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Donnerstag, 7. Juli 2022

Poncione di Ruino - Via Danielli-Pohl (6c+/7a)

Herrliche Kletterei in reinem Chamonix-Stil. Bezeichnet als «Route von seltener Schönheit für unsere Breitengrade, ein Muss für jeden Tessin-Kletterer.» Zwei jungen, in den Bergen ums Leben gekommenen Bergfreunden gewidmet. Erste freie Begehung durch Bruno Moretti, Sommer 1982 (Zitat aus dem SAC-Clubführer Gotthard, Ausgabe 1995). 

Auf eine MSL mit Jonas soll es gehen, doch die Gebietswahl gestaltet sich eher schwierig. Die Textwetterberichte vermelden zwar "meist sonnig", doch im Kleingedruckten ist ersichtlich, dass es in den nördlichen Voralpen ausbreitende Quellbewölkung geben wird. Wir studieren die Animation in der Meteoschweiz-App vorwärts und rückwärts und kommen zum Schluss, dass in den Kalkgebieten auf der Alpennordseite wohl bald die ungeliebten, feucht-kalten Verhältnisse mit stark eingeschränkter Sicht vorherrschen würden. Im Urgestein des Gotthard-Massivs zu klettern schien die deutlich bessere Wahl. Wir entschieden uns schliesslich für den Poncione di Ruino im Val Bedretto - für uns beide eine Long Standing-Pendenz. Das war genau richtig, wir wurden in jeder Hinsicht belohnt: keine Quellwolken, Sonne satt und so richtig affengeile, steil-athletische Granitkletterei in orangefarbenem Gestein, wie man es sonst wirklich meist nur in Chamonix findet.

Die Südwand des Poncione di Ruino mit dem Verlauf der Via Danielli-Pohl. 

Unsere Tour startete um 8.05 Uhr in All'Acqua (1600m), vorerst stand uns ein ziemlich langer Zustieg von rund 900hm bevor. Auf einem guten Weg führt dieser erst zur Capanna Piansecco (1980m), von dort wählt man den z.Z. ausgeschilderten Pfad Richtung Passo di Rotondo, folgt gut sichtbaren Spuren bis auf 2280m und quert dann weglos, die Wand bereits im Blick, an den Einstieg auf rund 2500m. Die Lauferei nahm uns gerade 1:30h in Anspruch. Bei bestem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen hielten wir am Wandfuss eine kurze Rast und bereiteten uns auf die Kletterei vor. In der Gegend von 10.00 Uhr stiegen wir in die Via Danielli-Pohl ein. Sie beginnt zentral in der Südwand, unmittelbar unter der markanten, rissdurchzogenen Platte.

Eine schöne und ziemlich einsame Gegend. Unten in Bildmitte die Capanna Piansecco.

L1, 40m, 6c+/7a: Wir starteten direkt unter dem angepeilten Riss, da befinden sich auch die (mässig gut sichtbaren) Initialen "D.P.". Gleich schon die ersten Meter direkt hinauf sind gar nicht mal so einfach, stecken oder liegen tut nichts - Crashpad und Spotter wären durchaus angenehm. Diese Stelle ist aber wohl vermeidbar, wenn man ganz rechts drüben bei der Verschneidung beginnt und nach links hinausquert. Nach diesem Einstiegsboulder wird es dann zwar einfacher (4er-Gelände), bald aber erreicht man Höhen wo selbst ein Crashpad nichts mehr helfen würde... die erste Sicherungsmöglichkeit erfolgt mit dem ersten BH in 12-15m Höhe, was erst recht irgendwie unnötig erscheint, weil die Bolts nachher fast im Metertakt folgen. Dem markanten Riss durch die Platte geht's entlang, die Schwierigkeit nimmt unmittelbar zu. Die Crux folgt dann auf den letzten 15 anhaltenden Metern zum Stand. Ein bisschen etwas zum Greifen gibt's immer, die Tritte sind aber oft rar, die Moves deswegen anstrengend und wacklig. Aber, das ist das Wichtigste: mir geht's ziemlich am Limit auf, ich kann onsight durchsteigen :-) Genau im richtigen Moment taucht entweder ein Noppen für einen passableren Tritt oder ein seichter Klemmer für etwas Entspannung im Riss auf. Im SAC-Führer und im Extrem Sud wird die Länge mit 6c+ bewertet, im Topoguide mit 7a - für mich könnte letzteres gefühlsmässig durchaus hinkommen. Wie bereits erwähnt stecken die BH im Hauptteil der Länge sehr dicht, weiter gibt's noch Schlaghaken und Möglichkeiten für mobile Sicherungen, man könnte diesen Abschnitt auch A0 bewältigen.

Vorzügliche, anhaltend taffe Risskletterei im oberen Teil von L1 (6c+/7a).

L2, 25m, 6a+: Grosso Modo dem Riss entlang geht's weiter, ganz am Anfang macht's eine Linksschleife deutlich einfacher. Die Crux folgt im oberen Teil, wo man sich kurzzeitig schon mal richtig kräftig im Piaz festhalten muss. Die Absicherung mit BH auch hier prima, zusätzlich hat's auch noch Schlaghaken und Möglichkeiten für Cams.

Cool das Licht, Ambiente und die Fortsetzung dem Riss entlang in L2 (6a+).

L3, 15m, 5c: Der schönen Schuppe entlang aufwärts, dieser dann horizontal entlang hangeln, am Ende eine Schritt absteigen und schon ist man am nächsten Stand. Laut SAC-Führer und Extrem Sud eine 5a, das wäre vielleicht auf dem einfachsten Weg untenrum über eine Art Band richtig. Der (bei der Sanierung neu gewählte?) Weg der Schuppe entlang ist aber mit Sicherheit schwieriger und erfordert ein paar kräftige Züge. Zwecks Effizienz könnte man diese Länge übrigens auch gut an L2 anhängen.

Die (untenrum umgehbare) Hangelschuppe in L3 ist wohl eher schwieriger wie die offizielle 5a.

L4, 35m, 6a+: Sehr schöne Linie links der Verschneidung entlang. Der Auftakt ist noch gemütlich, gegen oben hin ziehen die Schwierigkeiten dann an. Insbesondere das athletische Finale ist richtig cool - diese Stelle könnte auch richtig schwierig sein - aber nein, die Risse sind hier scharf geschnitten und so richtig griffig, so turnt man genial in die Höhe.

Tolle, athletische Verschneidungskletterei in L4 (6a+)

L5, 35m, 6b+: Auf dieser Seillänge gibt es 2 Varianten, wobei wir nicht lange überlegen mussten und auf die schwierigere, direkte hinsteuerten. Kurz der Schuppe entlang aufwärts und dann, noch in Sichtweite vom Stand, direkt über die Stufe mit den nahe steckenden BH hoch. Was vermeintlich schwierig aussieht, löst sich richtig gemacht prima auf und erfordert nur 1-2 schwierigere Moves (ansonsten A0 gut möglich). Nachher folgen auf dieser Linie nur noch Schlaghaken und Cam-Möglichkeiten, aber keine BH mehr. Während man erst genussreich durch eine Art Verschneidung klettert, führt der zweite Teil augenscheinlich durch ein weniger schönes, einfaches Couloir. Somit bin ich nach Hälfte der Seillänge nach rechts in steileres, attraktiveres Gelände abgebogen und vermutlich auf die 5c-Variante getroffen?! Das war echt coole Kletterei an einer Verschneidung mit 2 BH, für eine 5c auch noch heftig knifflig. Bei beiden Varianten kommt man schliesslich zum Stand mit Köpfelschlinge und Ring-BH auf einer Terrasse.

In L5 (6b+) wählte ich zuerst die direkte Linie, wechselte aber später zum attraktiveren Ausstieg der 5c-Variante. Dieses bietet am Ende für den Grad ganz schön knifflige Moves!

Nach L5 endet die eigentliche Route (oder vielleicht auch nicht...). Jedenfalls ist der Berg noch nicht fertig und mit unserem Alpinistenherz beschliessen wir subito und einstimmig, dass wir zumindest 1x im Leben am Top des Poncione gestanden haben müssen. Kommt noch hinzu, dass das Gelände durchaus attraktiv zu beklettern wirkt. Allerdings zeigen die Topos ein uneinheitliches Bild und keines davon scheint uns wirklich zu 100% mit der Realität vereinbar. Allen gemeinsam ist, dass sie den Weg eher linksrum westseitig zeigen und dazu schreiben es sei brüchig... naja, dies können wir so nicht bestätigen.

L6, 45m, 5ab: Allen Topo-Ratschlägen zum Trotz, wir wählen den vor Ort absolut logischen, natürlichen Weg leicht rechtshaltend über eine kurze Wandpassage und später der Kante entlang aufwärts. Auf den ersten 15m ist die Kletterei steil und griffig. Der Fels ist vielleicht etwas flechtig, aber ansonsten von prima Qualität und mit Cams kann man dieses Stück auch gut absichern. Nachher legt sich das Gelände etwas zurück und wird einfacher, ist aber immer genussreich zu beklettern. Man trifft unterwegs auf einen NH und nach 45m auf einen gebohrten Stand mit 2 BH und Abseilmöglichkeit. Das wäre der letzte Umkehrpunkt, wenn man über die Route zurück möchte.

Wer würde freiwillig darauf verzichten? Die Fortsetzung der Route nach L5 ist durchaus ästhetisch und bietet zwar einfachere, aber durchaus lässige Kletterei. Jonas folgt der logischen Linie über eine kurze Wandpassage auf die Kante. Selbst das Abseilen bei einem Weitergehen entpuppte sich übrigens als komplett unproblematisch.

L7, 25m, 4a: Wir wollen aber weiter zum Gipfel. Nach rechts querend käme man relativ unschwierig dahin, ich wähle aber die beste Kletterlinie einer Verschneidung links der Kante entlang. Man gelangt so ein lokales Maximum auf dem Grat, folgt diesem nach rechts und klettert ein paar Meter auf einen flachen Platz in der Scharte ab. Hier gibt's keinen Stand, man kann aber gut an Cams oder Blöcken nachnehmen.

Am lokal höchsten Punkt in L7 (4a), der Gipfel befindet sich im Rücken des Fotografen.

Um 12.45 Uhr und somit nach rund 2:45h Kletterei haben wir diesen Punkt erreicht und nehmen die Seile auf. Zum Gipfel sind es noch rund 20hm, diese führen aber durch einfaches, gestuftes und kaum exponiertes Gelände und erfordern nicht zwingend eine Seilsicherung. Kurze Zeit später können wir am höchsten Punkt zum Handshake ansetzen und ein Selfie schiessen - sowie grandiose Ausblicke und einen erstaunlichen Tiefblick auf die Nordseite geniessen.

Cumbre!

Sämtliche Topos suggerieren, dass wir nun heikel, exponiert und ungesichert im vierten Grad zu einer Abseilstelle abklettern müssten. Das erweist sich aber als komplett unnötig. Unmittelbar unter dem Gipfel (7-8m südwärts, man kommt im Aufstieg direkt daran vorbei) befindet sich nämlich der finale Stand (BH & NH) der Diedro Petazzi bzw. Ten Years After. Von diesem seilt man ca. 20m ab zum Ende deren steiler Kletterei, von wo es dann 4 lange Manöver zurück zum Einstieg sind. Im Detail, laut Topo im Extrem Sud: Von S6 20m zu -> S5, ab da 45m zu -> S4, ab da 40m zu -> S3, ab da 48m (!) gerade hinunter zu -> S1 von Ficus Tremens, ab da 40m -> Boden. Das geht super zügig, so hatten wir bald wieder die Seile aufgeschossen, das Material sortiert und konnten um 13.30 Uhr einen Vesper am Einstieg nehmen. Um die Rucksäcke schon zu packen und nach Hause zu gehen war es aber noch viel zu früh, der Tag zu schön und die Kletterei zu gut. Wir würden also erneut einsteigen, keine Zweifel. Die Frage war bloss noch in welche Route... das wird dann im nächsten Beitrag beantwortet :-)

Facts

Poncione di Ruino - Via Danielli-Pohl 6c+/7a (6a obl.) - 7 SL, 240m - Balestra, Petazzi et al. 1975 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Cams 0.3-2

Der SAC-Führer rühmt diese Route als eine der schönsten des Tessins und tatsächlich trifft man hier auf exzellenten, steilen und sauberen Granit mit stets interessanter Kletterei plus Gipfelerlebnis. Ein Wermutstropfen ist die inhomogene Verteilung von Schwierigkeiten und Charakter. Die erste Seillänge steht in freier Kletterei nur einigermassen amibitionierten Sportkletterern offen (A0 aber gut möglich), nachher halten sich die Schwierigkeiten im Plaisirbereich, während das Finale leicht, dafür eine Episode im Stil des cleanen Alpinkletterns ist. Die Route ist bis nach dem ersten Drittel von L5 üppig mit Inox-BH saniert. Teilweise stecken auch noch NH, so dass die Schwierigkeiten wenig obligatorisch sind und mit Griff zum Haken entschärft werden können. Cams liessen sich mancherorts platzieren, nötig ist dies  aufgrund der Hakendichte bei Beherrschung des Anspruchs aber erst ab L5. Ein Set von 0.3-2 dürfte man als ausreichend empfinden. Topos zur Route findet man im SAC-Führer Tessin, im Extrem Sud und im Topoguide Band II. Wie im Text erwähnt, fand ich die Darstellung ab L5 in allen 3 Werken mässig zutreffend, besser ist die Situation im oberen Teil des Poncione plus die Abseilstrecke in diesem frei verfügbaren PDF abgebildet.

Samstag, 2. Juli 2022

Handegg / Bügeleisen - An Early Morning Walk (7a)

Nach dem langen Tag im Vreneli an den Wendenstöcken hatten wir uns gleich vor Ort aufs Ohr gelegt, zum Heimfahren war es sowieso zu spät und wir viel zu müde. Um 7 Uhr morgens waren wir schliesslich wieder auf den Beinen, beim Zmorge schlich langsam die bleierne Müdigkeit aus den Gliedern und wir fragten uns, wo wir in den kommenden Stunden vor der zeitigen Heimkehr noch etwas Kletterspass geniessen könnten. Der Entscheid fiel schliesslich auf ein starkes Kontrastprogramm zum Vortag: am Bügeleisenpfeiler an der Handegg wollten wir die 5 SL kurze, erst im 2020 erschlossene plattige Granitroute An Early Morning Walk von Bruno und Kurt Müller probieren.

Sicht auf die Handegg-Wände westlich der Grimselstrasse, aufgenommen aus dem Siebenschläfer. Abgebildet sind der Verlauf der klassischen Bügeleisen-Route (6a) wie der schwierigeren Schwester An Early Morning Walk (7a)

Auch dieses Vorhaben könnte man aufgrund der weit jenseits der 30 Grad Marke angesagten Hitze als eine komplette Fehlplanung bezeichnen, wird doch das Bügeleisen bei sonnigen Verhältnissen gerne auf dem Namen gerechte Temperaturen aufgewärmt. Da aber gleichzeitig Föhn angesagt war, der einem an diesem Fels gerne schlottern lässt, zählten wir auf ausgleichende Wirkung und genau so war es dann schliesslich auch. Unsere Tour startete um ca. 8.45 Uhr an der Grimselstrasse, der kurze Zustieg nimmt ca. 15 Minuten in Anspruch und war mir von der Tour mit den Kindern in der klassischen Bügeleisen-Route schon bekannt. Der Einstieg in die AEMW befindet sich etwas links oberhalb des tiefsten Punkts bei einem einzelnen Bohrhaken mit Petzl-Lasche. Etwas nach 9 Uhr waren wir bereit und stiegen ein.

L1, 35m, 5b: Von unten könnte man das auf den ersten Blick noch als seilfrei machbares Nahezu-Gehgelände einstufen. Naja, womöglich waren unsere Sinne noch von den gestrigen, gewaltigen Wandfluchten an den Wendenstöcken betäubt. Die Seillänge ist der Bewertung entsprechend tatsächlich unschwierig, aber ein wenig Klettern muss man durchaus. Mit 5 BH ist die Länge ausreichend, aber nicht extrem üppig abgesichert.

L2, 45m, 6a+: Langes Teilstück, wo man die Schwierigkeiten etwas nach seinem Gusto aussuchen kann. Die Seillänge verläuft erst an von Vegetation und Erde geputzten Schuppen oder wahlweise deutlich schwieriger ausschliesslich rechts davon in der Wand - die Position der Haken lässt beide Interpretationen zu. Weiter oben zieht die Linie dann auf die grosse, kaminartige Verschneidung hin. Zwecks einfacherer Kletterei kann man sich an diese halten, muss sich dann jedoch immer weit nach rechts strecken, um die Bolts zu klippen. Die ganze Sequenz konsequent direkt in Hakenlinie und ohne die Föhre am Ende zu klettern ist auch möglich, sprengt den Rahmen einer 6a+ jedoch unseres Erachtens (sehr) deutlich - aber man hat die Wahl, wie sehr man sich hier fordern will.

Unterwegs in der langen L2 (6a+).

L3, 35m, 6a: In einem grossen Linksbogen umklettert man die Buschzone oberhalb vom Stand. Dieser Teil läuft unter 'vergnügliche Kletterei' ohne besondere Schwierigkeiten. Später zieht's dann an und vor allem zum Stand hin wartet noch ein echtes Gustostücklein. Über den (tief steckenden) letzten BH hinweg ist es kurzfristig enorm glatt. Direkt über den Haken geklettert (eine Umgehung haben wir nicht gesehen) spielt sich das nach unserem Dafürhalten an der Haftreibungsgrenze ab und war nur mit einer ziemlich komplexen Bewegungsabfolge lösbar. Es könnte sogar die schwierigste Einzelstelle der ganzen Route sein, die Moves in L5 (7a) empfanden wir als von ähnlicher Kragenweite aber sicher nicht schwieriger, auch wenn's dort gleich mehrere davon gibt. Somit würden wir diese Länge als zumindest eine 6c taxieren. Die schwierigsten Schritte einmal gemacht, heisst's dann noch kühles Blut zu bewahren und in einem kleinen Runout die Füsse mit sloprigen Seitgriffen schön ans Parkett zu drücken, um den Stand zu erreichen.

Sieht gechillt aus, wie Viktor die letzten Moves von L3 (6a, eher 6c) klettert. Die sind, nach der glatten Crux davor, tatsächlich nicht mehr so schwierig. Im Vorstieg aber, schon ein rechts Stück vom letzten Haken entfernt, aber doch ziemlich fordernd.

L4, 20m, 6b: Eine kurze Seillänge, auf der es einem aber sicher nicht langweilig wird! Schon der Beginn aus dem Stand fordert gleich, der erste BH steckt hoch und das Klippen ist nicht geschenkt. Eine Mantle-Sequenz folgt als nächstes - muss man einmal kapieren, so schwierig war es dann allerdings nicht. Nach dem folgenden Klipp folgt die Crux, wo es erneut an Seitgriffen heisst, Druck auf die Sohlen zu bringen. Eine zapfige, bouldrige 6b-Stelle die etwas Zutrauen in die Reibung verlangt (und für in diesem Stil nicht geübte 6b-Kletterer wohl unmöglich erscheint...). Um das Thema von vorher nochmals aufzunehmen: uns dünkte diese Crux massiv einfacher wie jene von L3. Der Rest der Seillänge legt sich in der Neigung zurück und bietet noch dazu die typischen, seichten aber hier vernünftig griffigen Risse und bietet so keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr.

Unterwegs in L4 (6b), wo das Finish ziemlich gemütlich ist. Der Kletterer neben ist im Bügeleisen.

L5, 40m, 7a: Nun sollte es ja laut Einstufung nochmals deutlich schwieriger werden und da wir bisher schon diverse Moves am Limit geklettert hatten, standen wir nicht überaus optimistisch vor dieser Länge. Das schon sichtbare, an den Zwischenhaken vorhandene Bail-Gear war auch nicht unbedingt ein Booster für die Moral. Nichtsdestotrotz, wir mussten es probieren und das Beste geben. Über die ersten 3 Haken löste sich die Sache auf der richtigen Linie gut auf. Aber dann folgt eine knifflige Linkstraverse mit den Füssen im Nichts und den Händen an einem seichten Loch - es schien unmöglich, aber entweder machte die Schwerkraft gerade Pause oder unsere Kalibration der Reibung war auf der zu pessimistischen Seite. Hat man sich einmal über diese schwierigen Moves gerettet, so wird man sich gewahr, dass für die 'wahre Rettung' in Form des nächsten Klipps nochmals ein heikler Schritt auf Reibung folgt. Auch über die nächsten drei Bolts wechseln sich Ruhepunkte zum Durchschnaufen mit Aufstehern am Limit ab. Mich persönlich dünkte der letzte davon die schwierigste Stelle der SL, aber womöglich war's nur dumm angestellt oder der Bammel, es da noch zu vergeben. Jedenfalls, und das zählt am Ende: es gelang uns beiden OS/Flash - irgendwie mit mehr Glück als Verstand, aber geschafft ist geschafft. Auf den letzten Metern lassen die Schwierigkeiten dann übrigens nach, man trifft mit der klassischen Bügeleisen-Route zusammen, mit welcher man sich den Ausstiegsstand teilt.

Grimsel Vibes: die klassischen Handegg-Sektoren Spiegelwand und Ölberg, links oben die Gelmerhörner.

Um ca. 12.15 Uhr und somit nach 3:00 Stunden sehr unterhaltsamer aber fordernder Kletterei waren wir am Top. Dieser Platz ist nicht sonderlich bequem und zudem pfiff der Föhn wie verrückt, so dass wir gleich die Seile fädelten und in die Tiefe glitten. Mit den 2x60er-Stricken ging es in 4 Manövern (5 -> 3 -> 2 -> 1 -> Boden). Obwohl der Wind die Seile stark talabwärts vertrieb, blieben wir zum Glück von einem Verhänger verschont. So waren wir bald am Boden, wo der Föhn zwar kaum mehr sein Unwesen trieb, dafür eine Affenhitze herrschte. So machten wir uns schnurstracks auf den Weg zur Strasse, die erwünschte zeitige Heimkehr stellte an diesem Tag kein Problem dar. Wir rollten talwärts, deckten uns baldmöglichst mit kühlem Getränk und einem Glacé ein und zogen das Fazit. Nach einem langen Klettertag, mit schon rechtschaffener Müdigkeit in den Knochen, macht es sich immer bezahlt, eine Tour mit möglichst grossem Kontrast zur vorangehenden zu wählen. Idealerweise ist das Unternehmen eher kurz, dafür soll es aber einem so fordern, dass für Müdigkeit oder Lethargie kein Platz bleibt. Absolut optimal war uns das hier nach unserem Gusto gelungen - tolle Sache!

Facts

Handegg / Bügeleisen - An Early Morning Walk 7a (6b obl.) - 5 SL, 175m - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig bzw. einsetzbar

Eher kurze, aber dennoch sehr interessante Kletterei auf einer plattigen Granitflucht. Der Fusstechnik kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu, das Bügeleisen ist aber steiler wie andere Sektoren am Grimsel und bietet nicht reine Reibungskletterei, sondern erfordert es die Sohlen an Griffen aller Art auf das Parkett zu pressen. Die offiziellen Bewertungen (v.a. in L2-L4) stammen von in dieser Art der Kletterei sehr versierten Leuten und dürften ohne spezielle Affinität zu diesem Stil als tough erscheinen. Und eine 7a dieses Zuschnitts stellt ja dann sowieso schon fast das obere Ende der Möglichkeiten dar. Man darf sich also durchaus auf MSL-Sportklettern einstellen! Die Route ist mit Top-Inoxmaterial eingebohrt, die Erschliesser verwenden für den Charakter der Absicherung den Begriff "fair". Das trifft es nach meinem Empfinden prima. Man kann von einer guten Absicherung sprechen, allerdings ist sie durchaus ambitioniert gehalten und es gibt manch einen Move an der (=meinen) Grenze, der absolut zwingend ist. Gefährliche Stürze sind nicht zu befürchten, aber mit A0 ist relativ wenig zu holen, der Anspruch ist massiv höher als z.B. in Herrenpartie oder Sagittarius. Bericht und Topo zur Route findet man auf rauchquarz.ch, der Seite des Erstbegehers Bruno Müller - vielen herzlichen Dank für die Route und die vorzügliche Berichterstattung darüber!

Dienstag, 28. Juni 2022

Wendenstöcke - Vreneli (7c)

S'Vreneli, z'schönstä Meitschi im Tal

Diese epochale Route (22 SL, 7c) der Gebrüder Remy aus dem Jahr 1989, welche zentral durch die gewaltige Südwand am selten besuchten Mähren führt und laut ihren eigenen Aussagen zu den schönsten von ihnen erschlossenen Routen gehört, hatte ich natürlich schon lange auf dem Radar. Ich habe ein wenig in meinen Mails und Chats gestöbert und tatsächlich hatte ich sie seit 15 Jahren schon immer wieder aufs Tapet gebracht, wenn es darum ging ein Kletterziel auszuwählen. Natürlich waren es manchmal Wetter, Bedingungen und Zeitbudget, die es nicht zuliessen, meist aber zeigten die Seilpartner kein Interesse, sich an dieser Route zu versuchen. Dieses Mal war es anders, Viktor war bis in die Haarspitzen motiviert und so konnte ich nicht der Bremsklotz sein. Gewisse Zweifel meinerseits rührten daher, dass die auch nicht schwieriger bewertete Hakuna Matata am Weekend davor mit nur gerade 8 anstatt 22 Seillängen unser ganzes Vermögen gefordert und sämtliche Energiereserven erschöpft hatte...

Gewaltig die Wand des Mähren (Bildmitte), der Pfaffenhuet (rechts) wirkt schon fast klein dagegen!

Ein weiterer Faktor waren die als rekordhoch angesagten Temperaturen. Im Flachland wurden schlussendlich bis zu 37 Grad gemessen. Ob man da an den Wenden-Südwänden nicht gegrillt würde? Meine Vermutung war nein und die entpuppte sich durchaus als richtig. Einerseits spielt sich der Grossteil der Kletterei im Vreneli in Höhen von 2500-3000m ab, zusammen mit dem thermischen Aufwind wird es einem da nicht so schnell zu heiss. Zudem hatten wir in der Hakuna Matata bei auch schon >30 Grad Wärme im Flachland gerne noch die Daunenjacke montiert. Anyway, der Tag begann früh um 4.00 Uhr und ich hatte erhebliche Mühe, in die Gänge zu kommen. Das intensive Kletterweekend davor, Arbeit und sonstiges Programm während der Woche schienen ihren Tribut zu fordern. So montierte ich aufgrund der tropischen Affenhitze im Flachland reflexmässig die kurze Hose und es ging los, ohne langes Beinkleid im Gepäck. Nun ja, an den Wenden kommt man mit solcher Nachlässigkeit höchst selten davon - dieses Mal aber schon. Diese Hose, ohne geeignete Tasche fürs Handy ist aber der Grund für die meinerseits eher bescheidene Ausbeute an Fotos - zum Glück hat Viktor ein paar gute Bilder gemacht!

Close-Up der rechten Hälfte der Mähren Südwand mit dem Verlauf von Vreneli (22 SL, 7c). 

Wenige Minuten nach 7.00 Uhr starteten wir auf der Wendenalp (1600m), erneut war niemand zugegen (später waren dann drei, vier Autos parkiert). Wir nahmen den Wanderweg Richtung Tällihütte bis kurz vor die östlichen Alphütten von Mettlenberg (1740m), bald einmal die Morgensiesta einer stattlichen Kreuzotter störend. Der Zustieg zum Mähren unterscheidet sich gegenüber den anderen Wenden-Sektoren dadurch, dass es wirklich überhaupt keine Spuren gibt. Ich will mir nicht anmassen zu behaupten, ich wisse wo der beste Weg durchführt - beschreibe aber trotzdem, wo entlang wir stiegen, nur schon damit ich es für ein nächstes Mal selber noch weiss. Zuerst einmal aufwärts in sehr krautigem Gras, wo man nicht sieht wohin man seine Füsse setzt - mühsam, aber da sind die Hänge noch moderat steil. Ab ca. 1900m konnten wir dann diesem Bachgraben mit teilweise etwas Kraxelei folgen, was viel angenehmer war. Auf 2080m trifft man dann auf eine Felsbarriere, die wir im Aufstieg westlich "durch die Gasse" und nachfolgender 2er-Kletterei über die Stufe, im Abstieg einfacher östlich bewältigten. Oberhalb davon dann "der Nase nach" Richtung Einstieg, wobei wir diese Entwässerungsrinne so gut wie möglich nutzten. Es gibt hier ein wenig von allem, Felsen, hartes Geröll, dünnes Gras, man suche die beste Passage.

Abschüssiges, kaum gestuftes, heikles Terrain mit dünnem Gras - am besten geht's im offenen Fels. Hier steige ich gerade in der oben im Text verlinkten Entwässerungsrinne auf. 

Der Einstieg ins Vreneli befindet sich bei einem 1989er-Mammut-Ringbohrhaken grob in Fallinie der rechten Kante des Pfeilers, ca. 30m östlich des höchsten im Gras erreichbaren Punktes zentral am Pfeiler (wo bei einer Sanduhr unterhalb einer kleinen Grotte Kooianisquazi und Letzter Mohikaner beginnen). Aufgrund des langen Tages, der uns bevorstand, hatten wir entschieden in einem Haulbag genügend Verpflegung und aufgrund der warmen Temperaturen v.a. Getränke mitzuführen. Kurz vor 9.00 Uhr war dieser gepackt und auch sonst alles startbereit, wir stiegen ein. 

Hinweis: ich verwende in diesem Bericht die Bewertungen aus dem (schlecht lesbaren) Originaltopo (wer hat eine bessere Version davon, ich wäre sehr dankbar?!?). Diese Bewertungen sind so auch im Arrampicare in Svizzera von Matteo Della Bordella (welcher die Route selber geklettert hat) abgebildet. In den Filidor-Führern (Extrem West 2010, Schweiz Extrem 1994) stehen tiefere Einstufungen. Woher diese kommen, weiss ich nicht - möglicherweise ein Oberländer Beef gegen die auswärtigen Erschliesser?!?

Der Ausblick zentral unter dem Mähren-Pfeiler - da gibt es keine Fragezeichen, eine Menge an steilem Fels wartet auf jeden Anwärter. Da kann das Motto nur lauten: Are you ready for a good time? Etwas Hard Rock in Ohr und Geist kann für diese Routen nicht schaden... So ('Hard Rock aux Mähren') lautet übrigens auch der Titel des Artikels, den Claude Remy über die Erschliessung der Route im SAC-Heft Die Alpen geschrieben hat. Er ist im Archiv zugänglich - denjenigen, die dem Französischen einigermassen mächtig sind, empfehle ich die französische Originalversion, die deutsche Übersetzung bringt für mich nicht in jedem Satz den richtigen Spirit rüber.

L1, 6b: Auf los geht's los, schon die ersten Meter sind etwas knifflig und erfordern zwingend das Platzieren eines Cams. Nachher folgt typische Wendenkletterei von eher plattiger Natur mit den charakteristischen, oft etwas staubigen Querstrukturen bei eher weiträumig gehaltener Absicherung. Die Crux dann am Ende über den etwas brüchigen Wulst hinweg, die letzte Sicherung 2m unter den Füssen und mit etwas Seilzug - ein etwas herber Auftakt.

L2, 6c: Mit L1 hat man sich dem steilen, ja massiv überhängenden Teil des Pfeilers angehnähert, sprich es wird nun unweigerlich zur Sache gehen. Die Fortsetzung findet man aber auf der linken Seite, wo sich die Route so gut wie möglich im senkrechten, schönen Tropflochgelände hinaufschleicht. Den eigentlichen Überhang bezwingt man dann in einer +/- horizontalen Traverse nach rechts. Der Fels ist da grossgriffig, aber nicht von bester Qualität. Die letzten Meter zum Stand sind dann wieder schön. Wir befanden, dass es bis auf einen kniffligen Move in der Traverse eine gutmütige 6c war.

Viktor on lead in L2 (6c), die mit einem Linksbogen eine überhängende Zone bezwingt.
Schöner Tropflochfels auf den letzten Metern von L2 (6c).

L3, 7b: Eine tolle Seillänge mit durchgehend bestem, wasserzerfressenem, strukturiertem, leicht überhängendem Fels. Erst geht's rechts ausholend noch gut dahin, dafür sind die Abstände zwischen den Sicherungen noch respektabel. Auf der zweiten Hälfte werden diese deutlich enger, mindestens klettergarten-, ja teils sogar hallenmässig. Die Hauptschwierigkeiten findet man im letzten Drittel, zuerst mit einer Boulderpassage und der Stelle über den letzten Bolt hinweg, wo dann auch noch ein zwingender 4m-Abschnitt bis zum Stand wartet, für welchen man sich besser einige Körner und mentale Energie aufspart.

Spätestens ab hier müssen die Unterarme auf Betriebstemperatur sein (L3, 7b)!

L4, 7b: Der Start in diese Länge scheint verwirrlich, stecken doch in ca. 5m Höhe zwei BH fast 5m horizontal versetzt. Laut Topo ist erst der linke anzuklettern. Vor Ort fragt man sich aber, ob der direkte Weg zum rechten nicht auch eine Option wäre... ich wollte mich schliesslich nicht auf das Experiment einlassen und bin es auf dem angedachten Originalweg geklettert. Die Steilplattenkletterei ist vorerst super in prima strukturiertem, scharfem Fels und auch von der Schwierigkeit her im zugänglichen Rahmen. Die Cruxzone ist relativ kurz und wird durch einen gleichzeitig griff- und trittarmen Abschnitt markiert. Alpiner präsentiert sich hingegen das Finish der Länge. Plötzlich präsentiert sich noch viel Gelände, aber keine Sicherungspunkte mehr. Das Topo verspricht zwei weitere Bolts, die jedoch nirgends sichtbar sind. Das ist v.a. deshalb etwas störend, weil man in diverse Himmelsrichtungen weiterklettern könnte. Ich ging dann mal geradeaus... liegen tut nichts und das Gelände wird etwas brüchig. Tatsächlich, oberhalb von einem Wulst fand ich tatsächlich erst einen NH und dann einen BH. Mich leicht machend schlich ich bei weiter abnehmender Felsqualität zum Stand.

Yours truly on lead in L4 (7b), die zu Beginn mit bestem Fels auftrumpft, aber eine etwas verwirrliche Linie hat.

L5, 7a: Querend dem logischen Weg auf den Pfeiler hinaus folgen zu NH, dann griffig aufwärts, was gut mit BH abgesichert ist, zuerst jedoch etwas Lotterfels aufweist. Das bessert sich bald wieder und die Seillänge bietet einen interessanten, ziemlich zwingenden Schlussabschnitt in schönem Fels, bald einmal ist auch schon der Stand erreicht.

Tolles Ambiente und Felsfarbe am Ende von L5 (7a).

L6, 7c, 7b 4 p.a. oder 6c A0: Während wir den ganzen Rest der Route (wie eigentlich immer) freizuklettern versuchten, haben wir hier für einmal nicht lange "Federlesis" gemacht. Eine 7c geht im Optimalfall beim Sportklettern und in der Halle onsight, aber auf einer Alpintour mit dem ganzen Geraffel am Gurt, schon ein paar Seillängen in den Armen und vor allem noch vielen weiteren auf dem Programm dann doch eher nicht. Kommt hinzu, dass dieser Abschnitt mässig attraktiv wirkt. Der Fels ist zwar an sich solide, aber bietet nur extrem viele kleine, extrem scharfe Struktur, wo bei Belastung gerne die Spitzen brechen, die Sache extrem unübersichtlich ist, usw.. Somit also unmittelbar der Griff ans Textil, was dank eng steckender BH vorerst problemlos möglich ist. Ich frohlocke schon über meinen mühelosen "Durchstieg" - aber nein, es kommt tatsächlich eine Stelle, wo man entweder richtig klettern oder eine Trittschlinge zücken muss. Die wahre Herausforderung kommt aber sowieso erst nach Ende der Cruxpassage. Die Bolts hören auf, um die Ecke findet man einen selbst abzusichernden, ca. 7m langen Riss und an dessen Ende noch eine 6c-Wandpassage in nicht ganz einwandfreiem Fels, die man über den letzten mobilen Sicherungen zu klettern hat. Der Stand dann in der bequemen Grotte mit SU und BH.

L7, 6a: Man verschiebt sich fotogen nach rechts an die Kante und erklettert dann direkt hinauf in relativ leichtem aber etwas lottrigem Gelände einen Pfeiler. Weiter oberhalb wird's dann kompakter und auch etwas schwieriger. Dort, wo man den breiten Riss erreicht und gerne den 2er-Cam platziert, muss man sich nach links darüber hinweg halten und durch die Wand zum von unten nicht so gut erkennbaren Stand klettern.

Die zweite Hälfte von L7 (6a) bietet wieder schöne Kletterei in kompaktem Gestein.

L8, 7a: Eine relativ kurze Länge, welche die eigentliche Kletterei am ersten Pfeiler beschliesst. Es handelt sich um technische, teils etwas pressige Moves and Seit- und Untergriffen in senkrechter Wand, gut und sportklettermässig abgesichert. Zuletzt kurz über Schrofen zum Stand.

L9, T5: Über die Schrofen nach links hinauf zum Grat, oben befindet sich nochmals ein Stand zum Nachnehmen, der vor allem später zum Abseilen nützlich ist.

Ausstieg aus L8 (7a) am Ende des ersten Pfeilers - eigentlich wäre es nur schon bis hier eine absolut sehr respektable MSL.

L10, Gehgelände: Übergang über den problemlos begehbaren, kaum exponierten Kamm an den Fuss des nächsten Aufschwungs, wo zur Identifikation des Weiterwegs ein BH steckt. Idealerweise späht man vor Erreichen dieses BH nach dem Weiterweg - denn einmal am Start des Aufschwungs angekommen, sieht man die Haken nicht. 

L11, 5b: Die Route folgt hier nicht dem einfachsten Weg in eine kraxlige Verschneidung hinauf, sondern steigt zuerst gerade bzw. leicht linkshaltend hinauf über kompakte, teils wasserrillige Platten. Die BH stecken in grossen Abständen, die Kletterei ist aber gutmütig und es gibt Möglichkeiten zur mobilen Sicherung.

Rückblick auf die Combo L11/L12 (5b, 6a) welche wir zu einer einzigen Seillänge verbunden haben. Mit einem (neuen) 60m-Seil reicht es gerade so knapp nicht. Wer zur Zeitersparnis einen Link-Up machen möchte, verbindet sicherlich besser L12 und L13, das sollte nach meiner Einschätzung sogar mit einem 50er-Seil machbar sein. Das Gelände hier am zweiten Aufschwung wie das Foto zeigt nicht leid, aber auch nicht begeisternd schön.

L12, 6a: Erst einer Verschneidung entlang, wo der Fels nicht ganz so schön ist. Hier stecken keine Bolts, mobil aber recht gut absicherbar. Zum Ende der SL wird der Fels wieder kompakter und es folgt  ziemlich hübsche, plattige Wandkletterei mit 3 BH.

L13, 6a: Relativ kurze Länge von moderater Schönheit, die kniffligste Stelle folgt gleich am Anfang, nachher lässt die Schwierigkeit bald nach. Der Stand befindet sich noch vor dem Ausstieg auf das zweite Geröllband. Diese Länge lässt sich ziemlich problemlos mit L12 linken.

Auftakt in L13 (6a) mit ihrer Crux, das Gelände auch hier nur moderat schön.

L14, Gehgelände: Die Idee wäre hier vermutlich, gerade hinauf an die obere Wand zu steigen und dort beim Einstieg in den oberen Teil des letzten Mohikaners an einem BH zu sichern. Das war mir nicht klar, somit habe ich diesen Bolt nicht gefunden bzw. genutzt und bin gleich weiter.

L15, 2a: Querung von ca. 30-40m nach links zur Fortsetzung am dritten Aufschwung. Vom Pfeilerkopf am Ende des zweiten Aufschwungs sieht es so aus, als ob eine tiefe Querung die beste Option wäre. Das ist aber ehrlich gesagt ein kompletter Mist, keine Möglichkeiten für Zwischensicherungen, unsicheres Gestein und lose, herumliegende Steine machen das heikel. Die richtige Variante ist es hier, ganz oben an der Wand zu queren - das Gelände ist dort steiler aber ein Band erlaubt eine ziemlich problemlose Traverse (zwischensichern kann man allerdings auch dort nicht).

Schau genau - Blick von Stand 13 zum Climber, der sich am Start von L16, d.h. dem Beginn des dritten Wandteils befindet. Dazwischen liegt eine etwas heikle und kaum absicherbare Querung über einen veritablen Gschirrlade, wobei ich da vermutlich abseits der Ideallinie gestiegen bin (siehe Text). Die Wasserfälle waren übrigens den ganzen Tag in Betrieb, beeinträchtigen uns bis auf ein paar willkommene Sprizter aber nicht. Bei windigen Verhältnissen könnten jedoch allenfalls auch Passagen vom Vreneli stärker benetzt werden.

L16, 6c: Mmmhhh, jetzt waren wir an diesem gelobten, obersten Wandteil angekommen der dem Vernehmen nach mit perfektem Fels glänzen sollte. Nun, von hier sah das vorerst nicht so wirklich danach aus. Klar, die Länge in griffigem Fels ist nicht so übel, aber erste Güteklasse dann doch bei Weitem nicht. Kommt hinzu, dass die Bolts etwas kreuz und quer sowie am Ende dann spärlich stecken. Im oberen Teil der Länge wartet eine etwas knifflige Stelle in einer V-Verschneidung, gefolgt von einem ca. 10m langen, nicht wirklich zu entschärfenden Runout in 6a+/6b-Wandkletterei zum sehr ungünstig platzierten und äusserst unbequemen Stand :-/

Viktor gut getarnt 'on lead' in der ersten Länge am dritten Aufschwung - wildes Gelände (L16, 6c).

L17, 6c: Keine wirklich Besserung in Sicht, was die Qualität von Fels und Kletterei betrifft. Die Crux befindet sich gleich am überhängenden Wulst zu Beginn. Die zwei Haken ebenda wurden bestimmt aus der Trittschlinge eingebohrt, sind also nicht weit auseinander und erlauben A0 - sie aus der Kletterstellung zu klippen ist andererseits reichlich schwierig und heikel zugleich, da ein Sturz unweigerlich auf der Rübe des Sicherungspartners endet. Kommt hinzu, dass die Kletterstelle sauschwer ist und die Bedienung von einem sehr ausbruchsgefährdeten Klötzli erfordert. Definitiv (viel) schwieriger wie 6c, evtl. sind da schon entscheidende Griffe ausgebrochen. Nachher erst einfacher in durchschnittlich schönem 6a-Terrain, oben nochmals knackige Wandstelle an teils fragwürdigen Strukturen. Der Stand schliesslich auf einem bequemen Geröllplatz.

Nachstieg in der V-Verschneidung von L16 (6c). Man kann es schon auf dem Foto deutlich erahnen, nach der letzten Zwischensicherung wartet noch viel Gelände bis hinauf zum Stand (heikler, ca. 10m langer Runout in 6b-Gelände).

L18, 7a+: Vom Stand erst ca. 8m nach links abwärts gehen, dann henklig-athletisch über den Überhang hinweg. Trotz vorerst enger Absicherung besteht aufgrund vom Seilverlauf die Gefahr von einem Bodensturz. Wer sich im sich zurücklegenden, hier schön zu kletternden Gelände in Sicherheit wähnt liegt damit in Bezug auf das Gefahrenpotenzial richtig, jedoch nicht was den Onsight der Länge betrifft. Griffe und Tritte schwinden nämlich, die Hakenabstände werden zwingend - wohl dem, der hier noch genügend Strom in den Armen hat. Das Finish dann wieder einfacher im Lotterfels und etwas heikel. Der Stand befindet sich auf 13 Uhr vom letzten BH, unscheinbar rechts einer kleinen Grotte. Die gut sichtbaren, offensichtlichen Standhaken auf 11 Uhr gehören hingegen zur Infinite Jest - leider habe ich das erst gemerkt, als ich schon eine ganze Weile weitab der letzten Sicherung im Bruch nach einer Lösung für die letzten Meter dahin gesucht habe - Joggel, besser früher mal genau aufs Topo geschaut!

L19, 6c: Vom Stand horizontaler Quergang nach rechts, die Felsqualität auch hier nicht überzeugend. Über eine Wandstufe erreicht man einen teils etwas brüchigen Riss (an dessen Beginn den wenig offensichtlichen BH rechts nicht übersehen!). Dieser ist an sich nicht sonderlich schwierig zu klettern (6a+/6b), aber über 10-15m selber abzusichern (Placements für Cams von ca. 0.5-2). An dessen Ende ein BH, wo man leider nur die Gammelschlinge klippen kann und dann heisst es richtig parat sein. Ab dieser Stelle folgt nun bester, fetzenscharfer Tropflochfels, die Rechtstraverse ist aber tough und der Weg zum nächsten Haken weit. Noch viel mehr gilt das für die 10m vom letzten Silberling zum Stand. Klar, nach einer gewagten 6bc-Stelle 3m über dem Haken wird es dann schon etwas einfacher und geht mit der richtigen Beta recht gut auf - die Möglichkeit sich in schwierigeres Gelände zu versteigen gibt's aber definitiv - krasse Sache jenseits der Wohlfühlgrenze!

Mega Ambiente am Ende von L19 (6c), wo man nun endlich auch in bestem, zerfetzig scharfem Tropflochfels klettert. Auch hier wartet vom letzten BH zum Stand ein weiter Abstand mit anhaltend fordernder Kletterei.

Nach L19 stellte sich die Frage, ob wir Abbrechen oder Weiterklettern sollten. Wer auf diesem Blog mit Interesse mitliest, der weiss genau, wie ungern ich MSL-Touren vor dem letzten Meter beende. Das sprach für weiter, keine Frage. Andererseits war aber klar, dass wir bei einem Weiterklettern bis zum Top sicher in die Dunkelheit kämen, entweder schon beim Abseilen oder spätestens beim Abstieg. Eine Lampe hatten wir zwar dabei, doch die steile Abseilerei über die uns unbekannte Letzte Mohikaner sowie der weglose, unübersichtliche und nicht einfach zu findende Weg über die exponierten Gras-Zustiegshänge war nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Hinzu kam, dass solche Wahnsinns-Runouts wie zuletzt schon bei noch vorhandenen Reserven alles andere als ohne sind - solange man aber über genügend Reserven zum Schauen, Planen und notfalls auch einige Moves Zurückklettern verfügt, noch halbwegs zu verantworten sind. Wenn aber aufgrund von schwindender Kraft in solchem Gelände nach dem Motto "hopp oder flop" gestiegen werden muss, so wird es richtig unangenehm und das Gefährdungspotenzial in diesen Runouts steigt massiv an. Ganz ehrlich, auch wenn der Entscheid zur Umkehr 100% vernünftig und rational gesehen die einzig richtige Entscheidung war - mich fuchst es immer noch, dass wir nicht weitergestiegen sind. Andererseits könnte ich es mir noch viel weniger verzeihen, den "point of return" bewusst überschritten zu haben und so ein Unglück provoziert zu haben. Die Kunst es ist eben, nie verfrüht aufzugeben und dennoch immer zum richtigen Zeitpunkt das Handtuch zu werfen. Ob das hier nun so war - irgendwie gibt es noch immer zwei Seelen in meiner Brust, die nicht identisch darauf antworten.

Auf dem Heimweg, im Bild die unangenehme Traverse zwischen zweitem und drittem Aufschwung, welche auf dem Rückweg zurückgeklettert werden muss. Sicherungsmöglichkeiten gibt es leider keine, ein Sturz ist wie man sieht an beiden Seilenden eine bedenkliche Perspektive.

Somit also abseilend runter an den Fuss des dritten Aufschwungs (19 -> 17 -> 16 -> 15). Ab da mussten wir mit Seilsicherung zum Top des zweiten Routenteils zurück klettern. Zwei weitere Manöver (13 -> 11 -> 10) führten ins Gehgelände oberhalb des ersten Aufschwungs, wo wir die Seile aufnahmen und zum Ende der Routen am ersten Pfeiler (Squaw, Kooianisquazi, Letzter Mohikaner) abstiegen. Deren letzter Stand lässt sich relativ einfach auffinden und seilfrei erreichen, allerdings besteht er aus altem Material (SU plus 1 BH). Nachdem wir die Gammelschlingen rausgeschnitten und durch ein neues Seilstück ersetzt hatten, warfen wir die Seile aus. Als ich mich eingeklinkt hatte und über die Kante blickte, so hingen diese frei im luftleeren Raum neben der westlichen Pfeilerbegrenzung. Möglicherweise hätte es mit Pendeln oder Bolts klippen schon gereicht, um einen nächsten Stand zu erreichen, aber es war unsicher. Wir zogen es daher vor, oberhalb der Abbruchkante 20m quer über Schrofen ostwärts zum Stand 8 vom Vreneli zu seilen. Von dort geht's freihängend, aber tatsächlich in mehr oder weniger gerader Linie runter zu Ständen von Letzter Mohikaner und Kooianisquazi. In einigen weiteren Manövern an meist (teil)sanierten Verankerungen gelangten wir zurück zum Einstieg. Mehr oder weniger unserem Aufstiegsweg folgend, stiegen wir vorsichtig über die haltlosen Geröll- und Grashänge ab. Unterhalb der Felsstufe kraxelten wir vorerst wieder noch halbwegs angenehm durch einen Graben ab, bevor dann der im Abstieg noch mühsamere Teil im hohen Kraut wartete. Aber auch das wurde erledigt, mit schwindendem Licht wanderten wir von Mettlenberg retour auf die Wendenalp, wo wir um 22.00 Uhr nach einem 15-Stunden-Tag reichlich müde aber komplett wohlbehalten eintrafen. 

Facts

Wendenstöcke / Mähren - Vreneli 7c (6c obl.) - 22 SL, 500m (+200m Gehgelände) - Y. & C. Remy 1989 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.2-2, evtl. kleines Keilset

Gewaltige, eindrückliche und abenteuerliche Route durch die nur selten besuchte Südwand des Mähren. Ob sie wirklich eine der schönsten Routen der Gebrüder Remy bzw. an den Wendenstöcken ist?!? Nach meiner Meinung definitiv nicht. Rückblickend war ich vom ersten Aufschwung positiv überrascht. Dieser bietet viele tolle Meter, auch wenn es einige (meist leichtere) Abschnitte mit weniger schönem Gestein gibt. Der erste Aufschwung wäre auch für sich alleine ein lohnenswertes, gut abgesichertes Ziel. Abwegig ist das sicher nicht, z.B. beim Sonnenkönig beschränken sich ja auch fast alle auf den ersten Drittel der Route. Der zweite Aufschwung vom Vreneli ist nichts Besonderes, weder in Bezug auf den Fels noch die leichte Kletterei. Am meisten enttäuscht war ich vom hochgelobten dritten Aufschwung. Dessen erste 4 Seillängen sind alle teils etwas brüchig und bieten höchstens einzelne Stellen in gewohnter Wenden-Qualität. Erst ganz am Ende wird der Fels dann super, hoffentlich kann man es dann noch entsprechend geniessen. Die Absicherung hinterlässt einen etwas inhomogenen Eindruck. Einerseits wird sie generell je höher desto spärlicher, andererseits sind die schweren Passagen (>6c) oft eng behakt auf Niveau xxxx-xxxxx, während es im einfacheren Gelände heikle Runouts geben kann (x-xx). Das Material ist auch in die Jahre gekommen. Zu Beginn wurden teils noch (mit der Maschine gesetzte !?) Kronenbohrhaken verwendet, weiter oben sind es dann verzinkte Anker mit rostfreien Plättli. Das alles steckt seit z.Z. 32 Jahren und hat deutlich gealtert, auch die Standplätze sind eher nur spartanisch eingerichtet, es wirkt alles ziemlich sanierungsbedürftig. Einige clean gebliebene Abschnitte an Rissen und Verschneidungen müssen zwingend mobil gesichert werden, dafür braucht es m.E. mindestens ein Set Cams von 0.2-2 plus allenfalls ein Keilset. Weitere Infos findet man im Extrem West von Sandro von Känel oder im Arrampicare in Svizzera von Matteo della Bordella. Unten dank herzlicher Mithilfe von René das Originaltopo aus dem SAC-Monatsheft Die Alpen. Hier sind der Routenverlauf und die ideale Abseilstrategie am besten wiedergegeben. Eigentlich schade, dass man diese Trouvaille beim SAC weder im Archiv noch im Tourenportal auffinden kann.

Originaltopo von Vreneli aus dem SAC-Monatsheft Die Alpen.