- -
Posts mit dem Label Parete Val d'Iragna werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Parete Val d'Iragna werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 1. November 2017

Parete Val d'Iragna - Baci dal Nord (7c+/8a, 7 SL, Erstbegehung)

Als wir im September 2017 die My Darling kletterten, waren wir vollauf begeistert. Von der Wand, der schönen sonnigen Lage und der genialen Kletterei. Schon im Aufstieg schweiften unsere Blicke immer wieder nach links in den noch unerschlossenen Wandbereich und Gedanken an eine Erstbegehung keimten auf. Beim Abseilen erhielten wir dann einen detaillierten Einblick. Tatsächlich, hier gab es über weite Strecken hervorragende, saubere Risse, welche zum Klettern nur so einladen. Gut, einige nicht ganz triviale Wandstellen dazwischen schienen auch vorhanden, aber das sollte uns nicht abhalten. Wo sonst in der Schweiz hätte man ein solch geniales Projekt mit kurzem Zustieg und toller Lage finden können?!? Ich glaube (fast) nirgends...

In der cleanen Piazverschneidung von L6 (6a+). Die Route führt an der Rissspur oberhalb des Kletterers weiter. Der Ausstieg befindet sich am steilen Schiffsbug, welcher den Horizont markiert. Yay!!!
So kam es, dass wir nach Hause fuhren, dort die Säcke packen und uns praktisch umgehend wieder auf den Weg nach Süden machten. Wenn die Paranoia über eine im letzten Moment weggeschnappte Erstbegehung einmal zuschlägt, dann gibt's kaum eine Unannehmlichkeit zu viel. Früh, ja für die Parete eigentlich komplett unvernünftig früh fuhren wir los. Beim Einbiegen auf die Bergstrasse nach Citto passierte es. Ein Wagen mit Tessiner Nummerschildern war Sekundenbruchteile schneller als wir, wir hatten nur noch Startnummer 2. Die beiden Typen sahen doch wie Kletterer und somit Konkurrenten aus?!? Wir malten uns bereits aus, wie wir die beiden im Zustieg distanzieren müssten - beim Gewicht unserer Säcke allerdings kein einfaches Unterfangen. Das Problem löste sich in Luft auf, als der Subaru eine andere Abzweigung wählte. Somit ging's beruhigt und ohne zu hetzen auf den Zustieg. Jedoch nur, bis sich auf diesem unzweifelhaft frische Fussspuren entdecken liessen. Ja gopelletti, würde uns jetzt tatsächlich noch jemand zuvorkommen?!? Schliesslich zeigte sich, dass es nur ein Wanderer war. So kamen wir (immer noch frühmorgens) an der Wand an und fanden den angepeilten Bereich tatsächlich genau so jungfräulich, wie wir ihn spätabends davor verlassen hatten. Aus objektiver Sicht mag man da wohl ironischerweise bemerken "welch eine Überraschung!".

Super schönes Ambiente über den grünen Tessiner Kastanienwäldern in einem ruhigen Seitental. Hier L4 (7b).
Sogleich, also nein eher nach längerer Zeit, nachdem wir alles nötige Material organisiert hatten, machten wir uns auf den Weg. Trotz der teils schwierigen Kletterei nahe meines persönlichen Limits erzielten wir einen ganz guten Fortschritt - die vielen Abschnitte, welche sich mobil absichern liessen, kamen uns dabei natürlich sehr entgegen. Somit gelang es uns, die Linie in zwei langen Bohrtagen komplett zu erschliessen. Beide Male reizten wir das Tageslicht dabei bis zum allerletzten aus. Beim ersten Mal hatten wir dummerweise ob all dem vielen anderen Material nicht an die Stirnlampen gedacht. Als es dunkel wurde, kam natürlich prompt etwas Beklemmung auf, denn schliesslich ist man ja doch immer etwas verloren, wenn das Tageslicht plötzlich schwindet. Erst recht, wenn man noch irgendwo oben in einer Wand hängt und den Rückweg durch dunkle Tessiner Wälder angehen muss. Der Ingenieur hat für eine solche Situation natürlich eine Notlösung parat. Sie bestand darin, das Smartphone auf den Helm zu tapen. Funktioniert (bei gewisser Gefahr für eine Nackenstarre) ganz leidlich, zumindest solange der Akku hält. Noch glücklicher kann sich schätzen, wer die richtigen Partner auf seiner Seite weiss. Nach dieser Geschichte bin ich nun stolzer Besitzer eine Petzl Actik Core. Dies ist definitiv die beste und leuchtstärkste Stirnlampe, welche ich bisher besessen habe, mit einem Gewicht von nur 82g ist sie eigentlich nie zu schwer zum mitnehmen und das Konzept mit einem Akku, welcher auch durch drei handelsübliche AAA-Batterien ersetzt werden kann, überzeugt vollauf - herzlichen Dank an Bächli Bergsport! Schon erstaunlich, wie viel gelassener wir beim zweiten Mal das Eindunkeln über uns ergehen lassen konnten. Somit schützt die Stirnlampe eben nicht nur wegen dem Licht, sondern auch durch das Verringern der Hast vor dem Eindunkeln.

Auf dem Rückweg durch die dunkeln Tessiner Wälder. Wenn da nur nicht noch ein paar Geister hausen!

Somit war die Route komplett erschlossen und es wartete "nur noch" das Freikletter-Business. Am zweiten Bohrtag hatten wir uns bereits die Mühe genommen, die schwierigsten Stellen genau zu begutachten. Glasklar war, dass es sich um eine für unsere Fähigkeiten harte Nuss handeln würde. Während Adi den Eindruck hatte, hier nur mit grossem Projektieraufwand zum Erfolg zu kommen, war ich etwas optimistischer. Mit etwas Glück würde ich L1 gleich packen und die schwierigste Einzelstelle gleich zu Beginn von L2 liess immerhin mehrere Versuche ohne allzu grossen Zeitaufwand zu. Vorausgesetzt, dass nach dieser Stelle noch etwas Reserven in Bezug auf Kraft, Haut und Zeit vorhanden wären, schien mir ein Durchstieg realistisch - die oberen Längen sind zwar auch nicht gerade trivial, aber mit dem Wissen wie es geht für mich doch im machbaren Bereich. Weil die Gelegenheit gerade günstig war, trat ich dann bereits zwei Tage später mit Kathrin die Reise an die Parete Val d'Iragna an. Ganz optimal war dies nicht, der zweite Bohrtag hatte meine ganzen Kräfte und einen wesentlichen Teil der Fingerhaut gefordert, zudem war ein sonnig-warmer Herbsttag angesagt, was die Farbe der Fingerkuppen umso schneller in Richtung rosarot treiben würde. Trotzdem, es nicht zu versuchen wäre töricht gewesen und tatsächlich konnte ich das Projekt abschliessen. Bis wir wieder festen Boden unter den Füssen hatten, war erneut die Dunkelheit hereingebrochen. Natürlich waren wir nicht ganz so früh aufgebrochen, dann hatte die Kletterei und die nötigen Pausen dazwischen Zeit gefressen und was vom Tageslicht noch übrig geblieben war, wurde in letzte Putz- und Einrichtungsarbeiten investiert. Während ich 2 Tage zuvor beim Bohren mit dem Gefühl des "grössten Dursts aller Zeiten" abgestiegen war, schien mir dieser nur gleich nochmals gesteigert. Dummerweise mussten wir bei der ersten Gelegenheit wegen verkehrstechnischer Umstände (und eigener Unterlassung) für frische Getränke bis ins Urnerland fahren, so wurden wie bei zweiter Gelegenheit bereits in Biasca fündig - prost!

Eine weitere Impression aus der Route, dieses Mal das Finish der tollen L5 (6c).
L1, 45m, 7b+: Der Auftakt in diese Seillänge ist moderat schwierig und da man Cams legen kann, braucht's ziemliche Sperberaugen, um vom Einstieg den ersten BH zu lokalisieren. Wobei, darüber wo man durchklettert, gibt's eigentlich keine Fragezeichen. Dann steilt sich die Wand bereits auf, an einigen Seitgriffschuppen gilt's da schon ernst. Zwei Bolts, dann ein "crucial placement" für einen 0.3er-Camalot. Etwa 1-1.5m rechts-unten-aussen lässt sich auch noch ein Rock 4 (oder BD Stopper 7) gut legen - ich habe das nur beim allerersten Mal gemacht, d.h. es geht auch ohne, ist aber bereits etwas kühn. An ein paar Henkeln kommt man zu einem letzten Rastpunkt, bevor es mit der gebolteten Crux ernst gilt. Erst gilt's an Seitgriffen den Druck auf die Reibungstritte zu bringen, wo diese auslaufen folgen ein paar klitzekleine Leisten (so à la Beastmaker 6mm), welche direkt in eine heikle Mantle-Sequenz an Slopern überleiten - supercool! Zuletzt dann noch auf dem Band einige Meter nach links.

Blick vom Einstieg auf L1 (7b+), die hier sichtbare erste Hälfte ist noch nicht allzu schwierig (<=6c).

In der Schlusswand darf man dann seine "Crimp Strength" und seine Technik zum Einsatz bringen. Immer noch L1 (7b+).
L2, 25m, 7c+/8a: Nachdem man einfach 3m hinaufgestiegen ist, gilt's sogleich ernst. Die folgende Wandstufe ist leider nur mit ein paar Miniatur-Crimpern und schlechten Tritten ausgestattet. Aber es geht, für mich fühlt sich das an der Grenze des Menschenmöglichen an. Logo, ist es natürlich nicht, aber dass man an solchen Strukturen noch durchkommt ist schon erstaunlich. Die Bewertungsfrage bleibt somit ein Stück offen. Einfacher wie 7c kann das eigentlich kaum sein, nachdem wir es konnten, auch kaum schwierger wie 8a. Ich bin jedenfalls auf die Einschätzung von Spezialisten für diese Art der Kletterei gespannt. Nun denn, nach dem Einstiegsboulder hat man die Länge noch nicht im Sack. Die geniale Passage an der charakteristischen Quarzader erlaubt nochmals etwas Durchschnaufen vor dem kräftigen Finale. Der Fels bietet hier zwei herausstehende, vertikale und ziemlich glatte Kanten, an welchen man sich knifflig in die Höhe arbeiten muss. Wer zuhause einen freistehenden Kühlschrank hat, der könnte jedenfalls schon einmal an einem ähnlichen Objekt eine Übungsanlage finden (Sitzstart, please!). Zum Schluss gibt's in dieser Länge dann noch eine athletische Linksquerung an Slopern und ein paar Leisten - jedenfalls nach meinem Empfinden eine affengeile Länge mit total abgefahrenen Moves. Gneiskletterei par Excellence, so wie für die umliegenden Klettergärten (z.B. Claro) typisch.

L2 (7c+/8a) ist ein absoluter Knaller und bietet Gneiskletterei par Excellence.
L3, 30m, 6c+: Relativ gemütlich geht's los, für einmal an richtig guten Griffen und bequemen Tritten. Über den zweiten Haken ist's mal kurz etwas kniffliger, die Crux folgt an der finalen Wandstufe auf das bewachsene Zentralband hinauf. Hier stand ich bei der Erstbegehung kurz etwas ratlos herum und stellte mir die Frage, wie man dieses Stück wohl am wenigsten unangenehm erledigen könnte. Überall hingen von oben herab üppig Erika-Stauden und ein Durchkommen erschien fraglich. Nachdem die Passage nun jedoch gesäubert und geputzt ist, geht's ganz kommod. Die Wandstufe bietet dann allerdings doch noch einen powerigen Einzelzug, gar nicht so trivial. Dann rüber zum Baum, rauf aufs Band und nach links zum Stand.

L3 (6c+) ist mit dem Ausstieg aufs Zentralband nicht besonders fotogen, hat aber an ihrem Ende noch einen giftig-schönen Einzelzug. In der Route haben wir keine Fliegenpilze gefunden, auf dem Zustieg aber dafür unzählige.
L4, 30m, 7b: Als Wiederholer steht man möglicherweise vor dieser Seillänge und fragt sich, warum zur Hölle die Querung an die Kante. Die Antwort: weil die Kletterei viel besser ist. Bei der Erstebegehung standen wir nämlich vor der Entscheidung, die Verschneidung gleich ob dem Stand anzupacken, oder eben kühn die Kante zu versuchen. Nachdem die Verschneidung selbst noch etwas feucht war (was wohl häufig der Fall ist) und man wegen etwas Flechten und Moos erheblich hätte putzen müssen, wollte ich die Kante probieren. Vorsichtig (schliesslich steckte ja noch kein BH) tastete ich um die Ecke und ja, da schienen Griffe zu sein. Also wurde heikel aus der offenen Tür der erste BH gesetzt und tatsächlich, der Move um die Kante war gar nicht so schwierig und nachher folgte beste Wandkletterei an coolen Leisten. Weiter oben dann eine zweite Entscheidung: henklig übers Dach, an den Riss im Winkel oder rechts in der Wand bleiben. Hier fiel die Entscheidung auf letzteres, weil mir die Schuppen im Dachwinkel etwas gar zu hohl tönten - ich fühle mich einfach sofort unwohl, wenn ich an einer grossen Struktur ziehen muss, welche nicht zu 100.00% standhält. Die Wand rechts geht denn auch tatsächlich bis auf einen einzigen Move gut. Doch diese knifflige Bewegung macht die Länge zur 7b. Die Lösung aufzudecken wäre übrigens fast ein Verrat... Hat man sich die henklige Verschneidung dann geschnappt, warten noch ein paar Genuss-Moves hinauf zum Stand an einer soliden Eiche, wobei hier mit dem Camalot 3 (oder grösser) für Absicherung gesorgt sein will.

Blick von unten auf die tolle Wandkletterei in L4 (7b), wo Adi kurz vor dem entscheidenden Schlussmove ist.

Der Ausstieg in L4 (7b) zum Stand dann an dieser griffigen Schuppe, mit einem Camalot 3 (oder grösser) selber abzusichern.
L5, 35m, 6c: Der Blick hinauf offenbart eine kühne Risslinie, wow! Die ersten Meter gehen dabei einfacher wie gedacht, hier lässt sich vor allem kleines Gear legen. Eine kurz plattige Querung an einen parallelen Riss erfordert dann mehr, bevor man entlang der griffigen Schuppe (mittleres Gear) unter das Dächli gelangt. Wie ein gestrandeter Walfisch habe ich das erste Mal den Mantle auf den Absatz links geklettert - noch ohne den BH zu setzen. Als ich dann oben war, schien mir ein BH fürs sichere Weiterklettern und insbesondere für den Nachsteiger doch zwingend. Nun die Preisfrage, setze ich ihn so hoch, dass er erst nach dem Walfisch-Mantle zu klippen ist oder doch tiefer?!? Im Nachgang habe ich diese Anekdote hier und da erzählt und interessant ist vor allem, wie unterschiedlich die Ansichten sind. Von "wenn du es selber ohne BH geklettert hast, dann darf man nicht vorher klippen können" bis zu "fang jetzt nicht auch noch wie viele andere an, die Leute zu verarschen" war da die ganze Bandbreite dabei. Ähm ja, man kann den Haken jetzt übrigens schon vor dem Mantle klippen und beim zweiten Mal habe ich auch eine bessere Methode wie den Walfisch herausgefunden. Danach geht's hinauf an die Flosse, bevor eine weitere, charakteristische Passage folgt, nämliche die Traverse am "Fingerboard". Warum es so heisst, klärt sich dann vor Ort. Für ganz zuletzt ist's praktisch, wenn man noch einen 0.4er-Cam (ich behalte mir jeweils den auf) am Gurt hat, der 0.5er würde bei jenem Placement auch passen.

Der Blick vom Standplatz hinauf auf die coolen, cleanen Risse von L5 (6c) - naja, so gut auch wieder nicht sichtbar...
Die Schlusspassage jener Seillänge am "Fingerboard" (L5, 6c).
L6, 25m, 6a+: Nun wartet die coole Piaz-Verschneidung - irgendwie mein Anti-Style, aber trotzdem standen wir bei der Erstbegehung hier und es gab kein zurück. Den Bohrer konnte man allerdings getrost zurücklassen, denn dass hier perfekt mit Klemmgeräten abgesichert werden kann, war ja mehr als offensichtlich. Zu meinem Glück war die Kletterei nicht allzu schwierig. Wer nur ein Set Cams dabei hat, der sollte sich die auf dem Topo angegebene Sequenz (0.75; 2; 3; 1) zu Herzen nehmen, im Prinzip könnte man auf diesem Abschnitt jedoch auch die Lagerhaltung von einem ganzen Bergsportgeschäft versorgen. Das Finish dann steil und athletisch an Henkeln - es ist übrigens cooler, wenn man's direkt klettert, der Umweg rechts herum ist nicht einfacher und vor allem einfach auch mühsamer. Wie viele diesen Tipp beim ersten Mal beherzigen werden?!? Wahrscheinlich niemand, ich hab's auch erst herausgefunden, nachdem ich es im Toprope einmal ausprobiert habe.

Der Blick von oben auf das einfachere zweite Drittel der tollen Piazlänge L6 (6a+).
L7, 30m, 7a: Diese Seillänge kann durchaus etwas Bammel verursachen. Der Riss schwingt sich überhängend in den Himmel und Bolts stecken keine. Ist jedoch auch nicht nötig, das man hier wiederum seine ganze Habe an Cams versenken kann (und darf). Auf den ersten Metern gibt's einige unglaubliche Henkelschuppen und einen fetten Untergriff, so dass es schliesslich gar nicht so schwierig ist. Erst am Ende wartet dann ein zwingender Faustklemmer und ein paar tricky Moves, um den Riss zu verlassen. Das erste Mal kam mir dies sehr schwierig vor, vermutlich ist's jedoch eher eindrücklich als hart. Beim Durchstieg ging's dann leicht vor der Hand - hier konnte ich endlich auch das erste Mal meine Splitter Gloves einsetzen. Es gibt im Wesentlichen zwei Produkte, nämlich die deutlich dickeren, weniger Gefühl vermittelnden von Ocun und die deutlich filigraneren von Outdoor Research, welche ich von Bächli Bergsport erhalten hatte (herzlichen Dank!). Irgendwie ist die Sache durchaus etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings auch deutlich weniger schmerzhaft und die Reibung ist mit Garantie deutlich besser. Naja, nach diesem Werbespot fokussieren wir vielleicht nochmals auf die Route, welche im letzten Abschnitt nochmals athletische Wandkletterei mit einer fordernden Linksquerung und eine abschüssige Ausstiegsplatte bietet. Dann schwingt man sich über die Kante, geht wenige Meter aufwärts und hat es GESCHAFFT!!!

Die Splitter Gloves erleichtern die Faustklemmer in L7 (7a). Da es nur wenige sind, muss man nicht zwingend welche mitführen.
Kathrin attackiert im "Juggy Crack" am Beginn von L7 (7a). Foto: H. Tobler
Für den ersten Abseiler ist es deutlich günstiger, den Ausstiegsstand der My Darling zu nutzen. Von dort geht's 1 Seillänge runter, danach kann man 2 Strecken am Stück machen. Es sei erwähnt, die Verhänger-Gefahr ist nicht null - bei uns hat's bisher aber immer ohne geklappt. Andernfalls käme man halt nochmals in Genuss der tollen Risslänge (d.h. L5). Nun geht's vom Baum gerade runter aufs Band. Dort quert man am Fixseil hinüber zur Abseilmöglichkeit am Zwischenstand der My Darling. Es folgen noch zwei Strecken, bis man wieder Boden unter den Füssen hat. Anders als der Autor werden es die meisten wohl schaffen, den Abstieg bei Tageslicht zurückzulegen. Weil wir das erste Mal im Schein der Handy-Taschenlampen kurz etwas Mühe hatten, den horizontalen Pfad zurück zu den zerfallenen Ställen aufzugreifen, haben wir dort nun ein paar schöne Steinmänner gebaut. Ich hoffe, sie sind noch dort - und wenn nicht, so ist's bei Tageslicht eh kein Problem. Den Tipp mit der Tankstelle in Biasca für die ganz durstigen habe ich ja bereits erwähnt. Für jene, welche hingegen noch überschüssigen Strom im Bizeps haben, gibt's 50m über dem Parkplatz in Citto auch noch einen Klettergarten mit ca. 17 Routen von 5b-7c, Namen und Schwierigkeitsgrade sind am Fels angeschrieben. Viel Spass am Moven im Tessiner Gneis!!!

Happy Alpinist reaching the top after the First Free Ascent! Foto: H. Tobler

Facts

Parete Val d'Iragna - Baci dal Nord 7c+/8a (6c obl.) - 7 SL, 220m - Dettling/Waibel 2017 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, 1 Set Cams BD C4 0.3-3, evtl. Keile und 0.4-1 doppelt

Vorwiegend steile, athletische und kaum plattige Kletterei in sehr gutem Gneis, der auch zur Zeit der Erstbegehung nur an ganz wenigen Stellen brösmelig oder flechtig war. Die Kletterei zieht sich entlang einer logischen Linie an Rissen, verbunden mit anspruchsvoller Wandkletterei dazwischen. Letztere markieren die Schlüsselstellen, welche mit abgefahrenen Bouldermoves gemeistert sein wollen. Die etwas leichteren Splitter Cracks sind alle sauber, kaum bewachsen und hervorragend mobil abzusichern. So stecken denn in diesen Risspassagen auch keine Bohrhaken. Die nicht mobil absicherbaren Wandstellen sind mit A4-Inox-BH gut ausgerüstet. Inklusive der absolut zwingend einzusetzenden mobilen Sicherungen erreicht man einen Standard von xxxx bzw. gut+. Wer sich an die Placements im Topo hält, seinen Klemmgeräten vertraut und die Risse nicht übersichert, kommt wie der Autor mit 1 Set Cams von 0.3-3 durch. Wer möchte, kann problemlos auch ein zweites Set verbauen, Keile sind ebenfalls hier und da einsetzbar. Die Parete Val d'Iragna ist exakt nach Süden ausgerichtet und trocknet schnell - hier sollte man auch nach intensiven Tessiner Regenfällen bald wieder attackieren können. Während es im Sommer ausser bei bewölktem Himmel oder nach Ausbruch der nächsten Eiszeit sicherlich zu warm ist, kommen die Vorzüge der Wand vor allem in der kälteren Jahreshälfte zum Tragen. Selbst in der Zeit um Weihnachten hat die Route von ca. 8.45 Uhr bis 13.30 Uhr Sonne, einen Monat früher oder später bleibt die Sonne dann bereits bis um ca. 15.00 Uhr. Das PDF-Topo zur Route kann man hier runterladen.

Freitag, 29. September 2017

Parete Val d'Iragna - My Darling (7a)

Eigentlich figurierte die My Darling im Val d'Iragna schon seit längerer Zeit im Tessiner SAC-Kletterführer. Leicht abschreckend wirkte da die Tatsache, dass bei der Absicherung nur zwei von vier Haken figurierten, zudem stand bei der ersten 6c-Länge ein fettes Expo. Das hielt nicht nur mich, sondern wohl auch viele andere Kletterer von einem Besuch ab, denn über die Qualität der Route hörte man nichts. Das änderte sich in den letzten Jahren, der Extrem Sud zeichnete ein neues Bild von Routenqualität und Absicherung. Bald gab's auch die ersten, sehr positiv lautenden Berichte, u.a. von meinem Kletterkollegen Jonas. Tatsächlich hat die My Darling viele Vorzüge auf ihrer Seite: sie ist von der Alpennordseite her kommend rasch und mit kurzem Zustieg zugänglich, sie liegt sehr sonnig und gibt ein ideales Ziel für die kühlere Jahreszeit her, die Absicherung mit einem Mix aus vernünftig steckenden Bolts wo nötig und selber abzusichernden Rissen ist absolut stimmig und zuletzt passt ganz einfach auch die Qualität der Kletterei. Knifflige Steilplattenstellen an den ortstypischen Slopern, athletische Wandpassagen, Risse, Verschneidungen und sogar Schrubber-Kamine, auf den 6 Seillängen gibt's das volle Programm.

Schönes, typisches Tessiner Ambiente in Citto mit seinen malerischen Hütten. Das Objekt der Begierde im Bildzentrum.
Nun denn, der September scheint als Jahreszeit fast etwas gar früh für einen Besuch im Val d'Iragna. Allerdings war auf der Alpennordseite gerade eine Unmenge an Schnee bis in mittlere Lagen gefallen, somit war dort nichts zu holen. Tatsächlich trafen wir im Tessin auf ideale Bedingungen, besser hätte es nicht sein können. Doch es sei an dieser Stelle erwähnt, dass es an dieser Wand selbst an den kürzesten Tagen um den Jahreswechsel rund 4.5 Stunden Sonnenschein von ca. 8.40-13.10 Uhr gibt, was die Route zu einem Ganzjahresziel macht. Eine gut ausgebaute Bergstrasse führt von Rodaglio (zwischen Iragna und Lodrino) hinauf nach Citto (P.739) - hier hilft es, wenn man die Farbe Rot auf weissem Grund nicht so gut wahrnehmen kann. Anscheinend aber ein Phänomen, welches unter Kletterern absolut verbreitet ist... wohl zurecht, denn der Arm der Tessiner Gesetzeshüter scheint nicht bis zu diesen Bergflanken hochzureichen. Alternativ wären es von Iragna 450 zusätzliche Höhenmeter Fussaufstieg auf markiertem Pfad, in ~40 Minuten gut zu machen.

Wandansicht mit dem Routenverlauf
Von Citto wählt man den mehr oder weniger horizontal verlaufenden Pfad, welcher ins tief eingefressene Tal des Riale d'Iragna hineinführt. Dort, wo man dem Talgrund nahe kommt, wählt man den Pfad nach unten und gelangt bald zur geländerlosen, eindrücklichen Brücke. Auf der anderen Seite geht's dann auf dem markierten Pfad wieder horizontal talauswärts, dies über ziemlich exponierte Felsbänder. Man gelangt schliesslich zu einigen Felstreppen und steigt über ein paar Kehren aufwärts, bis man die zwei gut sichtbaren, halb zerfallenen Ställe erreicht. Links am linken der beiden vorbei, kurz aufwärts und dann wieder horizontal taleinwärts. Dieser Abschnitt kann vom Farnkraut überwuchert sein, zur Zeit unserer Begehung war der Pfad allerdings prima ausgemäht und bequem begehbar. Zuletzt dann, bei einer Rinne (Steinmänner, Rinnsal) hinauf zur Wand - Achtung, nicht zu früh hinaufsteigen, der richtige Punkt ist offensichtlich. Über schwache Wegspuren gelangt man zum Wandfuss, mit Hilfe von einem Fixseil gelangt man aufs Einstiegsband. Entgegen der Angabe in den Kletterführern gibt's im September 2017 nicht nur eine, sondern bereits 3 Routen. Links die Baci dal Nord, in der Mitte die My Darling (Routenname ist am Fels eingemeisselt) und rechts die Chiodo Sudato (mit Metalltafel markiert). Von Citto brauchten wir nur rund 40 Minuten zum Einstieg, es sind nur rund 200hm zu überwinden. Um 11:15 Uhr ging's los mit der Kletterei.

Ambiente im Zustieg, welcher sich auf gut begehbaren, aber exponierten Bändern über dem Riale d'Iragna vollzieht.
L1, 40m, 6c: Vom Einstieg hochblickend lässt sich die "Expo"-Angabe im Tessiner Führer durchaus nachvollziehen und lässt einen leer schlucken. Der erste Haken steckt auf rund 12m Höhe und die steile Wand bis dahin ist sicher kein Spaziergang. Allerdings auch nicht voll die Härte, zudem lassen sich gut Cams legen, somit sieht's schlimmer aus, als es tatsächlich ist. Nach dem Bolt geht's dann allerdings bald los mit der kniffligen Kletterei. Es warten steile Platten, immer wieder muss man sich an sloprigen Leisten bedienen, die Moves genau planen, sorgfältig hinstehen und sich gekonnt aufrichten. Die Sache ist anhaltend und lässt erst kurz vor dem Stand wieder "lugg". Die Absicherung ist gut, wenn auch zwingend und mental fordernd, einmal ist ein schwierigerer Schritt auch über einem Cam zu machen. Wer diese Länge gemeistert hat, der hat die Route im Sack. Insgesamt eine geniale Sache, danach ist man sicher warm!

Absolut hervorragende, steile und anhaltende Wandkletterei in L1 (6c).
L2, 30m, 6b: Am schwierigsten sind gleich die ersten Meter nach dem Stand. Zwar stecken die Bolts dort eng und absolut vernünftig, dennoch herrschen beim Sicherer leichte Befürchtungen, dass der da oben im Falle eines Falles der eigenen Rübe gefährlich nahe kommen könnte. Es handelt sich dabei übrigens um typische Tessiner Wandkletterei. Der zweite Teil der Seillänge spielt sich dann etwas einfacher in einer coolen Verschneidung ab, welche mit Cams und Keilen zusätzlich abgesichert werden muss (sehr gut möglich). Der finale Mantle aus der Verschneidung raus ist dann auch nochmals ein bisschen fordernd.

Auf dem Foto kommt die coole Rissverschneidung von L2 (6b) nicht so zur Geltung.
L3, 25m, 6b: Nach dem zweiten Stand müssen beide Kletterer an einem Fixseil über das horizontale Band etwa 15m nach links dislozieren. Dort will eine grosse, abstehende Schuppe gemeistert werden, was spreizend und in Kamintechnik vonstatten geht. Die Crux dann bei deren Ausstieg, entweder nach links oder gerade hinauf, beides ist nicht ganz trivial. Hier haben verschiedene Leute schon ihre Cams von den Rissen fressen lassen, also Vorsicht! Vermutlich sind ja aber die festgeklemmten noch da und die eigenen Geräte können am Gurt bleiben. Der zweite Teil führt dann kurz etwas durch den Dschungel, allerdings sind die Moves im Fels dazwischen gar nicht gänzlich trivial (und selber abzusichern).

Hier lässt sich's noch easy posieren, die nächsten Meter in L3 (6b) sind dann nicht mehr so einfach.
L4, 30m, 6b+: Eine weitere Perle von einer Seillänge! Die offensichtliche Verschneidung geht's hinauf, wobei die ersten 15-20m komplett selber abzusichern sind (sehr gut möglich). Helfend ist dabei auch der Riss in der linken Seitenwand, aber das wird dann schon jeder selber merken ;-) Im oberen Teil wird's dann noch richtig athletisch mit 3d-Kletterei. Spreizen, klemmen und schliesslich mit dem Rücken an die Wand, so richtig unkonventionelle Moves warten dort. Man kann's sich's ohne Zweifel viel schwieriger machen, wie es wirklich ist.

Impressionen aus L4 (6b+). Zuerst wird dem Riss entlang gejammt...

...nachher in exponierter Position gechillt. Das selbst abzusichernde Finale bietet die Crux (und eine gute Ruheposition).
L5, 25m, 6c: Die Seillänge beginnt gleich mit der Crux, ein unangenehm ausdrehender Piazmove auf schlechten Tritten, wo die Finger eher knapp nicht in die dünne Rissspur passen wollen. Gleich danach kann man diese dann wieder solide darin versorgen und auf Gegendruck vorwärts marschieren. Zumindest bis man in der Rissverbreiterung drin ist, weil dann gilt's in Schrubber-Technik den Kamin zu meistern (und diesen mit Cams im Grund auch selber abzusichern). Nach ein paar Metern ist dieses Intermezzo vorbei, es kommt final eine grossgriffige Wand-Steilstufe zum Stand hinauf.

Prima Ambiente hoch über der Riviera. Vis-à-vis Osogna, Cresciano und der Pizzo di Claro.
L6, 30m, 7a: Nun wartet noch die nominelle Crux! Erst einmal geht's die steile, athletische Verschneidung hinauf, welche selber abzusichern ist (sehr gut möglich). Dann der Bolt und eine athletische Passage an sloprigen Bändern und Seitgriffen, welche praktisch ohne Tritte in Campus-Manier geklettert werden muss. Ein absolut genialer Boulder, sowas kann man einfach gar nicht schrauben, und genau deswegen klettert der Homo Verticalis so gerne im Tessiner Gneis!!! Jedenfalls wird dort geprüft, wie viel Saft noch in den Armen geblieben ist. Nach ein paar einfacheren Metern folgt nochmals eine plattig-technische Stelle, welche den Zugang zur henkligen, überhängenden Abschluss-Verschneidung erlaubt. Diese hinauf und nach rechts, zum unbequemen (dafür fürs Abseilen sinnvoll platzierten) Stand.

Diese steile Verschneidung zu Beginn von L6 (7a) muss selbst abgesichert werden.
Um 15.10 Uhr hatten ich nach gerade rund 4:00 Stunden Kletterei das Top erreicht. Somit hätte es also tatsächlich rein von den Sonnenzeit her auch an einem der kürzesten Wintertage gereicht. Leider musste mein Kamerad wegen drohender Verpflichtungen im weltlichen Leben und somit aus Zeitgründen trotzdem auf den Nachstieg in der letzten Länge verzichten. Der Weg zurück wird abseilenderweise vollzogen. Obwohl die Seillängen nicht allzu lang sind, empfiehlt es sich aufgrund einer Bäume und Zacken weniger, die Stände zu überspringen. Wir haben's von Stand 5 nach Stand 3 gemacht, jedoch mit entsprechend Bammel das Seil abgezogen (was zum Glück gut ging). Bald darauf hatten wir den Wandfuss erreicht und machten uns zügigen Schrittes von dannen. Auch am Gotthard herrschte zum Glück und ausnahmsweise freie Fahrt, so dass wir trotz überzogenem Kletter-Zeitbudget rechtzeitig zurück daheim waren. Das war nun wirklich ein vergnüglicher Klettertag in einer höchst empfehlenswerten Route gewesen!

Facts

Parete Val d'Iragna - My Darling 7a (6b+ obl.) - 6 SL, 180m - Balestra/Petrini 1995 - ****;(xxxx)
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-2 plus 1 kleinerer, Keile nicht zwingend nötig

Sehr abwechslungsreiche, typische Tessiner Kletterei in bestem Gneis. Einige Bänder mit Büschen und Bäumen durchziehen die Wand, was jedoch nur anspruchsvolle Gemüter zu stören vermag. Die Moves dazwischen sind jedenfalls von Topqualität und bieten viel Abwechslung. Von plattiger Wandkletterei zu selbstabzusichernden Rissen und Verschneidungen über Kaminpassagen bis zu athletisch-griffigen Passagen gibt's alles, was das Herz begehrt. Dort wo man kann, muss die Route selbst abgesichert werden, was mit einem Set Cams (0.3-2 plus allenfalls 1 kleinerer Cam) sehr gut möglich ist. Die nicht absicherbaren Wandpassagen sind gut mit Inoxbolts eingerichtet, wobei die erste Seillänge die forderndste ist und das xxxx-Rating höchstens knapp verdient. Die Vorzüge der Wand kommen insbesondere in der Nebensaison zum Tragen, denn auch im tiefsten Winter gibt's hier noch über 4 Stunden Sonnenschein, was für eine Begehung ausreichen sollte. Das Topo der Erstbegeher ist unten abgebildet, weitere Infos findet man im Extrem Sud oder im SAC-Kletterführer Tessin (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich).

Topo der My Darling. Quelle: scoiattoli.ch