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Donnerstag, 22. Oktober 2026

Tällistock - Voie des Welsches (6c+)

Diese Tour an der Wendenstock-Kette hat sich kurzfristig und unverhofft ergeben - dafür mit einem umso besseren Resultat! Eigentlich hatte ich nach den wiederholten Besuchen im 2026 (1,2,3,4,5) nicht unbedingt damit gerechnet, insbesondere weil mein diesjähriger Wenden-Buddy Bernat schon nicht mehr in der Schweiz weilte. Dann kam aber die Anfrage von Martina und die Voie des Welsches stand dann als Mittelpunkt unserer Anreisewege auch ziemlich subito im Zentrum unseres Interesses. Dies absolut zurecht - die Erschliesser P.A. Steiner und P. Maillefer wussten schon 1985, was sie taten. Nämlich hier wie z.B. auch in der As de Coeur am Reissend Nollen dem besten Fels folgen und anspruchsvolle, aber sehr lohnende Kletterrouten eröffnen. Nur ihre M8-Spits aus den Eighties sind heute nicht mehr so fit. Mit der kürzlichen Sanierung der Voie des Welsches hat sich dieses Problem aber erledigt.

Blick auf die formidable Südwand des Tällistock mit dem Verlauf der Voie des Welsches.

Wir gondelten mit der automatisch betriebenen Tällibahn in die Höhe und liefen um 8.40 Uhr bei der Bergstation los. Man folgt zuerst gut 200m dem Wanderweg zum Klettersteig, bevor man im Bereich vom ersten markanten Graben ("Inner Flieligraben" auf der LK) das Bord hinaufsteigt. Da gibt es überall und nirgends Wegspuren - etwas links tendierend hinauf zum Felsriegel ist aber richtig. An dessen Fuss traversiert man dann nach links, bis er zuletzt nur noch wenige Meter hoch ist und einfach überstiegen werden kann (kurzes Fixseil). Nun wieder deutlich nach rechts haltend traversiert man zu einem zweiten und dritten Felsriegel, dessen Erkletterung ohne das Fixseil gar nicht mal so einfach wäre. Hier im oberen Teil gibt es mehr oder weniger durchgehend schwach sichtbare Wegspuren. Das Gelände ist zwar nicht extrem steil, aber doch abschüssig - bequemer wie die Wendenzustiege weiter rechts ist das m.E. nicht unbedingt. Zuletzt dann hinauf zum Einstiegsbereich, mehr oder weniger in Falllinie vom markanten Spitz (siehe Wandbild und Topo). Der Einstieg in die Voie des Welsches befindet sich links auf einem Band, der Zustieg hatte uns ~45 Minuten gekostet. Es waren einige Seilschaften vor Ort, die jedoch alle die Inwyler klettern wollten. Nach den üblichen Vorbereitungen starteten wir um ca. 9.45 Uhr in die Route.

Ausstieg aus der dritten Felsstufe im Zustieg, das Gelände ist doch reichlich exponiert hier.

L1, 45m, 6b: Achtung, die Route startet nicht beim ersten BH auf dem Band, sondern erst beim zweiten. So gelangt man über geneigte Platten links einer Verschneidung problemlos hinauf zum Riegel. Dieses bietet eine Bouldercrux mit einem Spannweitenmove zu einer Wasserrille à la "gar nicht so einfach". Dann plattig linkshaltend, über einen weiteren Riegel hinweg und durch eine schöne Wand mit Leisten und Löchern zum Stand - vorbeugen gegen Seilzug empfehlenswert!

Auftakt zur Route in L1 (6b), am folgenden Dachriegel geht's dann gleich mal zur Sache!

L2, 10m, 6c+: Kurz, aber umso heftiger! Vom Stand aus sind die Bolts gar nicht so einfach zu erkennen, das Geschehen spielt sich aber schon direkt oberhalb ab. Kurz rechtsrum anpirschen, 2-3 Powermoves über den ersten Riegel hinweg, dann an der Dachfuge nach links queren (bloss wohin mit den Füssen?) und nochmals 3 Powermoves bis man die Wasserrillen-Knubbel für den Exit in der Hand hat. Hört sich übersichtlich an, ich fand es aber sehr taff - mit einem Ultrapump in den Armen konnte ich auf dem letzten Blatt sauber aussteigen, eine Bewertung von 7a wäre vermutlich auch nicht gestohlen.

Ohne einen gescheiten Full Crimp ist in der sehr cruxigen L2 (6c+ hard) kein Blumentopf zu holen!

L3, 25m, 5c: Les Welsches sind auch ein wenig Copy Cats, deshalb bauten sie hier einen Quergang ein, welcher durchaus an jenen in der Inwyler erinnert ;-) Nein im Ernst, das Gelände lässt hier wenig Wahl und die sich nach rechts ziehende Struktur bietet sich sehr offensichtlich an. Man bewegt sich an sehr schönem, zerfressenem Fels, die Sache ist gemässigt schwierig und an beiden Seilenden gut gesichert.

C'est jolibeau, der fotogene Quergang in L3 (5c), mit Sicht bis zum Sustenhorn rechts aussen.

L4, 40m, 6c: Eine richtige Monsterlänge, aber so, so gut! Es geht rechts aus dem Stand raus und nach ein paar Auftakmoves zieht es bald richtig an. Wenden-Kletterei at its best, an ein paar Seitgriffen und Tropflochstrukturen wollen die Füsse an die raue Wand gepresst werden - gut abgesichert, aber trotzdem ist etwas Spirit erforderlich. Ganz so heftig geht's nicht die ganze Länge weiter, wobei sich immer mal wieder eine kniffligere Sektion in den Weg stellt, dies bis zum Ende hin - welches sich übrigens wenige Meter links oberhalb vom dritten Stand der Inwyler befindet. Nicht unwahrscheinlich, dass man auf Zuschauer zählen darf und auf Anfeuerungsrufe hoffen kann - danke Jungs!

Hier im Bild das sloprige Finish einer richtigen Monsterlänge (L4, 6c) - geniale Sache!

L5, 25m, 6a+: Nach der Rechtsschleife in der Länge zuvor klettert man hier eine Linksecke. Auch dies wiederum logisch, da die Route dem besten Fels folgt und im grauen Bereich bleibt, während das gelbe Gestein sicherlich weniger genussreich wäre. Zum ersten Haken geht es Richtung 10 Uhr nach links, zum zweiten dann gar horizontal noch weiter rüber (Achtung, Verhauergefahr direkt hinauf!). Erst nach dem zweiten Bohri dann hinauf und später nach rechts zurück bei toller Tropflochkletterei.

Man hat definitiv das Ambiente einer grossen Wand - hier Martina on lead in L5 (6a+).

L6, 15m, 6b: Tolle Kletterei an steilem, prima strukturiertem Wendenfels, bestens mit BH abgesichert. Somit kann man nur sagen: es dürfte sehr gerne 3x diese Distanz weitergehen, denn hier ist die Herrlichkeit fast zu schnell vorbei und man steigt einfacher auf das nächste Band aus.

Sehr schöne Tropflochkletterei, welche gerne noch ein wenig länger andauern dürfte (L6, 6b).

L7, 25m, 6a+: Die gute Nachricht ist aber, es geht in ähnlichem Stil weiter! In schön strukturiertem Fels klettert man erst für 2.5 BH Distanz nach rechts, um nachher unter der nächsten Dachzone zurück nach links zu queren. Vom letzten BH zum Stand muss beinahe etwas abgeklettert werden. 

Steil-griffiges, sehr genussvolles Gelände in L7 (6a+). Die Seilschaft nebenan ist in der Inwyler.

L8, 30m, 6b+: Bis vor diese Seillänge war die Route schon vor etlichen Jahren von Eveline Binsack saniert worden. Die Absicherung mit rostfreien BH darf man in L1-L7 als sehr gut bezeichnen, sie fühlt sich komfortabel an. Ab L8 war die Sanierungsarbeit im 2024 von zwei Welschen fortgeführt worden. Ich war gespannt darauf, ob die Bolts immer noch so verbraucherfreundlich stecken. Nun: beginnen tut die Sache gleich mal mit einer SU-Schlinge (das gab es bis da noch nicht). Die folgende Wandstufe ist dann mit 2 BH gut gesichert, bevor die Route einem etwas alpinen Riss entlang weiterführt. Da sind die Silberlinge dann deutlich weiter gesteckt. Man könnte wohl Cams anbringen, wenn man wollte - was nicht zwingend nötig scheint, denn über weite Strecken ist die Kletterei moderat schwierig und bei den kniffligen Sektionen gibt's dann schon einen BH. Am schwierigsten ist der Exit, wo alles etwas rund ist und man die Lösung erkennen muss. Kurz darauf erreicht man eine lehmige Grümpelterrasse mit vielen losen Steinen, der Stand befindet sich rechts aussen.

Ausstieg aus dem etwas ötteligen Riss am Ende von L8 (6b+) auf die lehmige Grümpelterrasse.

L9, 40m, 6b: Zuerst retour über die Grümpelterrasse, dann aufwärts in der Verschneidung an einem Pfeilerlein mit ziemlich labilem Fels - ein paar Meter unschön, aber einfach. Dann geht's horizontal nach links, hier hat der Fels wieder Wenden-Quality. Steht man nach dem vierten BH auf der Kanzel, geht's nun direkt in die graue Tropflochwand hinauf, später dann nach rechts - toll und sehr genussvoll!

Die ersten Meter in L9 (6b) sind etwas mumble mumble, dann folgt aber wieder geniale Wandkletterei.

L10, 40m, 6c: Zum Auftakt gibt's auch hier eine Wandstufe an unglaublich zerfressen-scharfem Fels, genial. So richtig repräsentativ für den Rest ist das aber nicht, denn da begibt man sich in klassischeres Gelände und folgt einem Risssystem. Zuerst klippt man einen fixen Pecker - was der wohl halten würde, insbesondere die gefädelte Schlinge? Sonst gehen die ersten Stufen aber noch gut. Später steilt es auf, erst à la klassische Verschneidung. Knifflig wird's dann oben, man muss durch ein überhängendes Engnis hindurch. Robben, Jammen, Spreizen, der Fortbewegungsmöglichkeiten gibt es viele... man finde die Lösung! Irgendwie mehr ein kniffliges Rätsel, als dass es wirklich schwierig wäre. Am Ende dann rechts raus durch die Verschneidung und nicht am Hauptriss weiter - die Bolts stecken hier aber eng und richtig, so ist das offensichtlich.

Dieses Engnis gilt es in L10 (6c) kreativ zu überlisten - schwieriger, wie es das Foto suggeriert!

L11, 45m, 6b: Man kraxelt hier zuerst 15m über ein Band nach rechts hinauf in Richtung der Inwyler. Während man früher über diese weiter musste, wurde bei der Sanierung eine neue Seillänge erschlossen, die vom Band weg links hinauf durch die schwarze Wand führt. Lässige Kletterei, sicher besser wie das rustikale Gelände der Inwyler und tiptop mit BH gesichert. Vom Stand nach L11 könnte man in 7 Manövern über die Route abseilen - stimmungsvoller ist hingegen sicher der Ausstieg, von wo man dann zu Fuss durchs Tälli oder die Naht runter muss. 

Nochmals kompakte Wandkletterei in L11 (6b), die bei der Sanierung neu erschlossen wurde.

L12, 45m, 2: Das ist der Übergang zum Abschlusskamin der Inwyler hin. Entgegen der Darstellung im Extrem West reicht es gut in 1 SL, bzw. es gibt ausser einem NH auch keine fixen Sicherungen, wo man Stand beziehen könnte. Meist unschwieriges Gehgelände, nur an ein paar Stufen wollen die Hände zum Einsatz kommen. Achtung, es liegt einiges an Geröll herum. Bitte darauf Acht geben, keine Steine in die Tiefe zu schicken (v.a. wenn sich Seilschaften in der Wand unterhalb befinden).

L13, 45m, 6a: Das ist sie nun, diese berühmte Stelle - inzwischen laut Kletterführer sogar mit 6a bewertet (früher hatte man das deutlich tiefer eingestuft). Es handelt sich um eine aussergewöhnliche Sache. Zuerst klettert man noch rechts in der Wand, dann aber wirklich spreizend und am besten weit aussen bleibend und den dort sehr strukturierten Fels nutzend. Am Ende kann man entweder links am Muniring Stand machen, oder (besser) am neuen Stand rechts oben.

Der Auftakt in den Kamin (L13, 6a), vorerst klettert man noch an der rechten Seitenwand.

Um 16.15 Uhr waren wir nach ca. 6:30h an begeisternder Kletterei am Top, noch dazu mit einer lupenreinen Onsight/Flash-Begehung. Auf den Ausflug zum Gipfel verzichteten wir im Gegensatz zum letzten Mal gerne und beobachteten lieber einen Basejumper bei seinem Absprung vom Zacken (von unten gesehen) rechts der Route. Es war bereits seine zweite Rotation an diesem Tag - durchaus eine sportliche Leistung, da 2x von der Bahn via Tälli raufzulaufen. Nun, den schnellen Abstieg ins Tal hätten wir auch gerne genommen, doch für uns sollte es noch ein wenig länger dauern. Inzwischen (vielleicht als Folge von meinem Beitrag zur Inwyler?) hat sich der Fussabstieg nach Norden als bessere und schnellere Alternative zur Naht durchgesetzt. Einerseits bezeugen dies die Wegspuren, welche sich gebildet haben, andererseits wollten die beiden anderen Seilschaften aus der Inwyler auch auf diesem Weg absteigen.

Der schnelle Weg ins Tal... der Exit befindet sich unmittelbar beim Ende der Routen.

So liefen wir mit etwas Auf und Ab auf Wegspuren hinüber zum P.2414 (Beginn der Naht) und drehten dort aber nach links ab. So wie uns der Basejumper berichtete, könnte man vom Ausstieg der Routen auch recht gut direkt nach Norden ins Tälli absteigen. Es gälte jedoch, den Weg durch die Felsstufen zu finden, was mit Kartennavigation am Handy aber nicht so eine Hexerei sein sollte. Item, im oberen Teil vom Tälli hält man sich erst eher rechts im Wiesengelände (teilweise klare Wegspuren vorhanden), anstatt in dessen Grunde über das Geröll zu holpern. Auf ca. 2200m tendiert man dann nach links hinüber und steigt weiter ab, bevor man auf dem Knubbel (ca. 2090m) wiederum links abbiegt und über ein Bandsystem mit nur noch moderatem Höhenverlust aus der Wand quert. Einerseits ist es in Worten recht schwierig genauer zu beschreiben, wo man durchgehen muss - andererseits ist es vor Ort (zumindest bei guter Sicht) problemlos zu finden, wenn man immer dem einfachsten und logischen Weg folgt. Auf dem Luftbild der CH-Landeskarte sind die Wegspuren gut zu erkennen, welche schliesslich an dieser Stelle (ca. 2000m) auf den Wanderweg treffen. 

Sicht zur Frutt, dem Tannsee und der Barglen-Kette, wo ich auch schon formidabel geklettert bin.

Nun heisst es nochmals in eine bittere Pille zu beissen und mit etwas schweren Beinen den Gegenanstieg ins Sätteli (2116m) in Angriff zu nehmen (ca. 120hm). Jenseitig geht's erst steil runter, bevor man dann die Zielgerade mit der Hangquerung in Angriff nimmt. Hoffentlich ist man rechtzeitig da, damit man auf der Terrasse ein kühles Getränk in die Kehle zischen lassen kann und dann gemütlich mit der Bahn retour ins Tal gondelt. In unserem Fall war das klar gegeben. Und zu prosten gab es da wahrlich etwas - das war nun meine 50. Tour an der Wendenstockkette gewesen. Auf einen ausführlichen Rückblick und eine Würdigung aller Touren sei an dieser Stelle jetzt aber verzichtet - vielleicht gibt's dies in einem kommenden, separaten Beitrag.

Die etwas bleierne Stimmung im Foto passt zum Zustand der Beine im Wiederaufstieg zum Sätteli - nicht aber zu jener im Gemüt!

Facts

Tällistock - Voie des Welsches 6c+ (6b obl.) - 13 SL, 420m - Steiner/Maillefer 1985 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-0.75

Nach meinem Geschmack eine hervorragende Wendenroute, etwas vom lohnendsten was man in diesem Grad an der Kette erleben kann. Man klettert weitgehend in tollem, griffigem Fels in steilem Gelände - dies zum Preis einer etwas hin und her mäandrierenden Linienführung, welche dies so erlaubt. Ein paar wenige Abschnitte von alpinerem Zuschnitt gibt es auch, das stört aber nicht. Die Absicherung mit rostfreien BH ist seit den Sanierungen (L1-L7: E. Binsack, L8-L11: Racine/Chatelan) sehr gut, d.h. eher komfortabler als man sich das von den Touren ab der Wendenalp gewohnt ist. Trotzdem will auch hier und da etwas zwischen den Haken geklettert werden, aber es gibt weder wilde Runouts noch sehr zwingende, schwierige Passagen. Ein kleines Camset mitzubringen ist nicht verkehrt, über weite Strecken baumeln diese aber nur am Gurt und werden nicht im Fels platziert. Das aktuellste gedruckte Topo findet sich im Extrem West Band II. Es ist jedoch ziemlich stark generalisiert, vermutlich weil es bisher schlicht und einfach kein vernünftiges, schematisches Topo als Vorlage gab. Dem sei hiermit Abhilfe geschaffen - viel Spass!

Selbst angefertigtes Topo der Voie des Welsches. Hier zum Download in voller Auflösung.

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