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Donnerstag, 22. Oktober 2020

Graue Wand - Toggel (6c)

Über die 1984er-Route 'Toggel' der Remy-Brothers an der Grauen Wand war lange Zeit nicht viel in Erfahrung zu bringen. Der SAC-Führer Urner Alpen 2 von 1996 wartete mit den lapidaren Bemerkungen "Superroute, zweite SL psychisch anspruchsvoll" auf. In neueren Topos wurde der Toggel dann gar nicht mehr aufgeführt. Nach dem Wenigen, das man vernehmen konnte, handelt es sich allerdings tatsächlich um ein haariges Unternehmen. Bewegung in die Sache kam dann mit meiner Begehung vom benachbarten Eisbrecher anno 2015. Da konnte ich beobachten, dass eine Sanierung im Gang war. Schliesslich erreichte mich die Kunde, dass jene im 2019 abgeschlossen wurde, womit der Toggel sofort Aufnahme in meine Shortlist fand. Wie sich im Rahmen unserer Begehung zeigte, absolut zurecht. Es handelt sich wirklich um Granitklettern auf Weltklasse-Niveau, absolut genial! Einzig die Art und Weise wie die Route saniert wurde ist beschämend, ja fast schon skandalös - mehr dazu dann weiter unten.

Die imposante Graue Wand mit dem Verlauf der Route Toggel (10 SL, 6c).

Nachdem ich am Vortag in der Gletschersinfonie am Wellhorn schon einen perfekten Klettertag erlebt hatte, entschlossen wir uns "zum Ausklettern" noch dem Toggel einen Besuch abzustatten. Das entpuppte sich als ein genialer Schachzug, denn die Route war so genial, dass sie nun nicht einfach ein Anhängsel zum Wellhorn ist, sondern gleich ein erneutes Highlight darstellt. Toll auch, dass die beiden Routen solch unterschiedliche Charaktere aufweisen. Nur in einem Punkt hatten wir uns verschätzt: auf dem rudimentären Topo waren 9 Seillängen annotiert, mit nur einer 6c und ein paar Seillängen im Bereich 6ab tönte das nach "easy going". Das war jedoch ganz und gar nicht der Fall, warten sollte schliesslich durchwegs fordernde Granitkletterei, lange Seillängen, komplexe und komplizierte Moves, die vollen Einsatz erforderten. Aber das war ganz gut so, auf diese Weise konnte gar keine Müdigkeit aufkommen, Körper und Geist hatten stets vollkommen präsent zu sein.

Im Zustieg lag noch viel Schnee. Bis hinauf unter die Wand ist das schon ein wenig hinderlich und mehr zeit- bzw. kraftraubend, der Schlussteil ist hingegen bei Ausaperung unangenehm. Kein Foto gemacht haben wir leider von der alpinen Passage zum Sattel mit dem Einstieg.

Ein wenig Schlaf zur Erholung schien aber absolut ratsam, so brachen wir um ca. 8.45 Uhr vom Tätsch (Taxe 7 CHF pro Tag, in Münzen an Automat zu bezahlen) auf. Aus älteren Berichten entnehme ich, dass wir auch schon in nur einer guten Stunde zum Einstieg der Conquest gegangen waren. Dieses Mal kam mir die Strecke aber durchaus länger vor: einerseits waren die Beine schon etwas müde, an den Füssen waren die Bergschuhe, einige Schneefelder galt es bereits im unteren Teil zu queren und aber der Hütte lag dann eine noch fast geschlossene Schneedecke. Das Weiss war immerhin kompakt und gut zu gehen. Für den steilen Schlussaufstieg durchs Couloir hinauf montierte ich dann die Steigeisen - bei dem weichen Schnee wäre es vorerst wohl noch ohne gegangen, aber ein Ausrutscher käme da bereits teuer zu stehen. Nach einem Intermezzo in felsigem Gelände am Einstieg der Niedermann vorbei versperrte schliesslich ein steiler Schneepropf den Zugang zum Sattel, wo Toggel, Accept und Eisbrecher beginnen. Hier wäre es ohne alpine Ausrüstung (Steigeisen, Pickel) definitiv sehr gefährlich gewesen. Nach all diesen Herausforderungen (rund 1:30h Gehzeit) und einer Pause mit den üblichen Vorbereitungen starteten wir um 10.30 Uhr mit der Kletterei.

L1, 40m, 6a+: Auf los geht's los! Der Einstieg befindet sich wenige Meter unterhalb des Sattels auf der Westseite und bringt die Crux der Länge gleich am ersten Bohrhaken mit einem kurz kniffligen Zug in Wandkletterei. Bald folgt eine lange und im Wesentlichen einfache Linkstraverse. Mittig ist eine Stelle jedoch für den Nachsteiger sehr heikel gesichert. Gleich nach dem Aushängen folgt eine balancy 5c-Stelle, wo ein 15m-Pendler mit Aufprall auf ein geneigtes Band droht. Hier darf der Vorsteiger keinesfalls bloss die Bolts klippen, es gibt nach der heiklen Stelle ein gutes Placement für einen Cam 0.4 oder 0.5.

Die ersten Meter der Route haben es gleich in sich... (L1, 6a+).

L2, 40m, 6b: Aus dem Stand raus gleich zum Bohrhaken, der auf dem Remy-Topo fehlt und daher für etwas Verwirrung in der Linienwahl sorgt. Man könnte wohl gleich nach links abzweigen, der Toggel nimmt aber tatsächlich die logische Linie den selbst abzusichernden Rissen und Schuppen gerade hinauf. Prima Kletterei, es kommen dann schon wieder Bolts. Zum Abschluss dieser Risse fordert dann eine vermutlich ziemlich grössenabhängige Wandstelle. Damit nicht genug, es steht noch eine feine, technische Querung in die links ansetzende Verschneidung an. Mit ziemlich kniffligen und auch etwas kühnen Moves folgt man dieser zum sackunbequemen Hängestand - eine richtig coole Seillänge!

Geniale Perspektive auf die auch nach der Sanierung immer noch ein wenig kühne L2 (6b).

L3, 35m, 6a+: Der Blick nach oben lässt hohe Schwierigkeiten vermuten, doch die Sache löst sich einfacher auf wie befürchtet. Gleich aus dem Stand raus haben die Moves eher Wandkletter-Charakter und bieten die forderndste Stelle der Länge. Nachher geht es bald etwas gemässigter voran und schliesslich in die nun wieder ausgeprägte Verschneidung hinein. Diese bietet schön scharf geschnittene Risse an, wo genussvoll und teils selber absichernd in die Höhe geturnt werden darf.

Verschneidungskletterei am Ende von L3 (6a+) über der grossen Schnee-Landebahn.

L4, 45m, 6b: Es folgt ein sehr abwechslungsreicher und taffer Abschnitt! Die Route führt nach rechts, wo nach den ersten, noch einfachen Metern eine knifflige Querung in Wandkletterei folgt. Der Bolt steckt tiefer, als man die einfachste Kletterlinie vorerst vermutet... traut man da seiner Intuition oder setzt man doch auf die möglicherweise schwierigere, aber psychisch angenehmere Variante einer tieferen Querung? Ich halte mich hier mit Ratschlägen zurück, meine Lösung fühlte sich sackschwer an und ich entging nur knapp dem Abschmieren, d.h. habe die Passage möglicherweise nicht optimal erwischt. Einmal drüben, folgt ein erst griffiger Riss (bleibt länger feucht!), der sich aber schliesst und zu einer dachartigen Verschneidung führt. Auch hier will die Lösung entschlüsselt werden, wie man sich aus dem wegdrehenden Piaz unterhalb ob der Kante etablieren kann. Einmal geschafft, geht's kurz etwas leichter voran, bis einem kurz vor Ende eine popelig aussehende Stelle mit dem Haken unter den Füssen nochmals challengt. Nein, ohne den Untergriff, den miesen Sloper und entschiedenem, plattigen Antreten kriegt man die griffige Schuppe nicht zu fassen, auch wenn man es sich anders wünschen würde.

In L4 (6b) muss man parat sein: am Anfang, in der Mitte und auch am Ende nochmals...

L5, 20m, 6a+: Obwohl es in den Topos nirgendwo so dargestellt ist, verläuft diese Seillänge im Wesentlichen gleich wie L6 von Eisbrecher. Die plattige Wandstufe bietet halt eben nur direkt oberhalb des Toggel-Standplatzes genügend Struktur, um moderat schwierig darüber hinwegzukommen. Im Eisbrecher-Originaltopo wurde dieser Abschnitt mit 7+ (6b+/6c) eingeschätzt, die Remys geben hier nur eine 5c für dieselben Moves aus. Die Wahrheit liegt wohl dazwischen im Bereich von 6a+. Einmal über der Stufe, geht's nicht an die vor der Nase liegende, schöne Inox-Standkette vom Eisbrecher, sondern auf dem Band nach links leicht absteigend zum Toggel-Stand.

L5 von Toggel (ca. 6a+) verläuft im Wesentlichen gemeinsam mit L6 von Eisbrecher. Man sieht auch eine Seilschaft, welche in der nachfolgenden L7 vom Eisbrecher engagiert ist. Toggel quert hingegen links um die Ecke, der weitere Verlauf ist auf diesem Foto nicht gut einsehbar.

L6, 45m, 6b+: Eine absolute Monster-Länge, voll genial! Mit einem kleinen Abkletter-Loop erreicht man in schwieriger Wandkletterei die Kante links - der hier steckende Bolt nützt als Sicherung nicht viel und hilft höchstens für A0, auf jeden Fall sollte man ihn um Seilzug zu vermeiden wieder aushängen, wenn man einmal drüben ist. Die Kante gehört eigentlich zu einer v-förmigen Verschneidung. Knifflig arbeitet man sich mit allerlei Techniken (Piaz, Knieklemmer, Ellbogenklemmer, Squeeze, Spreizen, Wand links und rechts) in die Höhe. Wirklich eine unglaublich komplexe und komplizierte Sache! Die ersten 2 Bolts stecken rechts oberhalb der Verschneidung, die nächsten 2 links in der Wand, dann findet man sie wieder rechts... das macht es nicht einfacher und es erfordert auch, dem Seilverlauf genaue Beachtung zu schenken. Die Kante ist teils extrem scharf und könnte bei einem Sturz sicherlich auch einen Seilriss verursachen, wenn die Seilführung ungünstig ist. Nach dieser ersten Verschneidung klettert man dann nach rechts und kann kurz etwas durchschnaufen. Das ist auch nötig, weil die nun ansetzende, zweite Verschneidung nochmals eine Herausforderung ist. Auch hier ist vom Squeeze über Faustklemmer im Riss zu Spreizen und Wandmoves nochmals die gesamte Palette gefordert - der letzte BH steckt ~12m vor dem Stand, man sollte unbedingt noch ein paar Cams auf Reserve haben (den 0.5er konnte ich an entscheidender Stelle perfekt platzieren).

Schwierige Verschneidungen erfordern in L6 (hart 6b+) allerlei Techniken.

L7, 45m, 6c: Der Blick ins Topo und nach oben (oder umgekehrt) lässt einen leer schlucken. Es wird steiler und ja offenbar nochmals schwieriger... wie man diese Herausforderung wohl bewältigt?!? Gleich vom Stand weg folgt schwierige Wandkletterei - mit 2 BH zwar gut gesichert, aber im Sturzfall ist die Sicherungsperson trotzdem in Schusslinie. Danach gilt es dann wieder einmal, eine dachähnliche Verschneidung zu überqueren. Das konnte man ja bis zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Mal praktizieren - und hilft hoffentlich, diese nun nochmals schwierigere und athletischere Stelle zu meistern. Mit meinem letzten Reserven klammerte ich mich fest, die Kräfte schwanden und der Abgang schien unvermeidlich... in letzter Hoffnung setzte ich alles auf eine Karte und plötzlich löste sich die Stelle auf. War es nun wirklich so schwierig?!? Wer weiss... Jedenfalls, nach dieser Passage erreicht man ein bequemes Band und damit ist die Route geknackt. Es warten auch danach noch sehr schöne und auch nicht ganz triviale Kletterstellen, aber so richtig über eine längere Strecke hart ist es nirgends mehr. Gleich oberhalb vom Band folgt ein griffiger Piazriss - zwar gut gesichert, aber das Band im Sturzraum bleibt (ohne Sichtverbindung zur Sicherungsperson) heikel. Am Ende des Risses kurze, fordernde Rechtstraverse, bevor man in einfacherem, rissig-gestuftem Gelände zur gut sichtbaren Inoxkette klettert. Auch dieser Stand (und die letzten Meter der Seillänge) verlaufen gemeinsam mit dem Eisbrecher und zwar dessen L9. Dieser Sachverhalt ist zwar in keinem Topo so beschrieben oder eingezeichnet, stimmt aber unzweifelhaft. Lustigerweise haben die Remys ja zwischen Toggel und Eisbrecher noch Platz für die Route Artilium gefunden - wo diese genau durchführt, hat sich mir bisher aber noch nicht im Detail erschlossen.

Zwar nicht mal senkrechte, aber trotzdem sehr athletische Kletterei folgt nach diesem Spreizer in L7 (6c).

L8, 40m, 6a: Zuerst an schuppigen Griffen über die Steilstufe hinauf (BH), auch dieses Stück verläuft gemeinsam mit dem Eisbrecher. Jener führt dann gerade hinauf in den cleanen Riss, während Toggel auf einem schmalen Felsband nach links führt (2 BH gut sichtbar). Schliesslich steigt man einem Riss folgend in genussvoller, nicht allzu schwieriger Kletterei hinauf (es stecken nochmals 2 BH), wobei die Sache nach und nach anzieht. Der Stand schliesslich steckt am rechten Risssystem, es will also noch dahin gewechselt werden. Auf welcher Höhe man das optimalerweise vollzieht, bleibt sowohl anhand der Topos wie auch aufgrund unserer Erfahrung unbekannt (verschiedene Lösungen führen zum Ziel).

Super Granitkletterei, coole Perspektive in L8 (6a).

L9, 40m, 6b: In der Wand links der Verschneidung geht's hinauf, Struktur und ein paar Risse helfen beim Vorankommen, die Verschneidung selber muss man vorerst nicht bemühen. Allerdings scheint dann der Abstand zum 2. BH sehr weit und um mobil zu sichern sieht's vorderhand auch etwas mau aus. Allerdings (und dieses Placement sollte man nicht verpassen) gibt's direkt an der Kante der Verschneidung einen sanduhrmässigen Zacken, wo man ideal eine Schlinge legen kann. Oberhalb dieser ersten Wand dann etwas nach links zu einer Schuppe (BH & mobil zu sichern), um dann erneut links steile, aber unglaublich griffige, dafür etwas hohl tönende Risse/Schuppen zu gewinnen, welche einen in leicht überhängender Kletterei auf das diagonal verlaufende Standband bringen. In dieser Seillänge wurde die Passage bei der Sanierung wohl neu gelegt. Die alten Topos schlagen eine tiefere Bewertung vor, welche mehr rechtsrum wohl auch zu finden wäre. Es stecken aber genügend  BH, um den heute angedachten Verlauf nachvollziehen zu können. Die 6b dünkte mich im Vergleich zu anderen Seillängen (v.a. L4, L6) doch deutlich softer - passt aber eher zu den heutigen Einschätzungen. Weiterer Hinweis: wie in manch anderer Seillänge gilt es auch hier den Seilverlauf mit langen Exen und/oder Halbseiltechnik zu optimieren, sonst bremst man sich aus.

Grosszügige Kletterei erster Güteklasse mit einem steilen Finish wartet in L9 (6b).

L10, 20m, 6a: Die Abschlusslänge ist zwar kurz, bietet aber nochmals senkrechte und absolut tolle Granitkletterei à la Chamonix. An henkligen Rissen und Schuppen geht's in traditioneller Manier mobil absichernd ganz gut voran (Cotation Chamoniarde wäre hier wohl IV). Ganz am Ende kommt dann aber noch ein BH, denn da wartet noch ein "moderner" Kletterzug, der die 6a-Bewertung durchaus rechtfertigt. Der Stand befindet sich unmittelbar darob am Grat auf der Rückseite.

Sehr steil an super-griffigen Schwarten ist die letzte Seillänge (L10, 6a).

Um 16.15 Uhr und damit nach 5:45h Kletterei waren wir hochzufrieden am Top angelangt. Da waren wir also doch eine ganze Weile beschäftigt - länger auch als ich im Vorfeld aufgrund des Topos gedacht hätte. Doch die Schwierigkeiten sind über längere Strecken anhaltend, die Kletterei ist oft komplex und kompliziert und Gelände um einfach durchzumarschieren gibt es wenig. Weiter muss zusätzlich mobil abgesichert werden, was aber auch nicht immer perfekt und à discretion möglich ist, d.h. die Wahl der Placements und das Legen von zuverlässigen Sicherungen frisst wie das Rearrangieren vom typischerweise ausgeschossenen Rack immer Zeit in Anspruch. Aber die Begehungszeit ist natürlich (ausser für Planungszwecke) völlig egal (mir persönlich jedenfalls)! Was zählt, ist die geniale Kletterei und die Tatsache, dass mir die ganze Route onsight/flash gelungen war.

Ausblick vom Top der Route auf die Dammastock-Kette.

Am Top gab es nicht viel zu tun und so fädelten wir unsere Seile in den Stand und glitten in die Tiefe. Beim ersten Abseiler lassen sich auch mit 50m-Stricken die Abschnitte 9 & 10 (knapp!) verbinden und das Seil fällt aufgrund der Steilheit schön selbständig in die Tiefe. Doch das war es dann in etwa mit den Abseilfreuden. Da der Toggel im Routenverlauf beständig etwas nach links quert, muss in der Folge stets diagonal abgeseilt werden, um den Sattel beim Einstieg wieder zu erreichen. Wir wechselten beim zweiten Abseiler auf die besseren Kettenstände des Eisbrechers, sowieso käme man via Toggel im unteren Teil nicht mehr zum Sattel zurück. So gab es dann zahlreiche, stark diagonal verlaufende Abseilmanöver. Die griffigen Schuppen, welche die Kletterei an der Grauen Wand so toll machen, erwiesen sich hier als entscheidender Nachteil - sie frassen beständig das Seil, so dass viel Pflegen und nach dem Abziehen auch 2x ein Wiederaufstieg zum Befreien nötig war - insgesamt ein ziemlicher Figg! Immerhin, nach 9 Manövern waren wir wieder am Sattel bei Schuhen und dem deponierten Material und konnten auch gleich noch über den Schneepropf am Sattel abseilen. Vorsichtig stiegen wir durch das felsige Couloir mit viel losem Geröll ab (tw. marode Fixseile), dann über den aufgeweichten Schneehang hinunter. Hier konnte die Anspannung nun abfallen. Dank der tollen Stimmung, spannenden Diskussionen und dem Gefühl eine Hammerroute geklettert zu haben, fielen die inzwischen reichlich müden Beine auf dem Rückweg zum Tätsch nur wenig ins Gewicht.

Gedanken zur Sanierung

Die Route wurde ja von Yves Remy persönlich "saniert", wobei es höchst fragwürdig ist, was da geleistet wurde. Konkret wurden 40 Bolts hinzugefügt - an fast jedem Standplatz einer, die meisten (ca. 30) anderen an Kletterstellen, wo vorher nichts war. Natürlich steht es den Erstbegehern frei, ihre Route im Charakter zu verändern und ich kann auch attestieren, dass diese Zusatzbolts sinnvoll gesetzt sind und ich sie eigentlich auch in den allermeisten Fällen als nötig empfand. Die Route ist auch in diesem neuen Zustand noch immer anspruchsvoll und muss zusätzlich mobil abgesichert werden - total Psycho-Stellen oder gefährliche Sequenzen gibt es aber kaum mehr. Keine Kritik bzgl. dem Nachbohren also.

Verzinkter Einschlaganker mit Alteisen-Lasche, anlässlich der Sanierung 2019 gesetzt.

Äusserst fragwürdig ist aber das eingesetzte Material und das Belassen der alten Ware. Es wurden durchwegs verzinkte Anker eingesetzt, die im Granit der Grauen Wand demnächst wieder korrodieren werden. Die Laschen ein Mischmasch aus Alteisen, neue Ware verzinkt oder rostfrei, diverse verschiedene Fabrikate - ganz klar ungenügend. Überall dort, wo bereits bei der Erstbegehung BH gesetzt wurden, wurde einfach die alte Ware belassen. D.h. konkret, dass man sämtliche Schlüsselstellen (teils auch längere Abschnitte) nach wie vor an den handgebohrten M8-Spits von 1984 klettert. Auch an den Standplätzen steckt überwiegend Antikes, einzig mit belassenen, ausgedienten Alu-Karabinern, wo das Schraubgewinde mit dem Hammer unbrauchbar geschlagen wurde, wurden diese bei der Sanierung "aufgebessert".

M8-Spit mit Petzl-Alulasche ("Colalasche"). Anscheinend stammen diese Bolts aus dem Späleo-Bereich und waren gar nie zum Klettern gedacht. Sicherlich genügen sie heute, d.h. 36 Jahre nach der Erstbegehung, nicht mehr wirklich zum Klettern. Sämtliche Schlüsselstellen im Toggel müssen aber über solchen Haken geklettert werden...

In Summe also: die Route ist super, wirklich sehr empfehlenswert, das Vorgehen bei der Sanierung dilettantisch, ja eigentlich skandalös. Und es handelt sich ja nicht etwa um namenlose Amateure, sondern um eigentliche "Erschliesser-Profis" und Ehrenmitglieder des SAC... ich habe diesen Text unmittelbar nach unserer Begehung auf Facebook geteilt mit der Bitte um Stellungnahme und Diskussion. Die Meinung dazu war einhellig, dass es "so nicht geht" und man dieses Treiben eigentlich als Felsverschandelung bezeichnen muss.

Verzinkter Einschlaganker mit korrodierter, verzinkter Fixé-Lasche. Ich kann es natürlich nicht beweisen, bin mir aber ziemlich sicher, dass es sich nicht um eine neue Lasche handelt, welche hier vor Ort korrodiert ist, sondern um ein bereits korrodiertes Exemplar, das anderswo entfernt wurde und dem hier ein neuer Einsatzzweck angedacht wurde... :-/

Facts

Graue Wand - Toggel 6c (6b+ obl.) - 10 SL, 370m - C. & Y. Remy 1984, saniert 2019 - *****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12-14 Express, Camalots 0.2-3, evtl. 0.3-1 doppelt und/oder Keile

Top-Granitkletterei, vorwiegend steil durch Verschneidungen, an griffigen Schuppen und über einige Wandstellen. Granittypisch ist die Route anspruchsvoller, wie die eher tiefen Bewertungen vermuten lassen. So ist auch schon im Grad 6b+ reichlich Einsatz gefragt und der Vorsteiger muss durchaus etwas auf dem Kasten haben, um hier durchzukommen. Der Anspruch vom Toggel ist m.E. höher wie im auf den Topos ähnlich bewerteten Eisbrecher oder auch der Conquest. Seit der Pseudo-Sanierung im 2019 stecken nun überall Bohrhaken, wo diese nötig sind. Leider sind manche davon von zweifelhafter Qualität. An vielen Stellen muss nach wie vor mobil abgesichert werden, ein volles Rack muss auf jeden Fall mitgeführt werden. Ein mässig präzises Topo zur Route findet man auf C2C.  

Dienstag, 1. September 2020

EastBolt

EastBolt ist eine Non-Profit-Organisation, die sich um Routensanierungen in der Ostschweiz kümmert. Der Verein wurde im Juni 2020 auf Initiative von Fredy Tischhauser und Werner Küng gegründet. Inzwischen ist er mit Daniel Benz als  Präsident und dem Autor (Marcel Dettling) als Webseitenmensch voll operativ. Darum ist es an der Zeit, hier einen Aufruf zur Unterstützung zu schalten!

Man kann EastBolt auf verschiedene Arten unterstützen. Die einfachste Form besteht in der anonymen Spende eines Kleinbetrags per Banküberweisung oder Twint, siehe Angaben auf unserer Visitenkarte oben. Dies im Sinne eines Crowdfundings - wenn wirklich alle Kletterer auch nur 1x pro Jahr einen Beitrag in der Höhe eines Kletterhalleneintritts für das Einrichten der Outdoor-Gebiete beitragen würden, so wäre das genial. Weiter ist es möglich, Vereinsmitglied zu werden. Das ist für diejenigen Pflicht, welche Material zum Sanieren von uns beziehen möchten und empfiehlt sich obendrein für alle, die an der Thematik des Routensanierens und -erschliessens interessiert sind. Zuletzt darf man sich ab einem Beitrag von 300 CHF Sponsor von EastBolt nennen. Die Spende wird schriftlich verdankt und auf Wunsch darf man Logo und/oder Name auf unserer Website platzieren.

Was passiert mit dem Geld?!? Es werden weder Löhne bezahlt noch Gewinne ausgeschüttet. Sämtliche Beiträge werden dazu verwendet, Haken und weiteres Material für Routensanierungen in der Ostschweiz zu beschaffen. Die Arbeit der sanierenden Personen wird nicht entschädigt, es gibt dafür weder Lohn noch Spesen. Um Sanierungen wirklich auszuführen, ist nach wie vor Einsatz und Herzblut nötig - aber immerhin kann nun das Material rasch, unbürokratisch und gratis bezogen werden, das ist Ziel und Anspruch von Eastbolt. Gleichzeitig muss man aber auch nicht befürchten, dass nun überall Bohrhaken wie Unkraut aus dem Boden spriessen werden. In den Grundsätzen des Vereins ist festgehalten, dass historische Aspekte und kletterethische Fragen berücksichtigt werden und es gerade in strittigen Fragen kein eigenmächtiges Handeln, sondern Konsensentscheide geben soll - dafür bietet der Verein die entsprechende Plattform.

Als Gegenleistung für eine Spende dürft ihr euch nicht nur an sicherem Material in Klettergärten und MSL freuen. Weiter pflegen wir unsere Webseite mit regelmässigen News rund um Haken, Routen, Sicherheit und dem Erhalt unserer Klettergebiete und stellen dort auch sämtliche Topos der sanierten Routen zur Verfügung. Diesen Newsfeed kann man auch auf Facebook abonnieren und auf Instagram sind wir inzwischen auch gestartet.

Dienstag, 24. November 2015

Schafbergwand - Galoschen des Glücks (7a, 6 SL, Sanierung)

Die Route Galoschen des Glücks an der Schafbergwand wurde 1984 von Bertram Burtscher und Wolfgang Unterlechner erstbegangen. Es war eine sehr kühne Unternehmung: die ersten beiden Seillängen (7a und 6c) erforderten schon Einsatz, so richtig krass war die Situation aber in den heute mit 6a und 6b+ bewerteten letzten beiden Seillängen. Hier gab es auf 75m Kletterstrecke gerade mal 3 NH als fixe Zwischensicherungen und Möglichkeiten um mobiles Material einzusetzen sind auf den kompakten Platten nicht wirklich vorhanden. Eine äusserst gewagte Sache also, welche ein stabiles Nervenkostüm verlangte. So erstaunt es nicht, dass es zu Zeiten der Erstbegehung nicht mehr als eine Handvoll Wiederholungen gab, die Route bald in Vergessenheit geriet und nicht mehr begangen wurde. Im 2015 setzte sich Werner Küng, Autor des SAC-Kletterführers Alpstein und Regional-Vertreter der SAC-Gruppe Sanieren und Erschliessen schliesslich für eine Renovation dieser Route ein. Einer der beiden Erstbegeher war inzwischen unfallbedingt verstorben, der zweite weit weggezogen und nur noch im Plaisirbereich als Kletterer aktiv. Über zwei, drei Ecken konnte er aber ausfindig gemacht werden und stimmte der Renovation unbedingt zu. Auch weitere Exponenten, welche sich in der Erschliessungsgeschichte der Schafbergwand verdient gemacht hatten stimmten dahingehend überein, dass man wenn, dann aus den Galoschen eine vernünftig abgesicherte alpine Sportklettertour machen solle.

Der klassische Blick auf die Platten der Schafbergwand vom Gamplüt, das man auf dem Zustieg passiert.
In ihrem ursprünglichen Zustand war die Route nämlich nicht unbedingt ein Muster für eine beispielhafte Absicherung. Die Cruxlänge (L1, 7a) war nämlich von oben eingerichtet worden, hier steckten die alten Kronenbohrhaken schon immer so, dass die Stelle A0 bewältigt werden konnte. In der folgenden L2 (6c) befanden sich zwar zahlreiche Schlaghaken, leider stark kreuz und quer hinter den Grasmutten versteckt und meist von zweifelhafter Qualität. Wie bereits erwähnt war der Ausrüstungszustand der letzten beiden Seillängen hingegen absolut lebensgefährlich. Hier mussten, sofern die Haken denn gehalten hätten, Stürze von bis gegen 50m (!!!) Länge kalkuliert werden. Auf diesen Steilplatten mit teils messerscharfen Wasserrillen ein komplett unkalkulierbares Risiko. Man kann dies nur mit Blick auf die Epoche der Erstbegehung verstehen, wo die Zeitgenossen einen Klettertag an der Schafbergwand gerne mal mit einer Solo-Begehung vom Sandührliweg (6a+) eröffneten, dann sogar die Sandi in the Moon (6b+) so bewältigten, bevor man sich schliesslich für die beiden schweren Längen der Galoschen einband, um das Schlussstück dann wiederum in faktischer Solo-Manier zu klettern.

Die östliche Südwandplatte in der Schafbergwand mit dem Verlauf der von uns renovierten Route Galoschen des Glücks (7a).
Nun denn, nachdem ich im 2014 mit Werner bereits den Garten Eden an der Schafbergwand hatte sanieren können, freute ich mich über seine Anfrage zur Mitwirkung an diesem neuerlichen Projekt. Erst recht nachdem ich gehört hatte, dass es hier darum ginge, auf dem Trassee der alten Galoschen im Vorstieg eine neue, gut abgesicherte Route anzulegen. Schliesslich muss ich sagen, dass ich hier ähnlichen Spass und vergleichbare Herausforderung wie bei einer Erstbegehung von unten hatte. Bis auf die A0-Passage in L1 war der Verlauf im Vornhinein nämlich oft unklar und die Absicherung quasi inexistent. Somit hiess es losklettern, dabei die einfachste und logische Linie wählen und die Haken aus der Kletterstellung bohren. Wie sich schliesslich zeigte, folgte ich dabei weitestgehend der originalen Route. Ein paar einzelne Abweichungen entstanden nur dort, wo man früher zwecks Absicherbarkeit nach links und rechts in grasigere Zonen ausgewichen war. Diese dank dem Einsatz von Bohrhaken möglichen Begradigungen kommen dem Klettergenuss aber sehr zu Gute, sie erhöhen Homogenität und Qualität der Linie, ohne dabei die Maximalschwierigkeiten zu erhöhen. Nachdem an zwei Bohrtagen im Herbst 2015 sämtliche BH angebracht wurden und Werner sich eine RP-Begehung im neuen Zustand schnappen konnte, ist nun folgende Routenbeschreibung aktuell.

L0, 45m, 6a: Die Galoschen des Glücks beginnen nicht am Wandfuss, sondern erst 70m weiter oben. Als Zustieg klettert man aktuell die ersten beiden Seillängen vom Sandührliweg. In der ersten dieser beiden geht's vom tiefsten Punkt der Wand über die grosse Platte hinauf. Weitgehend gutgriffig bietet diese aber auch zwei, drei knifflige Herausforderungen mit weiten Zügen, welche nicht mehr unbedingt zur heute gängigen Vorstellung vom Grad 6a passen.

Werner folgt in L1 vom Sandührliweg, klassisch mit 6a bewertet.
L0, 20m, 5c+: Geradeaus geht's weiter, vom bequemen Band über ein kleines Dächlein hinweg. Die griffige Piazschuppe oberhalb will gepackt werden, um athletisch darüber hinweg zu kommen. Danach lassen die Schwierigkeiten rasch nach und der wiederum bequeme Stand auf dem nächsten Band ist erreicht. Auch diese Seillänge gehört noch zum Sandührliweg.

Die Schlüsselstelle von L2 (5c+) im Sandührliweg, kräftig auf Gegendruck über das kleine Dächlein hinweg.
L1, 40m, 7a: Nun geht's über die auffällig glatte Platte rechts oberhalb vom Stand hinauf. Griffiger Auftakt an ein paar guten Schuppen, doch bald gilt es ernst. Mit äusserst bouldrigen Plattenmoves an der Haftungsgrenze will man sich in die Höhe gezaubert wissen. Mich dünkt das echt schwer, da man einige Male hoch antreten und sich praktisch grifflos raufschieben muss, sind lange Glieder wegen der ungünstigen Hebelverhältnisse ziemlich hinderlich. Ich hätte auch keineswegs gezögert, diese Seillänge mit 7a+ zu bewerten, zumal die Länge auch zu Zeiten der Erstbegehung offenbar mindestens teilweise bereits als 8+ gehandelt wurde. Nun denn, hier wurde ich aber überstimmt, man bilde sich selber eine Meinung! Nach 3 BH hat man das allerschwerste gemeistert, doch so rasch lässt es nicht "lugg" und es bleibt anhaltend steilplattig und kleingriffig, erst die letzten 15 Meter der Seillänge sind dann einfach. Mit etwas Einsatz lässt sich die Cruxzone A0 begehen (ca. 6b+ obligatorisch). Hier haben wir die ursprünglichen Abstände der BH und NH beibehalten.

Anspannung total in der Knallerplatte von L1 (7a) der Galoschen. Da muss man schauen, dass man Druck auf die Tritte bringt! 
L2, 40m, 6c: Schöne und sehr interessante Seillänge mit mehreren kniffligen Stellen und ein paar Ruhepunkten dazwischen. Nie extrem schwer und meist hat man etwas Zeit, um die Sache auszutüfteln. Nach meinem Geschmack könnte man hier auch nur mit 6b+ bewerten. Was die Absicherung betrifft, so steckt nun nur ein einziger Sicherungspunkt mehr als ursprünglich, und zwar am Anfang damit kein Sturz aufs Band mit dem Stand droht. Das heisst, dass auch ursprünglich gar nicht so wenig Material steckte. Allerdings oft in ziemlich ungünstiger Position, da es sich um Schlaghaken handelte, welche irgendwo hinter einem Grasbüschel versteckt werden konnten. Nachdem ich diese allesamt entfernt habe, kann ich auch definitiv sagen, dass sie in erster Linie zur Beruhigung der Psyche da waren. Allesamt waren sie kurz bis sehr kurz, von der Korrosion angegriffen und mit ein paar wenigen Hammerschlägen auch draussen. Nein, da hätte man nicht reinstürzen dürfen.

Eine kleine Auswahl der meist ultrakurzen Schlaghaken, welche ich aus den Galoschen des Glücks entfernt habe.
L3, 45m, 6a: Vom gemeinsamen Stand mit dem Sandührliweg verlaufen die beiden Routen auf kurzer Strecke gemeinsam. Dann ziehen die Galoschen sehr schön pfeifengerade hinauf, über die kompakte Platte welche mit ein paar scharfen, zerfressenen Wasserrillen garniert ist. Eine sehr genussreiche Kletterei, zumindest bei der jetzigen Absicherung. Früher waren hier schon enorm Nerven, ja eigentlich sogar Todesverachtung erforderlich, gab es doch hier nur einen einzigen NH in 30m Höhe über dem Stand und keine weiteren, wirklich brauchbaren natürlichen Sicherungen. Bezeichnend für die damalige Zeit ist auch die Geschichte, dass am Ende dieser Seillänge ursprünglich nicht einmal ein zuverlässiger Stand vorhanden war. Dies solange, bis ein Kletterer bei einem Wiederholungsversuch ob der schlechten Qualität darüber hinweg in L4 weiterkletterte, jedoch vor der nächsten Sicherungsgelegenheit stürzte. Und flupps, weg waren die Standhaken, was die Route für eine Zeit lang unbegehbar machte (später wurden dann zwei Stand-BH gesetzt). Ich hätte diese Länge eher mit 6a+ bewertet, wobei schwieriger als die Startlänge vom Sandührliweg ist es eben schon nicht unbedingt. Aber wie erwähnt, ist jene auch nicht die optimale Referenz für eine 6a.

Sehr schöne Kletterei in perfektem, rauem Fels der qualitativ jenem im Rätikon gar nichts nachsteht: L3, 6a.
L4, 30m, 6b+: Uiuiui. Jetzt muss man sich also einmal vorstellen, dass man früher vom schlechten Stand nach L3 diesen wackligen Mantle vor dem zweiten BH absolut zwingend und ohne Zwischensicherung klettern musste. Der ursprüngliche Schlaghaken steckte nämlich unmittelbar neben dem heutigen zweiten BH. Seit der Sanierung ist die Stelle nun zwar gut abgesichert und gefahrenfrei, der Mantle ist aber weiterhin nicht mit Hakenhilfe zu entschärfen (6b+ obl.). Danach in perfektem Fels etwas einfacher weiter, bevor es am Schluss nochmals gehörig anzieht, da wird einem nichts geschenkt! Nach 30m endet das Klettervergnügen auf einer schmalen Standleiste, bevor sich die Wand in weniger schönem, teils grasdurchsetztem Gelände verliert. Über eine Zusatzlänge hatten wir noch kurz nachgedacht, doch wir hatten den Eindruck, als ob es sich nicht mehr lohnen würde. NACHTRAG: nun, nachdem wir unmittelbar rechts der Galoschen noch die Route Blues in my Shoes erstbegehen konnten, haben wir diese Zusatzlänge doch noch eingerichtet. Auch wenn sie nominell zur Blues gehört, so ist sie vom Ende der Galoschen problemlos erreich- und kletterbar. Anfügen möchte ich noch, dass mich L4 und vor allem der Mantle anspruchsvoller als L2 dünkte und ich deshalb mit 6c bewertet hätte. Allerdings bin ich hier bisher nur 1x hochgeklettert, und zwar mit dem ganzen Bohrkrempel, 10 Bohris und mobilem Sicherungsmaterial bestückt, was der Balance bei der wackligen Mantle-Crux nun nicht wirklich sehr förderlich ist. Somit ist meine Meinung nicht zwingend sonderlich repräsentativ.

Geniale Steilplattenkletterei in perfektem Fels in L4 (6b+). Werner folgt entlang der frisch gesetzten Haken.
Damit lassen sich die Galoschen des Glücks nun also unbeschwert mit Genuss und bei guter Absicherung klettern. Der Weg in die Tiefe lässt sich an den dafür eingerichteten Ständen bequem abseilend erledigen. Dank qualitativ hochwertigem, rostfreiem Material (A316L) wird dies auch bis in ferne Zukunft so bleiben, das Kapitel ist also abgeschlossen! Für Werner und mich hat sich unmittelbar daneben aber ein weiteres aufgetan. Die im Kletterführer mit "Altes Projekt" gekennzeichnete Linie war in Wirklichkeit nur einen einzigen Bohrhaken lang. Ein Augenschein liess aber auch dort tolle Kletterei in kompaktem Gelände mit homogenen Schwierigkeiten erwarten. Also nutzten wir am zweiten Bohrtag die verbleibende Zeit und die Rest-Kapazität der Akkus, um hier eine neue Baustelle zu beginnen. Nun kommt aber erst der Winter, so dass die griffigen Löcher, zerfressenen Wasserrillen und rauen Aufleger bis im 2016 ihrer Entdeckung harren wollen. Im Zuge der Erschliessung dieses Neutouren-Projekts werden wir aller Voraussicht nach auch einen direkten Zugang vom Wandfuss erschliessen, welcher dann auch als Einstieg für die Galoschen des Glücks benutzt werden kann. Wenn es dann soweit ist, wird sicher an dieser Stelle darüber berichtet... (was inzwischen geschehen ist, man lese den Beitrag zur Blues in my Shoes. Tatsächlich kann man auch über die Blues einsteigen, um den Beginn der Galoschen zu erreichen).

Facts

Schafbergwand - Galoschen des Glücks 7a (6b+ obl.) - 6 SL, 220m - Burtscher/Unterlechner 1984 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Keile/Friends nicht nötig

Schöne alpine Sportklettertour durch die östliche Südwandplatte, welche vorwiegend Steilplattenkletterei in rauem, silbergrauen Fels mit hervorragender Reibung bietet. Nebst ein paar griffigen Löchern bedient man vor allem Wasserrillen und texturierte Aufleger, gute Fusstechnik ist notwendig. Seit der hier dokumentierten Sanierung im Herbst 2015 ist die Route nun sehr gut mit rostfreiem Material abgesichert, trotzdem ist vom Vorsteiger noch etwas Einsatz, Können und auch mal ein beherzter Schritt gefragt, d.h. es kann nicht (und soll auch nicht!) jeder Move mit Hakenhilfe erschwindelt werden. In Punkto Schönheit gefallen mir persönlich meine XL und die von uns sanierte Garten Eden noch einen Tick besser, da diese homogenere Schwierigkeiten und etwas abwechslungsreichere Kletterei bieten, doch auch die Galoschen sind im neuen Zustand absolut lohnenswert.

Topo

Das von Werner entworfene Update zum sehr empfehlenswerten SAC-Kletterführer Alpstein, in welchem man viele zusätzliche, wertvolle Informationen findet, wird euch hier gratis und franko angeboten:

Topo vom rechten Teil der östlichen Südwandplatte. Galoschen (75), Blues in my Shoes (76), Sandi in the Moon (77), Hoi Du (78), Garten Eden (79).

Links

Unmittelbar nach Abschluss der Sanierung wurden die neuen Galoschen von einigen Seilschaften wiederholt. Markus hat einen sehr schönen Bericht darüber geschrieben, welcher die Sache wie gewohnt mit wenig Text auf den Punkt bringt: klick!

Sonntag, 20. Juli 2014

Sanierung Garten Eden

Auf meinem Sanierungsappell für die Route Garten Eden an der Schafbergwand hatte sich zwar nicht ein riesig grosses, aber doch genügendes Echo ergeben. Herzlichen Dank Euch, Oli, Stefi, Adi, Kornelius und Markus, für den sehr geschätzten Beitrag. So waren die Kosten für die Haken mehr oder weniger gedeckt und an der Motivation, die Route mit zuverlässigem Material auszustatten um sie aus dem Dornröschenschlaf zu heben, fehlte es sowieso nicht. Mit Werner Küng, dem Autor des SAC-Kletterführers Alpstein und Regional-Vertreter der SAC-Gruppe Sanieren und Erschliessen, konnte ich einen äusserst kompetenten Partner für die Ausführung finden.

An diesen Häklein mussten man die Route bisher klettern. Total unzuverlässiges Material mit minimaler Haltekraft.
Nachdem der Monsun vorüber war, wir früh aus den Federn gekommen waren und heftig Eisen an den Wandfuss geschleppt hatten, konnte es losgehen. Unsere Absicht war es, gleich die ganze Route in einem einzigen Tag zu sanieren. Die Taktik bestand darin, dass ich die Route im Vorstieg mit meiner Maschine am Gurt klettern würde. Wo aus Gründen der Sicherheit nötig, würde ich gleich neue Haken bohren und auch die Standplätze an bessere Orte verlegen. An allen anderen Stellen markierte ich nur die Position der neu zu bohrenden Haken, welche dann von Werner am fixierten Seil ersetzt wurden. Sein Nachsteigen mit den Jümars liess mir natürlich die Hände frei, so dass ich mich meist Ablassen und auch noch einige Haken ersetzen konnte, oder dann einige andere, wichtige Nebenarbeiten erledigen konnte. Dementsprechend ging es flott voran, und wir konnten die Sanierung tatsächlich in einem einzigen Tag abschliessen. Und sie war bitter nötig: die meisten Haken waren M8-Selbstbohrdübel, in welche eine Öse mit einem 15mm langen und an der dünnsten Stelle 6mm dicken Gewindestift geschraubt war. So etwas war schon zu Zeiten der Erstbegehung 1991 nicht der übliche Standard. Nachdem nun auch noch der Zahn der Zeit an diesem Schrott genagt hatte, genügten ein paar wenige, kräftige Hammerschläge zum Abbrechen der Haken. Was das im Sturzfall geheissen hätte? Wirklich zu beantworten mag ich diese Frage nicht. Hingegen weiss ich aus eigener Erfahrung, dass ein qualitativ guter, einwandfrei gesetzter A4-Inoxanker mit einem Hammer nicht abzuschlagen ist. Und das gibt einem doch ein deutlich besseres Gefühl, denn schliesslich hängt ja doch unser Leben an den Dingern!


Was haben wir also genau gemacht? Schliesslich war es so, dass wir jeden Standplatz der Route an einen anderen Ort verschoben haben. Keiner ist aber mehr als 3m vom alten Platz entfernt und auch wenn nicht jeder ein absoluter Deluxe-Stand mit Sitzgelegenheit und allem Komfort ist, so kann man jetzt doch immerhin überall vernünftig stehen. Alle gefährlichen Stellen haben wir durch bessere Platzierung der Haken entschärft, und auch zwei, drei vorher zwingende Passagen sind durch faires Platzieren der Haken verschwunden. Nun passt auch die Angabe von 6b obligatorisch, so wie vom Erstbegeher gewollt. Nicht wesentlich verändert hat sich hingegen die Hakenanzahl. Es stecken jetzt rostfreie A4-Anker der Dimension 10x90mm, ein Material, welches in Bezug auf die Korrosion sicher die nächsten 100 Jahre überdauert. Hingegen ist durch die Sanierung die im SAC-Führer erwähnte Möglichkeit mit einem 55m-Einfachseil abzuseilen verloren gegangen. Wie lange ein Einfachseil nun sein müsste, damit man wieder runterkommt, vermag ich nicht zu garantieren. Sicher würden 70m reichen, 60m vermutlich auch. Sinnvollerweise rückt man aber mit 2x50m-Seil an, darauf ist die Abseilerei mit 3 Manövern nämlich perfekt ausgelegt.

Bolting on lead bei der Sanierung, hier die erste Crux der 7a-Länge. Den alten BH konnte man leider erst danach bzw. gar nicht auf eine vernünftige Art und Weise einhängen.


Aktualisierte Routenbeschreibung

Der Einstieg befindet sich immer noch ganz rechts bei den östlichen Südwandplatten, dort wo das Band am Wandfuss in einer kaminartigen Rinne aufgeht. Am Einstieg steckt nun ein Bohrhaken, auf dessen Plättli der Routenname eingraviert ist. Danke Stefi für diese prompte Spezialanfertigung!

L1, 35m, 6b: Schöne Kletterei, auch wenn der Fels noch nicht ganz so kompakt ist und man ab und zu an einem Grasbüschel vorbeiklettert. Die Schwierigkeiten bestehen aus einer plattigen Querung am dritten BH und Mantle an einer Schuppe weiter oben.

L2, 25m, 6a: Vom Charakter ähnlich wie L1, mit einer für 6a schweren Stelle gleich nach dem Stand. Hier hilft es, wenn man etwas links ausholend klettert. Man steigt dann aufs Grasband aus, klippt dort (für den Nachsteiger zwingend!) einen Haken an der oberen Wand und steigt etwas nach links ab, wo sich nun ein gut eingerichteter Stand (nochmals mit Namensplakette) befindet.

Routenverlauf und Position der Garten Eden am Berg.
L3, 30m, 7a: Die Cruxlänge bietet sehr schöne Steilplattenkletterei in kompaktem Fels. Bei anhaltender Kletterei gibt es 3 deutliche Schlüsselstellen, welche nun nach der Sanierung nicht mehr zwingend zu meistern sind. Ich vermute, dass diese Länge mit 7a eher generös bewertet ist. Allzu hart schien es mir nicht, aber vielleicht lag es auch dran, dass ich nun die entscheidenden Stellen schon kannte.

L4, 25m, 6c: Ebenfalls eine sehr schöne Länge in perfektem Fels. Die früher heikle Crux konnte durch sinnvolle Hakenplatzierung entschärft werden und folgt nun direkt nach dem zweiten BH. Gewusst wie und mit einer zuverlässigen Sicherung ausgestattet, war es nun gar nicht mehr so wild. Der Stand wanderte vom maximal unbequemen Plattenschuss auf die kommode Grasmutte linkerhand.

In der sehr schönen L4 (6c), das Bild allerdings vom letzten Mal und nicht vom Sanieren.
L5, 30m, 6c+: Erneut fantastische Plattenkletterei in kompaktem Fels. Der Auftakt über ein Dächlein hinweg entpuppt sich als erstaunlich gängig, bevor eine nun gut gesicherte Reibungscrux gefühlvolles Antreten verlangt. Zuletzt dann in anhaltender 6b-Kletterei an Wasserrillen und der einen oder anderen Griffschuppe zum Stand auf schmaler Fussleiste.

L6, 25m, 6c: Das Schlussbouquet wartet nochmals mit prima Kletterei auf, die mit nun verbesserter Hakenplatzierung deutlich aufgewertet werden konnte, weil man nicht mehr auf die Vegetation linkerhand angewiesen ist. Zuletzt hat die Wand dann weniger und weniger Struktur und verlangt noch einige gefühlvolle Züge zum Abschlussstand hin.

Kompakte Plattenkletterei in L5 (6c+), ebenfalls vom letzten Mal und nicht beim Sanieren.
Hier, ganz am Ende nahmen wir den grössten Eingriff in die alte Route vor. Nach langem Abwägen kamen wir zu einem gemeinsamen Entschluss, setzten den Stand 3m tiefer als früher und eliminierten damit die letzte, beinahe unmögliche Stelle. Diese hatte ich schon letztes Mal als einzige Stelle nicht klettern können. Nachdem ich mich nun erneuten an den alten Stand hochgetecht hatte, suchte ich eine halbe Stunde lang nach einer Freikletter-Lösung, konnte aber, egal wie und wo, keine finden. Wohl bemerkt hatte ich alle anderen Moves in der Route bereits beim ersten Mal auf Anhieb klettern können. Die im Topo angegebene 6c+ ist also mit Sicherheit nicht korrekt. Damit man diese Stelle ohne Mühe und Gewürge bewältigen kann, hätten wir noch zwei zusätzliche Haken setzen müssen, mit welchen man die letzten 3m der Route dann A0 bewältigt hätte. Dies schien uns aber sinnlos, da der alte Stand auch irgendwo im Nirgendwo war, d.h. an keinem logischen Platz und total unbequem dazu. Wer jetzt die ethische Moralkeule schwingen will, der darf a) die Arbeit das nächste Mal selber und besser machen und b) die Stelle trotzdem noch klettern. Perfekt am neuen Inox-BH gesichert (auf selber Höhe wie der ursprüngliche letzte Zwischen-BH) klettert jeder der will diese unmögliche Stelle hinauf zum alten Stand. Dort habe ich den besseren der beiden Standhaken mit einem Umkehrkarabiner belassen, so dass man sich problemlos zum neuen, bequemeren Stand ablassen kann. No Problems also, wobei jeder Normalo ganz bestimmt froh darum ist, die Route nun in freier Kletterei am logischen Endpunkt beenden zu können.



Facts

Schafbergwand - Garten Eden 7a (6b obl.) - 6 SL, 165m - F.Umlauft 1991, saniert M.Dettling & W.Küng 2014 - ****; xxxx
Material: 2x50m-Seil, 10 Express.

Prächtige Steilplattenkletterei durch den rechten Teil der östlichen Südwandplatte in der Schafbergwand. Sie bietet anhaltende Schwierigkeiten und vorzüglichen, meist kompakten und weitgehend grasfreien Fels der vom Wasser zerfressen ist und ein hervorragende Reibung aufweist. Es handelt sich nach meiner Einschätzung um eine der lohnendsten, wenn nicht die aktuell lohnendste Route dieses Sektors. Die BH-Absicherung ist nach der Sanierung nun als vorzüglich zu bewerten, es ist nur mehr (aber immer noch!) der Grad 6b obligatorisch.

Update und Topo

Wie meinem (aus historischen Gründen unveränderten) Text und auch den untenstehenden Kommentaren zu entnehmen ist, waren die ursprünglich aufgeführten Bewertungen eher zu hoch angesetzt. Im Konsens von verschiedenen Wiederholern wurde die Route schliesslich mit den Graden 6b/6a+/6c+/6b+/6c/6b+ eingestuft. Werner Küng hat bereits ein neues Topo mit Sicherungssymbolen und angepassten Schwierigkeiten erzeugt, man kann es hier downloaden.