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Sonntag, 25. September 2022

Ruchstock - Black Mamba (6c+)

Mit dem Ruchstock ist es so eine Sache: schon seit dem Ende der Erschliessung der modernen Touren durch die Südwand im Jahr 2006 hatten wir ihn auf dem Radar. Doch immer wieder scheiterte ein Besuch aufgrund der Bedingungen oder dem Priorisieren anderer Ziele. Zweimal waren wir sogar schon zum Berg unterwegs, das eine Mal war ich unpässlich, das zweite Mal trafen wir am Einstieg auf einen heftigen Wasserfall, verursacht von einem unerwarteten, nächtlichen Gewitter davor. Damals kletterten wir mit der Speck-Kante immerhin eine erste (und lässige!) Tour am Berg. Das liegt nun auch schon wieder 6 Jahre zurück und ich kann mich noch gut erinnern, dass mein Tourenpartner Jonas da eben gerade frischgebackener Vater war und ich ihm stolz von der Einschulung meiner Tochter berichten konnte. Tja, die Zeit schreitet voran, alle werden wir älter: inzwischen ist Jonas' Sprössling schulpflichtig und meine Tochter besucht seit diesem Sommer schon die Oberstufe. Nun ja, den Ruchstock mit schon ein paar Millionen Jahren auf dem Buckel wird das nicht sonderlich kümmern...

Here we go! Start in Engelberg Dorf, beim von der Sonne beleuchteten Berg links der Bildmitte handelt es sich um den Sättelistock, wo wir bereits im 2011 die tolle Physical Gravity attackiert hatten. In Bildmitte bekommt auch der Laucherenstock bereits erste Sonnenstrahlen. Der Ruchstock befindet sich rechts davon, zur Zeit noch komplett im Schatten.

Normalerweise startet man die Tour mit der Bahn von Engelberg nach Ristis, wobei man es dann vorteilhaft so anlegt, dass man deren letzte Rückfahrt nicht verpasst. Schon das letzte Mal hatte ich von der Möglichkeit geschrieben, für 4 CHF das Bike mitnehmen zu können, um jederzeit bequem und sogar günstiger als mit einer Gondel-Rückfahrt zurück ins Dorf zu kommen. Wir nahmen dieses Mal die E-Bikes mit und verzichteten komplett auf die Bahn - kann man machen, eine Ersparnis von Zeit und/oder Kraft ergibt sich so jedoch gegenüber einer Bahnfahrt nicht. Um 7.45 Uhr radelten wir in Engelberg (1004m) los, waren um 8.05 Uhr bei der Bergstation Ristis (1600m), von wo man noch weiter bis zum Vogelloch etwas oberhalb vom Rigidalstafel fahren kann, wo wir die Bikes deponierten und um 8.15 Uhr zu Fuss losliefen.

Bikedepot am Ende des gut fahrbaren Abschnitt mit Blick auf die Rückseite der Wendenstöcke.

Nun wartet eine noch längere Wanderung zum Einstieg. Standardmässig (d.h. laut Angaben in den Topos) wird der Weg via Rugghubelhütte empfohlen, alternativ könnte man auch etwas kürzer direkt, dafür meist weglos via das Kar der Planggenalp dahin gelangen. Für den Aufstieg wählten wir die Variante über die Hütte, wo wir eine viertelstündige Pause einlegten und ein Getränk konsumierten. Ab da weiter Richtung Rot Grätli, dann eher tief unten der Nase nach links haltend weglos unter die Südwand, die Geröllhalde horizontal überquerend zum Einstieg, der links des markanten, vorgelagerten Blocks mit den Baseclimbs liegt. Die Farbaufschrift für die Black Mamba ist noch ziemlich gut sichtbar, um 9.45 Uhr und somit in 2:00 Stunden ab Engelberg waren wir da und bereiteten uns auf die Kletterei vor. Einige Minuten nach 10.00 Uhr stiegen wir ein.

Verlauf der Black Mamba durch die Südwand am Ruchstock.

L1, 30m, 5c: Kurze, ganz nette Seillänge. Sie bietet weder in Hinsicht auf die Schwierigkeit noch den Klettergenuss herausragendes - eine schnell erledigte Ouvertüre.

L2, 45m, 6c+: Eine lange und abwechslungsreiche Seillänge mit verschiedenen Herausforderungen. Gleich zu Beginn wartet schonmal ein Dächli, welches eine gewisse Beweglichkeit in der Hüfte abfragt. Dieses macht den Weg frei zu echt lässiger Kletterei an Leisten und schwarzen Einschlüssen. Mittig weckt ein abstehender, aber zwingend in die Sequenz einzubauender Block Argwohn, er ist aber doch solider verwachsen wie man erst befürchten konnte. Weiter in Erinnerung geblieben ist mir eine Feng-Shui-Traverse danach und (leider) vor allem die Passage an der grossen Schuppe am Ende. Diese tönt grossflächig hohl, ist nicht umgehbar und de fakto steckt auch der BH in dieser Struktur. Wahrscheinlich kümmert dieses mehrere Quadratmeter grosse und viele Tonnen schwere Ding die Präsenz eines Kletterers ganz und gar nicht und es wird noch Zehntausende von Jahren an seinem Platz bleiben. Allein der Gedanke daran, was passieren würde wenn dem nicht so wäre, der lässt sich nicht so einfach aus dem Kopf verbannen. Zu erwähnen noch: verlängern hilft, am Ende weniger Seilzug zu verspüren.

Super Kletterei am Ende von L2 (6c+), wenn nur dieses Schuppensystem nicht etwas spooky wäre!

L3, 40m, 6c+: Erneut eine sehr schöne Seillänge von tendenziell eher steilplattiger Natur, der Fels weist hier eine hervorragende Reibung auf. Einige Stellen regen durchaus zum Nachdenken an und erscheinen auf den ersten Blick schwierig. Schliesslich hat sich für mich aber doch alles bestens aufgelöst - mehrmals ist es aber so, dass die Absenz eines kleinen Löchleins oder einer Leiste dann sofort massiv höhere Schwierigkeiten bedeuten würde. Genial also, wie hier die Natur dem Kletterer die elegante Passage erlaubt. Zum Ende der Seillänge hat man dann die Wahl, entweder rechts an mässig solid wirkenden Blöcken zu dülfern, oder konsequent links deutlich schwieriger plattig zu moven. Das fühlt sich trotz später hinzugefügtem BH etwas kühn an, v.a. weil man auch da wieder deutlich das Seilgewicht verspürt.

Tolle, steilplattige Kletterei auf sehr adhärentem Fels in L3 (6c+).

L4, 35m, 6c: Unsere Vermutung am Stand lautet "kurzer Boulder zum Auftakt, dann leichtes Gelände" und exakt so bestätigt sich das. Der Wulst zu Beginn erfordert es, herzhaft an einem Sanduhr-Schüppli zu ziehen und dann mit Untergriffen einen Mantle à la Fontainebleau auszuführen. Dies erlaubt einem dann eben, im Dreier-/Vierergelände zum Stand am Zwischenband zu klettern. Die im Topo erwähnte Eisenstange (welche zum Auffinden der Abseilstelle dient) ist nach wie vor da.

Panorama aus der Route, in Bildmitte (von vorne nach hinten) Rugghubelhütte, Hahnen und Titlis.

L5, 120m Gehgelände und 30m 3a-4a: Nun ist man also auf dem schuttigen Band angelangt, welches mittig nochmals eine steile Schrofen- oder Felsstufe aufweist. Die Route bezwingt diese Stufe im kompaktesten Stück Fels. Der Stand darunter wird in einer ~50m messenden Traverse erreicht, dann sind es ~25m Kraxelei, gefolgt von weiteren ~70m zur Fortsetzung der Black Mamba an der oberen Bastion. Die Abschnitte im Schutt sind nicht exponiert und erfordern keine Seilsicherung. In der Felspassage steckt 1 BH zur Zwischensicherung, er ist allerdings gar nicht so einfach zu finden, da der logische Verlauf eher nebenan vorbei führt und eher im dritten Grad einzustufen ist. Schneller und weniger umständlich ist es, den ganzen Abschnitt seilfrei zu machen - ob das in Sachen Sicherheit zu verantworten ist bzw. wesentliche Abstriche diesbezüglich macht, darf jeder selber entscheiden.

Sicht von Stand 4 am Ende des unteren Wandteils auf das Geröllband, die Zwischenstufe und den oberen Teil.

L6, 40m, 6c+: Für den oberen Wandteil wird einem in der Literatur fantastischer Hochgebirgskalk versprochen. Und tatsächlich, den findet man - auf diesem Abschnitt mit allerbestem, silbrig-rauem Gestein à la Rätikon. Schon bald einmal heisst es, in einer kurzen Traverse eine biestig-kleine Leiste zu zwicken, bevor man ziemlich kommod aber sehr schön zum Finale gelangt, wo man seine Moves nochmals etwas sorgfältiger planen muss.

Black Mamba, eine richtig coole Route!

L7, 25m, 6a: Die Wand wirkt recht steil, der Fels ist kompakt und bestens - auf den ersten Blick sieht es nicht ganz nach einer so tief einzustufenden Seillänge aus. Der vorgeschlagene Grad stimmt aber tatsächlich. Der Fels ist phänomenal strukturiert und weist darüber hinaus zahlreiche Henkel auf - purer Genuss!

L8, 35m, 6c+: Vielleicht die beste aller Seillänge auf dieser Route! Rätikonartig geht es auch hier in die Höhe, vorerst löst sich alles prima auf. Schwieriger wird es dann gegen das Ende hin. Eine kompakte, 3-4m messende Steilzone stellt sich in den Weg. Auf vielen Metern links und rechts wäre diese de visu in freier Kletterei kaum zu bezwingen. Aber wirklich genau im graden Routenverlauf bieten einige Seitgriffschuppen die Möglichkeit, dies bei einigermassen moderaten Schwierigkeiten zu tun - phänomenal! Ja, hier hat der Erschliesser ein gutes Gespür gehabt - oder vielleicht auch einfach Glück, denn aus der Ferne sind diese Griffe kaum zu erahnen. Diese Passage leitet nahtlos über in ein Finish, welches noch etwas Übersicht und Rési erfordert.

Am Ende von L8 (6c+) heisst es dranbleiben und etwas Rési an den Tag legen.

L9, 20m, 5c+: Ein kurzer Abschnitt in sich etwas zurückliegendem Gelände. Da man zusätzlich einer diagonal hochziehenden Reihe von Strukturen und Löchern folgt, sind die Schwierigkeiten tatsächlich markant tiefer. Die Felsqualität ist da nicht mehr ganz so überragend wie davor, schön ist die Kletterei aber immer noch.

L10, 35m, 6c: Hier geht's gleich mit einer steilen Wand los, der Fels hervorragend tropflochartig mit Leisten garniert, echt toll zu klettern. Mittig kommt man zu einem kleinen Dächli, wo die Route eine für mein Gusto unlogische Linksecke schlägt. Da die folgenden Haken aus der Kletterstellung nicht sichtbar sind und im Topo nicht alle BH eingezeichnet, finde ich schliesslich nur mit Umwegen und einer Traverse weit über der letzten Sicherung dahin. Man merke sich also: "der Haken über dem Dächli steckt eher links!". Nachher geht's wieder gerade hinauf, im kompaktesten Gestein bleibend, dessen Qualität gegen den Stand hin abnimmt, aber bis ebenda gerade noch im akzeptablen Rahmen bleibt.

Prima Ambiente mit Blick auf die benachbarten (Kletter)berge und ins Mittelland hinaus.

L11, 20m, 2a: Kurzes Verbindungsstück zur letzten Wandstufe. Vom Stand links hinaus und in einfachem Gelände aufwärts. Der Fels geht bald in labilen Schutt über und es ist ziemlich schwierig, keine Steine auszulösen. Den Sicherungspartner behelligen diese jedoch nicht, einzig für andere Seilschaften weiter unten in der Wand könnte es prekär sein - bei den bisherigen Begehungsfrequenzen ist dies jedoch ein kaum realistisches Szenario. Der Stand dann bei der markanten Wandbuchdose.

Die echt luxuriöse Wandbuchdose am vorletzten Standplatz.

Und auf eben dieses Wandbuch waren wir natürlich sehr gespannt. Zuerst im Zweifel, ob es die vielen Jahre an der Schwelle im Hochgebirge gut überdauert hat, was aber dank dem luxuriösen Behälter absolut der Fall war. Der Blick ins Buch zeigt dann erstaunliches: in der Black Mamba waren wir in den 16 Jahren ihres Bestehens neben dem Erschliesser gerade einmal die vierte Seilschaft - bei einer Route von dieser Qualität kaum zu glauben, erst recht da der Extrem Ost auch viele lobende Worte darüber verliert. Tja, manches im Klettersport lässt sich mit logischen Argumenten nicht erklären... wenn ich es richtig in Erinnerung habe, so wurde der wendenmässig ausschauende, obere Teil der benachbarten Dream Team bisher sogar nur ein einziges Mal geklettert!

L12, 45m, 5c+: Zum Schluss wartet noch eine etwas alpine Seillänge. Der Fels ist durchaus noch als "gut" zu bezeichnen, allerdings nicht mehr von derselben Qualität wie davor. Die ersten beiden BH folgen bald, wobei der zweite etwas rechts ausserhalb vom logischen Verlauf liegt und v.a. zu tief steckt. So droht auf dem Weg zum schlecht sichtbaren dritten Bolt (gerade hinauf geht es) durchaus ein Bodensturz, es handelt sich aber um maximal Vierergelände. Ein Steilstück markiert danach die Crux, bevor man über einfache Wasserrillenplatten in einem grossen Runout dem finalen Stand am Gipfelgrat entgegen klettert.

Sicht vom Ende der Route zum Gipfel, die Bezeichnung Ruchstock passt hier tatsächlich.

Ein paar Minuten vor 15.30 Uhr und damit nach 5:15h Kletterei hatten wir das Top erreicht. Die Route hatte in Bezug auf die Qualität unsere hohen Erwartungen absolut erfüllt, ja sogar übertroffen. Ebenso hatten wir kurz vor dem durch die Meteodienste bereits angekündigten, ersten Wintereinbruch nochmals beste, sommerliche Bedingungen angetroffen. Mir war eine mühelose, komplette Onsight-Begehung gelungen. Im Vergleich zur Bons Baisers am Rothorn zuletzt oder noch viel mehr der knallharten As de Coeur an den Wendenstöcken dünkten mich die Bewertungen doch wesentlich gutmütiger. Ich will damit nicht sagen, sie seien hier oder da falsch. Ich bin mir der enormen Spannbreite der Einstufungen je nach Gebiet und Erschliesser (sowohl auf MSL wie beim Sportklettern) ja bestens bewusst und lasse die gerne so stehen - der Versuch einer "korrekten" Bewertung erscheint mir bei dieser Heterogenität sowieso komplett sinnlos. Jedenfalls, das sei auch noch gesagt: ich bin schon mehrere Touren von Sämi geklettert, das in der Black Mamba gebotene hat in jeder Hinsicht meine Erwartungen erfüllt.

Unser Abstiegsweg verläuft hier durch das Kar zur Planggenalp.

Vom Stand am Top könnte man zu Fuss im einfachen Schuttgelände den ca. 200m entfernten Gipfel des Ruchstocks problemlos erreichen. Da wir beide schon im Rahmen von Skitouren dort waren und man gegenüber dem Routenende dort keine wesentlichen, neuen Einsichten gewinnt, verzichteten wir darauf und machten uns ans Abseilen. Dies vollzieht sich im oberen Wandteil über Dream Team und umfasst 4 Strecken (50m!!, 50m, 40m, 50m). Über das Geröll muss jeweils zurückgelaufen, über die Felsstufe 25m abgeseilt werden. Der untere Wandteil umfasst dann nochmals vier etwas kürzere Manöver. Um 16.30 Uhr waren wir retour am Einstieg, packten unsere Waren und entschieden, auf dem Rückweg die direkte Variante via Planggenalp zu wählen. Ob dies schneller als via Hütte ist, können wir natürlich nicht beantworten. Jedenfalls war das blockige Geröllgelände ganz ordentlich gut begehbar, wir erreichten bereits um 17.15 Uhr die Brücke bei P.1964 und trafen um 18.00 Uhr nach einem fägigen Bike-Downhill in Engelberg ein - a very fine day!

Facts

Ruchstock - Black Mamba 6c+ (6b+ obl.) - 12 SL, 400m + 120m Gehgelände - Sämi Speck et al. 2006 - ****;xxx-xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, evtl. Cams 0.4-0.75

Eine hervorragende, durch das Schuttband in Wandmitte zweigeteilte Route. Der untere Teil bietet steilplattige Kletterei an Leisten, Schuppen und schwarzen Einschlüssen, während man im oberen Teil rauen, vom Wasser zerfressenen Kalk à la Rätikon geniesst. Mit der Tatsache, dass man hier eine imposante Wand komplett erklimmt und sich in einer sehenswerten alpinen Umgebung bewegt, ist eine 4*-Bewertung auf jeden Fall verdient! Einige kurze Abschnitte sind etwas alpiner, die Route ist aber sicher einem breiten Kreis von Kletterern zugänglich. Dies wird unterstützt durch die im Vergleich eher softe Bewertung und der guten Absicherung. Sämi Speck hat die Route im 2015 mit zusätzlichen BH nachgerüstet, seither sind alle schwierigen Stellen prima abgesichert, nur im wirklich einfachen Gelände gibt es auch mal einen Runout. Die Mitnahme von mobilen Sicherungsmitteln scheint mir fakultativ. Wir hatten einen Satz Cams dabei, ihn aber nicht eingesetzt. Die Route ist im Extrem Ost beschrieben, alternativ kann man auf das Originaltopo zurückgreifen. Bei diesem ist zu erwähnen, dass (nicht nur seit dem Nachrüsten 2015, aber seit da erst recht) mehr BH stecken als verzeichnet.

Das Originaltopo vom Erschliesser Sämi Speck - vielen herzlichen Dank!

Sonntag, 21. August 2016

Ruchstock - Speck-Kante (7a)

Ich könnte an dieser Stelle von unser idealen Planung berichten, d.h. wie wir es bei widrigen Verhältnissen trotzdem geschafft haben, eine trockene und lohnende Kletterroute zu finden. Das wäre aber dann ein bisschen gelogen. Mit dem Ruchstock ist es nämlich ein bisschen ein Kreuz. Schon lange haben wir die beiden Routen Black Mamba und Dream Team durch die Südwand auf dem Radar. Doch einmal wurde ich in der Nacht vor der Tour plötzlich krank, ein anderes Mal hielt uns die Arbeit kurzfristig von einer Begehung ab und ja dieses Mal, da wurde es auch wieder nichts. Immerhin, so knapp wie dieses Mal sind wir noch nie gescheitert.

Alles wie frisch gewaschen... auf Ristis, bei der Bergstation der Brunnibahn vor dem Aufbruch.
Die Wetterprognose lautet auf einen trocken-sonnig-warmen Tag, ein bisschen Niederschlag am Vortag sollte der Begehung nicht im Wege stehen. Doch spätabends, als wir unser Ziel bereits fixiert haben, geht über Engelberg noch ein heftiges Gewitter nieder und deponiert 45mm Regen, ein Drittel des durchschnittlichen Monatsniederschlags. So erstaunt es dann nicht, dass die sich Wände im ganzen Talkessel am nächsten Morgen schwarz vor Nässe präsentieren. Da wir vor Ort sind und nicht noch in der Weltgeschichte herumfahren wollen, um an den nächsten Orten dasselbe Bild zu sehen, machen wir uns trotzdem auf den Weg. Womöglich würde ja die starke Sonneneinstrahlung der Nässe rassig den Garaus machen. Bei dem rauen Hochgebirgskalk und der Wandkletterei, welche die Routen bieten, ist das ein durchaus realistisches Szenario.

Schön anzusehen, aber einfach nicht ganz ideal für die Felstrocknung, diese Quellwolken.
So gondeln wir mit der Bahn nach Ristis und laden auch das Mountain Bike mit ein. Das kostet nur 4 CHF extra, ist somit günstiger als die Retourfahrt und bildet den Joker für einen bequemen Weg ins Tal, falls man die letzte Fahrt abends verpassen würde. Von Ristis (1599m) radelt man bequem auf nicht allzu steil ansteigender Teerstrasse bis zum Rigidalstafel (1747m) bzw. bis zum Vogelloch wenig oberhalb. Dort steht das Schild "Ende der Bikestrecke", und man müsste dieses auch für rund 100hm bis zum Holzstein schieben oder schultern. Danach wäre der mit etwas Auf und Ab nahezu horizontal verlaufende Pfad bis zum Planggenstafel wieder gut fahrbar, für jene die genügend Saft in den Beinen haben mit wenigen Schiebepassagen sogar der ganze Aufstieg bis zur Rugghubelhütte. Vor allem der Downhill von daselbst würde dann allererste Güteklasse aufweisen. Das alles jedoch im Konjunktiv, denn nebst dem ersten Schild am Rigidalstafel trifft man danach auf drei weitere Schilder, welche das Biken im Jagdbanngebiet untersagen.

Die Südflanke des Ruchstock mit dem besten Wegverlauf hinauf zur Route (ca. T5).
In 1:20 Stunden ab Ristis waren wir in der Hütte, von da wären es noch ca. 20 Minuten an den Einstieg. Leider herrschte aber nicht eitel Sonnenschein, sondern es waberte reichlich Quellbewölkung herum, so dass sich die Situation an der Wand noch nicht zu unseren Gunsten verbessert hatte. Also gingen wir erst mal eins trinken und trafen auf eine weitere Seilschaft, welche auch den Ruchstock auf dem Radar hatte und auf Besserung wartete. Nach einer Weile (bei immer noch unveränderter Lage) beschlossen wir, doch wenigstens mal am Einstieg nachzusehen. Erst noch dem Pfad entlang, dann die Grashänge hinauf und zuletzt die etwas mühsame Querung der labilen Geröllhänge - nur um zu sehen, dass die Wand nicht nur schwarz vor Nässe war, sondern dass ganze Kaskaden über den Routenverlauf tropfen. Da war dann gleich klar, dass dies nicht von einer Stunde Sonne in einwandfreien Zustand kommen würde. Somit war eine gute Alternative gefragt...

Gefunden, irgendwo im nirgendwo. Schon erstaunlich, wie selbst eine ganz einfache Beschreibung ausreicht, um den Einstieg aufzufinden, sofern der Weg dorthin und auch die Route absolut logisch sind.
Unsere Sandwiches verspeisend entschieden wir, einmal rechtsrum im Schrofengelände aufs Band in Wandmitte zu kraxeln. Dort wollten wir entweder die Speck-Kante (5 SL, 7a) anpacken, welche sich an einem Turm rechts aussen befindet, oder dann notfalls einfach den oberen Wandteil einer der langen Südwandrouten klettern. Der Aufstieg ist nicht allzu schwierig (ca. T5), aber doch exponiert und ein Ausrutscher liegt nirgendwo drin. Zusammen mit dem nassen Gras und dem komplett durchweichten Boden war reichlich Aufmerksamkeit nötig. Der beste Weg ist übrigens absolut logisch, und in der Toposkizze von Erstbegeher Sämi Speck (siehe unten) auch nachvollziehbar eingezeichnet. Im Gelände findet man zudem hier und da einen verblassten, roten Pfeil, der einem die Routenwahl bestätigt. Was wir zu Gesicht bekamen, war immerhin erfreulich. Der freistehende Turm der Speck-Kante, ohne jede Vegetation, war augenscheinlich trocken und würde einen Versuch zulassen. Um 11.55 Uhr und damit nach 3:45 Stunden nach unserem Aufbruch in Ristis waren wir (natürlich mit vielen Pausen und Umwegen) startbereit.

L1, 40m, 6a+: Nach den ersten, noch etwas brüchig-einfachen Metern sehr schöne Kletterei in rauem, kompaktem Hochgebirgskalk. Das Gestein ist speziell geschichtet, es gibt viele grosse, runde Griffe und Aufleger, aber kaum positive Henkel. Beim Klettern gab der Fels (zumindest uns) immer ein bisschen das Gefühl, dass wir uns ungeschickt anstellen - liegt wohl daran, dass das raue und nicht allzu steile Gestein den Eindruck vermittelt, hier einfach hochtänzeln zu können. Wegen der anhaltenden Rundheit müssen die Moves aber sorgfältig geplant werden.

Blick vom Einstieg nach oben. Sieht vielversprechend aus, cooles Wolkenbild dazu!
L2, 30m, 6b: Nun geht's nur wenig rechts der Kante steiler aufwärts. Sehr schöne Kletterei an immer noch vorwiegend runden Strukturen, mit ab und zu einem (natürlich ebenfalls abgerundeten) Riss, der einen Seitgriff hergibt. An sich gut abgesichert, mit zwei längeren Runouts in einfacherem Gelände in der Mitte, welche den Rahmen von xxxx-Absicherung sprengen. Der Fels natürlich auch super rau, Speck ist wohl der Name des Erstbegehers, aber ganz und gänzlich nicht die Situation am Fels.

Schöne Kletterei in rauem Hochgebirgskalk mit vielen runden Strukturen (wäre ideal für eine Finger-Reha!): L2, 6b.
L3, 25m, 6a: Es wird noch besser, es kommt die bisher schönste Seillänge. Die Zone unter dem grossen Überhang weist allerbesten, wasserzerfressenen Fels auf. Nun hat's auch einige griffige Tropflöcher und Briefkastengriffe der allerersten Güte. Ein grosser Genuss, hier hochzusteigen.

Sehr schöne Kletterei in fantastischem Fels wartet in L3 (6a).
L4, 35m, 7a: Achtung, hier gibt's zwei Varianten. Direkt ob dem Stand hoch führt die "Direkte Speck-Kante" (7b, siehe Beschreibung unten). Die Route führt aber eigentlich erst in einem Quergang nach rechts, und dann die Wand hinauf. Erst geht's eng abgesichert und noch recht griffig in schönem Fels aufwärts. In der Mitte kommt dann die Crux: der Fels ist irre rau, aber nicht so wirklich griffig. Technisch zaubern in senkrechtem Fels heisst es da für ein paar Meter, vor allem ist die beste Passage ob den unendlich vielen, etwa ähnlich guten oder eben schlechten Griffmöglichkeiten kaum zu erkennen. Pokern heisst es da, meine Variante geht jedenfalls in einem Onsight auf. Trotz der sehr guten Absicherung hatte ich den Eindruck, dass die schwersten Moves recht zwingend sind - aber vielleicht täuscht's auch, und man würde bei Verwendung einer Trittschlinge doch mit 6b A0 durchkommen. Zuletzt dann noch 10 einfachere Meter in plattiger Verschneidungswand zum Stand.

Coole Kletterei und das Ambiente passt: L4, 7a.
L5, 25m, 6b: Nun geht's noch auf den steilen Turm hinauf. Das Gestein sieht etwas nach Klausen-Klötzlifels aus. Allerdings entpuppt es sich als solide und ist auch cool zu beklettern. Eher etwas technisch und fein im ersten Teil, grossgriffiger und leicht überhängend dann zum Abschluss, wirklich lässig.

Klötzlifels in solider Ausprägung, hinauf auf den steilen Turm: L5, 6b.
Etwas vor 14.00 Uhr sind wir nach 2:00 Stunden Kletterei beim Ausstiegsstand. Wir steigen noch die wenigen Meter zum von uns Spitz Speck (oder auf Schweizerdeutsch eben "Schpitz Schpäck") genannten Gipfel auf. Leider gibt's weder ein Routen- noch ein Gipfelbuch, aber wir vermuten, dass hierhin noch nicht viele Begeher ihren Fuss gesetzt haben. In allen anderen Routen von Sämi, die zur selben Zeit erstbegangen wurden, hatte ich mir in den letzten Jahren eine Wiederholung bei noch einstelliger Besucherzahl buchen können. Somit dürfte hier, bei dieser eher kurzen Route mit sehr langem Zustieg bei ähnlichem Charakter und Schwierigkeit, eher noch weniger bzw. eben gar nicht geklettert worden sein. Wir halten uns eine Weile auf, bauen einen Steinmann und geniessen den Ausblick ins wilde, hintere Rugghubelgebiet. Landschaftlich ist's wirklich schön hier oben, das kriegt man definitiv etwas für den weiten Zustieg entschädigt. 

Oben auf dem Spitz Speck, wie viele waren vorher schon da?!?
Mein Plan ist es, der 7b-Länge an der direkten Kante noch einen Versuch zu geben. Wir seilen also 2x25m ab und stehen wieder am Stand nach L3. Meine Erwartungen und Hoffnungen werden erfüllt, ich kann auch diese Seillänge gleich im ersten Go punkten. Nachdem man direkt darüber abseilt habe ich gleich die Exen platziert und die Augen hatte ich natürlich auch nicht verbunden. Je nach persönlicher Ethik also ein Rotpunkt, Flash oder Onsight ;-) Eigentlich ja egal wie es heisst, das Ziel war hier einfach grad durchzusteigen, und das ist gelungen. So richtig schwer ist eigentlich nur eine kurze Passage, welche ein paar originelle kleine Schlitze und Löcher bei mässigem Trittangebot bietet und kurz entschlossenes Durchziehen verlangt. Der Rest der Seillänge bietet Genusskletterei im 6bc-Bereich in prima rauem Gestein. Wer möchte, kann übrigens (obwohl es im Topo nicht so aussieht) auch vom Stand dieser Variante danach noch L5 klettern.

Jonas folgt in der schönen 7b-Länge der direkten Kante, welche wir uns zum Dessert noch gegönnt haben.
Wir seilen danach zum Einstieg ab und wechseln das Schuhwerk. Sonne sei Dank haben die im Aufstieg komplett durchnässten Socken und Schuhe wieder eine akzeptable Trockenheit erreicht und auch im Gelände ist's nicht mehr so arg nass. Im unteren Wandteil von Black Mamba und Dream Team hat sich die Lage auch gebessert. Es verbleiben aber immer noch ein paar Wasserstreifen, also heute wäre da definitiv nicht zu holen gewesen. So steigen wir an vielen hüttenwandernden Personen (v.a. Familien) vorbei zu unseren Bikes ab, bevor der rasante Downhill nach Engelberg erfolgt. Das Fazit am Schluss ist glasklar: a) die Bike-Abfahrt fägt, das nächste Mal nehmen wir das Bergrad sicher wieder mit und b) auch wenn uns die langen Routen am Ruchstock erneut entgingen, die Speck-Kante war ein ganz nettes Tüürli. Klar, das Verhältnis von Zustieg zu Routenlänge ist leicht suboptimal. Das kümmert uns aber nicht weiter, den Wetterkapriolen zum Trotz gab's doch noch ein ganz gmögiges Tägli mit wirklich lohnender und zudem auch sportlich erfolgreicher Kletterei - a good day out in the mountains!

Facts

Ruchstock - Speck-Kante 7a (6b obl.) - 5 SL, 150m - Sämi Speck 2006 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Keile/Friends nicht nötig

Nette Route an einem einsamen, abgelegenen Turm in der oberen Ruchstock-Südflanke, welche wohl kaum Begeher sieht. Das liegt am langen Zustieg, welcher von Ristis auch bei zügigem Gehen rund 2.5 Stunden in Anspruch nimmt. Das schmälert die Attraktivität der Route, weshalb als Gesamtunternehmung nur ** angebracht sind. Es sei denn, man wandere gerne, sei gerade in einer Phase mit Konditionstraining oder sonstwie motiviert, diesen Ort aufzusuchen. Die Kletterei allerdings ist wirklich lohnend, der raue Hochgebirgskalk von guter Qualität und wie unsere Erfahrung zeigt, auch sehr schnell trocken. Bei der Absicherung hat sich Sämi Speck nicht lumpen lassen. Die BH stecken regelmässig und in freundlichen Abständen, nur im einfacheren Gelände muss man einmal ein paar Meter weiterklettern, Keile/Friends sind nicht nötig. Weil es in der Einstiegslänge sowie in L4 jeweils zwei Varianten gibt, können Motivierte noch zwei Zusatzlängen klettern. Besonders die 7b-Variante an der direkten Kante ist wirklich prima. Weil auf den Bändern reichlich Schutt herumliegt und ein Abseilen ohne Steine in die Tiefe zu schicken kaum möglich ist, verträgt es in dieser Route nur eine Seilschaft aufs Mal. Das dürfte jedoch aufgrund der tiefen Begehungsfrequenz kaum ein Hindernis darstellen, und eine Eigengefährdung ist nicht vorhanden.

Topo

Das Topo vom Erstbegeher Sämi Speck passt hervorragend, da braucht's nichts anderes. Danke Sämi!