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Mittwoch, 23. Oktober 2013

Zuestoll - Millenium (7b)

Dieses Jahr war ich schon einige Male am Zuestoll auf Besuch, zuerst in der Solitaire, und zuletzt in der Quiero Thierry. Eigentlich bevorzuge ich die Abwechslung und liebe die Vielfalt der verschiedenen Massive, so dass ich mir gerne etwas Zeit lasse, bevor ich wieder ans selbe Ort zurückkehre. Doch die Möglichkeit, mit der anspruchsvollen Millenium die schwerste und eine der letzten mir unbekannten Routen am Zuestoll zu klettern, war dann doch zu verlockend. Auf ein neues ging es also auf ins Toggenburg.

Blick vom Rüggli in Richtung Palisnideri, der Schnee im Aufstieg war kaum hinderlich.
Obwohl vom ersten Oktoberschnee noch Resten vorhanden waren, zogen wir den kürzeren Zustieg von Norden vor. Es war etwas unklar, wie hinderlich die weissen Flecken noch wären, doch schliesslich liess sich alles auch gut in leichtem Schuhwerk passieren. In gemütlichem Tempo erreichten wir um etwa 10.00 Uhr den Einstiegspfeiler. Bereits waren einige Seilschaften am Werke und weitere waren im Anmarsch. So hielten wir uns nicht lange auf, kletterten den bestens bekannten Vorbaupfeiler, die für den Grad knifflige 6a-Länge der Alten Süd, um dann mit einer weiteren 4c-Traverse in Lotterfels den Start der eigentlichen Millenium zu erreichen.

SL 1, 6b+, 50m: Schöne, aber anspruchsvolle Steilplattenkletterei. Die erste Hälfte ist gut abgesichert, dann folgt eine etwas 'spooky' Passage an einem Dach, welches ziemlich hohl tönt. Die Steine bleiben zum Glück alle an Ort (und die sich guten Mutes in Schusslinie aufhaltende Seilschaft unbehelligt...). Die obere Hälfte der Seillänge weist dann zünftige Abstände auf und die Bolts wollen alle sehr ehrlich angeklettert sein (xx).

Auf geht's. SL 1 (6b+) von Millenium gibt gleich den Tarif durch. Sie ist anspruchsvoll und recht weit gesichert.
SL 2, 6b, 30m: Durchschnittliche Seillänge mit athletischem Start zu einer schönen Tropflochpassage, gefolgt von einem etwas splittrigen Aufschwung und einer 15m-Schrofenpassage zum Stand unter dem markanten Dach. Während der Start tiptop gesichert ist, sind dann auf der einfacheren zweiten Hälfte der Länge keine Sicherungen mehr vorhanden.

Schrofenpassage zum Ende von SL 2 (6b). Zum Glück ist der Fels meist solide hier.
SL 3, 7a, 45m: Absolut geniale, steile Wandkletterei in super Fels. Nach dem recht gutmütigen Dach zu Beginn warten erst griffige Schuppen und Querleisten, bevor dann gegen Ende hin noch anspruchsvolles Tropflochgelände wartet. Die für den Grad nicht überaus harte Crux ist obligatorisch zu meistern, etwa 1-2m links auf gleicher Höhe des Bolts, mit zünftigem Runout danach.

Das Dach zu Beginn von SL 3 (7a) ist cool, lässt sich aber gut überwinden. Die Crux folgt erst viel später in dieser Länge.
SL 4, 6c, 35m: Schöne Seillänge mit einer kurzen Problemzone: der etwas splittrige Wulst vor dem zweiten Bolt ist jetzt nicht das Gelbe vom Ei, zumal der sehr hoch steckende Haken mühsam anzuklettern und einzuhängen ist. Nach dem dritten Bolt dann mal scharf rechts abbiegen, einem Riss folgen (Camalot 1), zuletzt dann noch eine ziemliche Psychostelle mit ein paar gewagten Bewegungen 3m über der letzten Sicherung.

Unterwegs in SL 4 (6c). Wäre da nicht dieser etwas splittrige, unfreundlich geboltete Wulst im Weg...
SL 5, 6c+, 40m: Toller Start mit sehr schöner, nicht allzu schwerer Wandkletterei zum Dacherl hoch. Dieses bietet die Crux, welche sich gewusst wie ziemlich flott überwinden lässt. Nach einer einfacheren, plattigen Zone folgt ein kurzes Intermezzo mit leicht splittrigem Fels. Sicher sinnvoll, dass hier noch ein zusätzlicher Bolt platziert wurde, welcher diese nochmals knifflige Stelle besser absichert.

Suuuper Kletterei zum Start von SL 5 (6c+). Das Dacherl mit der Crux ist bereits in Sicht.
SL 6, 7b/+, 30m: Sehr fordernde Seillänge in gutem, aber nicht besonders kletterfreundlichem Fels. Der Start entlang des Risses klettert sich markant weniger einfach, wie man von unten denken würde. Richtig schwer ist's dann erst danach, eine griff- und trittarme Passage mit wenigen Rauhigkeiten stellt sich in den Weg und will in einer Linksschleife obligatorisch geklettert werden. Zuletzt dann ein Riss (Camalot 0.75-1) und ein Runout zum Stand, unerwartet rechts halten hilft...

Dani punktet SL 6/7 (beide 7b) in einer einzigen 50m-Länge. Saubere Sache, das Verbinden aber mässig empfehlenswert.
SL 7, 7b/+, 20m: Extrem technische Seillänge an gutem, scharfem Fels. Mit an Zauberei grenzenden Moves gewinnt man eine kleine, scharfe Untergriffschuppe. Dann noch zwei-, dreimal kräftig und trittlos an scharfen Kratzern dranbleiben, schliesslich kommt dann die Rettung in Form eines Henkels. Mit ein paar einfacheren Moves über die Garschella-Formation erreicht man die Kante und das Ende der Route.

Die harte und fordernde Route hat etwas Zeit gekostet, so dass wir erst um etwa 15.45 Uhr nach total rund 5.5 Stunden Kletterei oben sind. Den Fussabstieg haben wir ob dem verschneiten Nordrücken verworfen, er wäre gut möglich gewesen. Um zu unserem Material auf dem Einstiegspfeiler zurückzukehren könnte man auch gut über die Tour abseilen. Wir machen uns aber auf den Weg zum Gipfel. Die herbstliche Stimmung geniessend warten wir auf das Damen-Team aus der Alten Süd, und seilen dann mit den 60m-Seilen in 5 Manövern zügig über die Solitaire ab. Einige Besucher hat sie schon empfangen dürfen - leider hat sich der Bleistift aus der Wandbuch-Dose verabschiedet, so dass das Journal wohl nicht ganz à jour ist. Wer eine Begehung der Route plant, der möge doch einen Stift deponieren, herzlichen Dank!

Abseilen über Solitaire, das geht super! Im Vordergrund SL 7 (6b), oben im Steilgelände dann SL 8 (6c).
Facts

Zuestoll - Millenium 7b/+ (7a obl.) - 10 SL, 340m - Maag/Locher/Neeser 1998-2001 - ****; xx-xxx
Material: 10 Express, Camalots 0.5-1 (evtl. 2)

Anspruchsvolle alpine Sportklettertour in meistens sehr gutem, senkrechtem und mit Tropflöchern garniertem Fels. Zwei, drei etwas splittrige Intermezzi und eine 15m-Schrofenpassage mindern den Genuss kaum. Die Absicherung kann als knapp genügend bezeichnet werden. Wirklich heikle und gefährliche Stellen sind wohl rar, dafür sind immer wieder technisch fordernde Stellen zwingend und einiges über dem Haken zu meistern.

Herbststimmung an den Churfirsten, einfach eine geniale Sache!
Wissenswertes

Bis auf die letzten beiden Längen konnte ich alles gut klettern und würde die vorgeschlagene Bewertung unterstützen - ausser in der Startlänge, die man wohl auch als 6c werten könnte. Die beiden Cruxlängen (ein Zwischenstand wurde eingerichtet und wird sinnvollerweise genutzt, ansonsten Seilzug und technisch heikle Kletterei ohne jede Sichtverbindung, abgeschnittene Kommunikation mit dem Nachsteiger, etc.) fand ich hingegen sehr hart. In der ersten der beiden konnte ich nach etlichen Stürzen die auch für den Zweiten voll obligatorisch zu kletternde Passage meistern. Ob dem Bogen, den man an jener Stelle klettern muss, kann leider Seilzug von oben keine Unterstützung leisten, sie hindert nur. In der zweiten Schlüsselpassage fand ich auf die Schnelle keine für mich kletterbare Lösung.

Freeclimbing oder nicht, das ist hier die Frage. In SL 3 (7a) ist es noch gelungen...
Um die obigen Angaben etwas in Relation setzen zu können: am Tag darauf war ich auf der Galerie und konnte dort Routen in den Graden 6c+/7a/7b+/6c/7b+ im (teilweise Alzheimer-)Onsight klettern. Das ging mir doch um Welten einfacher von der Hand, trotz grundsätzlich nicht unähnlicher Art der Tropflochkletterei. Somit würde ich schliessen, dass man den Millenium-Längen jetzt locker auch 7b+ geben kann. Erwähnt sei aber auch, dass der Erstbegeher sogar nur 7a+ propagiert hat, und mein Seilpartner, welcher die Millenium rotpunkt geklettert hat, den Grad von 7b für durchaus passend hält. Man bilde sich sein eigenes Urteil! Noch ein PS: im Wandbuch habe ich seit der ersten Komplettbegehung am 22.7.2001 bis dato nur gerade 9 Wiederholungen gezählt.

Datum der Fertigstellung der Route und (für meinen Geschmack zu tiefer) Bewertungsvorschlag des Erstbegehers.
Mich hat es verblüfft, dass wir in der Millenium an mehreren abgeschlagenen Dübeln und leeren Bohrlöchern vorbeigeklettert sind. Oft an entscheidenden Stellen, wo eine zusätzliche Sicherung jetzt ziemlich angenehm gewesen wäre. Oder dann ist zB auch beim gemäss Topo fünften BH in SL 2, welcher einst in der Schrofenzone noch für etwas zusätzliche Sicherheit gesorgt hat, nur noch der abgebrochene Dübel vorhanden. Waren da Vandalen am Werk? Wohl kaum. Oder hat man irgendwann nach dem Einrichten die Absicherung wieder etwas ausgedünnt und alles nicht 'zwingend nötige' wieder abgeschlagen?!? Wurden in den leeren Bohrlöchern gar etwa 'removable bolts' eingesetzt?!? Das wissen die Götter, wir auf jeden Fall haben uns gewundert.


Nähere Informationen zu den Routen am Zuestoll inklusive einem Topo findet man im Schweiz Extrem Ost. Auch auf megusta.ch, der Seite von Thomas Wälti, gibt es etliche Topos zum Download. Ich habe mir erlaubt, sein Topo zur Millenium noch mit den letzten 2 Seillängen zu ergänzen. Hier kann man es als PDF downloaden. 

Samstag, 5. Oktober 2013

Zuestoll - Quiero Thierry (7b)

Schon seit Jahren war sie auf meiner Projektliste, die Quiero Thierry. Nachdem ich nun meine Solitaire hatte abschliessen können und sich Dani (der Erstbegeher der hier beschriebenen Route) die erste Wiederholung gesichert hatte, war die Reihe an mir. Ob dem angesagten Regen-Weekend fanden Hans und ich die Gelegenheit, ein kurzes Wetterfenster zu nützen. Voller Zuversicht brachen wir auf, trotz einer kompletten Begehung kehrten wir etwas ernüchtert über unsere Fähigkeiten zurück. Hier kommt die Story, die erklärt warum das so war...

Herbststimmung an den Churfirsten. Trotzdem oder eben gerade deswegen war es ein voll gediegenes Tägli...
Wie üblich starteten wir eine Zuestoll-Tour beim Stall auf Langlitten P.1579. Am schnellsten ist es sicher, wenn man sich gleich hier komplett aufschirrt. In 20 Minuten erreicht man nämlich das Rüggli, wo man bei geplantem Fussabstieg seinen Rucksack sowieso zurücklassen müsste. Nach 45 Minuten sind wir in der Palisnideri, in weiteren 10 Minuten am Einstieg. Wir beobachten noch einige Basejumper, die sich am Hinterrugg in die Tiefe stürzen und klettern um 10.00 Uhr los. Die Zuestoll-Wand haben wir an diesem Tag komplett für uns alleine, prima!

SL 00, 40m, 3a: der übliche, bestens bekannte Vorbau, wie für (fast) alle anderen Zuestoll-Routen auch.

SL 0, 55m, 6a+: vom Vorbau steigt man nach links und folgt für eine Seillänge der Alten Süd. Die Schlüsselstelle ist gar nicht so einfach, da muss man bereits ein erstes Mal sauber antreten. Danis Topo empfiehlt, den Stand der Alten Süd auszulassen und gleich weiter nach links an den Stand von Millenium zu klettern. So mache ich das, allerdings würde ich wegen Seilzug und der Tatsache, dass 50m-Seile zu kurz sind, das nächste Mal sicher den Stand der alten Süd benutzen und diese Teilstrecke in zwei aufteilen.

Rasenmäher mitnehmen könnte nicht schaden. Hans folgt in SL 0, 6a+.
SL 1, 35m, 6c+: nun geht es noch mehr, d.h. eine weitere, komplette Seillänge nach links. Der Beginn dieser Länge ist noch eher rustikal, d.h. mässiger Fels, dafür auch nicht schwer. Nach dem zweiten BH geht's dann aber los. Der Fels ist kompakt, gespickt mit genau den kleinen Grifflein und Trittlein die es braucht. Sehr homogene Schwierigkeiten warten, die Absicherung ist für Vor- und Nachsteiger gut, es ist eine Superlänge! Der Anspruch ist für Vor- und Nachsteiger wohl etwa gleich: an entscheidender Stelle eher am Anfang geht's etwas runter, was den Vorsteiger durch den Seilzug bevorteilt, am Schluss dann ist's wohl für den Vorsteiger wegen sich negativ auswirkendem Seilzug etwas fordernder.

Im grossen Quergang, erst geht's etwas runter, am Schluss dann wieder rauf: SL 1, 6c+.
SL 2, 30m, 6c: vom luftigen und ausgesetzten, aber eher unbequemen Stand klettert man den ersten BH an und dann wartet gleich eine psychische Crux. Sehr feingriffig und -trittig will die folgende Stelle obligatorisch überlistet werden, der Pendler beim nicht unwahrscheinlichen Sturz betrifft die Sicherungsperson wohl mit. Ich traue mich nicht und schicke Hans vor, der die Stelle in kühner Manier am Limit packt, Chapeau! Ein klarer Fall von 6c obligatorisch, psychisch anspruchsvoll obendrein - für mein Dafürhalten sogar auch klettertechnisch schwerer wie der Quergang. Danach geht's erst etwas einfacher dahin, bevor man nach dem dritten BH vor der Frage steht: links in der kompakten Wand klettern, oder rechts, im etwas unsicher-grasigen Fels, dafür deutlich einfacher? Zum nächsten BH sind es nämlich etwa 7-8m Distanz, und so wählen wir den rechten, einfacheren Weg. Wie ich jetzt im Nachhinein weiss, wäre die Idee hier aber links in der Wand zu klettern was "nicht schwierig" sei. Doch damit nicht genug, nach Einhängen des nächsten BH wartet dann nochmals eine obligatorische Stelle, immerhin noch relativ nahe beim Haken. Danach geht's dann etwas einfacher aber anhaltend weiter, zum letzten, ziemlich unangenehm anzukletternden BH sind's nochmals 5m... ab da zum Stand ist's dann aber Formsache.

Tütato, Runauto! SL 2 (6c) ist psychisch ziemlich fordernd. Der Abstand vom letzten BH zum Stand ist übrigens kurz und easy...
SL 3, 30m, 6b: eine tolle, athletische Seillänge mit mehreren Aufschwüngen, insgesamt deutlich einfacher wie die beiden zuvor. Die Absicherung kann man als gut bezeichnen, zuletzt muss allerdings zwingend ein Camalot 2 unter der Untergriffschuppe platziert werden und dann erst kommt die Crux. Direkt geklettert ist der letzte Aufschwung nicht ohne, vor allem auch weil oberhalb zwar erst noch einige mässige Aufleger warten, dann aber auf dem Band nur noch Gras und etwas Lotterfels, woran man sich Aufrichten müsste. Ich fand schliesslich 3m rechts eine bessere Möglichkeit. Und Achtung, auf dem Band dann deutlich nach links zum Stand queren, nicht in der Neuen Süd (die hier denselben Bohrhakentyp aufweist) hochklettern.

Schöne, athletische und gut gesicherte Kletterei in SL 3 (6b).
SL 4, 30m, 6b+: super Seillänge mit bester Felsqualität. Vom Stand weg in Wandkletterei hoch, bis man sich der Linie der Neuen Süd nähert. Ich wähle dort den einfachsten Weg etwas rechtsrum, gedacht sei's in ganz direkter Linie über die Bolts, vermutlich wartet dort auch die klettertechnisch schwerste Stelle. Zuletzt dann über den schönen Pfeiler hoch, die Absicherung ist prima und so macht es mir richtig Spass. Für meinen Geschmack war das die einfachste und problemloseste Seillänge bisher, und sie sollte es bis zum Ende der Tour auch bleiben.

Erneut eine Superlänge durch das graue Meer: SL 4 (6b+).
SL 5, 30m, 6b+: steil geht's gleich hoch, die gemäss Topo "dröhnende Schuppe" ist halb so wild und macht uns keinen Kummer. Nach diesem griffigen, prima gesicherten Auftakt wird das Gelände mehr und mehr plattig, die Kletterei nicht mehr so schön und die Abstände immer weiter. An einer Stelle müssen auch 5m über dem BH noch unangenehme 6b-Hinsteh-Moves gezogen werden, psychisch sehr anspruchsvoll und bei Nichtbeherrschen mit einem sehr unangenehmen Sturz verbunden. Womöglich könnte man links in die einfachere Grasrinne auskneifen, um die Stelle zu meistern. Im Vergleich zum Rest der Tour wurde hier ein BH zu wenig gesetzt, finde ich.

Das Ende von SL 5 (6b+) ist eher etwas rustikal. Der Anfang schön, und in der Mitte wartete ein ziemlicher Runout.
SL 6, 40m, 7b: im ersten Viertel sehr schöne Plattenkletterei mit noch gemässigten Schwierigkeiten. Im nächsten Abschnitt wechselt es dann zu steiler Tropflochkletterei à la Schweizereck. Wirklich schön, für 6c+ allerdings nicht gerade billig, die Absicherung prima. Ich komme bis dort, wo die Originalroute links abzweigt und sich ein Zwischenstand befindet. Der Übergang in die Direktvariante beinhaltet ein paar zwingende Züge in splittrigem Fels und an zweifelhaften Schuppen. Wohl nicht so schwer, aber unangenehm. Hans übernimmt ab hier und müht sich technisch über die eigentliche Crux hoch. Hier stecken die Bolts nahe, so dass die Schwierigkeiten nicht obligatorisch sind. Erst zum Schluss warten nochmals ein paar Freikletterzüge, die aber gut gehen. Nach der kurzen Splitterzone in Mitte der Seillänge ist der Fels danach wieder besser, wenn auch nicht restlos überzeugend oder gar wirklich schön.

Start in die Cruxlänge (7b). Hat rein optisch etwas von der Blauen Lagune, die Route geht auch wirklich durch den blauen Streifen.
SL 7, 20m, 6a: eigentlich eine kurze und wie man vom Grad her meinen könnte problemlose Überführungs-Seillänge. Als ich dann bei der Crux allerdings 3x ansetzen muss, um die heikle Stelle zu überwinden verliere ich ziemlich endgültig das Vertrauen in die Route und meine Fähigkeiten am heutigen Tag. Allerdings muss man auch sagen, dass die Absicherung mit bloss einem einzigen BH doch ziemlich spärlich ausgefallen ist, und die Sache wegen dem lottrig-grasigen Fels durchaus gewisse Ansprüche stellt.

SL 8, 40m, 7a+: nachdem wir uns ins Wandbuch hatten eintragen können wollten wir uns nicht lumpen lassen und auch noch diese letzte Seillänge bezwingen. Wer es einfacher haben möchte, könnte auf dem Band auch nach rechts queren und den Ausstieg der Neuen Süd wählen. Anyway, ich packe es an, der erste BH will angeklettert werden - es ist nicht schwer, aber brüchig. Danach ist der Fels aber super und es geht volle Kanne los, die Crux wartet: erst hat es noch einige Leisten, dann nur noch schlechte Seitgriffe und das Hauptproblem ist, die Füsse über das kleine Dächlein zu stellen. Wir haben beide keinen Plan, wie man die Stelle freiklettern könnte und scheitern deutlich. Danach bleibt es vorerst noch anhaltend, mit der inzwischen bewährten Taktik "Hängen und Würgen" und dank zwei vom Erstbegeher angebrachten Zusatzbolts geht's gerade. Bis zum vorvorletzten BH geht das so weiter, dann bremst mich eine weitere Psycho-Stelle (ca. 7-8m Hakenabstand, bei anhaltender, heikler und fusstechnischer 6bc-Kletterei) zusammen mit einer gehörigen Portion Seilzug aus. Also ist wieder mal ein Zwischenstand fällig, Hans kommt nach und zittert sich über den Psycho-Abschnitt zum nächsten Bolt, bald danach erreicht er den Ausstieg.

Doch noch am Top angekommen. Die Inversionslage über dem Seeztal hervorragend sichtbar.
Sauberem Teamwork sei Dank schaffen wir es also doch noch nach oben. Inzwischen ist schon 17.30 Uhr vorbei, wir haben also gegen 8 Stunden gebraucht. Kein Wunder bei einer solchen Kampfbegehung. An Style und Souveränität hat es heute ganz eindeutig gefehlt aber was soll's, die Route ist vom ersten bis zum letzten Meter begangen, und das ist es erst einmal was zählt. Wir gehen zum Gipfel, melden unsere verspätete Heimkehr und halten uns dann nicht lange auf. Zügigen Schrittes steigen wir über den Nordrücken ab und sind bald retour im Langlitten.

Facts

Zuestoll - Quiero Thierry 7b (6c obl.) - 10 SL, 340m - Dani Benz et al. 2003-2006 - ****; xxx
Material: 12 Express, Camalot 2

Alpine Sportklettertour durch den linken Teil der Zuestoll-Südwand, welcher mit einem langen, eindrücklichen Einstiegsquergang erreicht wird. Die Route bietet viele Seillängen in schönem grau-rauem Fels mit prima Reibung. Ein paar brüchig-grasige Stellen hat es wohl, sie beschränken sich jedoch auf ein Minimum. Die Absicherung fällt meist gut aus, gerade im plattigen 6bc-Gelände gibt es aber auch einige wenige, fordernde Stellen, die Kühnheit, Fusstechnik und eine robuste Psyche fordern.

Wissenswertes

Die Route wurde bisher nicht oft begangen. Seit der ersten Rotpunktbegehung der heutigen Route mit der direkten Crux gab es genau 4 Begehungen, wovon 2 noch auf den Erstbegeher fallen. Somit können wir uns also als dritte Wiederholer der Tour rühmen. Spannend zu wissen wäre natürlich noch, wie viele Anwärter in den psychisch fordernden Plattenstellen abgeblitzt sind.

Die Route ist ähnlich schön wie die anderen reinen Sportkletter-Routen am Zuestoll und man kann die 4* sicher vergeben. Für mich persönlich kommt sie punkto Schönheit dennoch einen Tick nach Touren wie Zauberspiegel, Chico Mendez und Solitaire. Andererseits ist sie aber sicher schöner wie Patriot, und deutlich besser wie Allerheiligen und Baustop, bzw. die Alte und Neue Südroute und erst recht als Tippel Tappel. Kleine Abstriche in Sachen Schönheit gibt es wegen ein paar wenigen Stellen, die nicht Premium-Fels aufweisen. Während dies in einigen leichteren Abschnitten nicht gross stört, ist in der Quiero Thierry leider auch die Cruxlänge davon etwas betroffen.

Wie bereits erwähnt ist die Route solide abgesichert. Der Cruxlänge, der wirklich schwere Teil der letzten Länge und der Einstiegsquergang verdienen sogar xxxx. Den Rest würde ich zumeist als solides xxx einstufen, leider aber gibt es ein paar Stellen, die aus diesem Raster fallen. Die zweite, der obere Teil der fünften und der Schluss der letzten Länge sind eher nur xx, und dies bei anhaltenden Schwierigkeiten bis zum Grad 6c. Wer das im plattig-diffizilen Hinstehgelände nicht auch 2-3m über dem letzten Haken noch draufhat, wird unter Umständen Mühe habe, die Tour überhaupt hochzukommen.

An Material sind nur 12 Express und ein Camalot 2 nötig. Das im Topo angegebene Placement am Ende von SL 3 ist ziemlich unverzichtbar und jenes am Ende von SL 8 auch sehr praktisch. Ansonsten kann man Friends und Keile aber so gut wie gar nicht einsetzen, insbesondere die Runouts im Plattengelände lassen sich auch mit einem grösseren Rack nicht entschärfen. Dieses kann also für diese Tour getrost zu Hause bleiben.

Nochmals eine Impression aus dem Einstiegs-Quergang (SL 1, 6c+), eine der besten Seillängen der Route!
Fazit

Mir persönlich hat die Tour nicht so grossen Spass bereitet. Der Hauptgrund liegt darin, dass ich gar nie in einen rechten Kletterflow gekommen bin. Die Ursache ist darin zu suchen, dass ich den Anforderungen am Tag x schlicht und einfach nicht genügend gewachsen war, vor allem jenen in psychischer Hinsicht. Mehr und mehr hat mir dann auch das Vertrauen in mich selbst, die Route, den Fels und die Absicherung gefehlt, und beim Start in jede Seillänge war im Hinterkopf schon der Gedanke präsent, an welcher Stelle ich wohl nun wieder scheitern werde. Tja, da habe ich einfach einen richtig schlechten Tag erwischt. Gut MSL zu klettern erfordert eben doch auch ein gewisses Training, und auf diese Weise war ich nun doch schon etliche Wochen nicht mehr unterwegs. Folgendes will ich aber trotzdem noch loswerden: obwohl ich die angegebenen Schwierigkeiten nicht für falsch halte, ist die Route trotz gemäss Topo ähnlichen Anforderungen wie die auf diesem Blog kürzlich beschriebene Via Priz in den Dolomiten eine ganz andere Schuhnummer - irgendwie etwa 2 Grössen mehr.

Topo und Summary

Das aktuellste Topo der Route kann man hier downloaden. Achtung, im Internet geistern auch noch einige ältere Versionen herum, wo ein paar Details nicht mehr ganz korrekt sind. Aufhören will ich hier mit einer Kurzbeschreibung aller Seillängen - vielleicht ist das nach dem langen Geschreibsel zuvor mehr als nötig.

SL 00, 3a: easy Vorbaupfeiler, grasig und Lotterfels
SL 0, 6a+: besser in zwei Längen teilen, erste Hälfte ok, zweite grasig und Lotterfels
SL 1, 6c+: super Quergang, für Vor- und Nachsteiger gut gesichert und ähnlich schwer
SL 2, 6c: schöne Kletterei, super Fels. Weitere Abstände, psychisch anspruchsvoll
SL 3, 6b: athletische Kletterei, gut gesichert. Crux am selber zu sichernden Wulst
SL 4, 6b+: sehr schöne Kletterei in grauem Topfels, gut gesichert und ohne Runouts
SL 5, 6b+: erst steil, griffig und gut gesichert, dann plattig mit einem massiven Runout
SL 6, 7b: erste Hälfte 6c+/7a in prima Fels, dann schwer & splittrig aber gut gesichert
SL 7, 6a: Übergangslänge mit einem schweren Zug, mässiger Fels, eher spärlich gesichert
SL 8, 7a+: meist super Fels, erst hart & gut gesichert, oben nur noch ca. 6c aber psychisch

So, nun gehet und wiederholet! Die Route lohnt ganz sicher einen Besuch!

Mittwoch, 21. August 2013

Zuestoll - Solitaire (7a, 10 SL, Erstbegehung)

Hinweis vom 14.6.2021: Der Deckel der Wandbuchdose hat leider das Zeitliche gesegnet (das Buch selber ist z.Z. noch intakt)! Vielleicht ergibt es sich ja, dass jemand eine neue Dose oder einen Deckel mitnimmt. Material könnte bei mir bezogen werden, bzw. ich kann Infos geben was in die Verankerung passt (--> mdettling@bluewin.ch). 

Die 7 Churfirsten zwischen Walensee und Toggenburg sind mit ihrer pultartigen Struktur ein besonderes und einprägsames Gebirge. Den Kletterer sprechen dabei natürlich die steilen Südwände an. Es handelt sich um ein landschaftlich sehr eindrückliches Gebiet, das fantastische Tiefblicke offeriert. Auch wenn der Fels leider nicht an allen 7 Gipfeln von bester Qualität ist, so finden sich dennoch zahlreiche lohnende Kletterfahrten. Der Gipfel in der Mitte, der Zuestoll, bietet dabei die schönste und homogenste Wand. Seine steilen Routen in meist hervorragendem Kalk werden oft begangen und können punkto Erlebniswert und Kletterei mit Wendenstöcken und Rätikon mithalten.

Die Zuestoll-Südwand nimmt dabei in meiner Kletterkarriere einen besonderen Platz ein. Schon früh wurde ich in den eher abenteuerlichen Tippel Tappel mitgenommen, bald darauf war die Chico Mendez meine erste, steile alpine Sportkletterroute im Grad 7a. Jahr für Jahr statteten wir der Wand unsere Besuche ab, so dass ich eine um die andere Route kennenlernen konnte. Ein für mich wichtiges Kapitel konnte ich anno 2009 mit der Rotpunkt-Begehung der Chico Mendez abschliessen. Dafür aber ging auch ein neues auf: die Idee für eine Neutour durch den zentralen Teil der Wand hatte sich nach und nach herauskristallisiert. Allerdings dauerte es dann doch noch bis im Frühling 2011, bis ich der Sache auf den Grund ging. Beim Abseilen über die Wand, unter Benützung bereits vorhandener Stände, konnte ich mich von der Qualität und Machbarkeit der Linie überzeugen. Zum Haken setzen bin ich an diesem Tag nicht mehr gekommen, doch 2 Tage später wurde das Projekt gestartet.

Die Südwände von Brisi (links) und Zuestoll (rechts). Bild von HBT @ hikr.org.
Einerseits aus der Überzeugung heraus, hier genau meine Linie in meinem Stil erschliessen zu wollen, andererseits in Ermangelung an geduldigen und alpintauglichen PartnerInnen, die hier nur zum Sichern mitkommen wollten, reifte die Idee, die Route im Alleingang einzurichten. Das mag verwegen tönen, ist aber schliesslich halb so schlimm. Selbstverständlich wird dabei seriös gesichert - dank doppelter und dreifacher Redundanz ist das Risiko in diesem Stil womöglich sogar geringer als in Seilschaft. Zu meinem Vorteil war natürlich die Tatsache, die aktuelle Vortriebsstelle jeweils bequem vom Gipfel her kommend erreichen zu können, und so auch bereits Kenntnis über den weiteren Verlauf bzw. Rhythmus und Schwierigkeiten der Route zu haben. Gebohrt wurden die Haken im selbstgesicherten Vorstieg, zumeist aus der Kletterstellung, eher selten einmal unter Zuhilfenahme eines Cliffhangers.

Nochmals ein Blick auf die ebenmässige Zuestoll-Südwand. Fantastisches Klettergelände!
Mit Anfahrt, Zustieg und den ganzen Seilmanövern war mein Vorankommen natürlich höchst eingeschränkt und es gelang mir kaum, an einem Tag mehr als eine Seillänge zu erschliessen. Und wie es dann so geht, mit anderen Prioritäten, Projekten und Schlechtwetter zog die Zeit ins Land. Über 2¼ Jahre verstrichen schliesslich, bis ich die letzten Haken einbohren konnte. Schon tags darauf wurde dann zur Rotpunkt-Begehung geschritten. Unsere Freunde Manuela & Basti wollten parallel die Alte Süd begehen. Nach zweimaligem Besuch von Grosseltern, um alle Kinder in Obhut zu geben, wurde es schliesslich 11.15 Uhr, bis wir am Einstieg bereit waren. Ich war natürlich super gespannt, die ganze Tour einmal komplett und relaxt mit bereits montierten Bohrhaken begehen zu können. Andererseits spürte ich auch einen gewissen Druck, ja keine Fehler zu machen. Schliesslich kommt man hier oben nicht alle Tage für einen Rotpunkt-Versuch vorbei, und um in den Seillängen zweite, dritte und vierte Go’s anzubringen war die Zeit knapp, denn ich wollte ja meine Freunde nicht warten lassen, zudem waren für den Abend auch einige Schauer angesagt.

Routenverlauf mit Schwierigkeitsgraden
SL 1, 40m, 3a: der Vorbau ist den meisten Südwandrouten gemeinsam. In etwas grasigem, nicht immer zu 100% solidem Fels geht es hinauf auf den Pfeiler. Während man hier früher mit 1 BH und 1 NH auskommen musste, stecken seit den Sanierungen der Südwandrouten nun 5 BH, so dass es deutlich weniger herb ist.

SL 2, 25m, 6b: nach wenigen noch etwas rustikalen Metern geht es los. Erst steile Kletterei an Löchern und sonstigen coolen Griffformen, welche auf eine Platte überleiten. Die Reibung dort hervorragend, so dass man sich auf kleinen Noppen, Löchlein und Leistlein höher schieben kann. Hier dürften je nach Talent für solche Kletterei ziemliche unterschiedliche Bewertungen ausfallen. Schwerer wie 6b nach Plattenmassstäben ist’s aber kaum.

Kompakte Plattenkletterei in SL 2 (6b).
SL 3, 20m, 7a: vom Stand weg hinauf einem Riss entlang, der durch die Platte zieht. Nach einem Rastpunkt an dessen Ende zieht man an Untergriffen anstrengend nach rechts hinaus, die Füsse per Gegendruck auf der Platte. Mit zwei, drei weiten Moves leitet man die entscheidende Passage über den Wulst hinauf ein, an ein paar Seitgriffen und mit guter Fussarbeit wird er überwunden. Ich denke, dass diese SL eine leichte 7a sein könnte, womöglich ist es auch nur 6c+, vermutlich aber nicht sehr onsightfreundlich.

In der Crux von SL 3 (7a)
SL 4, 20m, 6c: nach kurzem Auftakt wartet ein 1m-Dach: ist der Henkel einmal gefunden, bietet es sich ideal zum Cliffhanger-Stunt an. Dabei aber nicht zu viele Kräfte verschiessen, denn es wartet nochmals eine knifflige Stelle. Nach dem nächsten BH klettert man nicht in die etwas unschöne Verschneidung hinein, sondern links hinaus auf die Platte (den nächsten BH kann man nur von dort klippen, die Kletterei ist auch nicht schwerer!). Zuletzt ein athletischer Wulst und kurze Querung nach links. In Summe gibt das 6c, oder vielleicht auch nur 6b+?!?

Am 1m-Dach in SL 4 (6c), die optimale Stelle für eine Cliffhanger-Pose
SL 5, 30m, 6b+: vom Stand weg wasserzerfressenen Fels nützend hoch, dabei ist bis unters erste Dach hoch eine knifflige Stelle zu überwinden. Dann griffig über dieses Dach hinweg und unter den nächsten, steilen Wulst hoch. Hier die athletische Crux, gewusst wie geht die gar nicht schlecht, sie hat aber auch Sackgasse-Potential. Hat man diese Stelle geschafft, geht es in gerader Linie weiter, nochmals steil aber gutgriffig und für einmal etwas kühner. Ich schlage 6b+ vor, unter Umständen mit Tendenz zu mehr.

Kathrin folgt im oberen Teil von SL 5 (6b+)
SL 6, 25m, 6c: einige einfache Meter führen zum schmalen Band, wo die 'Alte Süd' gequert wird. Danach geht's gleich zackig-athletisch los, in der leicht überhängenden Wand benützt man erst Seit- und Untergriffe, danach eine Rissspur in der seichten Verschneidung. Zuletzt dann eine kleine Zusatzaufgabe in bestem Fels nach links hinaus - wäre doch schade, wenn man hier ins Gemüse der 'Alten Süd' auskneifen würde, möglich wäre es aber. Durchaus etwas fordernd, daher Vorschlag 6c, solide.

Bester Fels in SL 6 (6c), der Stand dann auf einem bequemen Grasband.
SL 7, 35m, 6b: hier ist man nun auf der Höhe der 'fantastischen grauen Mauer' der Chico Mendez. Und diese Seillänge 10m daneben ist wohl (fast?!) ebenso gut. Die Kletterei hier für einmal von eher technischer Natur und nicht besonders kraftraubend. Könnte man auch als 6a+ bewerten, wenn da nicht die coole Stelle am letzten BH wäre. Man kann sie vermutlich (weniger schön!) links umgehen, was ich aber nicht empfehlen würde.

Super Kletterei in SL 7 (6b), Kathrin klettert hier die finale Crux dieser Länge so wie es gedacht ist.
SL 8, 35m, 6c: es wartet eine stark überhängende, athletisch-ausdauernde Passage. Erst grossgriffig, dann an Untergriffen und entlang von einem griffigen Riss gewinnt man an Höhe. Nach kurzem Verschnaufen nochmals kurz steil, dann mal fein und schliesslich erstaunlich einfach rechts der Chico-Mendez-Cruxzone vorbei. Ganz am Schluss in einfacher Kletterei nach rechts an den Stand, hier auf 2-3m nicht ganz bombiger Fels. Vermutlich eine solide 6c.

Unterwegs in SL 8 (6c). Bis auf die allerletzten Meter eine geniale Seillänge.
SL 9, 40m, 6b: nicht nur zum Stand hin, auch vom Stand weg ist der Fels über ein paar Meter nicht von bester Qualität, aber doch griffig, genügend solid und problemlos. Aber bald ist's wieder einwandfrei. Über einen Henkel-Wulst hinweg gewinnt man schliesslich die Verschneidung, wo es einfacher dahin geht, bevor zum Schluss noch eine senkrechte Platte wartet. Die einfachste Linie grüsst hier kurz den 'Patriot', man kann es aber auch direkt klettern.

Kurz vor dem Ausstieg in SL 9 (6b), die Tiefblicke zum Walensee sind fantastisch!
SL 10, 25m, 5b: zum Gipfel ist es nun nicht mehr weit, und rechtshaltend über Schrofen (T6, 3a) wäre man auch bald da. Direkt voraus ist aber auch noch ein Wändchen aus dem Kalksandstein der Garschella-Formation. Dieses ist jetzt nicht superduper, aber meiner Meinung nach dennoch eine nette, gut kletterbare Länge und damit der lohnendste Weg, um zum Gipfel zu gelangen.

Zum Schluss noch das Wändchen über die Garschella-Formation: SL 10 (5b)
Um 16.15 Uhr hatten wir den Gipfel erreicht. Das mit der Rotpunktbegehung hatte bestens geklappt :-), somit war das Projekt bis auf das Zeichnen des Topos und das Schreiben des Berichts abgeschlossen. Nach einem Vesper hielten wir uns nicht lange auf und machten uns auf den Fussabstieg über den Nordrücken, die Kinder warteten ja schliesslich schon auf uns.

Facts

Zuestoll - Solitaire 7a (6b obl.) - 10 SL, 295m - Marcel Dettling 2011-2013 - ****; xxxx
Material: 10 Express, Keile und Friends nicht nötig

Tolle alpine Sportklettertour mit direkter Linie zum Gipfel, die sehr gut und vollständig mit Inox-Bohrhaken abgesichert ist. Es überwiegt steile, griffig-athletische Kletterei bei homogener Schwierigkeit, plattige Passagen sind rar. Der Fels ist generell rauh, griffig und von bester Qualität. Das Topo zur Route kann man hier downloaden.

Ab sofort kann man sich auf den Weg in die Solitaire machen!
Wissenswertes

  • Zustieg: den Einstieg erreicht man am besten von der Palisnideri, d.h. dem Sattel zwischen Zuestoll und Brisi, indem man auf exponierten Bändern horizontal durch die Wand quert (T5, 15min ab Palisnideri, die heikelsten Stellen sind mit BH und Fixseilen ausgerüstet). Zur Palisnideri gelangt man über nicht bzw. nur teilweise markierte Bergpfade entweder von Süden, d.h. Schrina Hochrugg P.1290 (T5, 75-90min) oder bequemer von Norden, d.h. von Langlitten P. 1579 auf der Alp Selamatt (T4, 45-60min, 10 CHF Taxe für die Zufahrt per Auto).
Die Querung über die Bänder zum Einstieg ist krass exponiert, aber gut gesichert und daher eigentlich problemlos.
  • Abseilen über die Route: ist problemlos möglich! Es geht sogar mit nur 1x70m-Seil, allerdings muss dann jeder Stand benützt werden. Mit 2x60m-Seilen gelangt man hingegen in nur 5 gestreckten Manövern (Stände 10/8/6/4/1) wieder zurück zum Einstieg. Natürlich kann man auch mit 2x50m-Seilen wieder über die Route zum Einstieg gelangen, allerdings ist dann je nach Alter bzw. Länge/Dehnbarkeit des Seils und der Bereitschaft dieses bis zum letzten Zentimeter auszunützen die Nutzung von weiteren Standplätzen notwendig.
  • Andere Abseilstrecken: falls in der Route noch Gegenverkehr herrscht, so empfiehlt sich natürlich die Benutzung einer anderen Abseilroute. Dafür existieren gleich mehrere Möglichkeiten: 1) direkt vom Gipfel via Chico Mendez und einige separate Abseilstände (Topo), 2) etwa 15m westlich vom Gipfel im Bereich der Route Zauberspiegel (Topo) und 3) gibt es natürlich noch viele weitere 'Freestyle'-Möglichkeiten, die zahlreichen Standplätze in der Wand zu einer Abseilroute zu kombinieren.
  • Taktik: für die meisten ist der Zugang von Norden am schnellsten und bequemsten. In diesem Fall kann man das Gear gleich beim Parkplatz montieren, läuft zum Einstieg, klettert inklusive der Zustiegsschuhe durch die Wand und steigt dann über den Wanderweg auf dem Nordrücken ab. Oder: doch einen Rucksack/Haulbag für Schuhe/Kleidung etc. mitnehmen und am Hilfsseil aufziehen, was in der steilen Wand gut möglich ist. Nachsteigen mit schwerem Rucksack ist in dieser steilen Route jedenfalls sicher wenig genussvoll. Steigt man von Süden her zu und muss nach dem Klettern zurück zur Palisnideri, so ist es am schnellsten und bequemsten, am Einstieg ein Depot zu machen und über die Wand abzuseilen.
Anstatt abzuseilen, kann man auch gemütlich über den Nordrücken zurück in Richtung Selamatt wandern.
  • Vergleich zur Chico Mendez: jene Route ist ja der Sportkletterklassiker in der Wand, ist sicher vielen bekannt und verläuft gleich nebenan. Felsqualität und Kletterei sind in der Solitaire ebenbürtig, die Absicherung einen Tick besser. Die Schwierigkeiten sind in der Solitaire homogener im 6bc-Bereich, während man in der Chico Mendez auch über längere Teilstücke im Bereich 6ab klettert. Zudem ist die Solitaire steiler und athletischer, was sich auch in der Crux auswirkt: die 7a der Solitaire ist für viele bestimmt deutlich zugänglicher als die kleingriffige Balance-Schlüsselstelle der Chico Mendez.  
  • Die hier vorgeschlagenen Bewertungen sind der Konsens von 4 Personen: neben meiner selbst sind dies Kathrin, und das erste Wiederholerteam Dani/Ilja. Während ich 190cm bin, ist Dani <170cm, Kathrin und Ilja sind beide knapp 180cm. Die Bewertungen haben natürlich nicht den Anspruch, zu 100% korrekt zu sein. Trotzdem sei gesagt, dass wir alle +/- zur gleichen Einschätzung kamen. Es ist übrigens so, dass Dani die Route problemlos onsight klettern und auch alle Bohrhaken gut einhängen konnte - dies nur um allfälligen Kommentaren in Richtung Körpergrösse vorzubeugen.
  • Mein Tourenpartner Hans hat einen schönen Bildbericht zur 5. Begehung der Route geschrieben. Er beschreibt zwei Ausbrüche, welche meiner Meinung nach dem Faktor 'Pech' zuzuordnen sind. Der Fels ist in diesen zwei Seillängen (wie auch im ganzen Rest der Route, mit Ausnahme der kurzen, einfachen Zone bei Stand 8) sehr kompakt, und Ausbrüche sind auch ohne jegliche Vorsichtsmassnahmen beim Klettern sehr unwahrscheinlich. Den erwähnten Griff in SL 2 habe ich übrigens nie benutzt - ich denke, die einfachste Sequenz an jener Stelle kommt ohne diese Schuppe links aussen aus. 
  • Der erwähnte Bericht von Hans hat dann einen anonymen Schreiberling dazu veranlasst, auf gipfelbuch.ch einen negativ gefärbten Eintrag zu verfassen, welcher ohne jede Grundlage ist. Der dort erwähnte Versuch hat mit allergrösster Wahrscheinlichkeit nie stattgefunden. Folgende Indizien sprechen dafür: a) von der Erstbegehung bis zum Tag des Eintrags gab es genau 3 Tage mit trockenem, für den Zuestoll tauglichem Wetter. An jedem dieser Tage war eine Seilschaft in der Solitaire unterwegs, welche mir danach Bericht erstattet hat. Der abgebrochene Versuch wurde nie beobachtet. b) hätte der Autor die Route Zauberspiegel tatsächlich begangen, dann wüsste er, dass dafür weder Friends noch Keile nötig sind, bzw. überhaupt erst eingesetzt werden können. Brauchte man diese früher noch für den Ein- und Ausstieg über die Neue Süd, sind sie seit deren Sanierung nun vollkommen obsolet. c) befinden sich natürlich weder im Gipfel- noch Wandbuch Hinweise auf die erwähnte Zauberspiegel-Begehung. Mein Fazit: es handelt sich um einen Eintrag, der frei erfunden wurde, jeder Grundlage entbehrt und nur verfasst wurde, um mir ans Bein zu treten.  
Kreuzungspunkt mit der Alten Süd, das Timing ideal für den Handshake!
Topo

Das ausführliche Topo mit allen Detail-Informationen steht hier als PDF-Download zur Verfügung: klick!



Hiermit wünsche ich allen Wiederholern viel Spass! Ich freue mich natürlich über jede gelungene Begehung der Route!!!

Montag, 10. Juni 2013

Än Schuss in Ofä...

Normalerweise mache ich ja nicht viel Wind um meine Projekte. Aber nachdem jenes am Zuestoll schon bereits im Kletterführer enthalten ist, fühle ich mich hin und wieder eines Zwischenberichts schuldig. Obwohl, ganz generell gilt die einfache Regel, dass solange an dieser Stelle nichts gegenteiliges darüber berichtet wird, die Route noch nicht fertig und kletterbar ist. 

Der miserable Frühling 2013 erlaubte bis fast Mitte Juni auch kein Vorrücken in die Zuestoll-Südwand. Doch nachdem endlich ein sonniges Wochenende anstand, wollte ich zur Tat schreiten. Die Zufahrt auf die Sellamatt ist inzwischen schneefrei, was hingegen vom Zustieg nicht behauptet werden kann. Bis hinauf aufs Rüggli schleppte ich meine Sherpa-Ladung (36kg, habe zuhause nachgewogen) über immerhin recht gut begehbaren Altschnee. Der Pfad über den Nordrücken hinauf zum Gipfel ist dann hingegen aper und in guten Bedingungen. Gemäss Gipfelbuch war ich erst der zweite Sommerbesucher.

Auf dem Weg zum Rüggli gehts noch fast komplett über Schnee. Erst der Zuestoll-Rücken ist aper.
Dieser Höllenschlund liegt zwar nur etwa 50m neben dem markierten Bergweg, ist mir aber bisher noch nie aufgefallen. Das Karstloch ist mindestens 20m tief und äusserst heimtückisch, da von oben kommend oder wenn zugeschneit schlicht und einfach kaum oder gar nicht sichtbar. Ein Sturz ins abgrundtiefe Loch hinunter wäre mit Bestimmtheit das Ende. Von daher ist die Gegend im Winter bzw. solange Schnee liegt eher zu meiden. Ich habe mich nach dieser Entdeckung jedenfalls strikte an den Verlauf des noch nicht sichtbaren Sommerwegs gehalten...
Nach einer ausgiebigen Pause machte ich mich dann auf den Weg in die Südwand. Das Wetter mit den vielen Quellwolken schien mir bereits ziemlich schauerträchtig und wollte mir nicht recht gefallen. Diese Jahreszeit ist einfach für MSL-Touren noch nicht so richtig geeignet, aber jetzt schon klein beigeben wäre auch blöd gewesen. Weil auf dem Einstiegsband noch reichlich Schnee lag und es zudem unklar war, ob die Wächte an der Palisnideri zur Nordseite hin passierbar wäre, entschloss ich mich, Seile zu fixieren, um nach Abschluss der Arbeiten wieder nach oben zum Gipfel aussteigen zu können.

Wobei, von "Abschluss der Arbeiten" zu sprechen, ist hier weit gefehlt. Noch bevor ich mit dem Bohren wirklich begonnen hatte, war auch schon fast wieder fertig damit. Meine gepimpte Uneo erlitt doch prompt einen Motorschaden. Ein Röcheln und mit viel, viel Geduld ein Bohrloch war ihr gerade noch zu entlocken. Und gleich als ich meinem Ärger darüber mit ein paar lauten Worten Luft machen wollte, kühlte ein Graupelschauer mein Temperament wieder ab. Da galt es dann nur noch, den in Wandmitte deponierten Sack, die inzwischen nassen Seile und meiner selbst wieder auf den Gipfel zu hieven: 120m jümaren und haulen, welch eine Freude... und es gibt Leute, die tun das tagelang zum Spass! Das war es dann für diesen Bohrtag. Es wartete noch der Abstieg und die Heimreise. Tja, so kann es halt laufen, und so läuft es dann manchmal auch. MSL-Routen einrichten geht halt einfach nicht schnellschnell, sondern erfordert Opfer, Geduld, Rückschläge und Hartnäckigkeit. Doch genau darum ist eine eigens eingerichtete MSL-Route ja auch etwas solch spezielles - gewisse Dinge haben eben ihren Preis... und mit Geld kann man sie nicht kaufen.

Hier führt meine Route durch...
Fazit: die Bedingungen für Klettertouren an den Churfirsten sind noch nicht optimal. Nordseitig liegt ab ca. 1600m ausser an exponierten Stellen noch eine geschlossene Schneedecke. Auch südseitig ist das Weiss noch nicht verschwunden und sorgt für zumindest stellenweise heikle Zustiege. Aus den Rissen und Verschneidungen drückt zudem auch noch die Nässe, z.B. ist die Ausstiegsverschneidung von Baustop bzw. Chico Mendez noch tropfnass und höchstens unter sehr erschwerten Bedingungen zu klettern.

Und meinereiner brauche ich nun zuerst mal eine neue Bohrmaschine. Für dieses Mal verzichte ich wohl auf den Umbau einer Kleinmaschine vom Uneo-Typ, sondern schaffe mir ein etwas robusteres Modell an, auch wenn dies ein paar hundert Gramm an Zusatzgewicht mit sich bringt und man erst ein paar Fränkli ansparen muss. Möge das neue Ding vor Motor- und Getriebeschaden gefeit sein. Meine aktuellen Favoriten kommen aus dem Hause Makita (BHR162RFE mit 14.4V oder BHR202RFE mit 18V), Panasonic (EY7840 mit 14.4V) oder Bosch (GBH 18V-LI mit 18V). Tipps und sachdienliche Hinweise zu diesem Thema werden dankend entgegen genommen - merci!

Blick zum Säntis. Die Schafbergwand sieht gut aus, die höher gelegenen Wände von Moor und Mittagwand sind vermutlich noch suboptimal.