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Montag, 1. September 2025

Pic de l'Aigle - Maëlstrom (7a)

Mit Larinas Teilnahme an der Jugend-WM und dem Trip nach Helsinki schrumpften unsere Sommerferien in den französischen Hautes-Alpes im 2025 auf ein Minimum zusammen. Mit nur 8 Klettertagen mussten wir uns auf "das Beste vom Guten" beschränken. Eine MSL im Massif des Cerces in der Nähe vom Col du Galibier gehörte da ganz eindeutig dazu, schliesslich galt es auch die schon über 7 Sommer fortgeführte Tradition zu bewahren. Nach zwei Limit-Sportklettertagen war das stabile Hochsommerwetter gegeben und der Wunsch nach etwas Erholung von den harten Moves präsent. So beschlossen wir, weder die längste noch die härteste Route anzugehen, welche für uns drin gelegen wäre. Trotzdem ist die hier beschriebene Maëlstrom kein "halbes Programm": toller Fels, eindrückliche Kletterei und ein super Ambiente charakterisieren diese Mega-Route.

Die fabelhafte Wand des Pic de l'Aigle mit dem Verlauf der Route Maelstrom.

Der von mir schon mehrfach beschriebene Vorteil der Wände um den Col du Galibier liegt darin, dass ein früher Aufbruch weder nötig noch vorteilhaft ist. Nach einem gesunden Schlaf und einem ausführlichen Zmorge machten wir uns in der zweiten Vormittagshälfte auf den Weg. Um 12.35 Uhr starteten wir schliesslich zu Fuss bei Les Mottets (2140m). Sprich, im Gegensatz zu unserer ersten Tour am Berg hatten wir noch die (schlimmer als) rätikonmässig holprige Piste von der Passstrasse bei Plan Lachat genutzt, um bis zur Barrieren-Absperrung zu fahren. Mehrheitlich den Kehren der Strasse folgend erreichten wir das Militärcamp bei Les Rochilles (2412m, 13.05 Uhr), wo allerhand Betrieb war (mehr dazu später). Nun gilt es noch, über ein Wiesen-Geröllgemisch, teilweise auf Wegspuren zum Einstieg zu gehen, welchen wir mit dem Fototopo problemlos anlaufen und identifizieren konnten (13.20 Uhr). Um 13.45 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Start zur Tour bei der Barriere von Les Mottets (2140m).

L1, 35m, 6a: An einem griffigen Riss geht's gleich steil in die Höhe, für die ausgegebene Bewertung doch gar nicht mal so einfach. Im oberen Teil dann einige Aufschwünge, bevor das Gelände abflacht und einfacher, ja am Ende gar etwas schrofig wird.

Schrofiger Ausstieg aus der sonst lässigen L1 (6a), hinten das Militärcamp Les Rochilles.

L2, 40m, 2a: Eine einfache Traverse, meist im Gehgelände, mit ein paar Kletterzügen im einfachen Fels. Es sind 4 BH vorhanden, grob gilt es sich Richtung 10 Uhr zu halten, sonderlich schwierig ist die Orientierung nicht.

Die zweite Länge ist noch als Zustieg zur eigentliche Kletterei am Pfeiler zu verbuchen.

L3, 35m, 6b: Hier geht's nun richtig los, wobei man auf den ersten Metern noch etwas Schonfrist erhält (gestufte Kletterei von noch nicht Top-Qualität). Letztere kommt aber: in steilplattigem Gelände gilt es entschlossen anzutreten, teilweise sind einige weite Moves an guten Griffen durchzuriegeln. Es ist anhaltend und recht komplex, eine taffe 6b! Hinweis: nach ca. 20m sieht man an einer Stelle den nächsten Haken nicht, dort geht es in Richtung 13 Uhr weiter (nicht den scheinbar einfacheren Weg nach links nehmen!)

Prima Plattenkletterei in tollem Fels mit eher vertikal ausgerichteten Strukturen (L3, 6b).

L4, 40m, 6b+: Nochmals eine anhaltende, plattige und fordernde Seillänge. Der Fels ist wohl rau, aber irgendwie doch schlabbrig-glatt mit wenig horizontaler Struktur, was mich sehr ans Schweizereck im Rätikon erinnert hat. Nach zwei Dritteln steigt man zu einem Break aus, die eindrücklich-plattige Traverse der Schlusswand löst sich dann gut auf, wenn man die richtige Beta findet.

Knallerplatte am Ende von L4 (6b+). Das hier im Bild löst sich gut auf, vorher ist es aber fordernd.

L5, 20m, 6c: Nun wird es deutlich steiler und der Charakter der Route wechselt zu steiler Tropflochkletterei. Schon bald einmal gilt es einen richtig harten Blockierer zu vollführen. Ich dachte mir erst "sowas kann nicht die 6c-Lösung sein", habe dann aber doch keine bessere Alternative gefunden. Nach etwas Dranbleiben werden die Griffe grösser und mit etwas links/rechts an der Kante gelangt man zum Stand.

Nicht so repräsentatives Bild vom einfacheren Ende der steilen Tropflochkletterei in L5 (6c).

L6, 35m, 7a: Bisher hatten sich alle Längen hart angefühlt, so machte ich mich für die Crux auf etwas gefasst. Ein kurzer, eher plattiger Auftakt führt zur Kante, wo man im leicht überhängenden Gelände an zwei diagonalen Tropfloch-Rails für Fortschritt sorgen muss. Da eng gebohrt, wäre A0 problemlos, doch der Onsight gelang mir überraschend easy. 1-2x kräftig aus einem Gaston riegeln, dann geht's ähnlich wie in der Länge zuvor mit links/rechts an der Kante deutlich griffiger und einfacher (6b) zum Stand.

Auch in der Cruxlänge flacht das Terrain am Ende ab und führt zu einem bequemen Stand (L6, 7a).

L7, 30m, 6c+: Zuletzt kommt noch ein richtiger Knaller mit Ausdauerkletterei in steilem Tropfloch-Gelände. Zwar geniesst die Länge im Internet nicht die beste Presse ("rocher ultra aggressif", "râpe à fromage", usw.). Doch ich klettere gerne in scharfem Fels und fand das einfach mega! Nach einem zupfigen Start geht's anhaltend und in luftiger Position zur Sache, gegessen und gepunktet ist es erst mit dem letzten Piaz-Überhängli, super!

Auch dieses Foto zeigt nicht das, was im Text steht. Erst die letzten Meter in L7 (6c+) sind geschenkt.

Dass uns dies (bzw. eine beidseitig einwandfreie Onsight- bzw. Flash-Begehung) gelang ist zwar nicht selbstverständlich, dürfte aber vermutlich auch nicht für allzu grosses Erstaunen oder Beifall sorgen. Muss es natürlich auch nicht, aber die ganze Wand ohne Sturz und Hänger zu beschreiten erhöht halt eben den Erlebniswert gleich nochmals deutlich - deshalb ist das immer das ultimative Ziel. Jedenfalls, um 18.15 Uhr waren wir am Top, somit hatten wir 4:30h gebraucht. Doch einen Grund zu pressieren gab es nicht, also genossen wir es ausgiebig und bis sich Larina jeweils an jedem Stand in bzw. aus ihren engen Comp-Kletterfinken geschält hat, vergehen durchaus Minuten... in dieser Hinsicht fruchten meine Appelle zur Verwendung von etwas grösser bemessenem Schuhwerk bei den nicht ganz so matchentscheidenden Tätigkeiten an Fels und Plastik leider gar nicht.

Fantastisches Panorama am Top - ils disent "bucolique".

Nach einer Pause bei schönster Abendstimmung und Top-Aussicht auf die rückseitigen Bergseen machten wir uns auf den Fussabstieg. Ein Abseilen macht hier überhaupt keinen Sinn: es wäre sehr umständlich und die Route ist nicht dafür eingerichtet, ein notfallmässiger Rückzug ginge aber schon. Zügig geht's im Bereich der Krete (Wegspuren vorhanden) abwärts zum Col des Rochilles und hinab zum Militärcamp. Und eben, dieses war mit dem Helikopter Squad der französischen Armee besetzt. Immer mal wieder war mit den eindrücklichen Riesenbrummern tagsüber eine Runde gedreht worden, für entsprechende Unterhaltung an den Standplätzen war also gesorgt. Nun: wie wir da zum Camp liefen, kamen Offiziere und Soldaten gleich dahergelaufen und empfingen uns wie Helden. Mit den Bergen und der Kletterei offenbar nicht vertraut, waren sie äusserst beeindruckt von unserer Kletterei durch die (vom Camp gesehen durchaus eindrückliche) Wand. Umso mehr, als sie sich gewahr wurden, dass da noch ein 15-jähriges Girl mit von der Partie war. Ein lustiger Austausch war es (parfois ça vaut la peine de bien parler français) und definitiv nicht der Zeitpunkt für ein Understatement, dass die Maelstrom für uns jetzt nicht "that big a deal" gewesen sei. Das wäre zwar durchaus korrekt, im Vordergrund steht aber sowieso das tolle Berg- und Klettererlebnis.

A+, wir kommen sicher wieder!

Facts

Pic de l'Aigle - Maëlstrom 7a (6b obl.) - 7 SL, 240m - Déglise/Laferrière/Millot 2011 - ****;xxxx
Material: 1x oder 2x50m-Seil, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

Eine eher kurze, aber doch eindrückliche Kletterei welche zwar nicht mitten durch die steile Westwand am Pic de l'Aigle führt, aber doch über einen Pfeiler auf einen kecken Turm im rechten Teil. Bis auf die Schrofenzone in L2 wartet qualitativ hochwertige Kletterei: zuerst ein Riss, dann fordernde Platten und in den letzten drei steilen Seillängen verschärfte Tropflochcrimperei. Für die Höchstnote von 5 Sternen reicht es insgesamt nicht ganz, aber ein sehr, sehr gut gibt es auf jeden Fall. Die Absicherung mit verzinkten BH ist prima ausgefallen. In den plattigen Abschnitten von L3 und L4 heisst es auch zwischen den Haken mal noch gescheit auf die Füsse zu stehen. In den steilen Tropflochlängen danach sind die Abstände dann deutlich kürzer und die Kletterei schien mir wenig obligatorisch. Gedruckte Literatur zum Pic de l'Aigle gibt es meines Wissens nicht, informativ ist C2C und das Topo der Erschliesser.

Hier geht's los!

Samstag, 19. August 2023

Pic de l'Aigle (2770m) - La Princesse de Feu (7a)

Eine Route am Col du Galibier, das gehört zu unseren lieb gewonnen Sommerferien-Traditionen. Einmal besuchten wir die Tête Colombe, meist war aber der Tour Termier das Ziel. Auch da gibt es noch einiges zu tun: L'usure du temps (7c+), Daisy chienne (7b+), En short au paradis (7b), Ici mieux qu'en face (7b). Wie man sieht alles Unternehmungen gehobenen Anspruchs, denen wir zwar (hoffentlich) durchaus schon mächtig waren. Da wir aber beim Sportklettern heftig gebügelt hatten und die MSL mehr der Erholung dienen sollte, war "un cran en dessous" bei den Anprüchen auch nicht verkehrt. Schliesslich war der Pic de l'Aigle die perfekte Lösung. Einerseits waren wir da noch gar nie, andererseits sprudelten die Berichte nur so von Superlativen und vor allem gab es auch reichlich Auswahl an Routen in gewünschter Länge und Schwierigkeit. Einzig die Anfahrt dahin war von unserem Basecamp nochmals 15 Minuten zeitaufwändiger. Sie hat sich aber mehr als gelohnt, das ist unser klares Fazit.

Die fantastische Westwand des Pic de l'Aigle mit dem Verlauf von 'La Princesse de Feu' (7a).

Somit fuhren wir also nicht nur auf den Galibier, sondern hinten wieder ein Stück runter Richtung Saint-Jean-en-Maurienne bis nach Plan Lachat (1980m), wo es im Bereich der Passstrasse viele Möglichkeiten zum Parkieren gibt. Grundsätzlich führt von da eine Schotterstrasse bis in die Nähe des Pic de l'Aigle. Tatsächlich ist sie bis nach Les Mottets (ca. 2140m) wohl jederzeit frei befahrbar. Ab dort war die Fortsetzung hinauf zum Militärcamp Les Rochilles (2420m) durch eine Barriere gesperrt, in der Nebensaison kann man da aber scheinbar manchmal auch hochfahren. Gehen würde es wohl sogar mit einem normalen PW zum Preis eines karosseriefeindlichen, ewigen Geholpers über die raue Piste. Ideal wäre ganz bestimmt ein E-Bike, welche aber Kathrin und Jerome für eine Tour beanspruchten. Somit starteten wir aufgrund der für uns unklaren Lage, dem starken Wanderbetrieb, fraglichem Zeitgewinn und moralischen Argumenten um 12.07 Uhr zu Fuss von der Passstrasse.

Beim Militärcamp von Les Rochilles. Bis hier, d.h. bis 100hm/10 Minuten vor den Einstieg kann man mit dem Bike fahren (immer) und in der Nebensaison wohl auch manchmal mit dem Auto. Ob man dies aufgrund der rauen Schotterstrasse und überschaubarem Zeitgewinn tun soll, ist dann natürlich eine andere Frage. Zudem ist's auch zu Fuss nicht extrem weitläufig.

Nein, als frühen Start kann man das definitiv nicht taxieren. Aber natürlich mussten wir uns erst mit gütlichem Schlaf von den vorherigen Efforts erholen, dann gescheit frühstücken und anfahren - das dauert schon einmal eine ganze Weile. Dazu ist die nach W exponierte Wand erst am Nachmittag besonnt und natürlich hatten wir einen Tag ohne Wolkenbildung und Gewittergefahr für unsere Tour ausgewählt. Für den Zustieg folgt man der Schotterstrasse nur bis ca. 2060m, ab dort führt ein ausgeschilderter Wanderweg abkürzend an der Flanke hinauf zum Militärcamp (2420m). Von dort ist es nicht mehr weit bis zum Einstieg (ca. 2520m) und der beste Weg auf einer Pfadspur durch ein Geröll-/Wiesengemisch ist visuell gut erkennbar. Den Einstieg zu lokalisieren ist nicht völlig trivial. Mit den Fototopos (idealerweise auch jenen der benachbarten Routen, Achtung kein Handyempfang im Gebiet!), vor allem den Buchstaben "PF" (nur schwach lesbar) und einigen Tipps von C2C (insbesondere nützlich ist jener der Fixé-Plättli mit dem 'jegrimpe.com'-Inprint) wird man aber hoffentlich genügend Sicherheit schaffen können. Um ca. 13.20 Uhr stiegen wir bei besten Bedingungen in die Route ein.

Ready to rumble! Am Einstieg der Route, man beachte das (spiegelverkehrte), knapp lesbare "PF".

L1, 30m, 6b+: Wow, das ist schon mal ein richtig toller Auftakt. Erst noch recht gutgriffig, wird es bald anhaltend und fordernd. Der Fels ist genial und wasserzerfressen strukturiert. Die Griffe sind aber meist vertikal und auch die Füsse muss man oft seitlich spreizend auf die Strukturen pressen. Zusammen mit der nicht sonderlich eng gehaltenen Absicherung macht das einen ziemlich anspruchsvollen Eindruck für den Grad.

Super Kletterei gleich von Anfang weg! Man sieht gut die vertikale Struktur, die in L1 (6b+) dominiert.

L2, 30m, 6c+ 1pa oder 7a (?): Vom Stand weg wird es gleich nochmals eine Ecke steiler, die Route zieht in eine Verschneidung hinein. Es löst sich aber alles gut auf und nach einigen etwas technischen Moves beim Exit legt sich das Gelände zurück. Dort trifft man auf einen (Zwischen)stand, der jedoch ausgelassen werden kann/soll. So kann man die nominelle Crux der Route gleich noch anhängen. Leider gibt's über den folgenden Dachwulst keine einfache Passage. Die Erschliesser sind zwar durchaus dort drüber, wo es noch am besten geht. Vom letzten Griff unter dem Dach den nächsten oberhalb zu erreichen erfordert aber eine Armspannweite von mindestens meinem Zuschnitt. Und auch so ist das Auflösen der Position an der eher durchschnittlichen Leiste und die folgenden 2 campusartigen Moves taff. Mir ging's gerade arschknapp auf, aber ob das so wirklich nur 7a ist?!? Ich zweifle... und für Larina war diese Stelle einfach absolut unmöglich freizuklettern, keine Chance da irgendwie halbwegs kontrolliert an einen Griff oberhalb vom Wulst zu kommen. Die 1pa-Lösung funktioniert aber für alle kommod.

L3, 45m, 6c: Eine absolute Hammerlänge mit fantastischer, anhaltender und fetzenscharfer Tropflochkletterei - da vergisst man leicht Raum und Zeit! Mittig, in einer angedeuteten Verschneidung an einem steilen, luftigen Pfeiler kletternd wartet die Crux. Da muss man doch mit etwas Entschlossenheit über den Haken steigen, sprich auf eher abschüssige Tritte stehen an Griffen, die nicht als Henkel zu bezeichnen sind. Geht aber schon!

Wenig repräsentatives Foto der genialen L3 (6c). Generell bietet die Route oft bequeme Stände auf Podesten. Das ist ja sehr zu begrüssen, dafür sieht man in den Rückblick-Fotos dann leider nicht so viel vom fantastischen Tropflochfels. Noch dazu sind wir mit Haulbag geklettert, dessen Handling die Fotomöglichkeiten leider auch etwas beschränkt.

L4, 45m, 6b+: Diese Sequenz beginnt mit einem etwas rustikalen Auftakt an einem breiten Riss, der über die ersten paar Meter nicht so schönes Gestein aufweist - geht aber schon. Das ist aber auch nur ein kurzes Vorgeplänkel auf den genialen Rest der Länge. Die führt nämlich bald vom Riss weg nach links hinaus in die Tropflochwand. Wie und wo genau man diesen Übergang am besten gestaltet bietet einigen Interpretationsspielraum. Nachher folgt dann affengeile, trotz dem gemässigten Grad durchaus kühne Tropflochmoverei. Und immer wenn man denkt "jetzt wird's schwierig" offeriert sich einem im letzten Moment doch noch eine Lösung. Zu erwähnen auch noch das nochmals steile Finish nach dem Break, welches an genialen Griffen ebenfalls perfekt aufgeht.

Ich würde nicht dieses affige Selfie posten, wenn ich ein besseres Foto von L4 (6b+) hätte...

L5, 40m, 6a+: Bestimmt die einfachste Seillänge der Route, wohl auch die am wenigsten spezielle. Die Kletterei ist aber immer noch steil und stellt durchaus ihre Ansprüche. Meist sind henklige Griffe in guter Zahl vorhanden, aber gerade der technische Beginn und der Ausstieg ins flachere Gelände fordern durchaus Interpretation und ähneln eher einer Wenden- als einer Plaisir-6a+.

Mangels fotogenem Finish von L5 sehen wir hier bereits einen Ausblick auf die geniale L6 (6c).

L6, 40m, 6c: Ein absolutes Highlight! Das gilt zwar noch nicht für den Auftakt, der die zwar einfache, aber auch etwas grasige Verschneidungsrampe quert. Die Erschliesser haben dann den Weg über die überhängende, linke Seitenwand gewagt. Und das hat sich voll ausbezahlt. Den Auftakt einer Rissspur entlang hätte man wohl auch per Ferndiagnose noch als 'machbar' taxiert, tatsächlich erfordert er nur einen einzigen, etwas kräftigen Pinch-Move. Doch der aus der Ferne glatt-kompakt scheinende Teil darob? Ja, der ist halt von unten nicht sichtbar mit Tropflöchern gespickt. Bei korrekter Interpretation der etwas mäandrierenden Linie geht's aber super auf, ohne dass je ein wirklich schwieriger Move warten würde. Der ötteligste davon kommt dann fast erst, als man die vermeintlich rettende Kante schon erreicht hat und an dieser bzw. leicht links blöd ausdrehend auf Gegendruck operieren muss.

Incredibile! Hier sieht man einmal, auf welch genialem Tropflochfels sich 95% der Route abspielen!

L7, 30m, 6b: Eine geniale Seillänge. Hier ändert die Felsstruktur nochmals etwas. Wie oft in den oberen Wenden-Seillängen gibt's da vom Wasser modellierte Töffgriffe erster Güte. So bleiben die Schwierigkeiten trotz grosser Steilheit im überschaubaren Rahmen (sofern man noch über genügend Kraftreserven verfügt). Die Crux kommt mittig und irgendwie etwas unerwartet... rückblickend kann ich nicht so richtig sagen, ob man hier mit Suchen auf eine elegante Lösung käme oder ob mein Ansatz à la "Hauruck" die beste Strategie ist.

Genialer Fels und geniale Kletterei in L7 (6b) - absolut Wenden-Like in allen Aspekten!

L8, 30m, 6b+: Hm, hier schreibe ich erst mal über die persönlichen Gegebenheiten und erst nachher über den Charakter der Länge. Laut den Beschreibungen sollte diese Länge a) queren und b) die letzten Meter leichter in etwas losem Gelände sein. Da wir drei Seillängen unter uns nochmals eine Seilschaft in der Wand wussten, schien es mir nicht opportun, hier unseren Bag zu haulen. Somit musste er also auf den (=meinen) Rücken. Extrem viel war ja nicht drin (Schuhe, Kleider, Food, Getränke). Aber trotzdem, so kriegte das Klettern gleich eine neue Dimension. Die Route quert gleich auf den steilen Pfeiler hinaus und bietet da knifflig-athletische Moves - und dies auf einer deutlich längeren Strecke, wie ich es laut Beschreibung erwartet hätte. Erst am Ende quert man nach rechts in eine Verschneidung hinaus, erst die letzten ca. 5m sind dann einfach (mit nicht mehr perfektem Fels).

Man sieht's - steile und geile Kletterei an einem Pfeiler, bis auf die allerletzten Meter, welche in L8 (6b+) in einer einfachen und am Ende etwas 'gschüderigen' Verschneidung zum Top führen. Der Entscheid hier nicht zu haulen um die Seilschaft unter uns nicht zu gefährden war sicher absolut richtig. Die beste Lösung wäre bestimmt gewesen, am Ende der steilen Kletterei am Pfeiler den Sack aufzuziehen - das hätte aber den perfekten Onsight gekostet... tja die Mühen, die man für solche Trophäen auf sich nimmt.

Um 18.40 Uhr und damit nach 5:20h der Kletterei waren wir am Top. Wie oben im Text schon angedeutet war es uns prima gelaufen. Wir hatten alles einwandfrei os/flash klettern können (Larina bis auf die erwähnte 1pa-Stelle in L2). Die Kletterei gehörte qualitativ zur Crème de la Crème und das Ambiente war einfach top. Noch dazu bestes, sichtiges Bergwetter und ein umwerfendes Panorama, besser kann es wirklich kaum sein. So gönnten wir uns dann auch am Top eine ausgiebige Pause und liefen erst um 19.15 Uhr los. Zu erwähnen ist, dass die Route ab Stand 5 nicht mehr zum Abseilen eingerichtet ist und dies in den oberen Seillängen auch ziemlich umständlich wäre. Der Fussabstieg ist also zwingend, aber auch schnell und einfach.

Am Ausstieg der Route eröffnet sich ein fantastisches Panorama!

Vom Top geht's rückseitig nur wenige Meter etwas steiler-schrofig runter, dann trifft man schon auf eine erkennbare Wegspur, welche über die Ostflanke in den Sattel zwischen Pic de l'Aigle und Pointe de la Plagnette führt. Ab dort ist die Spur - erst durch das Kar, dann auf der Krete - hinunter zum Col de Rochilles sehr gut erkennbar. Ab dort geht's dann auf der Schotterstrasse retour zum Militärcamp und entweder auf dieser oder via die Abkürzung runter zum Ausgangspunkt. Wir gönnten uns diverse Pausen, um die fantastische Berggegend zu bestaunen und die sehr aktiven Murmeltiere zu beobachten. So trafen wir um 20.30 Uhr in Plan Lachat beim Auto ein. Wow, das war nun echt genial gewesen! An diesen Berg werden wir bestimmt zurückkehren, um noch weitere Routen zu klettern.

Was für eine Wand! Hier vom Abstieg eine etwas mehr seitliche Perspektive.
Facts

Pic de l'Aigle - La Princesse de Feu 7a (6b+ obl) - 8 SL, 290m - Mussatto/Garcia 2009 - *****;xxxx
Material: 50m-Seile, 14 Express, Cams/Keile nicht nötig

Eine absolut fantastische MSL in einer tollen Berggegend. Die Schwierigkeiten im Grad 6bc sind sehr anhaltend und homogen. Dies bei einer meist herausragenden Felsqualität. Den griffigen, oft orangen und scharfen Tropflochfels wird man nicht so schnell vergessen und sich an manch anderen Orten gerne wünschen. Zusammen mit der Wand, welche so richtig Schwung hat, darf man gerne von einer 5*-Tour reden, die man nicht auslassen sollte. Es gibt jedoch einen Wermutstropfen, und der besteht in einer eher unschönen Morpho-Crux, die wohl die meisten Begeher nicht werden freiklettern können. Doch wem ein 100% Free Ascent nicht extrem wichtig ist, wird diese bittere Pille wohl im Angesicht vom famosen Rest bald verdaut haben. Bei der Absicherung mit verzinkten BH handelt es sich durchwegs um sehr guten MSL-Standard (xxxx). Dennoch, ganz so komfortabel und konsumentenfreundlich wie am Tour Termier bzw. in vielen Cambon-Routen ist hier nicht gebohrt. Sprich, die 6b+ obl. passt hier durchaus, es sind auch ein paar fordernde Kletterstellen zwingend zu meistern - bei sehr guter Absicherung und idealem Sturzgelände natürlich. Ob es gedruckte Literatur gibt, in welcher der Pic de l'Aigle beschrieben wird, bin ich nicht sicher (ich kenne keine). Die Beschreibungen auf C2C sind aber gut und ausreichend.