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Mittwoch, 7. Februar 2024

Föhnmauer - Je Suis (7a)

Der Topspot der Ostschweiz für das ambitionierte MSL-Klettern im Winter ist die Föhnmauer am Fläscherberg. Zuletzt hatte ich sie für die harten Geräte von Daniel besucht: Vaterland (8b) und Buben im Sturm (8a). Nach dem Sparta Fight am Tag zuvor war nicht mehr ganz so viel Haut und Kraft übrig um beim Sportklettern so richtig auf die Tube zu drücken und die Schneeverhältnisse waren vielerorts bescheiden. Der richtige Tag also um mehr auf die Karte "Erlebnis" zu setzen und mit Kathrin an der Föhnmauer anzugreifen. Aufgrund der Gegebenheiten entschieden wir uns nicht für maximale Ambition, sondern wollten der mir noch unbekannten Je Suis (4 SL, 7a) einen Go geben.

Der Fläscherberg ist oft eine gute Wahl im Winter. In der linken Bildhälfte der Tschingelpfeiler. 

Neu sind die Parkplätze beim üblichen Ausgangspunkt vom Badguet kostenpflichtig (1 CHF/Stunde, nur per Smartphone bezahlbar). Ob der Kürze von Anmarsch und Routen muss man zum Glück nicht eine allzu hohe Rechnung befürchten. Der Zustieg umfasst ca. 1km Luftlinie an Distanz und nur ca. 30hm. Wichtig ist es dabei, die Abzweigung zum Climbers Trail in der ersten Kehre am Weg ins Mozentobel nicht zu verpassen. Sonst kann aber kaum etwas schiefgehen, so steht man in 15 Minuten unter der Wand. Los geht's (sofern man eine der eigentlich nicht zur Je Suis gehörigen Einstiegslängen mitnimmt) gleich bei der zerfallenen Hütte. Um 11.30 Uhr hatten wir alles parat und legten los.

L1, 15m, 6b+: Die erste Stufe beherbergt 4 kurze Touren, welche erst später erschlossen wurden. Die Kletterei ist vielleicht nicht ganz so gut wie in der Je Suis. Aber es handelt sich doch um lässige Moves an Leisten. Vor allem handelt es sich um eine ideale Aufwärmlänge, um nicht gleich volle Kanne mit einer 7a loslegen zu müssen. Und weiter scheint das Einqueren von rechts her über das Band auch etwas murksig. Der einzige Nachteil (bei frischen Wintertemperaturen) besteht etwas darin, dass sich die Sache im Schatten der Bäume abspielt. Wir stiegen beim rechten Start ein und querten dann nach links hinüber, was in der Topos als Sepultura (6b+) vermerkt ist.

Kathrin folgt in der ersten Länge (eigentlich Sepultura 6b+, aber der absolut logische Start).

L2, 30m, 7a: Kurz zum Band hoch, dann wartet das erste Dächli und schon heisst es an Leisten kräftig zupacken und das Geläuf ins vertikale Terrain darob hochbringen, wo es gleich mal dranzubleiben gilt. Hier hat eine gute Seele bei einer Sanierung jeweils einen Zusatzbolt zwischen die alten (wohl erst später sanierten) Kronenbohrhaken gesetzt, sprich es ist komfortabel gesichert. Das ändert sich im oberen Teil der Länge, wo erst an Seitgriffen etwas engagiert gepiazt werden muss. Dann folgt eine etwas ungeschmeidige, zwingende Stelle, wo man mit Untergriffen an der glatten Wand anläuft. Schlussendlich ist es nicht so schwierig, aber da könnte man doch sehr unangenehm abfliegen. Ein weiteres Feature ist dann der coole Abschlussquergang nach links hinaus an einem sloprigen Rail. Viel Programm, anhaltend schwierig, super Fels - geile Sache!

Der letzte Test mit der Hangelquerung am Sloper-Rail am Ende von L2 (7a).

L3, 25m, 7a: Keine Zeit zum Relaxen, das Wändchen ob dem Stand sieht gleich fordernd aus. Einsteigen geht noch, aber um den dritten Haken rum sind die Griffe klein und die Tritte rar. Einen guten Plan machen und entschlossen durchmoven muss die Devise lauten. Danach geht's vorerst relativ griffig dahin, bis gerade voraus plötzlich keine Haken mehr sichtbar sind. Dann sollte man sich horizontal nach rechts auf's Podest hinüber orientieren, eine knifflig-athletische Kletterstelle verteidigt den Zugang zu diesem bequemen Standplatz.

Diese kräftige Querung wartet am Ende von L3 (7a).

L4, 30m, 7a: Hier hat man alles Wesentliche im Blickfeld, wenn man loslegt. Schon bald einmal musste ich ziemlich in die Trickkiste greifen - meine holde Angetraute beschied mir später, ich hätte das unnötig kompliziert angestellt, ihre propagierte einfachere Lösung war für mich jedoch nicht nachvollziehbar. Naja, Frauen versteht man halt nicht immer 😁 Danach ist der Fels mit coolen Silex-Einschlüssen garniert, ein kniffliger Move aus einem Untergriff in die Schulter mit folgendem Aufrichter stellt die Crux dar, super! Danach wird das Gelände einfacher, stecken tut nur noch ein Schlaghaken. Klar ist der Ausstieg ins Gras zu Stand an Baum unschwierig, aber ein Sturz liegt da definitiv nicht drin. Mit kleinen bis mittleren Cams könnte man wohl mobil sichern, ganz so dumm wäre das nicht...

Kurz vor dem Top (L4, 7a), der Ausstieg ins Gras easy, aber weit über dem letzten Haken.

Vom Top der Route sind es nur wenige Meter an Traverse (Fixseil) hinüber zum Wanderweg. Die Sonne neigte sich bereits der Gratlinie vom Pizol entgegen, viel länger hätte sie uns gar nicht mehr erwärmt. So schnürten wir die in weiser Voraussicht mitgeführten Schuhe und stiegen ab. Am besten ist es, auf dem Hinweg sämtliches Material 'on person' mitzuführen, so kann man sich auch gleich noch den Umweg zurück zum Einstieg ersparen. Bald waren wir zurück beim Badguet und machten uns auf den Heimweg. Meine schon am Vortag abgeraspelten Pfoten hatten hier an den rauen Kleingriffen nochmals eine gehörige Abreibung erhalten und brannten wie verrückt - genau so wie unsere Begeisterung über diese tolle Kletterpartie mitten im Winter. Das war jetzt echt eine geniale Abwechslung zu den Skitouren, den Wettkämpfen und dem Bouldern gewesen!

Blick vom Ausstieg hinüber zur Wand, wo noch eine Seilschaft aktiv ist.

Facts

Föhnmauer - Je Suis 7a (6c/+ obl.) - 4 SL, 100m - Graf/Moosberger 1987 (saniert 2011) - ****;xxxx
Material: 1x40m-Seil, 12 Express, evtl. Cams 0.3-0.75

Kurze Route, die sich aber gar nicht einmal so kurz anfühlt! Die Kletterei ist anhaltend steil und sehr schön homogen schwierig. Bald einmal weist man auch eine gewisse Exposition auf, so dass man sich richtig 'in der Wand' wähnt. Die Felsqualität ist prima, der Fels noch 'wie neu' und weitgehend rau/scharf strukturiert. Nur vereinzelt hat es etwas Brösmelibelag und am Ende ein paar Grasbüschel. Die Absicherung ist weitestgehend klettergartenmässig. Einzig in L2 sind die Abstände im zweiten Drittel der Länge fordernder. Hier gilt es auch eine etwas unangenehm-unsichere Passage nahe der Hauptschwierigkeiten zwingend zu klettern. Mobiles Material kann man nur auf den letzten 10-15m zum Ausstieg hin einsetzen. Diese sind zwar einfach (5b/5c-Gelände), weisen aber keine Haken mehr auf. Ein Topo zur Föhnmauer mit einer Auswahl der Routen gibt's im Extrem Ost, für die volle und aktualisierte Übersicht ist der Kletterführer St. Galler Oberland die richtige Wahl.

Donnerstag, 17. März 2022

Föhnmauer - Buben im Sturm (8a)

Auf der Agenda stand ein MSL-Tag mit Viktor, doch im Gegensatz zu den anderen Gelegenheiten in diesem Winter war die Tourenwahl nicht einfach. Im Tessin gab es (zu) wenig Sonne, in den höheren Lagen der Alpennordseite hat's noch viel Schnee und mit Temperaturen um -8 Grad auf 2000m und einer zügigen Bise schienen die Bedingungen fürs Felsklettern im Gebirge suboptimal. Somit erfolgte die Planung bzgl. der Location defensiv. Definitiv der beste Spot in der Ostschweiz für anspruchsvolle MSL in der kalten Jahreszeit ist die Föhnmauer am Fläscherberg. Talnah tief und sonnig in einer milden Ecke gelegen, gibt es kaum einen sonnigen Tag, an welchem es für einen Versuch zu kalt wäre. So wollten wir die im Winter 20/21 von Daniel Benz erschlossene Buben im Sturm (7 SL, 8a) probieren. Soweit bekannt, hatte es bisher keine Wiederholung der Route gegeben, was den Reiz natürlich umso höher machte.

Die fantastische Wand der Föhnmauer am Fläscherberg mit der Linie von Buben im Sturm (8a).

Vom Parkplatz beim Badguet ist es gerade ein guter Kilometer Luftlinie zum Einstieg, Höhenmeter müssen auch kaum welche überwunden werden, in 15-20 Minuten erreicht man also den Einstieg. Dieser ist ziemlich unscheinbar: der gut ausgetretene, zur Megusta führende Pfad steigt von den rechten Routen an der Föhnmauer wieder etwas ab, erreicht schliesslich flaches Terrain und führt wieder ganz nahe an die Wand. Dort ist man richtig, die BH mit Irniger-Laschen sind auch gut erkennbar. Nachdem ein vergessener Helm für eine zurück-und-wieder-hin Jogging-Session verpflichtete und wir uns ausgerüstet hatten, konnte es wenige Minuten vor 11.00 Uhr losgehen. Wir setzten darauf, die Route mit einem 40m-Einfachseil zu klettern und führten einen Haulbag mit warmen Jacken, Getränken und Verpflegung mit - die Strategie lautete also eher auf 'Sportklettern in einer hohen Wand'. Das Hilfsseil für den Haulbag hätte uns natürlich einen allfällig nötigen Rückzug ermöglicht.

L1, 30m, 6c: Eine willkommene Aufwärmlänge, da kontinuierlich schwierig, ohne extreme Boulderstelle und an durchgehend angenehmen Griffen. Trotz der relativ moderaten Bewertung wird man kaum so einfach durchspazieren: einerseits ist die Sache unübersichtlich, der von rechts-unten-nach-links-oben geschichtete Fels erfordert sorgfältige Planung der Moves. Zudem, das muss transparent gesagt werden: die Felsqualität ist nicht die beste, etwas Umsicht ist schon erforderlich - wer gerne Griffe ausreisst, findet hier bestimmt sein Betätigungsfeld. Nachdem wir die Seillänge aber beide sturzfrei unter ausschliesslicher Nutzung von standhaftem Material klettern konnten, will ich das Wort 'brüchig' lieber vermeiden. 

Los geht's in L1 (6c), das Gemäuer über unsere Köpfen beinahe bedrückend!

L2, 20m, 6c+: Im Grossen und Ganzen ähnlich im Charakter wie L1, der Fels ist hier schon ein wenig solider (er wird nach oben generell immer besser). Nach wie vor weist er teils auch einen etwas brösmeligen Belag auf, was sich mit zunehmenden Begehungen aber sicher auch noch bessert. Anyway, hier wartet eine etwas kniffligere Sequenz, wo man ein paar minimale Strukturen für die Hände verwenden und schon mal etwas mutig antreten muss. Nachher Linksquergang, nochmals die Moves gut planen und mit einem kleinen Runout zum Stand hinauf.

Der Akteur in der Crux von L2 (6c+), die schon mal genaueres Hinschauen verlangt.

L3, 20m, 6b: Über Trittleisten nach rechts hinaus an eine griffige Schuppe. Diese tönt sehr dumpf, dank der guten Absicherung und der Tatsache, dass sich das Seil links in ungefährdeter Position befindet, kann man das Dülfern daran aber problemlos riskieren. Der spektakuläre Event mit einem Abgang dieses tonnenschweren Dings bleibt aber aus, der ergäbe sich wohl nur mit einer ordentlichen Portion Sprengstoff. Nachher folgt schöne Wandkletterei, das Gestein präsentiert sich an dieser Stelle etwas gutgriffiger, zudem legt sich auch die Neigung etwas zurück.

Gut griffige Kletterei im oberen Teil von L3 (6b), mitunter die einfachsten Meter der Route.

L4, 25m, 7a: Eine ziemlich spezielle Seillänge, v.a. wenn man die Erschliessungsgeschichte kennt. Daniel hat hier quasi den ganzen, oberflächlich brüchigen Fels abgetragen. Darunter kam erstaunlich solider Klötzlifels zu Tage, der auf der luftigen Linie wirklich spassig zu klettern ist. Schon gleich vom Stand weg ist offensichtlich, dass man sich nun in einer anderen Gesteinsschicht bewegt. Hellgrau ist der Fels und die vielen scharfkantigen Leisten von bisher fehlen, ziemlich rund und sloprig kommt die Seillänge erst daher. Dann eben hinein in die überhängende Zone. Geschützt durch die Überhänge waren hier noch Kletterspuren von der Erstbegehung verblieben, was die Sache schon etwas einfacher machte. In anregender Turnerei ging's hinauf in den Dachwinkel, mit etwas Hangboard-Strom ist das gut zu machen. Bei der Querung unter dem Dach durch reicht dann Kraft alleine aber nicht, da muss man sich auch noch gut anstellen, um den schon ziemlich exponierten Stand auf kleiner Kanzel zu erreichen.

Hinein in die überhängende Dächerzone geht's in L4, dank griffigen Leisten ist das aber "nur" eine 7a.

L5, 20m, 7c: Mit interessanten Moves geht's erst einer kleinen Verschneidung entlang aufwärts, wobei aber eher der Charakter von Wandkletterei besteht. Ein Runout zu einer Querfuge hinauf bietet etwas Aufregung, ansonsten ist dieser Teil noch gut kletterbar im 6c/7a-Bereich. Das ändert sich sobald man nach links hinaus abzweigen muss. Die Wand ist dort mit einem scharf strukturierten Sinterbelag überzogen, aber das Angebot von tauglichen Griffen ist rar. Trotz der guten Absicherung ist diese Boulderstelle reichlich zwingend und aufgrund vom Verlauf nach links sowohl für den Vor- wie für den Nachsteiger schwierig auszuchecken. Uns dünkte dies die schwierigste Einzelstelle der ganzen Route, dafür lässt's bald wieder etwas nach. Die Fortsetzung nach links zum Stand hinaus ist dann aber echt cool: mit erst sintrigen Strukturen und nachher Löchern in einer Querfuge geht's zwar pumpig, aber gut kletterbar zu sehr luftigem Stand.

Dieser Quergang stellt die Crux von L4 (7c) dar. Heftiger Boulder zu Beginn, dann pumpig dranbleiben.

L6, 25m, 8a: Ja, der luftige Stand vor dieser Seillänge, das war so eine Sache: dass man an der Föhnmauer schier weggeluftet wird, wenn der Südwind bläst, das lässt sich ja schon aus dem Namen ableiten und ist allgemein bekannt. Doch von Föhn war an diesem Tag gar nichts gegeben, es war ein ruhiger Wintertag mit etwas Bise prognostiziert. Doch nun eben, hier pfiff uns der Luft gehörig um die Ohren und sorgte "für gute Kletterbedingungen" wie es der Optimist formulieren würde. Der Realist stellte eher einen massiven Windchill und die Schwierigkeit fest, hier vor dem Losklettern wieder auf die richtige Betriebstemperatur zu kommen. Los geht's gleich gehörig athletisch aber vorerst noch recht gutgriffig, aber unscheinbar stellt sich eine erste Kniffelsequenz in den Weg, wo man von einer guten Schuppe durch einen seichten Winkel an ein paar Leisten hart movend an eine nächste Schuppe kommen muss. Nach kurzem Durchschnaufen wartet eine weitere, zähe Leistensequenz, so langsam kommt auch die Power Endurance ins Spiel. Zu guter Letzt wartet dann erst eine knifflige Bewegungsaufgabe und der äusserst abschüssig-technisch-heikle Ausstieg zum Stand, prost! Unter dem Strich hatten wir am Ende schon für alle Moves einen ausführbaren Plan entwickeln können, aber für einen Rotpunkt bräuchte es sicherlich noch einiges an Investment...

Klettern mit einem Fotografen vor Ort - für die Profis alltägliches Brot, für mich komplettes Neuland. Erschliesser Daniel Benz besuchte uns, um ein paar Impressionen aufzunehmen, unsere Empfindungen über die Route zu hören und natürlich um einige willkommene Tipps für die Cruxlänge zu geben. Diese zähe Nummer (L6, 8a) ist hier abgebildet.

L7, 30m, 7c: Das Gelände legt sich zwar optisch zurück, da jedoch der Fels in dieser oberen Wandzone glatter und abschüssiger wird, geht's nicht so viel leichter dahin, wie man sich das vielleicht erhoffen würde. Vor allem auch wurden auf dieser (schon früher im Verdon-Prinzip erschlossenen) Seillänge die Schwierigkeiten auch gesucht. Gefunden werden diese in einer steilen Sequenz gleich über die ersten Bolts, wobei sich hier doch noch ein paar positive Griffe offenbarten und es besser ging als befürchtet. So richtig schwierig war dann aber der Übergang ins flachere Gelände darob, zumal auch noch ziemlich obligatorisch. Ist der vierte BH einmal erreicht, so wartet dann bis zum Ausstieg "nur noch" klassisches Föhnmauer-Gelände im 6c/7a-Bereich. Die Hakenabstände sind hier weiter, aber wer es bis da geschafft hat, wird sich davon kaum beunruhigen lassen. Wer wollte, könnte einen Runout mit einem kleinen Cam à la 0.1 oder 0.2 noch entschärfen - doch selbst der Senior hat es ohne geschafft ;-)

Der Ausstieg rückt auf für Viktor in greifbare Nähe. Die Abschlusslänge (L7, 7c) hat es nochmals in sich!

Erst kurz vor 17.30 Uhr und damit nach rund 6:30h Kletterei hatten wir es zum Top geschafft. Die ersten 4 Seillängen waren uns noch einwandfrei Onsight gelungen, danach ist "i have to come back for these pitches" wohl die Losung der Wahl - so sagen es doch die Profis immer?!? Konkret hatten wir mit vereinten Kräften am Ende eigentlich alle Stellen entschlüsselt, aber dies in einen Rotpunkt umzumünzen wäre kaum schon beim nächsten Besuch realistisch. Den wir aber vermutlich eher sowieso nicht auf uns nehmen werden. Mit dem Punkten von schwierigen MSL habe ich es ja generell nicht so, der Aufwand dafür ist einfach sehr hoch. Wobei in diesem konkreten Fall immerhin der Zugang von oben gut möglich ist, so dass man die entscheidenden Seillängen effizient einüben könnte. Von dieser Zugangsmöglichkeit machte auch Daniel Gebrauch, um uns einen Besuch abzustatten, bei welchem Fotos und Videos geschossen wurden. Das Material wurde in das folgende Youtube-Video verarbeitet...

Ob's für mich weitere Besuche zwecks Rotpunkt geben wird ist eine Spekulation über die Zukunft. Solche sind meist wie Spuren im Sand, weisen also keine lange Gültigkeit auf. Für uns galt es nach dem Erreichend des Tops noch, wieder nach Hause zu kommen. Mit der Absicht, in 5 Manövern luftig über die Wand abzuseilen, hatten wir die Schuhe und etwas Material am Einstieg gelassen. Doch mit der eben verschwundenden Sonne und dem langsam ins Mark vordringenden Wind erschien es als die bessere Option, barfuss und in Kletterfinken zu Fuss abzusteigen. Dafür erst schrofig kraxelnd hinauf (sichern!), dann in 50-60m Traverse über steiles Gras am laufenden Seil zum Weg hinüber. Auf diesem erreicht man in ca. 10 Minuten wieder den Einstieg. Wir waren nicht unglücklich darüber, wieder in richtige Schuhe schlüpfen zu können, trotteten zurück zum Badguet und fuhren sehr zufrieden heimwärts.

Facts

Föhnmauer - Buben im Sturm 8a (7b obl.) - 7 SL, 170m - Daniel Benz 2021 - ***;xxxx
Material: mind. 1x70m oder 2x40m-Seil, 11 Express, Cams/Keile nicht nötig

Schöne, eindrückliche und steile Route mit einigen kniffligen Passagen. Die beiden Ausstiegslängen sind ein altes Projekt von Ralf Wohlwend, der Zustieg von unten kam in der Wintersaison 2020/21 durch Daniel Benz hinzu. So hat sich ein sehr lohnender Durchstieg der steilen Wand ergeben. Die Route punktet mit leichter Erreichbarkeit, idealen Bedingungen in der kalten Jahreszeit und luftiger Exposition. Eine Begehung verlangt aber in jedem Fall nebst den rein klettertechnischen Anforderungen auch die Fähigkeit, sich in nicht immer zuverlässigen Fels sicher bewegen zu können, vor allem in den ersten 4 Seillängen ist das Gestein nicht überall top. Die Route ist sehr gut mit rostfreien BH abgesichert, weist aber in den schwierigen Seillängen manch eine zwingende Passage auf und erfordert daher ein gewisses Können an beiden Seilenden.

Donnerstag, 17. Dezember 2020

Föhnmauer - Vaterland (8b, 7 SL, Erstbegehung)

Die Föhnmauer am Fläscherberg ist in der kalten Jahreszeit zweifellos das beste MSL-Gebiet der Ostschweiz. Praktisch vom Talboden weg startet man hier in sehr sonniger und schneearmer Lage in die steile Wand. Die Routen um den Klassiker z'Entli im rechten Sektor sind beliebt, ebenso die Megusta, welche etwas weiter links die dort höhere Wand durchsteigt. Auch dazwischen existierten einige Routen und Projekte, die vorwiegend im Verdon-Prinzip anzugehen waren und deswegen ein stiefmütterliches Dasein fristeten. In den Jahren 2019/2020 hat nun Daniel Benz diesem Mittelsektor ein Facelifting verpasst, sprich die Routen nach unten zu richtigen MSL-Wanddurchstiegen erweitert, wo nötig saniert und vor allem Rotpunkt geklettert. Bei der bisher schwierigsten Route, dem Vaterland (6 SL, 8b) konnte ich bei der Erstbegehung mit von der Partie sein.

Die Föhnmauer mit dem Verlauf von Vaterland (8b), wobei die ersten 1.5 SL hinter den Bäumen versteckt sind. Die beiden vorletzten Seillängen (8a, 8b) waren ein altes Projekt von Ralf Wohlwend, welches im Verdon-Prinzip angegangen werden musste, noch nicht gepunktet war und kaum je begangen wurde. Der Zustieg dahin nimmt den bestmöglichen, klettertechnisch lohnendsten Weg. Die braune Felspartie unterhalb der Querung ist stark überhängend und sehr brüchig, daher kaum bekletterbar.

Mitte Dezember, an einem der kürzesten Tage im Jahr, machten wir uns auf den Weg zur Mission Rotpunkt. Nach einem kurzen, 15-minütigen Anmarsch mit nur ganz wenig Höhendifferenz standen wir unter der Föhnmauer. Wie erwartet waren die Bedingungen perfekt: die Schneefälle von Anfang Dezember 2020 waren bereits wieder Geschichte, die Wand war einwandfrei trocken, viel Sonnenschein und angenehme Temperaturen begleiteten unser Unternehmen. Ab ca. 9.45 Uhr steht die Föhnmauer auch im tiefsten Dezember in der Sonne, diese bleibt dann bis sie um ca. 15.00 Uhr am Pizol unter den Horizont sinkt. Um 11.15 Uhr hatten wir den Haulbag gepackt, unsere Aufwärmübungen absolviert und stiegen mental parat in die Route ein. Mein Seilpartner aspirierte auf einen Komplett-RP-Durchstieg aller Seillängen, weshalb für mich über die gesamte Tour das hintere Ende des Seils reserviert war.

The Strongman, ready to rumble!

L1, 35m, 6c: Diese Einstiegslänge mit dem Namen Snack gehört nicht eigentlich zur Route, bietet sich aber für jene an, die wirklich am tiefstmöglichen Punkt starten möchten. Sie lässt sich vermeiden, durch Einqueren über ein breites, seilfrei begehbares Band erreicht man den Start in die nächste Länge mühelos. Zum Apéro gibt's hier eine etwas plattig-schlabbrig-glatte Wand, die aber trotzdem spannende und auch recht knifflige Moves bietet. Später steilt es dann auf und man bedient sich an Querschlitzen und -fugen. Es sei erwähnt, dass die Absicherung hier auf der etwas spärlichen Seite ausgefallen ist, teils müssen die Haken bei anhaltenden Schwierigkeiten doch einige Meter überstiegen werden. Doch wer dem Rest der Route gewachsen ist, wird das natürlich keine Probleme bereiten. Ebenso bemerkenswert: im Winter liegt diese Länge im Schatten der Bäume, während man durch Einqueren aufs Band direkt an der Sonne starten kann.

L2, 30m, 7a: Steile und bereits gehörig pumpige Seillänge in nicht immer perfektem Fels, der aber gut ausgeputzt wurde. Ebenso ist die Absicherung hier angenehm eng gehalten, so dass man bedenkenlos angreifen kann. Der etwas klötzlige und schiefrig-glatte, diagonal geschichtete Fels macht die Sache aber nicht einfach. Zum Ende erreicht man ein vages Band, wo man ganz nach links hinaus zum Stand traversiert. Man beachte das Topo und verkoffere sich hier nicht in Zustiegsvariante aufs Zentralband hinauf.

Da kommt man schon auf Betriebstemperatur (L2, 7a).

L3, 40m, 7b: Eine sehr lohnende und originelle Seillänge in nun prima Fels, die einen langen Quergang und am Ende sogar ein Abkletterstück beinhaltet. Schon die ersten Meter aus dem Stand raus sind fordernd und bedingen Power und Entschlossenheit. Danach geht's vorerst etwas besser dahin bis zum Punkt, wo sich die Hakenreihen verzweigen (gerade hinauf Freude herrscht, man halte sich nach links in die Benchmarc-Traverse). An ergonomischen Leisten hangelt man sich nun nach links entlang einer Fuge - powerige Sache, regelmässiges Fingerboarden hilft hier ganz sicher. Nach und nach fehlen dann auch die Tritte, so dass man beinahe in Campus-Manier zu moven hat. Ein weiterer kniffliger Abschnitt folgt nach dem Abzweig der Benchmarc, wo man einige kleine Griffe zu bedienen hat und schliesslich um eine Ecke verschwindet. Hier führt die Route aufs Band hinunter - Abklettern im Grad 7a, sowas kriegt man nur selten geboten, echt cool! Diese Seillänge ist gut abgesichert und auch vom Seilzweiten trotz aller Spezialeinlagen ohne Nervenflattern zu begehen. Nichtsdestotrotz sollte der Schwierigkeitsgrad an beiden Seilenden beherrscht werden. Hinweis: vom Stand 3 ist ein Rückzug schwierig, das Gelände unterhalb bricht stark überhängend ab, man erreicht den Fels nicht mehr und bis zum Grund sind es 65-70m Distanz. L4 ist aber gut eingebohrt und wenig zwingend, die schafft man schon, wenn man bis dahin gekommen ist.

Auf der grossen Traverse in L3 (7b). Wie bereits beschrieben ist der Routenverlauf vor Ort absolut logisch. Unterhalb vom sichtbaren Dach im unteren Bildviertel ist das Gestein blätterteigig, oberhalb davon gibt's aber besten, scharfen Leistenfels. Die Position zudem superluftig, geniale Sache!

Der Schluss der Traverse (L3, 7b) aus der Gegenperspektive. Es gilt noch, über die 2 Dächli aufs Band abzuklettern, was jedoch zum Glück nicht die Crux dieser Länge darstellt. Eine ungewohnte Herausforderung ist es aber allemal (ca. 7a).

L4, 20m, 7c: In ähnlichem Stil wie zuvor geht's weiter, athletische Power-Moves an Leisten in prima Fels. Auf dem Band wenige Meter nach links, wo es dann gleich am ersten Überhang schon zur Sache geht. Ist das geschafft, heisst es erneut kräftig-pumpig an den Leisten in einer Fuge nach links zu traversieren, um schliesslich mit weiten Zügen dynamisch den folgenden Wulst zu steigen, wo dann oberhalb zum Glück ein paar bessere Griffe auftauchen. Damit ist die Sache fast gegessen... die Moves in den Stand hinein sind aber nochmals unübersichtlich und erfordern die Bedienung von diversen Griffen, denen man nicht unbedingt das Prädikat "gut" anheften kann.

Anhaltend kraftvolle Züge an eigentlich meist guten Leisten in überhängendem Steilgelände in L4 (7c).

L5, 20m, 8a: Die Wand ändert nun erneut ihren Charakter, sie wird etwas weniger steil, dafür umso kompakter und griffärmer. Am deutlichsten wird dies vielleicht durch die Aussage, dass man diese vierte Länge gemessen am bisherigen Griffangebot a priori eher im Bereich 6c vermuten würde, was dann aber doch weit gefehlt ist. Die ersten Meter gehen zwar schon fordernd, aber noch gut machbar über die Bühne, nach einem herrlich wasserzerfressenen Rastpunkt-Henkel geht's dann aber zur Sache. Bei minimalem Trittangebot heisst es, scharfe kleine Kratzer zu crimpen und die Füsse auf minimale Strukturen zu platzieren - ein wenig vergleichbar mit der Crux-Sequenz der Ben Hur an den Wendenstöcken. Zuletzt dann wieder einigermassen griffig zum Stand an der Rampe, welche hier die Wand durchzieht.

'Crimping the shit out of nothing', dazu noch fast ohne Tritte. Der rechte Arm wird heftig gemolken in L5 (8a).

L6, 30m, 8b: Nun noch das Schlussbouquet, hoffentlich ist noch etwas Kraft übrig geblieben! Die ersten Meter sind gutmütig und erstaunlich griffig, vom zweiten zum dritten Haken zieht's mit einer Linksschleife an und anplättend an Leisten geht's in die erste Cruxsequenz über eine knapp strukturierte, senkrechte Wand. Mikroleisten zuballern und gleichzeitig die Füsse hoch stellen auf beinahe inexistente Tritte heisst das Programm. Nach einer kurzen Verschnaufpause folgt dann über das nächste Dächlein hinweg die Cruxsequenz. Die Hauptherausforderung besteht darin, einen kleinen Kratzer auf die rechte Schulter zu nehmen, die Füsse nahezu trittlos übers Dächlein zu bringen, Gegendruck zu erzeugen und sich nach rechts an eine halbwegs passable Leiste zu zaubern, um von dieser über ein paar kleine Löchlein endlich wieder etwas freundlicheres Gelände zu erreichen. Obwohl insgesamt kaum senkrecht, ist diese Passage sehr athletisch und erfordert gleichzeitig höchste Bewegungspräzision. Damit wären die Schwierigkeiten zwar erledigt, doch die Route gibt sich noch nicht ganz geschlagen und wartet noch mit einem Runout über eine psychisch fordernde Platte auf...

Als Nachsteiger hat man an dieser Stelle in L6 (8b) gut lachen, denn da ist die Sache eigentlich gelaufen, auch wenn die Abschlussplatte durchaus nicht ganz banal ist. Der Vorsteiger darf sich aber zusätzlich noch einem Runout gegenüberstellen, gewürzt noch mit der mentalen Belastung, sich hier die Begehung noch nehmen lassen zu müssen.

L7, 15m, 5a: Um den Ausstieg zu erreichen und um zu Fuss absteigen zu können, ist noch eine weitere, kurze Seillänge vonnöten. Erst noch schöner Fels, dass über einige mässig solide Blöcke hinweg und zuletzt etwas grasig zu Stand an Baum.

Ein paar Minuten vor 16.00 Uhr hatten wir es geschafft! Wie erhofft war Daniel eine durchgehend sturzfreie RP-Begehung aller Seillängen im Vorstieg gelungen - bravo, eine herausragende Leistung, meine herzliche Gratulation und besten Dank, dass ich hier tollen Klettersport aus der besten Perspektive geniessen konnte. Mir persönlich lief es auch ganz ordentlich, konnte ich doch L1-L3 flashen und L4-L5 immerhin komplett freiklettern. Einzig in der Cruxsequenz war ich mit meinem Latein am Ende: an diesem Mikrogriff bringe ich meine langen Beine unmöglich über das Dächlein, tiefer stehen zu bleiben ist aber ebenso wenig möglich und eine tragfähige, alternative Lösung gab es auch nicht - wobei das im Grad 8b jetzt auch nicht unbedingt erstaunlich ist. Natürlich war ich trotzdem sehr zufrieden, nur ganz wenige Moves waren mir hier nicht, bzw. nicht auf Anhieb gelungen und es hatte enorm Spass gemacht, am sonnengewärmten Fels in dieser luftigen Exposition zu klettern. Um wieder zurück zum Materialdepot zu kommen ist der Fussabstieg sicher die schnellste Möglichkeit, man kann aber auch Abseilen (mind. 2x35m Seil bzw. 70m-Einfachseil nötig!). Es sind 5 Manöver nötig, wobei es von Stand 4 über 2 gut sichtbare, routenunabhängige Stationen gerade hinunter geht. Achtung, die Sache ist sehr luftig, Pendeln ist unerlässlich!

Facts

Föhnmauer - Vaterland 8b (7c obl.) - 7 SL, 200m - Daniel Benz 2020 - ****;xxxx

Material: 14 Express, für Rückzug/Abseilen mind. 2x35m bzw. 1x70m-Seil nötig. Obacht, teilweise scharfer Fels und querender Routenverlauf, Doppelseile sind ein Sicherheitsplus!

Steile und anspruchsvolle MSL-Sportkletterei in Talnähe, ideal geeignet für milde Wintertage. Die Route besticht durch einen richtigen Steigerungslauf in Sachen Schwierigkeit, abwechslungsreicher Kletterei mit origineller Linie und meist gutem Fels. Die ersten beiden Seillängen sind noch nicht erste Sahne, die querenden Leistenlängen danach aber powerig-genial und die technisch-crimpigen Schlusslängen bilden Challenge und Schlussbouquet zugleich. Mit Ausnahme der sparsam gebohrten Einstiegslänge ist die Absicherung durchgehend gut bis sehr gut und den Schwierigkeiten angemessen. Trotzdem wartet so manch eine zwingende Stelle, insbesondere muss der technische Fb 7BC-Boulder der Crux obligatorisch gemovt werden... Das zurzeit beste Topo von der Föhnmauer findet man auf der Eastbolt-Seite, allerdings ist's auch nicht mehr ganz aktuell. Einerseits wurden Bewertungen angepasst, andererseits fehlt die hier beschriebene Route (bzw. das Zwischenstück mit den Längen 3 und 4), aber der Verlauf (13, 8, 5, 4 und dann über die neu eingebohrte Passage ins Projekt 3) dürfte trotzdem klar sein, insbesondere mit dem Fototopo oben in diesem Beitrag.