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Freitag, 4. September 2020

Engelhörner - Wakan & Decubitus (7b)

Viel Wind war in den Bergen angesagt, die Tourenwahl gestaltete sich nicht eben einfach und kondensierte schliesslich in einer Tour an den Engelhörnern. Das tönt ein wenig nach Notlösung, was aber dieser fantastischen Kombination überhaupt nicht gerecht wird. Klar, es ist ein Link-Up aus zwei Routen mit einem Gehstück dazwischen, die SW-Wand am Gross Simeler ist nur knapp 200m hoch und hat nicht den Ruhm der Wendenstöcke. Der Fels aber ist exzellent, wie der Name schon vermuten lässt, gibt es hier durchaus etwas Druckschmerz an den Fingern von den extrem rauen Tropflöchern. Eröffnet wurden beide Routen durch Teams um den legendären Chäppi Ochsner in den Jahren 1985/1986. Sie bieten neu-klassische, vertikale, sehr technische Kletterei à la Verdon mit null Speck und im Jahr 2009 aufdatierten Haken. Alles in allem wirklich ein sehr, sehr lohnender Ausflug, zumal die Sonne strahlte und der Wind nur ein laues Lüftchen war.

Blick vom Top des Klein Simeler Vorbaus auf dessen oberen Wandteil, Gross Simeler und Vorderspitz.

Den Zustieg wählten wir wie immer zuletzt von der Alp Gross Rychenbach (Taxe 15 CHF, zu bezahlen auf der Alp, wenn niemand vor Ort ist in Self-Service, dann kein Wechselgeld erhältlich), von wo wir in einer halben Stunde zur Engelhornhütte liefen und in wenigen Minuten gleich weiter unter den Klein Simeler gelangten. Um die mit 6-7 Seillängen eher kurzen Touren in der SW-Wand am Gross Simeler zu erreichen, bietet es sich anstatt dem etwas mühsam-kraxligen Fusszustieg an, eine Route am Vorbau des Klein Simeler zu klettern und dann auf dem Grasband bequem etwa 150hm zum eigentlichen Ziel aufzusteigen. Verschiedene Touren stehen zur Auswahl, am einfachsten wäre der Gagelfänger, dann stehen mit Senza Potenza und Wakan schwierigere Routen zur Auswahl, oder auch die in Vergessenheit geratenen und in neueren Topos nicht mehr verzeichneten Routen am Zapfen, Ottifant und Herbstballett, wären eine Option. Laut der Skizze im 'Arrampicare in Svizzera' schien Wakan in direktester Linie zu sein, de fakto spielt es aber keine Rolle und jede der oben erwähnten Routen führt mit etwa ähnlich viel Gehabschnitt zum Gross Simeler hinauf. Jedenfalls ist das Topo im erwähnten Führer schlicht und einfach falsch, Wakan befindet sich niemals so weit rechts wie eingezeichnet. Der Start befindet sich wenig offensichtlich auf der Höhe des zweiten Standes vom Gagelfänger (ca. 40m weiter rechts) auf einem Grasband, welches über zuletzt exponiertes Schrofengelände (T5) erreicht wird. Am Einstieg befindet sich ein Stand mit 2 BH, am Boden noch eine alten Sanduhrschlinge, sonst aber keine Markierung. Um 11.00 Uhr war die Sonne langsam daran, um die Ecke zu kriechen und wir stiegen ein.

Wakan

L1, 25m, 6c+: Auf dem Grasband ca. 3m nach rechts, bevor man eng mit BH abgesichert in die Wand einsteigt. Die ersten Moves gredig obsi lösen sich trotz gegenteiligen Befürchtungen gut auf, bevor schliesslich eine Rechtsquerung ansteht. Nach einem Stretchy Clip wird es dann einfach schwierig, es muss mit den Füssen auf glattem Parkett angelaufen und mit Hilfe von Untergriffen und einem Nasty Klemmer Gegendruck auf die Füsse gebracht werden. Hopp Zack an die Schuppe, ins grasige Loch und sofort weiter den Riss hinauf - stecken zu Beginn 4-5 BH in Kletterhallenmanier, so gibt's hier ausgangs Crux einen längeren Runout, wo nach den vorher gesetzten Massstäben 3-4 BH "fehlen", so dass man einen zünftigen Flug hinlegen würde. Wobei, das Gelände wird einfacher, wenn man nicht wie ich dermassen gepumpt gewesen wäre und noch dazu gefühllos-klamme Hände gehabt hätte, dann wäre es vermutlich kaum eine Sache, obendrein könnte man am Riss evtl. auch etwas legen. Damit ist es nicht erledigt, die zweite Hälfte dieser Seillänge fordert gefühlvolle Moves an Slopern mit den Füssen auf Reibung à la Rätikon. Super, genial Feng-Shui mässig geht's nach rechts hinaus zu Stand an 2 alten Bolts.

Eine sehr schöne Steilplatten-Traverse à la Rätikon schliesst L1 (6c+) ab. 

L2, 25m, 6a: Diese Seillänge verläuft in ihrem ersten Teil unmittelbar rechts einer Verschneidung, durch welche man im Grad 6a recht gut fortkommt. Trotzdem, die Haken stecken relativ weit rechts und irgendwann muss man die Verschneidung dann auch an etwas unlogischer Stelle verlassen. Das weckt die Vermutung, dass Chäppi hier ursprünglich den Weg über die steilplattige Wand angedacht hatte. Den probiere ich im Nachstieg und tatsächlich: a) steckten die ursprünglichen Haken nochmals 30-50cm rechts, b) die Wand ist gut und wirklich sehr lohnend zu beklettern, c) zeigt das Originaltopo den Verlauf eindeutig rechts der Verschneidung durch die Wand und d) entfällt die unlogische Querung. Im Engelhornführer ist diese Passage mit 7- bewertet (=6a+), im Vergleich zu diesem Werk von 1990 wurden in den heutigen Führern aber viele Seillängen (teils massiv) aufgewertet, so dass man sich für die Wand eher auf 6b/+ einstellen muss. Der zweite Teil der Seillänge ist gemütlich im fünften Grad.

L3, 30m, 6b+: Zum ersten Bolt hinauf ist es weit, wenn auch nicht so schwierig - vermutlich könnte man auch etwas legen. Die wohldefinierte Crux dann in der Mitte der Seillänge: direkt über den Haken sehr schwierig, ich ging etwas rechtsrum (fordernd!), die beste Lösung passiert den Bolt aber wohl linkerhand. Auf alle Fälle, ehemals 7- (6a+), doch auch für die heutige 6b+ fand ich das noch fordernd... tja, früher waren sie einfach stärker. In anhaltendem Gelände weiter zu unbequemem Stand an 3 nahe steckenden BH oder wahlweise gleich weiter in die letzte Länge.

Am Ende der kurzen L4 (6c) heisst es richtig Zupacken - schwieriger Ausstieg in einfacheres Gelände.

L4, 15m, 6c: Kurze rechts-links-Schleife in steilem aber recht gut griffigem Gelände. Nun, wenn man dann meint, man habe es schon geschafft, stellt sich noch die Crux der  Länge in den Weg. Ein Mantleproblem an Slopern, wirklich voll knifflig und auch alles andere als einfach zu lesen. Ehemals war diese Stelle mit 7+ bewertet, hier wurde also auf eine Aufwertung verzichtet - wenn man das durchzieht, dann könnte man auch 7a geben. Hm ja, so ist das eben, für 1985-Verhältnisse und nach altem Wenden-Massstab passt 6c schon, nicht unbedingt jedoch zu den neusten Plaisir-Einstufungen. Mein Nachsteiger hat dann eine andere Lösung gewählt und den offensichtlichen, aber unzuverlässig aussehenden Griff verwendet, den man auch nicht sanft belasten kann, sondern um die Stelle zu klettern unweigerlich mit voller Kraft aus der Wand zu reissen versucht. Sah auch nicht ganz easy aus, aber möglicherweise doch die einfachere Beta als meine Variante - mir wäre es so aber sehr unangenehm gewesen, ich ziehe nicht gerne voll an Griffen, wo ich nicht sicher bin, ob sie standhalten.

Obwohl es nur 4 kurze Seillängen sind mit insgesamt 100 Klettermetern, so hatten wir uns doch gute 1:30 Stunden damit beschäftigt. Es war eine absolut lohnende Ouvertüre gewesen mit erstklassiger Kletterei, gar nicht etwa geschenkt! Um den roten Punkt einwandfrei sauber zu halten war auf jeden Fall schon gehörig Einsatz, ja sogar auch etwas Glück notwendig. Nun denn, die Fortsetzung von Wakan, welche am selben Ort wie der obere Gagelfänger-Teil startet, wäre sicher auch eine spannende Sache, wofür ich bestimmt zurückkehren werde. Wir wollten aber am Plan mit dem Gross Simeler festhalten und rollten die Seile auf. Es sind ca. 150hm in gut begehbarem Gelände zu bewältigen (Wegspuren vorhanden). Hier die Schuhe dabei zu haben, wäre definitiv wesentlich angenehmer gewesen, wie baren Fusses oder in Kletterschuhen zu gehen...

Immer wieder ein reizvoller Anblick: Kingspitz NE-Wand, da war ich vor einem guten Jahr...

Decubitus

Noch bevor man ins überhängende Amphitheater unter der zentralen Südwand am Gross Simelistock gelangt (eine Kopie im Kleinen vom Sektor Eiserner Vorhang am Mähren in den Wendenstöcken), startet Decubitus über die grauen Platten. Die Route ist mit Farbe angeschrieben, wobei jene 35 Jahre nach der Erstbegehung langsam etwas am Abblättern ist. Um 13.10 Uhr ging es los.

L1, 25m, 6a: Puh, zum ersten BH hin muss man sich ganz schön strecken! Danach folgt aber supertolle Kletterei durch eine kompakte Wand, die viel höhere Schwierigkeiten vermuten lassen würde. Aber genau am richtigen Ort taucht doch wieder ein guter Griff oder ein bequemer Tritt auf, so passiert man hier tatsächlich elegant und ohne hohe Schwierigkeiten.

Perfekte Felsqualität und lässige Kletterei in der ersten Decubitus-Länge (6a).

L2, 20m, 5c+: Es folgt ein bogenförmiger Quergang nach rechts. Obacht, man verkoffere sich nicht in die Kombination und auch nicht in den Schrägen Riss. Die Kletterei auch hier sehr schön, griffig und extrem genussreich. Die beiden Seillängen 1 & 2 lassen sich sehr gut miteinander verbinden. 50m-Seile reichen bequem und Seilzug ist auch kein Problem (sofern man den Stand nicht klippt, aber man erreicht den ersten Zwischenhaken problemlos).

L3, 45m, 7a+: So, nun heisst es, ein paar Gänge höher zu schalten. Wobei, für den ersten Teil dieser Seillänge gilt das nur bedingt. Diese spielt sich an der markanten, diagonalen Rissverschneidung ab. Diese war ursprünglich clean und blieb dies auch im Rahmen der Sanierung. Wie im Topo empfohlen, führten wir Friends 1-3 (=Camalot 0.5-2) mit. Unter dem Strich hätte ich 0.3-1 günstiger gefunden, den 2er habe ich nicht gelegt (wäre aber möglich) und kleines Gear (auch Keile) passt gut. Anyway, diese 20m spielen sich im Grad ~6a ab, wobei man meist bequemer in der tropflochgriffigen Wand rechts klettert und den Riss nur zum Sichern nutzt. Vom Top der Schuppe weg geht's dann in die Wand: erst sind die Tropflochleisten (und nun auch eng gesetzte BH) da, kein Problem. Aber die Sache spitzt sich augenscheinlich zu - am Ende gilt es ein überhängendes Wändchen zu meistern, erst an Untergriffen, dann an feinen Tropflochstrukturen. Sehr technisch und schwierig zu lesen - wo hängen die Finger wohl ein wenig besser an?!? Nun, die Lösung wird nicht verraten, jedenfalls muss man hier auch vom Haken weg noch richtig dranbleiben und die Sache gipfelt mit einem kniffligen Mantle, der einen (nicht nur, aber erst recht) bei Vorhandensein von einem Pump nochmals in die Tiefe senden könnte. Diese Stelle nahe der Hauptschwierigkeit ist zwingend zu meistern! Wichtig: der Ausstieg aus diesem Wändchen ist nach links - in den älteren Topos sehr präzise verzeichnet. Vor Ort schiene auch der Weg nach rechts möglich und nicht weniger logisch, weiteres Fixed Gear ist nicht sichtbar und existiert bis zum 8m weiter oben steckenden Stand auch nicht.

Der Akteur am Ende der Schuppe in L3 (7a+), die perfekte Wandkletterei darob zumindest erahnbar.

L4, 45m, 7b: Nun folgt ein richtiges Killerviech von einer Seillänge, total genial! Nur gerade die ersten paar Meter sind einfach zu haben, man kreuzt hier den Quergang der Kombination und gelangt zügig hinauf unter den Wulst, wo der Ernst der Sache beginnt. Beta verraten ist immer doof, aber den Wulst sollte man eher links angehen - die Schuppen rechts tönen hohl und dünkten mich dubios, sie bieten auch nicht die einfachste Lösung. In leicht überhängender Wand gilt es dann, wirklich brutal fetzenscharfe Tropflochstrukturen zu bedienen und gleichzeitig kräftig wie technisch anspruchsvoll zu moven - ich liebe diese Art von Kletterei! Über ein paar Meter bleibt es bissig, bevor man an besseren Griffen wieder etwas Runterschütteln kann. Das ist auch nötig, denn der nun folgende Rechtsquergang hat es nochmals in sich. Auch hier wieder technisch forderndes, scharfes Tropflochgelände mit schwieriger Lektüre, es gäbe so viele Optionen - einfach mega! Erst zum Schluss, nachdem es um die Ecke geht, wird es dann etwas einfacher und 6b-Plattengelände führt hinaus zum Stand, der sich leider etwas unkommod hoch über einer ganz leidlichen Trittleiste befindet.

Ab der Position vom Nachsteiger ist's gegessen, einfacheres 6b-Gelände schliesst L4 (7b) ab.

L5, 25m, 6b/+: Vermeintlich hat man es nun "geschafft", zwei gemütliche Seillängen sollen noch warten. Das Sanierungstopo zeigt eine 6a+, d.h. die Übersetzung der ehemaligen 7-. Schon im Schweiz Extrem 1994 wurde aber auf 7 (=6b) hochgestuft und das dürfte auf jeden Fall zutreffen. An der ersten Wand muss ordentlich zugepackt werden und ohne entschlossen ein 1-Finger-Tropfloch durchzuriegeln geht die Crux wohl einfach wirklich nicht. Geniale Kletterei aber, nicht falsch verstehen! Man kommt dann zu einem Querband, an welchem man hangelnd nach rechts traversiert. Nach ein paar Metern kann man dieses entern und darauf noch weiter nach rechts zum Stand queren (direkt oberhalb befindet sich ein Klebehaken-Stand der klassischen Überschreitungsroute, das wäre die falsche Adresse).

Die Querung in L5 (6b/+), oben beim Turm befindet sich ebenfalls ein Stand.

L6, 35m, 6b: Hier im sich verjüngenden Gipfelbereich befinden sich mehrere Linien nahe beieinander und man muss ein wenig aufpassen, tatsächlich die Decubitus zu erwischen. Gerade hinauf geht's zu offensichtlichem BH, nach schwieriger Stelle und dem nächsten BH dann rechtshaltend zum Riss, direkt durch die Wand wäre die 7b der Agonie. Am Riss dann nochmals knifflig, direkt geklettert wohl eher eine gute 6b, mit grosszügigem Riesenslalom um die Haken herum lässt sich die gesamt Seillänge noch ein wenig bequemer haben.

Um 16.30 Uhr und damit  nach rund 3:15 Stunden Kletterei sind wir am Ende von Decubitus angelangt. Dieses befindet sich nicht auf dem Gipfel des Gross Simelistock. Laut Topo würde noch eine 3er-Länge plus etwas Kraxelgelände bis auf den Kulminationspunkt auf 2482m folgen. Doch einerseits war ich schon einmal oben, andererseits ist dann die Abseilerei über die Südwand nicht mehr so gut möglich und da ich um 20.00 Uhr daheim sein sollte, sind wir eigentlich sowieso schon weit über den spätest möglichen Umkehrzeitpunkt hinweg. Wir wechseln wenige Meter hinüber zum abseiltechnisch besser gelegenen Stand der Limite und werfen die Seile aus. Mit 3 Manövern (zuerst 30m, dann 2x 40-45m) erreicht man subito wieder den Sattel, welcher die SE- und SW-Wand trennt. Ein Abseilen bzw. Rückzug über Decubitus ist sicher möglich (Kettenstände), aber länger und wegen dem diagonalen Routenverlauf deutlich umständlicher und zeitraubender. 

Das Abseilen über die Limite geht subito - steil, direkt und nur 3 Manöver.

Vom Sattel könnte man rückseitig im steilen Schrofengelände zu Fuss Richtung Vorderspitze absteigen (am Ende 1x25m Abseilen), doch wir gehen (bessere Variante) zurück Richtung Wakan. Mit weiteren 2x50m Abseilen und etwas Abkraxeln stehen wir wieder bei unserem Depot. Bis wir gepackt haben ist es 17.50 Uhr, eigentlich hatte ich spätestens um 18.00 Uhr losfahren wollen. Da bleibt nur eine Möglichkeit: die Hinteren nach vorne nehmen! In Trailrunningmanier sprinten wir Ochsental und Hüttenweg hinab. Nach nur gerade 19:30 Minuten haben wir die ~550hm vom Einstieg zum Auto geschafft und können fast noch im Rahmen der Marschtabelle losbrausen. Schon erstaunlich, welche Distanzen selbst der träge Mensch (zumindest bergab) in relativ kurzer Zeit zurücklegen kann! Der Verkehr läuft dann nicht überall ganz nach unserem Gusto aber item - das war nun eine echt geniale Kletterei, auf eine solche Kombi mit Vorbau und Gross Simeler SW-Wand werde ich bestimmt wieder einmal gehen und nicht zuletzt reizt es mich auch, umgehend nochmals in die Decubitus einzusteigen. Leider blieb mir hier der Onsight verwehrt, diese Scharte gälte es mit einer einwandfreien RP auszuwetzen!

Facts

Engelhörner - Wakan/Decubitus 7b (6c obl.) - 10 SL, 300m - K. Ochsner et al. 1985/86, saniert 2009 - ****;xxxx

Material: 2x50m-Seile, 15 Express, Cams 0.3-1 & evtl. 2 und kleines Keilset

Sehr schöner Link-Up von zwei Routen an den Simelistöcken, unterbrochen von ca. 150hm Gehgelände. Die Felsqualität ist optimal, scharf, rau und noch komplett unverbraucht. Man trifft auf einen Mix von steilplattiger Kletterei und leicht überhängender Tropflochcrimperei, für Liebhaber perfekt! Die Routen waren schon ursprünglich im typischen 80er-Style von Chäppi gut abgesichert, d.h. dort wo nötig steckten die Bolts absolut fair, im einfacheren Gelände waren die Abstände eher weit. Bei der Sanierung wurden an den schwierigen Stellen nur die Haken ersetzt, an den einfacheren Stellen hingegen wurden teilweise Bolts dazugegeben. Dies aber nicht überall, so dass die Absicherung manchmal ein wenig inhomogen wirkt. Für die cleane erste Hälfte von L3 in Decubitus bracht man zwingend Cams 0.3-1. Auch sonst könnte man hier und da noch damit ergänzen, was jedoch nicht unbedingt nötig ist. Die Originaltopos von Wakan und Decubitus findet man noch im alten Engelhornführer, weiter ist Decubitus im Extrem West beschrieben und für diejenigen, die darauf Zugriff haben, ist auch das Topo von der Sanierung 2009 tiptop, auch wenn es nur die schon vorher existierenden, nicht jedoch die zusätzlich gesetzten Haken zeigt.

Mittwoch, 5. August 2020

Engelhörner - Öxli und Ox (6a)

Der wilde Kessel des Ochsentals in den Engelhörnern ist ein eindrücklicher Ort, welcher mir schon manch tolles Klettererlebnis beschert hat. Trumpfkönig, Silberfinger, Gagelfänger, der klingenden Namen gibt es viele. Mit der im 2017 erschlossenen Route 'Öxli und Ox' am wenig markanten Ochsenspitz gab es nun endlich auch eine gute Gelegenheit, um einmal mit der ganzen Familie diesen magischen Ort zu besuchen. Schliesslich ergab sich ein so tolles Erlebnis wie erhofft - Gegend und Kletterei sagten allen zu und nach über 500 Klettermetern inklusive Zu- und Abstieg hatten wir uns ausgiebig bewegt.

Hinein ins Reich der Engelhörner. Hinter der Hütte geht's in den magischen Felsenkessel vom Ochsental.
Nachdem sich die Familie nach Trainingslagern und Kletterausflügen hierhin und dahin erst gerade wieder vereint hatte, war ein früher Aufbruch am nächsten Morgen utopisch. Nachdem aber sicheres Wetter angesagt war und die Sonne die nach Westen ausgerichtete Flanke des Ochsental-Kessels erst gegen Mittag bescheint, war keine Eile geboten. Mit  letzten Tropfen Sprit (aufgrund der wieder einmal optimistischen Interpretation der Tankanzeige...) erreichten wir die Alp Gross Rychenbach (P.1574, Taxe 15 CHF bei der Alphütte zu bezahlen) und starteten den Zustieg um 12.15 Uhr. Die Engelhornhütte passierten wir 45 Minuten später, flugs gingen wir weiter Richtung Einstieg, wo wir nach total 1:10 Stunden Gehzeit eintrafen. Er befindet sich tatsächlich dort, wo die Felsen am weitesten herabreichen und kann aus dem Boden des Ochsentals praktisch auf ebenem Fuss erreicht werden. Mit den Vorbereitungen hielten wir uns nicht mehr lange auf und bildeten zwei Seilschaften, die nach Möglichkeit gleich parallel steigen würden. Nachdem die Kletterei geneigt-gutmütig aussah und Bolts mit nicht allzu weiten Abständen sichtbar waren, wollten die Kinder den Vorstieg anpacken.

Im Ochsental auf den letzten Metern zum Einstieg.
Die ersten 4 Seillängen bieten unschwierige Kletterei im 3./4. Schwierigkeitsgrad. Sie verlaufen grösstenteils über soliden und ausgewaschenen Fels in bzw. neben einer wenig ausgeprägten Rinne, welche den Kessel unter der Gertrudspitze entwässert. Nachdem alles trocken war, nirgendwo mehr Schnee lag und oberhalb keine Kletterer aktiv waren, schien mir dieser Ort nicht überaus gefährdet. Global befindet man sich da aber schon an einem Platz, wo unter ungünstigen Voraussetzungen Steinschlaggefahr herrschen kann. Zu erwähnen ist auch, dass alle Seillängen nahezu 50m lang sind. Auf den ersten beiden Teilstrecken stecken je 7 BH, was ja doch auch schon Hakenabstände von 6-7m ergibt. In Seillänge 3 sind es dann nur noch 5 Stück und am Ende von L4 gibt es auch einen längeren Runout von ca. 10-15m in zwar einfachem, aber doch etwas schuttig-brüchigem Gelände. Sprich, die Absicherung ist für solches Gelände sicherlich "gut", sauber gehen und sicher stehen muss man aber trotzdem. 

Off he goes... das müsste L4 (4a) sein.
In L5 (5b) erklettert man gar nicht mal so einfach gleich nach dem Stand eine Rippe in abwärts geschichtetem Fels, bevor es dann bald wieder einfacher voran geht. Mit L6 (4a) wartet nochmals ein etwas flaches, grasig-schuttiges Überführungsstück, bevor es im zweiten Routenteil dann steiler zur Sache geht. Man befindet sich an dieser Stelle unmittelbar unterhalb der Fixseil-Traverse, welche ich damals auf dem Weg zur Queen of Desert begangen hatte. Mit L7 (6a) folgt nun die Crux: erst noch flach, klettert man später auf einer Art Rampe in schöner 3d-Manier griffig aufwärts. In der Männerseilschaft übernahm ich ab dieser Stelle die Führung, während Larina sich noch tapfer im Vorstieg weiterkämpfte. Gerade hier ist "Kampf" eine nicht völlig abwegige Bezeichnung, denn aufgrund der Topografie der Seillänge mit dem flachen Start verursachte das Seilgewicht bei ihr trotz strategisch geschickt platzierten Verlängerungen prozentual doch einen erheblichen Aufschlag auf das Körpergewicht.

Da sind die beiden am Ende von L5 (5b), hinten die westliche Engelhornkette. Der Verlauf von L7 (6a) direkt ob den Kids.
L8 (5b) führt nun wieder direkt auf einer Rippe vorerst eng mit BH abgesichert in die Höhe, bevor zum Stand hin wieder einmal ein längerer Runout in schuttig-einfachem Gelände wartet. Vom Stand spähten wir nach Haken, gerade hinauf waren einfach keine auszumachen. Ein Blick ins Topo klärte dann auf, dass die Bolts rechts aussen nicht etwa zu einer anderen Route gehörten, sondern "unsere" L9 (5b) markierten. Es gilt hier wirklich zuerst 10m ohne BH nach rechts zu queren. Die erste Sicherung steckt dann seilzugtechnisch etwas gar weit unten. Nun geht's auf der Rippe aufwärts, es ist die Seillänge mit der schlechtesten Felsqualität. Man bedient meist etwas mürbe Seitgriffe auf Gegendruck - für mich natürlich kein Problem, aber für unsere zweite Vorsteigerin war das eine fordernde und auch etwas nervenaufreibende Sache. Aber ja, auch das Klettern in unsicherem Fels ist ein Skill, den es zu trainieren und zu fördern gilt - das ging hier bestens, dank den regelmässig steckenden BH auch safely. Weiter geht's mit L10 (5c+), wo nochmals kompakte Plattenkletterei in schönem Fels bei eng gehaltener BH-Absicherung wartet, prima! In der für einmal etwas kürzeren L11 (5b) warten auf der etwas gesuchten Linie nicht mehr die grossen Schwierigkeiten.

Die Cruxlänge (L7, 6a): unten flach, oben steil. Gut abgesichert, aber dennoch mit etwas  Luft zum Steigen.
Um 18.40 Uhr und somit nach rund 5:00 Stunden Kletterei waren wir alle am Top of Ochsenspitz. Leider bietet dieser bzw. das Routenende nicht ein richtiges Gipfelerlebnis, das ist doch ein wenig schade und wäre schon das Tüpfelchen auf dem i gewesen. Aber die gut 500 Klettermeter hatten allen echt Spass gemacht, v.a. hatten die Kinder hier einen wesentlichen Teil der Führungsarbeit übernehmen können, bravo! Schon bald galt es, an den Heimweg zu denken, v.a. für den Teil der Familie, welcher am Montag wieder in den Einsatz musste und nicht einfach auf die nächste MSL-Tour gehen konnte ;-) Zum Abseilen wäre die Route eingerichtet, aber die 11 manchmal etwas schräg verlaufenden Manöver in wenig steilem, bisweilen auch etwas schuttigen Gelände erschienen jetzt nicht gerade verlockend. Somit wollten wir wie empfohlen über die RendOx abseilen. Auch wenn das Gelände hier ein wenig steiler und die Linie etwas direkter ist, so erfordert das doch auch 10 Manöver, welche nicht das grosse Vergnügen darstellen - ist doch das Gelände oft geneigt, teils schrofig und meist mit seilfressenden, scharfkantigen Steinen durchsetzt.

Hoch der Berg, tief das Tal... unterwegs auf der schönen Rippe von L8 (5b).
Anyway, wir taten was zu tun ist, um etwa 20.10 Uhr setzten wir unseren Fuss wieder auf den sicheren Boden. Der Benefit von dieser Abseillinie war definitiv auch, den nicht unbedingt offensichtlichen Startpunkt der Route Rendez-vous nun schon identifiziert zu haben. Denn für diesen Gesamtdurchstieg auf den Ulrichspitz werde ich bestimmt zurückkehren - die Kletterei sieht bis zum Ochsenspitz zwar bisweilen etwas gesucht aus und ist bestimmt nicht in jeder Seillänge top, aber das Terrain verspricht doch manch tollen Klettermove. Und oberhalb vom Ochsenspitz locken dann definitiv die steilen Wände. Nun denn, das ist Zukunftsmusik, für uns hiess es nun die sieben Sachen packen und Abmarsch ins Tal. Noch rechtzeitig vor Ladenschluss konnten wir uns am Bahnhof in Meiringen mit einer kühlen Erfrischung eindecken, bevor die einen nach Hause und die anderen in Richtung des nächsten Kletterabenteuers fuhren.

Geschafft!

Facts

Ochsenspitz - Öxli und Ox 6a (5b obl.) - 11 SL, 500m - Anker/Romang 2017 - **;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express

Hübsche Route auf einen kleinen Gipfel im Kreis der grossen Engelhörner, die ein eindrückliches Ambiente bieten. Der Fels auf der Route ist meist gut, solide und kletterfreundlich, stellenweise liegt in leichteren Abschnitten Schutt herum. Die Route ist üppig mit neustem Inoxmaterial abgesichert, an den schwierigen Kletterstellen auf Stufe "Plaisir gut+" oder sogar "Plaisir super". Im einfacheren und oft auch etwas alpinen Gelände stecken auch regelmässig Bolts, aber am dümmsten Ort einen Griff auszureissen und zu stürzen könnte dann doch schmerzhaft enden. Insgesamt ist es sicher ein Unternehmen, das sich gut für weniger versierte Kletterer eignet. Trotzdem ist die Route rein aufgrund der Länge, der Lage, dem nicht anforderungsfreien Abseilen nicht unbedingt das ideale Terrain für den allerersten MSL-Ausflug. Ein Topo findet man auf den Seiten von ReBolting.

Zurück am Einstieg, in mehr oder weniger direkter Linie geht's zum Fähnli!

Dienstag, 3. Dezember 2019

Kingspitz - Trumpfkönig (7a+)

Die Engelhörner sind eines der ersten alpinen Klettergebiete, die ich in meiner Karriere besuchen durfte. Auf engem Raum gibt's hier allerlei an Herausforderungen und die Lage der steilen Zacken um das kleine, isolierte Kar des Ochsentals ist äusserst speziell. Die eindrücklichste Wandflucht in diesem Kessel, die Kingspitz NE-Wand, hatte ich auf der klassischen Führe von Steuri und Gefährten bereits anno 2003 durchklettern können. Schon damals existierte mit dem Trumpfkönig (Anker/Piola 1988, ~16 SL, 7a+) eine direkte Linie durch diese grosse Wand. Sie weist bei etwas kleinerem Format durchaus Ähnlichkeit zur Wellhorn SE-Wand auf, mit der typischen, diagonalen Felsschichtung von rechts unten nach links oben. Nun, vor dem Trumpfkönig schreckte ich lange zurück: alpin, fordernd, spärlich gesichert meinten die wenigen Stimmen, die sich dazu äussern konnten. Aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurde die Route durch die Sanierung im Sommer 2016, mein herzlicher Dank dafür an Daniel Anker und Moni Romang! Gelohnt hat sich das auf jeden Fall: wir erlebten im Vorsommer 2019 einen grandiosen Klettertag mit alpinem Abenteuerfaktor.

Grandioses Ambiente im Ochsental in den Engelhörnern. Kingspitz, Kastor und Pollux leuchten bereits in der Sonne.
Zustieg

Unsere Tour startete um 7.20 Uhr von der Alp Rychenbach. Um die Schotterstrasse dort hinauf befahren zu dürfen und das Automobil stehen lassen zu können, ist eine Taxe von 15 CHF zu berappen. Dies ist entweder im Rest. Zwirgi (sofern bereits geöffnet) zu erledigen, man kann direkt bei den Älplern bezahlen (falls sie vor Ort sind und Zeit haben) oder man kann seinen Obulus in Self-Service auch in einen auf der Alp aufliegenden Umschlag stecken. Um unabhängig zu sein, sorgt man am besten vor und ist nicht auf Wechselgeld angewiesen. Zuletzt noch ein Hinweis: die übliche Parkgebühr für das Rosenlaui-Gebiet von 8 CHF/Tag ist nicht fällig, wenn man auf der Alp Rychenbach stationiert. Dass diese einen rascheren Zugang zur Engelhornhütte erlaubt, ist nichts neues, das hatte ich bereits in meinem Bericht zur Queen of Desert so beschrieben. Zügigen Schrittes erreichten wir die Hütte nach genau 30 Minuten. Wir hielten nicht inne und liefen gleich weiter hinauf ins Ochsental, wo wir um 8.10 Uhr und somit 50 Minuten nach Aufbruch in genialem Ambiente unter der Wand standen.

Joggli im Ochsental am Spazieren. Dieser Kessel mit seinem gigantischen Widerhall, einfach grandios!
Wir nahmen einen Schluck aus der Flasche, schossen ein paar Fotos und ein paar Gedanken in froher Erinnerung an frühere Erlebnisse an diesem Platz durften auch nicht fehlen (ja, ich werde das wohl jedes Mal wieder schreiben, wenn ich hier vorbeikomme ;-)). Na ja, gewisse Dinge vergisst man nie, bei anderen verändert sich die Wahrnehmung im Lauf der Zeit. So wie ich es noch präsent hatte, war letzte Teil des Zustiegs über den Vorbau der King-NE-Wand keine grosse Sache - halt à la verschärftes Spaziergelände, das für einen Alpinisten kaum der Rede wert ist. Nun aber dünkte mich die Sache doch nicht ganz so harmlos, man klettert doch ein paar Zweier- oder Dreierstellen in ziemlich exponiertem, abschüssigen Gelände - selbst wenn man den Vorbau auf dem korrekten Weg von links her angeht (wer direkt hinauf klettert oder sich sonstwie verkoffert, muss sich auf noch schwierigeres Gelände einstellen). Sicherungsmöglichkeiten gibt's keine nennenswerten, so muss man hier einfach souverän sein. Um 8.25 Uhr und damit gerade eine gute Stunde nach Aufbruch vom Auto waren wir am Einstieg. Dieser ist durch einen BH markiert. Ein Bohrmaschinengraffitti "KING" mit Pfeil deutet auf den markanten Kamin rechts oben, welcher für den Zugang zur klassischen NE-Wand-Route noch erstiegen werden muss. Da ein langer Tag wartete und auch die Schuhe mit mussten, hatten wir uns für das Klettern mit Haulbag entschieden (mässig empfehlenswert, das geneigte Gelände ist nicht ideal und es besteht die Gefahr, Steine zu lösen). Bis dieser gepackt war und auch sonst alles parat, war es 8.45 Uhr.

Hier beim Graffitti und BH geht's los für den Trumpfkönig!
Routenbeschreibung

L1, 6a+, 45m: Damit sich keine Kletterer verirren, welche in die klassische NE-Wand wollen, wurden die ersten BH mit Absicht versteckt platziert. Somit heisst es nach Gutdünken diagonal nach links hinauf zu steigen. Das Gelände ist jedoch moderat schwierig und Bolts kommen dann schon, dort wo sie nötig werden. Hinweis: passt auf beim dritten Haken, der steckt in schlechtem Gestein, das rundherum gerissen ist. Ob der hält? Ich hätte es nicht ausprobieren wollen! Es ist aber kein Vorwurf an die Sanierer: kann passieren, leider ist an jener Stelle alles ziemlich spröde und splittrig und das beste Placement war bereits durch den originalen, korrodierten Haken besetzt. In diesem Abschnitt warten einige technischere Moves, zuletzt geht's in wieder einfacherer Linksquerung zum Stand.

Unterwegs in L1 (6a+), ziemlich spezielles Gestein hier!
L2, 6b, 35m: Es geht links aus dem Stand hinaus und dann hinauf, der auf dem Topo verzeichnete gelbe Streifen ist durchaus vorhanden, war aber (zumindest bei den vorherrschenden Lichtverhältnissen) wenig deutlich. Die Hauptschwierigkeit besteht aus einer kurzen Einzelstelle an steilerer Partie.

Zweite Seillänge (6b), nun unterwegs auf dem "gelben Streifen".
Am Stand nach L2 (6b) begrüsst uns auch die Sonne. Vorher war's im noch eisgekühlten Ochsental doch einigermassen frisch, was sich aber logischerweise schlagartig geändert hat. Auf diese Weise konnten wir total doch etwa 4 Stunden und damit die 6 schwierigsten Seillängen an der Sonne klettern. Das gilt jedoch sicher nur für die Zeit um den Sonnenhöchststand, gerade gegen den Herbst zu gibt's in der King NE-Wand bestimmt nur noch wenig Sonne.
L3, 6c, 35m: So, nun geht's zur Sache! Erneut linksrum ausholen, dann nach rechts zurück. Die erst einschüchternd aussehende Rampe löst sich besser auf als befürchtet, die Hauptschwierigkeit liegt in der Querung der glatten Platte danach. Man plane die Moves sorgfältig... weil aber die Griffe ein bisschen listig versteckt liegen und die Moves kaum rückgängig zu machen sind, geht's hier nicht ohne ein wenig zu pokern. Da war ich froh, dass die von mir gewählte Sequenz schlussendlich aufging!

Rückblick auf die erste so richtig anspruchsvolle Stelle der Route, die plattig-glatte Crux von L3 (6c). Das Foto ist ein wenig ein Onsight-Spoiler, unterwegs abrufen gilt dann also nicht mehr als lupenreine Begehung ;-)
L4, 6b, 30m: Nochmals etwas zum Relaxen, auch wenn es der Boulder aus dem Stand raus durchaus in sich hat! Über das folgende, griffige Dächli geht's dann schon besser. Es folgt schliesslich einfacheres Gelände, über welches man in einem Runout zum Stand gelangt!

Engelhorn vibez!
L5, 7a, 35m: What a pitch! Der abwärtsgeschichtet-plattige Auftakt sieht schon sehr herausfordernd aus, dank ein paar tauglichen Leisten an der richtigen Stelle kommt man aber noch erstaunlich gut durch. Dann dem markanten, diagonal nach links oben ziehenden Riss entlang. Zu Beginn klettert man oft auf Gegendruck und es ist noch moderat schwierig. Gegen Ende hin muss man dann aber gehörig in die Trickkiste greifen, um die wenigen Strukturen in eine kletterbare Sequenz einzureihen - fordernd, zwingend, genial! Der fällige Powerscream widerhallt im ganzen Ochsental, das macht's gleich noch eindrücklicher (da sonst niemand zugegen war, darf man sich ja sowas mal erlauben - für die allenfalls erschreckten Bergdohlen und Heugümper tut's mir leid).

Erst plattig, dann rissig - aber einfach genial: L5 (7a)
L6, 7a+, 30m: In einer gängigen, horizontalen Rechtsquerung erreicht man eine weitere, steile Wand. Der nochmals höher angegebene Schwierigkeitsgrad ruft eine gewisse Ehrfurcht hervor. Doch auch nach der Querung geht's im Piaz erst noch ganz kommod in die Höhe. Zur Sache geht's dann nur über eine relativ kurze Strecke an einem Top-Boulderproblem an kleiner Zange - total genial, fast ein bisschen wie ein modernes Comp-Problem! Mir ging's gerade auf, danach heisst's in anhaltendem Gelände entschlossen und mutig vorwärts steigen - mit einem mega Stoke erreichte ich den Stand (12.20 Uhr), wo mein Teil der Vorstiegsarbeit vorerst abgeschlossen war.

Sieht ähnlich aus wie die Länge zuvor, ist aber L6 (7a+).
Fantastische, grosszügige Wandkletterei bereits weit über dem Einstieg im oberen Teil von L6 (7a+). That's why...!!!
L7, 6b+, 40m: Wie geplant nahmen wir hier einen Führungswechsel vor. Vik musste sich gleich auf einen schöne, aber doch ziemlich anspruchsvolle Wandkletterei mit ein paar zwingenden Abschnitten gefasst machen. Hier konnte ich die Hakenplatzierung (im Gegensatz zu allen anderen Seillängen!) nicht in jedem Fall perfekt nachvollziehen. Ebenso lässt die Behakung noch einiges an Interpretationsspielraum über die tatsächlich zu wählende Linie.

Der Sonne entgegen (welche sich schon bald verabschieden wird) nach dem Führungswechsel in L7 (6b+).
L8, 6b, 45m: Dieser Abschnitt dünkte mich markant einfacher wie die Seillänge davor, auch lässt die Felsqualität bereits etwas nach, insbesondere im letzten Abschnitt, der zur Kreuzung mit der klassischen NE-Wand-Route von Steuri führt. Hier verabschiedete sich um ca. 13.30 Uhr auch die Sonne aus der Wand - kein Problem für uns, es war auch im Schatten angenehm warm.

L9, 6b, 45m: Entlang von einer Art Rampe geht's bei nicht allzu schwieriger Kletterei aufwärts. An deren Ende wartet direkt geklettert eine kurze 6b-Stelle, die man jedoch auch (eher logischer) links umgehen kann. Auf dem Band danach quert man scharf nach rechts, um dann an der etwas brüchigen Verschneidung bzw. auf der Rippe hinaufzuklettern.

Die markante Rampe, welche man in L9 (6b) nach dem Zusammentreffen mit der klassischen Steuri erklimmt.
L10, 6b+, 40m: Hier wartet nochmals recht schöne Wandkletterei, ebenso helfen zwei Verschneidungen beim Fortkommen. Der Stand befindet sich an etwas unlogischer und unbequemer Position, ein paar Meter weiter oben oder unten könnte man deutlich besser sichern?!?

Auftakt in L10 (6b+).
L11, 6b, 35m: Ziemlich alpin anmutende Kletterei bei gemässigter Schwierigkeit. Zuletzt folgt dann allerdings eine elegante und auch sehr fotogene Linksquerung.

Die elegante und fotogene Linksquerung am Ende von L11 (6b).
L12, 6c, 40m: Schon am ersten Überhang wartet eine Boulderstelle, welche etwas Blockierkraft erfordert. Nun ja, für heutige, indoortrainierte Leute kein allzu grosses Hindernis. Nach einem Rastpunkt wartet das nächste Problem, nämlich die markante (Verschneidungs-)Rampe zu erreichen. Wir haben es mit zwei unterschiedlichen Lösungen beide geschafft, elegant war aber keine davon. Sprich, das ist wohl einfach ein Gewürge! Weiter geht's zwar originell, wenn auch wegen alpiner Felsqualität nicht sonderlich schön über die Rampe hinauf.

Rückblick aus der Rampe, kurz vor dem Routenende in L12 (6c).
Weiter zum Gipfel...

Um 15.45 Uhr erreichen wir, nach ziemlich genau 7:00 Stunden Kletterei, das eigentliche Ende der Route. Von hier könnte man Abseilen und zum Schluss über den Vorbau abklettern. Das stellt vermutlich den schnellsten Weg zurück nach Hause dar. Aber Achtung: es besteht definitiv das Risiko, mit dem Seil Steine zu lösen! Für uns war sowieso klar, dass wir die Tour mit einem Gipfelgang beschliessen würden. Das gehört für mich beim Klettern einer solchen Tour einfach dazu, da kann man nicht irgendwo mitten in der Wand wieder abseilen. Selbstverständlich ist der Weg über den Gipfel, insbesondere der wilde Abstieg, auch alpinistisch sehr lohnenswert! Somit also weiter...

L13, 2a, 25m: Eine schuttige und einfache Länge ohne fixe Sicherungen, auch das Legen von mobilen Sicherungen präsentiert sich schwierig. Zuerst etwas links hinauf, wo man nach etwa 10m mit dem Verlauf der klassischen NE-Wand zusammentrifft. Dann diagonal der logischen Linie entlang nach rechts hinauf zu Stand unmittelbar vor dem Grat, ca. 25m total.

L14, 4c, 30m: Unterhalb vom Grat links hinauf (H, Fixfriend) und in nicht mal ganz so trivialer Kletterei (2 BH) zu einem Kettenstand, erneut unmittelbar unterhalb des Gratverlaufs. Ein Verhauer über den Grat dürfte deutlich unangenehmer zu klettern sein.

Dem Gipfel entgegen in L15 (3a). 
L15, 3a, 50m: Nun ersteigt man direkt nach dem Stand den Grat und folgt diesem zum Vorgipfel (50m). Achtung, der Fels ist teils lose und es sind keine fixen Sicherungen vorhanden. Man muss sich also in alpinem Klettergelände absolut sicher bewegen können!

L16, 2a, 30m: Einfacher, horizontaler Grat, ca. 30m bis zum Gipfel.

Der letzte Abschnitt zum Gipfel (L16 gemäss Beschreibung, rechts oben das Rosenhorn.
Um 16.30 Uhr sind wie schliesslich beide am Top. Das macht eine Dreiviertelstunde ab dem eigentlichen Routenende oder 7:45h vom Einstieg. Das Ambiente am Gipfel ist, so wie ich es in Erinnerung habe, grandios. Auf alle Seiten geht's steil runter, in der Nähe begeistern die wilden Zacken der anderen Engelhörner und Ausblicke ins Hochgebirge mit seinen Gletschern gibt's auch. Leider gibt's kein Gipfelbuch, das wäre hier oben doch sehr interessant! Nur die Gamelle vom Hofnarr ist einen Zacken weiter drüben/unten sichtbar, der Weg dorthin wäre aber doch recht aufwändig. Da schaue ich dann erst an dem Tag rein, wo ich über jene Route auf den Kingspitz klettere.

Abstieg

Nach einem Vesper machen wir uns um 16.45 Uhr wieder auf den Weg, der Weg nach Hause ist ja noch lang, die Wegfindung komplex und das Gelände nicht einfach. Es ist zwar mein Second Go auf dem Kingspitz-Normalweg, aber nach 16 Jahren bleibt da nicht mehr allzu viel im Gedächtnis haften. Zuerst geht's über den steilen, exponierten Westgrat runter - das Gelände ist gerade genügend "einfach" und genügend gestuft, um seilfrei abzuklettern. Seit meinem letzten Besuch sind hier aber doch etliche BH "gewachsen". Wer möchte, könnte sichern oder abseilen. Es wären aber viele kurze Strecken nötig, was sicher enorm viel Zeit in Anspruch nimmt. Man verlässt den Grat schliesslich durch die in der Literatur beschriebene Rinne, es ist der logische Weg. Man kommt so in einfacheres, aber immer noch steiles, schuttiges Gelände. Hier muss man nun zwingend seilfrei abkraxeln (nur zwischendurch 1x Abseilstelle vorhanden, kann jedoch gut abgeklettert werden).

Ein Mann auf verlorenem Posten? Wie im Text erwähnt ist die Routenfindung auf dem Abstieg nicht ganz trivial. Hier war ich aber definitiv korrekt unterwegs :-) Es handelt sich um das "steile, schuttige Gelände", wo man zwingend seilfrei abkraxeln muss. 
Schliesslich erreicht man unter dem Kastorsattel (oder Pollux?) das obere Ende der markanten, plattigen Rinne. Zu Beginn kann man auch hier im gestuften Gelände noch gut abklettern. Doch das Kernstück ist dann echt glatt sowie auch sehr exponiert. Hier haben wir 1x50m (Zwischenstand wäre vorhanden) zu einem schmalen Band abgeseilt, das sich (nach unten sehend) 10-15m rechts herauszieht. Dort am Grat zogen wir einen weiteren 1x50m-Abseiler ins Schrofengelände (nur 25m und den Rest abkraxeln ginge zur Not auch). Nun wird das Gelände wieder etwas weniger steil, so dass man über die Schrofen abkraxeln kann. Teilweise sind Wegspuren sichtbar, tendenziell muss man sich etwas nach rechts halten. Schliesslich gelangt man zu dem Punkt, wo man mit einem kurzen Aufstieg den Ochsensattel gewinnen kann. Da ich den dortigen Abstieg vom letzten Mal noch als rough und haarig in Erinnerung haben, wollen wir es diesmal mit dem Kingweg probieren. Dessen Wegspur lässt sich ausmachen, allerdings führt sie hinunter nach Rosenlaui und nicht retour zur Engelhornhütte. Darum gilt es, den Abzweiger Richtung Rosenlauistock bzw. zum Schönbidemli nicht zu verpassen. Im Gelände konnten wir ihn nicht ausmachen, erst 30hm weiter unten wurde es offensichtlich, dass wir bereits zu tief waren. Mit einer Bonusseillänge (seilfrei) in bestem plattigem Engelhornfels mit grossen Löchern war das Malheur rasch wieder korrigiert.

Abseiler in der plattigen Rinne, hier abzuklettern wäre doch ziemlich gewagt!
Auf der Rippe zum Schönbidemli eröffnet sich ein sehr schöner Blick auf die Rosenlauistock Südwand - lädt richtig zum Klettern ein, was wir ja auch schon dann und wann gemacht haben ;-). Von dieser Stelle kann man vermutlich auch hinüberqueren zu den Einstiegen am Rosenlauistock oder (unsere Variante) über schwache Wegspuren aufs Bidemli runterkraxeln. Von dort heisst es ziemlich genau horizontal queren, bis man auf die deutliche Wegspur von/zur Rosenlauistock Südwand trifft. Mit etwas Auf und Ab unter der NW-Wand durch gelangt man schliesslich zügig zur Engelhornhütte (18.30 Uhr) und gleich weiter zur Rychenbachalp (19.00 Uhr, 2:15h für den Abstieg vom Gipfel, total 11:40h für die Tour) wo sich der Kreis schliesst. Wow, das war jetzt eine ausgedehnte und abenteuerliche Runde durch die Hasli-Rockies, gewürzt mit vielen tollen Klettermoves und Ausblicken.

Facts

Kingspitz - Trumpfkönig 7a+ (6c obl.) - 16 SL, 580m - Piola/Anker 1988 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile (allenfalls 1x50m machbar), 12 Express, kein mobiles Material nötig

Alpines Sportklettern oder sportliches Alpinklettern? Irgendwo im Grenzbereich zwischen diesen beiden Genres bewegt sich der Trumpfkönig. Die Kingspitz NE-Wand ist ein grosses Gemäuer in eindrücklicher Umgebung, nur schon der Weg über den Vorbau fordert Spürsinn und alpine Fähigkeiten. Während die Route selber seit der Sanierung prima mit rostfreiem Material abgesichert ist (obere Grenze von xxx, bzw. untere Grenze von xxxx), so ist die Felsqualität nicht überall top. Die zentralen Seillängen 3-8 bieten super Kletterei in prima Fels. Davor und danach sollte der Kletterer aber auch etwas Übung haben im pfleglichen Umgang mit dem Gestein. Nach meinen persönlichen Gusto lässt es sich aber auch dort immer sicher, genussvoll und mit Spass klettern. Endgültig alpin bei spärlicher Absicherung wird's dann auf dem Gipfelausstieg über die klassische Route und auf dem langen Kraxelabstieg. Zur Not kann man zwar auch dort inzwischen an manchen heiklen Passagen sichern. Doch einerseits explodiert so ganz sicher der Zeitplan, andererseits gilt es immer noch, auf weiten Strecken im exponierten Schrofengelände seilfrei abzukraxeln und den besten Weg zuverlässig zu identifizieren (es sind keine Markierungen vorhanden). Rein von der Felsqualität her darf man dem Trumpfkönig wohl höchstens drei Sterne (***) attestieren. Als Gesamterlebnis war es für mich persönlich aber definitiv 5-Star-Deluxe! Wie bereits erwähnt, ist die Route seit der Sanierung gut abgesichert, es warten aber trotzdem noch einige zwingende Passagen. Die Crux zum Hochkommen ist wohl die 7a in L5 und auch die 6b+ in L7 ist nochmals etwas allegro, insgesamt ist wohl ca. 6c obligatorisch. Mobiles Sicherungsmaterial haben wir keines mitgenommen und auf dem Trumpfkönig auch nicht gebraucht. Punktuell könnte man allerdings schon hier und da noch etwas legen (eher kleines Material, d.h. Keile oder Cams 0.2-1). Auf dem Gipfelausstieg wären die Klemmer hingegen schon hilfreich, sonst ist's durchaus kühn (wenn auch unschwierig). Zuletzt: Vorsicht, wenn sich andere Kletterer in der Wand (d.h. auch in der klassischen NE-Wand) befinden, herrscht Steinschlaggefahr!!! Es ist für mich schwierig einzuschätzen, wie gross diese tatsächlich ist - jedenfalls sicher markant höher wie z.B. am Wellhorn. In dieser Hinsicht trafen wir es optimal, da wir die ganze Wand für uns alleine hatten.

Topo vom Erstbegeher Daniel Anker nach der Sanierung anno 2016 - vielen Dank!

Montag, 18. Juli 2016

Engelhörner - Queen of Desert (7a+)

Mitten im Winter 2015/2016 entdeckte ich das Topo zur Neutour Queen of Desert (7a+) in der Westwand der Gertrudspitze in den Engelhörnern. Sogleich wurde dieses natürlich auf der Festplatte gespeichert und eine Begehung hoch oben auf die Wunschliste gesetzt. Tja, um aber im Winter dort oben anzurücken, müsste man ganz schön verwegen sein, weshalb vor allem Geduld gefragt war und der Fokus auf das Vorhaben nicht verloren werden wollte. Nach dem regnerischen Vorsommer 2016 kam mit den ersten Julitagen aber schliesslich Gelegenheit, um dort oben anzugreifen. Soviel vorweg, eine geniale Route, welche mir ein tolles Erlebnis beschert und meine Erwartungen auf ein Abenteuer voll erfüllt hat!

Situation im Ochsental mit einem Teil der Engelhorn-Kette. Gepunktet der Zustieg durch die dritte Rinne und zum Fixseil.
Nach gutem Zureden konnte ich schliesslich meinen Seilpartner die Idee vom MSL-Sportklettern am Hintisberg ausreden und ihm einen Versuch in den Engelhörnern schmackhaft machen. Generell war es so, dass sich die Partnersuche für die Queen of Desert nicht gerade einfach gestaltete. Entweder schien das Verhältnis zwischen Zustiegs- und Routenlänge unattraktiv, oder dann herrschen generelle Vorbehalte gegenüber dem Klettern von (Neu)touren, über welche man nicht schon im Internet alle Details nachlesen kann und genau weiss, ob sie sich lohnen oder nicht. Da verfolge ich selber hingegen lieber den explorativ-abenteuerlichen Approach und freute mich, an eine mir noch unbekannte Wand vorzustossen, wo noch nicht alle Pfade bestens ausgetreten sind. Anyway, nach den Efforts vom Vortag in der La Trahison war zuerst einmal gütliche Nachtrühe und ein gemütliches Frühstück mit der Familie angesagt. Da ein mit Sicherheit gewitterfreier Tag prognostiziert war, wollte ich die Route angenehm in der Nachmittagssonne klettern und auf das frühmorgendliche Schlottern in der schattigen Westwand verzichten. So war es schliesslich 11.05 Uhr, bis wir uns wenige Meter unterhalb von Grossrychenbach auf ca. 1540m auf die Socken machen.

Unterwegs am Fixseil, das Gelände ist einfacher wie man meinen könnte, aber extrem exponiert.
In zügigem Anstieg war in wenig mehr als einer halben Stunde bereits die Engelhornhütte (1901m) erreicht. Bisher hatte ich zu diesem Ziel immer den klassischen Zustieg von der Rosenlaui gewählt, der ist aber eindeutig länger und irgendwie auch ein bisschen mühsamer. Ohne Rast ging's gleich weiter hinauf ins Ochsental, wo ich noch ein wenig den Erinnerungen an längst vergangene Kletter- und Lebenszeiten mit unvergesslichen Biwaks und dem Klettern verschiedener Engelhorn-Klassiker schwelgen konnte... Bald galt es aber, in den Kletter- und Spürmodus zu schalten. Die Passage durch die dritte Rinne hinauf Richtung Vorderspitze mag einen auf den ersten Blick erstaunen. Wenn man hier schon ein paar Mal durch ist, dann weiss man aber, dass doch geht, was zuerst beinahe unmöglich aussieht. Im ziemlich glattgewaschenen Schluchtgrund geht's auffi, akrobatisch im Bear Hugging Style wollen zwei Klemmblöcke überwunden werden und die Querung rechts raus erlaubt dann schon keine Fehler mehr - hier allenfalls Seilsicherung in Betracht ziehen, obwohl für den Vorsteiger wenig Sicherungsmöglichkeiten existieren.

Blick vom Ende des Fixseils und der nachfolgenden 25m-Querung zum Beginn der Route beim letzten roten Punkt.
Danach kraxelt man im einfachen, aber exponierten Schrofengelände aufwärts zum Fuss des Vorbaus der Vorderspitze Westkante. An dessen unterem Ende quert man nach rechts zur Abbruchkante und tatsächlich, da ist es - das Fixseil, das eine bequeme Passage über eine felsige Zone hinauf in das Kar unter der Gertrudspitze Westwand erlaubt. Nach 25m endet das Fixseil, aber ein schmales Grasband ermöglicht das Fortkommen hinauf zum unteren Ende des Kars - eigentlich easy, aber superexponiert, einige BH zur Sicherung sind vorhanden. Im Kar selber geht es dann über plattige, wenig gestufte Felsen hinauf, wobei man sich immer an den linken Rand hält. Man passiert 25m nach der Mündung einen Einzel-BH  mit Schlinge, danach folgen in 50m-Abständen 3 Standplätze mit jeweils 2 BH bis zum eigentlichen Beginn der Route. Die ersten zwei dieser Teilstrecken erledigten wir noch in den Zustiegsschuhen und seilfrei, das letzte Teilstück hinauf zum eigentlichen Routenbeginn wäre mir in diesem Modus aber definitiv viel zu haarig gewesen. Die plattigen Felsen werden immer steiler, die Kletterschwierigkeit am Schluss würde ich als etwas zwischen einem Dreier und Vierer einstufen - ich fand's schon am Strick und mit Kletterfinken nicht ganz unbedenklich, denn Möglichkeiten zur Zwischensicherung habe ich bis auf eine alte Rostgurke keine finden können. Bis zum Wechsel auf die Kletterfinken brauchten wir etwa 1:45 Stunden Zustieg, wobei hier das Anziehen des Klettergurts auch schon inbegriffen ist. Um 13:45 Uhr und somit 2:40 Stunden nach Aufbruch bei Grossrychenbach starteten wir schliesslich mit der Kletterei in L1.

Das hier läuft noch unter Zustieg... die letzten 50m zum eigentlichen Beginn der Route sind steil und bereits etwa ein Vierer.
L1, 45m, 6b: Schöne Kletterei über eine Art Vorbau-Wändchen. Immer wieder erleichten gute, positive Leisten das Fortkommen und ein paar schöne Löcher und Schlitze hat es auch. Das Finish dann plattig und easy, zu gemeinsamem Stand mit dem Albatros (6b+). Während dieser links weiterzieht (Equipment ist allerdings nur mit dem Fernglas zu erspähen), folgt die Queen of Desert gerade hinauf der Bohrhakenreihe mit der Bezeichnung "T.".

Jetzt geht's endgültig los mit der Kletterei, das ist L1 (6b).
L2, 45m, 6a+: Vorerst gemütliche, geneigte Plattenkletterei mit überschaubaren Schwierigkeiten, dies sind aber bis zum Ende der Route die letzten einfachen Meter! In Mitte der Seillänge fordert eine Stelle etwas geschicktes Antreten, das Finale dann steiler und überaus henklig - vielversprechend für den weiteren Verlauf, denn hier ist man nun endgültig am Fuss der steilen Westwand angekommen.

Kurz vor dem Stand in L2 (6a+), gutgriffige und gutmütige Henkelkletterei, auch wenn's nicht so aussieht.
L3, 30m, 6c: Der Blick hinauf verrät's, hier gibt's eine pumpige, überhängende Ausdauerlänge. Gute, henklige Griffe sind auch vorhanden, also los. Mein Kletterpartner wird im Vorstieg schon gleich nach dem ersten BH durch einen Griffausbruch gestoppt - die verführerische, vorstehende Zacke war der Belastung nicht gewachsen. Im zweiten Versuch geht's dann etwas weiter, bis kurz vor dem Klippen des fünften Hakens dieses Mal ein weiter Abgang wegen Griffausbruch erfolgt. Bei einer längeren, schöpferischen Pause wird das weitere Vorgehen erörtert. Schliesslich einigen wir uns auf die Option, dass wir die Kletterei fortsetzen und ich den kompletten Vorstieg übernehme.

Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe zur Kletterei hoffentlich nicht! So angetroffen vor Ort...
L4, 40m, 6b: "La paroi se couche un peu" heisst es im französischen Jargon, d.h. es geht nicht mehr ganz so steil wie in der Länge zuvor weiter. Sprich, nicht mehr überhängend und henklig, sondern in senkrechter Wandkletterei an gutem, griffigem Fels. Hier tritt nun auch die sehr charakteristische Felsstruktur der Wand zutage. Alles ist von links unten nach rechts oben geschichtet, Flachstücke oder Bänder sucht man vergebens.

Prima Kletterei an rauhem, wasserzerfressenem Fels in L4 (6b), dem Bruchriss am Bildrand folgt ein alter Versuch.
L5, 30m, 6c: Im gleichen Stil geht's weiter, formidable, anhaltende Wandkletterei an gutem, rauhem Fels. Auf einigen Metern folgt man hier einem alten Versuch - nimmt mich Wunder von wann und wem, kühne Gesellen mit einem Gottvertrauen in ihre wackligen Schlaghaken müssen das gewesen sein! Bei der Crux muss man dann schon ein wenig beherzt vorwärts steigen, die Absicherung mit soliden, perfekt platzierten Inoxbolts ist aber tadellos!

Keep on Moving! Sehr anhaltende Kletterei wartet in den oberen Seillängen, das hier ist das Finish von L5 (6c).
L6, 40m, 6b+: Es wird nochmals etwas steiler und geht dem Ausstieg entgegen. In einem grossen Bogen steigt man auf dieser eindrucksvollen Seillänge bei stellenweise etwas minderer Felsqualität aufwärts. Es hat in dieser Länge auch das eine oder andere etwas fragile Schüpplein, so dass bei der Griffauswahl ein gut geschultes alpines Auge hilft. Mir schien das gut machbar, ich habe nach meinem Erachten nur solide Griffe belasten müssen.

"Stand, chasch cho!". Wackliger Stand, ein Relikt aus vergangenen Zeiten am Ende von L4 (6b).
L7, 30m, 7a+: Nun kommen die beiden steilen Abschlusslängen! An der Felsqualität gibt's nun rein gar nix mehr zu meckern, es wartet beste Crimperei bis hinauf zum Gipfel. Mit Fluss und Selbstvertrauen geht's erst famos aufwärts, doch die Climax folgt gegen den Stand hin. Es wird brutal trittarm und an den diagonalen Strukturen gibt's nur noch wenige, nicht so gut erkennbare, kleine Leisten. Um alles abzutasten bleibt nicht ewig Zeit und irgendwann geht bei mir kurz vor dem Ziel das Licht aus... schade! Alles gegeben, gut gemacht, der Durchstieg im Onsight bleibt leider doch verwehrt. Zufrieden bin ich trotzdem!

Es lohnt sich hinzugehen! Hier das zähe Finish von L7 (7a+), die Crux der Route.
L8, 20m, 7a: Die Tatsache,  dass in dieser Abschlusslänge am meisten BH pro Klettermeter stecken weist schon darauf hin, dass hier nochmals anhaltend und anspruchsvoll geklettert werden muss. Wenige Meter rechts vom Albatros-Ausstieg geht's vertrackt an den üblichen, diagonalen Strukuren hinauf, wobei hier im Gegensatz zur Länge davor auch mal ein Rastpunkt das Gewinnen von Übersicht und das Planen der nächsten Moves erlaubt.

Vom Ausstiegsstand sind es nur wenige Meter zum Gipfel der Gertrudspitze (2633m), die lasse ich mir nicht entgehen, auch wenn es oben bis auf einen kümmerlichen Steinmann nicht allzu viel zu sehen gibt. So bald werde ich auf der Gertrudspitze wohl kaum wieder vorbeikommen, und besonders viele Menschen betreten diesen Punkt nicht. Klar, da wäre noch das ambitiöse Projekt mit dem Hufeisen, d.h. der Gesamtüberschreitung der Engelhornkette... aber das ist dann vielleicht etwas fürs nächste Leben, denke ich mir vor Ort. Umso erstaunlicher aber, dass der mir bekannte Lorenzo am selben Tag (aber ein paar Stunden früher) denselben Punkt bei einer Teilüberschreitung der Engelhorn-Kette erreicht hat. Seine Zeilen und Fotos, die ich 2 Tage nach der Tour zu Gesicht bekomme, machen dann doch wieder Appetit auf das Hufeisen, oder zumindest Teile davon. Zur Planungshilfe übrigens noch, der Gipfel wurde um 18:45 Uhr erreicht, somit hatte die Kletterei vom eigentlichen Einstieg gerade 5:00 Stunden in Anspruch genommen.

Nicht so das Top-Foto, aber: CUUUUMBRE! Wow!
Nun galt es noch, wieder sauber und effizient vom Berg zu kommen. Ein alpiner Abstieg vom Gipfel via Vorderspitze und Simelisattel wäre möglich, da er aber auch Abseilstrecken und exponierte Kraxelei erfordert, bringt das gegenüber einem Abseilen über die Route vermutlich kaum grosse Vorteile. Im oberen Teil gestaltet sich die Abseilerei über die Queen of Desert ob der steilen, absatzlosen Wand sehr effizient. Man sei ausdrücklich gewarnt, dass mehrere Abseilstrecken nahe an die 50m heran- oder sogar etwas darüber hinausreichen. Mit unseren praktisch neuen 2x50m-Seilen ging das gut auf, mit älteren, etwas geschrumpften Stricken kommt man aber in die Bredouille! Von R0 seilten wir noch 3x50m + 1x25m an den Beginn der Querung ab. Hier mussten 25m in Seilschaft gesichert werden, bevor die Fixseilpassage zurück in etwas weniger exponiertes Gelände leitet. Nach etwas Abstieg dann noch ein weiterer 25m-Abseiler in der Schlucht, so dass wir etwas vor 21.00 Uhr, d.h. in rund 2:00 Stunden vom Gipfel, wieder den sicheren Boden vom Ochsental betreten. An der schwach frequentierten Engelhornhütte vorbei geht's raschen Schrittes zurück nach Grossrychenbach, wo sich der Kreis schliesst.

Wenn alle Wegkreuzungen in den Bergen so gut markiert wären, dann gäbe es bestimmt weniger Verhauer...
Ab Meiringen bin ich dann alleine unterwegs auf der Fahrt ins heimische Bett. Das Radio überträgt live vom Open Air in Frauenfeld, aus dem Lautsprecher dröhnen fette und harte Rap-Beats. Nachdem ich ohne Mitfahrer unterwegs bin, kann ich das Volumen den Gegebenheiten entsprechend anpassen und beschwingt über die Strassen cruisen. Der Party-Sound (hier kann man ein Ohr voll nehmen) passt perfekt zu meiner Stimmung: die Queen of Desert hatte mich voll begeistert, mich in einsames, abenteuerliches Gelände geführt und sportlich herausgefordert. Noch dazu konnten wir uns mit der ersten Wiederholung sogar noch mit alpinem Ruhm und Ehre bekleckern. Mich würde es aber nicht erstaunen, wenn das nicht alle so sehen. Die ganz pessimistische Interpretation wäre dann so: "eine brüchige Route am Arsch der Welt, mit mühsamem, weitem und gefährlichem Zustieg, wo sonst kein Mensch zum Klettern hingeht". Das ist eben der Unterschied zwischen MSL-Sportklettern à la Hintisberg und alpinem Klettern sportlicher Prägung - make your choice!

Facts

Gertrudspitze - Queen of Desert 7a+ (6c obl.) - 8 SL, 280m - Anker/Romang 2015 - ***;xxxx
Material: 2x60m-Seile, 12 Express

Diese Route muss man sich zwar mit einem längeren Zustieg verdienen, dieser führt jedoch in einen sehr spannenden, einsamen Winkel der Engelhorn-Gebirges. Aficionados werden das grandiose Ambiente im einsamen, exponierten Kar unter der Gertrudspitze Westwand zu schätzen wissen! Zudem hat die Wand richtig Schwung und Steilheit, beim Zustieg droht sie einem quasi "auf den Kopf zu fallen" und wirkt so richtig unnahbar. Aus dieser Perspektive ist es kaum zu glauben, dass ein solch moderat schwerer Weg durch sie hindurchführt. Die Route bietet eine prima alpine Kletterei sportlicher Prägung an überwiegend guten Griffen und Tritten. Der Fels ist meist von guter bis sehr guter Qualität, stellenweise trifft man aufgrund der charakteristischen diagonalen Schichtung auch einmal auf ein fragiles Schüppchen oder einen wackligen Henkel. Mit etwas Umsicht lässt sich das aber gefahrlos beklettern, zumal auch in Sachen Absicherung alles im grünen Bereich bleibt. Es stecken solide Inoxbolts in humanen Abständen. Zwischendurch darf und muss man durchaus etwas Steigen zwischen den Haken, es ist jedoch nie gefährlich oder psychisch besonders anspruchsvoll. Man kann vor der grandiosen Arbeit der Erstbegeher nur den Hut ziehen, Chapeau! Zu erwähnen ist auch, dass die Schwierigkeiten in dieser Route sehr anhaltend sind und es praktisch keine leichten, geschenkten Meter gibt. Ab L3 findet sich kaum mehr ein Move, der leichter als 6b ist! So kommen einem die "nur 8 Seillängen" dann auch nicht unbedingt als Kurzprogramm vor. Zuletzt noch ein paar Hinweise: erstens, die Route ist üblicherweise nur im Hochsommer und Frühherbst zugänglich, wenn überhaupt kein Schnee mehr liegt. Zweitens, wer hier oben in einen Wettersturz kommt, gerät in Probleme! Ein Rückzug dauert und ist gefährlich, Schutz gibt es unterwegs oder am Gipfel so gut wie keinen. Drittens, die im Topo empfohlenen Klemmgeräte hatte ich nicht mitgeführt, ich konnte weder gute Einsatzmöglichkeiten erkennen, noch empfand ich sie als nötig.

Topo

Das Topo der Erstbegeher zu dieser tollen Route! Merci vielmals dem Team Anker/Romang!