dem Parkplatz legten wir unsere Ausrüstung zum Trocknen an die wärmende Sonne und stellten uns die Frage, wie denn dieses Wochenende noch abzurunden war. Eine weitere Tour würde man womöglich klettern können, also wurden Topos und Optionen gewälzt. An der Breitwangflue schauderte es uns vor allem vor dem riesigen, losgelösten Eisschild, welches wie ein Damoklesschwert alle Routen etwa von Tsunamix bis zum Beta Rocker bedrohte. Hatte man dieses einmal gesehen, war an ein unbeschwertes Einsteigen gar nicht mehr zu denken. Also machten wir uns auf, um noch einen Blick in den Oeschiwald zu werfen, und dort womöglich noch eine kletterbare Linie zu identifizieren. Doch um 16 Uhr nachmittags herrschte da übelstes Tauwetter, das sowieso schon wenige Eis war abgelöst, massiv am Tropfen und schien uns nicht mehr vernünftig kletterbar zu sein. Selbst nach einer kalten Nacht nicht. Andererseits war im Arbonium sogar noch eine Seilschaft mit dem Abseilen beschäftigt, und am Folgetag machten zwei schmerzfreie Italiener tatsächlich noch den Pingu bis unter die Cruxlänge.

Gerissener Eisschild in Tsunamix/Elementarteilchen, die Säule links sieht auch ziemlich verdächtig (=gerissen) aus.
Nach all diesen Beobachtungen gab es nur noch eine vernünftige Entscheidung: ab nach Hause. Bei schlechten Verhältnissen im Eis zu klettern macht wenig Spass, zudem ist es ganz einfach unvernünftig und gefährlich. Und irgendwie war ich auch überhaupt nicht scharf darauf, meinem bisher besten Eiskletter-Erlebnis mit der Crack Baby, das nun wirklich kaum mehr zu toppen war, eine schlechte Route quasi nachzuwerfen. Da komme ich lieber an einem anderen, geeigneten Tag wieder, um im Oeschiwald aktiv zu sein. Schliesslich stellen doch zahlreiche Fälle da durchaus Wunschziele von mir dar.

Facts

Breitwangflue - Crack Baby IV WI6 - 8 SL, 400m - X. Bongard & M. Gruber 1993 - *****
Material: 10-14 Schrauben, 2x60m-Seile, Abalakov-Schlingen

Unbestritten der beste Eisfall der Schweiz, ja vermutlich gar im gesamten Alpenraum. Es warten 400 Klettermeter, wovon rund die Hälfte davon senkrecht ist. Die Ästhetik der Linie in der steilen Felswand, absolut ohne Absätze und längere Flachstücke, ist auch kaum zu übertreffen. Kurzum eine Route, die man gemacht haben muss. Sie ist eigentlich (fast) jedes Jahr bekletterbar, die besten Verhältnisse trifft man meistens gegen Ende Saison, d.h. in der zweiten Februarhälfte und ersten Märzhälfte an. Der Zustieg ab Mitholz umfasst 900hm und dauert je nach Spur 1.5-3.0h. Bei viel Neuschnee und Absenz einer Spur sind (selten) Schneeschuhe erforderlich, ansonsten geht man ohne Hilfsmittel. Tourenski sind auf dem engen und steilen Alpweg nicht zu empfehlen. Der Abstieg vollzieht sich durch Abseilen über die Route, einige Stände sind an BH vorhanden, bei anderen muss man Abalakovs einrichten.

Topo

Untenstehend das Topo von Crack Baby mit der exakten Lokation der BH-Stände. Nach der ersten und den letzten beiden Seillängen muss man den Stand selber im Eis schrauben, und zum Runterkommen Abalakovs einrichten. Bei guten Verhältnissen sind diese meist vorhanden. Erwähnt sei auch noch, dass die Bewertungen von der geeichten Angabe von WI6 als Maximalschwierigkeit ausgehen, denn Crack Baby gilt ja quasi als Referenztour dafür. Bei sehr guten Bedingungen (viel Eis, beste Qualität, gut ausgehackt) sind die Bewertungen natürlich (wie immer und überall im Eis) eher etwas tiefer anzusiedeln. Dennoch, es warten viele steile Meter im Eis, man sollte die Tour also keinesfalls unterschätzen. Ein Rückzug ist jedoch jederzeit problemlos möglich.