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Samstag, 5. Juli 2014

Lachen lacht (8a)

Diese Woche konnte ich meine 10. Route im achten Franzosengrad rotpunkt durchsteigen - ein Umstand, welcher an dieser Stelle eine kleine Würdigung verdient. In der ersten Session war ich noch chancenlos und konnte nicht einmal alle Züge richtig klettern. Trotzdem hatte ich die Zuversicht, dass diese Route geht und es sich hier lohnt, dran zu bleiben. Für einmal hatte mich meine Intuition nicht getäuscht: in der technischen Boulderpassage an Seitgriffen muss man erst einmal seinen Rhythmus finden, und die richtige Spannung aufbauen damit die Füsse auf den sehr schlechten Tritten bleiben. Zudem muss man für den oberen Routenteil, mit seiner feingriffigen Wandkletterei (ohne die grosse, gutgriffige Schuppe rechts!), sich einen genauen Plan zurechtlegen.


Nachdem sich bei mir in der letzten Woche eine gute Form in Sachen Kraftausdauer aufgebaut hatte, wollte ich unbedingt einen Versuch in der Route starten. Schon aus der Ferne hatte ich die Zuversicht, dass ich dieses Mal, nach ca. 15 Versuchen in der Route, alle Moves am Stück durchziehen kann. Nur war es gar nicht so einfach, die nötige Zeit zu finden. Erst nachdem ich meine Arbeit in eine Nachschicht verschoben hatte, klappte es mit dem Trip an den Fels. Tatsächlich, nachdem ich mich aufgewärmt hatte, war dann gleich der erste Versuch erfolgreich. Beinahe mühelos gelangen mir die schwierigen und heiklen Züge der Boulderpassage, am folgenden Sloperband blieb der dort übliche Pump aus und im oberen Wandteil kletterte ich souverän, so dass ich mir die Butter nicht mehr vom Brot nehmen liess. Coole Sache - nun auf zu neuen Taten, die nächsten Projekte an diesem Cliff und anderswo warten schon!

Routenansicht: die Wand hängt auf 18m Länge rund 1m über. Die griffige Schuppe rechts oben ist wegdefiniert!


Montag, 30. Juni 2014

Grand Capucin - Schweizerführe (6b)

Angereist waren wir ja eigentlich für den Grand Capucin, doch nachdem wir im Vorfeld ausschliesslich negative Signale zur Begehbarkeit erhalten hatten und selbst an der Aiguille du Midi auf störende Schneereste gestossen waren, hatten wir mit dem Thema eigentlich schon abgeschlossen. In der Hütte trafen wir dann aber auf zwei Kletterer aus Zürich, welche uns ihre Pläne am Grand Capucin schilderten. Sie hatten bereits vor Ort einen Augenschein geworfen und bezeugten die Machbarkeit. Das tönte natürlich wie Musik in unseren Ohren, denn schliesslich ist der Grand Capucin ja der höchste, schönste und steilste der Felstürme im Cirque Maudit. Auf die ursprünglich geplante Bonattiführe wollten wir aber trotzdem verzichten, denn einerseits verläuft sie auf der Ostseite, wo noch mehr Schneeresten vorhanden waren und tageszeitlich viel früher Schmelzwasserstreifen auftreten. Andererseits sind dort auch die Rückzugsmöglichkeiten eher umständlich, d.h. es ist eher ein Ziel das man angeht, wenn wirklich alle Vorzeichen auf grün stehen.

Mit grummelndem Bauch unterwegs in den Cirque Maudit, der Grand Capucin ragt mittig in den Himmel hinein.
Um 4.00 Uhr schellte der Wecker, und noch ziemlich verschlafen nahmen wir das Frühstück ein. Wir einigten uns auf einen Versuch in der O Sole Mio, welche ich zwei Jahre zuvor bereits partiell begangen hatte. Der Erstbegeher Michel Piola lobt sie als schönste Tour am Berg, von den Schwierigkeiten her ist sie zugänglich und mein Reinschnuppern hatte diesen Eindruck bestätigt. Wie schnell Pläne im Gebirge zur Makulatur werden können, zeigte sich schon bald nach dem Aufbruch. Ich wurde urplötzlich von heftigen Verdauungsbeschwerden befallen, etwas am Frühstück war da offenbar gar nicht bekömmlich gewesen. Mit bereits einigen Zwischenstopps erreichten wir den Petit Flambeau und fuhren dann nordwärts in den Cirque Maudit ab. Dort ging's dann endgültig rund und es schien für mich mehr nach Abbruch der Tour hinauszulaufen, denn eigentlich gehörte ich auf die Toilette oder ins Bett, aber sicher nicht auf einen Gletscher oder gar an den Grand Capucin. Dies hätte aber einen sofortigen Wiederaufstieg von 200hm bedingt, wozu ich mich auch nicht wirklich in der Lage fühlte. So harrten wir erst einmal aus, ich drapierte währenddessen den strahlend weissen Gletscher mit einigen unschönen Farbnoten, und fellten schliesslich in Zeitlupe über den flachen, teils aber von riesigen, noch verschneiten Spalten durchzogenen Gletscher dem Grand Capucin entgegen. Wer wusste schon, ob sich die Sache nicht so rasch wieder abklang, wie sie aufgezogen war.

Zustiegsübersicht: den Spuren entlang kommt man vom Rifugio Torino bzw. Petit Flambeau in den Cirque Maudit.
In der Tat beruhigten sich meine Gedärme etwas, als wir uns dem Wandfuss näherten. Durch die vielen Stopps war es bereits 7.00 Uhr, natürlich noch früh genug für einen Versuch, aber seit dem Aufstehen war definitiv viel zu viel Zeit verstrichen. Wir deponierten die Ski, schnallten die Steigeisen an und machten uns auf den Weg hinauf zum Einstieg. Dazu passiert man erst einmal zwei eindrückliche, aufeinander folgende Bergschründe und steigt dann durch das rund 45 Grad steile Couloir des Aiguilettes hervor. Inzwischen hatte die Sonne bereits eine beachtliche Kraft entwickelt und der Schnee begann schon aufzuweichen. Momentan waren die Verhältnisse noch sicher und auch die Gefahr von fallenden Steinen sowie Schneerutschen war noch gebannt. Trotzdem, viel später sollte man hier aus Sicherheitsgründen nicht aufsteigen. Beruhigt stellten wir fest, dass rechts (d.h. an der orografisch linken Couloir-Begrenzung) zahlreiche BH-Stände vorhanden waren, welche uns später eine bequeme und sichere Abseil-Rückkehr ermöglichen würden. Etwas fraglich blieb hingegen, wo denn der Einstieg zur Route zu finden wäre. An einer Stelle, wo der Wechsel auf den Fels gut möglich schien, gewannen wir in etwas Mixed-Kletterei einen BH-Stand, von wo es dann mit den Kletterfinken weiterging. In Retrospekt wurde klar, dass wir damit bereits 50-80m vor dem offiziellen Beginn im Fels unterwegs waren, dennoch war unsere Entscheidung absolut korrekt. An dieser Stelle gilt es nicht pfannenfertige Rezepte und Topos einzuhalten, sondern es muss jeder die aktuellen Bedingungen richtig einschätzen und die beste bzw. sicherste Art der Fortbewegung wählen. Ein paar Minuten vor 8.00 Uhr ging es dann mit den Kletterfinken los. Zuerst warteten einmal volle 50m Kletterei im vierten Grad, der Fels noch nicht von bester Qualität aber trotzdem nicht schlecht. Dort stellten wir dann fest, dass wir den eigentlichen Beginn der Route O Sole Mio erreicht hatten.

Hinauf durchs später am Tag steinschlägige und lawinöse Schneecouloir zum Einstieg der Schweizerführe und O Sole Mio.
Die Szenerie hier ist absolut fantastisch. Vor der Nase der Punkt, wo wir vom Schnee auf den Fels wechselten.
Das einfache Klettergelände im 3./4. Grad, noch bevor die eigentlichen Routen anfangen. Guter Granit, selber abzusichern.
Routenbeschreibung O Sole Mio

L1, 50m, 5a: Etwas linkshaltend geht es hinauf, die Linie ergibt sich dabei von selbst. Es steckt keinerlei fixes Material, aber wenn man sich einfach in Richtung des weiter oben folgenden, markanten Risses in der orangen Wand hält, wird man unweigerlich auf den Stand treffen.

L2, 30m, 5c+: Für mich stellte sich nun hier die Frage, wo es denn überhaupt langgeht. Gemäss dem alten Piola-Topo sollte ein eingravierter Pfeil auf den richtigen Weg hinweisen, diesen konnte ich jedoch nicht identifizieren. So stieg ich schliesslich an sehr schönen, aber doch manchmal etwas hohlen Schuppen gerade hinauf. Stecken tut wiederum nix, es ist also durchaus etwas kühn - insbesondere auch wegen der Ungewissheit, ob es der richtige Weg ist. War es aber, nach 30m traf ich dann auf die Stand-BH.

L3, 50m, 6b: Nun folgte bereits das Pièce de Resistance und für uns das Ende der Tour. In etwas plattiger Wandkletterei (1 BH) muss man einen breiten Riss gewinnen, der erst als eine Art seichte, runde Wasserrinne daherkommt und sich später zum Fingerriss verengt. Dies ist sicher schon in trockenem Zustand und mit dem richtigen Gear nicht leicht. Leider rann in diesem Riss Wasser, und der orange Granit, welcher auch schon trocken manchmal etwas glitschig ist, fühlte sich wie Schmierseife an. Zudem sind hier 1-2 Camalots der Grösse 4 mitzuführen, wenn man die Wasserrinne absichern will. Zu dumm, dass an meinem Gurt maximal der 3er baumelte. Mit Techno-Basteln war also nix, und der 10m-Runout an der feuchten Wasserrinne war auch keine Option.

Sehr schöne, ja gar fantastische Kletterei in der cleanen L2 (5c+) von O Sole Mio. Leider ging's danach nicht weiter. 
Somit waren wir hier also angebrannt - durchaus etwas schade, aber wie sich danach zeigte, war es nicht die einzige Stelle, welche unpassierbar gewesen wäre. Auf der Terrasse nach L5 lag noch so viel Schnee, dass der Stand und die ersten 10m der folgenden Länge nicht kletterbar waren. Und eine Seillänge weiter oben, am etwas schattseitig gelegenen Anfang von L7 (6b+) war auch noch viel Restschnee vorhanden, auch hier wäre man nicht durchgekommen. Somit das Fazit, in der O Sole Mio muss man anfangs Saison nichts wollen, die ist erst im Juli und August gut. Wir zogen hingegen einen 50m-Abseiler, quasi zurück auf Feld 1 und Neustart in der Schweizerführe. Bis dorthin, wo meine Routenbeschreibung beginnt, wären von unserem Schuhdepot schon ca. 80m in leichterem Fels (3./4. Grad) zu klettern.

Routenbeschreibung Schweizerführe

L1, 25m, 5c+: Sehr schöne Platte mit zwei parallelen Rissen, Crux ist der Schritt nach rechts. Zum Schluss steigt man auf ein Podest aus, welches auch noch etwas schneebedeckt war. Links herum gibt es übrigens auch einen einfacheren, weniger kompakten Weg (nicht empfehlenswert).

L2, 40m, 6b: Hmhm, wo geht es hier lang? Logisch scheint der gerade Riss direkt über dem Stand. Andererseits gibt es auch links ein Risssystem, welches eher einfacher aussieht. Nur ist es dort etwas fraglich, ob man unter dem Stand wieder nach rechts zurückqueren kann. Ich entscheide mich für den geraden Riss, wohl die Originallinie, die früher stark eingenagelt war. Heute gibt es auf dessen ganzer Länge nur noch 2 NH, der Rest ist clean. Die Kletterei ist echt knifflig, der Riss oft nicht sonderlich griffig und die Wand daneben auch eher strukturarm. Sicher eine solide 6b, ich musste mich echt anstrengen! Der Weg linksherum ist übrigens tatsächlich deutlich einfacher und checkt maximal bei 6a ein, die Rückquerung an den Stand ist wohl die Crux, geht aber gut.

Im direkten, eher glatten Riss von L2 (6b) muss man sich ziemlich strecken, sichern muss man auch selber. Bild: Xavier G.
Und Kathrin hat dann dieselbe Aufgabe vor sich, mit dem Unterschied, dass sie die Sicherungen rausfummeln muss...
L3, 40m, 5c: Steiler, aber griffiger Start, bei dem sogar noch ein paar Gurken stecken. Danach in der breiten Verschneidung/Rinne aufwärts. Hier kann man dann zügig Meter machen, es warten keine besonderen Schwierigkeiten. Der Stand befindet sich links auf einer bequemen, kleinen Terrasse.

L4, 35m, 5b: Weiter direkt durch die grosse Verschneidungsrinne. Verirren kann man sich hier nicht, für die beste Linie braucht es doch etwas ein Auge. In dieser Länge steckt nun wiederum praktisch kein fixes Material. Der Stand befindet sich dann direkt in der Rinne, auf Höhe der bequemen Terrasse nach L5 von O Sole Mio. Hier könnte man die Route bequem wechseln - allerdings war genau diese Terrasse noch sehr tief verschneit.

Kathrin kurz vor dem Stand in L4 (5b). Die Szenerie ist einfach umwerfend, die Qualität des Granits ebenso.
L5, 40m, 6a: In offensichtlicher Linie geht's geradeaus weiter, erst einfach, dann steiler. Man gelangt schliesslich auf ein kleines Podest, hier gibt es einen schlechten Stand an 3 NH links um die Ecke. Diesen lässt man bevorzugt aus und klettert weiter an steilen, aber gut griffigen Rissen hinauf. Der Stand an 2 BH mit Kette befindet sich dann rechts der Kante.

L6, 20m, 6a+: Nun wartet der fantastische Handriss gleich oberhalb vom Stand. Der orangefarbene Fels ist perfekt, fühlt sich aber etwas glitschig an und der cleane Riss ist alles andere als einfach. Danach gibt es zwei Varianten: man steigt entweder gerade hinauf und erreicht einen weiteren Kettenstand, bevor die Technolänge der Schweizerführe nach rechts abzweigt. Alternativ (unsere Variante), nach dem Handriss links hinaus, zum BH-Stand der O Sole Mio.

Nach dem etwas glitschigen und schwierigen Handriss von L6 (6a+) der Wechsel nach links hinaus in die O Sole Mio.
L7, 40m, 6a+: Über die O Sole Mio wollten wir nämlich aussteigen. Der freie Durchstieg zum Grand Capucin ist doch reizvoller wie die Hakenzieherei über ein mühsames Dach, zudem sind die beiden Längen der O Sole Mio wirklich allererste Sahne. Vom Stand weg in griffiger Wandkletterei (2 BH) leicht nach rechts zum Riss, welchen man in steiler, selbst abzusichernder Kletterei zum Stand unter einem dunklen, düsteren Kamin-Schlitz verfolgt.

L8, 35m, 6a+: Nun geht es aber zum Glück nicht in diesen Kamin hinauf, sondern links hinaus in die strukturierte, orange Wand (2 BH). Danach muss man dann selber absichern, die Kletterei ist aber echt genial, und in einer super Position. Zuletzt nochmals an NH & BH vorbei zum Stand am Beginn des Gipfeldachs.

Yours truly (wenn man nicht so genau hinschaut beinahe wie Alex Huber) on lead in der fantastischen L7 (6a+). Bild: Rainer W.
Perfekter Granit in der Ausstiegsplatte von L8 (6a+), die alpine Szenerie dahinter ist einfach unschlagbar. Grosses Kino!
L9, 40m, 4b: Hier könnte man nun in direkter Linie gegen den Vorgipfelturm hin aufsteigen. Könnte, denn hier lag noch einiges an Schnee. In einer Rechtstraverse konnte man diesen untenrum gerade so ausweichen, das Problem war dabei nur, dass nun auch massiv Schmelzwasser über die Platten zu rinnen begann. Rechts an der Kante zur SE-Wand findet man dann nochmals einen BH-Stand.

L10, 20m, 4a: Nun wartet noch eine kurze, schnelle und einfache Seillänge zum Gipfel, welcher nur durch einen schmalen Grat gebildet wird.

Blick vom Stand nach L8 auf das Restprogramm von L9 & L10. Der Schnee war doch erheblich störend...
Um 15.00 Uhr hatten wir doch noch das Top erreicht. Glücklicherweise war meine Magenverstimmung kein wesentlicher Faktor mehr gewesen. Weil ich nach dem Event weder weitere Nahrung noch Tranksame zu mir genommen hatte, herrschte Ruhe. Kathrin war aufgrund von Höhe und Anstrengung doch ziemlich platt, vor dem Gipfel aufzugeben wäre allerdings auch schade gewesen. Mit uns am Top war ein französischer Führer mit seinem Gast. Diese schafften es doch tatsächlich, ihr Seil unangebunden in die Tiefe zu werfen! Nun, auf der Gipfelabdachung kommt man damit zu ihrem Glück nicht allzu weit, so dass wir bei der Bergung behilflich sein konnten. Leider machten wir dann den Fehler, noch etwas das Gipfelglück zu geniessen und den beiden den Vortritt zu lassen. Beim Abseilen stellten sie sich nämlich komplett dilettantisch an, zum Glück konnten wie sie nach ein paar Manövern durch Benützung eines Zwischenstands überholen. Schliesslich kamen sie mehr als 2 Stunden nach uns im Rifugio Torino an, incroyable! Abgeseilt wurde natürlich über die Route, denn wir mussten ja wieder unsere Schuhe auflesen. Dies ging gut, allerdings rannen nun schon massive Schmelzwasserbäche über die Route. Ein Seilverhänger wäre echt kritisch gewesen, da ein Aufstieg zur Bergung schon kaum mehr möglich gewesen wäre. Doch dieses Szenario trat nicht ein, nur der letzte Teil im einfachen Klettergelände und entlang der Randfelsen des Couloirs erforderte dann etwas Seilpflege. Das grosse Bergschrund-System liess sich abseilend trotz dem weichen Schnee dann vernünftig passieren. 

Das letzte Stück könnte man auch als Mixed-Kletterei mit Kletterfinken bezeichnen. Einfach immer dem Fels nach...
Der Wandfuss hatte uns also wieder, wir stiegen auf die Skis und konnten in dieser einmaligen Szenerie noch ein paar schöne Linien in den weichen, aber kompakten Sommerschnee legen. Schliesslich war der Anfellpunkt erreicht, und die Pflichtaufgabe zum Petit Flambeau stand noch bevor. Dank etwas leichterem Gepäck und bereits verbesserter Akklimatisation gingen die 250hm nun aber doch schon einiges angenehmer von der Hand als am Vortag, so dass wir um 18.00 Uhr zurück bei der Hütte waren. Zum Znacht konnte ich dann sogar ohne negative Folgen einen Teller Pasta und ein Cola einnehmen. Somit stand einer Unternehmung am nächsten Tag nichts mehr im Wege - zumindest was meine Kondition und Motivation anbetraf. Wir diskutierten die Sache nur kurz, denn das Spektrum reichte von der Tour Ronde N-Wand (nimmermüder Männerwunsch) bis zu direkter Heimreise (müdigkeitsbedingter Damenwunsch ;-)). Da noch zig andere Optionen ins Spiel zu bringen war sinnlos, also legten wir uns zeitig in einen komplett leeren Massenschlag und stellten den Wecker auf 4.45 Uhr. Gut ausgeschlafen, eingermassen erholt und bei einem fantastisch anbrechenden Tag würde die Lage wieder anders aussehen, bis dahin war also die Tourenwahl für den Abschlusstag zu verschieben.

Facts

Grand Capucin - Schweizerführe 6b (ED-, 6a obl.) - 10+2SL, 415m - Asper/Bron/Grossi/Morel 1956 - *****;(xxxx)
Material: Camalots 0.3-3, Klemmkeile 1-8, 2x50m-Seile, komplette Eisausrüstung

Grandiose Risskletterei, welche den einfachsten und logischen Felskletterweg auf den isolierten Gipfel des Grand Capucin darstellt. Nach einem Anmarsch über den spaltenreichen Gletscher wartet erst ein Bergschrund und ein 45-Grad-Couloir, bevor zwei einfache Felslängen zum Start der eigentlichen Route führen. Dort geht es dann in perfektem Granit bei anhaltenden Schwierigkeiten im oberen fünften und unteren sechsten Franzosengrad weiter. Während die Route früher stark eingenagelt war und als Hakenkletterei galt, so trifft dies längst nicht mehr zu. Nur ein paar wenige Rostgurken stecken noch, ansonsten muss komplett selber abgesichert werden, auch und insbesondere an den Schlüsselstellen. Dies ist aber bei entsprechendem Können bestens möglich. Die Stände sind hingegen alle perfekt mit BH eingerichtet. Für einen Ausstieg in schöner Freikletterei empfiehlt sich der Wechsel in letzten 2 SL der O Sole Mio vor dem Gipfeldach unbedingt. Die anstrengende Hakenzieherei des Originalwegs sieht eher mühsam und auch windig abgesichert aus. Aber natürlich jedem so wie er es mag...

Topo

Ein wirklich gutes Topo der Schweizerführe existiert meines Wissens weder auf dem Netz, noch irgendwo in einem Druckwerk. Das alte Piola-Topo ist nicht mehr ganz up-to-date, und die Chamonix-Grade für die heutige Freikletterei irgendwie auch nicht so informativ. Immerhin ist bei der Schweizerführe der Routenverlauf gegeben, und ein verirren in andere Touren so gut wie ausgeschlossen. Um dem topolosen Zustand zu entgegnen, habe ich selber eine Skizze angefertigt - möge sie Euch behilflich sein! Damit dem internationalen Publikum an diesem Berg Rechnung getragen wird, ist es ausnahmsweise auf Englisch formuliert.



Dienstag, 24. Juni 2014

Rätikon - Auenland (7a/+)

Diese Route ist neu - oder auch nicht so. Über 10 Jahre lang figurierte sie unter dem Titel Reichle/Blasche Unvollendet in den Kletterführern, bevor sich Walter Hölzler im Jahr 2013 der Sache annahm und die Route komplettierte. Gefehlt hatten eigentlich nur gerade 25m hinauf zum Grat zwischen der 4. und 5. Kirchlispitze, wovon die letzten 10m mit einfacher Kletterei sogar geschenkt gewesen wären. Doch was nach wenig tönt, ist trotzdem nicht zu unterschätzen. Schliesslich befinden sich die Rätikon-Wände nicht gerade im Vorgarten, und vor dem Abschlussbouquet warten 9 lange, anspruchsvolle Seillängen, welche sowohl in Bezug auf Klettertechnik wie auch Absicherung fordernd sind. Hier mit der Bohrmaschine hoch und dann die auch nicht einfache letzte Seillänge zu erschliessen ist eben doch ein grosses Unternehmen.

Wandansicht und Verlauf der Route Auenland an der 5. Kirchlispitze im Rätikon
Hinweis: nach meiner Begehung von Auenland und meinen Kommentaren wurde die Route verdankenswerter Weise von Walter Hölzler an diversen Stellen mit Bohrhaken nachgerüstet (siehe hier). Aus Gründen der Nachvollziehbarkeit lasse ich meinen Originaltext mit meinen damaligen Eindrücken unverändert stehen. Es ist jedoch so, dass die meisten von mir als heikel oder fordernd beschriebenen Stellen inzwischen entschärft sind und einen unbekümmerten Klettergenuss ermöglichen.

Nun denn, in dieser Auenland wollten Kathrin und ich einen Versuch geben. In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts hatte ich 3x die unmittelbar daneben liegende Galadriel geklettert, seither war ich nie mehr in diese Zone der Kirchlispitzen vorgedrungen. Obwohl demnächst Wartungsarbeiten mit einer Strassensperre anstehen, war die Güterstrasse aufs Grüscher Älpli problemlos  befahrbar. Um 8.30 Uhr machten wir uns auf den Zustieg und erreichten 45 Minuten später den Wandfuss, die Sonne wäre schon ca. eine halbe Stunde eher dagewesen. Der Einstieg ist nicht allzu einfach zu lokalisieren, und nur gerade dank einer gebohrten Sanduhr mit Schlinge identifizierbar. Jedenfalls, die spärlichen BH der ersten Länge sind höchstens mit dem Fernglas zu erspähen. Vielleicht hilft auch noch die Info, dass man ca. 30m links der Galadriel am richtigen Ort ist, wobei aber auch jener Einstieg nicht markiert oder besonders einfach aufzufinden ist.

Unbedingt zu beachten, wenn man diesen Sommer im Rätikon klettern will!
L1, 40m, 6a: Na dann, von besagter SU-Schlinge klettert man einfach einmal gerade, bzw. ganz leicht links tendierend hoch. Nach ca. 12m kommt der erste, nach ca. 25m der zweite BH, bald darauf dann zwei weitere. Mit all den Bändern dazwischen klettert man zumindest die erste Hälfte der SL faktisch freesolo, ein Sturz liegt nicht drin, legen kann man auch nix. Zum Glück ist die Kletterei nicht sonderlich schwierig, das Problem liegt eher im teils nicht restlos überzeugenden Fels und der unklaren Routenführung. Leider taugt das Panico-Topo überhaupt nix, weil die BH im Vergleich zu den auf der Skizze eingezeichneten Geländestrukturen definitiv falsch sind. Die Bewertung dieser SL sehe ich eher bei 5b expo. Hinweis: inzwischen stecken in dieser Länge 6 anstatt nur 4 BH, womit sich die Situation deutlich entschärft haben dürfte!

Einstiegsbereich und Verlauf der spärlich abgesicherten L1 (6a, eher 5b expo).
L2, 40m, 6a+: Ursprünglich musste man hier über die unschönen Schrofen im Zweier- und Dreiergelände rechts des Pfeilers hochklettern. Im Zuge der Fertigstellung hat dann aber Walter die Passage direkt über den Pfeiler eingebohrt, eine sehr gute Entscheidung! Die Kletterei vielleicht noch nicht von allererster Güteklasse, aber dennoch schon schön und auch gut abgesichert. 

Kathrin im Ausstieg von L2 (6a+). Es hat in der Wand übrigens schon weniger Gras, als man bei diesen Fotos von oben meint.
L3, 25m, 6c+: Hier wartet nun der erste Test für die Gummimischung oder denjenigen, der sie an den Füssen hat. Über eine steile, kompakte Platte mit allerbestem, gefinkeltem Fels geht es hier in die Höhe. Die Haken stecken hier vernünftig nahe beisammen, was auch gut so ist. Denn ich musste doch schon ein paar Mal so antreten, dass ich mir nicht sicher war ob der Fuss hält oder nicht. Tat er aber, und ich kam gut onsight durch. Was sicher auch hilft, ist ein Auge für die richtige Linie.

Sehr schöne, kompakte Plattenkletterei in bestem Fels, ein erstes Highlight in L3 (6c+).
L4, 35m, 5c+: Hierbei handelt es sich um eine Überführungslänge zum oberen, kompakten Wandteil. Nach dem gut sichtbaren BH klettert man die etwas grasige Verschneidung rechts, welche selber abzusichern ist. Zum Glück ist der Fels meist solide. Oberhalb davon erst über eine Platte (BH) und Schrofen zum Stand.

Sicht auf L4 (5c+) und deren Verlauf. Die etwas grasige Verschneidung muss selber abgesichert werden.
L5, 45m, 7a: Über eine kurze, splittrige Wandstufe und eine kompakte, geneigte und etwas glatte Platte bewältigt man die ersten 20m zum wesentlichen Teil. Nämlich einer steilen, grauen Mauer aus allerbestem Fels. Die Crux befindet sich gleich am Anfang dieses Teils und besteht in einem 3m hohen, steilen Wulst. Oberhalb hat es nur ein paar Sloper und der Teil darunter ist sehr trittarm. Ohne das exakte Wissen, wo sich der unscheinbare, positive Winzgriff mit dem kleinen Käntchen befindet, wird es hier sehr schwierig. Und selbst dann ist der folgende Mantle anspruchsvoll, umso mehr mit langen Gliedern. Für mich reichte es im ersten Anlauf leider nur zum Patscher auf einen der Sloper mit nachfolgendem Sturz. Dieser Stelle empfand ich als deutlich die schwerste Passage der ganzen Route und würde sie sicher mit 7a+ bewerten. Der Rest der Länge ist dann ziemlich anhaltend, aber etwas einfacher (6c/+). Die Absicherung ist gut, wenn auch im Bereich von 6c/+ ziemlich zwingend. Ein Faktor in dieser SL ist leider auch der Seilzug, welcher sich auch mit langen Schlingen nicht komplett eindämmen lässt.

Die tolle, silbergraue Wand mit dem Verlauf von L5 (würde ich mit 7a+ bewerten) und L6 (7a, heikel gesichert zu Beginn)
Sicht vom Stand auf die tolle L5 (7a+)
L6, 45m, 7a: Eine lange Knallerlänge, welche zu Beginn psychisch sehr anspruchsvoll und leider auch nicht ungefährlich ist. (Hinweis: diese Seillänge wurde nachträglich mit zusätzlichen BH entschärft und ist nun nicht mehr gefährlich). Vom 1. zum 2. BH wartet eine schwere Stelle, wo man hart auf Gegendruck an dünnen Schüpplein ziehen muss. Das wäre allein schon etwas bedenklich, aber man befindet sich da 6-7m direkt oberhalb vom Stand und ein Sturz endet unweigerlich in einem Zusammenprall mit der Sicherungsperson. Ausweichen ist einfach unmöglich, Vorklippen wegen Seilzug und Länge der SL davor ebenfalls, es hilft einzig Augen zu und durch, bzw. die Hoffnung, dass diese Schüpplein standhalten und man die Stelle sturzfrei durchmoven kann. Vom 2. zum 3. BH dann erneut ein weiter Abstand und schwere Kletterei. Der Sturz geht nochmals bis zum Stand runter, immerhin aber vermutlich neben dem Sicherungspersonal vorbei, ausprobiert habe ich es allerdings nicht ;-). Danach wird's dann zum Glück besser. Es folgt eine knifflige, wohl etwas grössenabhängige Stelle in die Verschneidung hinein, wo sich dann die erneut grossen Abstände wegen einfacherer Kletterei weniger bemerkbar machen. Danach links hinaus aus der Verschneidung und den Plattenpfeiler hinauf. Wer den zweitletzten BH direkt anklettert kann sich nochmals auf eine schwere Stelle über dem BH gefasst machen, aber es gibt linksherum auch einen einfacheren Weg, den sicher auch die Erstbegeher geklettert sind. Insgesamt ist diese SL für den Vorsteiger bestimmt am forderndsten, andererseits aber m.E. auch klettertechnisch einfacher wie L5. Ich denke, 7a kann und muss man geben, ich konnte jedenfalls alle Stellen gut klettern.

Am finalen Plattenpfeiler in der schönen, aber fordernden L6 (7a).
L7, 30m, 6b: Eine vergnügliche SL zum Ausschnaufen! Sie führt links hoch und bietet eine ziemlich gesuchte Linie, folgt dafür dem perfekten, grauen und gefinkelten Fels. Eine kurze etwas schwerere Stelle wartet am Pfeilerlein. Aber Augen auf, dann geht das gut und auch wenn es nicht völlig trivial ist, so spürt man halt dass 6b massiv einfacher wie 7a ist! 

L8, 45m, 6b: Lange und komplexe Angelegenheit mit ziemlich kurviger Linie. Die ersten drei Viertel bieten perfekte Felsqualität und super Griffigkeit, sie lösen sich auch bestens auf. Der Schluss hingegen dann macht leider weniger Freude, plötzlich wird der Fels mühsam splittrig und brüchig, darüber hinaus wurde auch noch etwas mit den Bolts gegeizt. Weiter ist der Seilzug trotz Verlängerungen oberätzend und 5m über dem BH im Bruch rumzumoven gehört zwar vielleicht ins Repertoire eines kompletten Alpinkletterers, ist aber nicht wirklich das grosse Vergnügen. Nach ein paar Mal Schimpfen und etwas Zittern schnappt der Standkarabiner ein... (Hinweis: in dieser Seillänge wurden nachträglich Bohrhaken hinzugefügt und umplatziert, so dass sich die Situation heute freundlicher präsentiert. Der Fels auf den letzten Metern verlangt aber immer noch Vorsicht).

Unten in L8 (6b) wartet super Kletterei, vom zweitletzten BH zum Stand ist's dann aber splittrig und (zu) weit gesichert.
L9, 40m, 6c: Wow, jetzt wird es spektakulär. Erst geht es noch in sehr schöner Plattenkletterei auf bestem Fels weiter bis unter die steile Abschlusswand. Diese hängt ziemlich über, bietet aber wie von Zauberhand viele Henkel der allerersten Güteklasse. Einige weite Moves sind erforderlich, schliesslich kommt man hier aber erstaunlich locker durch. Tja, und an diesem luftigen Stand hatten eben die Herren Blasche und Reichle ihr Werk beendet.

Die spektakuläre L9 (6c), unten eine super Platte, dann massiv überhängende Tropfloch- und Henkelkletterei.
L10, 30m, 6c: In steiler Wandkletterei an vorzüglichem, scharfem Tropflochfels geht es in bester Schweizereck-Manier in die Höhe. Die Absicherung mit Inox-BH ist gut, dennoch warten hier noch einige zwingende Stellen, die einen mit inzwischen leeren Armen nochmals auf den Prüfstand stellen. Wie auch immer, diese SL ist ganz sicher klar schwerer wie L9 und es macht für mich überhaupt keinen Sinn, sie gleich zu bewerten. Somit würde ich hier 6c+ vorschlagen, bzw. womöglich gar in Richtung 7a tendieren. 

Endspurt zum Top in L10 (6c+), welche im wesentlichen Teil nochmals geniale Tropflochkletterei bietet.
Um 17.00 Uhr hatten wir nach über 7 Stunden zähem Ringen das Top erreicht. Der Einsatz und die Geduld hatten sich aber gelohnt, bis auf die eine Crux in L5 hatte ich alles klettern können. Am Gipfelgrat gönnten wir uns eine kurze Pause und beobachteten eine Seilschaft bei ihren Manövern im Silbergeier. Der Abstieg nach Norden und weiter zum Schweizertor schien kurz, bequem und verlockend. Andererseits, dann vom Pardutzbödeli nochmals über die Geröllhalde zum Einstieg hochzuspulen zu müssen, das war natürlich auch keine attraktive Aussicht. Somit traten wir wie geplant den Weg abseilend durch die Wand an, wobei mit 50m-Seilen 8 Strecken nötig sind. Mit 60er-Seilen spart man sich wahrscheinlich nochmals zwei Manöver. Alles ging glatt, und so waren wir 45 Minuten später am Wandfuss. Nun nur noch die Geröllhalde surfen, der kurze Abstieg zum Auto und die lange Holperfahrt ins Tal - a very fine day!

Facts

Rätikon - Auenland 7a (6c+ obl.) - 10 SL, 375m - Reichle/Blasche 2001 & Hölzler/Spötzl 2013 - ***;xxx
Material: 12 Express, Camalots 0.3-0.75, 2x50m-Seile.

Schöne und fordernde Route welche vielerorts über sehr guten Rätikonkalk mit hervorragender Reibung verläuft. Daneben müssen einige Grasbänder und weniger kompakte Zonen passiert werden, dort neigt der Fels dann auch manchmal zur Splittrigkeit. In Punkto Schönheit würde ich die Tour etwas hinter der Kamala und der Galadriel einordnen. Die Absicherung ist, nachdem die Route nach meiner Begehung von Walter Hölzler nochmals mit einigen zusätzlichen Bohrhaken aufgepeppt wurde, nun als gut zu bezeichnen. Einige zwingende Plattenpassagen kommen jedoch hin und wieder vor, wie auch einige einfachere, jedoch nicht ganz solide Stellen, wo man etwas Erfahrung braucht und sicher steigen sollte. Auch wenn man nicht viel legen kann, so ist die Mitnahme von Camalots 0.3-0.75 für die ersten 4 SL sicher sinnvoll. 

Topo

Es gibt ein Topo von Walter Hölzler, welches aber leider bis auf Schwierigkeiten, Routenlänge und Anzahl Haken nur wenige Details zeigt. Das sich im Panico-Kletterführer Rätikon befindende Topo zeigt zwar etwas mehr Details und Sicherungssymbole, ist aber trotzdem rudimentär und teilweise auch fehlerhaft. Gerade in den einfacheren, schlecht abgesicherten Abschnitten ist der Routenverlauf oft unklar. Lange Rede kurzer Sinn: diese Tour hat ein genaues Topo verdient, deshalb habe ich selber eines gezeichnet. Man kann es auch als PDF runterladen. Hinweis: dieses Topo ist vor der Nachrüstung durch Walter Hölzler im 2014 entstanden. Punktuell steckt der eine oder andere Haken mehr als auf meiner Skizze, die als "expo" bezeichneten Stellen wurden alle entschärft.