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Dienstag, 25. August 2020

Aiguille Pierre André - Les Marmottes Givrées (6b)

Das Ubaye-Tal ist ein Paradies, das aufgrund seiner abgeschiedenen Lage weitab von den Ballungszentren und Urlaubsregionen zum Glück nur selten besucht wird. Das hatten wir schon letztes Jahr bei unserer Kletterei an der Tête de Sanglier festgestellt. Da nun dieses Jahr wieder alle gut zu Fuss waren, erkoren wir die Aiguille Pierre André zum Projekt. Dieser Quarzmonolith ist ein gewaltiger stolzer, eindrücklicher Berg - ein wenig erinnert er an das Zervreilahorn. Zwar muss sich die Kletterei mit einem langen Zustieg verdient werden und es gibt dann nur 6 Seillängen zu geniessen. Trotzdem lohnt es sich absolut, das Gesamterlebnis mit dem landschaftlich schönen Zustieg und der griffigen Kletterei auf den isolierten, freistehenden Gipfel ist einfach grandios.

Ein super Berg! Die Aiguille Pierre André mit dem Verlauf der 'Marmottes Givrées' (6b).

Unsere Tour startet auf den Parkterrassen vor Maljasset (1900m), dem letzten Ort im Tal. Eigentlich gibt's da viel Platz, aber da wir wieder einmal antizyklisch spät unterwegs sind und so hoffen, im Zustieg und der Kletterei der grössten Hitze zu entkommen, müssen wir an diesem wunderschönen Sommertag doch ein wenig kreativ werden, um unser Panthermobil zu platzieren. Dann heisst es vorerst einmal, dick Sonnencrème einzuschmieren,  bevor wir um 12.45 Uhr loslaufen. Erst geht es durch die Häuser hindurch, nach der Kirche dann zum Fluss hinunter, über diesen hinweg und auf den ausgeschilderten Wanderweg Richtung Col Mary. In der Nebensaison kann man hier noch ein ganzes Stück weit mit dem Auto fahren und spart sich wohl gegen 30 Minuten Zustieg. 

Auf den stolzen Zacken rechts der Bildmitte soll es gehen! Auf diesem Foto erkennt man auch gut die Weite des Zustiegs. Es ist im Vallon de Mary aufgenommen, bis zu diesem Punkt hatten wir auch schon gute 45 Minuten gebraucht. Und die weiteren 1:15 Stunden bis an den Einstieg sind aus dieser Perspektive wohl auch gut nachvollziehbar.

Ist der Weg erst noch eine raue Forststrasse, so wird er später zum Singletrail und man etabliert sich schliesslich im Vallon de Mary. Auf einer Höhe von gut 2200m zweigt dann der gut ersichtliche Pfad und zum Zeitpunkt unserer Begehung auch ausgeschilderte Pfad zur Aiguille Pierre André ab. Es geht zum schönen Wildbach hinunter, auf einer Brücke über diesen hinweg, dann erst dem Hang entlang ansteigend taleinwärts, bevor es dann in vielen Kehren steil bergauf geht. Man erreicht schliesslich einen blockdurchsetzten Kessel unter der Aiguille und etwas links ausholend den Einstieg auf ca. 2650m. Obwohl es netto nur rund 800hm sind, ist doch recht viel Distanz zu laufen. Auch mit zügigem Gehen benötigten wir fast 2:00 Stunden (inklusive einer 30-minütigen Futterpause unterwegs) und gönnten uns erst nochmals eine ausgiebige Pause. Während unser zweites Team den Gipfel über den Normalweg besteigen wollte, griffen Larina und ich um ca. 15.15 Uhr in der Murmeli-Route an.

Die Kids leicht bekleidet in Trailrunning-Manier unterwegs in Richtung der Aiguille Pierre André, der Alte hechelt mit dem schweren Sack und brennenden Muskeln hinterher. Der Gedanke "puh, die sind langsam echt fit" ging mir ein paar Mal durch den Kopf. Aber das war halt der Deal, den wir am Vorabend im Angesicht einer Tour mit 2h Zustieg geschlossen hatten... Daddy spielt den Sherpa.

Und wenn der Vater ja schon trägt, kommen auch noch essenzielle Sachen wie ein 'aval soucis' mit...

L1, 6a, 35m: Sehr schöne Auftaktseillänge, die anhaltend steil aber eben auch richtig griffig ist. Wirklich wie gemacht zum Klettern, genial. Gegen das Ende hin kommen dann auch noch ein paar kniffligere Wandstellen, wo die Griffe etwas mehr gesucht, bzw. die Linie erkannt werden will.

L1 (6a) mit exzellenter Kletterei.

L2, 6a, 45m: Nach ein paar einfachen Metern wartet die Crux am athletisch-griffigen Wändchen, bevor man in einfacheres Gelände entlassen wird. Dort sind die Hakenabstände dann plötzlich eher weit und sicheres Steigen ist erforderlich. Zum Ende der Seillänge hin zieht dann die Schwierigkeit wieder etwas an.

Fotogen ist sie schon... und super die Kletterei in L2 (6a).

L3, 5b, 35m: Weniger steiler Abschnitt mit genussreicher, etwas einfacherer Kletterei. Oft entlang von Rissspuren und zuletzt gegen die Kante ziehend zum Stand vor dem orangen Steilriegel.

Dank ein paar Rissspuren einfacher, aber auch kein 'Seich': L3 (5b).

L4, 6b, 35m: Nun geht's über die athletische Zone hinweg, das ist die klettertechnische Crux der Route. Die Lösung nicht ganz offensichtlich, die Griffe auch mal versteckt und sich geschickt zu positionieren und auch mal einen Klemmer zu lancieren hilft weiter. Obligatorisch ist das Ganze jedoch nicht, hier stecken die Haken in Kletterhallenmanier und man käme A0 durch. Dann vorerst etwas einfacher, bevor zum Schluss nochmals eine henklige Passage auf eine Terrasse und zum dort rechts gelegenen Stand führt.

Rückblick von unterwegs auf L4 (6b), vom Stand auf der Terrasse ist es nicht fotogen.

L5, 5c+, 40m: Nochmals eine sehr schöne Seillänge mit griffig-luftiger Kletterei entlang der Kante. Der Stand befindet sich dort, wo sich die Neigung zurücklegt. Zum Gipfel ist es von da zwar nicht mehr allzu weit, den Stand zu nutzen macht jedoch absolut Sinn.

Ausstieg aus L5 (5c+), unten der Kessel mit den Blöcken mit erahnbarer Wegspur.

L6, 3a, 30m: Meist Gehgelände über eine Art Rampe in eine wenig ausgeprägte Scharte, welche den Ausstieg aufs Gipfelplateau bietet. Kurz davor wäre ein Stand an Klebehaken. Man kann diesen aber gut nur als Zwischensicherung nutzen und dann am Gipfel als Totmann oder an Blöcken nachnehmen.

Ausstieg aus der Wand (L6, 3a) - welch eine wunderschöne Berggegend!

Um 17.15 Uhr und damit nach nur knapp 2:00 Stunden Kletterei waren wir am Gipfel, das ging also ziemlich fix! Die Kletterei ist aber auch straightforward, sehr angenehm zum Steigen und war uns beiden eher leicht gefallen - dass wir hier keine Sturzflüge hinlegen oder in die Haken greifen mussten, Bedarf eigentlich kaum der Erwähnung. Die Stimmung am Top war einfach grandios, ein solch wunderschöner Tag mit stahlblauem Himmel, die weite Berggegend alleine für Familie Dettling. Nur am Himmel konnten wir zahlreiche Gänsegeier beobachten und auch viele Segelflieger, die am Grenzkamm F/I in atomarer Höhe den wenigen Quellwolken entgegen drehten. Auch diese Sportler (die Vögel bestimmt auch) waren mit dem Tag sicherlich hochzufrieden. Das war wieder einmal ein Moment, in welchem man die Zeit hätte anhalten können sollen - einfach so schön!

Nach einer halben Stunde Pause machten wir uns aber doch auf den Heimweg, der ja doch auch noch ordentlich weit war. Zuerst steigt man über das Gipfelplateau 20m nach SW ab, wo sich die erste Abseilstelle, bzw. der Ausstiegsstand des Normalwegs befindet. Der erste Abseiler misst etwa 30m, sprich ein 50m-Seil ist zu  kurz. Mit etwas alpinem Geschick kann man aber die nächste Abseilstelle gefahrlos abkletternd erreichen. Ab da bis auf Terra Firma sind es dann rund 40m. Da wäre ab dem Ende des 50m-Seils dann schon ein längeres und auch steiles Stück im dritten Grad abzuklettern. Für Versierte wäre das sicher auch möglich, wir fädelten einfach nochmals das Seil in einen einzelnen der bombenfesten, grosskalibrigen Klebehaken und gelangten so sicher auf den Boden. Unter dem Strich hatte sich die Taktik bezahlt gemacht, den weiten Zustieg nur mit einem 50m-Einfachseil anzutreten. 

Aiguille Pierre André (2812m) - what a place to be!

So schnürten wir um 18.00 Uhr die Schuhe. Wegspuren führen etwas rechts ausholend in den Kessel hinab. Wer möchte, kann mit einem kleinen Umweg nochmals am Einstieg vorbei, um allenfalls dort deponierte Sachen abzuholen. Wir hatten uns für die Lösung entschieden, gleich die Schuhe und alles Material auf die Route mitzunehmen - m.E. noch optimaler. Nun ging's die zahlreichen Kehren wieder hinab, mit hin und wieder einem Stopp, um die nun im Abendschatten aktiven und putzigen Munggen zu beobachten. Am Hang gegenüber beobachteten wir auch, wie die 2 Bayern, mit welchen wir einen Teil des Aufstiegs bewältigt hatten, nun auf ihren Bikes zu Tale brausten. Das hätte uns auch ganz gut gepasst... doch auch zu Fuss war es ein schöner Marsch. Mit noch einem Besuch in der Kirche und einem Schwatz mit dem Sigristen-Paar wurde es 19.30 Uhr, bis wir retour am Parkplatz waren (ohne Pausen in 1h machbar). Ein bisschen müde aber sehr zufrieden über diesen wunderschönen Bergausflug setzten wir uns aufs Polster und vereinbarten mit den Kids, am Folgetag "nur" bequem Sportklettern zu gehen.

Hier über die Westwand führt der Normalweg hinauf, bzw. das Abseilen hinunter.

Facts

Aiguille Pierre André - Les Marmottes Givrées 6b (5c obl.) - 6 SL, 220m - Chevalier/Fiaschi 1994 - ****;xxx-xxxxx

Material: 1x50m-Seil, 10 Express, evtl. Cams 0.2-1

Eine hervorragende Plaisirtour! Sie muss sich zwar mit einem weiten und anstrengenden Zustieg verdient werden, der sich aber schon nur landschaftlich lohnt. Die Kletterei am griffig-steilen, orangen Quarzit ist dann von erster Güteklasse und sehr elegant, der stolz freistehende Gipfel in einer wunderschönen Gegend noch das Extra dazu. Die Absicherung mit verzinkten Bolts, die (Stand 2020) noch gut im Schuss waren, variiert je nach Schwierigkeiten etwas. An den schwierigsten Kletterstellen ab 6a wurde fast in Kletterhallenmanier gebohrt und man kann die Hauptschwierigkeiten mit Griff zum Haken entschärfen. Im einfacheren Gelände bis 5c sind die Abstände eher weit, in etwa auf Niveau "Plaisir gut" bzw. xxx-Niveau. Mich überzeugt dieses Absicherungskonzept jeweils nicht restlos, ich persönlich hätte an den schwierigen Stellen weniger Haken gesetzt, an den einfacheren dafür etwas kürzere Abstände gemacht. Anyway, es geht schon - wer möchte, kann in diesen einfacheren Abschnitten wohl mit kleinen bis mittleren Cams noch da und dort ergänzen. Wer im Grad 5c sicher klettert, kann den Weg zur Aiguille Pierre André aber ohne dieses Zusatzgewicht antreten. Ein schematisches Topo findet man im Topoguide Band II. Hinweis: in dieser Gegend hat man höchstens sporadischen Handyempfang.

Montag, 30. September 2019

Tête de Sanglier - Les Jardins d'Amadine (6a)

Erneut war ein grandioser Bergtag mit stabilem Wetter angekündigt, den wir für eine Tour und das Kennenlernen neuer Berge und Täler in der französisch-italienischen Grenzregion nutzen wollten. Eine relativ zugängliche, aber trotzdem lange und eindrückliche Plaisirtour findet man an der Tête de Sanglier im Vallon d'Ubaye. Über eine Strecke von fast 500 Klettermetern findet man hier schön griffigen, festen Quarzit. Geht man so wie wir nach der Tour zum Gipfel und steigt zu Fuss durch das Vallon des Houerts ab, so ergibt sich eine tolle, landschaftlich sehr schöne Überschreitung. Die Mama war aufgrund ihrer Knieverletzung noch nicht genügend fit für eine solche Tour und musste sich mit einem Spaziergang im Talgrund begnügen, um die Batterien vom Sportklettern wieder aufzuladen. Somit bestritt ich die Tour mit Larina (10 Jahre) und Jerome (8 Jahre), welcher auch dabei sein wollte, nachdem sein gebrochenes Schlüsselbein wieder gut verheilt war und die Schwierigkeiten den Grad 6a nicht überschritten.

Die aus griffigem Quarzit bestehende E-Wand der Tête de Sanglier im Vallon d'Ubaye weist doch beachtliche Dimensionen auf! Die Route 'Les Jardins d'Amadine' (6a) führt immer rechts der markanten Verschneidung in Bildmitte durch die Wand. Einstieg und Top der Route sind je mit einem roten Punkt markiert. Bildquelle: Aurelien Quiri, camptocamp.org.
Die Anfahrt führt von Guillestre über den Col de Vars nach St-Paul-sur-Ubaye und ist alleine schon sehenswert. Vom Ort geht's ins auf schmaler Strasse ins verlassene Tal hinein, der Parkplatz befindet sich 300m vor dem Weiler La Barge. Nun nicht gleich zu Beginn einen Verhauer leisten: der Pfad startet undeutlich links vom Bachbett (Steinmann vorhanden. Achtung, auch rechts vom Bach beginnt ein Pfad, der führt jedoch woanders hin!), wird dann aber bald besser und führt entlang von Steinmauern diagonal links aufwärts über Kuhweiden Richtung Wand. Später geht's dann durch die Bäume, man überquert die grosse Runse und steigt zum Wandfuss hinauf. Wenn man den Anfang des (richtigen) Pfades einmal gefunden hat, so wird man ihn nicht mehr verfehlen, er ist tiptop ausgetreten.

Vallon d'Ubaye. Der Ausgangspunkt zur Tour in Bildmitte am unteren Bildrand gerade knapp zu sehen.
Wir haben auf einen späten Start gesetzt und sind erst um 12.20 Uhr vom Auto los. Dank dem stabilen Wetter und wegen den hohen Temperaturen kletterten wir lieber erst am Nachmittag, als die Sonne nicht mehr so stark in diese Ostwand brannte oder gar schon um die Ecke verschwunden war. Diese Strategie ging schliesslich perfekt auf. Anyway, vom Wandfuss geht's noch links diagonal über die Rampe hinauf. Der wenig empfehlenswerte Originaleinstieg unserer Route befindet sich rechts des schwarzen Wasserstreifens. Jener war im trockenen Sommer 2019 kaum erkennbar, auch die grüne Schrift war kaum mehr lesbar und nur noch mit Spürsinn zu erahnen. Wir gingen aber sowieso weiter zum gebräuchlichen und schöneren Linkseinstieg. Der befindet sich wenige Meter vor dem breiten Riss, welcher in die Riesenverschneidung hinaufführt (keine Markierung vorhanden, aber dank ausgetretenem Geröllplatz erkennbar, wenn man späht, wird man auch die ersten BH erkennen). Nach 30 Minuten Zustieg waren wir vor Ort, wohl ein paar Minuten nach 13.00 Uhr starteten wir die Kletterei.

Erster Aufschwung

L1, 45m, 5b: plattig, schön griffiger Quarzit
L2, 40m, 5c: ähnlicher Charakter, bisschen schwieriger
L3, 25m, 6a: es wird steiler, kurz aber anhaltend fordernd
L4, 45m, 6a: nochmals steil und griffig, zuletzt links raus
L5, 45m, 6a: überhängender und henkliger Start, dann ein schöner Riss
L6, 35m, 5c+: Knifflige Verschneidung, gefolgt von etwas unlogischer Links-Rechts-Schleife
L7, 45m, 4b: Einfaches Teilstück der Rippe entlang, zuletzt kurz links an steilerer Wand (BH)

Zwei schnelle Nachsteigende = wenig Zeit, um Kletterfotos zu machen. Hier am Ende von L4 (6a).
An dieser Stelle hat man den ersten Teil der Wand bezwungen und man könnte (wie vermutlich auch schon nach L6) rechtshaltend über Bänder in die grosse, geröllige Runse queren und durch diese zum Ausganspunkt absteigen. Wir wollten aber natürlich weiter zum Gipfel und machten uns daher auf, den oberen Teil zu erreichen. 

L8, ca. 70m, 2a: zuerst 3m links hinauf, dann horizontale Traverse nach links, schliesslich auf einem Band diagonal abkletternd. Wegen der querenden Natur, da sich drüben am Beginn des zweiten Aufschwungs kein Stand befindet und es unterwegs kaum Möglichkeiten für Zwischensicherungen gibt, ist dieser Abschnitt heikel, wenn man ihn als Seillänge begeht. Darum besser seilfrei bzw. am kurzen Seil gehen. Der Start vom oberen Routenteil befindet sich fast drüben bei der Verschneidung in weissem Fels, zur Zeit unserer Begehung befand sich ein Steinmann beim Startpunkt. Wie so oft an diesem Berg waren die Haken aber auch da schwierig zu erspähen.

Zweiter Aufschwung

L9, 45m, 5b: Super griffige Genusskletterei, Dächli am Ende, dann ansetzende Verschneidung
L10, 45m, 5c: Links der Verschneidung, dann steil und griffig, vor dem zweitletzten Bolt lose Blöcke
L11, 40m, 5c+: Steilzone an rechten Ende griffig überqueren und wieder eher links haltend hinauf
L12, 30m, 4a: Gerade hinauf zum Top. Oben findet man 2 BH und Abseilmöglichkeit

Panorama aus der Wand
Um 17.30 Uhr waren wir nach 4:30h Kletterei am Top und hatten eben eine Seilschaft aufgeholt, welche lange vor uns gestartet war. Für den Weg ins Tal gibt's mehrere Möglichkeiten. Eine besteht darin, über die Route abzuseilen. Das wären zu dritt 11 Strecken plus die Querung in Wandmitte. Zieht man zusätzlich den strukturierten Fels in Betracht, so hätte dies wohl eine geraume Zeit gedauert und wäre wenig spassig gewesen. Somit zogen wir den auch nicht ganz kurzen Fussabstieg vor, welcher über den Gipfel und später westwärts ins Vallon des Houerts führt. Dazu steigt man über Platten und Schrofen (T5, II) ca. 80hm weiter auf bis zu einem flachen Vorgipfel. Von diesem wenige Meter absteigen und durch die folgende Wand hinauf mit etwas Kraxelei über Stufen und Bänder (T4+). Zuletzt kann man sich nach links in einen grasigen Sattel (ca. 2600m) drängen lassen, von wo es zum fakultativen Gipfel der Tête rechts weitere 50hm sind. Vom Top der Route bis zum Sattel sind es ca. 200hm und eine knappe halbe Stunde Aufstieg. 

Da wir schon dabei waren, liessen wir den Gipfel natürlich nicht aus, rasteten dann aber kurz im Sattel und verpflegten uns. Der Abstieg von dort führt über alpine Wiesen etwas rechtshaltend hinab. Das Gelände ist problemlos begehbar (T3), aber Wegspuren gab's absolut keine. Der Weg ist jedoch logisch und gut zu finden. Weiter unten zielt man dann in Richtung der Schäferhütte aus Stein, die sich auf dem letzten flachen Wiesenboden im Vallon des Houerts (ca. 2300m) befindet. Dort trifft man auf den Weg, der zurück ins Tal führt. Recht steil und erstaunlich weit (600hm) geht's abwärts, bis wir auf die Strasse trafen, wo wir um 19.30 Uhr ankamen. Das waren jetzt doch auch 2 Stunden ab Routenende bzw. 1:30 Stunden für die 1000hm Abstieg vom Gipfel. Wir hatten Glück und die Mama war bereits da, um uns aufzuladen. Sonst hätten nämlich noch 2km und 150hm Aufstieg zurück zum Ausgangspunkt gewartet, welche den Rückweg zusätzlich verlängert hätten. Wir tuckerten zurück über den Col de Vars zu unserem Zelt, um einen wunderbaren Klettertag durch eine grosse Wand in einer eindrücklichen Gegend reicher. 

Auf dem Fussabstieg ins Vallon des Houerts. In der linken Bildhälfte der Sommet Rouge, wo man auch klettern kann.
Nur eine Frage bleibt bis heute ungeklärt: die Seilschaft, die wir am Routentop angetroffen hatten, verfügte über keinen Plan für den Abstieg. Ich erklärte ihnen den von uns geplanten (und gewählten) Fussweg. Sie machten sich wenige Minuten vor uns aufsteigend auf den Weg, doch wir bekamen sie nie mehr zu Gesicht. Da sie zuvor nicht durch Schnelligkeit brillierten, wir nicht herumtrödelten und man im Gelände später immer wieder weit voraus sieht, ist es kaum denkbar, dass die beiden wirklich den Westabstieg wählten. Sie mussten sich entweder verhauen haben oder wählten schliesslich doch eine andere Option. Aber welche?!? Ich hoffe, die beiden kamen trotzdem gut vom Berg - die Kinder beschäftigten sich jedenfalls noch tagelang mit dem Schicksal dieser Seilschaft. Letzteres ist für mich gut nachvollziehbar: es war ja doch eine wilde Gegend, ein isolierter Gipfel und ein wenig offensichtlicher, etwas komplizierter Abstieg. Kein Wunder, dass es für die Kids einen ziemlichen Alptraum darstellt, dort oben verloren zu gehen!

Facts

Tête de Sanglier - Les Jardins d'Amadine 6a (5c obl.) - 12 SL, 450m - Chevalier/Fiaschi/Golé 1994 - ****;xxx
Material: 1x oder 2x50m-Seil, 12 Express, Keile/Friends nicht nötig

Plaisirkletterei mit alpinem Touch: kurzer Zustieg, gut abgesicherte, moderat schwierige, gutmütig bewertete und schön griffige Quarzit-Kletterei, die aber trotzdem durch eine grosse Wand und auf einen richtigen Gipfel führt. Insgesamt ein ausgefülltes Erlebnis, das zusammen mit dem langen Abstieg doch etwas Kondition erfordert. In diesem Schwierigkeitsgrad auf jeden Fall eine grosse Tour, für mich ohne Zweifel 4 Sterne wert! Wie bereits erwähnt, ist die Absicherung als freundlich und auf Stufe "Plaisir gut+" einzuschätzen, einzig in den einfachsten Abschnitten sind die Abstände grösser. Für mobile Sicherungen verspürte ich keinen Bedarf, viele Möglichkeiten zu deren Platzierung gibt's obendrein auch nicht. Es stecken verzinkte Haken mit Fixé-Plättli, leider ein ungeeignetes Material für diese Umgebung. Die Bolts sind teils schon ordentlich korrodiert und haben sich in ihrer Farbe dem Fels angeglichen. Zusammen mit der Felsstruktur und dem typischen Gegenlicht sind sie oft schwierig zu erkennen. Somit braucht's trotz der guten Absicherung durchaus etwas Spürsinn für den Routenverlauf. Meist geht's aber ziemlich geradeaus und wenn das nicht zutrifft, eher nach links wie nach rechts. Ein Topo befindet sich im Topoguide Band II oder auch in lokalen Kletterführern (z.B. Escalade en Ubaye). Hinweis: es gibt im Vallon d'Ubaye keinen Handy-Empfang (Stand Sommer 2019), d.h. weder am Ausgangspunkt noch in der Wand hat man Verbindung.