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Sonntag, 6. Januar 2019

Neujahrstrip 2019 Tessin

Eigentlich waren wir ja erst gerade aus dem Tessin heimgekehrt, fürs Weihnachtsfest und ein bisschen Skifahren. Im Süden sollte weiter die Sonne scheinen, also galt es nur noch eine Entscheidung zu treffen. Tessin oder Oltrefinale? Ja, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt!? So attraktiv die athletische Kalk-Kletterei an der ligurischen Küste ist, noch ein bisschen lieber klettere ich im Tessiner Gneis. Somit positionierten wir uns strategisch mitten im Tessin, um sowohl die Gebiete in der Riviera wie auch jene im Maggiatal anfahren zu können.

Sonne und blauer Tessiner Himmel, eine unschlagbare Kombination im Winter. Hier der Junior im Vorstieg an der Placca di Tegna.
Claro

Den Auftakt machten wir wieder in Claro. Erstaunlich, wie sehr sich die Situation mit der Tropfnässe im Zeitraum einer Woche gebessert hatte. Inzwischen waren fast alle Routen ohne grössere Einschränkungen begehbar. Leider war das Poetic Face (8a) gerade besetzt, als wir anmarschierten. Somit beschloss ich, mir die Zeit vorerst anders zu vertreiben und dann später zurückzukehren. Wie sich immer wieder zeigt, ist die sicherste Methode eine 8a nicht zu ziehen, es gar nicht erst zu versuchen. Zum Aufwärmen bzw. beinahe schon einem ersten Überhitzen ging's in die Farmer (7a). Vermutlich werden das nicht alle mögen - aber wow, was für eine Route! Anhaltend, sehr technisch, äusserst komplex und mit abgefahrenen Moves. Ich vergebe alle Sterne, die ich habe! Die sozusagen direkte Variante Te la do io l'arca (7b) ist von ganz anderem Charakter. Weitgehend gemütliche Kletterei im 6ab-Bereich, die Crux hingegen ein sehr kniffliger Boulder. Aber auch da, sowas kann man nicht schrauben, affengeil! Weil sich nebenbei die Kinder noch ausführlich mit ein paar ganz coolen Bouldern beschäftigten, war der Tag danach schon fast um. Ein wenig die Finger strecken in der Apnea (8a) lag noch drin, mehr dann aber auch nicht.



Ponte Brolla Ost

Am nächsten Tag war stürmischer Nordföhn angekündigt, weshalb wir uns für den Ostsektor von Ponte Brolla entschieden. Das war sicherlich ein geschickter Schachzug. Rundum tönte es den ganzen Tag, wie wenn ständig Düsenjets vorbeifliegen würden. Doch aufgrund der lokalen Topografie bleibt es im Ostsektor erstaunlich ruhig. Und sowieso hatte ich ja noch die Zorn der Götter (7c+) offen, in welcher in an Weihnachten knapp gescheitert war. Und eigentlich hätte das im ersten Go dieses Trips auch geklappt. Souverän unterwegs hatte ich ganz zum Schluss aber den Fuss auf einen falschen Tritt gestellt, so den dynamischen Zug verhauen und die Begehung noch versaut. Genau in dieser Situation sollte man ja die Ruhe bewahren und die Sache einfach nach einer gütlichen Pause endgültig abschliessen. Mir gelang's an diesem Tag definitiv nicht - der nächste Go scheiterte wegen nicht adäquatem Ausruhen an Kraftmangel. Und der bald darauf folgende gleich nochmals. Somit sah ich mich damit konfrontiert, dass mir hier die Felle erneut davonschwimmen würden. Es blieb nicht anderes übrig, als eine lange Pause einzulegen, den Rest der Familie in ihren Projekten zu unterstützen und dann vor dem Eindunkeln nochmals einen Go zu geben. Währenddessen gelang z.B. meiner Tochter mit der Omar (6a+) die erste Route in diesem  Grad im Freien sauber rotpunkt - bravo! Mein letzter Versuch im ZdG war dann tatsächlich von Erfolg gekrönt. Meine Extrakraft hatte ich mit meinem dummen Dreinschiessen zwar schon zuvor verpulvert. Doch mit ruhig bleiben und einer Portion Glück (die Deadpoints am Limit sassen exakt) wurde der rote Punkt gesichert.

An den Orten, wo der Föhn nicht hinkam, kühlte es in den klaren Nächten logischerweise schon stark ab. Dieses Bild ist zwar von der Geisha Wall und nicht von Ponte Brolla Ost. Da kann man schon fast von Mixed-Klettern sprechen.

Cresciano

An Silvester kamen noch befreundete Familien ins Tessin nach. Somit war Cresciano das Gebiet der Wahl, hier waren wir schon eine ganze Weile nicht mehr. Dagegen sprachen halt der etwas längere Zustieg (von unten, wobei das Fahrverbot aktuell von den Kletterern und Boulderern nicht beachtet wird, was scheinbar toleriert wird) sowie auch die etwas exponierte Lage vom Sektor Federica. Finalemente griffen wir dann jedoch gleich oberhalb im Beautiful an. Dort wurden links noch einige schöne, aber bisher wenig beachtete Touren nacherschlossen. Ich kletterte Sulle ali della liberta (harte 6b), Sum sem ma sum pasat (7a+) und Pecho Frio (7a). Alle sehr schön in leicht überhängender Wand mit kniffligen Moves an sloprigen Leisten, grossen Auflegern und ein paar Seitgriffen. Zu holen gäbe es auch noch das vermutlich (?!?) immer noch ungekletterte Projekt The crash ano adventure. Es wäre nur ein Einzelzug, der aber knallhart, vermutlich schwieriger wie 7c. Weiter rechts an den bekannteren Routen gelang mir die Tendina Balosa (7b+) locker im zweiten Go. Diese Route hätte ich vermutlich onsighten können, wenn sie bereits mit Exen ausgestattet gewesen wäre. Hängt im Bolt an der Dachkante jedoch noch nichts, so ist die Tour expo. Man kann dann erst nach der grossen Rechtstraverse und den Moves zurück ins Dach klippen und wenn man in dieser längeren und schwierigen Cruxpassage stürzt, so crasht man unterhalb mit einem Pendler in die Verschneidung :-/. Wobei ich keine schlechte Werbung für die Route machen will, denn mit Verschneidung, einem Leistenquergang und dem abschliessenden, athletischen Dach ist's wieder einmal Gneis-Kino der allerersten Güteklasse. Einer der Gründe hier anzugreifen war definitiv auch die Beautiful (8b), als eine der besten Touren auf diesem Niveau im Tessin gehandelt. Mein Kollege zog's souverän im zweiten Go, ich muss da noch etwas länger üben. Wobei mir die Route gar nicht so extrem gut gefallen hat wie sie gerühmt wird - ja, es sind sehr anhaltende, ausdauernde und homogen schwierige Moves an Leisten und Rissspuren. Jedoch oft sehr trittarm, was mir generell nicht so behagt. Die etwas leichtere Alternative ist die rechte Auskneifvariante A fuoco il nido (8a) - die gefiel mir besser und sollte machbar sein (nächstes Mal dann ;-)).

Der kleine Sektor links vom Beautiful in Cresciano mit seinen lohnenden Wandklettereien.

Russo

Weil das Thermometer etwas tiefere Werte anzeigen sollte, war an Neujahr Russo der Crag der Wahl. Mit dem Erscheinen der Sonne waren wir vor Ort und ich konnte mir zum Jahresauftakt gleich die Cabernet Sauvignon (7a) sichern - ein paar knifflige Plattenmoves entlang der Verschneidung sind garantiert, sehr lecker! Wir zügelten hinauf in den Sektor Macao und für mich stellte sich die Frage, wohin geht's? Eigentlich war mein Plan, einmal die ultrasteile Gioco del Ginocchio (7c) anzugreifen. Ich machte mich auf den Weg... um dann dort, wo es steil wird, in die rechte Variante Mosaico (7b+) abzubiegen. Ich war da einfach schon so gepumpt, gerade weiterzusteigen hätte unweigerlich in einem Bloc oder einem Sturz geendet, da schienen die Henkel rechts die Rettung. Es war schliesslich genau die richtige Entscheidung, denn dort konnte ich den Umlenker klippen, auch wenn die tricky Rissklemmer zum Stand hinauf noch alles forderten. Nach etwas De-Pump in der schönen Risskletterei Per domani (6c) wollte ich es dann doch noch wissen und auch noch die Gioco del Ginocchio (7c) Direktvariante versuchen. Im zweiten Go, mit dem Eindunkeln gelang mir dies schliesslich mit ein paar wilden Schnappern in 'Flucht nach vorne'-Art an den Ausstiegshenkeln in äusserst luftiger Position - einfach affengeil so etwas, was für ein Neujahrstag!

Die erste Route im 2019 ist im Kasten! Die Cabernet Sauvignon (7a) verläuft am oberen Rand der weissen Platte, unter dem Steilwulst.

Ponte Brolla - Placca di Tegna & Ost

Aufgrund von einem indisponierten Knie wollte der ganze Tross aufgrund des kurzen Zustiegs und des zudem wieder stürmischen Nordwinds in den Ostsektor von Ponte Brolla ziehen. Nach 4 Tagen Vollgas beim Sportklettern fühlte ich mich morgens für einmal etwas matt - und stellte so die Frage "wer will zuerst noch eine Plattenroute klettern?". Mein Sohn wollte, also los! Auf dem Zustieg  stellte ich die Frage "willst du vorsteigen?". Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen "ja, klar!". Nach einer Kurzinstruktion wie man Stand einrichtet und nachsichert ging's auch schon los, ohne Zögern und mit einem Affenzahn. Schon bald hatten wir die mit uns gestarteten Seilschaften weit unter uns gelassen und der Ausstieg der Occidentale (5 SL, 4c max, 4a obl) an der Placca di Tegna rückte näher. Als ich ankam meinte er sogleich: "Papi, ich möchte nochmals eine Route machen". Einen kurzen Fussabstieg später banden wir uns erneut ein und hinauf ging's in die etwas anhaltendere Centrale (7 kurze SL à max 30m, 4c max, 4b obl). Es folgte ein erneut souveräner Vorstieg, zum Schluss sammelten wir auch noch die beim ersten Mal mit uns gestarteten Seilschaften ein. Ja, das war ein Tag, an dem gewaltige Fortschritte gemacht wurden. Ich vermute fast, dass das letzte Mal, wo ich meinem Sohn eine MSL-Route vorgestiegen bin, schon vorbei ist. Klar kann ich es noch (viel) besser als er. Aber genauso wie ich steigt er lieber vor als nach und ich mache ihm gerne das Geschenk, jeweils Routen zu wählen, die er selbständig führen kann. Für die 12 Seillängen und die 2 Fussabstiege hatten wir insgesamt nur 2.5 Stunden gebraucht. Tipp: die Seillängen sind alle ziemlich genau 30m lang. Das Seil auf diese Länge zu verkürzen spart hier enorm Zeit! Noch war also mehr als genügend Zeit zum Sportklettern vorhanden. Es hatte ziemlich viel Volk und so blieb für mich schliesslich die Child of Vision (7c) die beste Wahl. Über weite Strecken bietet diese lässige Henkelturnerei, eine glatte Boulderstelle bietet jedoch Schleuderpotenzial. Alles in allem aber auch wieder ein Gneisjuwel der ersten Güte. Genau an der richtigen Stelle weist die aalglatte Platte etwas Textur auf, damit man mit den Füssen genug Schub für die nötigen, weiten Moves geben kann - awesome!

Unterwegs in L2 der Occidentale an der Placca di Tegna - sozusagen ein Kinderspiel!

Geisha Walls

Das letzte Mal hatte es uns so gut gefallen, so wollten wir natürlich unbedingt ein zweites Mal an die Geisha Walls und dabei den oberen Sektor beklettern. Hier waren ja eine gute Woche zuvor noch etliche Touren wegen reintropfender Nässe feucht gewesen. Aber nachdem es in Claro so massiv gebessert hatte, vermutete ich hier den gleichen Effekt. Doch das war verfehlt - anstatt einem Drittel wie vor Wochenfrist waren nun gut über die Hälfte der Routen einwandfrei begehbar. Jedenfalls kann man sich hinter die Ohren schreiben, dass man hier nur nach Trockenperioden so richtig glücklich werden wird. Vor allem auch war die tropfende Nässe in der klaren Nacht zu Eiszapfen beachtlicher Grösse gefroren, die den oberen Rand der Wand säumten und dann aufgrund der Sonne zum Teil in die Tiefe stürzten. Umsicht und ein Helm waren absolut unabdingbar - when sportclimbing meets alpinism! Ein sehr erfolgreicher Klettertag wurde es aber doch: erst mit der Collateral (7a+), eine absolute Perle mit genialen Moves an vertikalen Kanten! Die beiden Touren weiter links, die Vinum (7b) und die Kings Cup (7b+) ähneln sich: unten technisch und einfacher, oben steil und henklig über ein Quarzband hinweg. Eine coole Sache, wenn auch im Moment noch nicht jeder Sand/Staub abgeklettert ist und es hier und da noch etwas knirscht. Um 14.00 Uhr hatte uns die Sonne bereits verlassen und es wurde ziemlich frostig. Doch wir trotzten der Kälte und ich machte noch die Akira (7a+), ebenfalls wieder sehr spannend an vorwiegend vertikalen Griffen.

Auch hier kann man wieder sagen "when sportclimbing meets alpinism". Oder auch, wer's halt nicht geschafft hat, sein Projekt zeitig bei Sonnenschein zu punkten, der hat nachher halt in den sauren Apfel zu beissen. In diesem Fall hat es genützt, die hier initiierte Begehung war erfolgreich :-)

Brontallo - El Cat

Am letzten Tag wollten wir nochmals hinten im Maggiatal angreifen, hierhin kommt man ja bei kürzeren Trips meist eher nicht. Also warum nicht wieder einmal an die Wand von Prato, hier hatte ich bisher nur einen einzigen Klettertag verbracht. Doch hier konnten wir schon auf den ersten Blick wieder kehrt machen: im zentralen Bereich hing zentral über der Wand ein Eisfall beachtlicher Grösse. Zwar vermutlich mehr als das Produkt nur einer kalten Nacht, aber trotzdem: sich bei Sonnenschein darunter dem Sportklettern hinzugeben wäre höchst unvernünftig gewesen. Somit war eine Alternative gefragt und die Stand eigentlich in Form vom El Cat in Brontallo bereit. Das Problem jedoch: Kathrin hatte dieses Gebiet als "nicht kindertauglich" im Kopf abgespeichert. Tatsächlich waren wir hier schon einmal zu viert über die Fixseile hochgeächzt und auch der Aufenthalt auf den sonnigen, bequemen aber auch exponierten Balkonen am Wandfuss war damals nicht restlos entspannt gewesen. Ich war mir aber sicher, dass das Gebiet für die inzwischen älter gewordenen Kinder durchaus patent wäre - wie sich zeigte absolut zurecht! Ich beschränkte mich auf die Flower Power (7c), eine 40m lange Route mit einer heiklen, sloprigen und glatttrittigen Crux ganz am Ende. Die Kinder hingegen liefen zu wahrer Höchstform auf, stiegen zuerst 6a, dann 6a+, dann 6b und zum Schluss sogar noch 6c - von daher muss man fast den Schluss ziehen, dieses Gebiet sei höchst kindertauglich :-)

Super Kletterei an der auch im Hochwinter sonnigen Wand von El Cat in Brontallo.

Sonntag, 27. Dezember 2015

Weihnachtsklettern im Tessin

Nachdem es letztes Jahr so schön gewesen war, sollte es im 2015 eine Wiederholung geben. Rein vom Wetter her war es zwar nicht zwingend, auf die Alpensüdseite zu reisen. Doch natürlich waren auch im Tessin die Bedingungen bestens und im dortigen Gneis zu klettern ist immer wieder toll. Da zudem auch die traditionelle Eisbahn auf der Piazza Grande wieder installiert war, stand einem Kletter-Schlittschuh-Trainingslager nichts im Wege.

Wir beschränkten uns dieses Mal auf den Besuch von zwei Gebieten, nämlich Claro und Russo. Das ist die Konzession, wenn man Routen am persönlichen Limit punkten will, ein 1-Tages-Besuch kann da nicht ausreichen. Als Ziele hatte ich mir die L'Egaliser (8a) in Russo und die Apnea (8a) in Claro gesetzt. Das Duell Marcel vs. 8a ging schlussendlich unentschieden 1:1 aus. Daneben blieb dann nicht mehr so viel Raum, um auch noch andere Routen zu klettern, daher ist die Liste dieses Mal relativ kurz.


Russo

No Name Nr. 5 (6c, ***): Schöne, technische Kletterei, die im oberen Teil erst mit einer stehtechnischen Herausforderung wartet, bevor es dann knifflig in der steileren Wand zum Ausstieg geht.

No Name Nr. 6 (7a, ***): Sehr interessant mit einem athletischen, dachartigen Beginn, gefolgt von einer kurzen Rissspur. Nach ein paar einfacheren Metern folgt noch ein sehr kniffliger Ausstieg an Slopern.

No Name Nr. 8 (7a, **): Eine Seillänge auf dem zweiten Stock, welche man als Fortsetzung der beiden Vorangehenden klettern kann. Ein bisschen inhomogen, die bouldrige Crux am markanten Dächlein. Leider wird hier oben nur wenig geklettert, die brösmeligen Flechten stören den Genuss.

Sebra e Chatila (7a+, ***): Hier kann man die Sabra und die Schatila auf 10m Kletterstrecke gleich gemeinsam erledigen ;-) Vor allem denkt man auf den ersten Blick, dass diese flache Popel-Platte ja wohl kaum eine 7a+ sein könne. Steht man am Einstieg, so ändert man seine Meinung auf "nach den ersten Moves ist's gegessen". Und steht man dann nach den funky Startmoves einmal mittendrin, so wird man sich gewahr, dass weiter oben nochmals eine äusserst knifflige Stelle am Haftreibungslimit folgt.

L'Egaliser (8a, ***): Tolle Route mit einem trittarmen Beginn, wo man sich noch einer Rissspur bedienen kann. Danach folgt eine überhängende Zone, die in maximalkräftiger Kletterei an vielen kleinen Crimps und zum Schluss 2-3 Slopern überlistet werden will. Etwas Campusboard-Strom ist hier sicher von Vorteil und sonst hilft vielleicht der Griff in die Trickkiste. Für mich war's ein Toehook, welcher den Schlüssel zum Durchstieg darstellte. Hat man den No-Hand-Rest danach erreicht, führen weitere 15m in plattiger Kletterei im 7a-Bereich zum Stand. 

Frou ou (6c, ***): Selten begangen, aber eine tolle Route in diesem schwarzen Fels. Ich fand sie doch unerwartet knifflig oder mit anderen Worten ganz einfach schwer. Da musste doch kurz der Zauberstab ausgepackt werden, und viele Reserven waren da nicht vorhanden.


Claro

Machintosh (7a, ****): Wow, was für eine Perle. Unten erst einfach, dann folgt unerwartet eine bouldrige Wandstelle, die mit einem weiten Move (Dynamo) überlistet werden will. Oben dann anhaltende Fingerriss-Kletterei dem Pfeiler entlang. Supertoll, wie das aufgeht!

Estival Rock (7a+, ***): Unten reichlich knifflig und trittarm der Piaz-Flake entlang. Nach einem Rastpunkt erst kräftige Gegendruck-Züge an gutgriffigen Rissen. Für die Crux-Traverse in Wandkletterei werden die Griffe dann aber kleiner, und es hat nur noch schlechte Reibungstritte. Dann noch sehr kräftig über den Überhang, bevor endlich richtige Henkel kommen und man etwas einfacher über den Pfeiler den Stand erreicht. Lässig, aber für mich klar schwerer wie 7a+.

No Name (7c, ***): Die Tour zwischen Estival Rock und California. Obwohl nahe zwischen den beiden Nachbarn gelegen, sind die Cruxmoves doch total eigenständig. Und auch hart und knifflig. Nach längerem Tüfteln konnte ich eine Lösung identifizieren, bei welcher ein entscheidender Griff 3x genommen wird (1x links und 2x rechts, mit jeweils verschiedenen Handstellungen). Danach kurz dranbleiben und einfacherer Pfeilerausstieg.

California (7a, ***): So etwas wie ein Gebietsklassiker, aber gar nicht einfach zu holen! Schon bald nach dem Einstieg fängt's an, kräftig-knifflige, trittarme Untergriffpassage. Dann steil manteln und es folgt eine üble Verschneidung mit einem rund-schlipfrigen Riss. Das Trittangebot überzeugt auch nicht, und so will an der Abrutschgrenze gepiazt werden. Pfff, sowas von meinem Anti-Style... aber ganz lässige Seillänge.

Apnea (8a, ****): Eine absolute Perle mit total genialen Moves. Sowas könnten auch die 100 besten Routenschrauber der Welt nicht gemeinsam hinkriegen! Eigentlich hat es fast nur Seit- und Untergriffe, die meisten davon ziemlich sloprig, angelaufen wird meist auf 200% von nichts. Aber trotzdem ist's möglich, auch wenn es sich zuerst vielleicht anders anfühlt. Mit dazu coole Schulterzüge, eine Rissspur - trotz der Kürze gibt's viel Abwechslung. Ein idealer Climb für mich, hier geht's mehr um Flow und die präzise Körperposition als um brachiale Rohkraft.

Raufaser (6c, ***): In meinem Ticino-Führer zwar bloss mit einem einzigen Stern versehen, aber ich weiss auch nicht, was die geritten hat. Supercoole und komplexe Plattenkletterei, angereichert mit ein paar Seit- und Untergriffen. Hat mir grösstes Vergnügen bereitet!

Freitag, 26. Dezember 2014

Buon Natale a Tutti!

Im Alpinismus gibt's ja kaum so etwas wie eine Zwischensaison. Entweder am Fels, im Schnee oder im Eis geht fast immer ein bisschen etwas. Trotzdem, die Weihnachtszeit präsentiert sich mit dem oft übellaunigen Tauwetter meist als nicht besonders ergiebige Zeit, besonders auf der Alpennordseite hat es zum Skifahren kaum Schnee, fürs Eis ist es zu warm und das Wetter zum Klettern überzeugt auch nur teilweise. Umso besser, dass es noch die Alpensüdseite gibt, die als Ziel für unseren Weihnachtstrip bald gesetzt war.

Claro

Zum Auftakt besuchten wir die Felsen in Claro, schon über 15 Jahre zurück liegt mein letzter Besuch hier. Fuhren wir damals die Bergstrasse nach Censo aufgrund des Fahrverbots noch mit Bike hoch, so darf man dies nach dem Löhnen von 10 CHF nun auch offiziell mit dem Auto tun. In 10-15 Minuten Bergabmarsch erreicht man dann das langgezogene Felsband, das rund 100 sehr interessante Routen in perfektem Gneis aufweist. Das Gebiet gilt als sehr anfällig in Bezug auf Nässe und tatsächlich war hier immer noch der Effekt der heftigen Niederschläge von Anfang November zu sehen. Geschätzt mehr als die Hälfte der Routen war nicht komplett trocken. Umso besser, dass ich hier ohne offene Projekte angerückt war.

Moulin Rouge (6c, ****): Sehr interessante und anhaltende, plattige Kletterei. Drei Einzelstellen stechen bezüglich Schwierigkeit noch besonders heraus, die letzte ein laaanger Move kurz vor dem Umlenker. Da musste ich mich echt schon anstrengen, um den Onsight zu holen.

La Ragnatela (6b, ***): Steile Wand mit interessanter Felsstruktur. Einige Crimps und die auffälligen, schrägen Risse erlauben hier das Fortkommen. Ziemlich anhaltend, eher ein Ausdauerproblem.

La Canta (6c, **): Bouldrige Kantenkletterei, die Bewegungen gut geplant und gut gehookt ist hier halb geklettert. Im Vergleich zur Moulin Rouge meiner Meinung nach kaum derselbe Grad, sondern deutlich einfacher.

Lobbia (6c, ****): Nochmals eine bouldrige Kante. Einfacher Plattenauftakt, das Wesentliche spielt sich auf den 8m danach ab. Trotz der Kürze aber voll genial, um die Ecke drücken, an Leisten schnappen und an Henkeln manteln - supercoole Abfolge!

Damit war der Klettertag dann auch schon wieder gelaufen. Die Sonne erwärmt einen in Claro am kürzesten Tag des Jahres bis irgendwann zwischen 15.30-16.00 Uhr. Diese Zeit hatten wir mehr als ausgenützt und dabei das ganze Gebiet für uns alleine gehabt. Nachdem Larina ihr Projekt auch beendet hatte wartete auf uns noch der Wiederaufstieg zum Parkplatz und nach dem Käffeli die Fahrt in unser Domizil. 

Larina in Moulin Rouge (6c) - bis zum Umlenker gekommen, die B-Note noch etwas verbesserungsfähig :-)

Vigezzo

Der zwischen Malesco und Re gelegene Klettersektor mit dem Namen Villette Alto existiert gewiss schon sehr lange. Auf unsere Traktandenliste war er aber erst gerückt, nachdem ihn Sandro im Extrem SUD publiziert hatte - da sieht man echt mal wieder, was ein gut recherchierter und schön präsentierter Führer ausmacht, ansonsten wäre diese Perle nämlich an uns vorbeigegangen. In rund 10 Minuten Zustieg erreicht man den am sonnigen Südhang gelegenen Felsriegel mit superbequemem Einstiegsbereich. Auch an den kürzesten Tage wärmt die Sonne hier von ca. 9.00-16.00 Uhr, einfach perfekt!

Marco (6c, ***): Schon bald nach dem Einstieg muss man parat sein, dann klettert man durch eine einfachere Zone zur steilen Abschlusszone, wo man für 6c schon ordentlich hinlagen und weite Züge präsentieren muss.

Zip (7a, ****): Bald nach dem Einstieg folgt eine kratzige Passage, bevor man nochmals etwas durchschnaufen kann, um dann das Bewegungsproblem der finalen Crux (sehr interessant an Leisten und Untergriffen) anpacken muss.

Gaby (7c, **): Sehr einfacher Auftakt (ca. 5c, 12m) bis zum Zwischenstand, dann folgt ein etwas brösmelig-sandiger Wulst, der mit einem praktisch trittlosen Boulder (Seitgriff - Crimp - Crimp) zu meistern ist - konzentriert und tough!

Fabri (7a, ***): Anhaltende Kletterei an kleinen Leisten und ein paar Seitgriffen, schön! Teilweise etwas nahe an den anderen Routen gebohrt (oder umgekehrt, je nachdem was zuerst da war).

Edera (7a, ****): Geniales, bouldriges Bewegungs- und Spannungsproblem mit vielen Untergriffen und ein paar Leisten - Gneiskletterei at its best!

Digital Killer (7a+, ***): Ziemlich kratzige und technisch anspruchsvolle Route. Gute Fussarbeit ist unerlässlich, und das Halten von winzigen, rauhen Leisten erfordert noch genügend Fingerhaut.

Facile (5b, ***): Die einfachste Route im Gebiet, fast 30m lange Plattenkletterei mit recht anhaltenden Schwierigkeiten. Für diesen Grad wirklich gut, es war das Projekt für unsere Kinder.

Als die Sonne schon eine Weile hinter dem Horizont verschwunden war und die Dunkelheit hereinbrach, traten wir den Weg zurück zum Automobil an. Kaum eingestiegen war der Nachwuchs schon eingeschlafen. Die Rückfahrt nach Locarno ist zwar nur etwa 30km kurz, wegen der extrem engen und kurvigen Strasse dauert's bei defensiver Fahrweise aber doch fast eine Stunde. Dort wartete dann noch das Highlight des Tages, der Besuch auf der Eisbahn, welche temporär auf der Piazza Grande aufgebaut ist - wirklich tolles Ambiente, guter Sound, was will man mehr?!

Der Anmarsch schön kurz, und dabei erst noch hervorragend bezeichnet...
...der Fels mit dem topfebenen Einstiegsbereich lässt auch nur wenige Wünsche offen.
Facile (5b), easy debii sii, aber nie (!) ohne Chalkbag!

Russo

Ein guter Tessin-Tip für die dunklen Wintertage sind auch die Felsen von Russo im Val Onsernone. Hier wärmt einem die Sonne auch von früh bis Mitte Nachmittag (ca. 9.00-14.45 Uhr). Geboten wird einem interessante Plattenkletterei (linker Sektor) oder athletisches Steilpotenzial (rechter Sektor). In letzterem liessen wir uns nieder - selbst nach zwei früheren Besuchen waren mir hier noch einige Projekte offen geblieben. Bis auf eine weitere Seilschaft waren wir auch hier wieder alleine zugegen und hatten somit bezüglich der Routenauswahl freie Hand.

Lame a doppio taglio (6a+, ***): Steile, für den Grad richtig athletische und auch nicht ganz einfache Kletterei, welche einem System von Rissen und Schuppen entlang führt. So ganz restlos zu 100% solide wirken diese Schuppen auf mich nicht wirklich, da hier aber regelmässig geklettert wird, braucht man sich wohl nicht allzu sehr zu sorgen.

Croce del Sud (7b+, ****): Allez hop, nicht trödeln sondern durchsteigen heisst die Devise. Nach dem einfachen Einstieg wartet erst technisches Geschiebe an Rissspuren und Seitgriffen. Die Crux dann unters und übers markante Dach, ein paar ganz ok Leisten und Henkel helfen dabei. So richtig ins Schwitzen kam ich dann erst danach - die Abschlussplatte mit den seichten Rissen ist unscheinbar aber nicht geschenkt, zudem auch psychisch fordernd. Trotzdem oder erst recht, diesen Onsight liess ich mir nicht nehmen, so dass dieser Ticino-Trip auch sportlich ein richtiger Erfolg wurde.

No Name Nr. 50 (6c, **): An sich schöne Kletterei, unten einer Piazkante entlang, dann durch eine seichte Verschneidung, aber oben bedient man sich dann einiger Schuppen, die wirklich sehr hohl tönen und nicht solide verwachsen sind. Auch die Standhaken stecken nicht einwandfrei - Vorsicht, besser den Roststand links benützen, der steckt wenigstens in solidem Fels.

In Groppa alla Müla (7a, ****): Diese Route hatte ich vor etwa 8 Jahren bereits einmal Punkten können, zum Tagesabschluss stellte sie aber ein interessantes Projekt dar. Nun war ich in Fahrt, tatsächlich gelang der Alzheimer-Onsight. Die Kletterei ist genial, erst tricky und aufreibend im Piaz einer runden Kante entlang, oben geht's dann henklig-toll über die Dachzone hinweg.

Das war es dann bereits wieder mit den tollen Tagen im Tessin - einmal mehr hatte sich die Reise voll ausbezahlt, die Gneiskletterei unter dem stahlblauen Winterhimmel bei milden Temperaturen ist einfach ein Hochgenuss. Klar, früher hatten wir bei solchen Trips jeweils noch etwas mehr Routen in einen Klettertag einfüllen können, heute mit den Kindern zählen auch andere Dinge. So zum Beispiel ein weiterer Besuch auf der Eisbahn, bevor es auf den praktisch leeren Strassen hochzufrieden zurück nach Hause ging.

Käffeli kochen und fotografieren, nur zwei von vielen Beschäftigungen unserer Kinder im Klettergarten...
Und zum Schluss noch die super Eisbahn auf der Piazza Grande!