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Donnerstag, 29. August 2019

Schlossberg - Fusion (7b)

Der Schlossberg ist ein imposanter Bigwall weit hinten im Engelberger Tal. Seit der eigentlich relativ späten klettertechnischen Erschliessung mit der klassischen Route von Grüter et al. (1971) und einigen wilden Wiederholungsversuchen ranken sich Mythen und Legenden um diese Wand. Im Jahr 1994 legten dann die Gebrüder Remy diverse moderne Routen in die Wand. In der Anfangszeit fanden sich darin einige Wiederholer, doch grosse Popularität erlangte das Gebiet nie, bald wieder geriet es in Vergessenheit. In den letzten Jahren wurden einige wenige Routen (Jingo, Benedikt, Sens Unik) saniert, die anderen fristen ein nun noch umso einsameres Dasein. Ganz verständlich ist das nicht, führt doch eine Route wie die Fusion als eindrückliche Linie mitten durch den Bigwall und bietet vorzügliche, wenn auch anspruchsvolle Riss- und Wandkletterei. Auf der anderen Seite warten Schwierigkeiten bis 7b und eine mit nur 88 BH auf 12 Seillängen möglicherweise nicht allzu üppig ausfallende Absicherung. Somit zögerte auch ich lange - doch schliesslich siegte der Reiz dieses Projekts doch. Absolut zurecht, wie sich zeigen sollte!

Der Sektor Bigwall am Schlossberg mit dem Verlauf der Fusion (7b). Rechts davon befindet sich die berüchtigte Grüter'71.
Zum etwas abgelegenen Schlossberg bin ich schon in verschiedenen Modi angereist: per Pedes oder auch (besser bzw. zeiteffizienter) mit dem Bike durch das Surenental oder mit dem Ultraleicht-Gleitschirm. Mit einem Nichtflieger unterwegs sollte an diesem Tag wieder das Bike zum Einsatz kommen, wobei wir eine neue Anreisevariante ausprobieren wollten. Per Bahn ging's auf die Fürenalp (erst Fahrt um 8.00 Uhr von Juli-September, 13 CHF mit Halbtax plus 5 CHF fürs Bike). Von dort wartet ein cooler Traversen-Downhill zum Stäuber-Wasserfall im Surenental, von wo es noch die nächste Stufe zum P.1507 hinuntergeht. In nur 15 Minuten hatten wir die Wechselzone erreicht. Anstatt dem offiziellen Weg zur Spannorthütte wollten wir heute direkt der T4-Pfadspur der Wand ('Ortflue') entlang zum Einstieg gelangen. Hier geht's steil und effizient 600hm bergauf, für die Routen am Gendarm und am Bigwall ist dieser Zustieg sicher schneller, wie wenn man via Hütte geht. Um 9.30 Uhr, d.h. nach total 1:30h von der Fürenalp-Talstation waren wir am Einstieg. Mit einer sportlichen Pace schafft man diese Zeit (mit Bike) auch ohne die Fürenalp-Bahn. Mit dieser kostet's ein paar Fränkli, es spart aber Kraft und die 350hm Downhill machen mehr Spass wie die 350hm Uphill. Wie auch immer, make your choice! Um 9.45 Uhr stiegen wir schliesslich noch tief im Schatten des Berges ein - kalt war's an diesem Hitzetag überhaupt nicht. Nicht selten ist's hier aber wohl fröstelig, die Sonne erreicht den Einstieg auch im Hochsommer erst um ca. 13 Uhr.

Der Bike-Downhill von der Fürenalp ist gut befahrbar, auch für weniger Versierte und mit dem Kletterrucksack tauglich.
L1, 6b: An sich (und erst recht im Gesamtkontext) nicht allzu schwierig und auch relativ üppig mit BH gesichert. Trotzdem anspruchsvolle Kletterei mit rissigem Auftakt, wo man den ersten Cam bereits legt, wenn die Füsse noch auf Terra  Firma stehen! Später Querung in Wandkletterei, dann grooviger Riss, Grasband zu Stand in Zone in Quarzsandstein wie am Sanetsch - die Remys werden sich daheim gefühlt haben!

Marmor, Stein und Eisen bricht, aber hoffentlich diese super Hakenlasche nicht (es ist nicht das schlimmste Exemplar!)
L2, 6a: Rechtsquerung an die schöne Verschneidung. Es stecken nur 2 BH, der Rest muss und kann gut selber abgesichert werden. Argwohn verspricht einzig die aus einem ultradünnen Messerhaken hergestellte Alteisen-Lasche am ersten BH. Aber zum Glück ist's ja nicht so schwierig, insgesamt die einfachste Seillänge.

L3, 7a: Die steile Rissverschneidung oberhalb vom Stand geht gut: nicht allzu schwierig und auch gut abgesichert. Wie vermutet besteht die Crux der kleingriffigen Linksquerung in Wandkletterei. Prima Fels, gut gesichert, spannende Moves!

Zeigt den Charakter prima: lässige Rissverschneidung, dann die Crux in Top-Wandkletterei in L3 (7a).
L4, 7b: Gleich ein zügiger Auftakt, dann geht's in den Rissverschneidungen aber erstaunlich gut voran! Auch die erste Wandzone ist noch von gemässigter Schwierigkeit, erst ganz am Schluss folgt die Crux in sehr gut mit BH abgesicherter Wandkletterei. Wenn man den leichtesten Weg findet, so ist die 7b eher leicht zu haben. Wählt man den im Onsight logischen Weg, so passt der Grad schon - die Bemerkungen machen übrigens durchaus Sinn, wenn man die Stelle einmal geklettert hat ;-)

Full Gaz! Top-Wandkletterei in der Crux der Route (L4, 7b) - gescheit auf die Füsse stehen und Crimps durchziehen.
L5, 6c: Sehr lange und eindrückliche Rissverschneidung, die Böses vermuten lässt. Aber auch hier ist die Kletterei angenehm und vorerst auch gar nicht so schwierig. Gegen das Ende hin zieht es dann aber an und die Sache kulminiert in der Untergriff-Querung nach rechts und dem Klippen des Standes, der sich hier etwas im Niemandsland (kein No-Hand-Rest) befindet. Wobei es wegen dem Seilverlauf hier wirklich kaum eine Alternative gab/gibt.

13 Uhr, die Sonne kommt. Zeit zum Spielen, während Jonas in der Rissverschneidung von L5 (6c) fightet. So cool!
L6, 6b+: Anspruchsvoller, steiler Auftakt vom No-No-Hand-Rest-Stand weg - ein bisschen brüchig und gleich oberhalb vom Stand, besser die Sicherungsperson mit dem Zusatzbolt rechts aus der Schusslinie nehmen! Danach geht's etwas einfacher dahin, man soll dabei am rechten Riss bleiben! Schliesslich erreicht man die berühmte Langstrasse (diagonales Grasband) - Halbzeit!

L7, 6b+: Eine scheinbar plattige, kompakte Wand mit nur 2 BH - puh, das weckt einen Heidenrespekt! Aber es gibt keine Alternative, da muss man durch. Doch man glaubt es kaum, es lassen sich tatsächlich noch Sicherungen legen, so dass man hier zwar kühn aber vernünftig gesichert klettert! Eine fantastische Seillänge!

Kompakte Plattenwand mit nur 2 BH, aber es geht! Das ist L7 (6b+), unten die Langstrasse (Grasband).
L8, 6b: Neben L2 (6a) die einfachste Seillänge. Dem Riss entlang weiter und dann über Stufen auf ein grosses, überdachtes Band hinauf. Wenn der Nachsteiger da ist, muss man ca. 30m ans linke Ende des Bandes übersiedeln (gut begehbar, keine Sicherung nötig).

Rückblick auf das gut begehbare Band, auf welchem man nach L8 (6b) zum Start von L9 (6b+) quert.
L9, 6b+: Lange Seillänge mit leicht überhängendem Auftakt in griffiger Wand, dann der markanten Verschneidung entlang. Der Fels macht hier einen etwas blockig-mässig soliden Eindruck, aber eigentlich hält alles tiptop. Pumpige Sache, langsam beginnt man die Anstregungen zu fühlen.

Poweriger, überhängender aber recht gutgriffiger Auftakt in L9 (6b+), langsam eine Konditionsfrage!
L10, 6c: Die relativ kurze, aber kompakte, senkrechte Plattenwand stellt nochmals ein echtes Testpiece dar! Die Tropflochkletterei ist zwingend und recht anhaltend. Schon etwas dehydriert und kräftemässig ein bisschen angebrutzelt musste ich mich echt in den Hintern klemmen, um hier nicht noch den Onsight-Gesamtdurchstieg zu vergeigen. Am Ende des kompakten Teils linkshaltend über gebändertes Kraxelgelände zum Stand.

Dieses Mal den Kletterer auf der Bandquerung nach L10 (6c) noch erwischt. Das Foto wird der tollen Kletterei in dieser Länge nicht gerecht.
L11, 6b+: Auf einmal wartet der Schlossberg noch mit Plattenkletterei wie im Rätikon auf! Kurz vor dem Ende wartet hier nochmals ein richtiges Highlight! Nach einem noch gut machbaren Auftakt folgt in der Mitte kühne, fordernde Kletterei. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Tatsache, dass an einer Stelle nur gerade eine Schnürsenkel-Sanduhr zur Absicherung dient. Auch im Finish will die Linie gesucht und optimiert werden, die Bolts wurden hier eher weiträumig platziert. Sie stecken aber sinnvoll, d.h. die Absicherung ist ok und reasonably safe.

Auf einmal kommt Top-Plattenkletterei wie im Rätikon (L11, 6b+). Am oberen Bildrand übrigens die Spannorthütte.
L12, 6b: Diese Länge ist im Extrem Ost nur halbfett eingezeichnet, zudem steht auch in ziemlich allen Führern der Zusatz "brüchig". Naja, da war doch mal etwas in der Tsunami an den Wendenstöcken... aber mein Alpinistenherz lässt sich nicht abhalten und diese Seillänge wird natürlich auch noch angegangen. Der Auftakt spielt sich links in der Wand ab und ist gar nicht so übel, nachher geht's dann doch in die alpin anmutende Verschneidung hinein. Während diese erst noch recht gängig ist, wird sie oben überhängend-athletisch. Hat man diesen Abschnitt gemeistert, so geht's recht steil weiter und die soliden Griffe müssen tatsächlich sorgfältig ausgewählt werden. Insgesamt ist's aber schon in Ordnung, die Bolts stecken auf dieser Länge auch wieder dichter wie z.B. in L10 & L11 - es wäre definitiv schade gewesen, die Route nicht bis zum Ende zu klettern. Allerdings, während ich für den ganzen Rest der Fusion den Remy-Brothers wirklich eine gute Nase für die Linie attestieren kann, so hätte man im zweiten Teil von L12 einfach linkshaltend zum Grat ziehen können. Hier hätte es bis zuoberst schönen, soliden Fels und spannende Plattenkletterei gegeben. Wenn die Route einmal saniert wird, dann sollte man dies korrigieren.

Die letzten Meter zum Top (L12, 6b). Die Felsqualität ist hier definitiv nicht mehr Premium, aber es geht schon! Vor allem würde (im Aufstiegssinn) links an etwas unlogischer Position nochmals ein BH stecken. Mit diesem anstelle vom Cam im Bruch hätten sich der finale Abschnitt noch a bisserl entspannter geklettert, aber ich habe ihn erst beim Abseilen entdeckt.
Um 17.15 Uhr sind wir beide am Top und konnten der Fusion in 7:30h Kletterzeit eine der raren, erfolgreichen Begehungen abringen. Dies für mich im erst noch bestmöglichen Stil, alle Seillängen im Vorstieg onsight. Während die nominellen Schlüsselstellen schon recht weit unten kommen, so heisst es nachher doch noch eine ganze Weile durchhalten und im 6b+/6c-Gelände keinen Fehler mehr machen. Und wie man bestens weiss, kann einem selbst dieser Schwierigkeitsgrad in schon reichlich angebrutzeltem Zustand auf die Pelle rücken. Verstärkt wurde dieser Faktor für uns durch die am Nachmittag unerbittlich brütende Sonne und die Tatsache, dass deswegen die Getränkevorräte schon viel zu bald zur Neige gingen. Nun denn, am Top gab es nichts zu trinken, dafür mussten wir definitiv talwärts. Und das konnten wir mit gutem Gewissen tun, denn die Fusion hatten wir ja komplettiert. Allerdings zeigte der Blick nach oben auch, dass nach dem Überqueren des Diagonalbandes nochmals ca. 4-5 weitere, herausfordernde Seillängen möglich wären. Da hatten wohl selbst die sonst unermüdlichen Remy-Brothers für einmal die Schnauze voll gehabt...

Nochmals ein Shot von unterwegs, es ist die kühne L7 (6b+) von der Langstrasse weg.
Die Abseilerei (8 Manöver) geht in 45 Minuten zügig vonstatten, auch wenn man über die beiden Bänder zurückgehen muss. Sehr gut, so sind wir bald zurück bei unseren (inzwischen auch gut gewärmten) Getränkevorräten. Bald einmal machen wir uns aus den Weg zurück zu unseren Bikes. Leider haben die Munggen gefallen an meinem Sattel gefunden, während sie den von meinem Kletterpartner verschmäht haben... Naja, nach einem solchen Tourentag lässt sich das problemlos verschmerzen! In zügiger Fahrt sind wir um 19.30 Uhr zurück bei der Fürenalp-Bahn, d.h. der Rückweg nimmt total weniger als eine Stunde in Anspruch. Höchst zufrieden, aber mit einem gerüttelt Mass an Müdigkeit fahren wir heim. Ja, mit der Fusion hatten wir einen echten Knaller geklettert! Das war jetzt wirklich super gewesen - kaum zu glauben, dass eine solche Route nie Popularität erlangt hat.

Kogen Munggen! Vorsicht also bei Bike-Depot beim P.1507.


Facts

Schlossberg - Fusion 7b (6b+ obl.) - 12 SL, 400m - C. & Y. Remy 1994 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Camalots 0.3-3, evtl. Keile

Eindrückliche, auf weiten Strecken naturgegebene Linie durch den Bigwall am Schlossberg. Es warten viele Rissverschneidungen auf die Begeher, welche fast durchwegs mit griffigem Fels und Struktur für die Füsse auftrumpfen und darum genussreich und ohne Mühsal zu begehen sind. Verbunden werden diese Abschnitte mit ein paar Wandstellen, die dann meist Top-Kletterei an kompaktem Fels bieten. Ein paar schuttige Bänder sowie etwas loser Fels ganz am Ende gehören zu einer solchen Tour einfach dazu, sollten den Begehern aber keine grauen Haare wachsen lassen. Nachdem ich im Vorfeld zwar nur wenige, aber eigentlich nur abschreckende Statements zur Fusion gehört hatte, behaupte ich hier mit gutem Gewissen, dass die Route gut abgesichert sei. Die BH stecken in angemessener Zahl und sind sinnvoll platziert - etwas, was ich den Brüdern nicht in jedem Fall/Route attestieren kann, aber hier ist es ihnen wirklich sehr gut gelungen. Rein vom Material her ist's etwas ein Gemisch: teilweise stecken nur M8-Bolts (auch an den Standplätzen), teilweise weisen sie selbstgemachte Laschen aus alten NH auf und grösstenteils sind's verzinkte Anker und rostfreie Plättli (der Zustand ist aber 25 Jahre nach der Erstbegehung noch recht gut). Wir haben für die Begehung ein Doppelset Cams und einen Satz Keile mitgeführt. Bis auf wenige Abschnitte (z.B. die lange Rissverschneidung in L5) waren das zweite Set Cams und die Keile immer am Gurt des Nachsteigers. Daher bin ich der Meinung, dass man gut mit nur einem Satz durchkommt, welcher dann aber auch zwingend einzusetzen ist. "Notfalls" steckt auch in den Rissverschneidungen immer wieder einmal ein BH, von welchem man allenfalls backcleanen könnte. Topos und weitere Infos gibt's im Schweiz Extrem Ost, dem Outdoorführer Engelberg oder dem SAC-Kletterführer Zentralschweizer Voralpen Südwest. Am genausten und detailreichsten ist der Verlauf jedoch im Originaltopo, das in den 1990er-Jahren in einem Mammut-Faltblatt erschienen ist.

Originaltopos der Gebrüder Remy von einem Mammut-Faltblatt aus den 1990er-Jahren. Zu beachten: auf dem Topo steht zwar p=Bohrhaken Mammut M10. Das stimmt so nicht. Erstens ist p=#Sicherungspunkte, so zählt z.B. die Schnürsenkel-Sanduhr in L11 auch. Dann sind die Haken längst nicht alle M10 und dass Mammut je Bohrhakenlaschen aus ausrangierten NH hergestellt hat, wäre mir auch neu (siehe Foto oben).

Sonntag, 21. Oktober 2018

Schlossberg - Sens Unik (7a+)

Die Sens Unik ist eine Route, welche die Gebrüder Remy in den 1990er-Jahren in den rechten Wandteil am Schlossberg gelegt haben. Während es in der Anfangszeit ein paar Wiederholungen gab, ging sie bald darauf in Vergessenheit und in diesem Dornröschenschlaf steckt sie noch immer. Auch ich hatte sie lange Zeit nie ernsthaft in Erwägung gezogen, bis mir Sämi Speck einmal persönlich mitteilte, dass er hier 2015 im Rahmen einer sanften Sanierung eine teilweise direktere Linie fand und ein paar haarsträubende Passagen entschärft hatte. Die Kletterei beschrieb er als absolut lohnend. Grund genug, um selber einmal nachzuschauen! Wir wurden nicht enttäuscht: es wartet tatsächlich hervorragende, steile Kletterei in sehr gutem Gestein, man fühlt sich des Öfteren schon beinahe wie an den Wendenstöcken!

Routenverlauf der Sens Unik (7a+) am Schlossberg im unteren Wandteil
Der Zustieg an den Schlossberg ist nicht eben kurz, aber mit der richtigen Einstellung oder vereinfacht mit entsprechenden Gerätschaften doch auch rasch erledigt. Konkret heisst das, dass man mit einem Mountain Bike schon im Aufstieg etwas Zeit spart, während dann vor allem der Abstieg im Nu vonstatten geht. Weitere Vorteile bringt es natürlich mit sich, wenn man über ein elektrisiertes Bike verfügt. Eine andere Alternative besteht darin, die Kletterei am Schlossberg als Climb & Fly anzugehen. Sowohl unterhalb wie oberhalb der Hütte gibt's prima Startplätze, welche sich auch gut für einen Flug nach der Kletterei eignen. Auf diese Weise ist man in 15 Minuten vom Einstieg retour beim Auto, idealer geht's fast nicht. Für diejenigen, welche weniger auf naturnahe Fortbewegung stehen, gibt's offenbar auch noch die Möglichkeit, ein Fahrbewilligung bis zum Stäfeli zu organisieren. Hierzu kann ich keine weitere Auskunft geben, ich hatte das bisher nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Vielleicht mag's ja mal jemand mit dem entsprechenden Wissen als Kommentar hinzufügen.

Der Blick auf die gewaltigen Wände vom Schlossberg auf dem Zustiegsweg zum Stäfeli.
Unsere Tour begann um 7.30 Uhr beim Parkplatz Bründler auf 1170m. Die 5 CHF an Fahrgebühr von der Talstation der Fürenalpbahn noch zu investieren, lohnt sich auf jeden Fall. Ab hier bis an den Einstieg sind es ungefähr 900hm, die jedoch ziemlich rasch purzeln. So war der Zustieg in 1:30h erledigt. Nachdem wir uns vorbereitet hatten, ging es um ca. 9.30 Uhr los mit der Kletterei. Das heisst, dass wir noch im Schatten starteten. Die Sonne erreicht den Wandfuss bei der Sens Unik um diese Jahreszeit (Mitte August) erst ab etwa 10.45 Uhr Uhr und somit deutlich früher wie bei den Touren weiter links, z.B. bei der Jingo oder der Rittergold am Gendarm, wo dies erst um 12.30 Uhr der Fall ist. Am Schatten zu klettern war jedoch kein Problem, da es ohne weiteres genügend warm war - was wir bei der Planung natürlich entsprechend berücksichtigt hatten.

L1, 40m, 6a+: Ja, die Route führt tatsächlich durch das markante Kamin-/Risssystem hinauf, bei der Route in der Wand links handelt es sich um ein vielversprechendes, jedoch noch nicht fertiggestelltes Projekt. Im Remy-Originaltopo steht für diese Seillänge eine lapidare 5+ (französische Skala, entspricht dem neuartigeren 5c+). Im SAC-Führer Zentralschweizer Voralpen wurde diese Bewertung falsch zu einer 5b übersetzt. Wie auch immer, beide Angaben sind meines Erachtens deutlich zu tief. Die anhaltende Kletterei ist reichlich ungewohnt, das Gestein teilweise ziemlich glattgewaschen und auch mit den zusätzlichen BH ist's schlicht und einfach fordernd, weil man doch hier und da ziemlich über die Sicherungen steigen muss. Man kann jedoch hier und da noch Cams platzieren. Im Gesamtkontext der Route würde ich hier auf jeden Fall mit mindestens 6a+ bewerten! Seinen Spass wird man hier aber garantiert haben: Stemm-, Klemm-, Offwidth- und Wandmoves warten.

In L1 (6a+) wartet ungewohnte Kletterei an breiten Rissen in glattgewaschenem Gestein.
L2, 25m, 6b: Nun folgt die Route (zum Glück, obwohl oben noch NH sichtbar sind) nicht mehr weiter dem Kamin-/Risssystem, welches hier noch alpiner aussieht, sondern zieht nach links in die Wand hinaus. Hier wurde die Route wohl früher oder später abgeändert, wobei (für mich) nicht mehr nachvollziehbar war, wer wann wodurch geklettert ist. Jedenfalls kommt erst eine griffige Steilzone, dann eine glattgewaschene Platte, welche aber mit grossen Löchern gespickt ist, eine sehr originelle und lässige Kletterei. Eine kurze Crux erfordert etwas sorgfältigere Planung der Moves, aber die 6c gemäss dem nach der Sanierung aktualisierten Topo im Engelberg Outdoor Guide dürfte zu  hoch gegriffen sein: 6b reicht auch, in der ersten Länge war ich jedenfalls deutlich mehr gefordert.

Von oben sieht diese glattgewaschene Platte am Ende von L2 (6b) nahezu unmöglich aus, aber die Griffe sind versteckt.
L3, 35m, 6b+: Es folgt eine sehr schöne Wandkletterei an griffigem Fels. Im ersten Teil und ganz am Schluss warten steile Zonen mit athletischen Moves an Löchern und Leisten auf, aber insgesamt doch eine homogene und sehr genussreiche Sache. Hier passt m.E. der offizielle Grad von 6b+ tiptop.

Der Rückblick auf L3 (6b+) ist nicht so fotogen, umso cooler aber der Ausblick auf das Steilgelände von L4 (6c).
L4, 30m, 6c: Hier wird es richtig steil und eigentlich sieht's fast ein bisschen aus wie die Steilzone im oberen Teil am Pfaffenhuet, wo die Inuit und die Sternschnuppe drüber führen. Nachdem wir schon einiges an Vertrauen in den hier sehr griffigen Fels gefunden haben, vermuten wir hier vorwiegend Henkelgelände. So kommt's dann auch, trotz der beachtlichen Steilheit geht's hier ohne allzu grosse Schwierigkeiten in die Höhe. Einzig dem Ausdauerfaktor ist etwas Beachtung zu schenken, passt aber schon. Hier hilft es, die eine oder andere Sicherung zu verlängern, ansonsten kämpft man zum Schluss sicher mit argem Seilzug.

So sieht's von oben aus. Hammergeniale, athletische Kletterei an guten Griffen in L4 (6c).
L5, 25m, 6c: Nach links hinaus begibt man sich in luftiges Gelände. Während es vorerst noch sehr gute Griffe hat, spitzt sich die Sache später in einer anspruchsvollen Linksquerung zu. Hier ist der Fels für einmal nicht ganz so strukturiert wie sonst überall, so dass etwas Entschlossenheit und weite Züge an Seitgriffen und mit mässigen Füssen gefordert sind. Meines Erachtens klar die schwierigste Stelle im unteren Teil, hier ist die 6c-Bewertung sicher gut verdient. Man kommt dann zum Stand mit dem improvisierten Wandbuch. Hier zeigt sich: seit Sämi im 2015 saniert hat, war niemand mehr hier. Schon fast nicht zu glauben, wie sich anderswo an den Hotspots die Seilschaften in Schlange stellen und dann hier bei einer solchen Routenqualität keiner hingeht.

Äusserst luftige Kletterei mit einer feinen Crux am Ende von L5 (6c).
L6, 25m, 6a+: Eine Hammerlänge, die eine kühne Linie über die vermeintlich glatte und exponierte Platte wählt. Doch vorerst ist da ein griffiger Riss und an dem Punkt, wo dieser nichts mehr hergibt, tauchen in der Wand auf einmal perfekt griffige, positive Leisten auf. Super Moves in luftiger Position, wirklich genial! Danach einfacher auf den Pfeilerkopf hinauf.

L7, 50m, Gehgelände: Man ist nun auf dem grossen Geröllband angelangt, wo man mehr oder weniger nach Belieben herumspazieren kann. Etwas nach oben ausholend könnte man hier zum Beginn der Abseilpiste nach rechts queren (derzeit ist diese dank Farbmarkierungen gut auffindbar). Oder dann natürlich das tun, was man eigentlich zu tun hat, nämlich zum Beginn des oberen Wandteils aufsteigen. Es sei an dieser Stelle jedoch erwähnt, dass die letzten 4 Seillängen NICHT nachgerüstet wurden. Hier klettert man also noch mit der Originalabsicherung, d.h. der Charakter ändert sich markant und man trifft auf einige typische Remy-Seillängen nach altem Schrot und Korn (will heissen, die BH stecken kreuz und quer und wo es gerade so ohne geht, steckt nix). Die oberen Seillängen sind zwar durchaus noch lohnend, aber qualitativ nicht von derselben Güte wie die unteren.

Im Rückblick ist die genial zu kletternde L6 (6a+) leider nicht mehr fotogen, dafür hat man von hier einen guten Ausblick.
L8, 35m, 7a+: Unscheinbar bei einem kleinen blauen Farbklecks und einer verrotteten SU-Schlinge geht's los. Lange verbleibt die Kletterei moderat schwierig im 6a+ Gelände, die Crux kommt erst zum Schluss. Hier nun eben das Problem, dass der Haken zum Beginn der Cruxsequenz komplett verbohrt ausserhalb der Freikletterlinie im Schilf steckt. Der nächste steckt recht nahe und deutlich besser, wurde aber ganz bestimmt aus einer Trittschlinge gesetzt. Der Freiklettern wollende Wiederholer hat nun nur suboptimale Optionen: der verbohrte Haken muss massiv verlängert werden, dann muss mühsam in die Crux hinein manövriert werden, der besser steckende, technisch gebohrte Haken kann aus der Kletterstellung nur sehr erschwert geklippt werden. Diesen auszulassen ist jedoch auch keine Option, weil sich darunter eine Art Band befindet und man bei einem Sturz darauf krachen würde. Mir gelingt's, so wartet nur noch der abschliessende Runout zum Stand, der mit etwas kühlem Blut auch noch gut vonstatten geht. Trotz all dieser Kapriolen konnte ich hier (wie auf dem ganzen Rest der Route) onsight durchmoven. Mit den erschwerten Bedingungen passt die 7a+ im Gesamtkontext vielleicht schon, rein von den Moves her ist's eher einfacher.

Rückblick auf die nominelle Crux der Route in L8 (7a+) und die 'heady section' danach zum Stand hinauf.
L9, 40m, 6b+: Auf dieser langen und nirgendwo richtig einfachen Seillänge stecken nur gerade 4 Bohrhaken, d.h. hier muss man nun definitiv parat sein! Los geht's einem cleanen Riss entlang, wo man zwingend kleine Cams (naja, wer echt Vertrauen in diese hat kommt mit einem einzigen aus) legen muss. Dann etwas nach rechts und hinauf in die steile Wand. Vorerst hat's gute und positive Leisten, später wird's dann eher abschüssig und reibungslastig, zuletzt geht's entschlossen über ein kleines Dacherl hinweg. Die Hakenabstände von ~8-10m geben wenig Hinweise in Bezug auf die zu wählende Linie, v.a. weil der folgende Bolzen aus der Kletterstellung nicht in allen Fällen sichtbar ist. Aber wie (fast) immer geht's einfach da lang, wo's am einfachsten ist bzw. wo es zumindest nach der einfachsten Kletterei aussieht. Ich bin schliesslich froh, dass ich zumindest hier und jetzt mindestens gleich viel Mut und Kletterkönnen wie die Erstbegeher mitgebracht habe und ohne übermässige Vergeudung von Angstschweiss oder wahnwitzige Flugeinlagen die Standhaken einhängen kann.

Die allerletzten Meter von L9 (6b+) sind dann recht easy, da spielt's auch keine Rolle mehr, schon meilenweit über dem BH zu sein.
L10, 30m, 5a: Man schaut hinauf und fragt sich, soll ich das jetzt wirklich noch rauf?!? Das Gelände sieht wenig kompakt und etwas lose aus, die Schwierigkeiten sind deutlich tiefer und bis auf eine uralte SU-Schlinge sind keine fixen Sicherungen erkennbar. Sogar ich spiele hier mit dem Gedanken, diese letzte Länge nicht mehr zu klettern. Schliesslich setzt sich dann aber doch das alpinistische Credo durch, dass eine Route nur als geklettert gilt, wenn sie auch bis zu deren Ende geklettert wurde. Schlussendlich ist's dann gar nicht so schlimm, der Fels solider wie befürchtet, die Kletterei gar nicht so schlecht und nebst 2 Sanduhren finden sich tatsächlich auch noch 2 Bohrhaken.

Bald geschafft! Der Fels in L10 (5a) ist besser, als er von unten aussieht, aber es liegen ein paar lose Steine rum.
Dann ist aber wirklich fertig mit der Route, obwohl wir noch ganz, ganz weit vom Top des Berges entfernt sind. Vorerst würde nun eine Zone mit einfachem, schuttbedeckt-brüchigem Fels folgen, bevor (viel) weiter oben nochmals steile Wände stehen, welche wohl aber auch schlechte Felsqualität aufweisen. Aus dieser Optik (die Route endet sowieso irgendwo im Nirgendwo) ist die letzte Länge dann tatsächlich verzichtbar. Aber naja, das muss und jetzt nicht mehr kümmern, da wir 14.15 Uhr und damit nach 4:45 Stunden vergnüglicher Kletterei am letzten Stand stehen. In die Tiefe geht's abseilend: im oberen Teil sind 3 Manöver fällig, dann muss man das Seil kurz aufnehmen und die letzten 15m zum Beginn der Abseilpiste über die untere Stufe gehen. Diese befindet sich orografisch (d.h. von oben gesehen links!) vom markanten Kaminsystem, in welchem die Route startet. Mit 4 langen und steilen, ja teils freihängenden Abseilern sind wir im Nu zurück am Einstieg. Auf dem Rückweg stellen wir dann noch fest, dass es deutlich schneller und bequemer ist, den Graben vor der Wand gleich auf Höhe des Einstiegs zu queren. Im Aufstieg hatten wir dies viel weiter unten (auf der markierten Wegspur, die auch zu den anderen Sektoren Gendarm und Big Wall führt) gemacht und waren der Wand entlang ziemlich mühsam in etwas labilem Schutt traversiert - das ist entgegen den Angaben in der Literatur definitiv nicht die richtige Variante. Nach einem Vesper am Einstieg konnten wir es rollen lassen - erst im übertragenen Sinn auf dem Wanderweg, dann mit dem Bike in Richtung Tal, wo wir um 16.00 Uhr beim Auto eintrafen.

Facts

Schlossberg - Sens Unik 7a+ (6b+ obl.) - 10 SL, 340m - C. & Y. Remy 1994 - ***;xx-xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-1

Bei dieser Route handelt es sich um ein Mauerblümchen, aber definitiv um ein zu Unrecht vernachlässigtes. Vor uns war 3 Jahre niemand mehr am Berg und die tolle Kletterei in steilem, griffigem Hochgebirgskalk von meist sehr guter Qualität war ungenutzt geblieben. Es sei erwähnt, dass mit dem grossen (aber gut begehbaren) Geröllband von L7 der Schwung der Wand gebrochen wird, die letzten 3 Seillängen sind nicht mehr ganz von derselben Qualität wie der untere Teil. Der untere Teil wurde im 2015 nachgerüstet, dort darf man die Absicherung als sehr gut bezeichnen (Niveau xxxx). Das gilt auch für L1 mit ihren nominell tiefen Schwierigkeiten, doch aufgrund der ungewohnten Kletterei platziert man hier unter Umständen gerne noch den einen oder anderen Cam der Grössen 0.3-1 (oder allenfalls 2). Für den Rest vom unteren Teil braucht man hingegen keine Klemmgeräte mehr. Im oberen Teil trifft man noch auf die Remy-Originalabsicherung, welche von genügend (L8 & L10, xxx) bis spärlich (L9, xx) ausfällt. Zu Beginn von L9 braucht's auch zwingend kleine Cams (0.3-0.5) oder entsprechende Keile. Den Routennamen ('Einbahnstrasse') muss man übrigens nicht allzu wörtlich nehmen. Ein Rückzug ist wegen der Steilheit und dem teils querenden Verlauf sicher etwas umständlich, aber im Notfall sicher möglich, die Standplätze sind allerdings nicht dafür eingerichtet. Im Sommer wird der auf ~2100m liegende Einstieg ab ca. 10.45 Uhr von der Sonne beschienen, man muss also nicht besonders früh aufstehen. Aufgrund der nicht allzu langen Kletterei findet man sicher bis weit in den Herbst hinein ein genügend langes Fenster, um die Route an der Sonne klettern zu können. Wie bereits erwähnt ist ein Bike für den ersten Teil des Zustiegs sehr nützlich, alternativ kann man auch mit dem Gleitschirm wenige Minuten vom Einstieg entfernt tiptop starten (und trifft am Nachmittag i.d.R. auf gute Bedingungen). Einen Einblick ins Gebiet erhält man mit der Webcam auf der Fürenalp. Weitere Infos erhält man (womöglich) in der Spannorthütte, wo man natürlich auch nächtigen kann. (Nicht ganz so präzise) Topos zur Route und Infos zu den anderen Routen am Berg gibt's im Engelberg Outdoor Guide und im SAC-Führer Zentralschweizer Voralpen Südwest, eine Auswahl (die Sens Unik fehlt!) findet sich auch im Schweiz Extrem Ost. Alle diese Kletterführer sind z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich.

Montag, 8. Juni 2015

Schlossberg - Jingo (6c)

Der Schlossberg, ganz hinten im Engelberger Tal bereits auf Urner Kantonsgebiet gelegen, bietet ein gutes Dutzend an modernen, alpinen Sportklettertouren. Die meisten von ihnen wurden in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre durch die Gebrüder Remy erschlossen. Grosse Berühmtheit und Beliebheit erlangten die Routen nie. Irgendwie liegt der Berg etwas abseits, zudem scheint der Zustieg gemäss den Angaben in der Literatur für eine Tagestour zu weit und die WSW-Exposition auf über 2000m schränkt die Anzahl an möglichen Klettertagen weiter ein. Obwohl ich schon seit jeher einmal gerne dorthin wollte, habe ich es nun auch erst nach über 20 Jahren das erste Mal geschafft.

Ein fantastischer Tag bricht an im Engelberger Tal. Sicht auf die Spannort-Gruppe.
Tja, eine MSL-Route hätte ich dieses Jahr schon länger gerne einmal geklettert. Doch der regnerische Mai und zahlreiche Verhinderungsgründe machten diese Wünsche bisher zur Makulatur. Auch für dieses Weekend war die Lage lange unsicher, doch schliesslich einigten wir uns auf einen 2-Tages-Trip mit Familie und Zeltübernachtung in Engelberg. Somit beginnt die Geschichte von dieser Tour bereits am Samstag im beliebten und familientauglichen Klettergarten Schlänggen. Um das Material für Versuche in Zollo del Lächel (7c+) zu installieren, musste ich den Strammen Bolzen (7c) hoch. Sinnvollerweise klettert man dann möglichst kraftsparend von Haken zu Haken... doch weil ich mich gerade fit fühlte und erst oben ans Limit kam, stieg gleich sauber durch. Fürs Selbstvertrauen war das super, für die Ticklist eher weniger: für den Zollo blieb danach nämlich nicht mehr genügend Kraft übrig. Aber man klettert ja nicht nur für die Liste, sondern auch für den Spass an der Freude. Und die war schon gross, der Stramme Bolzen war anno 2008 meine allererste 7c gewesen und diese nun ruckzuck im Alzheimer-Onsight raufturnen zu können war den Effort schon wert. Macht ja durchaus Freude, einen Fortschritt zu erkennen, erst recht in meinem Alter... ;-)

Grashangsteigen gehört zum Alpinklettern auch mit dazu.
Nachdem die Gewitter in der Nacht auf Sonntag nicht allzu heftig waren und daher die Nacht im Zelt geruhsam ausfiel, starteten Mr. Basti und ich nach einem Familienzmorge an der Sonne um 8.30 Uhr mit freiem Ausgang bis um 16.00 Uhr. Wohin des Weges? Ursprünglich hatte der Wetterbericht ein wechselhaftes Menü angekündigt, mit Gewittern die schon früh am Tag auftreten würden. Doch jetzt war ein kristallklarer Tag angebrochen, mit stahlblauem Himmel und idealen Bedingungen. Da wollten wir uns nicht lumpen lassen, und eine Route am Schlossberg probieren. Mit dem Auto ging es, eine Taxe von 5 CHF bezahlend, bei der Talstation der Fürenalpbahn für einmal noch weiter, bis zum wegen Fahrverbot obligatorischen Parkplatz unterhalb vom Leitistein (ca. 1200m). Rasch wurden die Rucksäcke geschultert und die Schuhe geschnürt - auf die Plätze, fertig, los!

Die Westwände am Hinter Schloss / Schlossberg (3133m) im Engelberger Tal. Auch eine coole Skitour, übrigens!
Zügig marschierten wir auf der Fahrstrasse ins Tal hinein zum Stäfeli (1393m). Für dieses Teilstück würde ein Mountain Bike (v.a. in der Abfahrt) einen weiteren Zeitgewinn bringen, diese hatten wir allerdings aus logistischen Gründen nicht mitnehmen können. Auf 1500m verlässt man die fahrbare Piste und steigt auf dem Hüttenweg gegen die Spannorthütte hinauf. Die Literatur schlägt zum Zustieg an die Schlossberg-Wände den Weg via die Hütte vor. Uns schien es hingegen direkter und zeitsparender, den Hüttenweg vor der zweiten Runse auf 1770m zu verlassen und direkt die Grashänge zum Einstieg hinaufzusteigen. Das Gelände ist weglos, lässt sich aber gut begehen (ca. T4+) und stellt eine Abkürzung dar. Bereits nach 1:20h sportlichem Gehen hatte ich die 900hm bis zum Einstieg gemeistert. So waren wir dann um 10.15 Uhr kletterbereit - noch immer tief im Schatten, die Sonne erreicht den Einstieg dieser nach WSW ausgerichteten Wandpartie selbst im Juni erst um 12.30 Uhr. Es war aber windstill und die Temperaturen sehr angenehm, somit kein Problem. Ich kann mir aber schon gut vorstellen, dass man hier bei ungünstigen Bedingungen doch auch ziemlich schlottern kann. 

Basti unterwegs in den Grashängen vom direkten Zustieg zur Wand. 
Uns blieben folglich noch 5:45 Stunden für 7-8 Seillängen Kletterei, Abseilen und Abstieg. Somit fokussierten wir uns auf die etwas einfachere Jingo (6c) und liessen die ebenfalls ins Auge gefasste Espio (7a) links liegen. Sowieso, sich zum Saisonauftakt ein gutes Gefühl zu holen und die erste MSL-Route sauber, zügig und souverän onsight durchzusteigen ist auch wichtig. MSL-Klettern ist nämlich zu einem wesentlichen Teil auch Kopfsache, das darf man nicht unterschätzen. Und auch wenn beide Routen im Vergleich zu unserem Sportkletterniveau "einfach" sind, so gelten bei plattiger Hinsteh-Kletterei, tricky Balance-Moves oder Gegendruck-Risskletterei deutlich über der letzten Sicherung einfach andere Massstäbe als bei der ideal gesicherten, Schlänggen-Kletterei an allesamt markierten Griffen und Tritten. So genug philosophiert, hier folgt eine Beschreibung der einzelnen Seillängen.

Vista vom Einstieg (oder so...). Schöne Blicke auf den Chli Spannort und den Titlis sind garantiert.
L1, 35m, 6a+: Kurzer Auftakt in Wandkletterei, dann über ein grasiges Band zum wesentlichen Teil. Das ist ein steiler und markanter Doppelriss, welcher in athletischer Kletterei bezwungen wird. Hier stecken auf den ersten ca. 8m bei ungünstigstem Sturzgelände keine BH. Man kann aber gut Friends platzieren, nur einfach vertrauen muss man ihnen...

Yours truly in der Crux der recht anspruchsvollen L1, 6a+.
L2, 20m, 6b: Steile Kletterei dem nun weiter auseinander liegenden Doppelriss entlang. Hier wurden im Zuge der Sanierung 2008 drei zusätzliche BH hinzugefügt, wofür man durchaus dankbar ist. Sonderlich gut war diese Stelle nämlich nicht absicherbar, dünkt es mich. Die Crux dann oben, wo man den Riss nach links auf die Platte hinaus verlässt.

Steile Risskletterei mit plattiger Crux am Ende in L2, 6b.
L3, 20m, 6c: Steilplatten-Kletterei, die auch einige griffige Schuppen und Gegendruck-Passagen aufweist. Klettert sich elegant und schön. Die Crux ist ein feingriffiges One-Move-Wonder direkt am BH an die nächste Henkelschuppe. Fand ich eher problemlos für die angegebene 6c.

Da habe ich ihn gerade im Crux-Move der ganzen Route erwischt: L3, 6c.
L4, 35m, 6a+: Wiederum ein steiler Auftakt mit athletischer Risskletterei. Auch hier wurden zusätzliche BH angebracht, den einen oder anderen Cam sollte man trotzdem platzieren. Danach wird es ein bisschen einfacher, bleibt aber anhaltend, zudem will auch der Weg ein bisschen gesucht werden. Zuletzt markant nach links zum Stand.

Athletische Risskletterei, schwerer und steiler wie es hier aussieht, zu Beginn von L4, 6a+.
L5, 35m, 6a+: Wie gehabt ein Auftakt in athletischer Risskletterei, wo man ebenfalls wieder froh um die Zusatz-BH ist, denn gut selber absicherbar war das bestimmt nicht. Nach ungefähr 10m lässt's dann etwas nach, weiter oben wartet dann noch eine knifflige Stelle in einem v-förmigen Kamin, welche vor der Sanierung und dem jetzt steckenden BH bestimmt sehr heikel war - bei einem Sturz wäre man erst 5m aufs Bödeli (dort BH) runtergeknallt, um dann ins steilere Gelände zu purzeln...

Basti folgt in der erwähnten, noch recht kniffligen v-förmigen Kaminverschneidung von L5, 6a+.
L6, 35m, 5b: Auftakt an sehr schönen Wasserrillen, dann über ein paar geneigte Meter zum schönen Doppelriss. Spreizen mit den Füssen, Jammen mit den Händen, echt genial und super Fels. Die Schwierigkeiten dünkten mich jetzt deutlich höher wie 5b, im Vergleich zum Rest könnte man hier jetzt durchaus auch 6a geben. Ist alles andere als banal.

Sicht auf die letzten beiden Seillängen. Hier Basti in L6, 5b, die ich jedoch eher mit 6a/+ bewerten würde.
L7, 35m, 6a: Auch wenn links ein BH der 6c-Länge von Espio lockt, geht es direkt die Verschneidung hinauf, obwohl keine fixen Sicherungen im Blickfeld sind. Es kommen dann aber doch noch 3 BH. Die Kletterei echt hammermässig, der Fels ist super, schön strukturiert und so turnt man in der steilen Verschneidung mit grossem Genuss empor. Kaum zu glauben, dass diese irre steile Linie so einfach zu haben ist.

Geniale Turnerei in der Abschlussverschneidung. L7, 6a.
Oben angekommen, quert man noch 10m nach rechts hinaus zum Stand und Wandbuch. Alternativ kann bestimmt auch der Stand der Nachbarroute Rittergold benutzt werden, der sich beim Ausstieg quasi vor der Nase befindet. Um 13.30 Uhr sind wir nach 3:15 Stunden vergnüglicher Kletterei oben und können im Wandbuch blättern. Seit der Sanierung im Jahr 2008 und damit 7 Jahren sind erst gerade 9 Seilschaften vorbeigekommen, wobei es sich dabei einige Male auch noch um den Hüttenwirt mit jeweils einem Gast gehandelt hat. In den 15 Jahren zwischen Erstbegehung und Sanierung gab es bestimmt eine noch tiefere Begehungsfrequenz. Obwohl uns weder das Wetter noch unser Zeitbudget zur äussersten Eile antreiben, brechen wir doch bald wieder auf. In 5 Manövern erreicht man abseilend wieder den Einstieg, wobei nach dem ersten Abseiler ein routenunabhängiger Abseilstand zu nutzen ist (gut aufzufinden, schon im Aufstieg gut sichbar). 


Zu dumm nur, dass wir weiter unten den Vorsprung auf unseren Zeitplan wegen einem unachtsamen Seilverhänger preisgeben. Bald einmal sehen wir ein, dass Schwingen und Zerren nichts nützen wird, und nur das Schnüren der Kletterfinken weiterhilft. Ich habe dann die Wahl, die Jingo-Cruxlänge erneut zu klettern, oder mit der links davon gelegenen Espio-Länge (6c) noch ein paar neue Meter kennen zu lernen. Ich entscheide mich dann für das letztere. Achtung: entgegen der Angaben in den neusten Kletterführern wurde die Route Espio (7a) definitiv nicht saniert! Hier kann man sich auf der gesamten Route nach wie vor an der Remy-Originalabsicherung testen, oder vielleicht auch ärgern. So stecken z.B. in der 6c der Espio bei anhaltenderen Schwierigkeiten dann halt nur 3 statt 5 BH wie in der Jingo nebenan, wobei der eine auch noch ungünstig mitten in der Crux steckt und die 6c deshalb auf jeden Fall zwingend ist. Aber naja, mit 2x tief durchschnaufen war dieser kleine Test für die Psyche auch gemeistert, bald darauf das Seil befreit und wir zurück am Wandfuss. 

Aufgrund von einem Seilverhänger gibt's noch Extrameter in L3, 6c der Nachbarroute Espio.
Nachdem nun 15.00 Uhr bereits vorbei war, musste nun doch noch ein Eilmarsch ins Tal erfolgen, um unser Zeitlimit einzuhalten. Im Abstieg gingen wir an der Hütte vorbei. Das macht sicherlich Sinn, die weglosen Grashänge abzusteigen braucht bestimmt mehr Zeit. Nach etwas Geröllsurf und einem kurzen Grüezi in der Hütte ging es dann joggend den Hüttenweg runter und vom Stäfeli talauswärts. Auf der kurzen Autofahrt konnten wir gerade unsere Schweisstropfen abtrocknen, um dann rechtzeitig bei unseren Familien einzutreffen. Der Plan war perfekt aufgegangen, die Tour super und die Kletterei sogar besser wie im Vorfeld erwartet. Was will man noch mehr - logo, vielleicht eines der härteren Testpieces an diesen Wänden angehen - das dann jedoch an einem anderen Tag. Ich war bestimmt nicht das letzte Mal hier!

Geröllsurf in Richtung Spannorthütte und dann im Laufschritt retour zu den Familien...
Facts

Schlossberg - Jingo 6c (6a+ obl.) - 7 SL, 220m - C. & Y. Remy 1993 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-1, evtl. Keile 4-9.

Schöne, abwechslungsreiche Kletterei an Rissen, Verschneidungen und ein paar Plattenstellen. Die Felsqualität ist durchgehend gut, nur auf den Bändern liegen hier und da ein paar lose Steine rum. So lange aber niemand sonst klettert oder abseilt, stört das nicht weiter. Konkurrenz muss man jedoch kaum befürchten, da sich im Schnitt nicht viel mehr wie 1-2 Seilschaften pro Jahr in diese Route verirren. Seit der Sanierung im Jahr 2008 kann man die Route als gut abgesichert bezeichnen. Sämtliche Schlüsselstellen sind gebohrt und es warten keine harten Stellen oberhalb der letzten Sicherung. Trotzdem sind punktuell noch mobile Sicherungen zu platzieren. Hierfür empfand ich ein Set von kleinen und mittleren Cams als ausreichend. Klemmkeile wären zwar einsetzbar, haben wir jedoch nicht als nötig empfunden. Als obligatorischer Grad dürfte 6a+ in etwa passen, man bedenke aber, dass es sich dabei um steile Risskletterei nach alpiner Kalibration handelt, und nicht um eine soft bewertete Klettergarten- oder Hallenroute an Henkeln. Generell empfand ich die Seillängen bis und mit 6a+ als eher fordernder wie erwartet, v.a. die 6c der Crux ist dann hingegen eher ein Einzelzug und gutmütig obendrein. Planungshilfe: die Sonne erreicht den Einstieg nicht vor 12.30 Uhr.