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Sonntag, 6. Januar 2019

Neujahrstrip 2019 Tessin

Eigentlich waren wir ja erst gerade aus dem Tessin heimgekehrt, fürs Weihnachtsfest und ein bisschen Skifahren. Im Süden sollte weiter die Sonne scheinen, also galt es nur noch eine Entscheidung zu treffen. Tessin oder Oltrefinale? Ja, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt!? So attraktiv die athletische Kalk-Kletterei an der ligurischen Küste ist, noch ein bisschen lieber klettere ich im Tessiner Gneis. Somit positionierten wir uns strategisch mitten im Tessin, um sowohl die Gebiete in der Riviera wie auch jene im Maggiatal anfahren zu können.

Sonne und blauer Tessiner Himmel, eine unschlagbare Kombination im Winter. Hier der Junior im Vorstieg an der Placca di Tegna.
Claro

Den Auftakt machten wir wieder in Claro. Erstaunlich, wie sehr sich die Situation mit der Tropfnässe im Zeitraum einer Woche gebessert hatte. Inzwischen waren fast alle Routen ohne grössere Einschränkungen begehbar. Leider war das Poetic Face (8a) gerade besetzt, als wir anmarschierten. Somit beschloss ich, mir die Zeit vorerst anders zu vertreiben und dann später zurückzukehren. Wie sich immer wieder zeigt, ist die sicherste Methode eine 8a nicht zu ziehen, es gar nicht erst zu versuchen. Zum Aufwärmen bzw. beinahe schon einem ersten Überhitzen ging's in die Farmer (7a). Vermutlich werden das nicht alle mögen - aber wow, was für eine Route! Anhaltend, sehr technisch, äusserst komplex und mit abgefahrenen Moves. Ich vergebe alle Sterne, die ich habe! Die sozusagen direkte Variante Te la do io l'arca (7b) ist von ganz anderem Charakter. Weitgehend gemütliche Kletterei im 6ab-Bereich, die Crux hingegen ein sehr kniffliger Boulder. Aber auch da, sowas kann man nicht schrauben, affengeil! Weil sich nebenbei die Kinder noch ausführlich mit ein paar ganz coolen Bouldern beschäftigten, war der Tag danach schon fast um. Ein wenig die Finger strecken in der Apnea (8a) lag noch drin, mehr dann aber auch nicht.



Ponte Brolla Ost

Am nächsten Tag war stürmischer Nordföhn angekündigt, weshalb wir uns für den Ostsektor von Ponte Brolla entschieden. Das war sicherlich ein geschickter Schachzug. Rundum tönte es den ganzen Tag, wie wenn ständig Düsenjets vorbeifliegen würden. Doch aufgrund der lokalen Topografie bleibt es im Ostsektor erstaunlich ruhig. Und sowieso hatte ich ja noch die Zorn der Götter (7c+) offen, in welcher in an Weihnachten knapp gescheitert war. Und eigentlich hätte das im ersten Go dieses Trips auch geklappt. Souverän unterwegs hatte ich ganz zum Schluss aber den Fuss auf einen falschen Tritt gestellt, so den dynamischen Zug verhauen und die Begehung noch versaut. Genau in dieser Situation sollte man ja die Ruhe bewahren und die Sache einfach nach einer gütlichen Pause endgültig abschliessen. Mir gelang's an diesem Tag definitiv nicht - der nächste Go scheiterte wegen nicht adäquatem Ausruhen an Kraftmangel. Und der bald darauf folgende gleich nochmals. Somit sah ich mich damit konfrontiert, dass mir hier die Felle erneut davonschwimmen würden. Es blieb nicht anderes übrig, als eine lange Pause einzulegen, den Rest der Familie in ihren Projekten zu unterstützen und dann vor dem Eindunkeln nochmals einen Go zu geben. Währenddessen gelang z.B. meiner Tochter mit der Omar (6a+) die erste Route in diesem  Grad im Freien sauber rotpunkt - bravo! Mein letzter Versuch im ZdG war dann tatsächlich von Erfolg gekrönt. Meine Extrakraft hatte ich mit meinem dummen Dreinschiessen zwar schon zuvor verpulvert. Doch mit ruhig bleiben und einer Portion Glück (die Deadpoints am Limit sassen exakt) wurde der rote Punkt gesichert.

An den Orten, wo der Föhn nicht hinkam, kühlte es in den klaren Nächten logischerweise schon stark ab. Dieses Bild ist zwar von der Geisha Wall und nicht von Ponte Brolla Ost. Da kann man schon fast von Mixed-Klettern sprechen.

Cresciano

An Silvester kamen noch befreundete Familien ins Tessin nach. Somit war Cresciano das Gebiet der Wahl, hier waren wir schon eine ganze Weile nicht mehr. Dagegen sprachen halt der etwas längere Zustieg (von unten, wobei das Fahrverbot aktuell von den Kletterern und Boulderern nicht beachtet wird, was scheinbar toleriert wird) sowie auch die etwas exponierte Lage vom Sektor Federica. Finalemente griffen wir dann jedoch gleich oberhalb im Beautiful an. Dort wurden links noch einige schöne, aber bisher wenig beachtete Touren nacherschlossen. Ich kletterte Sulle ali della liberta (harte 6b), Sum sem ma sum pasat (7a+) und Pecho Frio (7a). Alle sehr schön in leicht überhängender Wand mit kniffligen Moves an sloprigen Leisten, grossen Auflegern und ein paar Seitgriffen. Zu holen gäbe es auch noch das vermutlich (?!?) immer noch ungekletterte Projekt The crash ano adventure. Es wäre nur ein Einzelzug, der aber knallhart, vermutlich schwieriger wie 7c. Weiter rechts an den bekannteren Routen gelang mir die Tendina Balosa (7b+) locker im zweiten Go. Diese Route hätte ich vermutlich onsighten können, wenn sie bereits mit Exen ausgestattet gewesen wäre. Hängt im Bolt an der Dachkante jedoch noch nichts, so ist die Tour expo. Man kann dann erst nach der grossen Rechtstraverse und den Moves zurück ins Dach klippen und wenn man in dieser längeren und schwierigen Cruxpassage stürzt, so crasht man unterhalb mit einem Pendler in die Verschneidung :-/. Wobei ich keine schlechte Werbung für die Route machen will, denn mit Verschneidung, einem Leistenquergang und dem abschliessenden, athletischen Dach ist's wieder einmal Gneis-Kino der allerersten Güteklasse. Einer der Gründe hier anzugreifen war definitiv auch die Beautiful (8b), als eine der besten Touren auf diesem Niveau im Tessin gehandelt. Mein Kollege zog's souverän im zweiten Go, ich muss da noch etwas länger üben. Wobei mir die Route gar nicht so extrem gut gefallen hat wie sie gerühmt wird - ja, es sind sehr anhaltende, ausdauernde und homogen schwierige Moves an Leisten und Rissspuren. Jedoch oft sehr trittarm, was mir generell nicht so behagt. Die etwas leichtere Alternative ist die rechte Auskneifvariante A fuoco il nido (8a) - die gefiel mir besser und sollte machbar sein (nächstes Mal dann ;-)).

Der kleine Sektor links vom Beautiful in Cresciano mit seinen lohnenden Wandklettereien.

Russo

Weil das Thermometer etwas tiefere Werte anzeigen sollte, war an Neujahr Russo der Crag der Wahl. Mit dem Erscheinen der Sonne waren wir vor Ort und ich konnte mir zum Jahresauftakt gleich die Cabernet Sauvignon (7a) sichern - ein paar knifflige Plattenmoves entlang der Verschneidung sind garantiert, sehr lecker! Wir zügelten hinauf in den Sektor Macao und für mich stellte sich die Frage, wohin geht's? Eigentlich war mein Plan, einmal die ultrasteile Gioco del Ginocchio (7c) anzugreifen. Ich machte mich auf den Weg... um dann dort, wo es steil wird, in die rechte Variante Mosaico (7b+) abzubiegen. Ich war da einfach schon so gepumpt, gerade weiterzusteigen hätte unweigerlich in einem Bloc oder einem Sturz geendet, da schienen die Henkel rechts die Rettung. Es war schliesslich genau die richtige Entscheidung, denn dort konnte ich den Umlenker klippen, auch wenn die tricky Rissklemmer zum Stand hinauf noch alles forderten. Nach etwas De-Pump in der schönen Risskletterei Per domani (6c) wollte ich es dann doch noch wissen und auch noch die Gioco del Ginocchio (7c) Direktvariante versuchen. Im zweiten Go, mit dem Eindunkeln gelang mir dies schliesslich mit ein paar wilden Schnappern in 'Flucht nach vorne'-Art an den Ausstiegshenkeln in äusserst luftiger Position - einfach affengeil so etwas, was für ein Neujahrstag!

Die erste Route im 2019 ist im Kasten! Die Cabernet Sauvignon (7a) verläuft am oberen Rand der weissen Platte, unter dem Steilwulst.

Ponte Brolla - Placca di Tegna & Ost

Aufgrund von einem indisponierten Knie wollte der ganze Tross aufgrund des kurzen Zustiegs und des zudem wieder stürmischen Nordwinds in den Ostsektor von Ponte Brolla ziehen. Nach 4 Tagen Vollgas beim Sportklettern fühlte ich mich morgens für einmal etwas matt - und stellte so die Frage "wer will zuerst noch eine Plattenroute klettern?". Mein Sohn wollte, also los! Auf dem Zustieg  stellte ich die Frage "willst du vorsteigen?". Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen "ja, klar!". Nach einer Kurzinstruktion wie man Stand einrichtet und nachsichert ging's auch schon los, ohne Zögern und mit einem Affenzahn. Schon bald hatten wir die mit uns gestarteten Seilschaften weit unter uns gelassen und der Ausstieg der Occidentale (5 SL, 4c max, 4a obl) an der Placca di Tegna rückte näher. Als ich ankam meinte er sogleich: "Papi, ich möchte nochmals eine Route machen". Einen kurzen Fussabstieg später banden wir uns erneut ein und hinauf ging's in die etwas anhaltendere Centrale (7 kurze SL à max 30m, 4c max, 4b obl). Es folgte ein erneut souveräner Vorstieg, zum Schluss sammelten wir auch noch die beim ersten Mal mit uns gestarteten Seilschaften ein. Ja, das war ein Tag, an dem gewaltige Fortschritte gemacht wurden. Ich vermute fast, dass das letzte Mal, wo ich meinem Sohn eine MSL-Route vorgestiegen bin, schon vorbei ist. Klar kann ich es noch (viel) besser als er. Aber genauso wie ich steigt er lieber vor als nach und ich mache ihm gerne das Geschenk, jeweils Routen zu wählen, die er selbständig führen kann. Für die 12 Seillängen und die 2 Fussabstiege hatten wir insgesamt nur 2.5 Stunden gebraucht. Tipp: die Seillängen sind alle ziemlich genau 30m lang. Das Seil auf diese Länge zu verkürzen spart hier enorm Zeit! Noch war also mehr als genügend Zeit zum Sportklettern vorhanden. Es hatte ziemlich viel Volk und so blieb für mich schliesslich die Child of Vision (7c) die beste Wahl. Über weite Strecken bietet diese lässige Henkelturnerei, eine glatte Boulderstelle bietet jedoch Schleuderpotenzial. Alles in allem aber auch wieder ein Gneisjuwel der ersten Güte. Genau an der richtigen Stelle weist die aalglatte Platte etwas Textur auf, damit man mit den Füssen genug Schub für die nötigen, weiten Moves geben kann - awesome!

Unterwegs in L2 der Occidentale an der Placca di Tegna - sozusagen ein Kinderspiel!

Geisha Walls

Das letzte Mal hatte es uns so gut gefallen, so wollten wir natürlich unbedingt ein zweites Mal an die Geisha Walls und dabei den oberen Sektor beklettern. Hier waren ja eine gute Woche zuvor noch etliche Touren wegen reintropfender Nässe feucht gewesen. Aber nachdem es in Claro so massiv gebessert hatte, vermutete ich hier den gleichen Effekt. Doch das war verfehlt - anstatt einem Drittel wie vor Wochenfrist waren nun gut über die Hälfte der Routen einwandfrei begehbar. Jedenfalls kann man sich hinter die Ohren schreiben, dass man hier nur nach Trockenperioden so richtig glücklich werden wird. Vor allem auch war die tropfende Nässe in der klaren Nacht zu Eiszapfen beachtlicher Grösse gefroren, die den oberen Rand der Wand säumten und dann aufgrund der Sonne zum Teil in die Tiefe stürzten. Umsicht und ein Helm waren absolut unabdingbar - when sportclimbing meets alpinism! Ein sehr erfolgreicher Klettertag wurde es aber doch: erst mit der Collateral (7a+), eine absolute Perle mit genialen Moves an vertikalen Kanten! Die beiden Touren weiter links, die Vinum (7b) und die Kings Cup (7b+) ähneln sich: unten technisch und einfacher, oben steil und henklig über ein Quarzband hinweg. Eine coole Sache, wenn auch im Moment noch nicht jeder Sand/Staub abgeklettert ist und es hier und da noch etwas knirscht. Um 14.00 Uhr hatte uns die Sonne bereits verlassen und es wurde ziemlich frostig. Doch wir trotzten der Kälte und ich machte noch die Akira (7a+), ebenfalls wieder sehr spannend an vorwiegend vertikalen Griffen.

Auch hier kann man wieder sagen "when sportclimbing meets alpinism". Oder auch, wer's halt nicht geschafft hat, sein Projekt zeitig bei Sonnenschein zu punkten, der hat nachher halt in den sauren Apfel zu beissen. In diesem Fall hat es genützt, die hier initiierte Begehung war erfolgreich :-)

Brontallo - El Cat

Am letzten Tag wollten wir nochmals hinten im Maggiatal angreifen, hierhin kommt man ja bei kürzeren Trips meist eher nicht. Also warum nicht wieder einmal an die Wand von Prato, hier hatte ich bisher nur einen einzigen Klettertag verbracht. Doch hier konnten wir schon auf den ersten Blick wieder kehrt machen: im zentralen Bereich hing zentral über der Wand ein Eisfall beachtlicher Grösse. Zwar vermutlich mehr als das Produkt nur einer kalten Nacht, aber trotzdem: sich bei Sonnenschein darunter dem Sportklettern hinzugeben wäre höchst unvernünftig gewesen. Somit war eine Alternative gefragt und die Stand eigentlich in Form vom El Cat in Brontallo bereit. Das Problem jedoch: Kathrin hatte dieses Gebiet als "nicht kindertauglich" im Kopf abgespeichert. Tatsächlich waren wir hier schon einmal zu viert über die Fixseile hochgeächzt und auch der Aufenthalt auf den sonnigen, bequemen aber auch exponierten Balkonen am Wandfuss war damals nicht restlos entspannt gewesen. Ich war mir aber sicher, dass das Gebiet für die inzwischen älter gewordenen Kinder durchaus patent wäre - wie sich zeigte absolut zurecht! Ich beschränkte mich auf die Flower Power (7c), eine 40m lange Route mit einer heiklen, sloprigen und glatttrittigen Crux ganz am Ende. Die Kinder hingegen liefen zu wahrer Höchstform auf, stiegen zuerst 6a, dann 6a+, dann 6b und zum Schluss sogar noch 6c - von daher muss man fast den Schluss ziehen, dieses Gebiet sei höchst kindertauglich :-)

Super Kletterei an der auch im Hochwinter sonnigen Wand von El Cat in Brontallo.

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