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Sonntag, 17. Januar 2016

Guggernüll - Cascata del Novizio (WI3+)

Drei Wochen waren seit meinem letzten Besuch am Guggernüll vergangen. Die Lage präsentierte sich weiterhin ähnlich: noch beinahe nirgendwo auf der Alpennordseite liess es sich so richtig gut Eisklettern, im Rheinwald aber waren die Bedingungen gut geblieben. Das Eis war weiterhin fett und solide gewachsen, ebenso hatte es in der Zwischenzeit nur wenige Zentimeter Schnee gegeben. Dieses Mal wollte Kerstin mit von der Partie sein. Ohne genauen Plan wollten wir einmal schauen...

... und entschieden uns schliesslich für die Linie, welche im Sertori-Führer als Cascata del Novizio beschrieben ist. Diese ist vom Parkplatz aus deutlich auffälliger wie die Via Abalakov, welche ich drei Wochen zuvor geklettert war. Die Kletterlänge wird im Führer bloss mit 170m angegeben. Diese Angabe kann ich jedoch nicht unterstützen, wir fanden jedenfalls auf über 400m Strecke lohnendes Eis. Aber naja, auf Papier kann man eben alles drucken. Auf den ersten Blick würde man auch meinen, dass diese Route einen deutlich kürzeren Zustieg aufweist. Aber das täuscht: klar, man spart sich etwa 10 Minuten Horizontalmarsch nach links, der Einstieg in die Cascata del Novizio befindet sich aber sogar 40 Höhenmeter weiter oben wie für die Via Abalakov. Wir sind entlang einiger Spuren durch den Buschwald rechts auf- und abgestiegen, womöglich wäre es im Bachbett selber gar nicht so viel schlechter.

Blick auf die Nordwand vom Guggernüll. Die Cascata del Novizio ist der markante Eisfall in der rechten Bildhälfte. Gut zu sehen die relativ schmale Säule der ersten Seillänge und die breit gewachsene zweite Länge. Leider sind dies alle Fotos, die ich zur Tour präsentieren kann - ich hatte keinen Fotoapparat mit dabei...
Nachdem wir aufgeschirrt waren, beginnt die Sache gleich mit der anspruchsvollsten Seillänge. Bei L1 handelt es sich um einen recht steilen Vorhang in einem Fels-Amphitheater. Da und dort tropfte es etwas, einige Eisblüten waren sogar auch vorhanden. Insgesamt fand ich das etwa ähnlich oder vielleicht ein bisschen einfacher wie die mit WI4 bewertete Cruxlänge des Tutto Relativo in Cogne. Somit also etwas zwischen WI3+ und WI4, vermute ich. Nach 60m erreicht man einen bequemen Stand in einem flachen Becken. In L2 ist der Fall sehr breit und übersichtlich. Es will erst eine kurze Steilstufe von maximal 10m Höhe mit dafür gut 80 Grad geklettert sein. Danach geht's eine ganze Weile im 60-70 Grad geneigten Gelände dahin, bevor man zum Schluss nochmals 15m steileres Eis (75-80 Grad) klettert. Alles in allem wohl etwa WI3 und auch 60m lang. In L3 nimmt die Steilheit dann ab, die Bachrinne ist etwas tiefer eingeschnitten. Genüssliches Steigen in bis zu 60 Grad steilem Eis, Schwierigkeit im Bereich WI1-2, auch wieder 60m lang. Danach folgt in L4 erst beinahe Gehgelände, wo man auch gut gemeinsam steigen kann. Zuletzt folgt dann eine ca. 15m hohe Stufe mit Kletterei in etwa 70-75 Grad steilem Kompakteis, Schwierigkeit ca. WI3-. Weitere ca. 40m an Gehgelände führen an den Fuss der nächsten Steilstufe (L5). Diese ist ca. 15m hoch und säulenartig steil, ca. 85 Grad. Ideale Eisverhältnisse auch hier, somit nicht schwerer wie WI3+. Erneut muss man nach der Steilstufe etwa 30-40m im Gehgelände verschieben, um zur letzten, rund 40m hohen Stufe zu kommen. Hier in L6 ist der Fall nochmals richtig breit und mehrere Linien sind möglich. Steilheit so im Bereich von 70 Grad, Schwierigkeit auch so WI3.

Auf ca. 2060m erreicht man das "Ende" der Route. Der Bach führt noch gute 100hm weiter vereist nach oben, das Gelände ist jedoch flach und Seilsicherung ist nicht nötig. Danach wird die Rinne dann erst trocken, bevor weit oben nochmals eine steile, ca. 50m hohe Säule grüsst. Diese wurde nach den Angaben im Sertori-Führer auch schon begangen und wird mit WI6 bewertet. Auf dieses Abenteuer wollen wir uns nicht einlassen und treten den Weg ins Tal an. Dieser vollzieht sich durch Abseilen an Abalakovs. Da ein paar Tage zuvor eine Seilschaft unterwegs war, haben wir Glück und können von deren Arbeit profitieren. Im oberen Teil ist es am bequemsten, die wenig steilen Abschnitte kurz gehend zurückzulegen und nur über die Steilstufen abzuseilen. So kommt man in total 6 Manövern wieder zum Einstieg. Wollte man alles komplett Abseilen, so sind 1-2 zusätzliche Abseiler notwendig.

Selbstgezeichnetes Topo der Route, sowie auch der Via Abalakov.
Für uns geht soweit alles gut, bis beim zweiletzten Abseiler das freie Seilende ganz offensichtlich an der Verankerung blockiert. Verflixt und zugenäht, was ist denn da passiert? Wir probieren es erst mit roher Gewalt, müssen aber bald die Sinnlosigkeit von diesem Unterfangen konstatieren. Wenn wir das Seil nicht aufgeben wollen, so bleibt nur der Aufstieg. Dumm nur, dass es bei diesem ausgereizten 60m-Abseiler nicht mal in 1x raufklettern reicht. So beschliesse ich, es vorerst einmal seilfrei rechtsherum im Erlengebüsch zu versuchen. Mit ein paar grösseren Umwegen und Schlichen über Bänder kann ich an Höhe gewinnen und in einer Flachpassage oberhalb ins Bachbett gelangen. Nun nur noch zur Abalakov-Schlinge runter und was sehe ich da: das freie Seilende hat es wohl durch das schnelle Durchlaufen herumgewirbelt und perfekt verknotet. Das wäre nie freigekommen, ja da hätte man (wenn man es gewusst hätte) auch getrost mit dem Tibloc am Seil aufsteigen können (darf man natürlich nie machen!). Schade, kann ich kein Foto liefern!

Nach bisher viele 1000x Seil abziehen in meiner Kletterkarriere ist es nun das zweite Mal, dass so etwas passiert ist. Das erste Mal war an den Wendenstöcken nach der Begehung von Passion bei der linken Abseilpiste am Pfaffenhuet. Da dort keine Route hochführt, wären wir definitiv in der Falle gesessen und auf Rettung angewiesen gewesen. Zum Glück kam da noch eine Seilschaft hinterher. Dieses Mal liess sich das Malheur zum Glück selber beheben, auch wenn die Plaisir-Eistour so doch noch eine ziemlich alpine Note erhalten hatte. Nun denn, im zweiten Versuch klappte das Abziehen wie gewünscht und bald waren wir retour am Einstieg. Während unseren Manövern hatte heftiger Schneefall eingesetzt, Zeit um retour zum Ausgangspunkt zu kommen. Wir legten unsere ziemlich durchnässte Ausrüstung ab und fuhren durch ein wahres Sauwetter mit dichtem Schneetreiben (zuerst) und heftigem Regen (danach) zufrieden retour Richtung Unterland.

Facts

Guggernüll - Cascata del Novizio WI3+ - D- III P4 3+ - 400m - Erstbegeher unbekannt - ***
Material: 2x60m-Seile, 10-12 Schrauben, Material für Abalakovs

Schöne und lange Plaisir-Eiskletterei mit einigen steileren Stellen und flacheren Abschnitten dazwischen. Im Vergleich zur Via Abalakov vielleicht einen Tick anhaltender, dafür landschaftlich nicht ganz so eindrücklich und deutlich kürzer. Auch hier gilt, dass man nur bei 100% lawinensicheren Verhältnissen einsteigen soll. Am lohnendsten ist die Route sowieso im Frühwinter, wenn noch praktisch kein Schnee liegt. Wichtig zu wissen: es gibt keinen bequemen Fussabstieg und eingerichtete Abseilstellen sind nicht vorhanden. Man muss für den Abstieg. also selber Abalakovs anbringen.

Montag, 11. Januar 2016

Guggernüll - Via Abalakov (WI3+)

Mitte Dezember 2015, es herrscht kein richtiger Winter, es mangelt an Schnee und Eis. Doch in einem kleinen Dorf im Rheinwald, oder noch genauer in der um diese Jahreszeit komplett schattigen Nordwand des Guggernüll, haben sich dennoch ein paar Linien aufgebaut. Weil diese zudem nur bei absolut sicheren Lawinenverhältnissen oder noch besser, wenn kein Schnee liegt zu begehen sind, wäre jetzt der genau richtige Zeitpunkt dafür. Schwieriger gestaltet sich da schon die Partnersuche. Niemand will so recht meinen Versprechungen glauben, dass ich eine lohnende Eistour identifiziert habe. Oder liegt der Fokus sogar etwa schon auf Weihnachten und dem zugehörigen Kaufrausch?!? Vielleicht aber will auch der Bauer einfach nicht fressen, was er nicht kennt. Denn im Schweizer Standardwerk, dem Eiskletterführer Hot Ice, sind die Touren am Guggernüll nicht beschrieben. So bleibt schliesslich nichts anderes übrig, als unseren Klettertrip ins Tessin noch um einen Tag rauszuschieben, so dass Kathrin und ich uns erst dem glatten Parkett widmen können. Ein absolut goldrichtiger Entscheid, wie es sich weisen sollte.

Blick auf die Guggernüll Nordwand. Die Via Abalakov ist die linke Eislinie leicht links der Bildmitte.
Wir starten früh, denn in einem solchen Couloir wollen wir keine andere Seilschaft vor uns haben. Zu gross wäre die Gefahr von Eis- oder Steinschlag. So brechen wir um 7.00 Uhr mit dem ersten Tageslicht vom Parkplatz etwa 1km östlich von Nufenen (GR) auf. Es geht erst etwa 10-15 Minuten flach einem Fahrweg entlang nach Osten, bevor man zur Rinne des Chratzlibachs kommt, in welcher sich die Tour abspielt. Aufgestiegen wird erst links vom Bach über die offene Wiese, an deren Ende quert man ins Bachbett hinein. Nach total rund 30 Minuten Anstieg sind wir auf 1680m. Hier hält der komplett vereiste Bach eine erste, steilere Stufe bereit. Das Montieren der Steigeisen ist nun unverzichtbar, wir nehmen auch gleich die Eisgeräte und das Seil zur Hand. Das erste Teilstück bis zum Vereinigungspunkt der vier Bachrinnen auf 1770m bietet noch keine grossen Schwierigkeiten. Erst ein paar Stufen, danach nochmals etwas Gehgelände. Könner steigen hier seilfrei, bei einer Führungstour ist Sichern jedoch unerlässlich.

Zustieg durchs Bachbett
Der Platz auf 1680m, wo wir Steigeisen, Seil und Pickel aus dem Rucksack genommen haben.
Kathrin folgt in diesem ersten Routenteil, die Schwierigkeiten liegen im Bereich WI1-2.
Immer noch im ersten Routenteil, genussvolle Kletterei über einige Stufen hinweg.
Beim Vereinigungspunkt auf 1770m gilt es dann zu entscheiden, welche Rinne man angehen will. Wir entscheiden uns für jene ganz links. Die zweite und die dritte Rinne von links wären augenscheinlich auch in guten Verhältnissen gewesen. Es wartet nun eine erste Steilstufe, dann wieder ein paar gemütliche Meter und genau so geht es weiter. Stufen wechseln sich ab mit etwas flacherem Eis. Die Kletterei ist aber immer anregend, das Ambiente grandios. Man klettert in einer eingeschnittenen Goulotte, fast ein bisschen wie in Chamonix, nur in etwas weniger alpiner Umgebung. Weiter oben mixen sich dann zwei kurze, senkrechte Abschnitte ins Programm. Doch die Eisqualität ist durchgehend hervorragend: die Geräte beissen schön und die Schrauben ziehen hervorragend. Nach dem markanten Steilaufschwung geht es nochmals 2 lange Seillängen flacher dahin, bevor die letzte, anhaltende Seillänge folgt. Hier gilt es, über 35 Meter anhaltend in 80 Grad steilem Eis zu klettern. Das Schlussbouquet bietet Hochgenuss!

Die erste Seillänge nachdem sich die Bäche verzweigen, ca. 25m, 75 Grad, WI3.
Kathrin im Nachstieg in ebendieser ersten Stufe, die Eisqualität ist absolut hervorragend!
Nächste Stufen, ca. 70 Grad, WI2. Sichtbar der Verzweigungspunkt von Via Abalakov (links) und Indem Bender (rechts).
Kathrin folgt und erreicht gerade die Stelle, wo sich Via Abalakov und Indem Bender verzweigen.
Weiterer Verlauf nach dem Verzweigungspunkt Abalakov/Bender. Stufen und Aufschwünge, ca. WI2.
Wunderbarer Eisschlauch, toll zu kletterndes Eis. Nun bereits etwas weiter oben.
Wieder einmal eine etwas steilere Eisstufe.
Kein Gelände, um bei Lawinengefahr, Tauwetter oder hinter einer anderen Seilschaft einzusteigen. 
Weitere Stufe im unteren Dreierbereich, die Steilheit auf dem Foto schwer einzuschätzen.
Nächste Stufe, reicht kurz sogar an die Senkrechte heran.
Flachere Passage zu einer 10-15m hohen Stufe, wo die Steilheit mindestens 85 Grad beträgt, ca. WI3+.
Ausblick auf das letzte Teilstück, ca. 120m in etwa 50 Grad steilem Gelände zur Abschluss- und Cruxlänge.
Kathrin folgt in der 15m-Stufe.
Sehr schöne Abschluss- und Cruxlänge, ca. 40m, 75-80 Grad, WI3+.
Nachstieg im durchschnittlich rund 50 Grad steilen WI1-Gelände, bevor die Cruxlänge erreicht wird.
Die letzten Meter zum Top - wow, das war eine echt geniale Genusskletterei!
Und dann ist Finito. Auf 2200m endet das Eis, bzw. entspringen die Bäche einer Quelle inmitten der Nordwand. Diese türmt sich noch weitere 500 steilere Meter über einem auf, ist aber trocken. Klar, hier könnte man womöglich schon noch weiter, das wäre dann aber eine sehr ernsthafte Unternehmung in brüchigem Fels, und kein genüssliches Eisklettern mehr. Für den Abstieg bleibt nichts anderes übrig, als abzuseilen. Fix installierte Stände gibt es keine, so muss man auf Abalakovs vertrauen oder selber welche schrauben. Entsprechendes Schlingenmaterial haben wir dabei, dumm nur, dass das Sackmesser nicht mitgekommen ist. Nach unnötig langer Diskussion erinnere ich mich an die dünne Reepschnur, mit welcher ich den Fotoapparat befestigt habe. Damit geht's im Nu, schon erstaunlich, wie wenig widerstandsfähig ein Kletterseil ist, wenn es ungünstig belastet wird. So geht's dann flotter dem Tal entgegen. Weit ist es aber dennoch, bis zum Vereinigungspunkt der Bäche sind es 10 gestreckte 60m-Abseiler und damit über 600 Klettermeter im Aufstieg. Ab da kann man erst etwas zu Fuss in der Bachrinne absteigen, die untersten Steilstufen lassen sich im Abstiegssinn links leicht mühsam durchs Erlengebüsch umgehen. Die Alternative wäre es, hier nochmals 2-3 Abseiler zu ziehen, was jedoch bestimmt deutlich länger dauert. Bleibt zuletzt noch der kurze Abstieg retour zum Automobil. Bis wir da sind, ist 16.30 Uhr schon vorbei und die Dämmerung bricht herein. Somit haben wir 9.5 Stunden car-to-car gebraucht. Aber super lohnend war's, eine geniale Unternehmung. Genüssliches Eisklettern bei besten Bedingungen - wer hätte es Mitte Dezember 2015 gedacht. Gut, dass ich den Glauben daran nicht aufgegeben hatte.

Facts

Guggernüll - Via Abalakov WI3+ - D IV P4 3+ - 800m - Erstbegeher unbekannt - ****
Material: 2x60m-Seile, 10-12 Schrauben, Material für Abalakovs

Tolle Eiskletterei, meiner Meinung nach etwas vom besten und längsten, was man im Bereich WI3+ in der Schweiz klettern kann. Das Ambiente in der eingeschnittenen Goulotte ist grandios. Die Kletterei ist nie anhaltend, steilere Abschnitte wechseln sich mit flacheren Kletterpassagen ab, dennoch bleibt es immer interessant bis zum Schlussbouquet mit der steilen Abschlusswand. Achtung, die Route kann nur bei absolut 100% sicheren Lawinenverhältnissen begangen werden, das steile Einzugsgebiet oberhalb ist riesig und alles was oberhalb abgeht, endet später in der Rinne, in welcher man klettert. Am lohnendsten dürfte die Route sowieso im Frühwinter sein, wenn erst wenig oder noch gar kein Schnee liegt. Ansonsten ist es jedoch ziemlich unkompliziert, die Route ist bereits von der Autobahn aus sichtbar, der Zustieg ist kurz und offensichtlich, beim Klettern kann man sich unmöglich verlaufen und permanent bester Handyempfang ist auch vorhanden. Einzig beim langen Abseilen an Abalakovs muss man dann nochmals etwas alpine Eigeninitiative an den Tag legen. Insgesamt kann man sicher sagen, alpines Plaisir. 

Topo

Die Route ist als Via Abalakov mit Bewertung WI4+ im Führer Ghiaccio Svizzero von Mario Sertori beschrieben. Die im Führer publizierten Infos sind jedoch vage und taugen (abgesehen von einigen Links/Rechts-Verwirrungen) maximal dazu, um sicher sagen zu können, dass es die von uns gekletterte Route die Via Abalakov ist. Die Bewertung mit WI4+ ist nach meiner Meinung deutlich zu hoch gegriffen, weshalb ich auch WI3+ korrigiert habe. Anbei eine rudimentäre Skizze, welche ich nach der Begehung der Via Abalakov und der Cascata del Novizio (Beitrag erscheint demnächst) angefertigt habe.

Topo