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Mittwoch, 9. September 2026

Wendenstöcke / Reissend Nollen - Nachtexpress (7a)

Auf dem Papier machen die Anforderungen für den Nachtexpress einen überschaubaren Eindruck: acht Seillängen, maximale Schwierigkeit 7a. Trotzdem war ich bisher immer am Einstieg vorbeigelaufen. Es gab zwar nicht viel zu erfahren über die Route, doch dass sie zwar sehr schön, aber gleichzeitig auch äusserst anspruchsvoll sei, konnte man sich aus dem Vorhandenen zusammenreimen. Nun, nach der erfolgreichen Begehung, kann ich dies nur unterstützen. Die Kletterei ist genial, doch sowohl die Moves als auch die Absicherung erfordern hohes Können. Verrückt, dass ein solcher Knaller bereits 1989 erschlossen wurde - noch ohne Trainingsplan, Boardclimbing und Kletterhallen. Doch damals hatten sie Zeit, Passion und Courage - was auf dieser fusslastigen Old-School-Kletterei bestimmt mehr hilft als möglichst gute physische Leistungsparameter.

Die stattliche Wand des Vorbaus am Reissend Nollen mit dem Verlauf von Nachtexpress (7a).

Unsere Tour startete um 8.35 Uhr auf der Wendenalp. Drei Teams waren zugegen, welche alle denselben Sektor besuchen wollten. Zambo und Spasspartout waren die Ziele unserer Mitstreiter. Auf dem uns bestens bekannten Weg brauchten wir eine Stunde bis zum Einstieg. Diesen hatte ich bereits bei früherer Gelegenheit ausgecheckt, so konnten wir uns die Sucharbeit ersparen. Global gesehen ist es aber nicht ganz so einfach. Immerhin sind im neusten Extrem West nun alle Linien korrekt eingetragen (d.h. auch das Pitelka-Projekt links und die No Festa rechts), was es deutlich einfacher macht. Am Fels (eingemeisselt) angeschrieben ist jedoch nur die Spasspartout. Dann starten nach rechts gehend nacheinander Affennase, das Projekt und schliesslich Nachtexpress). Alle sind mit den alten, eckigen Laschen mit Öse für nur 1 Karabiner ausgestattet und starten gleich mit einer etwas gesuchten Boulderstelle in braun-gelbem Fels. Vielleicht hilft ja mein Foto unterhalb und sonst eben das Abzählen von der Spasspartout her. Um ca. 10.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Nicht das super Foto. Aber genau beim Kletterer geht Nachtexpress los.

L1, 25m, 6b: Man kann die Sache von zentral, links oder rechts beobachten. Aus jeder Perspektive sieht die Zone zwischen den ersten beiden Bolts abschüssig-glatt und so richtig fordernd aus. Ich kann hier leider auch nicht zur Beruhigung beitragen. Ja, es ist fordernd und zwar das erste, aber längst nicht das letzte Mal heisst es mutig moven (hier von einem kleinen Seitgriff mit Platzieren der Füsse auf schlabbriger Reibung) und darauf zu spekulieren, dass die kommenden Löcher nicht zu übel sloprig und/oder staubig sind. Auch wenn es nach dieser Stelle sofort einfacher wird: die Relativität der Nachtexpress-Gradierungen versteht man bereits hier. Der obere Teil der Länge beinhaltet einfache Kraxelei, fixe Absicherung gibt es nicht und Legemöglichkeiten höchstens sehr dürftig. Das hat Grounderpotenzial und eigentlich gehört da ein BH hin.

Das Panorama ist schöner wie der Rückblick auf den einfachen Schlussteil von L1 (6b).

L2, 30m, 6b+: Diesen Grad würden wir für uns normalerweise als freundliches Aufwärmprogramm ansehen. Hier steht aber mehr im Vordergrund, dass es noch schwieriger sein sollte (und ist!) wie L1. Und das merkt man schon sehr bald. Die ersten Meter linksherum gehen noch gut, aber der Dächli-Wulst ist verdammt knifflig. Es gilt auf ein 3-Finger-Loch zu spekulieren, dann die richtige Hand darin zu versenken, noch dazu ist das Auflösen der Geschichte mit beschränktem Trittangebot einfach hart. In der Folge lässt es zwar ein wenig nach, so richtig einfach ist es aber nie - jedoch mit richtig genialer Lochkletterei à la Sektor Demi-Lune in Céüse. Die Unterschiede bestehen im null Andrang und zero Speck, dafür sind die Pockets mangels greifender Hände halt oft etwas staubig.

Hier geht's los mit der Cruxsequenz in L2, welcher auf dem Papier gerade mal eine 6b+ attestiert wird.

L3, 25m, 6c: Ja, nochmals eine Schippe härter! Der Auftakt mit zwei nahe steckenden BH lässt schon vermuten, dass es da heftig bouldrig zur Sache geht. Und das trifft absolut unbestritten zu. In den modernen Boulder Gyms wird einer solchen Sequenz heutzutage zweifellos eine 7A/V6 attestiert, was hier bloss Element einer 6c-Länge ist. Wer einmal über die recht physische Crux drüber ist, darf danach in einer 100% zwingenden, fusstechnischen Passage noch seinen Mut beweisen. Man verliere besser nicht den Überblick über die Trittmöglichkeiten in den Löchern, die man im Rückblick kaum mehr sieht! Nach dem Klipp des dritten BH wird's dann viel einfacher. Fixe Absicherung sucht man wiederum vergebens. Ich konnte zwei Cams platzieren, wie gut diese in den etwas staubigen, flared Querschlitzen halten würden, testet man wohl besser nicht aus. Von selbst rausgefallen sind die Cams aber immerhin nicht.

Hier wartet die zünftige Boulderstelle am Anfang von L3 (6c).

L4, 30m, 6b: Hier folgt die für uns unbestritten einfachste Länge der Tour. Sie beginnt relativ gemütlich zum etwas links im Schilf steckenden ersten BH, auch nachher geht's entweder leidlich griffig weiter oder dann gibt es recht gute Trittmöglichkeiten. Fixe Absicherung ist aber nur spärlich vorhanden (3 BH, 1 Schlinge in gebohrter SU) und gerade über dem letzteren Stück will doch seriös geklettert werden. Wer es aber bis dahin geschafft hat, dürfte dem aber gut gewachsen sein.

Auftakt in L4 (6b), der erste BH steckt etwas links ausserhalb der Optimallinie.

L5, 40m, 6b+: Nein, der Schlusssatz zur vorherigen Seillänge findet hier definitiv keine Anwendung! Der Runout zum ersten BH ist zum Glück gut bewältigbar, aber dann: leck mich am A...! Sehr knifflig, sehr fusslastig mit dem Geläuf 2-3m über dem BH klettert man die Crux. Und das Ganze wieder einmal in Spekulation darauf, dass das ein vereinzeltes Pocket weit oben, auf welches man seine ganze Hoffnung setzt, tatsächlich kontrollierbar ist. Ja, auf diese Mutprobe muss man sich Einlassen und es wäre ein grosser Frevel hier zu schreiben, wie sich dieser Griff schlussendlich anfühlt... diese Passage spielt sich übrigens über dem ersten (nicht gerade standnah steckenden) BH ab. Schon nicht sehr gefährlich, aber da kann man schon heftig ins Geschirr scheppern und insbesondere wenn der Climber schwerer ist wie die Sicherungsperson heisst es "Vorsicht!". Der Rest der Seillänge bietet dann schöne Kletterei etwas um die Ecken herum, die ganz (gleich) grossen Emotionen wie beim Auftakt erlebt man nicht mehr. Nur um hier einmal eine Referenz anzugeben: diese Länge wäre auf einer modernen Tour sicherlich im Bereich 6c+/7a bewertet.

Zum Ende der Seillänge lassen die Schwierigkeiten etwas nach - kompakt ist der Fels dennoch.

L6, 35m, 7a: Die Linienwahl der Erschliesser sorgt hier beim ersten Blick nach oben für Erstaunen. Statt der (vielleicht nur vermeintlich) gängigen Verschneidung direkt hinauf wird in der kompakten Wand links geklettert. Dort trifft man auf scharfe kleine Griffe sowie teils etwas staubige Querleisten und Löchlein. Dort wo es schwierig ist, ist das Trittangebot eher dünn. Hart riegeln und die Füsse an die Wand pressen lautet das Motto. Trotzdem bzw. deswegen, hier kommt der Fingerkraft bzw. klassischer Hallen- oder Cragging-Athletik mehr Bedeutung zu und vielleicht darum ist uns dieser Abschnitt für seinen Grad zwar nicht einfach vorgekommen, aber doch im Vergleich besser machbar. Zum Ende hin gibt's übrigens eine deutliche Linksecke, was aber dem absolut logischen Weg entspricht.

In L6 (7a) findet man fordernde Wandkletterei in sehr kompaktem Fels vor.

L7, 25m, 6c+: Ein superfotogener Quergang markiert hier den Ausweg über das sperrende Dach, was einen in extrem luftige Position bringt. Sicherlich beruhigend zu wissen: hier ist die Absicherung zwar auch nicht super eng, aber an beiden Seilenden gut und safe. Die Seillänge frei zu klettern, ist aber eine ziemliche Challenge. Wir fanden schon die Boulderstelle am ersten BH schwierig, auch wenn sie im Gesamtkontext noch eher Vorgeplänkel ist. Nach dieser geht's vorerst relativ gutgriffig voran, bis man zum Ende im überhängenden Gelände aus diesem Wandbereich entkommen muss. Nachdem man sogar nochmals etwas abgeklettert ist, sind sehr physische Moves (in etwas staubigem Fels) gefordert, bevor die Sache im Mantle-Exit auf das Standband gipfelt. Nach meinem Empfinden befinden sich diese Stunts klar jenseits vom Grad 6c+.

Der fantastische Quergang von L7 (6c+): jetzt folgt die Crux in sehr luftiger Position. 

L8, 30m, 7a: Dass die Tour hiermit noch gekrönt wird, war uns schon a priori klar. Und man kriegt nochmals eine richtig fette Dosis an vertikal-athletischer Kletterei mit hohem technischem Anspruch geboten. Schon aus dem Stand raus nicht einfach, zu einer kniffligen Zone wo der Fels zwar sehr scharf, aber weder griffig noch trittig ist - man zaubere sich hinüber! Darauf hin heisst es, einer Rissspur bzw. kleinen Verschneidung zu folgen. Erst noch machbar (wenn auch nie einfach) fordert eine weitere Sequenz ob ihrer Trittarmut die letzten Reserven. Erst die allerletzten Meter hinauf zum Standband entpuppen sich dann als relativ leicht verdauliches Dessert - uff! Die 7a passt vielleicht zu den restlichen Bewertungen, nach zeitgemäss-realistischer Skala sollte man sich besser auf eine zähe 7b vorbereiten.

Sieht optisch nicht ganz so bös aus, doch es ist nochmals richtig zäh (L8, 7a).

Um ca. 16.00 Uhr hatten wir nach rund 5:30h der Kletterei das Top erreicht. Bernat mit einer perfekten os/fl-Begehung, wieder einmal eine Demonstration von herausragendem Können! Ich konnte mich mit jeweils einem zweiten Anlauf in L3 und L5 bis vor die Schlusslänge schadlos halten (rp). Mein Komplett-Durchstieg scheiterte jedoch in L8. Gefehlt haben mag's an allen Enden, doch die Kletterfinken waren ein durchaus entscheidendes Handicap. Wie man hier schon im letzten Beitrag lesen konnte: meine Ära mit den Pythons ist leider endgültig vorbei. Die im Nachtexpress genutzten Skwamas waren einerseits noch neu, andererseits halt einfach nicht dasselbe Produkt. Sprich, das Gefühl auf kleinen Tritten und bei Extremreibung war nicht restlos überzeugend und vor allem schmerzten zu diesem Zeitpunkt meine Füsse so stark, dass an verschärftes und dennoch präzises Antreten nicht mehr zu denken war. Tja, faule Ausrede wird der Leser wohl denken... Da kann ich nur entgegnen: ich hoffe auch sehr, dass ich die Kletterfinken künftig nicht mehr als leistungsmindernden Aspekt erwähnen muss und mit den Skwamas künftig genauso an der Wand bin wie mit den Pythons.

Nochmals eines vom tollen und sehr fotogenen Quergang in L7 (6c+).

Nun, das gehört eher zur Philosophiestunde, während die Hauptaufgabe am Routenende darin besteht, wieder vom Berg zu kommen. Über Nachtexpress kann man wegen dem Quergang nicht abseilen. Unter Nutzung der Standplätze der benachbarten No Festa und/oder Rockmantic geht's aber sicher und das ist bestimmt der schnellste und bequemste Weg zurück an den Einstieg. Aus Gwunder und Entdeckerdrang wählten wir aber den Originalabstieg. Dazu auf dem Band erst horizontal nach Westen, die kompakte Zone nach der ersten Ecke umgeht man ab- und wieder aufsteigend. Schliesslich biegt man nochmals um die Ecke und findet dort einen Einzelbolt mit Maillon. An diesem seilt man 30m ab (1x60m reicht, 1x50m nicht!) und kommt so zu dem Punkt, wo die letzten 3 SL von Zambo und Spasspartout starten und auch der Zustieg zu Caminando vorbeiführt. Von dort kann man a) exponiert zu Fuss absteigen, oder b) erst mit dem Zambo-Stand 40m zur Kette von Spasspartout abseilen und dann in 3x50m über diese zum Einstiegsbereich gelangen. So machten wir es, räumten unsere Ware zusammen, liefen zurück auf die Wendenalp und feierten die tolle Tour (meine #46 an den Wendenstöcken) noch mit einem Znacht in Meiringen.

Facts

Reissend Nollen Vorbau - Nachtexpress 7a (6c+ obl.) - 8 SL, 240m - Ochsner/Pitelka 1989 - ****;xx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Cams 0.2-1

Sie ist zwar nur am Vorbau, aber diese Route ist nicht ein halbes Programm, sondern ein richtiger Knaller. Auf den ersten Seillängen sind die Schwierigkeiten noch nicht anhaltend, sondern bestehen aus technischen Bouldersequenzen an oft sloprigen Löchern, wo man die Füsse auf plattiges Gelände presst. Der Anpressdruck der Füsse muss auch auf den finalen Längen aufrecht erhalten werden. Das Terrain ist dort steiler und die Schwierigkeiten kontinuierlicher, was den athletischen Anspruch unterstreicht. Die Felsqualität ist weitestgehend hervorragend was Struktur, Kompaktheit und Reibung betrifft. Einzig die Löcher und Querleisten sind bisweilen staubig - umso mehr eine Challenge, wenn sie auch noch von slopriger Natur sind. So gesehen würde es nicht schaden, wenn die Route häufiger begangen würde. Das scheitert ganz sicher nicht zuletzt an der selektiven Absicherung. An den Schlüsselstellen ist diese in vernünftiger Menge und Platzierung vorhanden (Niveau xxx). Die Kletterei ist aber sehr zwingend, ohne Beherrschung der Schwierigkeiten und psychisch stabilem Korsett in sehr technischem Gelände kommt man die Tour nicht hoch. Sobald die Kletterei einfach(er) ist, stecken die Haken spärlich, stürzen oder schon nur das Limit ausloten wäre da keine gute Idee. Cams von 0.2-1 müssen zwingend mit, auch wenn man sie nicht allzu oft legen kann und längst nicht jeden Abstand entschärft, der gerne verkürzt werden möchte. Zu sagen ist noch, dass die BH (wie bei allen Touren aus dieser Epoche) ihre besten Zeiten hinter sich haben. Verzinkte Anker mit rostfreien Plättli, d.h. die Stifte sind alle sichtbar korrodiert, teilweise wackeln die Plättli, obwohl die Muttern festsitzen, undsoweiter. Auch wenn das alles im Moment wohl noch hält: ein Sanierungsbedarf ist klar gegeben. Die schwierigen Stellen wird man dabei trotz der hohen Anforderungen original belassen wollen (sonst ändert man den Charakter der Tour). Es wäre aber sehr anzuraten, im einfachen, kaum absicherbaren Gelände (Ende L1, L3, L4) noch den einen oder anderen BH zu spendieren. Als Kletterführer empfiehlt sich der Extrem West Band II, sehr empfehlenswert ist das frei verfügbare und präzise Topo von Thomas Behm. Es sei hier nochmals wiederholt: die Bewertungen sind sehr hart ausgefallen - will man eine moderne (realistische) Einstufung, so schlage man überall 2 Grade drauf.

Mittwoch, 27. Juli 2022

Wendenstöcke - As de Coeur (7a A0)

Die gewaltige Arena des Reissend Nollen, das ist eine der Felswände in der CH, die man einfach einmal gesehen und beklettert haben muss. Seit meinem ersten Besuch für die Caminando anno 1999 hat es mich immer wieder dahin gezogen, um die gewaltigen Eindrücke und Tiefblicke aufzusaugen. Umso empfänglicher war ich natürlich für die Nachricht, dass die Route As de Coeur im 2019 mit modernem Material saniert wurde. Sie wurde 1986 als erste Linie in diesem Sektor in kühner Manier erschlossen und sollte dem Vernehmen nach mit erstklassiger Kletterei von typischen Wenden-Zuschnitt aufwarten - nur eben war sie mit einem Mix von stark veralteten, handgebohrten 8mm-Spits und Schlaghaken kaum mehr zugänglich. Nachdem die Sanierung vor Kurzem erneut kommuniziert wurde, liess sich Viktor in das Vorhaben einspannen und los ging's.

Die gewaltigen Felsmauern des Reissend Nollen mit Routenverlauf und Zustieg von As de Coeur.

Der Tag begann mit Aufstehen um 5.00 Uhr, einem Kaffeestopp unterwegs und gewissen Bedenken bei der Anfahrt über den Sustenpass. Es stand nämlich schon erste Quellbewölkung an den Kämmen, die weder in meinen Plänen noch in den Prognosen am Vortag ersichtlich war (immerhin gab Meteoschweiz die Fehlprognose zu). Für mich stellte sich die Frage, ob wir deswegen nicht ein alternatives Ziel an den Wendenstöcken oder gar an einem anderen Massiv wählen sollten. Doch die Kugel war schon ins Rollen geraten. Wir parkierten wiederum als einziges Auto auf der Wendenalp und schlugen um 7.50 Uhr den Weg taleinwärts ein. Tja, nicht nur die Tatsache, dass wir nun schon 2x einzig-allein kletterten zeugt von wenigen Besuchern - die Pfadspur nach Chalchstein war mühsam krautig zugewachsen, da würden ein paar zusätzliche Passanten definitiv nicht schaden. Zudem war das Gras auch noch nass, die Schuhe glichen bald einer Badewanne. Ab dem Abzweiger vor dem grossen Schneefeld waren die Spuren dann dank weniger Vegetation wieder besser sichtbar. Am Einstieg der Zambo vorbei ging's links hinaus und auf den letzten, abenteuerlichen Teil des Zustiegs durch die felsige Arena, was einige Kletterzüge im 2./3. Grad erfordert. Den Einstieg erreichten wir nach 1:30h Gehzeit, er ist dank verblichener Aufschrift und einem Stand mit altem und modernem BH gut auszumachen. Um 9.45 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Frisch geduscht (äh nein, natürlich nicht) und frohen Mutes (das hingegen schon) geht's dem Reissend Nollen entgegen.

L1, 60m, 6a, 5 BH: Haken sind ab dem Start keine zu sehen, es geht aber erst mal rechtshaltend über eine Art Rampe aufwärts in Richtung des nullten Standes von Millenium. Eine (rote) Reepschnur in 2 SU nach ca. 15m markiert den eigentlichen Start in As de Coeur, wer nur 50er-Seile hat, muss hier nochmals Station machen. Linkshaltend klettert man dann über sehr schöne, tief eingeschnittene Wasserrillen. An sich nicht so schwierig, der Grad von 6a passt und die 5 BH gab's vor der Sanierung vermutlich auch noch nicht. Dennoch, üppig gebohrt fühlt es sich nicht an, die Crux befindet sich am Ende zwischen den Haken, das Seilgewicht stört durchaus schon etwas und wie ein Sturz in diesem messerscharfen Gestein enden würde, will man sich gar nicht erst ausmalen. Mit grossen Cams (#2-4) könnte man evtl. zusätzlich absichern.

Super schöner Wasserrillenfels in L1 (6a), die Kletterei eher schwieriger wie das Foto suggeriert.

L2, 45m, 6a, 5 BH: Im ähnlichen Stil wie zuvor geht's weiter, hier warten die anspruchsvollsten Passagen auf der ersten Hälfte der Seillänge. Die Absicherung auch hier mit Blick auf die Perspektive nach unten knapp genügend. Der zweite Teil dieses Abschnitt führt dann in einfacheres Gelände. Man folgt einer Art Rampe (Seitenwand des Pfeilers) mit etwas brüchigem Gestein aufwärts mit einem grossen Runout bis zum gut sichtbaren Stand.

Erste Hälfte schöne Wasserrillen, zweite Hälfte etwas chossy heisst es in L2 (6a).

L3, 40m, 6c, 10 BH: Ab hier geht's los mit der Hauptwand, die Steilheit legt merklich zu und der Fels ist von einer unglaublichen Kompaktheit und Güte. Etwas links hinaus führt die Linie zuerst und man nimmt sogleich wahr, dass die Sanierer sämtliche Bolts neu positioniert haben. Schon ab dem ersten Meter ist man hier gefordert und über kurz oder lang stellt sich einem eine heftige, mit der neuen Absicherung zu 100% zwingende Stelle in den Weg. Es heisst, sehr mutig auf abschüssigen (aber extrem rau texturierten) Reibungstritten anzutreten und minimale Schüppli und Sloper zu bedienen. Diese Passage hätten wir als die Crux von L3 bezeichnet, aber es lässt auch danach fast keinen Millimeter lugg. Die Kletterei ist durchgehend fordernd, sehr tüftelig und zeitraubend. Meist denkt man zuerst "jetzt geht's definitiv nicht mehr", bevor man dann doch wieder für ein paar Zentimeter Fortschritt sorgen kann.

Fantastische Kletterei in einer unglaublich kompakten Wand mit Fels der Extraklasse: L3 (6c).

L4, 45m, 6c, 11 BH: Exakt im gleichen Stil wie in L3 geht's weiter. Superkompakter Fels, fordernde Kletterei, zwingende Absicherung. In diesem Abschnitt präsentieren sich zu Beginn einige Löcher, die ziemlich gute Griffe hergeben. Aber irgendwann ist damit definitiv fertig und man bedient sich wieder minimalen Schlitzen, Tropflochkratzern und rauen Slopern. Nach einer Weile gingen mir Raum- und Zeitgefühl völlig verloren, so eingetaucht war ich in diese Welt. Den Fokus auf das 'Vorwärts' zu legen ist bei dieser Art der Kletterei aber durchaus zentral. Klar, die Route ist saniert, 11 BH auf 45m sind nach Wenden-Massstäben vielleicht sogar üppige Absicherung. Aber würde man in einem Klettergarten diese Hakenzahl bei dieser kontinuierlich schwierigen Art der Kletterei auf der Hälfte der Distanz finden - niemand würde es als übertrieben bezeichnen. Anyway, die Klimax dieser Länge kommt gegen das Ende hin - so richtig taff, wie schon L3 nach modernen Massstäben wohl eher bei 7a als 6c. Der Stand dann auf einem leidlich bequemen, schuhbreiten Band, weniger Meter links befindet sich eine Station von Dingo. Zu erwähnen ist noch, dass die Route hier bis knapp an den markanten (bei Schneeschmelze und nach feuchten Perioden aktiven) Wasserstreifen zentral an der Wand heranführt. Für die Moves vom letzten BH zum Stand nutzt man dann auch Griffe, die dunkelgrau gefärbt und etwas staubig sind, d.h. bei ungünstigen Verhältnissen feucht sein könnten.

Next Level an kompaktem Fels - kaum zu glauben, dass das frei geht und das dann auch noch für nur "6c" 😂.  Animierte Impressionen aus diesem Abschnitt mit einem am Limit kämpfenden Viktor und dem Originalton des Autoren gibt's in diesem Reel auf Instagram (Ton einschalten!). 

L5, 30m, 6a+, 6 BH: Grosse Querung, die über den Parcours von Millenium hinweg führt. Erst geht's rechts hinaus, dann über 4 BH aufwärts. Die alte Linie führte wohl einige Meter links der Bolts in zwar einfacherem Gelände, das aber wirklich echt brüchig ist. Denke hier ist es absolut sinnvoll, in direkter Linie über die Haken zu klettern, was dann aber den Rahmen einer 6a+ sprengt. Nachher quert man dann horizontal bzw. sogar wieder etwas absteigend nach rechts und hält sich dabei unterhalb vom Stand der Millenium an die schönen, rostfreien Bolts. Auch diese Querung hat es in sich und ist zumindest eine (UIAA 7-) à l'ancienne, oder vielleicht auch mehr.

Gut festkrallen zwingend nötig - auch in L5, die nur mit "6a+" bewertet ist.

L6, 40m, 6b, 10 BH: Wow, da wartet nochmals eine richtige Erlebnisreise! Der Fels ist hier ganz speziell mit vielen dunklen, extrem scharfkantigen Einschlüssen. Diese Mikrokratzer sind zwingend als Griff und Tritt zu nutzen - sie (auch deutlich über den Haken!) voll zu belasten erfordert etwas Nerven, da solche kleinen Strukturen ja auch gerne abbrechen. Das scheint hier aber anders, wirklich jede noch so kleine Winzigkeit hielt der Belastung stand. Die Kletterei ist über weite Strecken auf der fordernden bis sehr fordernden Seite - für uns per nullo einfacher wie in L2/L3 und ich war mir unterwegs eigentlich sicher, dass wir die Position der Standplätze auf dem Topo fehlinterpretiert hatten und dies definitiv schon die 6c+ sein müsse. Tja, so kann man sich täuschen - selbst an den Wenden (und das will etwas heissen) figuriert diese Länge unter den Top-Kandidaten für die härteste "6b" 😳.

Hier sind die schwarzen Einschlüsse, die so typisch für den Sektor sind, gut sichtbar (L6, 6b).

L7, 30m, 6c+, 9 BH: Das (=ein Irrtum im Lesen des Topos) war dann aber doch nicht der Fall, die nominelle 6c+ kommt wirklich erst hier und zeichnet sich gegenüber vorher durch zunehmende Steilheit aus. Ebenso wechselt der Fels etwas seinen Charakter. Bis dato gab's nach den Wasserrillen ja durchgehend die graue, vertikale Wand, neu säumt eher gelbes Gestein mit scharfen Kanten und Tropflöchern den Weg. Hier ist die Absicherung nun etwas enger, bis auf einen Runout in einfacheren Terrain mittig und zum Stand hin ist sie sportklettermässig. Die Hauptschwierigkeiten konzentrieren sich auf eine heftige Einzelstelle, der Rest kam uns für die ausgegebene Bewertung nicht gleich hart vor wie die Längen davor.

Den Cam am Ende von L7 (6c+) habe ich gerne platziert - da heisst es nochmals Einsatz zeigen!

L8, 25m, 7a A0 (oder 7b+ ???), 7 BH: Tja, dann also hinein ins Vergnügen. An dieser Position stellt sich eine deutlich überhängende Wandpartie in den Weg, welche zusätzlich auch noch mit eher suboptimalem Gestein aufwartet. Der erste Zwischen-BH ist direkt ab dem Stand zu klippen, danach heisst es aber erst mal Klettern! Mit einer grossen Linksschleife erreicht man den nächsten, crumbly feet, abschüssig scharfe Sloper und ein heikler Mantle gehören ins Programm - diese Stelle ist absolut zwingend zu klettern, A0/A1 geht da gar nichts. 6b?!? Maybe, aber sehr hart und psychisch, es droht ein grösserer Pendler fast direkt in den Stand. Ist einmal Bolt #2 erreicht, so geht's von Haken zu Haken erst noch passabel voran. Zum Klettern wäre es schwierig und in schiefrig-glattem Gestein unschön, bald einmal in direkter Hakenlinie de visu auch nahezu unmöglich. Ich wage zu behaupten, dass es mit Klippen aller BH niemals als 7b+ zu haben ist - evtl. wenn man über links, abseits der Haken an ein brüchiges Dach ausweicht, aber das ist dann definitiv nix für Otto Normalverbraucher. Der hat hoffentlich sowieso Kraft gespart, denn schon zum letzten BH heisst es wieder ein paar Züge zwingend zu klettern und von diesem Weg warten dann noch 5-7m zum Stand. Die Moves vom letzten Silberling weg haben es dabei gehörig in sich, es wartet eine harte Passage, bis endlich ein Henkel und ein Riss (Cams nützlich!) erreicht sind.

An etlichen Standplätzen in der As de Coeur wurde nur 1 neuer BH gesetzt, einzig die Abseilstellen im oberen Teil der Route selber sind mit 2 neuen, verbundenen BH ausgestattet. Im unteren Teil der Route nutzt man dann beim Abseilen teils Stationen von Millenium oder separate Abseilstände, welche mit älterer Ware (verzinkte Anker, rostfreie Laschen) ausgerüstet sind und wo eine Erneuerung auch kein Fehler wäre.

An diesem Punkt endet unsere Begehung. Es ist schon 18.30 Uhr abends, die Zeit würde sowieso knapp. Vor allem aber ist die Haut durch, so dass man die Griffe schon fast nicht mehr berühren will, die Kraftanzeige steht definitiv auf 'low' und bereits reichlich unterzuckert gibt's auch ein ziemliches Stimmungstief: Schnauze voll vom ewigen Hängen an den unbequemen Ständen, vom Frieren wegen dem lästigen thermischen Aufwind und einfacher würde es laut Topo und den visuellen Eindrücken auch nicht werden, nochmals eine "6b" und eine 7b A0 wären bestimmt nicht billiger zu haben wie die unteren Seillängen. So fädeln wir halt die Seile, gleiten innert Kürze pendelnd über die überhängende L8 hinunter, die uns im Aufstieg viel Überwindung, eine kleine Ewigkeit und zig Anläufe gekostet hat. Nachher geht's dann super zügig, mit nur gerade mal 4 bis ans Seilende ausgereizten 60m-Manövern ist man zurück am Einstieg. Ab da wartet eine kurze, exponierte Abkraxelstrecke, den Vorbau seilen wir in 3x50m über Spasspartout ab (Zugang zu dieser Abseilstelle auch bequem mit einem weiteren Manöver vom Stand zum Beginn des Schlussteils von Zambo möglich, siehe das dortige Topo). 

Am 'abegwaggle' im Bereich des mühsam hohen Krauts, immerhin war es nicht mehr so feucht.

Einmal am Wandfuss angekommen, ramisieren wir unsere Ware zusammen, verpassen der Zambo-Aufschrift noch etwas neue Farbe und trotten dann müde dem Tal entgegen. Es ist uns gerade recht, dass der Abstieg von da deutlich leichter zu haben ist wie jener vom Mähren. In der Gegend von 21.00 Uhr sind wir zurück am Parkplatz und beraten noch eine Seilschaft, welche am nächsten Tag ihre Wenden-Première in Excalibur plant. Es bleibt uns nur noch das Heimfahren, etwas Essen und nach Mitternacht dann, für ein paar Stunden ins Bett, bevor am nächsten Morgen bald wieder der Wecker schellt und die Pflichten für Familie und Arbeit rufen. Ja, so ein Wendentag ist schon immer eine taffe Sache und vor allem hat er auch wieder einmal die persönliche Grenze ausgelotet. Allerdings, so viel ist gewiss: es hat enorm Spass gemacht - das Feeling beim Durchstieg von L3 und L4 war so genial, diese enorm kompakte Wand mit gerade so viel bzw. eben wenig Struktur, dass es noch möglich ist, dieser Fokus auf den Moment und den Weg nach oben - hm ja, eigentlich könnte man dafür ja auch wieder einmal anreisen. Ebenso war übrigens das Wetter bzw. die Wolken schlussendlich weniger ein Faktor wie befürchtet - dennoch war es wieder mal ein Wenden-Tag, wo man (wie so oft) mehr gefroren als geschwitzt hat.

Facts

Wendenstöcke/Reissend Nollen - As de Coeur 7a A0 (6c obl.) - 11 SL, 420m - ****;xxx
Material: 2x60m-Seile, 12 Express, Cams 0.2-0.75 (evtl. 1-4 für SL 1 & 2)

Eine Route aus der frühen Sportkletter-Erschliessungsgeschichte (P.A. Steiner, F. Studemann, 1986), die durch die Sanierung (S. Chatelan, B. Studemann, 2019) aus dem Dornröschenschlaf geholt wurde. Die Sanierer charakterisieren sie als "grandiose Route, die sich zum Wenden-Klassiker entwickeln könnte und möglicherweise sogar oberhalb von Caminando einzuordnen ist". Tatsächlich bietet die Route absolute Perlen von Seillängen, die auch alpenweit herausragend sind. Andere Abschnitte sind weniger schön und/oder erfordern für den Normalverbraucher A0-Gehampel. Die Route ist absolut nicht zu unterschätzen: einerseits sind die Bewertungen sehr hart bis unrealistisch tief, die Sache ist sehr anhaltend und trotz nur 11 Seillängen warten stolze 420 Klettermeter. Mit einer 6b obl. kommt man in dieser Route sicher nicht durch, auf mindestens 6c obl. (oder mehr?) muss man sich auf jeden Fall einstellen - die Route ist anspruchsvoller wie Caminando und Millenium und (in Bezug auf eine komplett freie Begehung, nicht die Absicherung) sogar wie die Tsunami. Die Absicherung wurde bei der Sanierung komplett neu konzipiert. Während in den einfachen, früher gefährlichen Seillängen mehr Sicherungspunkte gesetzt wurden, nahm deren Zahl auf den schwierigen Seillängen ab. Die Route dürfte gegenüber dem Originalzustand also wesentlich weniger gefährlich, dafür aber anspruchsvoller sein. Das Bolting ist solide, aber immer ziemlich zwingend gehalten - hin und wieder gibt's auch die Emotion, dass man 1-2m über dem letzten Haken steht und ein Klipp durchaus angenehm schiene. Aber da gibt's dann halt nur die alte, nicht mehr nutzbare Bohrkrone, zum nächsten Silberling muss man sich nochmals für 1-2m in den Hintern kneifen. Kleine Cams (0.2-0.75) fanden wir an diversen Stellen durchaus hilfreich, für die ersten beiden Wasserrillen-Seillängen würden grosse Exemplare evtl. helfen, um die Abstände zu verkürzen (nachher braucht man diese sicher nicht mehr). Topo, Wandbild und Text von der Sanierung findet man bei rebolting.ch. 

Hinweis: man interpretiere meine Zeilen keinesfalls als Kritik an den Sanierern und ihrer Arbeit. Es ist ihnen ein sehr grosser Dank auszusprechen für den enormen Einsatz, den sie geleistet haben. Als Wiederholer ist es dann sehr leicht, mit gutgemeinten Vorschlägen zu kommen oder über schlechtes Bolting zu schimpfen. Das liegt mir absolut fern - das Sanierungsziel, aus der As de Coeur eine solide abgesicherte, aber homogen anspruchsvolle Route im typischen Wendenstyle zu kreieren wurde sehr gut erfüllt. Mein Text besagt einzig, dass es sich auch mit den neuen Haken um eine anspruchsvolle Sache handelt.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Wendenstöcke - Sawiris (7a+)

Bei der Sawiris (9 SL, 7a+) handelt es sich um eine exklusive Linie im oberen Wandteil des Reissend Nollen. Viele Begeher hat sie in der Dauer ihres bisher 12-jährigen Bestehens noch nicht gesehen, laut dem Wandbuch sind es nur 15 Seilschaften. Doch soweit bekannt kehrten alle hellauf begeistert zurück und sprachen von der oder zumindest einer der schönsten Routen an den Wendenstöcken. Soviel vorweg, meine Einschätzung fällt genau gleich aus. Der Fels ist wirklich von einer unglaublichen Kompaktheit und Güte, die Position weit über dem Tal herausragend, die Kletterei auf jedem Meter anspruchsvoll und die Moves durchgehend homogen schwierig im Bereich von 6b-7a. Jedoch gilt es, sich das Vergnügen erst zu verdienen. Abgesehen von der Titlis Südwand handelt es sich bei der Sawiris um die Wendenroute, welche den aufwändigsten Zustieg erfordert - dieser lohnt sich jedoch absolut.

Die grandiosen Wände des Reissend Nollen mit der Sawiris (9 SL, 7a+). Das Foto stammt nicht vom Tag der Begehung.
Wenige Minuten vor 8.00 Uhr liefen wir auf der Wendenalp los, wie so oft im Herbst leuchteten die Wände golden über uns - immer wieder ein tolles Erlebnis. Auf dem bestens bekannten Pfad ging's in Richtung Reissend Nollen, am Einstieg der Zambo vorbei (bis hierher 50-60 Minuten) und dann links hinaus. Die folgende Plattenzone erheischt auf den ersten Blick gehörigen Respekt. Quert man sie auf der Linie des geringsten Widerstands von links nach rechts, so geht's aber ganz leidlich (T6, II). Man kreuzt nochmals die Linie der Zambo in L6 und steigt dann nach links hinauf zum Beginn der As de Coeur. Von hier entlang des markanten Risses wieder etwas nach rechts hinauf auf die Bänder, welche den "Gipfel" von Spasspartout und Zambo markieren (II, kurze Stelle III, derzeit mit Fixseil entschärft). Nun gilt es noch, ein Stück horizontal bzw. leicht aufsteigend nach rechts zu traversieren, um dann am Ende nochmals 40m in gestuftem Gelände zum Beginn der Route hinaufzuklettern (I-II). Die in der Literatur angegebene Zustiegszeit von 2:30h ist sicher grosszügig bemessen, m.E. sind die ca. 900hm mit Ortskenntnissen bei sportlich-zügigem Gehen gut in 1:30-1:45h zu machen. Um ca. 10.00 Uhr waren wir nach einem Imbiss bereit und kletterten los.

Impressionen aus dem Zustieg: die golden leuchtenden Wände von Mähren, Pfaffenhuet und Gross Wendenstock.
Rückblick auf den heiklen Zustiegsteil (T6, II), der zum Einstieg von Caminando, Millenium und As de Coeur führt. Man beachte den Akteur ziemlich exakt in Bildmitte - sieht erschreckend aus, aber wenn man den einfachsten Weg findet, so löst sich doch alles ganz ordentlich auf.
L1, 6b, 25m, 3 BH: schon die ersten Meter sind kein Gehgelände mehr und bereits am und über den zweiten Haken spielt die Musik. Feines Antreten und runde Strukturen oder kleine Käntchen geschickt belasten ist das erste, aber längst nicht das letzte Mal gefragt. Aber es schadet sowieso nicht, sich gleich einmal gut mit dem Reibungskoeffizienten zwischen Schuh und Fels vertraut zu machen. Die zweite Hälfte dann einfacher aufs Band hoch.

L2, 6b+, 25m, 5 BH: schöne Plattenkletterei, zwischendurch gibt's auch noch ein paar originelle, runde Löcher. Ich fand diese Sequenz einfacher wie L1, auch die Haken stecken einen Tick näher beisammen. Meines Erachtens könnte man hier auch 6b und in L1 6b+ geben. Spielt ja aber dann auch keine solch grosse Rolle.

Auf den ersten Seillängen der Sawiris wartet technische Plattenkletterei bei grandioser Felsqualität!
L3, 6c+, 40m, 8 BH: nun geht's richtig los, wie mein französischer Kollege so schön schreibt "avec des pas très obligatoires en dalle". Die ersten Meter geht's wie bisher gehabt noch mehr oder weniger gemässigt dahin, doch die Hauptschwierigkeiten folgen bald: sie fordern extreme Steilplattenmoves und mutig-prekäres Antreten auf Reibung, und sind zwischen den Haken zwingend zu meistern - für mich Adrenalin pur! Nach dieser ~10m langen Cruxsequenz lässt's dann wieder etwas nach, die Haken sind auch wieder etwas dichter und freundlicher platziert, nur zuletzt gibt's nochmals einen nicht ganz trivialen Runout zum Stand hinauf.

Das Finish von L3 (6c+) ist nochmals fordernd. Nicht ganz so schwierig, aber der Abstand zum Stand ist einfach weit.
L4, 7a, 30m, 9 BH: langsam steilt's etwas auf. Nach einem ersten Wanderl mit schönen Leisten und Tropflöchern folgt nochmals eine etwas geneigte, nicht ganz so schwierige Zone, bevor es in die leicht überhängende Abschlusswand hineingeht. Die Griffe sind zwar da, aber so richtig gute oder positive Henkel fehlen dann eben doch. So pumpt's ordentlich und es wird im etwas unübersichtlichen Schlussteil vom letzten Haken zum Stand geprüft, wie viel Saft und Entschlossenheit zum Vorwärtssteigen noch übriggeblieben ist.

Göttlich das Gestein und athletisch die Kletterei in L4 (7a). Das Attribut 'unübersichtlich' für dieses Slopermeer passt.
L5, 7a, 25m, 6 BH: die offensichtlich ziemlich glatte Zone gerade oberhalb wird mit einem Linksquergang umgangen. Das geht vorerst ganz gut, wobei man sich hier bereits in überhängendem Gelände befindet und etwas angeplättet wird. Dort wo's dann wieder hinauf geht, gilt's dann über ein paar Meter, eine Schippe draufzulegen. Wie fast überall in der Wand gibt's fast unzählige Möglichkeiten, um auf Reibung anzutreten und sloprige Strukturen um sich in die Höhe zu schieben hat's ebenfalls viele. Nur die richtig guten Griffe/Tritte, wo man sich rasch vorwärts wuchten und auch wieder erholen kann, die fehlen eben mehrheitlich. So gilt's stets abzuwägen, ob man sich nun an dem, was man gerade hat einmal aufwärts schiebt, um dann möglicherweise in eine Sackgasse zu geraten, oder ob man weiter nach einer besseren Lösung sucht. Der Laktatpegel in dem Armen wird einem dabei möglicherweise die zu wählende Strategie diktieren.

Wenn der Fotograf den Apparat schön gerade gehalten hätte, so wäre der Beginn von L5 (7a) leicht überhängend.

Unglaublich kompaktes Gestein am Ende von L5 (7a). Gut gesichert zwar schon, aber trotzdem sehr verpflichtend!
L6, 6b+, 35m, 8 BH: hier legt sich die Wand nochmals ein wenig zurück und die Griffe sind mindestens gleich gut wie bis anhin, so klettert sich dieser Abschnitt genussreich und im Vergleich zu vorher und nachher schon beinahe erholsam. Undankbar darum wird manch einer nicht sein!

Vorzügliches Gestein auch in der etwas einfacheren Seillänge Nr. 6 (6b+).
L7, 7a+, 40m, 10 BH: es folgt nun nämlich eine richtige Monsterlänge mit anhaltenden Schwierigkeiten im ortstypischen Gelände, noch gewürzt mit einem athletischen Ausstieg. Die Wandkletterei zu Beginn ist betont senkrecht, man bedient dabei Seitgriffschlitze, scharfe Leisten, Tropflöcher und auch ein paar etwas staubige Schlitze, wobei wirklich fast jeder Meter voll fordernd ist. Wie bereits erwähnt spitzt sich die Sache am Ende zu. Über den unübersichtlichen Wulst am Ende muss man einfach noch hinweg, wobei die Griffe oberhalb zwar gross, aber eben auch sloprig-abwärtsgeschichtet sind. Hier geht mir doch tatsächlich 2 Moves vor der Rettung noch der Saft aus... schade!

So good, simply awesome! Die Cruxlänge (L8, 7a+) ist anhaltend fordernd, luft, steil & scharf.
Muss man das jetzt schon als grasigen Bruchfels bezeichnen?!? Endlich aus der steilen Zone in L7 (7a+) draussen.
L8, 7a, 35m, 9 BH: die kompakte Wand zu Beginn mit den Nahe steckenden Haken lässt vermuten, dass es hier gleich zur Sache geht. Und so ist's dann auch: am Anfang lassen sich die Schwierigkeiten noch geschickt überlisten, doch am dritten Bolt ist dann ein richtig kniffliger Mantle gefragt. Der Rest der Seillänge präsentiert sich dann ungleich griffiger und führt im 6b-Gelände genussreich zum Stand, wo sich auch das Wandbuch befindet.

Taffer Auftakt an kompaktem Fels in L8 (7a), wenig später lassen die Schwierigkeiten dann nach.
L9, 5b, 45m, 4 BH: die Erstbegeher schreiben auf dem Topo, die letzte Seillänge sei "nur alpinistisch interessant". Für mich keine Frage, dieser Abschnitt wird auf jeden Fall geklettert. Wobei, im Hinterkopf sind da dunkle Erinnerungen an die "alpinistisch interessante" Zusatzlänge der Tsunami, welche uns damals ziemlich in die Bredouille gebracht hat. Allerdings sieht der Fels hier deutlich kompakter aus, Bohrhaken sind sichtbar und die Abseilmöglichkeit vom Top ist ebenfalls gegeben, so zögere ich dennoch nicht. Der erste Teil der Seillänge bietet nochmals vergnügliche Kletterei, die gar nicht mal so einfach ist - vielleicht eher 6a als 5b?!? Danach wird das Gelände einfacher und die "losen Steine" kommen tatsächlich noch - mit etwas alpiner Erfahrung aber kein Thema. Der Stand befindet sich übrigens wirklich erst ganz oben auf dem Pfeilerkopf, den Einzelbolt mit Maillon muss man überklettern!

Ambiente am Top mit dem neu erbauten Gipfelsteinmann. Hinten die 3500er Sustenhorn, Gwächtenhorn und Tierberge.
Um 16.30 Uhr und damit nach rund 6:30 Stunden Kletterei sind wir auf dem Pfeilerkopf. Wie schon a priori erwartet, hatten die "nur" 9 Seillängen doch einiges an Zeit gekostet. Wir hatten zwar nirgends grosse Schwierigkeiten, doch die Kletterei ist sehr anhaltend anspruchsvoll und oft sehr tüftelig. Wer sauber Freiklettern will (wozu es sowieso meist keine Alternative gibt!), der braucht einfach Geduld und Zeit, um sich Übersicht zu verschaffen, die Moves zu planen und auszuführen. Da wir aber mit genügend Zeitreserve geplant hatten und das Wetter einwandfrei war, sprach auch nichts dagegen. Auf dem Pfeilerkopf kann man sich frei bewegen und stolz auf das Geleistete sein. Das Ambiente ist fantastisch, auch der Gipfel von Caminando bzw. Millenium befindet sich keine 100m entfernt und liesse sich über die Bänder querend erreichen. Ich nahm mir die Musse, den Punkt mit einem grossen Steinmann zu verzieren. Der Weiterweg hinauf zum Gipfel des Reissend Nollen sah gar nicht mehr einmal so übermässig weit und schwierig aus. Für diesen Tag war's keine Option, aber irgendwie ist's eben doch reizvoll... ich glaube, eines Tages muss ich einmal ganz hinaufsteigen (es sind noch ca. 300hm, teils Geh- und Kraxelgelände I-II, an der Schlusswand ein paar Seillängen IV bis V).

Hier könnte man noch weiter hinauf. Blick auf das einfache Gelände im Vordergrund, welches zur Gipfelwand führt.
Nach einer halbstündigen Pause machten wir uns an die Abseilfahrt. Die oberste Seillänge präsentiert dabei ziemlich suboptimales Abseilgelände. Wir machten diese in 2 Etappen an nur einem, doppelt genommenen Seilstrang - sonst besteht die Gefahr von Steinschlag und das Seil liesse sich vermutlich nur sehr schwer oder gar nicht abziehen. Auch die unteren Seillängen warfen bei mir a priori ob dem steilen Gelände und dem stets etwas nach links traversierenden Verlauf einige Bedenken auf. Schlussendlich ist das dann aber keine Sache und es ging flott voran, nach 5 weiteren Manövern waren wir zügig zurück am Einstieg. Aber natürlich ist die Sache hier noch keineswegs gegessen und der Weg ins Tal ist noch lange. Wir entschieden uns schliesslich, entlang der uns beiden unbekannten Remy-Routen Rockmantic und später dann Virus direkt über die Vorbauwand in die Tiefe zu gelangen (30m absteigen, 2x abseilen, 40m absteigen, 5x abseilen). Da die Routen teilweise spärlich ausgerüstet sind, sind der Verlauf bzw. die nächstfolgende Standplatz nicht immer ganz einfach zu finden. Schlussendlich brauchten wir so vom Einstieg der Sawiris zurück zum Parkplatz gerade gut 2:00h und damit länger wie für den Aufstieg - nicht ganz optimal. Folgende Optionen wären wohl besser:

Auf Spaziergang am Top der Sawiris. Der Ausstieg von Millenium/Caminando ist problemlos erreichbar.
  1. Abseilen über Sawiris, dann zu Fuss zurück über die Bänder und den Aufstiegsweg. Nachteil: viel heikle Abkletterei mit Schwierigkeiten bis T6/III. Kann entschärft werden, indem man 1-2x an Einzelbolts zum Einstieg von As de Cour abseilt und den unteren Vorbauteil 3x50m über Spasspartout.
  2. Wechsel vom Top von Sawiris zum Ausstieg von Caminando/Millenium, über die dortige Piste abseilen. Vom Einstieg dieser Routen kurz zu Fuss absteigen und dann noch 3x50m über den unteren Teil von Spasspartout abseilen. Nachteil: man kommt nicht mehr am Einstieg der Sawiris vorbei und muss mit Haulbag klettern.
  3. Wenn man schon direkt über den Vorbau abseilen will, so wechselt man nach dem ersten Teil (30m absteigen, 2x abseilen, 40m absteigen) sicherlich besser von der Rockmantic in die Via Italia, da die Abseilerei über den steilen Vorbauteil dort deutlich effizienter gestaltet werden kann (siehe Beschreibung). Das Top der Via Italia ist mit einer 20m-Querung auf Bändern gut erreichbar. 
Anyway, auch wenn der Weg ins Tal für einmal etwas Geduld und Ausdauer brauchte und es bereits gegen 20 Uhr und am Eindunkeln war, als wir auf der Wendenalp eintrafen: auch meine 36. Wendenroute war ein richtiges Highlight gewesen, von dem ich noch lange zehren konnte!

Facts

Reissend Nollen - Sawiris 7a+ (6c obl.) - 9 SL, 300m - Wicky/Krummenacher/Dollinger 2006 - *****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express

Kaum eine Route an den Wendenstöcken erfordert mehr Aufwand im Zustieg wie die Sawiris. Trotzdem lohnt sich ein Besuch absolut, das Gestein und die Kletterei sind einfach fabelhaft - hier wackelt einfach gar nichts, 5 Sterne, keine Frage! Wer das Verhältnis von Lauf- zu Kletterzeit verbessern möchte, könnte alternativ auch über eine Vorbauroute starten. Ein sicherlich sehr lohnendes Unterfangen, das jedoch nur für starke und schnelle Seilschaften realistisch ist. Abgesichert ist die Sawiris gut, ja für Wendenverhältnisse stecken die Bolts sogar ziemlich üppig. Um trotzdem keinen falschen Eindruck zu vermitteln: die Kletterei ist anhaltend schwierig, geschenkte Meter gibt's fast keine. So muss man sich dennoch engagieren und immer wieder auch zwischen den Haken schwierige Moves klettern. Ich vergebe hier trotz der soliden Absicherung aufgrund vom Gesamtanspruch nur xxx, jedoch bestimmt an der oberen Grenze. Für mobiles Sicherungsmaterial konnte ich keinen nennenswerten Einsatzzweck erkennen, wir hatten dieses gleich daheim gelassen - dies kann man m.E. auch getrost so machen. Nähere Infos zu den anderen Touren am Berg und ein Topo findet man im Schweiz Extrem West.