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Dienstag, 6. Juni 2017

The Real Deal!

"No big deal", so pflegt Alex Honnold jeweils seine Aktionen zu umschreiben. Understatement pur, dies insbesondere natürlich für die Solo-Begehung von Freerider (~30 SL, ~7c+) am El Capitan im Yosemite National Park. Die Social Media wurden durch Berichte dieser Begehung regelrecht überflutet, ja sogar in den Mainstream-Medien war davon zu lesen. Warum braucht's hier einen weiteren Bericht dazu?

Obwohl ich persönlich absolut keinerlei Ambitionen in Bezug aufs Soloklettern habe, kann ich mich der Faszination dieser Aktion einfach nicht entziehen. Warum? Jeder Kletterer weiss und spürt, welch grossen Unterschied es bereits macht, ob man einen schwierigen Move mit dem Bohrhaken am Bauchnabel ausführt, oder ob die letzte Sicherung bereits schon unter den Füssen entschwunden ist. Und da kommt nun (im Falle von Alex Honnold natürlich nicht ganz überraschend) einer, der Sturzangst und Konsequenzen offenbar selbst ungesichert komplett ausblenden kann. Sein Statement dazu lautet ja ganz lakonisch "being fearful does not help my in any way up there, so I just zoom it out". Wenn das nur so einfach wäre... Somit scheint mir die Solo-Begehung vom Freerider eben doch für jeden Kletterer relevant. Selbst ganz normal am Seil dreht sich im Grenzbereich der persönlichen Möglichkeiten viel darum, seine Nerven und (irrationalen) Ängste im Griff zu haben, um gut zu performen.

The Big Stone. 12 Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal vor Ort war. Viel zu lange...
In den Kommentarspalten liest man natürlich wieder die üblichen Statements über Adrenalin-Junkies, selbstmörderische Absichten und es wird die Frage aufgeworfen, was diese Aktion der Menschheit bringe. Was zwar grundsätzlich eine dumme Frage ist, aber wenn man sich genau in die Sache hineindenken kann, dann meines Erachtens eigentlich sogar sehr viel. Wie viel besser wären wir, bzw. was könnten wir alles Erreichen, wenn wir im entscheidenden Moment frei von Versagensängsten handeln würden, völlig rational entscheiden könnten, usw.. So viel läge drin, das Leben von jedem einzelnen Menschen könnte bereichert werden. Vermutlich lässt es sich sogar ausdehnen auf die Menschheit als Gesamtes. Wäre es allen möglich, so befreit und zielgerichtet zu handeln und nicht auf Gedeih und Verderb zu klammern, so ginge es bestimmt dem ganzen Planeten viel besser. In diesem Sinne finde ich die Aktion eben sehr inspirierend. Selbst unter dem höchstmöglichen Einsatz von Leib und Leben und wenn's mehr denn je darauf ankommt, kann Alex Honnold beim Klettern wie Figura zeigt ungehemmt die volle Leistung bringen.

Der Fels im Yosemite Valley ist vielerorts ausgesprochen glatt und trittarm. An diese sehr spezielle Art der Kletterei braucht es unweigerlich etwas Gewöhnung. Kommt noch hinzu, dass man meist an Rissen klettert, für uns Alpen-Kalkkletterer höchst ungewöhnlich. Schon manch einer ist auf die Welt gekommen, wenn es ums Übersetzen der Schwierigkeitsgrade ging.
In einem zweiten Teil möchte ich noch ein wenig versuchen, die Anforderungen im Freerider zu erklären. Soviel vorweg, ich kenne die Route bis auf die erste Seillänge, welche ich früher einmal als Baseclimb begangen habe, leider (noch) nicht aus eigener Erfahrung. Doch es ist schon ein heimlicher Traum von mir, diesem Stück Fels in einem Vertical Camping Trip eine freie Begehung abzuknöpfen. Vielleicht, wenn die Kinder grösser sind? Ob der Freerider für mich als Rotpunkt-Projekt realistisch ist, bleibe dahingestellt, notfalls wäre ich sicher auch einfach damit zufrieden, unten einzusteigen und oben anzukommen. Somit erstaunt es vermutlich nicht, dass ich mich schon relativ eingehend mit dem Freerider befasst habe und zumindest einige Second-Hand-Infos zuverlässig wiedergeben kann. Soweit mir bekannt ist, gibt es vom Freerider bisher trotz zahlreicher namhafter Versuche nach wie vor keine lupenreine Onsight-Begehung - das sagt ja schon einiges über die Anforderungen aus!

Während die Schwierigkeiten in den unteren Seillängen vor allem in einigen heiklen, irre glatten, grifflosen Plattenpassagen um ~7a liegen, stellen sich weiter oben Risse aller Grössen und Breiten in den Weg. Wobei der berüchtigte und gefürchtete Monster-Offwidth (ein langer, 10-15cm breiter Riss in Grössenklasse Camalot 6 und Bewertung 5.11+, d.h. ~7a) für einen Mann von Honnolds Kaliber jedoch kein Problem sei: "you cannot fall off this thing". Anders sieht's hingegen in der nominellen Schlüsselpassage aus, der sogenannten Huber-Pitch. Seit Griffausbrüchen wartet dort ein harter, knifflig-unsicherer Boulder im 7B-Bereich mit einem Ninja-Kick-Finish, übersetzt auf die französische Routenskala wohl so etwas im Bereich von 7c+ (siehe ab 2:40 im Video, so etwas im Free Solo, wow!). Die zweite Hauptschwierigkeit besteht aus den Enduro-Corner-Risslängen unter dem Salathé-Roof. Diese sind im Solo ohne das Nutzen der Hängestände durchzumoven und bieten so arschglatte Piazkletterei um 5.12+, d.h. ~7c. Siehe ab 5:30 im Video, wem der Hintern nur schon beim Gedanke an eine Solo-Begehung von so etwas mit 800m Luft unter den Füssen nicht auf Grundeis geht, der hat wohl echt Nerven aus Stahl.



Zuletzt, was oft auch gefragt wird: wie gross sind die Risiken einer solchen Begehung und was sind die hauptsächlichen Gefahren? Ersteres lässt sich kaum beantworten, über Zweiteres kann man schon spekulieren. Die Hauptgefahr besteht ganz sicher darin, aus dem Konzept zu geraten und plötzlich einen anderen Blick auf die eigentlich absolut beschissene Lage zu erhalten. Wenn man zu Krampfen beginnt, so sind solche Längen wie das Boulderproblem der Huber Pitch nicht mehr zu machen. Während viele Störfaktoren (Wetter, Griffausbruch, Erinnern der Sequenz, Fitness, ...) durch entsprechende Vorbereitung nahezu ausgeschlossen werden können, so verbleiben doch einige unabwägbaren Gefahren - am höchsten wohl jene, in einen in einem Riss versteckten Frosch, Vogel, Nager oder Schlange zu greifen, bzw. davon erschreckt zu werden. Wie auch immer, schliessen wir diesen Beitrag mit dem Wunsch, dass Alex Honnold ein möglichst langer Genuss seiner Aktivitäten vergönnt sei und widmen wir uns weiter dem Spiel Rotpunkt-Klettern. Dabei geht's ja eigentlich genau darum, die Route so zu meistern, dass man sie theoretisch auch Free Solo überlebt hätte. Dass zwischen Theorie und Praxis Welten liegen, ist klar - für Leute wie mich ist profanes Rotpunkt-Klettern am Seil aber trotzdem ein höchst faszinierender Zeitvertrieb.

Freitag, 2. Juni 2017

Escalades Autour du Ventoux - Malaucène & Combe Obscure

Unsere Osterferien haben wir beim Sportklettern in der Gegend des Mont Ventoux verbracht. In einem früheren Beitrag hatte ich bereits einige einführende Worte darüber verloren, sowie das famose Klettergebiet von St. Léger präsentiert. An dieser Stelle sollen nun einige weitere Gebiete in der näheren Umgebung vorgestellt werden. Für alle, welche nicht nur Touren im achten Franzosengrad abholen wollen, bieten diese sehr gute Alternativen. Ein Blick auf die Karte zeigt nochmals Situation und Lage.



Malaucène - Rocher du Groseau

Hmm, also wenn's in dem Ort, wo wir wohnen schon ein Klettergebiet gibt, dann müssen wir da wohl einmal hin, das war mein Gedanke im Vorfeld. Da war ich halt schon von St. Léger und seinen tollen Routen eingelullt. Und ich muss sagen, es hat sich mehr als gelohnt. Die senkrechte bis leicht überhängende Wandkletterei an vielen Löchern ist hammermässig genial. Die Felsen befinden sich bei Le Groseau an der Strasse zum Mont Ventoux. Sie werden in etwa 10 Minuten Zustieg problemlos erreicht. An warmen Tagen gereicht es zum Vorteil, dass sie nach Nordwesten exponiert und daher bis um etwa 14.00 Uhr im Schatten liegen. Erwähnt sei aber auch, dass sie dem Mistral extrem exponiert sind. An unserem Klettertag hier genossen wir beste Verhältnisse, ein zweiter Besuch lag aber an den windigen Tagen danach nicht mehr drin. Das Routenangebot reicht von 4c-8b, die Routenlängen bewegen sich meist von 20-30m. Wir beschränkten uns hauptsächlich auf den Sektor En Bas, wo man im Bereich 6b-7b mehr als nur glücklich wird. 

Ein Blick aus der Ferne auf den Rocher du Groseau mit seinen beiden Hauptsektoren. Ein wirklich cooles Gebiet!
Mit schon ein paar Klettertagen in den Armen startete ich hier einmal gemütlich mit Mon elle du désir (6b+), eine wirklich schöne Löchertour, gar nicht so einfach. Die daneben gelegene Show Chaud (7a) fand ich gar nicht so viel schwerer. Klar, bei den 2-3 weiten Lochzügen im Mittelteil heisst's kurz Guzzi geben, der Rest ist dann deutlich gemächlicher. Ähnlichen Charakter hat auch Respire (7c+). Hier ist der Mittelteil mit seinen scharfkantigen, seichten Löchern bereits unangenehm trittarm, etwas schmerzhaft und erst noch Runout - da muss man richtig wollen. Im Vergleich dazu wieder grossen Genuss gab's in der Hammerroute Politicopourri (7b). Anhaltend und immer wieder technisch verzwickt geht's hier an Löchern und Löchlein zur Sache, super flowig, homogen und einfach genial. Journée de merde (7a+) gleich daneben ist ähnlich im Stil, wobei sich die Schwierigkeiten hier gegen das Top hin etwas zuspitzen. Im oberen Wandteil stieg ich den Kindern noch ein paar der einfacheren Plaisirrouten im Vierer- und Fünferbereich vor, diese bieten grossgriffige, recht steile Moves - durchaus eine lohnende Sache.

Nahaufnahme vom oberen Sektor. Der Fels sieht sehr unnahbar aus, bietet aber viele griffige Löcher.
Bédoin - Combe Obscure

An einem Tag, wo heftig der Mistral ging, wollten wir diesem etwas geschützten Gebiet am Südabhang des Mont Ventoux einen Besuch abstatten. Die Gegend (nur schon die Anfahrt!) ist malerisch, der Ausgangspunkt allerdings gar nicht mal so einfach zu finden. Dort, wo der Wanderwegweiser nach Le Paty zeigt, kann man eine raue Strasse in bester Rätikon-Manier noch für einige Hundert Meter mit dem Auto verfolgen. Es lohnt sich allerdings kaum, besser man nimmt gleich eine der raren Parkmöglichkeiten an der Hauptstrasse. Von dort sind es ca. 20 Minuten über einen etwas gerölligen, leicht ansteigenden Wanderweg durch die Combe zu den beiden nur etwa 50m auseinander liegenden Klettersektoren. Wir wählten den etwas steileren rechten, da dort es dort auch einige Touren im siebten Franzosengrad gibt. Alles in allem sind total etwa 50 Routen von 4a-7c+ vorhanden. Erwähnt sei, dass ich von diesem Gebiet in Bezug auf die Kletterei etwas enttäuscht war. Der Fels ist zwar in der Tat bombenfest und weist viele Henkelschuppen auf. Die logischen und sicher auch sehr lohnenden Routen, welche durch diese griffigen Zonen führen, sind dann aber eher im 5c/6a-Bereich. Wo diese fehlen, ist der Fels dann jedoch sehr wenig strukturiert, irgendwie auch übel glatt und es ist sofort sauschwer. So kommt es für den Hardmover, dass er sich auf einer definierten 7b abmüht, während man 2m daneben an guten Griffen bei gleicher Steilheit easy im 6a-Bereich hochspazieren könnte.

Der rechte Sektor in der Combe Obscure, die längsten Routen erreichen 35m. Das verzinkte Hakenmaterial enthält einen für die Mikroben am Fels giftigen Stoff. Deren Leichen sorgen dann für die unästhetischen weissen Striemen am Fels. Ein Grund mehr, rostfreies Material zu verwenden.
Kathrin in der Elegance (6b+), rechts daneben in der superkompakten, strukturarmen Platte befindet sich die Mariotte (7c+).
Speziell zu erwähnen ist noch der Kindersektor, welcher etwa 2-3 Minuten weiter oben in der Combe liegt. Hier gibt's rund 30 für Kinder eingebohrte Routen von bis zu 20m Länge, mit Schwierigkeiten vom unteren dritten bis in den oberen fünften Grad. Auf 20m Kletterlänge stecken auch im einfachen Gelände so ~10-12 Bolts, so dass man die Kleinen hier wirklich bedenkenlos vorsteigen lassen kann. Ansonsten ist's ja oft so, dass für Kinder nicht nur die Haken eh schon etwas weit auseinander sind, sondern sie (da für Erwachsene platziert) auch meist noch sehr heikel anzuklettern und einzuhängen sind. Tja, unsere Kinder klettern, ganz OK aber irgendwie auch nicht übermenschlich gut. Zumindest aus meiner Perspektive scheint das so. Für den entsprechenden Kontrast sorgt hier eine französische Jugendgruppe. Es gibt 8-10 Jährige, welche sich äusserst ungelenk bewegen, für jeden Handgriff Betreuung brauchen, undsoweiter. Da fällt mir erst auf, wie meine Goofen sich gegenseitig selbständig sichern, sich komplett selber aufschirren und anseilen (natürlich mit etwas Abstand mit scharfem und wachsamem Auge beobachtet) und im Vergleich dazu klettern, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Natürlich unterscheiden sie sich erst recht in Bezug auf den typischen Sportkletter-Habitus von den anderen Kids, so muss beim Ablassen natürlich demonstrativ noch der eine oder andere Griff mit der Zahnbürste geputzt werden... so fällt mir wieder einmal auf, dass alles, aber auch wirklich alles kopiert wird. 

Cool kid, easy going.
Noch kurz zu den von mir gekletterten Routen: 4487 avant JC (7a) bietet 5c/6a-Kletterei bis auf 1 weiten Move an einer scharfen, kleinen Leiste in der Steilzone. Saxo (7a+) unmittelbar daneben mehr oder weniger dito, wobei man hier in der Steilzone 1x trittarm von zwei seichten Löchern dynamisch in ein ultrascharfes Loch (Autsch!!!) zieht. Qui fait la Police (7b) hat neben viel 6a-Kletterei auch noch eine witzige, definierte Crux zu einem Untergriff hin und darüber hinweg. Die durchaus zahlreichen Griffe an den Rissreihen 1m links und rechts sind jedoch tabu. Ebenfalls klettern konnte ich die Mariotte (7c+). Hier führt ein kurzes Stück (wo man immerhin unmöglich ausweichen kann) über eine irre glatte Platte. Zwei rasiermesserartige Kleingriffe schlitzen hier die Pfoten auf, die Schwierigkeit hängt sicher stark davon ab, ob man für den Move an die distante Liste oberhalb auf dem tiefen und einzigen vernünftigen Tritt in weitem Umkreis bleiben kann oder nicht. Nominell gesehen der grösste sportliche Erfolg dieser Ferien, allerdings zu welchem Preis... Doch loslassen konnte und wollte ich dennoch nicht.

Der Cruxgriff in der Mariotte (7c+) ist klein, scharf wie ein Rasiermesser und schält die Haut bis aufs Blut.

Sonntag, 21. Mai 2017

Clariden (3267m) mit Abfahrt via Tüfelsjoch

Es gibt in den Alpen so viel zu entdecken, dass selbst ein aktiver Tourengänger ein Leben lang immer wieder neue spannende Ziele findet. Das Kennenlernen von neuen Landschaften und Gebieten ist eine Passion von mir, so dass ich normalerweise auf das wiederholte Besuchen von Gipfeln verzichte. So gehört der Clariden, welchen ich vor ungefähr 20 und vor ungefähr 10 Jahren bereits 2x besucht hatte, nicht mehr in mein primäres Beuteschema. Trotzdem war ich heute nun zum dritten Mal oben. Und ja tatsächlich, trotz bereits bekanntem Gipfel war es eine sehr schöne Tour. Mit der Abfahrt via Tüfelsjoch konnte ich der Sache etwas Originalität geben und für mich persönlich doch noch etwas Neuland entdecken.

Absolut fantastische Bedingungen am Klausenpass. Blick zum Bocktschingel (3077m) und Clariden Vorgipfel (3191m).
Ein Tourensonntag stand für mich auf dem Programm. Grosse Pläne wurden geschmiedet, aber mit den intensiven Schneefällen am Alpenhauptkamm auch wieder verworfen. Viele Alternativen wurden in Betracht gezogen und eigentlich hatte ich mich mit einem ganz anderen Plan schlafen gelegt. Doch im Anblick der noch sehr dichten Restbewölkung, welche sich noch den ganzen Vormittag über halten würde, änderte ich meine Pläne nochmals und bog von der Autobahn in Richtung Glarnerland ab. Bei meinen ursprünglichen Ziel hätte ich weder auf vorhandene Spur, noch auf andere Tourengänger zählen können, und klare Sicht wäre eine Voraussetzung gewesen. So dann also auf zum zwei Tage zuvor eröffneten Klausenpass - schliesslich wusste ich, dass dort Kollegen unterwegs sein sollten.

Die einstige Schlüsselstelle am Iswändli und durch den Rückgang des Gletschers heute ein harmloser Hang. Trotzdem gibt's unter- und oberhalb, sowie natürlich auf dem Weg zum Gipfel bei ungünstigen Verhältnissen mehr als genügend Gelegenheit, in die Tiefe zu stürzen. Leider sind Unfälle auf dieser an sich nicht sonderlich schwierigen Tour keine Seltenheit.
Das Timing passte. Als ich um 6.15 Uhr meine Ski anschnallte, erblickte ich unter den Dutzenden von Tourengängern, welche sich bereit machten, auch gleich meine Kollegen. So ergab sich ein gemütlicher Aufstieg mit nettem Austausch. Das Panorama konnte man indessen vorerst noch nicht so richtig geniessen, drückte doch die Bise immer wieder Nebelschwaden vom Urnerboden hinauf. Die Schneedecke war kompakt, jedoch nicht wirklich gefroren und mit einer dünnen Schicht Neuschnee belegt. Etwas vor dem Iswändli (ca. 2700m) änderte sich beides. Wir befanden uns nun über der Nebeldecke und genossen besten Sonnenschein und der Schnee war richtig pulvrig. Bald war das Skidepot erreicht.

Blick vom Vorgipfel (3191m) zum Clariden (3267m). Gut sichtbar der kettenversicherte Aufstieg über den Westgrat.
Meine Kameraden wollten über die Normalroute zurück zum Klausenpass fahren. Ich jedoch schnallte meine Ski auf den Rücken, hatte ich doch den festen Entschluss gefasst, auf den Claridenfirn abzufahren. Falls mir das Tüfelsjoch zu heikel gewesen wäre, so hätte ich immer noch südlich um den Claridenstock herum zurück zum Chammlijoch gehen können. Zwei andere Tourengänger waren ebenfalls gerade am Aufschnallen ihrer Ski - es sah also danach aus, als ob ich Mitstreiter finden könnte. Dem war so und ein zweiter Blick offenbarte, dass es sich dabei um Bekannte aus früheren Zeiten handelte, mit welchen ich auch schon super Tourenerlebnisse geteilt hatte. So wollten wir die Tour gemeinsam fortsetzen.

First Lines auf dem Claridenfirn. Dieser breite und optimal geneigte Hang mit 300m Höhendifferenz ist der Hammer!
Die erste und logische Frage war "bisch no vill unterwägs?". Und so konnten wir uns gegenseitig erzählen, dass wir (als frühere Intensiv-Skitourer) heute meist zu Gunsten vom Pistenskifahren und sonstigen Aktivitäten mit den Kindern verzichten. Ein Wunder eigentlich, dass wir uns am Clariden und nicht in einer Pistenkneipe getroffen haben. Wir kraxelten über den Kettenweg entlang vom Westgrat auf den Gipfel. Dies ist ein etwas stauträchtiges Teilstück an einem Tag, wo so viele Tourengänger den Clariden besuchen. Anyway, wenig später war der Gipfel erreicht und wir wurden uns Gewahr, dass tatsächlich noch niemand in Richtung Claridenfirn abgefahren war. Umso besser, so konnten wir in diesem fantastischen Hang die First Lines ziehen!

Aufstieg zum Tüfelsjoch. Die Tourengänger zielen ziemlich genau auf den Klettersteig hin, der hinaufführt.
Die Schneequalität war überzeugend: kompakter, etwas angefeuchteter Pulver, der sehr gut drehbar war - der Hammer. Zu bald standen wir unter dem Tüfelsjoch. Auf etwa 2780m gilt es, wieder anzufellen und so 100hm aufzusteigen. Dann führt ein kurzer Klettersteig mit Kette und ein paar Eisenbügeln über eine Felsstufe hinauf. Der Übergang vom plattigen Fels in den Schnee kann je nach Verhältnissen heikel/expo sein, heute ging es aber problemlos. Vom Joch dann kann man linkerhand entweder Abseilen (soweit mir bekannt 3x25m, Angabe ohne Gewähr) oder rechterhand entlang der Ketten absteigen. Zumindest, sofern diese nicht zugeschneit sind. Aktuell waren sie für die erste Traverse nach rechts nutzbar, danach unter dem Schnee versteckt. Mit langem Buddeln wären sie wohl freizukriegen gewesen, doch der Schnee war so kompakt und optimal trittig, dass wir schliesslich ohne dieses Hilfsmittel abstiegen.

Fussabstieg vom Tüfelsjoch bei zugeschneiten Ketten. Solange der Schnee kompakt und trittig ist, kein grösseres Problem. Allerdings ist das Gelände schon steiler (ca. 45-50 Grad) und vor allem viel exponierter, als es auf diesem Foto den Anschein macht. Wer hier ins Rutschen kommt, hat einen Fehler zu viel gemacht.
Wir wählten schliesslich die westliche Abfahrt Richtung Roten Pfaffen. Erstens wollten wir zurück zu den auf dem Klausenpass stehenden Automobilen, zweitens war der untere Teil der Abfahrt via Tüfels Friedhof zur Chlus im unteren Teil bereits ausgeapert. Auch hier gab's noch sehr schöne Schwünge in feuchtem Pulver, allerdings musste auch noch die Nebeldecke durchstossen, sowie ein Lawinenkegel traversiert werden. Auf 2100m beim Tüfels See unterhalb der Clariden Nordwand war fertig mit der Herrlichkeit. Hier muss man schiebend zum Mälchbödemli zurück queren, der mühsam faule Schnee hier unten machte das auch nicht einfacher. Dann ist's nur noch ein kurzes Stück retour zum Pass, es war Schlag 12 Uhr. Das emsige Treiben der Tourengänger hatte dem noch grösseren Andrang der Motorsport- und Velofreunde Platz gemacht. Zurück nach Hause zur Familie, um mit ihr den sonnigen Nachmittag zu geniessen war unser aller Devise. Auch wenn's "nur" meine dritte Besteigung des Clariden war, so war's doch eine sehr schöne Tour bei nahezu optimalen Verhältnissen gewesen.

Nochmals ein Rückblick zum Tüfelsjoch. 

Facts

Clariden (3267m) vom Klausenpass, ZS+, 1350hm, ca. 3-4h. Der Fussaufstieg zum Gipfel über den mit Ketten versicherten Westgrat ist mit WS+ zu bewerten. Steigeisen und Pickel empfehlenswert, sowie Klettergurt, Schlinge und ein möglichst grosser Karabiner. Die Abfahrt via Tüfelsjoch (ZS+) erfordert zwei Gegenaufstiege von total 200hm (150hm zum Joch, 50hm am Tüfels See). Zeitbedarf vom Gipfel 2-3h. Die Anforderungen bei der Überquerung des Tüfelsjoch sind in etwa vergleichbar mit dem Auf-/Abstieg am Clariden. Steigeisen und Pickel empfehlenswert, dazu Klettergurt, Schlinge und ein möglichst grosser Karabiner. Bei guten Bedingungen (d.h. Ketten frei) ist ein Seil nicht nötig.