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Mittwoch, 21. August 2019

Parete dei Titani - Venus ou bien Venise (6b+)

Zum Abschluss unseres Chamonix-Trips wollten wir uns nochmals ein richtiges Highlight gönnen und besuchten das italienische Val Ferret auf der Südseite vom Mont-Blanc-Massiv. Das Tal ist paradiesisch schön: Auen, lichte Wälder, tosende Flüsse, klare Tümpel, hohe Berge, Gletscher, alles was das Alpinistenherz begehrt ist da. Der Plaisirkletterer findet an den Aiguilles Rouges de Triolet sein Vergnügen in extrem griffigem und strukturiertem Granit. Viele der Touren dort werden vom Rifugio Dalmazzi angegangen und liegen nicht mehr im Tagestourenbereich. Das trifft für die an der Sockelwand der Triolet-Berge gelegene Parete dei Titani nicht zu. Hierhin gelangt man mit nur 1h Zustieg und trifft in der 'Venus' auf ein herrliches Feuerwerk von abwechslungsreichen Seillängen in bestem, kletterfreundlichem Granit. Auch wenn die Wand alpinistisch eher unbedeutend ist, ob der schönen Umgebung und der exzellenten Kletterei haben wir es mit einer 5-Sterne-Tour zu tun!

Das italienische Val Ferret ist ein Paradies - eines der schönsten Alpentäler, die ich bisher besucht habe!
Von unserem Basecamp in Vallorcine sind es zwar keine 20km zum Einstieg, aber es ist doch eine längere Reise. Sie führt erst nach Chamonix und durch den teuren Mont-Blanc-Tunnel (57 Euro retour) und dann sehr sehenswert durch das Val Ferret. Bis Planpincieux ist mir dieses bekannt, dorthin waren wir damals nach dem Nordwandabenteuer an den Grandes Jorasses abgestiegen. Nun ja, dieses Mal soll es weniger wild zu- und hergehen. Trotzdem sind wir früh aufgebrochen. Einerseits wollten wir nicht vor dem Tunnel im Stau stehen, andererseits wird die Strasse im hinteren Val Ferret ab Lavachey teilweise ab 9 Uhr gesperrt und vor allem gibt's zuhinterst in Arpnuova nur eine limitierte Anzahl Parkplätze. Unterwegs hatten wir uns ein feines Frühstück gekauft, das wir hier in schönster Umgebung an der Sonne geniessen konnten - top!!! Kaum zu glauben, wie oft wir dabei von asiatischen und amerikanischen Wandergruppen fotografiert wurden. Ob die wohl der Meinung waren, dass wir hier irgendwo in den Büschen leben ;-)

Blick vom Zustieg Richtung Triolet-Gletscher und Parete dei Titani, wo Ein- und Ausstieg der Route markiert sind.
Zum Pressieren gab's für uns nichts mehr. Die Parete dei Titani ist erst ab dem späteren Vormittag (je nach Jahreszeit 10-11 Uhr) an der Sonne und absolut stabiles Wetter war angekündigt. Trotzdem machten wir uns um 10.00 Uhr langsam auf den Weg. Zuerst geht's noch 1km der Fahrstrasse entlang ins Tal hinein, bevor man links ausgeschildert Richtung Rifugio Dalmazzi abzweigt. Über einige improvisierte Brücken quert man das Bachbett, geht am Klettergarten vorbei und erreicht über eine Stufe die langgezogene Moräne vom Triolet-Gletscher. Dieser folgt man bis unmittelbar vor dem Einstieg, der aufgrund des Topos resp. Wandfotos im Groben problemlos zu identifizieren war. Wir brauchten bei (für mein Gefühl) gemütlichem Gehtempo gerade die im Plaisir Süd und auf C2C veranschlagte Stunde Gehzeit. Ja, es bessert langsam mit der Lauferei, inzwischen halten wir bereits die Zeiten aus der Literatur ein :-) Nachdem wir uns dick mit Sonnencrème eingeschmiert hatten, konnte es um 11.30 Uhr losgehen. Bis auf eine Seilschaft, welche sich bereits in L5 der Venus befand, war der ganze Wandbereich verwaist.

Blick auf die Parete dei Titani und den Routenverlauf vom Punkt, wo man von der Moräne abzweigt.
L1, 6b: Zuerst heisst's, in die richtige Route einzusteigen! Angeschrieben ist nichts, die Tour die direkt vor der Nase gerade links vom tiefsten Punkt an der markanten Schuppe startet ist jedoch die 'Ahi Ahi Ahi'. Der Einstieg der 'Venus' ist ca. 5m weiter rechts, d.h. rechts vom tiefsten Punkt und der Kante, ein bisschen weniger offensichtlich. Es wartet nun senkrechte, recht anhaltende Wandkletterei an vernünftigen Griffen, eine prima Sache. Nicht ganz einverstanden bin ich mit der Bemerkung im Plaisir Sud, es sei nur 1 Move, der die 6b ausmache.

Rückblick aus der Kletterstellung auf die steile L1 (6b), die mit anhaltenden Moves in senkrechtem Gelände aufwartet.
L2, 5c: Lange, superschöne Platte, der Fels ist ideal strukturiert. Hier muss man nicht wie am Grimsel schleichen, sondern klettert immer an Struktur - ein wenig wie in Ailefroide, würde ich sagen.

Sehr schöne Plattenkletterei in L2 (5c), die Umgebung einfach unschlagbar schön, erst recht an diesem Traumtag!
L3, 6a: Die Route führt durch die Verschneidung rechts, welche auf ein paar Metern etwas glatt und gar nicht mal so einfach ist. Man verlässt diese und klettert links an den Stand, gerade hinauf könnte man sich in die 'Titanic' verhauen (die Gefahr ist allerdings klein, einfach den Haken nach und nach oben wird's eh grasig).

Wieder einmal einen No-Hand-Rest gefunden. Gut, in der 6a-Verschneidung von L3 nicht so erstaunlich...
L4, 6a+: Schöne Wandkletterei mit steiler, griffiger Zone, super. Das Ende bringt einen dann auf die nächste, grosse Platte.

Ich wurde schon oft gefragt, wie ich mich auf MSL von der Tochter sichern lasse. Mit Grigri am Fixpunkt heisst die Lösung, hier im Bild gut sichtbar. Funktioniert perfekt, ist 100% safe und ich hab's natürlich vor dem Echteinsatz auch mit Hintersicherung sturzgeprüft. Einzig die mangelnde Dynamik kann man ankreiden, harte Stürze in die ersten 1-2 Haken wären wohl moderat angenehm. Einzig am Einstieg ist jeweils etwas Kreativität nötig: entweder natürlichen Fixpunkt schaffen, erste Zwischensicherung als Fixpunkt benutzen oder Edelrid Ohm verwenden. Hier bei der Venus gab's eine prima Sanduhr von verkeilten Blöcken, Problem gelöst. 

Eine spezielle Geschichte ist auch der leer glänzende Dübel neben dem Standhaken. Unbekannte hatten vor relativ kurzer Zeit an den Standplätzen Ketten angebracht. Dazu wurden jeweils 1-2 neue Dübel gesetzt. Leider wirkt diese ganze Aktion sehr unprofessionell. Die vorhandenen Haken waren von rostfreier Qualität und noch einwandfrei, man hätte sie problemlos weiterverwenden können - und wenn schon, hätte man sie am besten abgeflext und die Löcher gepatcht. Noch schlimmer ist aber, dass die neuen Dübel nur verzinkt sind....
L5, 5c: Lang, homogen, super. Griffige Plattenkletterei at its best! Ein bisschen erstaunt bin ich darüber, dass hier die Absicherung aufgebessert wurde, d.h. es wurden in dieser Länge ca. 4 zusätzliche BH gesetzt. Dies ohne den Erschliesser Michel Piola um Einwilligung zu fragen. Er zeigte sich denn auf meine Nachricht hin auch wenig erfreut - gut möglich also, dass diese Haken bald wieder verschwunden sind. 

Eindrückliche, grosse Platte in L5 (5c).
L6, 3a: Noch kurz einige Meter im leichten Fels aufs Grasband und dieses nach rechts hochsteigen, um an den oberen Wandteil zu gelangen. Offenbar gab's auch hier schon Verhauer in die 'Ahi Ahi Ahi', aber wenn man den Trittspuren auf dem Gras folgt und dieses logisch diagonal überquert, kann man kaum fehlgehen?!? Als Tipp noch: die 'Venus' ist die rechteste Route in diesem Wandteil!

L7, 6b+: Die steile, weiter oben gar überhängende Wand des zweiten Teils und die Tatsache, dass wir es mit der Cruxlänge zu tun haben, erheischen ziemlich Respekt. Die Kletterei löst sich dann aber perfekt auf, weitgehend spielt sich diese Länge im 6a-Bereich ab. Zum Schluss wird's dann aber doch noch knifflig, man muss äusserst sorgfältig antreten und kleine Crimps krallen, um durchzukommen. Mich dünkte die Stelle einfacher wie die Crux der Eau Rance, aber massiv schwieriger wie jene von Cacao Girls, Cocher Cochon oder Ombre et Lumière. 

Blick auf die Crux in L7 (6b+). Ihr Kommentar: "Daddy, hast du das echt so schwierig gefunden, wie es ausgehen hat?"
L8, 5c: Gängig und griffig hinauf über die Platte zur Verschneidung hin, welche man über einen interessanten Balkon nach rechts verlässt. Mit genügend Spannweite ein Kinderspiel (oder eben nicht, da müsste man ja Erwachsenenspiel sagen, aber das ist wohl eine leicht frivole, auch wieder nicht passende Bezeichnung ;-)).

L9, 6a+: Supergeniale Seillänge, in welcher man durch eine leicht überhängende Zone in einer Art Verschneidung nach rechts um den Pfeiler "ausweicht". Der Fels weist zahlreiche Henkel auf, eine wirklich geniale Turnerei. Und die Linienführung in dieser steilen, von unten beinahe unüberwindbar scheinenden Wand überzeugt voll und ganz!

Mega lässige, steile und henklige Kletterei in L9 (6a+), dazu auch noch gehörige Exposition.
L10, 6a+: Schöne Wandkletterei, ein bisschen technisch-knifflig zu einer wenig ausgeprägten Verschneidung hin und nach links aufwärts. Beim Ausstieg in die flachere Wandzone steckt dann nicht mehr viel (die Kletterei ist auch einfacher). Aber man wird den Stand schon finden. Bei uns war er durch das italienische Paar markiert, das bei unserem Start schon in der Hälfte der Route war und die wir hier tatsächlich einholten (was sie auch gleich zum Rückzug bewog?!?).

L11, 5b: Superschöne Seillänge mit irre strukturiertem Fels, die sich aber ob der geringen Schwierigkeiten sehr zügig klettern lässt. Nach meinem Empfinden eher einfacher wie 5b. Am Ende dieser Seillänge steht man dann unter grasigen Schrofen, über welche man allenfalls noch etwas höher hinaufsteigen könnte.

Ambiente am Top, einfach der Hammer diese Berggegend. Und erst das Wetter!
Um 15.30 Uhr waren wir nach 4:00 Stunden begeisternder Kletterei am Top. Das war jetzt mit Sicherheit eine der besten Plaisirrouten gewesen, die ich bisher geklettert habe und so klein ist meine bisherige Tourenliste nun ja auch wieder nicht! Noch dazu gelang uns beiden eine lupenreine Begehung, tiptop! Zum Abseilen hatten wir extra 2x60m-Seile mitgebracht, so ging's mit nur 6 Manövern (Stände 11 - 9 - 7 - 5 - 4 - 2) gerade auf. Achtung, ein paar Mal reichen die Seile nur knapp! Alles ging glatt, das Seil platziert sich hier auch jeweils zügig selber, so brauchten wir nur 40 Minuten zurück an den Einstieg. Gemütlich packten wir den Rucksack und wanderten zurück nach Arpnuova, wo wir um 17.30 Uhr eintrafen. Ich hätte nun gerne Polenta, Dolce und Caffè im dortigen Restaurant genossen. Doch Madame präferierte ein Menü vom Sternekoch auf dem Gasbrenner, also ging's mit ein wenig, aber gut erträglicher Wartezeit vor dem Tunnelportal zurück nach Vallorcine. Damit war der Schlusspunkt unserer MSL-Woche in Chamonix gesetzt. Wow, das war ein richtiges Feuerwerk an 6 tollen Touren , einem Besuch am Weltcup und einem Bouldertag gewesen, genial!

Eigentlich unweit vom Parkplatz, aber selbst hier ist's schööön! Füsse abkühlen vor der Heimfahrt...

Facts

Parete dei Titani - Venus ou bien Venise 6b+ (6a obl.) - 11 SL, 400m - Piola/Motto 1996 - *****;xxxx
Material: 2x50m-Seile bzw. 2x60m (vorteilhaft zum Abseilen), 12 Express, Keile/Cams nicht nötig

Fantastische Plaisirtour mit abwechslungsreicher Granitkletterei über Platten und steile Wandzonen. Der Fels ist ideal zum Klettern strukturiert. Henkel, Löcher, Leisten und Sloper, hier gibt's fast alles. Dies noch dazu in einer herrlichen Umgebung und mit moderatem Zustieg. Da vergebe ich gerne die Höchstnote von 5 Sternen, auch wenn die Route auf keinen Gipfel führt und der grosse Nimbus fehlt. Die Absicherung ist wie von Piola gewohnt prima ausgefallen. Die Inox-BH stecken in sinnvoller Menge am richtigen Ort. Für Keile und Cams besteht kein Bedarf, sie wären im kompakten Fels auch höchstens vereinzelt zu platzieren. Achtung, die Strasse zum Ausgangspunkt nach Arpnuova kann in der Sommerzeit ab 9 Uhr gesperrt werden, dann muss man das letzte Stück per Bus zurücklegen. Sowieso gibt's in Arpnuova nur beschränkt Parkplätze, eine frühe Anreise ist daher empfehlenswert. Ein Topo findet man im Plaisir Süd oder im Topoguide. Auf C2C sind diverse frei verfügbare Topos verlinkt. Die Bewertungen variieren je nach Quelle. Ich habe in meinem Bericht jene von C2C verwendet, die schienen mir am stimmigsten.

Montag, 5. August 2019

Tête de Mesure - Ombre et Lumière (6b)

Nach dem Abenteuer am Pilier Rouge wollten wir es am nächsten Tag wieder etwas gemütlicher angehen lassen. Im Plaisir West wird das Vallon de Bérard als Bijou beschrieben, zudem hiess das für uns null Anfahrt. Auch der Zustieg ist mit einer Angabe von 45 Minuten moderat, es sind zudem nur 300hm zu überwinden. Da näher und auch etwas schattiger gelegen, gaben wir der Tête de Mesure gegenüber dem Mont Oreb den Vorzug.

Naja, das sind nicht ganz dieselben Aussichten wie am Tag zuvor am Pilier Rouge. Hier auf diesen Platten befindet sich jedenfalls die Route. Wobei der Fels in frontaler Ansicht (die man jedoch nur von der gegenüberliegenden Talseite hat, wo man auf der Tour nicht vorbeikommt) schon noch ein wenig kompakter ist, wie es hier den Anschein macht. Es handelt sich jedenfalls durchaus um eine lohnende Plaisirroute.
Vom grossen Parkplatz beim Bahnhof von Le Buet geht's zusammen mit vielen Touristen zur sehenswerten Cascade. Weiter ins Tal hinein ist man dann deutlich einsamer unterwegs. Der Plaisir West verspricht aber nicht zuviel, die Wanderung dem Bach entlang ist angenehm und schön. Gerade vor der Brücke zweigt links der Pfad zur Tête de Mesure ab. Der Beginn ist nicht offensichtlich und leicht zu übersehen! Über einen richtigen Ho-Chi-Min-Pfad geht's durch mannhohes Kraut und über schlammigen Untergrund weiter flach taleinwärts, erst dann zuletzt aufwärts zur Wand. Nach 45 Minuten Zustieg sind wir da. Der erste Eindruck der etwas gemüsig aussehenden Platten ist nicht überaus beeindruckend. Wir lassen uns davon nicht abhalten und steigen um 12.30 Uhr ein.

Ho-Chi-Min-Trail mit mannshohem Kraut auf dem Zustieg. Was man beim Klettern nicht alles erlebt!
L1, 45m, 5c: rechtshaltend aufwärts an meist schön griffigem Fels
L2, 30m, 6b: der Auftakt nicht allzu schwierig, die Crux kurz mit einem Schulterzug (6b soft).
L3, 35m, 6a: schöne und anhaltende Platte, keine reine Schleicherei. Eine der besten Längen!
L4, 25m, 5c+: kurz, übersichtlich und gut eingebohrt, aber nicht geschenkt!
L5, 25m, 6a+: zwei Aufschwünge, etwas erzwungen links gebohrt (fies für die Kleinen)
L6, 25m, 6a+: schöne plattige Wand, die Crux aber der finale Aufschwung schon im Gemüse.
L7, 30m, 5c: einfacher Auftakt, die Crux in der Verschneidung, diese rechtzeitig verlassen!.
L8, 60m, 4b: lange, einfache Traverse nach rechts zur 'Ile de Razmokets' und ihrer Abseilpiste. Das Finish dann nochmals plattig. Achtung, diese Länge ist deutlich >50m, evtl. sogar >60m. Da die Schwierigkeiten am Anfang überschaubar sind, kann der Nachsteiger aber einfach ein bisschen folgen (oder man improvisiert einen Zwischenstand).

Schön griffiger Fels in L1 (5c).

Das ist die grosse Platte in L3 (6a), vielleicht die schönste Seillänge der ganzen Route.

Jetzt werden die Seilenden gewechselt (L4, 5c+, sehr schöne Kletterei!).

In L5 (6a+) musste Daddy nochmals kurz übernehmen. Die Crux war bereits passiert, aber am nächsten Aufschwung war der Bohrhaken mit Kindergrösse einfach ausser Reichweite und es drohte deshalb ein heikler Sturz. So haben wir jetzt immerhin auch einmal geübt, wie man mitten auf einer Seillänge einen sicheren Stand improvisiert.

Kleine Maus auf weiter Flur... in der grossen Traverse von L8 (4b), welche >50m lang ist.
Unsere Route endet hier, während die 'Ile' noch 4 SL weitergehen würde. Im Plaisir steht, die Fortsetzung sei unlohnend. Das glaube ich gerne, steht man hier doch total im Kraut, Fels der sich beklettern liesse, ist gar nicht in Sicht. Da unsere Route ja eh zu Ende ist, streichen wir um 17 00 Uhr nach 4:30h Kletterei die Segel und seilen ab. Tja, heute waren wir nicht ganz so schnell, aber mit Kindervorstieg und Wartezeit wegen einer Seilschaft vor uns ist das gut zu erklären ("normale" Kletterzeit würde ich eher auf 3:00h schätzen). Ob der wenig steilen Wand mit vielen Bändern und Grünzeug könnte man fürs Abseilen schlimmeres befürchten, aber wir gelangen mit 6 Manövern bequem und zügig retour an den Einstieg. Es bleibt noch die Wanderung retour zum Zeltplatz, dann ist dieser gemütliche Klettertag zu Ende.

Facts

Tête de Mesure - Ombre et Lumière 6b (5c obl.) - 8 SL, 280m - Durand et al. 2014 - **;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express

Nette Plaisirroute, welche auf der schattigen Talseite des hübschen Vallon de Berard liegt. Der erste Anblick der eher flachen, von der Vegetation durchsetzten Platten ist nicht unbedingt sehr vielversprechend. Die Kletterei führt dann aber doch meist über sauberen Gneis, der immer wieder kleine Griffe und Leisten aufweist und nicht nur reine Reibungskletterei bietet. Die Bänder und das Grünzeug stören nicht allzu gross und geben bequeme Standplätze her. Trotzdem, nach Niederschlägen sollte man der Route einige Tage zum Abtrocknen geben, auch früh in der Saison ist man hier nicht unbedingt richtig. Im Hochsommer bleibt die Route bis ca. 12.30-13.00 Uhr im Schatten. Gegen den Herbst gibt's hingegen kaum mehr Sonneneinstrahlung. Abgesichert ist die Route nach Standard "Plaisir gut+", dazu sind die Bewertungen gutmütig, man kann also voll angreifen. Mobile Sicherungsmittel sind nicht nötig und kaum einsetzbar. Ein Topo findet man im Plaisir West (aus welchem die Bewertungen stammen), weitere Infos auf C2C.

Topo von Hervé Thivierge, merci!

Donnerstag, 1. August 2019

Pilier Rouge de Blaitière - L'Eau Rance d'Arabie (6b+)

Auf der Vorderseite der Aiguilles de Chamonix war ich bisher (im Gegensatz zur Rückseite) noch nie am Klettern, also stand dies hoch auf meiner Wunschliste. Allerdings sind viele Routen lang und/oder sehr alpin, zudem sind sie generell schattig-kalt gelegen und somit kein geeignetes Kindergelände. Der vielleicht zugänglichste Sektor ist der Pilier Rouge an der Aiguille de Blaitière. Hier wollten wir es trotzdem probieren und die 'L'eau Rance d'Arabie' angehen. Ranziges Wasser oder maximal billiges Parfüm aus Arabien tönt zwar wenig attraktiv. Diese 8 SL umfassende Piola-Route hat ihren typisch französischen Wortspiel-Namen aber von dieser Person, deren Geschichte auch verfilmt wurde. 

Les Aiguilles de Chamonix. Der Einstieg von L'Eau Rance d'Arabie an der Aiguille de Blaitière ist mit dem Pfeil markiert.
Der Ausgangspunkt zur Route befindet sich auf Plan de l'Aiguille, der Mittelstation der Bahn zur Aiguille du Midi. Diese fährt im Sommer zwar grosszügig  von 6.30-18.00 Uhr, aber würde uns dieses Fenster reichen? Zu rechnen war ja mit meiner Tochter doch mit +/-2h Zu- und Abstieg, auf welchem auch schon teilweise gesichert werden muss. Wie immer ist es auch illusorisch, damit zu rechnen, dass man mit der ersten Bahn fahren kann. Wir standen schliesslich um 6.15 Uhr auf, kauften uns unterwegs ein Frühstück und waren um rund 7.00 Uhr vor Ort. Dass wir die einzigen wären, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber damit, dass um diese Zeit bereits die halbe Welt auf den Füssen wäre auch nicht. Nachdem wir die unglaublichen 66 Euro für die Bahn gelöhnt hatten, wurden wir für die Bergfahrt um 7.50 Uhr eingeteilt. Das reichte also noch bequem, um Kaffee zu kochen, gemütlich zu zmörgelen sowie auf die Toilette zu gehen und sich die Zähne zu putzen. Um 8.05 Uhr liefen wir schliesslich auf Plan de l'Aiguille los.

Das Ziel ist bereits in Sicht. Allerdings sollte man nicht ungeduldig werden und sich blöd verhauen. Es gibt unzählige Pfade hier. Zuerst Richtung Lac Blanc (den wir allerdings nie zu Gesicht bekamen) und dann mehr oder weniger horizontal am Hang die Höhe halten ist richtig. Noch ohne grosse Mühen erreicht man einen ersten Moränenkamm, von wo man das Becken des Blaitière-Gletschers gut überblicken kann. Das Eis selber betritt man zwar nicht mehr (bzw. nur, wenn man zu hoch hinaufsteigt), aber trotzdem gilt es, einen guten und effizienten Weg durch das chaotische Blockgelände im Gletschervorfeld zu finden. Während die meisten diagonal aufwärts Richtung Zielpunkt gehen, schien es mir günstiger, möglichst tief bzw. sogar leicht absteigend zu queren, um möglichst bald die jenseitige Moräne zu erreichen, auf welcher ein guter Pfad verläuft. Diese Strategie war absolut richtig: sowohl auf- wie abwärts konnten wir hier andere Tourengänger trotz tieferem Grundtempo überholen. Nun ja, am Berg ist ja kein Wettkampf, aber wenn's darum geht, sich eine Platzkarte in der sehr beliebten Eau Rance zu sichern, ist schneller zu sein ein eminenter Vorteil.

Es gilt, vom Blockgelände möglichst rasch auf die Moräne zu kommen, auf welcher ein guter Weg verläuft (zwei Personen sind im Aufstieg sichtbar). Wir haben uns in dieser Querung daher tief gehalten, was mutmasslich schneller ist, wie wenn man in Luftlinie möglichst direkt zum Zielpunkt zu gehen versucht.

Aiguille du Plan mit ihren Vorgipfeln und die Aiguille du Midi.

Der gute Weg, der auf der Moräne Richtung Aiguille de Blaitière führt.
Nach der Moräne und einem kurzen, steileren Hang kommt man schliesslich in einen Kessel, in welchem ein (noch) permanentes Firnfeld liegt. Über dieses muss man zwingend aufsteigen. Es ist zwar nicht extrem steil, aber morgens an geeigneten Klettertagen doch gerne hartgefroren. So hätte man auf dem zuletzt 35-40 Grad steilen Untergrund keine Chance, einen Sturz noch zu stoppen. Ich hatte deshalb alpine Ausrüstung (Bergschuhe, Steigeisen, Pickel) mitgeführt, welche dann natürlich auch zum Einsatz gebracht wurde. Andere Tourengänger zeigten uns aber, dass es auch ohne ging, ja selbst mit Turnschuhen konnte der Schnee überquert werden. Das lag vor allem daran, dass von den Vortagen gute Fusstritte vorhanden waren. Nichtsdestotrotz, empfehlenswerte schien mir dieses eierige Tun nicht zu sein, ein Ausrutscher hätte verheerende Konsequenzen gehabt!

Nach dem Schnee wartet eine erste Kletterstelle in plattigem Granit, die gar nicht mal so einfach ist. Ich würde mal schätzen, auf jeden Fall ein guter Dreier, so dass wir an dieser Stelle das Seil auspacken mussten. Danach geht's dann im Gehgelände zur Scharte, wo man wieder auf die W-Seite wechselt. Es kommt gleich eine plattige, ziemlich exponierte Stelle, danach geht's dann im Kraxelgelände über Bänder besser voran Richtung Einstieg. Etwas vor 10.00 Uhr und damit mit etwas unter 2:00h Zustiegszeit waren wir schliesslich vor Ort. Natürlich waren wir weder die Ersten noch die Einzigen, im Einstiegsbereich tummelte sich eine ganze Menge von Personen. Schliesslich ging's dann besser auf als befürchtet. Nur eine einzige Seilschaft war vor uns für die Eau Rance da, eine weitere wollte denselben Einstieg benützen, um dann in der 7b-Tour unmittelbar rechts weiterzuklettern. So mussten wir noch ca. 45 Minuten warten, bis wir an der Reihe waren, was wir für das Montieren vom Gear und einen Znüni nutzen konnten. Wir befanden uns natürlich noch voll im Schatten des Berges, allzu kalt war es zum Glück aber nicht.

Über diesen Firn geht's aufwärts, am oberen Ende quert man dann nach rechts in eine Scharte, die man auf diesem Foto erahnen kann. Das Gelände ist nicht extrem steil, rechts bevor man auf den Fels tritt aber doch in der Gegend von 35-40 Grad. Falls der Schnee hartgefroren ist, so ist alpine Ausrüstung (Pickel, Steigeisen) sicher sehr nützlich. Ich benutzte dieses Equipment und war froh drum. Andere gingen an dem Tag aber auch in Zustiegsschuhen ohne jegliche Hilfsmittel. Der Schnee war zwar hart, aber dank guten Fusstritten der Vortage war dies möglich.

L1, 30m, 6b+: Der berüchtigte Originaleinstieg über die glatte Platte, welche von einem seichten Riss durchzogen ist, war nur schwer zugänglich. Am Wandfuss befand sich noch ein hartgefrorener Schneerest, den man mit alpinen Mitteln hätte bewältigen müssen, um dann gleich und ohne Sicherung in eine schwierige Platte zu steigen. Wohl genau aus diesem Grund war im Zuge der Sanierung eine Variante eingerichtet worden, welche von rechts her in die Originallinie einquert und diese im oberen Drittel erreicht. Auch sie ist mit 6b+ bewertet... der Vorsteiger der Seilschaft vor uns kletterte offenbar am Limit, der Nachsteiger war weit darüber. Mir schwante schon übles, aber als ich dann selber dran war, offenbarte sich ziemlich rasch, dass es hier einfach gar nichts geschenkt gab. Schon bei der Schuppe am ersten Bolt ist ein kniffliger, langer Move nötig. Danach wartet dann gleich anspruchsvollste Plattenkletterei, wo harte Moves vorerst auch "nur" durch einen Cam 0.75 (der aber ideal liegt) abgesichert sind. Dazu noch etwas klamme Pfoten und Füsse, schon ist der Mix da, dass man in diesem moderaten Grad am Limit klettert. Aber ich kam durch, das war die Hauptsache!

Erst die letzten Moves in L1 (6b+) gehen dann besser... der Originaleinstieg wäre direkt unterhalb, so dass man über das steile Schneefeld einsteigen müsste. Die zu diesem Zweck eingerichtete Variante beginnt aus dieser Perspektive links (d.h. im Aufstiegssinn rechts) vom Schnee und bietet dann (wie man gut erahnen kann) auch eine gehörige Ladung an Knallerplatte!
L2, 30m, 6a+: Nach ein paar einfachen Metern zu Beginn kommt die Crux. Ein weiter Move nach rechts, um den Riss zu gewinnen, über welchen der Rest der Seillänge verläuft. Dort steckt (ziemlich tief) ein BH, aber nachher kommt dann gar nichts mehr. Am Riss sind gleich die ersten Meter nach der Querung am schwierigsten und kühnsten, nachher wird es einen Tick einfacher. Trotzdem, noch 30m nahe der Senkrechte ohne fixe Absicherung zu klettern und nicht genau zu wissen was kommt - memorable! Mit nur 1 Set Cams zu klettern ist hier knapp, es passt eigentlich nur kleines Gear (0.3-0.5, maximal 0.75). Also gut planen, oder mal noch einen Keil legen.  

Wir sind immer noch tief im Schatten, als wir den fantastischen Riss in L2 (6a+) klettern - kommt hier nicht so zur Geltung.
L3, 30m, 6a: Noch einfacher bewertet, aber zum Klettern weiter fordernd! Zuerst geht's etwas rechtsrum, eher plattig/schuppig und mit 3 BH gut gesichert, zudem auch nicht so schwierig. Aber das ist nur der Zustieg zum fantastischen Doppelriss, welcher die letzten zwei Drittel dieser Länge prägt. An dessen Fuss steckt noch ein BH, danach sind die mobilen Sicherungen gefragt. Auf den ersten Metern dünkte es mich weder sehr kommod zum Legen noch sehr einfach zu klettern, nachher geht dann beides besser. Die Kletterei einfach genial, wirklich allererste Sahne! Auch hier passt wieder vorwiegend bis ausschliesslich kleines Gear (0.3-0.5), mit nur einem Set Cams ist man (sehr) knapp dran.

Endlich gibt's am Ende von L3 (6a) beim Ausstieg aus dem markanten Doppelriss die ersten Sonnenstrahlen!
L4, 40m, 6a: Nach meinem Empfinden die einfachste Seillänge der ganzen Route! Wieder erst einfach rechts an Schuppen und Verschneidungen. In der Mitte der Seillänge kann man entweder direkt hinauf an Rissen klettern, oder dann eine grössere Linksschleife an griffigen Schuppen machen (einfacher, so lässt sich auch der Stand der nächsten Tour links klippen). Das Finish der Länge dann an riesigen Schuppen, die aber alle ausgesprochen hohl tönen. Tja, für die (geologische) Ewigkeit sind die ganz sicher nicht gemacht! Zum Klettern aber genial. Für die letzten Schritte (BH) muss man sich dann nochmals ein wenig mehr anstrengen, bis man den komplett unbequemen Stand erreicht. 

Grandiose Schuppenkletterei am Ende von L4 (6a). Wer leicht erschreckt, sollte besser nicht anklopfen ;-)
L5, 6b+ (?): Es geht gleich heftig los mit kniffligen Plattenmoves und schon bald befindet man sich in der Crux. Mit den 2 nahe steckenden BH lässt sich diese zwar problemlos A0 machen, aber in freier Kletterei?!? Echt sackschwierig! Ich habe es an der äussersten Abrutschgrenze gerade so geschafft und kann die Bewertung von 6b+ hier absolut nicht nachvollziehen. Es ist nicht einmal so, dass es hier rein nur ums Hinstehen geht, es hat durchaus noch ein paar Seitgriffe. Meines Erachtens passt 6b+ vielleicht als Boulderbewertung auf der Fontainebleau-Skala. In Routenbewertung sollte man sich auf mehr einstellen. Sagen wir mal so 7a+ wäre vermutlich nicht so verkehrt... Dieses Testpiece einmal gemeistert, geht's dann besser vorwärts. Es wartet ein griffiges Rissdach, dann ein breiter Riss und zum Schluss eine interessante V-Verschneidung. Alles sehr, sehr lohnend! Als Tipp noch: die kleinen Cams (0.3, 0.4) bis zum Schluss aufbewahren. Vorher passen ideal auch die grossen Cams.

Rückblick auf die Crux der Route in L5 (offiziell 6b+, wohl eher 7a+) - knallharter Plattenboulder, fast wie Ticino at its best!

Die v-förmige Verschneidung am Ende von L5 (6b+) ist auch sehr orginell zu klettern. In Kindergrösse geht's offenbar auch recht gut im Grund. Für mich selbst schien die bequemste Lösung mich umzudrehen und mit dem Gesicht nach aussen die Seitenwände gut zu nutzen - eine geniale Kletterstelle!
L6, 30m, 6a+: Während ich am Stand am Nachsichern bin, kann ich zusehen, wie der Nachsteiger der Seilschaft vor uns einen heftigen Kopfüber-Sturz hinlegt (der Vorsteiger hatte das Seil nicht eingezogen). Das erweckt einen gehörigen Respekt vor der überhängenden Piazschuppe, welche es in dieser Länge anzupacken gilt. Nach einem machbaren Auftakt (BH) geht's dann links (nicht rechts dem Hauptsystem entlang!). Der Piaz ist leicht überhängend und echt kräftig, natürlich will er auch selber abgesichert werden. Nach ca. 10m legt sich das Gelände zurück, so dass der Riss, welchem man weiter folgt, nun mit grossem Genuss geklettert werden kann.

Superschöne und genussreiche Risskletterei am Ende von L6 (6a+), welche zuvor einen steilen Piaz bereithält.
L7, 30m, 6a+: Auch hier wartet nochmals ein Gustostücklein. Es gilt einen breiten Riss zu erklettern. Der Auftakt an wackligen Blöcken vorbei (Vorsicht, die fallen runter, wenn man heftig daran zieht!) geht noch gut. Doch dann nehmen die Schwierigkeiten zu und kulminieren schliesslich im Ausstieg aus dem Riss (BH). Vor dem BH ist man u.U. froh um den Camalot 4: ich habe ihn zwar ungerne bis hierher hochgetragen, aber da fand ich ihn echt nützlich. Er ist allerdings fast zu klein und ziemlich tipped an jener Stelle, wo es ihn am meisten braucht. Für mich war es so, dass tief im Riss meist gerade noch die breite Faust einigermassen klemmte, also kein echter Off-Width. Mit kleineren Händen, z.B. für meine Tochter - viel Glück! Am schwierigsten ist dann der Bouldermove vom Steilen ins Flache, d.h. nach dem Rissende.

Ausblick auf den Off-Width (oder auch nicht) in L7 (6a+), vom oberen Stand ist's leider wenig fotogen.
L8, 30m, 6a+: Original war die Route nach Stand 7 fertig, bzw. man hatte die Möglichkeit, links herum im einfachen Gelände noch auf den Pfeilerkopf zu steigen. Wohl im Zuge der Sanierung wurde dann die eigentlich absolut logische letzte Länge eingebohrt. Zuerst Querung nach rechts (BH gleich zu Beginn), dann im Risssystem aufwärts, welches man dann verlässt und wandig/plattig (2 BH) schliesslich das Top erreicht. Auch nochmals schöne Kletterei, auch wenn der Fels hier (noch?) ziemlich flechtig ist.

Finito Pepito, eigentlich drängt die Zeit schon etwas, um auf die letzte Bahn zu gehen!
Gerade ein paar Minuten nach 15.30 Uhr, d.h. nach ca. 4:45h Kletterzeit hatten wir das Top erreicht. Die späteste Umkehrzeit war damit auch gleich erreicht, es blieben noch 2:30h für das Abseilen, Zeug verräumen und den Abstieg. Somit fädelten wir auch gleich die Seile ein, einer Quellwolke sei Dank waren wir nämlich nun schon wieder nicht (mehr) an der Sonne, somit war das Top eh kein besonders gastlicher Ort. Beim Abseilen drängt es einen automatisch auf die 7b-Nachbarroute, dem gaben wir aber gerne nach. Das Gelände schien mir dort eher kompakter und weniger mit Schuppen durchsetzt, d.h. die Verhängergefahr ist kleiner. Mit 6 teilweise gestreckten Manövern gelangten wir zurück an den Einstieg, wobei zum Glück alles glatt lief. Hier nochmals wieder irgendwo eine Seillänge hochzuklettern, das wäre der Superzonk und das definitive Ade für die Bahn gewesen!

Ein ziemlich typisches Bild, Quellwolken verschlucken die Aiguilles am Nachmittag. Nur den Pilier Rouge gerade nicht.
Um ca. 16.30 Uhr waren wir zum Aufbruch bereit, es blieben also noch gut 1:30h. Wir kraxelten über die Bänder zurück und nutzten dann in der oberen Scharte (d.h. dort wo man erstmals in den Schneekessel hinunterblicken kann) die installierte Abseilstelle. Mit 2x50m-Seilen reicht es ostseitig gerade knapp auf den Schnee. Man kann auf diese Weise die plattige Kletterstelle vor der unteren Scharte vermeiden, ebenso entfällt die Dreier-Abkletterstelle ganz zum Schluss. Das Gelände ist etwas schuttig (Vorsicht!) und mit zahlreichen Zacken durchsetzt (Verhängergefahr!). Für geübte Alpinisten lohnt sich das Abseilen hier kaum, für uns war es eine willkommene Alternative. Weiter ging's nach Steigeisenmontage über den nun klebrig-stolligen Schnee, jetzt nur nicht noch einen blöden Ausrutscher machen! Schliesslich waren wir retour auf der Moräne, über welche wir erneut weit abstiegen, um das Blockgelände tief zu queren. Spätestens da war dann klar, dass noch genügend Zeitreserven für die letzte Bahn vorhanden waren und nicht zum Schluss noch ein Sprint nötig war.

Es bleiben noch ca. 300m Distanz zur Bahn mit 25 Minuten Zeitreserve. Da können wir es Ausrollen lassen!
Mit ca. 15 Minuten Zeitreserve vor der offiziell letzten Bahn um 18.10 Uhr sind wir dann da. Natürlich müssen wir noch ein wenig Schlange stehen, an diesem Tag war die Anlage wenig erstaunlicherweise extrem stark frequentiert und man hätte wohl selbst um 18.30 Uhr noch ins Tal fahren können. Auf dem mechanisierten Heimweg bleibt Zeit zur Kontemplation. Ja, das war nun wahrhaftig eine grandiose, alpine Kletterei gewesen! Auch wenn der Schwierigkeitsgrad auf dem Papier nicht extrem scheint und die Tour nicht ultra-abgelegen ist, so war es doch das Maximum, das für uns 2 im Moment drin liegt. Ganz viele Faktoren machen es aus: exponierte Kletterstellen schon im Zustieg, steiler Schnee mit Ausrutschgefahr, der Zeitdruck um die letzte Bahn und die Konkurrenz mit anderen Seilschaften, die dasselbe Ziel anpeilen. Weiter ist auch die Risskletterei ein (noch) ungewohntes Metier und die zahlreichen Cams und Keile aus den Rissen zu klauben ist für Kinderhände auch nicht einfach. Und dann befindet sich die Tour auf >3000m in schattiger Lage, die Kinder und erst recht deren Extremitäten haben mit der Kälte mehr zu kämpfen wie die Erwachsenen, und selbst für diese ist's nicht zwingend 100% Schoggi. Trotz alledem, es war ein absolut geniales, positives Erlebnis. Manchmal ist es eben auch gut, das Limit komplett auszuloten und überschritten haben wir es mit dieser Tour nicht - da hatte meine Kalkulation tiptop gepasst. 

Facts

Pilier Rouge de Blaitière - L'Eau Rance d'Arabie 6b+ (6a+ obl.) - 8 SL, 260m - Piola/Steiner 1985 - *****;(xxx)
Material: 2x50m-Seile, 14 Alpine Draws, Cams 1x 0.3-4 plus 1x 0.3-0.75, kleines Keilset, Crack Gloves
Für den Zustieg: Bergschuhe, Steigeisen, Pickel meistens nötig

Für die Nordseite der Aiguilles von Chamonix eigentlich eine kurze Kletterei mit moderaten Zustieg und bequemer Abseilmöglichkeit. Auf globaler Skala aber definitv alpines Semi-Trad-Klettern. Die durch einige Plattenstellen verbundene Risslinie ist schlicht genial. Trotz nur 8 SL und einem nur unbedeutenden Pfeilergipfel vergebe ich die Höchstnote von 5 Sternen. Dort wo es nötig ist, stecken solide und perfekt platzierte 12mm-Inoxbohrhaken. An den meisten Stellen muss die Route aber mobil abgesichert werden, was fast immer à discretion möglich ist. Es kommt jedoch meist kleines Gear zum Einsatz, so dass ein zweites Set an kleinen bis mittleren Cams anzuraten ist. Ich habe es auch mit 1 Set geschafft, aber da muss man dann schon sehr taktisch legen und auch mal einen Runout an einem Riss ziehen. Die Grössen 1-3 kann man immer wieder einmal einsetzen, Grösse 4 braucht's nur gerade ein einziges Mal in L7. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Bewertungen ziemlich Old-School sind. Im Vergleich zu den 5 Plaisirrouten, die wir sonst während unserer Chamonix-Ferien geklettert sind, bedeutet der Grad 6a+ hier definitiv etwas anderes - nur schon rein von der Schwierigkeit her, dazu muss man noch selber absichern. Wer sich nicht ganz sicher ist, was einen hier erwartet, rechnet auf die üblichen Plaisir-Bewertungen besser noch 1-2 Buchstabengrade drauf (absolut ernst gemeint!). Die Route liegt relativ schattig in einer Westwand, Sonne am Einstieg gibt's je nach Jahreszeit ab ca. 13.00 Uhr. Steigt man erst dann ein, so reicht's sicher nicht auf die letzte Bahn und es warten 1300hm zusätzlicher Fussabstieg nach Chamonix. Um am Schatten einigermassen genussvoll zu klettern, ist schon ein warmer und windarmer Tag nötig. Sobald die Sonne kommt, bilden sich an den Aiguilles auch gerne Quellwolken. Ein gutes Topo findet man entweder im Topoguide Band I oder dann im Fiche Granite zum Pilier Rouge von Michel Piola (sehr empfehlenswert!).

Mittwoch, 24. Juli 2019

Clocher de Planpraz - Cocher Cochon (6a)

Der Clocher de Planpraz ist ein rund 30m hoher, markanter Felsturm im Kamm der Aiguilles Rouges. Im Jahr 2000 wurde durch den gratartigen Vorbau ein lohnender Kletterzustieg gefunden, so dass man nun mit der Cocher Cochon eine 8-9 SL lange Plaisirroute geniessen kann. Sie hat sogar Aufnahme in das Buch "Die 100 schönsten Touren im Mont Blanc Massiv" von Philip Batoux gefunden und wird auch auf C2C und im Plaisir West hoch gelobt. So durften wir nicht erwarten, bei perfektem Wetter, an einem Sonntag während der Hauptferienzeit und zudem am französischen Nationalfeiertag alleine unterwegs zu sein...

Blick vom Zustieg auf den Clocher de Planpraz und seine Vorbauten. L2-L5 sowie L7-L9 sind hier sichtbar.
Da würde es natürlich helfen, möglichst antizyklisch unterwegs zu sein. Ein früher Start war jedoch komplett unrealistisch, nachdem es am Vorabend mit dem Weltcup ziemlich spät geworden war. Zudem mussten wir uns in der neuen Umgebung auf dem Camping in Vallorcine auch noch etwas zurechtfinden, so dass es dann automatisch so etwas wie der spätestmögliche Start wurde. Das Limit nach hinten besteht hier in der Kabinenbahn nach Planpraz, deren letzte Talfahrt um 18.00 Uhr ist. Ansonsten wären dann zufällige 1000hm Fussabstieg nach Chamonix fällig, das wollten wir uns nicht unbedingt aufbürden. Nachdem wir stolze 34.20 Euro für die Retourfahrt gelöhnt hatten, konnte es um 10.45 Uhr auf Planpraz losgehen. 

Kurz nach dem Aufbruch mit fantastischer Aussicht auf die Aiguilles de Chamonix und den grosseen Onkel (Mont Blanc).
Der Zustieg verläuft oberhalb vom Restaurant und Sessellift durch und nimmt dann den mehr oder weniger horizontalen Weg zum Lac Cornu. Man steige nicht fälschlicherweise hinauf zum Col du Brevent, dieser Fehler wäre ziemlich schnell gemacht. Nachdem man die direkt am Weg startende Route 'Hôtel California' passiert hat, geht's in der nächsten Geländekammer nach oben. Ob man dort besser links oder rechts an den Vorbaufelsen vorbeigeht, ist mir nicht ganz klar. Die Beschreibungen sind vage, wir gingen schliesslich rechts. Das ging gut, es sind auch Pfadspuren vorhanden, doch links geht's vermutlich ebenso. Wir nahmen es ziemlich gemütlich, denn viele Kletterer waren bereits in der Route aufgereiht und hinter uns folgte niemand mehr. Nach ca. 35-40 Minuten waren wir am Einstieg und um 11.45 Uhr ging's schliesslich los.

Nochmals ein Versuch, das grandiose Panorama einzufangen. Die Aguille Verte weiter links darf natürlich auch nicht fehlen!

Erster Teil

L1, 4b: am ersten Haken gar nicht so einfach, dann bald gängig, am Schluss etwas grasig.
L2, 5c: schöne Wandkletterei in prima strukturiertem Fels, am Ende Rechtstraverse zum Stand.
L3, 5b: neuerlich schöne Wandkletterei in prima Fels, etwas weiter gesichert als die anderen Längen.
L4, 5c+: Platte, steiler Riss und knifflige, senkrechte Wandstufe, der Stand ist links zu finden.
L5, 5a: links auf die erste Rippe, dann noch weiter links auf die zweite zum Gipfel des Gendarmen.

Während man im Aufstieg gar nicht so richtig wahrgenommen hat, woran man klettert, so sieht der Gendarm rückseitig doch einigermassen imposant aus. Mit 15m Abseilen erreicht man seinen Fuss, wo ein offensichtlicher Pfad startet, der einen in wenigen Minuten mit etwas Auf und Ab rechts unterhalb vom Gratverlauf zum nächsten Routenteil führt. 

Los geht's mit Larina im Vorstieg. In L1 (4b) wartet die Crux gleich zu Beginn am ersten Haken.

Wunderprächtige und recht steile Kletterei in L4 (5c+), hier ist die Absicherung aber angenehm eng gehalten.

Die letzte Seillänge des ersten Routenteils (L5, 5a) führt über gratartige Rippen auf den Gendarm. Rechts der Clocher.

Rückblick auf den Gendarm, Ende des ersten Routenteils. Hier über  die Rückseite seilt man 15m ab.

Zweiter Teil

L6, 3a: anstatt der sandigen Rinne links zu folgen über die Platte, 45m Kletterstrecke, 2 BH.
L7, 5c (li) oder 6a+ (re): bei beiden Varianten sind die ersten Meter schwierig, dann Genuss pur.
L8, 5b: schöne Wand, welche zum Grat wird. Über die 2 Zacken, dann rechts absteigen zu Stand.
L9, 6a: die Krönung, immer luftig und direkt an der SW-Kante hinauf bis zum schmalen Gipfel

Erst um 16.30 Uhr und damit nach 4:45h in der Route waren wir am Gipfel angelangt. Das lag aber in erster Linie daran, dass wir vor dem zweiten Teil staubedingt eine über 1h lange Pause einlegen mussten. Nicht weiter schlimm, wir hatten einen bequemen Platz mit top Aussicht und angenehmem Klima, ich hatte in weiser Voraussicht die Spielkarten eingepackt sowie auch genügend Picknick mitgeführt. Auch die letzte Seillänge stellte vorausgehende Kletterer vor eine harte Prüfung, so dass wir auch dort nochmals ein paar Partien Uno spielen konnten oder eben mussten. Der wesentliche Punkt ist aber, dass Larina für den grössten Teil dieser Route den Vorstieg übernommen hatte und dabei auch die nominell schwierigste Stelle (6a+) souverän onsight steigen konnte. Den Rest der Route hatte sie selbstverständlich auch im einwandfreien Stil geschafft, bravo!

Die nominell schwierigste Stelle am Anfang von L7 (6a+, rechte Variante). Es brauchte zwar etwas Überzeugungskraft, dass sie hier die schwierigere Einstiegsvariante gewählt hat. Aber hier war der Punkt doch relativ bequem zu holen: super enge Absicherung, die Schwierigkeiten kurz und gleich von Stand weg. Trotz alledem, die Risse sind hier nicht sonderlich griffig und das Trittangebot schmal, der Grad passt m.E. durchaus.

Ebenfalls nochmals sehr schöne Kletterei zu Beginn von L8 (5b).

Die letzten Meter hat dann noch Papa gemacht, weil wegen anhaltendem Stau mitten in der letzten Länge nochmals ein Zwischenhalt nötig war. Rechts im Blockfeld verläuft übrigens der Abstieg, auch danach ist die Pfadspur bei gutem Hinschauen zu  erkennen.
Am Gipfel des Clocher hielten wir uns nicht lange auf. Mit 1x22m Abseilen (50m Seil reicht gut mit ein paar Metern Reserve!) gelangt man an dessen Fuss. Über Blockgelände kraxelt man dann erst ab, bevor einen ein paar noch einigermassen exponierte Traversen auf den Weg zum/vom Col de Brevent führen. Um etwa 17.30 Uhr waren wir retour auf Planpraz und konnten zurück nach Chamonix gondeln. Das war nun wirklich ein erfolgreicher Tag in einer genussreichen Route gewesen. Nun waren wir parat für anspruchsvollere Ziele :-)

Der Petit Dru spielt verstecken mit den Wolken!

Facts

Clocher de Planpraz - Cocher Cochon 6a (5b obl.) - 9 SL, 300m - J.&M. Franc/Meot/Mussat 2000 - ****;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 12 Express

Sehr schöne und im Bereich 5c homogene Plaisirroute mit tollen Ausblicken auf die hohen Berge um Chamonix. Nur die letzte Seillänge stellt etwas höhere Anforderungen, führt aber auf den stolzen Turm des Clocher du Planpraz. Die Absicherung auf Stufe Plaisir gut+ ist vorbildlich ausgefallen, zusätzliche Sicherungsmittel sind nicht nötig und kaum sinnvoll einsetzbar. Da die Route einen Fussabstieg aufweist, kann man mit einem 1x50m-Seil anrücken. Sollte ein Rückzug nötig sein, so kann man auch damit im unteren Teil abseilen, im oberen Teil gibt's sowieso diverse Fluchtmöglichkeiten über Bänder nach links. Bei einer solchen Route darf man nicht erstaunt sein, dass sie extrem beliebt ist. Zu den Hauptkletterzeiten darf man daher nicht mit freier Fahrt rechnen. Man plane also entsprechend! Nähere Infos findet man im Plaisir West, Band II. Unten ein Topo von Hervé Thivierge, merci!



Sonntag, 21. Juli 2019

Paroi de Barberine / Châtelard / Giétroz - Cacao Girls (6b)

"Ich will nach Chamonix und dann ein paar Tage dort bleiben", so tönte es zum Beginn der Sommerferien von meiner Tochter. Musik natürlich in den Ohren jedes alpinen Kletterers und Vaters. In erster Linie wollte sie zwar beim Lead-Weltcup als Zuschauerin mit dabei sein. Aber das lag ja womöglich nur daran, dass sie von den tollen Klettermöglichkeiten in dieser Gegend noch gar nichts wusste. Geworden ist es schliesslich eine tolle MSL-Kletterwoche, über welche hier in loser Folge berichtet wird. Den Auftakt machten wir bereits auf der Anreise an den unmittelbar über der Grenze Frankreich/Schweiz gelegenen Felsen bei Le Châtelard.

Blick von der Grenze F/CH auf die Felsen von Barberine/Châtelard. Der Beginn von L1 versteckt sich hinter dem Hotel.
Hier stehen mit kurzen Zustieg von nur 15 Minuten gut 10 MSL-Routen von bis zu 12 SL zur Verfügung. Auf den ersten Blick sieht man wohl einige Felspfeiler aus dem steilen Wald ragen. Doch dass die Kletterei derart gut ist, würde man von der Strasse definitiv nicht erwarten. Ich hatte vor rund 10 Jahren auf der Durchreise in den Süden bereits einmal diese Erfahrung mit der 'Autoroute Blanche' (6 SL, 6c) gemacht. Aufgrund von Zeitbudget, der südöstlichen und damit ein bisschen weniger nachmittagssonnigen Ausrichtung und der Befindlichkeit wollten wir es schliesslich mit der Cacao Girls (12 SL, 6b) probieren. Es handelt sich dabei mutmasslich um die einfachste Route an der Wand, welche aber mit einer Kletterlänge von 380m doch ein respektables Unternehmen darstellt. An Beliebtheit mangelt es einer solchen Route natürlich nicht. Bereits vom Parkplatz war so gut wie jeder Standplatz mit einer Seilschaft markiert. Da wir eher spät dran waren, sollte es aber trotzdem passen. Um 12.45 Uhr brachen wir beim Auto auf, nach wenig Wartezeit auf eine eben gestartete Seilschaft ging's für uns um 13.15 Uhr auch los.

Erster Aufschwung

L1, 5b+: Schöne, positiv-leistige Kletterei, geht leicht von der Hand.
L2, 5c+: Querung nach rechts, feine Reibungsstelle, dann einfacher

Vom zweiten Stand muss man diagonal nach rechts ca. 15-20m absteigen, um den Beginn des zweiten Routenteils zu erreichen. Achtung, es handelt sich dabei nicht um die (neue) Linie mit den Klebehaken, welche schon mittig in der Wand beginnt. Die Cacao Girls befindet sich ganz unten am Pfeiler. Um etwas Zeit zu sparen, kann man vom letzten Zwischenhaken auch direkt nach rechts queren und zum Beginn von L3 absteigen.

Ausstieg aus der schön griffigen ersten Seillänge (5b+), das Hotel beim Startpunkt auch hier gut zu sehen.

Zweiter Aufschwung

L3, 5b: Griffige Platte, dann ein steiler Abschnitt mit einem breiten Riss.
L4, 5c+: Steiler Beginn über den Spalt hinweg, später 1x fein links um die Ecke.
L5, 5b: Steile, super griffige Wandkletterei, eine der besten Seillängen der Route.
L6, 5c: Kurze Stelle über den linken Ausläufer des markanten Wulsts hinweg.
L7, 5c: Technische Wandkletterei an kleinen Griffen, dann eine einfache Platte.
L8, 5b: Die linke Linie nehmen! Steiler Piazriss zu Beginn, dann plattig und etwas gesucht.

Man erreicht eine schöne Terrasse am Ende des zweiten Aufschwungs, von wo man zu Fuss retour durch die Schlucht nach Châtelard oder auch nach Barberine absteigen könnte. Aber die Route geht ja noch weiter! Auf Wegspuren steigt man leicht rechtshaltend ca. 50m durch den Wald hoch und gelangt in die (hier wenig ausgeprägte) Gorge. Gleich gegenüber ist die Fortsetzung der Cacao Girls angeschrieben.

Ausstieg aus der super lässigen, griffig-steilen L5 (5b). Hinten das nächste Team, das nicht ganz Schritt zu halten vermochte.

Pfeiler-Ambiente in L7 (5c), die Vegetation stört die Kletterei wirklich nie!

Dritter Aufschwung

L9, 5c: Interessante Mischung zwischen Rampe, Verschneidung, Kamin und breitem Riss.
L10, 6b: Athletischer Start, Gegendruck an guten Griffen und rutschigen Tritten, A0 möglich.
L11, 5b: Querung nach links, danach eine kurze Stelle, die man zu kompliziert löst.
L12, 5c: Steiler und griffiger Auftakt, sehr schön! Zum Schluss einfacher und plattig.

Die letzten 4 Seillängen lassen sich mit einem 50m-Seil auch in 2 Teilstrecken machen. Allerdings empfiehlt sich dies nur, wenn man deutlich über dem Niveau steht, da jeweils der Beginn von L10 und L12 athletisch über flacherem Gelände darunter ist. Um 16.20 Uhr hatten wir nach gut 3:00h Kletterei das Top erreicht, das war also ziemlich flott gelaufen! Und obendrein waren beide Seilenden während der ganzen Route unbelastet geblieben, bravo! Während die Nachsteigerin am Top eine kurze Pause einlegte, erkundete ich den Fussabstieg von ebenda. Dieser erfordert aber noch ca. 100hm Aufstieg und ist ineffizient, das Abseilen über den dritten Aufschwung dürfte die schnellere Lösung bedeuten. Für uns hiess das 1x25m zurück an Stand 11, von wo ein Fixseil zurück zum Fuss der dritten Aufschwungs genutzt werden konnte. Ab da dann zu Fuss durch die Gorge (zuerst ein paar Fixseile, aber problemlos), an den Einstiegen von interessant aussehenden Sportkletterrouten vorbei (gibt's da ein Topo davon?). Ein paar Minuten nach 17.00 Uhr waren wir retour an der Strasse.

Da entsteigt sie eben der Crux (L10, 6b). Souverän durchgezogen, erst noch mit Heel Hook fürs Foto ;-)

Das Top komplett im Flash erreicht, bravo! Hinten im Tal im Grün unser Zeltplatz bei Vallorcine, in der Verlängerung des Tals der Gipfel der Aiguille de Mesure, an welcher wir später bei unserem Aufenthalt auch noch eine Route kletterten. Hier hat man's definitiv etwas ruhiger als im (nur 10km entfernten) Chamonix, wo um diese Jahreszeit die Hölle los ist.
Nun hiess es, das Basecamp für die nächsten Tage aufzuschlagen. In Chamonix war bereits kein Platz mehr verfügbar, so dass wir unser Zelt auf dem ruhigen und schönen Camping in Vallorcine aufstellten. Im Nachhinein war das eine sehr gute Lösung, manchmal leitet einen das Schicksal auch einfach in die richtige Richtung. Meine Zeitbudgetierung für den Tag hatte perfekt gepasst. Bereits vor 19.30 Uhr und damit über eine Stunde vor dem Beginn der Finals waren wir auf der Place du Mont Blanc in Chamonix und konnten uns einen prima Platz für das Spektakel sichern. Zuerst waren die Frauen an der Reihe, bevor es dann die Männer krachen liessen. Wow, war das einen Show! Es waren 12'000 Zuschauer zugegen - vor dieser johlenden Meute, bei Partysound und dem in der Sonne glühenden Mont Blanc eine knallharte Finalroute ziehen zu können, das muss schon ein ultimatives Klettererlebnis sein. Zum Schluss kam dann noch der Chef und richtete die Sache mit dem Sieg höchstpersönlich: 1. Ondra, 2. Megos, 3. Schubert, die Crème de la Crème des Sportkletterns auf dem Podium vereint. Tja, das ist noch Stoff, aus welchem Kletterträume sind!

So etwas lässt sich einfach nicht mit einem Foto einfangen. Grandioser Event vor atemberaubender Kulisse!

Facts

Paroi de Barberine - Cacao Girls 6b (5c obl.) - 12 SL, 380m - Raoul Crettenand 2012 - ***;xxxx
Material: 1x50m Seil, 12 Express

Sehr schöne Plaisirkletterei mit kurzem Zustieg und abwechslungsreichen Moves in griffigem Gneis, welche pfeilerartig direkt über der Landesgrenze in die Höhe führt. Die Route ist mit rostfreien Bohrhaken sehr gut abgesichert und das Ambiente ist gutmütig, d.h. hier kann man sich problemlos an die eigene Leistungsgrenze tasten bzw. ein neues Niveau versuchen. Allerdings darf man zu den Hauptkletterzeiten nicht mit freier Fahrt rechnen, eine solche Route ist wenig überraschenderweise sehr beliebt. Vom Top seilt man am besten über den dritten Aufschwung ab (mit 1x50m-Seil möglich) und steigt dann zu Fuss durch die Gorge ab. Unten ist das Übersichts-Topo von Hervé Thivierge abgebildet, nähere Infos findet man im Plaisir West Band II, von welchem ich auch die Bewertungen übernommen habe.