Auf dem Papier machen die Anforderungen für den Nachtexpress einen überschaubaren Eindruck: acht Seillängen, maximale Schwierigkeit 7a. Trotzdem war ich bisher immer am Einstieg vorbeigelaufen. Es gab zwar nicht viel zu erfahren über die Route, doch dass sie zwar sehr schön, aber gleichzeitig auch äusserst anspruchsvoll sei, konnte man sich aus dem Vorhandenen zusammenreimen. Nun, nach der erfolgreichen Begehung, kann ich dies nur unterstützen. Die Kletterei ist genial, doch sowohl die Moves als auch die Absicherung erfordern hohes Können. Verrückt, dass ein solcher Knaller bereits 1989 erschlossen wurde - noch ohne Trainingsplan, Boardclimbing und Kletterhallen. Doch damals hatten sie Zeit, Passion und Courage - was auf dieser fusslastigen Old-School-Kletterei bestimmt mehr hilft als möglichst gute physische Leistungsparameter.
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| Die stattliche Wand des Vorbaus am Reissend Nollen mit dem Verlauf von Nachtexpress (7a). |
Unsere Tour startete um 8.35 Uhr auf der Wendenalp. Drei Teams waren zugegen, welche alle denselben Sektor besuchen wollten. Zambo und Spasspartout waren die Ziele unserer Mitstreiter. Auf dem uns bestens bekannten Weg brauchten wir eine Stunde bis zum Einstieg. Diesen hatte ich bereits bei früherer Gelegenheit ausgecheckt, so konnten wir uns die Sucharbeit ersparen. Global gesehen ist es aber nicht ganz so einfach. Immerhin sind im neusten Extrem West nun alle Linien korrekt eingetragen (d.h. auch das Pitelka-Projekt links und die No Festa rechts), was es deutlich einfacher macht. Am Fels (eingemeisselt) angeschrieben ist jedoch nur die Spasspartout. Dann starten nach rechts gehend nacheinander Affennase, das Projekt und schliesslich Nachtexpress). Alle sind mit den alten, eckigen Laschen mit Öse für nur 1 Karabiner ausgestattet und starten gleich mit einer etwas gesuchten Boulderstelle in braun-gelbem Fels. Vielleicht hilft ja mein Foto unterhalb und sonst eben das Abzählen von der Spasspartout her. Um ca. 10.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei.
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| Nicht das super Foto. Aber genau beim Kletterer geht Nachtexpress los. |
L1, 25m, 6b: Man kann die Sache von zentral, links oder rechts beobachten. Aus jeder Perspektive sieht die Zone zwischen den ersten beiden Bolts abschüssig-glatt und so richtig fordernd aus. Ich kann hier leider auch nicht zur Beruhigung beitragen. Ja, es ist fordernd und zwar das erste, aber längst nicht das letzte Mal heisst es mutig moven (hier von einem kleinen Seitgriff mit Platzieren der Füsse auf schlabbriger Reibung) und darauf zu spekulieren, dass die kommenden Löcher nicht zu übel sloprig und/oder staubig sind. Auch wenn es nach dieser Stelle sofort einfacher wird: die Relativität der Nachtexpress-Gradierungen versteht man bereits hier. Der obere Teil der Länge beinhaltet einfache Kraxelei, fixe Absicherung gibt es nicht und Legemöglichkeiten höchstens sehr dürftig. Das hat Grounderpotenzial und eigentlich gehört da ein BH hin.
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| Das Panorama ist schöner wie der Rückblick auf den einfachen Schlussteil von L1 (6b). |
L2, 30m, 6b+: Diesen Grad würden wir für uns normalerweise als freundliches Aufwärmprogramm ansehen. Hier steht aber mehr im Vordergrund, dass es noch schwieriger sein sollte (und ist!) wie L1. Und das merkt man schon sehr bald. Die ersten Meter linksherum gehen noch gut, aber der Dächli-Wulst ist verdammt knifflig. Es gilt auf ein 3-Finger-Loch zu spekulieren, dann die richtige Hand darin zu versenken, noch dazu ist das Auflösen der Geschichte mit beschränktem Trittangebot einfach hart. In der Folge lässt es zwar ein wenig nach, so richtig einfach ist es aber nie - jedoch mit richtig genialer Lochkletterei à la Sektor Demi-Lune in Céüse. Die Unterschiede bestehen im null Andrang und zero Speck, dafür sind die Pockets mangels greifender Hände halt oft etwas staubig.
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| Hier geht's los mit der Cruxsequenz in L2, welcher auf dem Papier gerade mal eine 6b+ attestiert wird. |
L3, 25m, 6c: Ja, nochmals eine Schippe härter! Der Auftakt mit zwei nahe steckenden BH lässt schon vermuten, dass es da heftig bouldrig zur Sache geht. Und das trifft absolut unbestritten zu. In den modernen Boulder Gyms wird einer solchen Sequenz heutzutage zweifellos eine 7A/V6 attestiert, was hier bloss Element einer 6c-Länge ist. Wer einmal über die recht physische Crux drüber ist, darf danach in einer 100% zwingenden, fusstechnischen Passage noch seinen Mut beweisen. Man verliere besser nicht den Überblick über die Trittmöglichkeiten in den Löchern, die man im Rückblick kaum mehr sieht! Nach dem Klipp des dritten BH wird's dann viel einfacher. Fixe Absicherung sucht man wiederum vergebens. Ich konnte zwei Cams platzieren, wie gut diese in den etwas staubigen, flared Querschlitzen halten würden, testet man wohl besser nicht aus. Von selbst rausgefallen sind die Cams aber immerhin nicht.
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| Hier wartet die zünftige Boulderstelle am Anfang von L3 (6c). |
L4, 30m, 6b: Hier folgt die für uns unbestritten einfachste Länge der Tour. Sie beginnt relativ gemütlich zum etwas links im Schilf steckenden ersten BH, auch nachher geht's entweder leidlich griffig weiter oder dann gibt es recht gute Trittmöglichkeiten. Fixe Absicherung ist aber nur spärlich vorhanden (3 BH, 1 Schlinge in gebohrter SU) und gerade über dem letzteren Stück will doch seriös geklettert werden. Wer es aber bis dahin geschafft hat, dürfte dem aber gut gewachsen sein.
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| Auftakt in L4 (6b), der erste BH steckt etwas links ausserhalb der Optimallinie. |
L5, 40m, 6b+: Nein, der Schlusssatz zur vorherigen Seillänge findet hier definitiv keine Anwendung! Der Runout zum ersten BH ist zum Glück gut bewältigbar, aber dann: leck mich am A...! Sehr knifflig, sehr fusslastig mit dem Geläuf 2-3m über dem BH klettert man die Crux. Und das Ganze wieder einmal in Spekulation darauf, dass das ein vereinzeltes Pocket weit oben, auf welches man seine ganze Hoffnung setzt, tatsächlich kontrollierbar ist. Ja, auf diese Mutprobe muss man sich Einlassen und es wäre ein grosser Frevel hier zu schreiben, wie sich dieser Griff schlussendlich anfühlt... diese Passage spielt sich übrigens über dem ersten (nicht gerade standnah steckenden) BH ab. Schon nicht sehr gefährlich, aber da kann man schon heftig ins Geschirr scheppern und insbesondere wenn der Climber schwerer ist wie die Sicherungsperson heisst es "Vorsicht!". Der Rest der Seillänge bietet dann schöne Kletterei etwas um die Ecken herum, die ganz (gleich) grossen Emotionen wie beim Auftakt erlebt man nicht mehr. Nur um hier einmal eine Referenz anzugeben: diese Länge wäre auf einer modernen Tour sicherlich im Bereich 6c+/7a bewertet.
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| Zum Ende der Seillänge lassen die Schwierigkeiten etwas nach - kompakt ist der Fels dennoch. |
L6, 35m, 7a: Die Linienwahl der Erschliesser sorgt hier beim ersten Blick nach oben für Erstaunen. Statt der (vielleicht nur vermeintlich) gängigen Verschneidung direkt hinauf wird in der kompakten Wand links geklettert. Dort trifft man auf scharfe kleine Griffe sowie teils etwas staubige Querleisten und Löchlein. Dort wo es schwierig ist, ist das Trittangebot eher dünn. Hart riegeln und die Füsse an die Wand pressen lautet das Motto. Trotzdem bzw. deswegen, hier kommt der Fingerkraft bzw. klassischer Hallen- oder Cragging-Athletik mehr Bedeutung zu und vielleicht darum ist uns dieser Abschnitt für seinen Grad zwar nicht einfach vorgekommen, aber doch im Vergleich besser machbar. Zum Ende hin gibt's übrigens eine deutliche Linksecke, was aber dem absolut logischen Weg entspricht.
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| In L6 (7a) findet man fordernde Wandkletterei in sehr kompaktem Fels vor. |
L7, 25m, 6c+: Ein superfotogener Quergang markiert hier den Ausweg über das sperrende Dach, was einen in extrem luftige Position bringt. Sicherlich beruhigend zu wissen: hier ist die Absicherung zwar auch nicht super eng, aber an beiden Seilenden gut und safe. Die Seillänge frei zu klettern, ist aber eine ziemliche Challenge. Wir fanden schon die Boulderstelle am ersten BH schwierig, auch wenn sie im Gesamtkontext noch eher Vorgeplänkel ist. Nach dieser geht's vorerst relativ gutgriffig voran, bis man zum Ende im überhängenden Gelände aus diesem Wandbereich entkommen muss. Nachdem man sogar nochmals etwas abgeklettert ist, sind sehr physische Moves (in etwas staubigem Fels) gefordert, bevor die Sache im Mantle-Exit auf das Standband gipfelt. Nach meinem Empfinden befinden sich diese Stunts klar jenseits vom Grad 6c+.
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| Der fantastische Quergang von L7 (6c+): jetzt folgt die Crux in sehr luftiger Position. |
L8, 30m, 7a: Dass die Tour hiermit noch gekrönt wird, war uns schon a priori klar. Und man kriegt nochmals eine richtig fette Dosis an vertikal-athletischer Kletterei mit hohem technischem Anspruch geboten. Schon aus dem Stand raus nicht einfach, zu einer kniffligen Zone wo der Fels zwar sehr scharf, aber weder griffig noch trittig ist - man zaubere sich hinüber! Darauf hin heisst es, einer Rissspur bzw. kleinen Verschneidung zu folgen. Erst noch machbar (wenn auch nie einfach) fordert eine weitere Sequenz ob ihrer Trittarmut die letzten Reserven. Erst die allerletzten Meter hinauf zum Standband entpuppen sich dann als relativ leicht verdauliches Dessert - uff! Die 7a passt vielleicht zu den restlichen Bewertungen, nach zeitgemäss-realistischer Skala sollte man sich besser auf eine zähe 7b vorbereiten.
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| Sieht optisch nicht ganz so bös aus, doch es ist nochmals richtig zäh (L8, 7a). |
Um ca. 16.00 Uhr hatten wir nach rund 5:30h der Kletterei das Top erreicht. Bernat mit einer perfekten os/fl-Begehung, wieder einmal eine Demonstration von herausragendem Können! Ich konnte mich mit jeweils einem zweiten Anlauf in L3 und L5 bis vor die Schlusslänge schadlos halten (rp). Mein Komplett-Durchstieg scheiterte jedoch in L8. Gefehlt haben mag's an allen Enden, doch die Kletterfinken waren ein durchaus entscheidendes Handicap. Wie man hier schon im letzten Beitrag lesen konnte: meine Ära mit den Pythons ist leider endgültig vorbei. Die im Nachtexpress genutzten Skwamas waren einerseits noch neu, andererseits halt einfach nicht dasselbe Produkt. Sprich, das Gefühl auf kleinen Tritten und bei Extremreibung war nicht restlos überzeugend und vor allem schmerzten zu diesem Zeitpunkt meine Füsse so stark, dass an verschärftes und dennoch präzises Antreten nicht mehr zu denken war. Tja, faule Ausrede wird der Leser wohl denken... Da kann ich nur entgegnen: ich hoffe auch sehr, dass ich die Kletterfinken künftig nicht mehr als leistungsmindernden Aspekt erwähnen muss und mit den Skwamas künftig genauso an der Wand bin wie mit den Pythons.
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| Nochmals eines vom tollen und sehr fotogenen Quergang in L7 (6c+). |
Nun, das gehört eher zur Philosophiestunde, während die Hauptaufgabe am Routenende darin besteht, wieder vom Berg zu kommen. Über Nachtexpress kann man wegen dem Quergang nicht abseilen. Unter Nutzung der Standplätze der benachbarten No Festa und/oder Rockmantic geht's aber sicher und das ist bestimmt der schnellste und bequemste Weg zurück an den Einstieg. Aus Gwunder und Entdeckerdrang wählten wir aber den Originalabstieg. Dazu auf dem Band erst horizontal nach Westen, die kompakte Zone nach der ersten Ecke umgeht man ab- und wieder aufsteigend. Schliesslich biegt man nochmals um die Ecke und findet dort einen Einzelbolt mit Maillon. An diesem seilt man 30m ab (1x60m reicht, 1x50m nicht!) und kommt so zu dem Punkt, wo die letzten 3 SL von Zambo und Spasspartout starten und auch der Zustieg zu Caminando vorbeiführt. Von dort kann man a) exponiert zu Fuss absteigen, oder b) erst mit dem Zambo-Stand 40m zur Kette von Spasspartout abseilen und dann in 3x50m über diese zum Einstiegsbereich gelangen. So machten wir es, räumten unsere Ware zusammen, liefen zurück auf die Wendenalp und feierten die tolle Tour (meine #46 an den Wendenstöcken) noch mit einem Znacht in Meiringen.
Facts
Reissend Nollen Vorbau - Nachtexpress 7a (6c+ obl.) - 8 SL, 240m - Ochsner/Pitelka 1989 - ****;xx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Cams 0.2-1
Sie ist zwar nur am Vorbau, aber diese Route ist nicht ein halbes Programm, sondern ein richtiger Knaller. Auf den ersten Seillängen sind die Schwierigkeiten noch nicht anhaltend, sondern bestehen aus technischen Bouldersequenzen an oft sloprigen Löchern, wo man die Füsse auf plattiges Gelände presst. Der Anpressdruck der Füsse muss auch auf den finalen Längen aufrecht erhalten werden. Das Terrain ist dort steiler und die Schwierigkeiten kontinuierlicher, was den athletischen Anspruch unterstreicht. Die Felsqualität ist weitestgehend hervorragend was Struktur, Kompaktheit und Reibung betrifft. Einzig die Löcher und Querleisten sind bisweilen staubig - umso mehr eine Challenge, wenn sie auch noch von slopriger Natur sind. So gesehen würde es nicht schaden, wenn die Route häufiger begangen würde. Das scheitert ganz sicher nicht zuletzt an der selektiven Absicherung. An den Schlüsselstellen ist diese in vernünftiger Menge und Platzierung vorhanden (Niveau xxx). Die Kletterei ist aber sehr zwingend, ohne Beherrschung der Schwierigkeiten und psychisch stabilem Korsett in sehr technischem Gelände kommt man die Tour nicht hoch. Sobald die Kletterei einfach(er) ist, stecken die Haken spärlich, stürzen oder schon nur das Limit ausloten wäre da keine gute Idee. Cams von 0.2-1 müssen zwingend mit, auch wenn man sie nicht allzu oft legen kann und längst nicht jeden Abstand entschärft, der gerne verkürzt werden möchte. Zu sagen ist noch, dass die BH (wie bei allen Touren aus dieser Epoche) ihre besten Zeiten hinter sich haben. Verzinkte Anker mit rostfreien Plättli, d.h. die Stifte sind alle sichtbar korrodiert, teilweise wackeln die Plättli, obwohl die Muttern festsitzen, undsoweiter. Auch wenn das alles im Moment wohl noch hält: ein Sanierungsbedarf ist klar gegeben. Die schwierigen Stellen wird man dabei trotz der hohen Anforderungen original belassen wollen (sonst ändert man den Charakter der Tour). Es wäre aber sehr anzuraten, im einfachen, kaum absicherbaren Gelände (Ende L1, L3, L4) noch den einen oder anderen BH zu spendieren. Als Kletterführer empfiehlt sich der Extrem West Band II, sehr empfehlenswert ist das frei verfügbare und präzise Topo von Thomas Behm. Es sei hier nochmals wiederholt: die Bewertungen sind sehr hart ausgefallen - will man eine moderne (realistische) Einstufung, so schlage man überall 2 Grade drauf.











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