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Samstag, 14. September 2024

Le Ponteil - Rôle en Dalles (6c)

Es war wieder einmal Zeit für einen Tag Abstinenz vom steilen Sportklettern. Unsere Devise war, es den Radfahrern an der Tour de France gleichzutun. Die machen an ihrem Ruhetag auch keine Pause, sondern strampeln eben mal 150km in (relativ) gemütlichem Tempo ab, um im Rhythmus zu bleiben. Des Vertikalathleten Pendant zu dieser Strategie ist das Klettern einer schönen Recovery-MSL mit ein paar genussreichen Seillängen. Das attraktive Gesamtpaket von einfacher Zugänglichkeit per Bike, nachmittäglichem Schatten und spannend-steiler Kletterei sprachen erneut für das Gebiet von Le Ponteil, dieses Mal war Larina mit von der Partie.

Sicht auf die S-Wand vom Gebiet Le Ponteil mit dem Verlauf der Rôle en Dalle (6c)

Allzu viele Routen kenne ich an dieser Wand noch nicht (Surplomb Jaune, Nid d'Aigle), aber nach einhelliger Meinung sei die von uns anvisierte Rôle en Dalles die beste Route im Gebiet. Was natürlich die Frage aufwirft, ob es denn weise ist, beim ersten (oder einem der ersten) Besuche in einem Gebiet gleich die beste Route zu klettern. Was kommt denn danach?!? Eigentlich gibt's nur zwei Optionen, entweder 1) gibt man sich danach mit weniger (Schönheit) zufrieden, oder 2) man zieht weiter zum nächsten Gebiet, um dort auch wieder (nur) die schönste Route zu klettern. So richtig das Gelbe vom Ei ist weder das eine noch das andere, jedenfalls führt die ausschliessliche Jagd nach dem Perlen vielleicht nicht unbedingt zu nachhaltiger Befriedigung beim Klettern, so scheint es mir die Logik zu diktieren. Nun denn, die snobistische Haltung zuerst bzw. nur die besten Routen zu klettern ist mir generell fremd, an diesem Tag war aber die Rôle en Dalles trotzdem das am besten passende Projekt, für die anderen Linien an der Wand kommt die Gelegenheit hoffentlich auch einmal.

Das Panorama vom Einstieg - es ist wirklich ein sehr schöner Ort zum Klettern!

Mit dem Bike gondelten wir, so wie ich es kürzlich schon mit Jerome gemacht hatte, die ca. 10km hinauf nach Le Pont (P.1447). Auch für die Rôle en Dalles startet der Zustieg bei der Infotafel, von wo man in 10 Minuten zur Wand gelangt. Eigentlich ist der Start angeschrieben (nicht so gut lesbar), aber die Routendichte ist so hoch, dass es trotzdem nicht ganz trivial ist, die richtige Linie zu verfolgen. Auch die Topos entschlüsseln die Sache nicht einwandfrei, am besten beschreibt die Situation meines Erachtens der Oisans Nouveau, Oisans Sauvage (ONOS). Jedenfalls startet die Rôle en Dalles gemeinsam in der steilen Verschneidung mit der Les Diables und hält sich dann im weiteren Verlauf an die Rampe links der Verschneidung. Um 13.50 Uhr ging es los mit der Kletterei, dies bei angenehmen Bedingungen. Damit man diese im Sommer vorfindet, ist eine gewisse Planung nötig. An diesem Tag im enorm heissen Sommer 2024 waren die Temperaturen für einmal ca. 5 Grad tiefer angekündigt, zusätzlich minderten Schleierwolken die Einstrahlung der Sonne, welche die Wand am Nachmittag sowieso nur noch seitlich bescheint und es ging ein thermischer Wind - so passte es perfekt.

L1, 30m, 6b+: Zuerst gut 10m steil durch die Verschneidung an speckigen Henkeln gemeinsam mit der Les Diables, nachher sehr schöne Tropflochkletterei in der Wand links der Verschneidung. Die Crux an ein paar Tropflochleisten gegen das Ende hin, da muss man sich durchaus mal kurz festhalten! Wer möchte, kann diesen Abschnitt komplett durch die Verschneidung einfacher umgehen, dort führt eine in den meisten Topos nicht verzeichnete, gut mit BH abgesicherte Route/Variante durch, welche offenbar bei 6a+ eincheckt.

Sehr schöne Tropflochkletterei im oberen Teil von L1 (6b+), fast wie im Gufechüssi auf der Galerie.

L2, 25m, 6a+: Steile Wandkletterei im Tropflochgelände, toll! Die Crux im Wandstück kurz vor dem sehr bequemen Standband, da muss man sich schon wirklich festhalten für eine 6a+. Vielleicht in etwa so wie in der Crux vom Zigerchrapfe (hart 6a+) auf der Galerie, wenn wir schon dabei sind, derartige Vergleiche zu ziehen.

Das Finish von L2 (6a+) hat es in sich!

L3, 20m, 6c: Fulminanter Auftakt in drückender Wand, athletisch und technisch-knifflig zugleich. Topoguide bewertet hier mit 6c+/7a, in diese Richtung zielen auch die Berichte auf C2C, wobei jene Autoren die Stelle meist nicht klettern konnten. Uns gelang dies und wir fanden die 6c schon taff, im Vergleich zum Rest aber nicht extrem unpassend. Dann ist es noch so, dass eine harte 7a in Céüse definitiv höhere Anforderungen stellt... aber ob dies die Messlatte sein soll, ist dann halt auch wieder fraglich. Jedenfalls, nach der anfänglichen Cruxzone legt sich das Gelände etwas zurück, eine Rissspur will erobert werden. Eine Special-Mention verdient noch das Finale, wo es vor allem die richtige Beta zu erkennen gilt.

"Think lateral" heisst es am Ende von L3 (6c) bei dieser fotogenen Stelle.

L4, 15m, 5b:  Schöne, steile Wandkletterei, welche man vermutlich besser mit einer 5c bewerten würde. Es ist eine eher kurze Seillänge, welche an L3 angehängt werden könnte, wenn man genügend Exen mitführt. Wobei auch die Kombo L4/L5 fast noch besser möglich ist und auch weniger Hardware erfordert.

L5, 25m, 4b: Generell nur eine Übergangslänge durch den Gemüsegarten, die paar Moves vom Stand weg in plattigem Fels haben es allerdings durchaus noch in sich! Ich bin logisch gerade hoch aufs Band zu einem Kettenstand geklettert. Die Fortsetzung im steilen, roten Fels sieht sehr attraktiv aus, hierbei handelt es sich jedoch um die FOMEC. Wer auf der Rôle en Dalles bleiben will, muss...

Ein attraktiveres Foto kriegt man da kaum hin: die letzten Meter der Kombo L4/L5 (5b, 4b).

L5bis, 25m, 2a:  ...auf dem Band ca. 10-15m nach links queren, dann über eine einfache Stufe eine Etage höher steigen und am Fuss einer steilen Verschneidung Stand beziehen (zur Zeit unserer Begehung war da ein Stein mit stark verblasster Aufschrift vorhanden). Ab Stand 3 reicht das Seil sicher nicht bis dahin.

L6, 25m, 6b: Geniale 3d-Turnerei durch die eindrückliche Verschneidung hoch - immer schön fordernd, aber genau dann, wenn's nötig ist, taucht wieder wieder eine Struktur auf, welche die Sache im 6b-Rahmen hält. Toll!

L7, 25m, 6b+: Hier verlässt man die Verschneidung nach links hinauf und klettert in fantastisch schönem und auch 45 Jahre nach der Erschliessung noch beinahe jungfräulich wirkendendem Tropflochfels (schaffen es viele von den Anwärtern etwa nicht bis hier hinauf?). Es gibt nur eine kurze Crux, die für 6b+ gutmütig ist. Man könnte auch mit 6a+ bewerten, wir fanden die Länge einfacher wie L1, L2 oder L6. Der Stand am Ende links und eher unbequem, alternativ gleich gerade hinauf ins Gemüse und Stand am BH vom Drahtseil machen. Tipp: der Link von L6/L7 ist mit 50m-Seilen möglich, allerdings braucht es ca. 17-18 Exen, wenn man alle Bolts klippen will. Ich habe jeweils dort, wo sie eng stecken die untere Exe wieder mitgenommen, so ging es auch gut mit nur 12 Stück.

Sehr schöner, rauer Tropflochfels in L7 (6b+).

Um 16.50 Uhr waren wir nach ziemlich genau 3:00h Kletterei am Top - natürlich mit einer beidseitigen Onsight/Flash-Begehung. Dies war nicht die grosse Challenge gewesen (welche wir ja auch nicht gesucht hatten), doch ein wenig anstrengen mussten wir uns dann doch einige Male. Aber das entsprach genau unserem Gusto. Obwohl im ONOS strikt davon abgeraten wird, wäre das Abseilen über die Route/Wand in 3x oder 4x ziemlich sicher die schnellste und beste Abstiegsvariante (zumindest wenn keine anderen Seilschaften präsent sind, was bei uns der Fall gewesen wäre). 

Der Vorteil vom Abstieg zur empfohlenen Abseilvariante: man sieht den oberen Teil der Wand sehr schön im Profil. Und da zeigt sich, dass dass Terrain da schon richtig steil ist!

Wir hielten uns indessen ohne viel zu überlegen an die empfohlene Option und stiegen zu Fuss zum Top von Nid d'Aigle ab. Der Weg dahin war weiter als gedacht, der Pfad in den Schrofen ob der Wand ist nicht so ausgeprägt und teils recht ausgesetzt (an einigen Stellen sind Drahtseile vorhanden). Die letzten 5m von der Kanzel ob der SE-Wand müssen dann an einem (maroden) Fixseil noch abgestiegen werden, bevor zwei sehr bequeme, steile ja teils freihängende Abseiler (50m, 40m) zurück auf den Boden führen. Von da brachte uns ein kurzer Marsch zu den Velos und wenig später waren wir nach einer Schussfahrt retour bei unserem Camp. Sehr zufrieden, denn das war wirklich eine prima Art gewesen, an unserem Ruhetag noch zu etwas Bewegung zu kommen.

Steile Abseilerei über Nid d'Aigle.

Facts

Le Ponteil - Rôle en Dalles 6c (6b obl) - 7 SL, 190m - M. & JJ. Rolland 1978 (!!!) - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

Die Route bietet 4.5 SL mit wirklich superschöner Tropflochkletterei, dazu in Wandmitte zwei einfachere Überführungsabschnitte. Meist handelt es sich um Wandkletterei und doch wird einem Abwechslung geboten mit 3d-Verschneidungskletterei und Risspassagen. Das einzige was fehlt ist das Feeling einer grossen MSL-Tour, dafür ist die Route dann doch eher zu kurz, zu wenig isoliert bzw. zu fest im Gemüse rundherum eingebettet. Auf jeden Fall ist es aber eine prima Möglichkeit, bei überschaubarem Aufwand und Zeitbudget mehrere Seillängen am Stück zu klettern. Bei geschickter Planung ist dies auch im Sommer möglich, die Vorzüge der Wand zeigen sich umso mehr in der kälteren Jahreszeit, wobei man dann tageszeitlich früh genug starten sollte. Die Absicherung der Route mit verzinkten BH ist sehr gut ausgefallen. Nicht ganz so eng wie in den Routen von JMC, aber doch so, dass man eigentlich alle schwierigen Passagen ab ca. 6a+ mit Griff zum Haken entschärfen kann. Um die Route weitgehend frei und zügig absolvieren zu können, sollte man jedoch schon über ein Onsight-Niveau von 6b/6b+ verfügen, die Cruxpassage verlangt dann noch ein wenig mehr (ist aber A0 machbar). Topos von unterschiedlicher Qualität findet man im ONOS, im Briançon Climbs, im Plaisir Sud, im Topoguide Band III und womöglich weiterer Literatur. Sehr nützlich wie immer auch die Beiträge auf C2C.

Dienstag, 10. September 2024

Le Ponteil - Nid d'Aigle (6a)

Beim steilen Sportklettern hält sich Jerome meist vornehm zurück - nun aber war er am Restday von den Girls dazu beordert worden, mit dem Papa eine MSL zu klettern. Dies vielleicht insgeheim nach dem Motto "lieber er als ich", aber schlussendlich wurde das so geschickt kaschiert, dass der Deal für alle stimmte. Ein passendes Ziel zu finden, war dann gar nicht so einfach: an diesem Tag war das sonst so stabile Wetter auf nachmittägliche Schauer eingestellt, es herrschten brütend heisse Temperaturen und nicht zuletzt durfte auch der Anspruch nicht zu hoch liegen. Da scheint es womöglich verrückt, an die selbst im Winterhalbjahr kletterbare Paroi du Ponteil zu pilgern - Bewölkung und Wind sei Dank ging der Plan jedoch bestens auf, wir konnten eine spannend-spektakuläre Route bei angenehmen Bedingungen klettern.

Die fantastische, steile Wand von Le Ponteil mit dem Verlauf der Nid d'Aigle (6a).

So fuhren wir vom Basecamp mit den Bikes die ca. 10km hinauf nach Le Pont (P.1447), wo der Zustieg bei der Infotafel startet und einen in ~10 Minuten an den Fels bringt. Man passiert dabei zwei Verzweigungen, beide Male heisst es die rechte Spur zu nehmen. So gelangt man mehr oder minder direkt zum Einstieg, welcher angeschrieben ist ("50" und weniger deutlich, "Nid d'Aigle"). Wir schirrten uns auf und starteten um 11.15 Uhr in die Route. Die ersten der versprochenen Wolken tauchten langsam aber sicher am Himmel auf und ermöglichten uns die Kletterei bei angenehmen Bedingungen. Sonst wäre es im Sommer noch eine Option, erst um ca. 14.30 Uhr mit der Kletterei zu beginnen, wenn die Sonne um die Ecke verschwindet.

Steil bergauf geht's nach Le Ponteil (ca. 600hm von der Talsohle).
Unzweifelhaft, hier startet die Route!

L1, 25m, 4b: Über eine erste Stufe hinauf in nochmals einfaches Gelände. Da besser nicht stürzen, denn der zweite Bolt steckt hoch, ein "retour au sol" würde da sehr ungünstig enden. Dann folgt tolle Kletterei rechts hinauf in orangem Fels mit irrer Tropflochstruktur - unglaublich für den Grad. Man erreicht einen ersten Stand (BH und NH), derjenige 4m weiter rechts mit 2 BH liegt eher besser.

Super Tropflochkletterei in L1 (4b) - da kriegt man etwas geboten für den Grad!

L2, 25m, 4c: Man quert weiter nach rechts in erneut toll strukturiertem Tropflochfels. In der Mitte der Seillänge orientiert man sich dann über eine Rampe nach links hinauf. Achtung, hier besteht eine gewisse Gefahr, sich zu verkoffern. Links auf dem korrekten Routenverlauf sind die Haken nämlich nicht sichtbar (es kommen aber welche), während einem fixes Equipment nach rechts lockt. Der Stand befindet sich dann auf einer sehr bequemen Terrasse - die zwei unverbundenen BH rechts liegen für die Fortsetzung geeigneter wie der Ketten-Abseilstand links.

Les Français disent 'magnifique'!

L3, 30m, 4c: Für diesen Abschnitt gibt es zwei Möglichkeiten (plus die Option, sich in die nach rechts führende La Martine zu verkoffern): entweder die Verschneidung in hellem Fels gerade hinauf (5c) oder die liegende Platte weiter links. Das ist recht gängig, aber dünkte mich doch klar schwieriger wie L1 und L2. Oben auf der nächsten horizontalen Verwerfung quert man dann nach rechts zurück. Diese Traverse ist v.a. für den Nachsteiger nicht optimal gesichert (Keil oder kleiner Cam nicht unnütz, da ich selbiges nicht dabei hatte, war auch mit einer Knotenschlinge für Sicherheit zu sorgen, das Placement ist super).

Auch hier in der 4c-Version von L3 wartet hervorragende Tropflochkletterei.
Die Traverse am Ende von L3 (4c) ist easy, aber für's hintere Seilende ohne mobile Ergänzung nicht optimal gesichert.

L4, 25m, 6a: Los geht's mit einer steilen Verschneidung - auch hier ist das helle Gestein grundsätzlich von prima Qualität, dann aber auch etwas glatt anzufassen. Dass hier schon hunderte von Klettererhänden nach Halt gesucht haben, macht das auch nicht unbedingt besser. Geht aber schon - mit geschicktem Placement ist's gar nicht mal so anstrengend und geht prima auf. Das gilt dann nicht unbedingt für das folgende Dach mit der Crux: es ist rasch vorbei und vorzügliche Henkel hat es auch, aber herrlich kräftig ist es eben dennoch. Bald darauf folgt der Stand erneut auf einer bequemen Terrasse. Hier wird man sich gewahr, dass die gesamte Überhangzone, welche man vorher beklettert hat, eigentlich aus vom Fels losgelöstem Gestein besteht und ein breiter Spalt klafft. Irgendwie wirkt das alles ziemlich absturzbereit... aber solange die Häuser unterhalb noch bewohnt sind und die Strasse nicht gesperrt, wird es wohl nicht so gravierend sein (oder es hat's einfach noch niemand bemerkt, der dafür verantwortlich wäre).

"Das isch Musig!" - super steile und henklige Kletterei zeichnet die Cruxlänge (L4, 6a) aus.

L5, 25m, 5c: Nochmals eine coole und sehr steile Seillänge, die als frühen Programmpunkt gleich ein markantes Dach bereithält. Auch nicht ganz einfach, aber doch eine Runde zahmer als dasjenige in L4 kommt es schliesslich daher. Steil und griffig geht's dann mit einer kleinen Rechtsschleife dem Top entgegen. Die Absicherung ist auf der zweiten Hälfte der Seillänge eher weit und die Blöcke da am Ende sind auch nicht alle topsolide - vermutlich hält aber alles, auch wenn der Kletterer wie ein Ochse selbst am bedenklichsten Stein zieht.

Steil, luftig und gutgriffig geht's auch in L5 (5c) zur Sache.

Kurz vor 13.00 Uhr hatten wir nach 1:45 Stunden sehr vergnüglicher Kletterei das Routenende erreicht. Ein kurzes Fixseil würde hinauf ins einfache Gelände führen, wo man bei nachfolgenden Seilschaften auch zur Abseilpiste gelangen könnte, die wir damals nach der Surplomb Jaune genutzt hatten. Da wir alleine in der Wand waren, sparten wir uns diesen Aufwand und seilten gleich über die Route in die Tiefe. Steil, ja teilweise freihängend geht's gestreckte 50m hinunter zur Terrasse, wo sich Stand 2 befindet. Von da sind es dann weitere 40m bis zum Turnschuhdepot am Einstieg. Zufrieden mit der tollen Tour packten wir unsere Ware zusammen, stiegen ab zum Bikedepot und rollten in rauschendem Tempo zurück ins Tal - mit kurzem Zwischenstopp beim Brunnen mit 'eau potable' in Champcella, denn trotz der angenehmen Bedingungen hatte es doch einen rechten Durst gegeben.

Facts

Le Ponteil - Nid d'Aigle 6a (5c+ obl.) - 5 SL, 130m - JJ. & M. Rolland 1973 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express

Kurze, aber eindrückliche MSL, welche dem leichtesten Weg durch eine irre steile Wand folgt. In den steilen Abschnitten warten anstrengende Verschneidungen und kräftige Henkeldächer. Auf den geneigteren Wandabschnitten findet man hingegen aussergewöhnliches Tropflochgestein, gerade für diesen tiefen Schwierigkeitsgrad. Vielerorts liest man, die Route sei stark abgespeckt. Ich glaube, das teilweise wie marmoriert wirkende Gestein war da schon immer glatt. Logischerweise ist es nach 50 Jahren intensiver Nutzung nicht rauer geworden - aber lohnend Klettern kann man da auf jeden Fall noch immer. Mehr Argwohn verursachen mir hier schon die teilweise massiven, halb losgelösten, überhängenden Felspakete (welche die zu überkletternden Dächer definieren), die da in dieser Verschneidungslinie hängen. Für die geologische Ewigkeit haben die sicher nicht Bestand... doch wann deren Stunde gekommen ist, steht natürlich auch in den Sternen. Die Absicherung mit verzinkten BH ist gut, aber nicht so üppig, wie man es aus den teils sehr konsumentenfreundlich präpariertem JMC-Touren kennt. Eine 5c sollte man schon solide Vorsteigen können, damit man hier Spass hat. Topos findet man z.B. im Briançon Climbs, dem Oisans Nouveau, Oisans Sauvage, im Plaisir Sud oder im Topoguide Band II.

Montag, 29. August 2022

La Saume, Ceüse & Le Ponteil - Surplomb Jaune (6a+)

Nach unserer tollen und gelungenen MSL-Tour am Galibier folgten Tage mit weniger stabilem Wetter, die wir zum Sportklettern in den talnahen, schattigen Gebieten nutzten. Wenn hingegen keine abendlichen Platzregen angekündigt waren, so zog es uns aufgrund der Hitze in die alpinen Klettergärten von La Saume und Ceüse, wo sich im Sommer bekanntlich gerne die internationale Elite tummelt. Unser traditioneller Besuch in Ceüse liefert denn auch die Vorgeschichte zur hier beschriebenen MSL-Route: nachdem wir selber schon bis spät geklettert waren, liessen wir es uns natürlich nicht nehmen, die Spitzenkletterer bei ihren Versuchen im letzten Abendlicht zu bestaunen. Mit dem Abstieg, dem üblichen Besuch bei Mr. Pizza Le Crux und dem Heimweg war es schon nach Mitternacht, bis wir ins Zelt schlüpften. Die Konsequenz war ein gemütlicher Start am Folgetag.

La Saume

Eher kleines, aber landschaftlich sehr schönes, ideales Sommergebiet in den Queyras-Bergen. Dank EU-Geldern (welch sinnvolle Nutzung ;-)) ist die lange Schotterpiste zum Ausgangspunkt derzeit in einem problemlos mit normalen PWs befahrbaren Zustand, selbst grosse Camper schafften es in Vielzahl dahin und kreierten da oben ein wahres Woodstock. Auch die Zugangsbeschreibung im Briançon Climbs passt nicht mehr, es wurde ein neuer und kürzerer Weg etabliert. Genaue Angaben erübrigen sich aber, vom Ende der befahrbaren Piste ist der sehr gut ausgetretene Weg problemlos zu identifizieren und im Zweifel läuft man einfach den zahlreichen Climbern hinterher. 

Der Felsriegel von La Saume bietet ganztags schattige Kletterei auf rund 2200m, ideal im Sommer!

Für moderat schwierig kletternde (Bereich 6b-7b) wäre auch der im Briançon Climbs beschriebene Sektor 1A eine zumindest auf dem Papier lohnende Adresse. Vor Ort angetroffene Bekannte rieten uns aber, auf jeden Fall im höheren Sektor 2 zu klettern, dort fänden sich grossartige Perlen. Dieser Empfehlung kann ich absolut beipflichten, noch viel gravierender ist aber, dass wir den theoretisch direkt am Zugangsweg liegenden Sektor 1 gar nicht identifizieren konnten - und ich bin im Rückweg sogar an den beiden vielversprechendsten Stellen zum Wandfuss hinaufgestiegen. Es wissen also die Götter, wo sich diese Wand wirklich befindet.

Das Gebiet, dieses Mal von der anderen Seite gesehen. Am linken Bildrand der Nebensektor mit der coolen Route Gazpatcho (7a+) in der platten Wand, rechts der ästhetische gelb-schwarze Hauptsektor.

Der Hauptsektor bietet eine erstaunlich grosse Vielfalt. So ab Niveau 6c/7a findet man (für einen Tag) ausreichend Beschäftigung, wobei man die Wahl zwischen athletischen und plattigen Routen hat. Das Prunkstück ist sicher die Hauptwand mit ihren überhängenden, ausdauernden und langen Wandklettereien im Bereich 7c-8c. Die (wenigen) einfacheren Routen (im Bereich 6c+ bis 7b+) verlaufen oft etwas diagonal an logischen Linien entlang der Felsschichtung. Die waren aber ebenfalls sehr cool zu klettern, das hat richtig Spass gemacht! Im Nebensektor links findet man neben zwei, drei sehr technischen Lochklettereien (u.a. die coole Gazpatcho 7a+) v.a. brutale, 45 Grad überhängende Athletiktests.

Ceüse

Unser jährlicher Besuch in Ceüse war natürlich auch fix in der Ferienplanung eingebaut. Im 2020 und im 2021 gingen wir jeweils am 5.8. rauf, im aktuellen Jahr 2022 waren wir am 6.8. einen Tag zu spät unterwegs - natürlich schauten wir in erster Linie auf's Wetter und die Bedingungen, nicht auf's Datum. Eine Hitzewelle war angesagt und da man erst ab Mitte Nachmittag Schatten vorfindet, gab es feriengerecht nichts zu pressieren. Um 12.30 Uhr machten wir uns auf den Weg vom Col des Guérins, der zum Glück zu einem grossen Teil im Wald verläuft. Ohne zu hetzen und mit einigen Pausen konnten wir schliesslich um 14.00 Uhr am Fels angreifen. Da schien grosso Modo noch die Sonne an die Wand, doch mit einer geeignet ausgewählten Route ging es grad prima - der Sektor Un pont sur l'infini war das Ziel unserer Wahl.

Quelle magie! Der perfekte Fels und die einmalige Lage machen dieses Klettergebiet einzigartig.

Das Spektakel findet aber natürlich nicht in dieser vertikalen Lochwand rechts am Felsband, sondern anderswo statt - in erster Linie am gewaltigen Bauch vom Biographie-Sektor, bei welchem man sowohl auf dem Hin- wie auch auf dem Rückweg vorbeikommt. Und natürlich liessen wir uns das Schauspiel nicht entgehen und beobachteten die Topcracks bei ihren Versuchen in der Abenddämmerung. Es ist schon Wahnsinn, was diese Leute an Power-to-Weight-Ratio, Resistance und Bewegungspräzision mitbringen. Alleine nur die ersten paar Griffe in dieser 30-40m hohen und 40 Grad überhängenden Wand zu befühlen zeigt ziemlich klar auf, wie weit deren Können von dem eines Joe Normalo weg ist...

Für einmal auf dem Plateau de Ceüse, um noch besser die Rundumsicht zu geniessen!

Da könnte man sich und seine Kletterei als klein und unwichtig fühlen, was natürlich global gesehen sowieso stimmt. Dennoch, es ist nicht die Emotion, mit welcher ich diesen grandiosen Tag beschlossen habe. Mir glückten der Reihe nach vier lange Routen in den Graden 6b+, 6c+, 7a und 7b+ onsight. Gerade in der letzteren musste ich mindestens genau so sehr wie ein 9b-Athlet kämpfen. Näher am Abgang hätte ich an mehreren Stellen nicht sein können, mirakulös konnte ich mich jeweils retten - immer ein geniales Gefühl. Die Emotion, 2m über dem Haken einen dynamischen Move ans Loch der letzten Hoffnung zu pfeffern und dann gerade knapp hängen zu bleiben, lässt einen einfach als Held fühlen, egal wie unspektakulär es von aussen betrachtet sein mag. Und genau ums persönliche Erlebnis geht's ja schliesslich in erster Linie beim Klettern. Auf jeden Fall, es hat wieder einmal 'mehr als gfägt' in Ceüse, ich freue mich schon bald wieder zurück zu sein!

Strong Ladies - die eine direkt aus dem Go in der 9b+ :-))

Ponteil - Le surplomb jaune (6a+)

Wie bereits erwähnt, unsere Rückkehr aus Ceüse war erst nach Mitternacht, so gab es am nächsten Tag einen langsamen Start und nach dem erlebnisreichen Tag war bei manchem Familienmitglied das Reissen für einen nächsten Ausflug beschränkt - vor allem, weil wir ja am Folgetag nochmals nach Ceüse "mussten", um noch mit einigen weiteren der Topcracks Fotos zu schiessen und Unterschriften einzuholen. Wir einigten uns schliesslich darauf, dass die Kinder am Nachmittag in den Aquapark dürfen und die Erwachsenen eine kurze und zeitsparende Recovery-MSL angehen. 

Blick ins Val Durance vom Einstieg, in der linken unteren Ecke der Sportklettersektor Le Pouit.

Als Ziel wurde die Wand von Ponteil auserkoren. Das ist grundsätzlich ein sehr sonniges Gebiet an der (süd)östlich ausgerichteten Talflanke, ideal für die kältere Jahreszeit. Der rechte Wandteil liegt allerdings ab den frühen Nachmittagsstunden im Schatten und ermöglichst dann dank Talwind und der Lage auf 1500m durchaus auch im Hochsommer ein genussvolles Klettern in angenehmen Bedingungen. Um 13.30 Uhr liefen wir vom Parkplatz bei der Brücke in Le Pont (P.1447) los. Man geht über den Bach zurück, gleich bei der Mauer bzw. beim Infoschild beginnt der gut ausgetretene Pfad, der in 10 Minuten zur Wand führt. Die Routenwahl liessen wir bis zuletzt offen, am Wandfuss setzte sich dann die feminine Devise durch, dass Recovery das Klettern der einfachst- und nicht der schwierigst-möglichen Route im Sektor bedeutet :-)). Somit stiegen wir um 13.45 Uhr und somit 15-30 Minuten vor der definitiven Einkehr des Schattens am Wandfuss in die Surplomb jaune ein. Der Einstieg ist mit einer abblätternden "43" unscheinbar beschriftet, mit Topo und etwas analytischen Fähigkeiten aber durchaus zu identifizieren.

Leider auf der Anfahrt den Zeitpunkt verpasst, um ein Wandfoto zu schiessen und auf dem Rückweg war die Wand dann im Schatten und es hatte Gegenlicht. Naja, einen Eindruck vom Gemäuer kriegt man auch so, ebenso konnte ich den Routenverlauf von Surplomb Jaune (6a+) einzeichnen.

L1, 30m, 5c+: Steil, griffig und abgespeckt nach links hinaus, etwas um die Dächer herum und darüber hinweg. Pas si facile que ça - wer eine 6a nicht solide drauf hat, tut sich hier möglicherweise durchaus schwer. Die Felsqualität ist zudem nicht überragend, da hier schon viele vorbei sind, passt es aber schon. Erst das Finish an einer Schuppe dann einfacher.

Nachstieg in L1 (5c+), am Ende geht's einer prima griffigen Schuppe entlang.

L2, 20m, 5c+: Erneut eine Querung nach links hinaus, am Ende dieser an der Nase gibt's eine für den Grad doch ziemlich knifflige Stelle, dünkte es mich! Das Finale dann wunderbar über eine Platte mit extrem wasserzerfressener Tropfloch-Struktur.

L3, 25m, 5c+: Mit der Verwendung von langen Exen liess sich diese Länge gleich an die vorangehende Anhängen - macht aber sicher nur Sinn, wenn man gut über dem verlangten Niveau steht. In dieser Seillänge geht's gleich fordernd und ziemlich athletisch los, der glatte Fels ist schon reichlich poliert, eher 6a. Zum Schluss dann einfach aber in etwas brüchigem Gelände zum Stand bei einem Baumstrunk - wie lange der wohl schon hier ist?!? Möglicherweise dank dem trockenen Klima schon Jahrhunderte!

Kathrin folgt in L3 (5c+), der Ausstieg ins flachere Gelände "da capire...".

L4, 25m, 5c: Die schönste Seillänge der ganzen Route führt durch eine steile Verschneidung. Der Fels ist hier von prima Qualität, top-strukturiert und erlaubt genussvolles Steigen. Aber auch hier würde ich sagen, für eine 5c ist das ziemlich oho, 6a kann man sicher durchaus geben!

L5, 25m, 5c: Es geht auf dem Band kurz nach rechts und dann über die steile, ziemlich griffige Stufe hinauf. Der Mantle ins flachere Gelände ist doch einigermassen knifflig, auch diese Stelle würden wir eher mit einer 6a/+ bewerten?!? Das Ende dann einfacher an einer etwas botanischen Verschneidung. Hinweis: viele verkoffern sich laut den Berichten auf C2C zu Beginn dieser Seillänge nach rechts in die Ricollet, was einen alternativen, etwas einfacheren Ausstieg vermittelt.

Ideales Schuhdepot an Stand 5 (#scarpaspa #noplacetoofar - ah nein, Schuhe sind ja selber gekauft ;-))

L6, 15m, 6a+: Vom bequemen Stand mit prima Schuh-Schublade wartet noch das Abschlussbouquet. Die meisten Topos zeigen hier nicht die tatsächliche Situation, gibt es nämlich 2 mögliche Linien. Die linke scheint irgendwie logischer und ist das Original, erfordert jedoch A0 (ist schon auch frei kletterbar, dies jedoch im Bereich 7b, sicher nicht als 6a). Die rechte Variante unter dem Dach hindurch ist hingegen deutlich kommoder und im Bereich 6a+/6b frei passierbar - dies jedoch einigermassen zwingend (insbesondere für den Nachsteiger!). Das Dach einmal bewältigt, kommt noch kurz etwas griffiges Gelände, gefolgt von ein paar Büschen und dann schon der finale Stand.

Zwei Abseiler in steilem Gelände ermöglichen eine rasche Rückkehr an den Wandfuss.

Um 15.30 Uhr und damit nach 1:45h Kletterei waren wir am Top der genussreichen Kletterei. Wegspuren führen hinauf auf die flachere, waldige Zone der Crête du Bouchet. Man könnte sich nun nach links (westlich) und aufwärts halten, um den Gipfel und einen mit Seilen versicherten Fussabstieg zu wählen. Ziemlich sicher schneller und bequemer ist es von diesem Sektor jedoch, auf Wegspuren ca. 20hm nach rechts (östlich) zu einer Abseilstelle bei einer grossen Föhre abzusteigen. Von dort erreicht man mit zwei steilen Manövern den Boden und ist mit wenigen Schritten zurück am Einstieg. Alternativ liesse es sich auch über Nid d'Aigle abseilen, der oberste Stand schien mir aber in exponiertem Gelände (Fixseil) weniger bequem erreichbar. Bald rollten wir talwärts, es war nur ein kurzer Weg zurück zu unserem Basecamp.

Facts

Le Ponteil - Le surplomb jaune 6a+ (6a obl.) - 6 SL, 140m - M. & J.J. Rolland 1973 - **;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express

Eher kurze, aber doch komplette MSL-Route mit klassischer Linienführung durch eine steile Wand. Die Felsqualität ist insgesamt recht gut, einzelne Stellen mit fantastischen Tropflöchern wechseln sich ab mit teils etwas blockigen Verschneidungen/Dächern, etwas glattem/belagigem Gestein und teils deutlichen Gebrauchsspuren - lässig zu klettern ist es aber immer noch. Die Route wurde saniert und ist üppig mit zeitgemässen, verzinkten BH ausgestattet. Überall wo es schwierig ist, ist die Absicherung mindestens klettergartenmässig und auch an den einfacheren Stellen nie weit. Topos findet man z.B. im Oisans Nouveau, Oisans Sauvage, Briançon Climbs, Plaisir Sud und (mit der grössten Präzision) im Topoguide Band III. Nützlich auch die Beschreibung auf C2C.