Der Hitzesommer 2026 hat vielen vergletscherten Bergen arg zugesetzt und sie in einen bemitleidenswerten Zustand gebracht. Andererseits ermöglicht die komplette Ausaperung und das weiterhin milde, sehr trockene Wetter Touren auf hohe felsige Berge mit leichter Ausrüstung. Mit wieder einmal durchgekletterten Fingern und müden Armen war der Zeitpunkt da, um von den einmaligen Verhältnissen Gebrauch zu machen. Auf den Bifertenstock mit seinem eindrücklichen Bänderweg fiel meine Wahl - eine Tour der Marke "unglaublich" und "einmalig schön". Dass sich dieser so weit entfernte Gipfel von Brigels innert einigen Stunden erreichen lässt, ist schon verblüffend. Und erst recht kaum zu glauben ist, dass die lange Passage über die sehr abweisend aussehenden Bänder in der Südwand bei moderater Schwierigkeit möglich ist.
Los geht's!
Meine Tour startet in Brigels auf dem Parkplatz der Bergbahn (1257m). Um einige Körner zu sparen, fahre ich mit dem E-Bike über die asphaltierte Strasse zur Alp Quader (1904m, 7km bis dahin). Kurz behost und nur mit Verpflegung und Getränken im Rucksack, aber ohne technisches Material, marschiere ich los. Über eine lange Traverse dem Hang des Fil da Rubi entlang geht's auf markiertem Wanderweg zur Bifertenhütte (2482m), die ich links liegen lasse. Die Fortsetzung folgt einem gut ausgetretenen, jedoch nicht mehr markierten Pfad zum Limmerenpass (2612m), den man mit einem Verlust von rund 40 Höhenmetern erreicht. Die hat man bald wieder gewonnen, auf weiterhin deutlich sichtbarem Weg steigt man über den Schuttrücken von P.3096 an - zuletzt mit einer Höhe haltenden Traverse dem Hang entlang zum Eck am Einstieg in den Bänderweg (ca. 3000m, bis dahin T2, guter Pausenplatz). Die Sicht auf den ersten Kessel ist einfach atemberaubend (siehe Foto oberhalb!) und auch aus der relativen Nähe verbleiben immer noch viele Fragezeichen zu dessen Begehbarkeit!
Durch die Kessel
Also los, wir wollen es genau wissen! Klar sichtbare Trittspuren lassen keine Fragen zur Orientierung aufkommen und während man sich durchaus in exponiertem Gelände bewegt, so ist es unschwierig. In Mitte des ersten Kessels erreicht man P.3064 nochmals den Grat, bevor es wieder in der Flanke zum nächsten Eck weitergeht (ca. 3135m, bis dahin ca. T4, erneut guter Pausenplatz). Zu Beginn des zweiten Kessels erfolgt gleich eine Schlüsselstelle. Über ca. 20m ist das Band schmal, es muss im Fels traversiert werden und braucht zwingend die Hände, die ansonsten weitgehend im Hosensack bleiben dürfen (ca. T5, I). An dieser Stelle sind ca. ein Dutzend BH in kurzen Abständen vorhanden, man könnte also bei Bedarf sichern. Sonst gibt es in den ersten beiden Kesseln jedoch kein Fixmaterial. Auf dem weiteren Verlauf ist dies auch nicht nötig, denn es geht wie bis anhin meist im Gehgelände (ca. T4) vorwärts. Mittig im zweiten Kessel muss etwas abgestiegen werden, da braucht es nochmals kurz die Hände (ca. T5), nachher geht's wieder einfacher weiter.
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| Kurz vor der Mitte des ersten Kessels, das Band hier ohne Schwierigkeiten begehbar (ca. T4). |
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| Rückblick auf die Schlüsselstelle zu Beginn des zweiten Kessels (T5, I) - geht besser wie es aussieht! |
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| Blick vorwärts in der Mitte vom zweiten Kessel. Demnächst muss etwas abgeklettert werden. Auf dem unteren Band mit dem hellen, gelblichen Streifen führt der Weg weiter. |
Hinauf zum Grat
Am Ende des zweiten Kessels bei ca. 3230m ist der nächste Fixpunkt erreicht. Hier gilt es nun, den Ketten entlang auf den Grat aufzusteigen (früher ist man auf das Firnfeld traversiert, hat dieses überschritten und später den Grat erreicht, wegen dessen Abschmelzen ist das jedoch nicht mehr möglich). An den Ketten hangelt man sich zügig hinauf - wer freiklettern möchte, trifft hier auf solide, plattige Felsen im Bereich vom III./IV. Schwierigkeitsgrad. Schwierig bzw. heikel wird es erst da, wo die Ketten aufhören. Dies ist etwas unverständlicherweise vor dem Grat. Auf einer Strecke von ca. 40m sind nur noch 4 oder 5 Sicherungsstangen vorhanden. Das Gelände ist da zwar etwas weniger steil, aber dafür ungestuft-plattig, sehr exponiert und etwas schuttbedeckt (ca. T5, II). Im Aufstieg war ich zügig und ohne mir viele Fragen zu stellen darüber hinweg und am Grat oben.
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| Beginn der Ketten, die zum Grat hochführen. |
Zielgerade zum Gipfel
Oben auf dem Grat ist das Gelände wieder viel einfacher (ca. T3/T4), der Gipfel ist jedoch noch ein ganzes Stück entfernt. Man überschreitet einen Vorgipfel (ca. 3360m), einige Felsen am Grat werden knapp unter Kammhöhe nordseitig über ein Band umgangen, schliesslich kommt man etwas absteigend zum Eisrest in Gipfelnähe. Dieser liesse sich südseitig in den Felsen komplett vermeiden. Da das Eis flach und griffig war, wagte ich die Überschreitung. Das ging gut, die kritischste Stelle ist es, oben wieder zurück auf den Fels zu wechseln. Mit einer kurzen, nicht exponierten Kletterstelle war das geritzt, sprich meine Taktik hatte perfekt funktioniert - das kann sich aber bei weiterem Abschmelzen auch ändern und nicht mehr so einfach mit den Zustiegsschuhen möglich sein. Mit nochmals etwas Aufstieg in leichtem Fels rückt dann bald das Gipfelkreuz (3420m) in die Nähe - wow!
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| Tiefblick zu "spaltenarmen Gletscher". Der hier wird wohl noch 1-2 Jahrzehnte überleben... |
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| Bifertenstock / Piz Durschin (3421m) - absolut fabelhaft! |
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| Toller Blick zum Tödi (3614m) - auch dort leiden die Gletscher. |
Gipfelrast und Beginn vom Abstieg
Ich gönnte mir am Top eine halbstündige Pause. Es war ein absoluter Traumtag: mild, windstill und mit perfekter Fernsicht. Durchaus Bedingungen, um stundenlang in dieser exklusiven Loge zu verweilen. Doch der lange Rückweg mahnte schliesslich zum Aufbruch. Er sollte exakt genau über meinen Aufstiegsweg erfolgen. Bis zu der Stelle, wo man den Grat verlässt (mit blauem Pfeil markiert) war das schnell und problemlos erledigt. Die Abkletterei über die abschüssigen, schuttbedeckten Platten zum oberen Ende der Ketten war bzw. ist jedoch eindeutig die heikelste Stelle der Tour. Ich konnte das souverän meistern, dennoch würde ich nachdrücklich die Mitnahme von 20m Seil bzw. Reepschnur empfehlen. Dies reicht, um es zwischen den ca. 10m voneinander entfernten Stangen zum Festhalten zu nutzen (Klettergurt und Abseilgerät sind verzichtbar), was diese Passage deutlich entspannter macht.
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| Wiederaufstieg zum Vorgipfel auf dem Rückweg. Wie man sieht, ist dies problemloses Gelände. |
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| Gute und klar erkennbare Wegspur auf dem Schuttrücken, der zu P.3096 hinunterzieht. |
Zurück ins Tal
Die Ketten selbst waren dann Formsache, die beiden Kessel beschritt ich zügig und ohne jegliches Zögern und nach dem Erreichen des ersten Ecks (3000m, Anfang/Ende Bänderweg) war es dann definitiv nur noch Marschieren an einem wunderschönen Herbstnachmittag. Zuerst ging's noch sehr beschwingt, erst in der horizontalen Querung an der Flanke des Fil da Rubi spürte ich den Effort dann langsam etwas. Ja, so weit (ca. 25km und 1700hm hin und zurück) war ich schon lange nicht mehr gelaufen - tut aber gut. Sowieso, über kurz oder lang war das Bikedepot erreicht und in rauschender Fahrt bald auch das bequeme Polster und eine Quelle für kühle Getränke. Wow, was für eine Tour - schon unglaublich, was in einem Tag alles für Erlebnisse Platz haben.
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| Der Biferten muss nach dieser Aktion etwas Dampf ablassen - wie damals bei der Holy Smoke! |
Zeiten (für einen Senior & Sportkletterer ohne Ambition auf Rekorde, geht sicher auch schneller ;-))
Aufstieg (geschätzt anhand der Fotos, Pausen inklusive):
00:00 Start in Brigels, Parkplatz der Bergbahn (1257m) mit E-Bike
00:25 Alp Quader
01:45 Bifertenhütte
02:55 Einstieg Bänderweg / Beginn erster Kessel
03:20 Beginn zweiter Kessel
03:45 Beginn der Ketten
04:00 Vorgipfel P.3359
04:20 Gipfel (3421m)
Abstieg (geschätzt anhand der Fotos, Pausen inklusive):
00:00 Start vom Gipfel
00:30 Unteres Ende der Ketten
00:55 Ausstieg aus dem Bänderweg
01:30 Bifertenhütte
02:30 Bikedepot Alp Quader
02:45 Brigels
Material
Ist natürlich sehr von den Verhältnissen abhängig und schlussendlich muss jeder wissen, was er sich zutraut und mitbringen will. Insofern es einem Tatbeweis bedarf, so wäre er erbracht, dass man den Gipfel bei Idealbedingungen mit kurzen Hosen und Zustiegsschuhen erreichen kann. Ganz sicher gibt's auch Tage, wo alpine Vollmontur inkl. Pickel und Steigeisen gefragt ist. Nicht verzichten würde ich bei einer Wiederholung auf ein 20m-Seilstück für die Platten zum Grat, egal ob man solo oder in Seilschaft geht. Wer bei der Traverse zu Beginn des zweiten Kessels sichern möchte (nur in Seilschaft sinnvoll), sollte auch ein paar Exen und einen Klettergurt mitnehmen.
Routenbeschreibung
Von Brigels per Auto, E-Bike, Shuttlebus oder mit Sesselbahn (nur bis Cuolms P.1665) zur Alp Quader P.1903. Wer ab Brigels zu Fuss gehen will, steigt effizienter durch das Val Frisal auf.
Von der Alp Quader dem Wanderweg (T2) entlang bis zur Bifertenhütte. Weiter auf guten Wegspuren, jedoch nicht mehr offiziell markiert zum Limmerenpass (P.2612) und weiter über den Schuttrücken von P.3096, zuletzt mit einer Traverse nach links zum Einstieg in den Bänderweg (ca. 3000m, guter Pausenplatz, bis dahin T2).
Man durchschreitet den ersten Kessel (ca. T4), wobei man mittig bei P.3064 nochmals den Grat erreicht, zum Eck vor dem zweiten Kessel. Dort gleich zu Beginn die engste Stelle (ca. T5, I, mehrere BH zur Sicherung vorhanden). Dann einfacher weiter (ca. T4/T5), mittig im Kessel mit Zwischenabstieg, zum Beginn der Ketten vor dem Eisrest bei P.3159.
Den Ketten entlang hinauf (frei geklettert ca. eine plattige III/IV). Dann hören die Ketten auf, es gilt über exponierte, schuttbedeckte Platten den Grat zu erreichen (ca. T5, II, Sicherungsstangen im Abstand von ca. 10m vorhanden, Crux bei seilfreier Begehung, v.a. im Abstieg heikel).
Am Grat wieder viel einfacheres Terrain (ca. T4). Man überschreitet den Vorgipfel zu P.3352. Der Eisrest im Gipfelbereich kann entweder überquert oder südseitig in den Felsen umgangen werden. Wenn man das Eis begeht, ist der heikelste Punkt das Erreichen der Felsen vor dem Gipfel. Mit etwas Kraxelei über diese erreicht man das Gipfelkreuz.
Abstieg auf derselben Route.

















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