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Samstag, 14. November 2015

Watch your Anchor!

Über die (Un)Sicherheit von Bohrhaken in maritimem Umfeld hatte ich vor rund einem Jahr bereits berichtet. Vor rund einer Woche hat nun die UIAA, der internationale Kletter- und Bergsteiger-Verband ein Dokument veröffentlicht, welches doch schockierende Ergebnisse zutage fördert. Sollen die im Dokument ausgesprochenen Empfehlungen eingehalten werden, so sind in der Kletterszene doch ein gewaltiges Umdenken sowie einschneidende Verhaltensänderungen notwendig. Es ist sehr empfehlenswert, sich den kompletten Bericht (auf Englisch) zu Gemüte zu führen. Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung der wesentlichsten Punkte.

Wie in meinem Blog von Dezember 2014 bereits erwähnt wurde, dreht sich das Problem um die schwer erkennbare Korrosion von sogenannt rostfreien Stählen. Leider sind alle diese Materialien im Kletterumfeld nicht zwingend beständig, sondern dem sogenannten Stress Corrosion Cracking (SCC, auf Deutsch Spannungsrisskorrosion) unterworfen. Das Problem betrifft vor allem das maritime Umfeld, d.h. Küstenregionen und bis zu 100km landeinwärts, sowie sonstwie belasteten Standorten (Industrie, Vegetation, ungünstige Mineralien im Fels, ...). Die unsichtbare Korrosion kann die Haken und Laschen so stark angreifen, dass sie bei normalen Sportkletterstürzen oder sogar nur unter Körpergewicht versagen.

Dieser Haken auf Kalymnos ist garantiert nicht mehr einwandfrei. Wie viel er wohl noch hält?
Der Bericht enthält eine Liste von Ländern, wo Hakenversagen aufgrund von SCC bereits beobachtet wurde. Die umfasst durchaus populäre Kletterdestinationen wie Thailand, Griechenland mit seinen Inseln, Italien, Sizilien, Sardinien, die balearischen Inseln, undsoweiter. Da die gefährliche Korrosion von rostfreiem Material von Auge nicht erkennbar ist, hat die UIAA eine Reihe von Empfehlungen für Kletterer verfasst. Die meisten davon sind leider zahnlos oder schwer durchzuführen, z.B. man solle das Risiko von SCC bei der Wahl einer Kletterdestination oder -route in Erwägung ziehen und Sicherungspunkte mit mobilem Material, Bäumen oder Sanduhren redundant machen. Wenn man das konkret durchdenkt, so gibt es eigentlich nur 2 mögliche Ansatzpunkte: entweder, man nimmt das Risiko bewusst in Kauf, oder verzichtet bis auf weiteres auf den Besuch von gefährdeten Gebieten.

Eine Untersuchung an einem betroffenen Fels durch Petzl habe gezeigt, dass rund 20% der Sicherungspunkte in einem (ungenannten) Sektor durch SCC dermassen angefressen seien, dass sich bereits bei einer Belastung von 1-5kN versagten (Körpergewicht bis kurzer Sportklettersturz). Ebenfalls wird der bereits von mir dokumentierte Hakenbruch beim Abseilen aus einer MSL-Route in San Vito lo Capo erwähnt. Mir persönlich erscheinen die 20% über alles eine eher hoch gegriffene Schätzung. Wären tatsächlich so viele Haken dermassen schwach, so würden aus den einschlägigen Gebieten sicherlich deutlich mehr Hakenversagen aus der Praxis bekannt. Nützen tut dies freilich wenig, denn auch wenn es nur 2% oder gar 0.2% sein sollten, ein einziger versagender Haken kann nunmal das Ende bedeuten (z.B. bei einem Sturz in den zweiten oder dritten Haken der versagt, mit Grounder in ungünstiges Gelände).

Besseres Exemplar, ebenfalls aus Kalymnos. Die Lasche ist aber auch nicht einwandfrei. Gemäss neustem Wissen ist der Fall auch hier klar, oder eben nicht. Haltekraft unbekannt, man muss davon ausgehen, dass ein solcher Bolt versagen kann.
Zündstoff beherbergen vor allem auch die neuen Empfehlungen der UIAA, da diese nun meilenweit strengere Anforderungen stellen, als sie der bisherige Gebrauch im Kletteralltag zeigen. Konkret:

  • In küstennahen Gegenden (Meeresnähe, bis 100km Inland, sonstige betroffene Standorte) sollen nur noch Materialien aus dem korrosionsbeständigen Titan oder HCR-Stähle zum Einsatz kommen. Das ist begrüssenswert, in der praktischen Umsetzung jedoch nicht einfach. Titanhaken gibt es nur als Klebehaken, HCR-Laschen bisher gar nicht, zudem kostet ein entsprechender Haken gleich ein mehrfaches wie ein "rostfreier" A4-Bohrhaken von guter Qualität.
  • In von SCC nicht betroffenen Gebieten wie z.B. den Alpen bzw. ganz Zentraleuropa soll Outdoor nur noch Material in A4-Stahlqualität (AISI 316 oder die Low-Carbon-Variante 316L) eingesetzt werden. Rostfreie Haken aus A2-Stahl oder gar verzinkte Ware sind zur Verwendung im Klettersport nicht mehr empfohlen! Der Punkt ist nur, dass sogar namhafte Hersteller von Kletter-Hardware nach wie vor kaum Produkte aus A4-Stahl anbieten. Vielerorts wird nach wie vor mit A2-Material saniert, schlimmstenfalls sogar mit noch schlechterem Material wie Zink-Inox-Gemisch wie z.B. meine Beobachtungen an der Grauen Wand von diesem Sommer zeigen.
Der Hammer kommt dann aber zum Schluss. Die UIAA benennt ganz klar, dass die Klettergemeinde hier vor einer riesigen Herausforderung steht. Aktuell stellt sich heraus, dass das in den allermeisten Kletterrouten verbaute Material den Anforderungen nicht genügt, bzw. nicht sicher ist. Dies betrifft nicht nur maritime Klettergebiete, sondern auch ganz viele andere Felsen. In einigen von meinen Reports sind z.B. die Wendenstöcke erwähnt, wo in fast allen Routen die ungünstige Zink/Inox-Mischung steckt, die nun am Ende ihrer Lebensdauer angelangt ist. 

Eine etwas andere Baustelle, aber das Problem beschränkt sich eben nicht nur auf die maritimen Gebiete, welche wir in den Ferien besuchen. In den Alpen ist zwar das Klima günstiger, d.h. SCC weniger ein Problem. Doch auch hierzulande steckt noch vielerorts komplett ungeeignetes Material wie dieser verzinkte Anker mit Inoxlasche im Simplon-Gebiet. 
Der Bericht schliesst mit der Erkenntnis, dass die Herausforderung von unsicheren Bohrhaken sicherlich nicht von einzelnen Individuen (d.h. guten Seelen) gemeistert werden kann, welche aus eigener Initiative und mit eigenen finanziellen Mitteln als Dienst an der Allgemeinheit Sicherungen warten und ersetzen. Ganz klar auf den Punkt gebracht heisst dies: "the bulk of the climbing population needs to start paying for anchors, whereas in the past most had a free ride". Es wird also nicht gehen, ohne dass sich der gemeine Kletterer finanziell beteiligt - für mich definitiv keine neue Erkenntnis. Ich bin gespannt, wie es in dieser Causa weitergeht...

Dienstag, 10. November 2015

Hinter Glatten - Wätterhäx (7a)

Die Wand am Hinter Glatten stellt ein optimales Ziel für den Herbst dar. Die Sonne scheint hier selbst bei Winterzeit ab 8.30 Uhr morgens an die Wand und bleibt bis kurz vor ihrem Untergang präsent. Der im Frühjahr oft vom Schmelzwasser überronnene Fels präsentiert sich zu dieser Jahreszeit vollständig trocken und mit 7-8 SL haben die Routen gerade die richtige Länge für die bereits kurzen Novembertage. Zudem kann man hier bei deutlich kürzerem Zustieg und Anfahrt in Bezug auf Steilheit und Absicherung ähnliche Herausforderungen wie an den berühmten Wendenstöcken finden. In Bezug auf die Qualität überzeugt das Gestein über weite Strecken mit griffigen Henkeln, rauen Auflegern und scharfen Tropflöchern. Im Gegensatz zum grossen Vorbild fehlen hier aber auch ein paar rustikale Passagen nicht.

Die steile Wand des Hinter Glatten mit dem Verlauf der Wetterhäx aus der Froschperspektive.
Es sollte nach Nirvana, Tüfelswerch und Einbahnstrasse mein vierter Besuch am Massiv werden - die Infos zu den anderen Routen finden sich in meinem Online-Kletterführer. Am Hinter Glatten gibt es für mich noch einige spannende Projekte, die Wahl fiel schliesslich auf die Wätterhäx. Vom Bohren und Sportklettern an den Tagen zuvor waren Kräfte und Haut bereits etwas geschwunden, somit sollte die Route nicht die ganz grossen Schwierigkeiten oder Hakenabstände, aber trotzdem spannende Kletterei bieten. Das war zumindest der Plan, die Route entpuppte sich schliesslich aber als anspruchsvoller wie gedacht. Am Hinter Glatten gibt es ganz generell nicht viel geschenkt, das Grading in der Wätterhäx ist stiff und die Hakenabstände sind alles andere als plaisirtauglich. Unser Tourentag begann wie üblich bei der letzten Kurve auf der Glarnerseite vom Klausenpass. Grösstenteils durch durch das ausgetrocknete Bachbett stiegen wir in einer guten halben Stunde zur Wand hinauf. Um 9.45 Uhr war alles bereit und ich konnte loslegen.

L1, 45m, 6c: Die Anspannung beginnt bereits auf den ersten Metern. Der erste BH steckt hoch, die Kletterei dahin ist nicht gänzlich trivial und der Fels etwas unsicher. Nach dem Klipp warten bald knifflige 6b/+ Moves, die richtige Griffkombi will erkannt werden und obligatorischer könnte die Sache nicht sein. Im Mittelteil fordern dann richtig weite Runouts in ziemlich anhaltendem Gelände, 7 Bolts auf 45m Kletterstrecke ist nun halt keine üppige Absicherung. Die Crux folgt dann am Ende. In senkrechter Wand an kleinen Seitleisten hinauf zum abschliessenden, athletischen Überhang. Hier an den Henkeln bietenden Blöcken am besten einfach ziehen und nicht trödeln, anklopfen und auf Festigkeit prüfen unterlässt man besser auch gleich... Alternative gibt's eh keine und sonst bekommt man nur den Bammel.

Athletische Kletterei über krass aussehende Dachzonen hinweg warten in L1 (6c). Die Henkel sind da, ziehen statt studieren heisst die Devise.
Von oben sieht's gutmütiger aus. Hans meistert das finale Dach der Auftaktlänge (L1, 6c).  
L2, 30m, 6b+: Noch moderat über den ersten Überhang drüber und gutmütige Troplochquerung nach links. Die athletische Passage danach erfordert herzhaftes Zupacken an ein paar guten Leisten und dann kühles Blut, um den weiten Runout in Richtung des nächsten Bolts durchzuziehen. Einfach dranbleiben, das Gelände wird eher einfacher und man findet sogar Gelegenheit, in einem Querschlitz einen soliden Cam zu versenken. Die klettertechnische Crux folgt dann allerdings erst nach dem dritten BH, anhaltende Tropflochkletterei die auch über dem Haken nicht sofort nachlässt. Erst die letzten Meter zum Stand hin sind dann etwas gemächlicher.

Steil, athletisch, fordernd in L2 (6b+). Hans späht nach dem dritten BH, der erst viel weiter oben steckt.
Die Felsqualität hier unübertrefflich, rau strukturierter Superfels mit Tropflöchern, Auflegern und Leisten garniert.
L3, 45m, 6c+: Nun folgt gleich eine noch krassere Seillänge. Der Blick auf die steile, mit Dächern gespickte Wand lässt schon eine harte Prüfung erahnen. So kommt es dann auch. Das rund 1m ausladende Dach nach ein paar Metern wird mit athletisch-kräftigen Bouldermoves bezwungen, super genial! Nach einer kurzen Verschnaufpause wartet dann ein massiv überhängender Wulst. Wie von Zauberhand hat die Natur hier positive Leisten geschaffen, trotz dem guten Griffangebot muss man aber echt Guzzi geben, um nicht abgeworfen zu werden. Meine Flucht nach vorne gelingt! Dort, wo sich das Gelände wieder zurücklegt, heisst es dann cool bleiben. Die Griffe bleiben gut, doch der mitgebrachte Pump und der weite Runout sind die hier zu beachtenden Faktoren. Auf den letzten 20m wird die Kletterei einfacher, es steckt aber nur noch 1 BH und die Felsqualität lässt nach. Pfff, da war ich echt froh, als die Standhaken geklippt waren!

Dachartiger Boulder zu Beginn von L3 (6c+), eine ziemlich abgefahrene Sache!
Das Finale von L3 (6c+) dann nicht mehr ganz so steil und leichter, aber mit extrem weiten Hakenabständen.
L4, 45m, 5c: Die ersten 3 Längen hatten uns bereits massiv gefordert und Zeit gekostet, der Ausstieg schien noch meilenweit entfernt. Da kam eine Verschnaufpause gerade recht. Wobei diese jedoch vor allem den Unterarmen zugute kam, die Psyche konnte nicht rasten. Zwei BH säumen hier den Weg, der Fels ist teils reichlich lottrig. Vorsichtig und überlegt muss man die Wand bis zum Querband hinauf klettern. Den kolossal rostigen Abseilstand ignorieren und übers Band weiter nach rechts zum richtigen Stand.

Hans auf dem Weg in L4 (5c), die Felsqualität in Realität eher bescheidener, wie es hier auf dem Foto aussieht.
Yours truly auf dem Querband, kurz bevor es mit der Cruxlänge wieder Ernst gilt. Hinten Chammliberg, Schärhorn, Ruchen und Gross Windgällen.
L5, 45m, 7a: Ziemlich herber Auftakt, am zweiten BH vorbei und die 3m danach ist es einfach bereits richtig schwer und obligatorisch (ca. 6c). Zudem grüsst der dritte BH in weiter Ferne. Die letzten Meter dahin sind dann zwar relativ gutgriffig - allzu weit über dem zweiten BH und erst recht beim Anklettern des dritten liegt aber definitiv kein Sturz drin, sonst kracht man aus 15m Höhe aufs Band hinunter. Endlich wieder geklippt, wird's gleich wieder knifflig, bevor dann nach dem nächsten BH die grosse Querung nach links in äusserst scharfem Tropflochgelände folgt. Anstatt dass es hier nach 30 Klettermetern einen bequemen Stand hat, muss man hier gleich noch die Crux anhängen. Das dünkt mich reichlich wenig sinnvoll: ich hatte auf dieser Länge an den jeweiligen Ecken 2x mit einer 120er-Schlinge und 2x mit einer 60er-Schlinge plus jeweils 2 Exen verlängert. Trotzdem kam ich vor lauter Seilzug im zweiten Teil der Seillänge kaum mehr vorwärts, ja es zog mir beinahe den Gurt aus. Schade, das entwertet diese an sich tolle Seillänge stark! Nach der Querung nun also die Crux: es ist unersichtlich, ob man am Bolt am Ende des Quergangs vorbei erst tief queren, oder eher über den Pfeiler hochsteigen soll... die Linie bzw. die folgenden Sicherungen sind aus der Kletterstellung nicht zu ersehen. Ich wähle die im Vorstieg angenehmere, korrekte Variante tief nach links, der durchaus logische Weg über den Pfeiler hinauf hätte hingegen in die Sackgasse geführt. Krallend an kleinen Tropflöchern und auf kleinen Rauigkeiten stehend muss man dann im Überhang die folgenden beiden Haken schön verlängern und Balance sowie Kraft haben, um gegen den extremen Zug das Seil auszuziehen und einzuhängen. Danach dranbleiben bei eigentlich genialer, überhängender Henkelkletterei an einer Sanduhr vorbei zum Stand hinauf. Wenn man nur nicht so gepumpt wäre und der Störefried nicht ständig so nach unten ziehen würde!

In der Cruxpassage der Route (L5, 7a). Eigentlich schon schwer genug, wenn nur nicht das Seil so nach rechts hinten zöge...
Hans auf den letzten Metern der Cruxlänge (L5, 7a). Die Grasbüschel sind unten auf dem Querband 40m tiefer.
L6, 30m, 6b: Beim Akku war der Power Level langsam auf ziemlich tief angelangt. Aber nix da, zwei Längen gilt es noch sauber durchzuziehen. Die hier folgende dann nun beinahe die entspannteste und bis auf die 5c auch einfachste der ganzen Route. Eine ansteigende Linkstraverse in rauem Superfels über zwei griffige Dächer hinweg. Grosser Genuss und schön luftig dazu!

Toller Fels und geniale Kletterei mit zwei Dachüberquerungen in L6 (6b).
Locals im benachbarten, lotrechten Tüfelswärch (7a), auch eine geniale Route welche ich im 2010 klettern konnte.
L7, 40m, 6c: Für die Abschlusslänge gilt es auch noch einmal, parat zu sein. Hier stecken insgesamt 6 BH, zwei davon auf den ersten 3m nach dem Stand... da muss der Rest dann entweder einfach sein, oder sonst sind die Runouts umso grösser. Nun, die klettertechnische Crux folgt tatsächlich gleich nach dem zweiten, ich empfand sie als für den Grad im Vergleich zum Rest der Route für einmal relativ gutmütig. Danach klettert man dann erst einmal für etwa 12m einer schwach angedeuteten Verschneidung entlang. Der Fels ist absolut formidabel, die Kletterei nicht megaschwer und henklig, aber doch steil und ohne beliebig viele Verschnaufpausen. Nochmals Anspannung pur, bis der folgende Bolt geklippt ist. Nach einer weitern, athletischen Stelle wird man dann auf die einfacheren Schlussplatten entlassen. Runoutig hinauf zum Stand, ein Sturz in diesem weit gesicherten, geneigten Gelände vermeidet man im Interesse des eigenen Wohlergehens definitiv besser.

Weite Hakenabstände und ungutes Sturzgelände am Ende von L7 (6c). Nicht so schwer, da kann man sogar Fotos schiessen...
Am Top angekommen: Hans meistert die letzten Meter von L7 (6c).
Die Uhr zeigt schliesslich 15.15 Uhr, bis Hans bei mir am Top angelangt ist. Somit hatte uns die Begehung rund 5:30 Stunden Kletterzeit gekostet. Das zeigt schon, dass man hier nicht einfach drübermarschiert. Die Kletterei ist über weite Strecken anspruchsvoll, die langen Hakenabstände bieten reichlich Interpretationsspielraum für die beste Linie und erfordern an manchen Stellen entsprechend Tüftelei. Und sind die Schwierigkeiten einmal etwas tiefer, so lassen meist auch Felsqualität und Absicherung nach, so dass man auch wieder vorsichtig und langsam zu klettern braucht. Wir fädeln gleich die Seile und treten den Weg in die Tiefe an. In zwei Manövern (35m/50m!!) erreicht man das Querband, der in den Topos verzeichnete Abseilstand dazwischen wurde abmontiert. Man stelle also sicher, dass man hier nicht mir gekürzten oder arg geschrumpften 50m-Seilen antritt, sonst könnte man in die Bredouillle geraten und im Freien baumelnd zurückbleiben. Vom Band sind es dann drei weitere Abseiler (35m/50m!!/40m) zurück an den Einstieg, wobei beim mittleren Abseiler das Seil auch bis zum letzten Zentimeter ausgenutzt wird. Zurück auf dem Boden vespern wir noch etwas und treten dann den kurzen Abstieg und die Heimfahrt an. Mit der Tourenwahl waren wir äusserst zufrieden, das war nun genau die richtige Herausforderung für diesen Tag gewesen und ausserdem ein Ziel, das sich wirklich ideal für einen solchen Novembertag anbietet. Die ganze Zeit über war ich in kurzen Hosen und im T-Shirt geklettert, schon ein Wahnsinn um diese Jahreszeit. 

Grösstenteils steckt verzinktes Material, der Zustand ist meist noch ok, einzelne Haken sind jedoch bereits ziemlich rostig.
Facts

Hinter Glatten - Wätterhäx 7a (6b+ obl.) - 7 SL, 280m - Fullin/Wicky 1999 - ***;xx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-1, Helm (!!!)

Trotz vereinzelt etwas brüchiger Passagen im leichteren Geländen und ein paar hohlen Blöcken oder Schuppen die man passiert, bietet die Wätterhäx über weite Strecken tolle, athletische und gutgriffige Kletterei an grossen Auflegern, positiven Leisten und scharfen Tropflöchern. Insgesamt kann man sagen, eine für die Zone absolut typische Route mit viel genialer Kletterei und ein paar rustikalen Passagen, über alles gibt es drei Sterne. Die Absicherung ist an den Stellen >=6b+ in Ordnung (xxx). Darunter und insbesondere im einfacheren, manchmal etwas brüchigen Gelände sind die Abstände weit und ein Sturz würde wohl oftmals böse enden. Deshalb lautet die Gesamtbewertung nur xx. Von den zahlreichen Runouts lassen sich nur wenige mit Klemmgeräten entschärfen. Trotzdem gibt's ein paar Placements (insgesamt ca. 4-5 Stück), welche die Mitnahme von Camalots 0.3-1 rechtfertigen. Die Route wurde in den 16 Jahren ihres Bestehens bisher 29x begangen, im Schnitt also 1-2x pro Jahr mit zuletzt abnehmender Tendenz. Im 2014 gab es nur eine Begehung und im 2015 war unsere kurz vor Saisonende die erste. Somit wird man hier kaum auf Grossandrang stossen. Allerdings sollte man hier auch nicht hinter einer anderen Seilschaft klettern und insbesondere beim Abseilen ist Vorsicht angebracht, es geht kaum ohne Steine zu lösen. Die Eigengefährung in der steilen Wand ist überschaubar, die Fremdgefährdung wäre jedoch gefährlich hoch!

Topo

Zur Route gibt es ein frei verfügbares Topo von Paolo & Sonja, an welchem ich noch einige Aktualisierungen vorgenommen und die Sicherungssymbole eingezeichnet habe. Ansonsten ist die Route im Kletterführer GLclimbs enthalten, im Extrem Ost fehlt sie unerklärlicherweise.

Vom Autor etwas aktualisiertes Topo von Paolo & Sonja zu den Routen im zentralen Wandteil des Hinter Glatten.

Montag, 2. November 2015

Wandbuchkontrolle Jenelana

Mangels Zeit für einen längeren Ausflug in die Berge wollte ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Mir war mitgeteilt worden, dass der Wandbuchbehälter in der Jenelana am Bockmattli defekt sei. Man mag es als Irrsinn bezeichnen, wegen so etwas den Weg ins Wägital auf sich zu nehmen. Doch liess sich so eben ideal ein Konditionstraining bei schönstem Bergwetter geniessen und erst recht im Rückblick finde ich, dass es sich sehr gelohnt hat.

Impressionen vom Wägitalersee.
Von Siebnen ging es per Bike ins Wägital hinein. Ich entschloss mich wieder einmal zu einem Besuch beim Klettergarten am Fuss der Staumauer. Erst ein einziges Mal vor rund 15 Jahren war ich hier geklettert, als der Sektor eben erst eingerichtet wurde. Nun konnte ich mir wieder einmal in Erinnerung rufen warum es bei diesem einzigen Besuch geblieben war. Es gibt für mich kaum einen bedrückenderen Ort zum Klettern als hier, in feucht-düsterer Atmosphäre vor der riesigen, bedrohlichen Mauer, hinter welcher Haus, Hab und Gut meiner Urgrosseltern in den Fluten verschluckt liegen.

Geniales Streiflicht am Bockmattli, die Kamera im Handy vermag es nur unzureichend einzufangen.
Schliesslich ging es dann hinauf zur Schwarzenegg, die steile Strassse erfordert Einsatz, ist aber bei entsprechend Saft in den Beinen komplett fahrbar. Dort wurde das Bike deponiert und gegen das Bockmattli geschritten. Das nachmittägliche Streiflicht war absolut genial. Noch nie bisher hatte ich bei meinen vielen Besuchen die Struktur der Wände so eindeutig heraustreten sehen. Jeder Riss, jede Wasserrille, ja beinahe jeder gute Griff war dank der optimalen Beleuchtung sichtbar.

Fantastische Abendstimmung hoch über dem Wägitalersee.
Um zum Ausstieg der Jenelana zu kommen, muss man den untersten Teil der Brenna-Route am Schiberg erklettern. Dies ist eine sehr empfehlenswerte, klassische Kraxelei mit Schwierigkeiten um T6, III. Der Weg von oben zum Wandbuch erfordert dann auf wenigen Metern Seilhilfe. Tatsächlich hatte der Deckel meiner Büchse ein Loch. Findige Kletterer drehten die Büchse jedoch um, so dass das Buch unbehelligt blieb - vielen Dank! Ich verbrachte einige Zeit beim Studium der Einträge. Vor 4 Jahren hatten wir die Erstbegehung geschafft, 25 Teams hatten die Route bis dato komplettiert. Der lobenden Worte waren viele und auch meiner Meinung nach findet man hier, auch wenn die Route nicht allzu lang ist, ein tolles Klettervergnügen in eisenfestem Bockmattlifels. 

Zeit um aufs Bike zu steigen und heimwärts zu rollen. So steil und streng der Aufstieg ist, so angenehm ist die Abfahrt.
Die herbstlichen Tage sind kurz, und so hiess es, sich nach der Reparatur wieder auf die Socken zu machen. Auf dem Weg, auf welchem ich gekommen war, stieg ich wieder ab. Zum Abseilen oder gar Klettern der einen oder anderen Seillänge blieb keine Zeit. Auch die Kontrolle des Wandbuchs vom Prachtsexemplar musste ausbleiben, und selbst die angedachte Bike-Abfahrt via Trepsenalp und Trepsental liess ich schliesslich aus, da es schon beinahe dunkel war. Doch es galt nichts zu verzagen, das war ein toller Ausflug ins absolut menschenleere Bockmattli gewesen, bei genialem Bergwetter und einmaligen Stimmungen.