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Freitag, 14. April 2023

Ostern 2023 im Ticino

Es gibt zwar nichts sonderlich Spektakuläres zu vermelden, an dieser Stelle aber trotzdem für meine persönliche Erinnerung eine Notiz zum Ostertrip 2023. Nach dem üblichen Hin und Her sowie Abwarten bis zum Schluss fiel die Entscheidung wieder einmal aufs Tessin. Schliesslich sollte dort das Wetter (in vernünftiger Fahrdistanz von daheim) in Summe über die 4 Tage am schönsten und wärmsten sein. Zur Verfügung stand uns eben tatsächlich nur das minimale Zeitfenster von Karfreitag früh bis Ostermontag spät. Und wenn man der Schweizer Presse vertraut hätte, schien es aufgrund düsterster Stauprognosen doch eine reichlich verwegene Idee, zu diesen Zeitpunkten eine Alpenüberquerung mittels motorisiertem Individualverkehrsmittel versuchen zu wollen.

In der Corridoio Bo (4 SL, 5c+) im Sektor Nostrano in Avegno.

Wobei all diese Berichte ehrlich gesagt viel mehr über die Funktionsweise der Medien aussagen wie über die tatsächliche Situation auf der Strasse. Etwas sensationslüstern mit Rekordzahlen umherwerfen und der grossen Mehrheit der daheim gebliebenen das Gefühl geben, es genau richtig gemacht zu haben, so ist man sich der Leserzahlen und dem Wohlwollen der Kundschaft sicher. Natürlich, mit ungeschickter Routenwahl und Zeitplan hätte man schon einige Stunden anstehen müssen. Aber unsere Realität war eine andere: mit Abfahrt um 7 Uhr morgens am Karfreitag gab's grad so total 30 Minuten Zeitverlust auf der Hinreise, einen Zeltplatz in Avegno erhielten wir als grössere Gruppe mit mehreren Parteien auch ohne Schwierigkeiten und selbst die Felsen waren nicht überfüllt. Sportgeklettert sind wir schliesslich ausschliesslich in unmittelbarer Nähe unseres temporären Domizils: im Underzero und im Ostsektor von Ponte Brolla. 

In der Corridoio Bo (5c+), mit Wechselführung geklettert - bravo Jerome!

Meine Highlights dieser Reise:

  1. Mir lief es am steilen Fels super, jeden Tag gab's mindestens einen Rotpunkt in einer für mich schwierigen Route (>=7c). Dazu der grosse Fight in der genialen 35m-Ausdauerroute Karmagheddon (7c), auch wenn mir am Ende doch noch der Onsight entwischte. Den kniffligen Einstiegskamin hatte ich souverän erledigt, mich dann sauber jeden Ruhepunkt nutzend über manch eine schwierige Stelle entschlossen vorwärts kletternd nach oben gekämpft, um es am Ende doch hergeben zu müssen. Da kann man nur wieder einmal das Zitat "Sport de merde, mais pour ça on l'aime tant" hervorholen. 
  2. Mit Jerome gab es zwei MSL-Quickies: einerseits eine Speedbegehung nach dem Sportklettern auf der Südseite in Ponte Brolla bis auf den Rovine del Castelliere mit Fussabstieg. Andererseits ein kurzer, morgendlicher Umweg beim "Gipfeliholen" in den Sektor Nostrano zur 4-SL-Plattenroute Corridoio Bo (5c+), die uns  ebenfalls sehr zügig gelang.
  3. Wie Larina für jede schwierige Route und noch so unmögliche Kletterstelle eine kreative Beta entwickeln konnte, die eine Begehung möglich machte. So stark zu sein und einfach alles "niederknüppeln" zu können ist schon nice, die schwierigen Passagen aber schlicht und einfach  "auszutricksen" aber noch nicer.
Komplett selbstgebaute Naturhütte der Kids - nur fast nicht Platz für alle gleichzeitig 😁

Und natürlich, hier nun ohne Nummer, einfach die gute gemeinsame Zeit draussen und am Fels mit Family & Friends. Nur ging es viel zu schnell zu Ende - nach einem gemütlichen Abschlussznacht vor Ort gab's dann auch auf dem Heimweg freie Fahrt, bevor am nächsten Tag der Weg zurück "in den Stollen" wartete.

Samstag, 22. Mai 2021

Frühlingsklettern im Tessin 2021

Tja, die Landesgrenzen sind durch die Pandemie für Klettertrips eher schwierig oder mit Testerei und Quarantäne zumindest aufwändig zu überwindende Hindernisse geworden. Somit war es für unseren Oster- und Frühlingstrip gesetzt, dass wir an Schweizer Felsen klettern würden - was ja auch kein Problem darstellt, da es mehr als genug 'Material' gibt und man dank den verschiedenen Klimazonen auch fast jederzeit ein trockenes Plätzchen findet. Schliesslich ging es 2x ins Tessin, wettertechnisch begünstigt und ein grosser Fan dieser Gneisfelsen bin ich sowieso. Beide Male quartierten wir uns im Maggiatal in einem Rustico ein.

Für den Ostertrip entschieden wir uns 9 Tage im Voraus, nachdem die Langzeit-Prognosen für den Süden eine bessere Perspektive gaben. Gar nicht einmal so einfach war es, zu diesem Zeitpunkt noch eine Unterkunft zu finden - naja in den teuren Hotels vielleicht schon, weniger aber für eine günstige und gut gelegene Ferienwohnung. Tja, die Effekte der Pandemie eben. Vor dem Aufbruch änderten sich die Wetterprognosen dann aber drastisch, ja es schien gar zwischendurch, dass zuhause bleiben vielleicht die bessere Lösung für das vertikale Programm wäre. Doch das war ein Sturm im Wasserglas, Ostern war schliesslich geprägt von warmem, trockenem und schönem Wetter. Umso besser, aber zum Klettern war eher Schattenjagd angesagt. 

Giumaglio im Maggiatal, hübsches Dörfchen mit alten Steinbauten und Felsen gleich nebenan.

Für die Frühlingsferien entschieden wir uns dann schon gleich nach Ostern, um Zugriff auf das begehrte Rustico zu haben. So weit im Voraus machen wir wetterabhängige Felsfreaks das sonst nie - und prompt verhiess die Prognose schliesslich eine komplett verregnete Woche. Naja, es kam schlussendlich deutlich besser: erst 5 trockene Tage bei zwar trübem Himmel, dafür uneingeschränkter Sektorenauswahl. An den folgenden 2 Regentage verlegten wir die Aktivität in die überhängenden Gebiete, erst auf der Heimreise ergaben wir uns mit einer Indoor-Bouldersession. Einen chronologischen Abriss über diese Trips mag ich hier nicht geben, nachfolgend ein paar Worte zu besuchten Gebieten und gekletterten Routen.

Giumaglio - Falesia del Picchone & Fiume

Hier waren wir daheim, per Zufall als Nachbarn von Erschliesser-Legende Egon Bernasconi. Das erklärt, warum es rund um das Dorf hier und da ein paar verstreute, anspruchsvolle Routen und Boulder gibt. Auf Streifzügen gab es also einiges zu entdecken, schliesslich fokussierte ich mich auf die Bullah Bro (8a), keine 2 Minuten von unserer Unterkunft entfernt - schon ein Privileg, die harten Moves so nahe zu haben. Dafür aber gar nicht einfach für das Session Planning! Gut half mir Home bzw. Distance Office dabei, manchmal nur die entsprechend kurzen Zeitfenster für einen Go an dieser Route zur Verfügung zu haben - wobei mir schliesslich erst im zweiten Trip bei kühlen Bedingungen der Durchstieg gelang. 

Akteur mit Pokal ;-) nach dem Durchstieg der Bullah Bro (8a).

Nicht von Egon eingerichtet wurde der einfache Plattensektor, die Falesia del Picchone. Hier gibt es knapp 25 geneigte Routen im Plaisirbereich (4c-6a+). Der Zustieg aus dem Dorf ist in 10-15 Minuten erledigt, auch hier konnten wir also noch rasch auf einen Plausch vorbei, wobei jeweils vor allem die Kinder kletterten und vorstiegen. Der ganze Sektor ist super mit Inoxmaterial abgesichert, wobei fast jede Route nebst einfacherem Terrain eine Einzelstelle bereithält, welche für Kleingewachsene oft nicht einfach ist, öfters auch in Sachen Haken klippen. Und auch ein wenig gleichförmig-austauschbar dünkten mich die Routen, doch vielleicht liegt diese Wahrnehmung auch einfach an mir, der hier mehr oder weniger überall ohne gross zu überlegen hochspazieren kann.

Cevio - Geisha Wall, Goldensciauar & Hauptwand

Nebst den vielen Felsen besteht die Attraktion in Cevio aus dem Pumptrack, wirklich eine sehr gelungene Sache, wo wir auch viele Stunden verbrachten! Somit stiess ein Ausflug zum Klettern ins Tal hinein immer auf Wohlwollen. 3x waren wir an der Geisha Wall, die wir bereits auf früheren Trips (1,2) lieb gewonnen hatten. Im Frühling 2021 waren fast alle Routen trocken - gut so, denn an Ostern war es hier ganz schön voll, ein untrüglicher Beleg für die Qualität des Gebiets. Aber im Bereich 6a-8b wird einem hier fast jeder Wunsch erfüllt, wobei es sowohl vertikale bis leicht überhängende, typische Tessiner Wandklettereien gibt wie auch stärker überhängende, athletische Bolzertouren - bei bester Felsqualität notabene. Einzig die lange drückende Nässe kann den Spass vergällen und einen grossen Teil der Routen unpraktikabel machen, am besten also nur nach Trockenperioden aufkreuzen. Ins Täschchen gingen mir dieses Mal neben ein paar einfacheren Touren Toro Loco (7b+), Culo di Piombo (7b), Mr. Seitan (7b+), L'oca Bucata (7b), Master Tacos (7c), Detox (7a) und Cantina Ümida (7a). 

Geisha Walls - an diesem Tag ganz für uns (war aber nicht immer so...).

Ebenfalls in den letzten Jahren wurde der Sektor Goldensciauar erschlossen. Er liegt nur 2-3 Minuten ob der Kirche in Cevio in problemloser Gehdistanz vom Pumptrack, ideal für eine After-Work-Kombisession - sofern man auf gute Bedingungen trifft. Im Frühling und nach Regenperioden fliesst nämlich ein Wasserfall über die Wand, welcher zumindest bei Wind manch eine Route benetzt. Bei ruhigen Verhältnissen kann man hingegen einige Routen auch klettern, wenn der Wasserfall "in Betrieb" ist. Auf einem Kurztrip machten wir Insert Coin (6c) und Sottosopra (7a), welche auf dem exponierten, über Fixseile zu erreichenden Balkon liegen und coole Henkelkletterei bieten. Auch in der Si era Black Coit (7a+) gibt's manch grossen, sloprigen Topf zu halten und durch die weit überhängende Wand zu moven, super! 

Das ist das Foto vom Goldensciauar - ja ehrlich, die Felsen sind am oberen Bildrand tatsächlich zu sehen :-) Aber na gut, ich gebe es zu, am Fels haben wir keine Fotos gemacht und eines vom Pumptrack darf in diesem Beitrag auch nicht fehlen.

Einen regnerischen Tag zum Ende der Frühlingsferien verbrachten wir dann noch an der regensicheren Hauptwand - wobei ja, die Regentropfen benetzen die Wand nicht, von innen drückt es auch nicht, aber der neblige Moder und die am Fels kondensierende Feuchtigkeit sorgten dennoch für extrem glibbrige Verhältnisse. Ja, man hätte sagen können "katastrophal" und sich wieder in die heimische Stube verziehen können. Aber so bin ich nicht gestrickt, ich nahm die Challenge an und versuchte nach (heftigem) Aufwärmen in L1 von Crescendo (6c) und Ederinik (7a+) den Punkt in Il Buco (7c) zu holen. Eine total fiese Route für solche Bedingungen, an seichten Löchern und schlechten Leisten movt man über 5 Haken hart, um dann an übel-rutschigen Slopern den finalen Rausschmeisser zu klettern, der einen in die zweite Hälfte mit pumpiger Ausdauerkletterei befördert. Fast, fast wäre es gelungen, doch leider zippten die Finger doch unvermittelt vom extrem seifigen Griff - klassisches Dryfire, die Kraft wäre da gewesen... stellt sich nun die Frage, ob das eine verschenkte Onsight-Opportunity war/ist... wobei ich vermute eher nein.

Die Hauptwand von Cevio bei 100% Luftfeuchtigkeit.

Avegno - Underzero, Zufolo & Zio Fiasco

In Avegno kann man nicht nur Plattenklettern, nein in den letzten Jahren entstand hier ein veritables Hardmover-Paradies am Fuss der hohen Wand von Torbeccio. Der Sektor Zio Fiasco war schon seit einigen Jahren publiziert, es kamen aber auch hier nochmals etliche Neutouren hinzu. Hier hatten wir uns schon früher vergnügt, ja einmal gar in den Häusern unterhalb residiert (Steinbauten mit eher rudimentärem Komfort, eher teuer, keine Autozufahrt, dafür geniale Lage). Nebst den schon früher genossenen Perlen kamen die beiden langen Schwesterrouten Ueli Speck (7b+) und Malbuner (7b) neu auf die Ticklist - beide mit kräftig-fieser Abschlusscrux auf luftigen 32-35m Höhe. Auf den Eintrag weiter warten muss hingegen die namensgebende Zio Fiasco (7c). Hier hatte ich schon früher einmal probiert, bis die Beta wieder sass, waren Kraft und noch viel mehr die Haut definitiv alle.

In Bildmitte der Sektor Zio Fiasco, die Sonne bescheint die Wand bis ca. 14.00 Uhr.

Von den weiter links gelegenen Sektoren hatte man als Insider in den letzten Jahren munkeln gehört, die Tessiner behielten aber diese Perle wohlweislich für sich, zumindest was eine Topo-Publikation angeht. Wie immer, wenn Geheimhaltung herrscht, kann es kein Schrottgebiet sein und so waren wir auch sehr gespannt auf unseren ersten Kletterbesuch an diesem Stück Fels. Die gut 50 Touren bieten einen Mix von kräftiger, deutlich überhängender Wandkletterei an Untergriffen und sonstigen, höchst faszinierenden Felsformationen, zu 'normaler' überhängender Wandkletterei bis hin zu positiv geneigten, technischen Testpieces. Il Masso del Granchio (7c), Pistöia (7b+), Epitaph (7b+), Schizoid (7a), Back to Black (7a+), Nimbus (7a+), Poseidon (7a) und Dancer (6b) bieten eben ziemlich genau diesen erwähnten Mix an Stilen und boten höchst exquisites Vergnügen - und noch manch eine attraktive Linie wartet für den nächsten Besuch.

Im Sektor Underzero - da gibt's mit diesem Foto keine Zweifel - geht's zur Sache.

Ponte Brolla Ost

Ja, hier haben wir schon manch einen Klettertag verbracht, aber es gibt immer noch zu tun und so bald wird sich das auch nicht ändern, ja einige Knacknüsse werden vielleicht auch für immer ungepunktet bleiben. Auf der Anreise beim ersten Trip widmeten wir uns vor allem einigen erst kürzlich erschlossenen Routen, z.B. der zähen Bonzay (6c), der Lek Attak (7b) mit ihrem bitteren Abschlussboulder, der kurzen Bamelo (6c) und der genialen Déja vu on the rise (6b+), welche ihre vier Sterne im neuen SAC-Führer wirklich verdient hat. Ein grosser Erfolg war der Onsight in der Outback (7c), nachdem die Route bereits perfekt mit verlängerten Exen präpariert war. Ohne diesen Luxus sind die ätzend sitzenden Bolts mühsam zu klippen, so dass man entweder substanzielle Kraftreserven mitbringen muss oder sie dann zu übersteigen hat, was bei Nichtbeherrschen jedoch ziemlich unangenehme Stürze zur Folge haben könnte.

Das ist sie, die markante überhängende Kante der Schattenjagd (8a)

Den zweiten Besuch gab's am letzten Outdoor-Klettertag beim zweiten Trip. Zu diesem Zeitpunkt hatte es schon fast 48h geregnet, aber einige Touren waren auch da noch trocken und kletterbar. Ganz so glibberig wie am Tag zuvor in Cevio waren die Verhältnisse generell nicht, aber von Topbedingungen waren wir so natürlich trotzdem weit weg. Für (wieder einmal) eine Begehung der Occidente (7a+) reichte es, die benachbarte No Riss, no Fun (7b+) ging auch knapp, obwohl in der Cruxsektion an einem entscheidenden Untergriff die Feuchtigkeit kondensiert hatte. Die restlichen Kräfte wurden dann in der Schattenjagd (8a) verpulvert. Tja, diese bekannteste und begehrteste 8a der Schweiz sollte ich eigentlich schon auch einmal ernsthaft im Projektmodus angehen. Nur alle 2-3 Jahre einmal 1-2 Go's zu geben reicht mir bei dieser ausdauerkräftigen Tour nicht für den Durchstieg, auch wenn das mit entsprechend Strom natürlich zu machen ist. Und sicherlich geht's bei grippig-kühlen Nordföhn-Bedingungen deutlich besser wie an diesem Tag mit durchfeuchteter Magnesia-Pappe auf den Griffen :-)

A-Lègri

Diesen Artikel schliesse ich mit dem erst kürzlich erschlossenen Gebiet bei Lodrino, das wir auf der Anreise zum zweiten Trip besucht hatten. Hier waren wir jeweils auf der Anreise zur Parete Val d'Iragna vorbeigekommen und hatten schon einen Blick auf die Felsen geworfen - nun wollten wir das erste Mal Hand anlegen. Es ist zu erwähnen, dass dies nur nach trockenen Perioden Sinn macht, sonst trifft man hier bestimmt länger auf drückende Feuchtigkeit. Dies verursacht auch, dass es in gewissen Routen noch brösmelet - wobei dieser Umstand jetzt mit der Publikation im Führer und zunehmender Frequentierung sicher besser. Den Auftakt machte ich mit der Clean-Route Medicina Tradizionale (6b). Diese ist recht ernsthaft, an den schwierigsten Stellen kann man nicht so gut legen und muss zwingend das Selbstvertrauen für einen Runout in wieder einfacheres Gelände mitbringen. Mit einem Satz Keilen und Cams 0.2-3 war ich auch eher knapp bestückt... das Originaltopo empfiehlt denn auch einen Doppelsatz an Cams dieser Grössen. Gleich nebenan kann man in Bordalen (7a) beruhigter Steigen, vor allem auch weil die Schwierigkeit nur in einer kurzen, leistigen Stelle besteht. Super gefallen hat mir S-3 Stout (7b), die erst mit recht kniffliger Risskletterei aufwartet und dann eine athletische Sektion mit total genialer Sequenz offeriert. Versucht habe ich auch die Inox Apologies (7c), die mit lässigen Bewegungsproblemen entlang einer Verschneidung startet, oben erst rissig wird und dann mit einem gewaltigen Dynamo aufwartet. Leider war der Riss noch feucht, was es nicht einfacher machte, den nötigen Schub für diesen Jump zu holen... wirklich ein Move wie in der Boulderhalle - nächstes Mal dann!

Blick auf den cleanen Riss der Medicina Tradizionale (6b), der nicht überall perfekt zu sichern ist.

In der Bordalen (7a) können die Klemmgeräte am Einstieg bleiben - und sie finden da alle Platz :-)

Team Herkulis hat sich selbständig betätigt, hier in der Siate AlLegri (6b+).

Sonntag, 6. Januar 2019

Neujahrstrip 2019 Tessin

Eigentlich waren wir ja erst gerade aus dem Tessin heimgekehrt, fürs Weihnachtsfest und ein bisschen Skifahren. Im Süden sollte weiter die Sonne scheinen, also galt es nur noch eine Entscheidung zu treffen. Tessin oder Oltrefinale? Ja, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt!? So attraktiv die athletische Kalk-Kletterei an der ligurischen Küste ist, noch ein bisschen lieber klettere ich im Tessiner Gneis. Somit positionierten wir uns strategisch mitten im Tessin, um sowohl die Gebiete in der Riviera wie auch jene im Maggiatal anfahren zu können.

Sonne und blauer Tessiner Himmel, eine unschlagbare Kombination im Winter. Hier der Junior im Vorstieg an der Placca di Tegna.
Claro

Den Auftakt machten wir wieder in Claro. Erstaunlich, wie sehr sich die Situation mit der Tropfnässe im Zeitraum einer Woche gebessert hatte. Inzwischen waren fast alle Routen ohne grössere Einschränkungen begehbar. Leider war das Poetic Face (8a) gerade besetzt, als wir anmarschierten. Somit beschloss ich, mir die Zeit vorerst anders zu vertreiben und dann später zurückzukehren. Wie sich immer wieder zeigt, ist die sicherste Methode eine 8a nicht zu ziehen, es gar nicht erst zu versuchen. Zum Aufwärmen bzw. beinahe schon einem ersten Überhitzen ging's in die Farmer (7a). Vermutlich werden das nicht alle mögen - aber wow, was für eine Route! Anhaltend, sehr technisch, äusserst komplex und mit abgefahrenen Moves. Ich vergebe alle Sterne, die ich habe! Die sozusagen direkte Variante Te la do io l'arca (7b) ist von ganz anderem Charakter. Weitgehend gemütliche Kletterei im 6ab-Bereich, die Crux hingegen ein sehr kniffliger Boulder. Aber auch da, sowas kann man nicht schrauben, affengeil! Weil sich nebenbei die Kinder noch ausführlich mit ein paar ganz coolen Bouldern beschäftigten, war der Tag danach schon fast um. Ein wenig die Finger strecken in der Apnea (8a) lag noch drin, mehr dann aber auch nicht.



Ponte Brolla Ost

Am nächsten Tag war stürmischer Nordföhn angekündigt, weshalb wir uns für den Ostsektor von Ponte Brolla entschieden. Das war sicherlich ein geschickter Schachzug. Rundum tönte es den ganzen Tag, wie wenn ständig Düsenjets vorbeifliegen würden. Doch aufgrund der lokalen Topografie bleibt es im Ostsektor erstaunlich ruhig. Und sowieso hatte ich ja noch die Zorn der Götter (7c+) offen, in welcher in an Weihnachten knapp gescheitert war. Und eigentlich hätte das im ersten Go dieses Trips auch geklappt. Souverän unterwegs hatte ich ganz zum Schluss aber den Fuss auf einen falschen Tritt gestellt, so den dynamischen Zug verhauen und die Begehung noch versaut. Genau in dieser Situation sollte man ja die Ruhe bewahren und die Sache einfach nach einer gütlichen Pause endgültig abschliessen. Mir gelang's an diesem Tag definitiv nicht - der nächste Go scheiterte wegen nicht adäquatem Ausruhen an Kraftmangel. Und der bald darauf folgende gleich nochmals. Somit sah ich mich damit konfrontiert, dass mir hier die Felle erneut davonschwimmen würden. Es blieb nicht anderes übrig, als eine lange Pause einzulegen, den Rest der Familie in ihren Projekten zu unterstützen und dann vor dem Eindunkeln nochmals einen Go zu geben. Währenddessen gelang z.B. meiner Tochter mit der Omar (6a+) die erste Route in diesem  Grad im Freien sauber rotpunkt - bravo! Mein letzter Versuch im ZdG war dann tatsächlich von Erfolg gekrönt. Meine Extrakraft hatte ich mit meinem dummen Dreinschiessen zwar schon zuvor verpulvert. Doch mit ruhig bleiben und einer Portion Glück (die Deadpoints am Limit sassen exakt) wurde der rote Punkt gesichert.

An den Orten, wo der Föhn nicht hinkam, kühlte es in den klaren Nächten logischerweise schon stark ab. Dieses Bild ist zwar von der Geisha Wall und nicht von Ponte Brolla Ost. Da kann man schon fast von Mixed-Klettern sprechen.

Cresciano

An Silvester kamen noch befreundete Familien ins Tessin nach. Somit war Cresciano das Gebiet der Wahl, hier waren wir schon eine ganze Weile nicht mehr. Dagegen sprachen halt der etwas längere Zustieg (von unten, wobei das Fahrverbot aktuell von den Kletterern und Boulderern nicht beachtet wird, was scheinbar toleriert wird) sowie auch die etwas exponierte Lage vom Sektor Federica. Finalemente griffen wir dann jedoch gleich oberhalb im Beautiful an. Dort wurden links noch einige schöne, aber bisher wenig beachtete Touren nacherschlossen. Ich kletterte Sulle ali della liberta (harte 6b), Sum sem ma sum pasat (7a+) und Pecho Frio (7a). Alle sehr schön in leicht überhängender Wand mit kniffligen Moves an sloprigen Leisten, grossen Auflegern und ein paar Seitgriffen. Zu holen gäbe es auch noch das vermutlich (?!?) immer noch ungekletterte Projekt The crash ano adventure. Es wäre nur ein Einzelzug, der aber knallhart, vermutlich schwieriger wie 7c. Weiter rechts an den bekannteren Routen gelang mir die Tendina Balosa (7b+) locker im zweiten Go. Diese Route hätte ich vermutlich onsighten können, wenn sie bereits mit Exen ausgestattet gewesen wäre. Hängt im Bolt an der Dachkante jedoch noch nichts, so ist die Tour expo. Man kann dann erst nach der grossen Rechtstraverse und den Moves zurück ins Dach klippen und wenn man in dieser längeren und schwierigen Cruxpassage stürzt, so crasht man unterhalb mit einem Pendler in die Verschneidung :-/. Wobei ich keine schlechte Werbung für die Route machen will, denn mit Verschneidung, einem Leistenquergang und dem abschliessenden, athletischen Dach ist's wieder einmal Gneis-Kino der allerersten Güteklasse. Einer der Gründe hier anzugreifen war definitiv auch die Beautiful (8b), als eine der besten Touren auf diesem Niveau im Tessin gehandelt. Mein Kollege zog's souverän im zweiten Go, ich muss da noch etwas länger üben. Wobei mir die Route gar nicht so extrem gut gefallen hat wie sie gerühmt wird - ja, es sind sehr anhaltende, ausdauernde und homogen schwierige Moves an Leisten und Rissspuren. Jedoch oft sehr trittarm, was mir generell nicht so behagt. Die etwas leichtere Alternative ist die rechte Auskneifvariante A fuoco il nido (8a) - die gefiel mir besser und sollte machbar sein (nächstes Mal dann ;-)).

Der kleine Sektor links vom Beautiful in Cresciano mit seinen lohnenden Wandklettereien.

Russo

Weil das Thermometer etwas tiefere Werte anzeigen sollte, war an Neujahr Russo der Crag der Wahl. Mit dem Erscheinen der Sonne waren wir vor Ort und ich konnte mir zum Jahresauftakt gleich die Cabernet Sauvignon (7a) sichern - ein paar knifflige Plattenmoves entlang der Verschneidung sind garantiert, sehr lecker! Wir zügelten hinauf in den Sektor Macao und für mich stellte sich die Frage, wohin geht's? Eigentlich war mein Plan, einmal die ultrasteile Gioco del Ginocchio (7c) anzugreifen. Ich machte mich auf den Weg... um dann dort, wo es steil wird, in die rechte Variante Mosaico (7b+) abzubiegen. Ich war da einfach schon so gepumpt, gerade weiterzusteigen hätte unweigerlich in einem Bloc oder einem Sturz geendet, da schienen die Henkel rechts die Rettung. Es war schliesslich genau die richtige Entscheidung, denn dort konnte ich den Umlenker klippen, auch wenn die tricky Rissklemmer zum Stand hinauf noch alles forderten. Nach etwas De-Pump in der schönen Risskletterei Per domani (6c) wollte ich es dann doch noch wissen und auch noch die Gioco del Ginocchio (7c) Direktvariante versuchen. Im zweiten Go, mit dem Eindunkeln gelang mir dies schliesslich mit ein paar wilden Schnappern in 'Flucht nach vorne'-Art an den Ausstiegshenkeln in äusserst luftiger Position - einfach affengeil so etwas, was für ein Neujahrstag!

Die erste Route im 2019 ist im Kasten! Die Cabernet Sauvignon (7a) verläuft am oberen Rand der weissen Platte, unter dem Steilwulst.

Ponte Brolla - Placca di Tegna & Ost

Aufgrund von einem indisponierten Knie wollte der ganze Tross aufgrund des kurzen Zustiegs und des zudem wieder stürmischen Nordwinds in den Ostsektor von Ponte Brolla ziehen. Nach 4 Tagen Vollgas beim Sportklettern fühlte ich mich morgens für einmal etwas matt - und stellte so die Frage "wer will zuerst noch eine Plattenroute klettern?". Mein Sohn wollte, also los! Auf dem Zustieg  stellte ich die Frage "willst du vorsteigen?". Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen "ja, klar!". Nach einer Kurzinstruktion wie man Stand einrichtet und nachsichert ging's auch schon los, ohne Zögern und mit einem Affenzahn. Schon bald hatten wir die mit uns gestarteten Seilschaften weit unter uns gelassen und der Ausstieg der Occidentale (5 SL, 4c max, 4a obl) an der Placca di Tegna rückte näher. Als ich ankam meinte er sogleich: "Papi, ich möchte nochmals eine Route machen". Einen kurzen Fussabstieg später banden wir uns erneut ein und hinauf ging's in die etwas anhaltendere Centrale (7 kurze SL à max 30m, 4c max, 4b obl). Es folgte ein erneut souveräner Vorstieg, zum Schluss sammelten wir auch noch die beim ersten Mal mit uns gestarteten Seilschaften ein. Ja, das war ein Tag, an dem gewaltige Fortschritte gemacht wurden. Ich vermute fast, dass das letzte Mal, wo ich meinem Sohn eine MSL-Route vorgestiegen bin, schon vorbei ist. Klar kann ich es noch (viel) besser als er. Aber genauso wie ich steigt er lieber vor als nach und ich mache ihm gerne das Geschenk, jeweils Routen zu wählen, die er selbständig führen kann. Für die 12 Seillängen und die 2 Fussabstiege hatten wir insgesamt nur 2.5 Stunden gebraucht. Tipp: die Seillängen sind alle ziemlich genau 30m lang. Das Seil auf diese Länge zu verkürzen spart hier enorm Zeit! Noch war also mehr als genügend Zeit zum Sportklettern vorhanden. Es hatte ziemlich viel Volk und so blieb für mich schliesslich die Child of Vision (7c) die beste Wahl. Über weite Strecken bietet diese lässige Henkelturnerei, eine glatte Boulderstelle bietet jedoch Schleuderpotenzial. Alles in allem aber auch wieder ein Gneisjuwel der ersten Güte. Genau an der richtigen Stelle weist die aalglatte Platte etwas Textur auf, damit man mit den Füssen genug Schub für die nötigen, weiten Moves geben kann - awesome!

Unterwegs in L2 der Occidentale an der Placca di Tegna - sozusagen ein Kinderspiel!

Geisha Walls

Das letzte Mal hatte es uns so gut gefallen, so wollten wir natürlich unbedingt ein zweites Mal an die Geisha Walls und dabei den oberen Sektor beklettern. Hier waren ja eine gute Woche zuvor noch etliche Touren wegen reintropfender Nässe feucht gewesen. Aber nachdem es in Claro so massiv gebessert hatte, vermutete ich hier den gleichen Effekt. Doch das war verfehlt - anstatt einem Drittel wie vor Wochenfrist waren nun gut über die Hälfte der Routen einwandfrei begehbar. Jedenfalls kann man sich hinter die Ohren schreiben, dass man hier nur nach Trockenperioden so richtig glücklich werden wird. Vor allem auch war die tropfende Nässe in der klaren Nacht zu Eiszapfen beachtlicher Grösse gefroren, die den oberen Rand der Wand säumten und dann aufgrund der Sonne zum Teil in die Tiefe stürzten. Umsicht und ein Helm waren absolut unabdingbar - when sportclimbing meets alpinism! Ein sehr erfolgreicher Klettertag wurde es aber doch: erst mit der Collateral (7a+), eine absolute Perle mit genialen Moves an vertikalen Kanten! Die beiden Touren weiter links, die Vinum (7b) und die Kings Cup (7b+) ähneln sich: unten technisch und einfacher, oben steil und henklig über ein Quarzband hinweg. Eine coole Sache, wenn auch im Moment noch nicht jeder Sand/Staub abgeklettert ist und es hier und da noch etwas knirscht. Um 14.00 Uhr hatte uns die Sonne bereits verlassen und es wurde ziemlich frostig. Doch wir trotzten der Kälte und ich machte noch die Akira (7a+), ebenfalls wieder sehr spannend an vorwiegend vertikalen Griffen.

Auch hier kann man wieder sagen "when sportclimbing meets alpinism". Oder auch, wer's halt nicht geschafft hat, sein Projekt zeitig bei Sonnenschein zu punkten, der hat nachher halt in den sauren Apfel zu beissen. In diesem Fall hat es genützt, die hier initiierte Begehung war erfolgreich :-)

Brontallo - El Cat

Am letzten Tag wollten wir nochmals hinten im Maggiatal angreifen, hierhin kommt man ja bei kürzeren Trips meist eher nicht. Also warum nicht wieder einmal an die Wand von Prato, hier hatte ich bisher nur einen einzigen Klettertag verbracht. Doch hier konnten wir schon auf den ersten Blick wieder kehrt machen: im zentralen Bereich hing zentral über der Wand ein Eisfall beachtlicher Grösse. Zwar vermutlich mehr als das Produkt nur einer kalten Nacht, aber trotzdem: sich bei Sonnenschein darunter dem Sportklettern hinzugeben wäre höchst unvernünftig gewesen. Somit war eine Alternative gefragt und die Stand eigentlich in Form vom El Cat in Brontallo bereit. Das Problem jedoch: Kathrin hatte dieses Gebiet als "nicht kindertauglich" im Kopf abgespeichert. Tatsächlich waren wir hier schon einmal zu viert über die Fixseile hochgeächzt und auch der Aufenthalt auf den sonnigen, bequemen aber auch exponierten Balkonen am Wandfuss war damals nicht restlos entspannt gewesen. Ich war mir aber sicher, dass das Gebiet für die inzwischen älter gewordenen Kinder durchaus patent wäre - wie sich zeigte absolut zurecht! Ich beschränkte mich auf die Flower Power (7c), eine 40m lange Route mit einer heiklen, sloprigen und glatttrittigen Crux ganz am Ende. Die Kinder hingegen liefen zu wahrer Höchstform auf, stiegen zuerst 6a, dann 6a+, dann 6b und zum Schluss sogar noch 6c - von daher muss man fast den Schluss ziehen, dieses Gebiet sei höchst kindertauglich :-)

Super Kletterei an der auch im Hochwinter sonnigen Wand von El Cat in Brontallo.

Freitag, 28. Dezember 2018

Weihnachtstrip Tessin 2018

Dieses Jahr lagen die Festtage nun wieder so, dass man bereits vor der grossen Sause einen kurzen Klettertrip ins Tessin einlegen konnte. Dies hatten wir in den Jahren zuvor schon mehrfach so gemacht (2016, 2015, 2014). Tagsüber am sonnigen Gneis klettern und abends dir vorweihnachtliche Stimmung auf dem glatten Parkett von Locarno zu geniessen - eine ziemlich überzeugende Kombination.

Ticino, Playground für Gross und Klein. Oder anders gesagt: während sich die Alten irgendwelche Routen hochwürgen, kümmert sich die Jungmannschaft um die spannenden Moves am Wandfuss.
Auf der Anfahrt fragten wir die Kinder nach der gewünschten Destination. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen - Claro! Schon fast ein Jahr war es her, seit wir das letzte Mal vor Ort waren. Nicht ganz unerwartet zeigte ein Augenschein vor Ort dann aber eine nicht ganz optimale Situation. Das Jahr 2018 war zwar auch im Tessin sehr lange überaus trocken, doch in den letzten Wochen gab es hier Niederschläge satt. So war dann nur ca. 1/3 der Routen einwandfrei trocken (grob: Jaraguri bis Rötstrunz, die Touren um die Apnea, Moulin Rouge, ein paar der kurzen Routen rechts sowie der gesamte Cubo). Gut hatte ich mir den letzteren bisher immer für den Tag aufgespart, wo die restlichen Felsen überflutet wären. Wir kletterten 2 nette Plattentouren (Il Grande Passo 6a+, Succhi Gastrici 6b+). Der Funky-Mantle-Boulder Il Questionario (7b+) warf dann bei mir erst auch diverse Fragezeichen auf. Eine geraume Weile vermutete ich, den Move tatsächlich nicht durchführen zu können. Schliesslich lohnte sich das hartnäckige Tüfteln aber doch: nachdem der Trick einmal gefunden war, lief der Durchstieg dann smooth. So blieb noch ein wenig Zeit, um einmal der Direktvariante vom Poetic Face (8a) auf den Zahn zu fühlen - cool und abwechslungsreich. Wenn ich gleich damit begonnen hätte, wäre das womöglich etwas geworden, aber so bremste mich die Dunkelheit aus. Naja, nächstes Mal dann.

Il Grande Passo (6a+) am Cubo in Claro (he made short work of it). Die harten Superrouten bis 8c+ gleich links ums Eck.
Hä? Leisten halten in bzw. aus Claro macht Freude, auch wenn's daheim im Keller ist. Noch nirgendwo anders habe ich einen ähnlich soliden Gneis mit oft perfekt flacher Rückseite gefunden, welcher sich ideal als Griff für unsere Boulderwand eignet. Mit etwas Suchen findet man alle Grössen und Formen, von der Fingerbrecher-Leiste bis zum Sloper. Die Textur und der Grip dieser Steine sind wirklich optimal. Hier wird eben nun gleich vor Ort Nachschub produziert.
Am nächsten Tag werweissten wir dann, ob wir auf einen neuen Felsen oder einen altbewährten Sektor setzen sollten. Einerseits war da die drängende Frage, ob die Geisha Walls denn auch trocken wären oder eben nicht. Die zweite Frage traf die Besonnung. Nachdem mein Lieblingstool auf suntag.ch inzwischen 12 CHF pro Abfrage verlangt, muss ich meine Berechnung ziemlich handgestrickt mit Azimut, Einfallswinkel und der Landeskarte machen. Eigentlich sollte man das alles zusammen mit dem digitalen Höhenmodell in eine bequeme App verpacken. Ein durchaus interessantes Projekt - aber ob ich die nötige Zeit dazu finde, bzw. sie mir nehme?!? Auf jeden Fall war meine Berechnung akkurat (ab spätestens 14.00 Uhr ist sense mit der Sonne), doch aufgrund der föhnig-milden Temperaturen war das schliesslich gar kein Faktor. Die drückende bzw. tropfende Nässe war hingegen ein Thema. Auch hier war nur ca. 1/3 der Routen vollständig dry - aber da wir noch nie vor Ort waren, war das kaum eine Einschränkung. Wir kletterten schliesslich Castello di Carte (6b+), Inc. Cool 8 (7c+), Anal-Logika (7b), No Woman from Tokyo (6a+), La Piata (6b+) und Detox (6c+). Allesamt typische Tessiner Klettereien und ich stimme absolut mit der Meinung der Erschliesser überein - una vera perla Vallmaggiese!

In den weiten der Tessiner Wälder ist sicher noch manche Perle verborgen. Danke Egon & Co, welche diese Schätze heben!

Yosemite Feelings!
Für den letzten Tag war erneut Nordföhn mit Temperaturen bis zu 18 Grad prognostiziert. Die morgendlichen Tropfen auf dem Dachfenster und der graue Himmel zeigten hingegen ein anderes Bild. Immerhin fand sich auch noch ein Wetterbericht, der dann kurzfristig so etwas wie "teilweise von Norden übergreifende Niederschläge" faselte. Langer Rede kurzer Sinn - wenn man heute etwas holen wollte, so wäre dies am besten im Ostsektor von Ponte Brolla zu finden. Alles bestens bekannt, kurzer Anmarsch und vor allem ist das Gelände teilweise so steil, dass man auch bei Regenfällen trocken bleibt. So weit so gut, auch die drückende oder tropfende Nässe war hier kein Faktor (d.h. alle Routen trocken). Nur mit einem Problem hatte ich nicht gerechnet. Die Feuchtigkeit kondensierte am Fels, sämtliche Routen waren zwischen schmierig und ultraschmierig und daher kaum begehbar. In einer furchtbaren (aber irgendwie eben doch erfüllenden) Kampfbegehung holte ich mir schliesslich die Gambe Leggere (7a). Der meist scharfe Riss bzw. die griffige Schuppe liess sich gerade so halten. Das Dranbleiben hatte sich gelohnt: plötzlich es hellte auf, eine Brise war zu verspüren und eine Viertelstunde später waren bereits alle Routen wieder mehr oder weniger normal begehbar. Dies waren die Benissimo (6b) und die Nina (6a). Beinahe wären auch noch meine Efforts im Zorn der Götter (7c+) von Erfolg gekrönt gewesen. Im Second Go hatte ich die härtesten Moves bereits ausgeführt und fühlte mich noch gut im Saft. Doch plötzlich und komplett unerwartet zippte mir die Hand von der etwas sloprigen Leiste - dryfire! Nach dem Sturz kletterte ich umgehend weiter, nochmals durch die Crux hindurch und bis zum Umlenker. Schade! Weil Heiligabend war und wir schon beinahe daheim erwartet wurden, blieb leider keine Zeit für einen weiteren Angriff. Auch hier wartet also bereits eine Aufgabe fürs nächste Mal.

Auch im Tessin ist der Himmel einmal (ganz unerwartet und entgegen der Prognosen) grau. Das wäre an sich in diesem überhängenden Sektor kein allzu grosses Problem, wäre nicht die Feuchtigkeit auf dem Fels kondensiert. Zum Glück ging's nicht allzu lange und man konnte wieder wie gewohnt angreifen.

Zorn der Götter (7c+) bzw. eher die daneben liegende Occidente (7a+). At least we tried... and did pretty well.

Mittwoch, 7. Februar 2018

Tessin 1/2018

Am Weekend waren auf der Alpennordseite Kälte und Wolken angesagt. Anstelle von einem Trip in den Schnee schienen uns die sonnengewärmten Tessiner Felsen attraktiver. Und wie immer kehren wir beglückt und mit einem reichen Strauss an Erlebnissen nach Hause zurück. Zum Mix gehören dieses Mal erfolgreiches Sportklettern und eine Neutour in Claro, eine MSL-Route in Ponte Brolla, Bouldern in Arcegno und zum Schluss noch etwas weniger erfolgreiches Finger verbiegen am Balladrum. Doch im Einzelnen...

Aaaahhhh! Klettern an sonnengewärmtem Tessiner Gneis anfangs Februar 2018 - Route Wim (6 SL, 5a+) in Ponte Brolla.
Während sich mein Projekt in Claro vor Weihnachten 2017 schon bei der Anfahrt heftig gewehrt hatte, entfiel diese erste Schlüsselstelle diesmal. Von den reichlichen Schneefällem im Dezember war damals nämlich die Strasse heimtückisch mit Schnee und Eis bedeckt, was uns gezwungenermassen einen verlängerten Anmarsch bescherte. Ob mir das die Kräfte raubte und mich zum Rauskippen am letzten schweren Move führte?!? Wohl eher nein, bei den bouldrig-schwierigen Moves in der Black Brothers (8a+) muss einfach jede Bewegung perfekt sitzen. Nun waren bereits wieder 6 Wochen vergangen... sämtliche grossen und kleinen Tricks hatte ich mir damals noch vor Ort auf ein Audio-File gesprochen. Die Frage war jedoch, ob ich das einerseits so quasi 'ab Band' würde umsetzen können, andererseits ob denn auch die Form noch gleich gut wie damals passte. Die kurze Antwort lautet ja, in meinem dritten Go des Tages konnte ich mir dieses Mal das wohl kurze, aber sehr technisch-bouldrige Testpiece sichern.

Throwback zu den Ereignissen im Dezember 2017. Tückisch vereiste Spurrinnen und mühsamer Schnee daneben machten damals schon die Anfahrt zum Projekt in Claro zur ersten Crux. Naja, laufen statt fahren war dann eben die Devise, wobei Steigeisen gar nicht so unpraktisch gewesen wären.
Die Bohrmaschine hat man am Fels ja meist nicht einfach aus Zufall dabei - nein, so war's natürlich nicht. Schon in der Vergangenheit hatte ich das Potenzial erspäht, mit bzw. für die Kinder und sonst weniger Versierte noch eine kurze Route an diesen Felsen einbohren zu können. Das zahlte sich dieses Mal umso mehr aus: die Bedingungen in Claro schwanken derzeit zwischen perfekt und unmöglich. Konkret waren ca. die Hälfte der Routen bei unserem Erscheinen mit Eiszapfen überzogen, so dass man sie wenn schon, denn schon Mixed hätte angehen müssen. Im Laufe des Tages mit der wärmer und wärmer erstrahlenden Sonne krachten diese Gebilde dann aber tosend in die Tiefe - logischerweise waren die betroffenen Routen 'non practicabile'. Unsere Projekte sowie auch die geplante Neutour links von Carolaina waren davon jedoch nicht betroffen und in perfectly crisp conditions. So konnten wir in gemeinschaftlicher Familienarbeit die Jaraguri (6a) einbohren und dann auch punkten.

Inzwischen haben Regen und Wärme ganze Arbeit geleistet und Schnee ist weit und breit keiner mehr in Sicht. Also geht die Barriere dieses Mal auf (gegen Einwurf von 10 CHF in Münzen, wohlverstanden). Erwähnt sei, dass die Barriere im Dezember auch kein Hindernis war. Nur wurden die Strassenverhältnisse mit jedem Meter Abstand von der Barriere prekärer und prekärer.
Für den Folgetag wollten wir die Kinder das Klettermenü bestimmen lassen - unter der Nebenbedingung, dass auch für Mama und Papa noch 3 Versuche in Sportkletterrouten drin liegen würden. Alle Wünsche zu erfüllen führte uns zu einer kleinen Safari durchs Locarnese. Der Auftakt dabei am Rovine del Castelliere in Ponte Brolla. Zusammen mit der Tochter kletterte ich die im Plaisir Seléction aufgeführte Wim (6 SL, 5a+, 4c obl.). Diese führt als eine der wenigen Routen bis ganz zum Gipfel und bietet lässige Kletterei im ortstypischen Gneis. Die ersten 3 Seillängen sind recht steil und auch gar nicht so easy - 5a+ ja meinetwegen, anderswo geht das vielleicht auch als 5c durch. Selbstredend spielte das für uns keine Rolle, diese Schwierigkeiten haben wir an beiden Seilenden im Griff. Unterwegs, und vor allem in den oberen drei, etwas plattig-flacheren, einfacheren Seillängen mit ein paar kniffligeren Einzelstellen schweiften die Blicke immer wieder auf die Wände vis-à-vis. Nein, heute war es noch zu früh in der Saison für DEN PLAN... aber vielleicht schön bei der nächsten Reise ins Tessin, wer weiss?!?


Zum ersten Mal nach langen Jahren stieg ich also tatsächlich auf den Gipfel des Rovine del Castelliere aus. Vom Ende der Route geht's erst noch etwas aufwärts auf Wegspuren, bis man zum Gipfel mit dem prähistorischen Kastell kommt, welches derzeit restauriert wird. Von dort kann man auf markierten Bergwegen nach Tegna absteigen. Entweder via Forcola (Wegweiser) oder unsere Variante, direkt hinunter durch die Südflanke und zuletzt durch die breite Schlucht, welche von der Forcola nach Tegna zieht. Und wie so oft hat es sich sehr gelohnt, wieder einmal neue Pfade zu beschreiten, tatsächlich haben wir auf diesem Abstieg noch einen gut gehüteten Schatz entdeckt - "wenn wäisch wani mein...!?!". Von unten kommend ist der Beginn vom Pfad übrigens nicht leicht zu finden. Dort wo's zum Campo Sportivo hinuntergeht zwischen den Häusern durch, einen Block nach links et voilà.

Die finalen Moves in der Wim (6 SL, 5a+) kurz vor dem flachen Gipfel des Rovine del Castelliere.

Nach diesem Auftakt ging's noch nach Arcegno zum Bouldern. Für Hardmover gibt's hier im Vergleich zu anderen Tessiner Gebieten nicht extrem viel zu holen, aber für Kinder ist's absolut perfekt. Zuletzt liessen wir das Weekend dann bei perfektem Panorama und mildem Sonnenschein an den Felsen vom Balladrum ausklingen. Hier waren wir schon vor ein paar Jahren vorbeigekommen, damals noch mit dem Kinderwagen. An jenem Tag waren mir fast alle Routen gelungen. Ausstehend war einzig noch der Frosch (8a). Doch dieser hüpfte mir erneut davon. Die Route ist zwar nur 10m kurz, aber dafür umso intensiver. Hier gilt es bei aktuer Trittarmut, kleine, extrem scharfe Leisten ohne Rücksicht auf Verluste an Haut und Gelenken zu riegeln. Irgendwie 'not my cup of tea', bzw. für meine Gewichtsklasse ganz generell ein suboptimales Projekt - so schön der Platz über dem Lago Maggiore auch ist, vermutlich werde ich nicht allzu bald zurückkommen, um den Frosch zu bändigen - da gibt's im Ticino noch manch anderes Projekt, welches mich wesentlich mehr begeistert und wo wir hoffentlich schon bald wieder Hand anlegen können :-)

Arcegno Bouldering. Ein gutes Topo findet man hier: klick!

Dienstag, 21. März 2017

Ticino once again...

Am Freitagabend schaute ich zusammen mit den Kindern wie so oft SRF Meteo. Schliesslich galt es, langsam aber sicher zur Besprechung des Wochenendprogramms zu kommen. Ganz aufmerksam fiel das Fazit von meinem Sohn aus: "bei uns schifft es, im Tessin scheint die Sonne. Komm, wir gehen nach Ponte Brolla zwei Tage in die Ferien". Äh ja genau, ziemlich genau so hatte ich mir das vorgestellt! Gut hatten wir anlässlich dieses Fernsehprogramms immer wieder die Geografie der Schweiz geübt. Es ist doch ziemlich bemerkenswert, wenn ein 6-Jähriger beim Meteo komplett selbständig zu einem solchen Fazit kommt. Scheint mir, dass gewisse Charakterzüge meinerseits ziemlich ausgeprägt vererbt wurden.

Noch offene Fragen zum Weekend-Programm? Screenshot von SRF Meteo mit dem Bericht fürs Weekend.
Stellt sich noch die Frage, ob es nicht langweilig wird, schon wieder am selben Ort zu klettern. Aber nein. Die Kinder schätzen sowieso die Routine und die ihnen bereits bekannten Plätze und für mich gibt's im Ostsektor auch noch eine Menge zu tun. Was gibt es besseres, als mit einer motivierten Familie an solche Orte reisen zu können und dabei auch noch sportliche Herausforderungen annehmen zu können. So wird es vermutlich nachvollziehbar, dass ich aktuell ziemlich im Sportkletter-Groove bin. Sich eine lässige Route zu suchen, wo man alles geben muss, um eine Chance zu haben und der Durchstieg nur gelingt, wenn alles perfekt passt, das ist doch echter Fun. 

Rein nominell war ich dieses Mal längst nicht mehr so erfolgreich wie am Weekend zuvor. Das war natürlich auch so zu erwarten und hochzufrieden bin ich trotzdem. Als erstes Ziel stand die Primo Stazione in Ticino (7c) auf dem Programm. Eine lässige Kletterei, welche in einer überhängenden Verschneidung startet und dann in sehr technischer Wandkletterei zum Umlenker führt. Beim ersten Kontakt hatte sich das noch sehr schwierig angefühlt. Es gibt zwar für die Finger einige passable Leisten, jedoch herrscht nur ein schmales Angebot an meist kleinen und rutschigen Tritten vor. Aber als ich dann etwas Zutrauen gefasst hatte, gelang der Durchstieg doch erstaunlich mühelos. So richtig schwierig ist eigentlich nur die Stelle unmittelbar nach Verlassen der Verschneidung, der Rest geht gut, wenn man einmal weiss wie. Und sonderlich pumpig ist es halt nicht.

"Mir stiiged es paar Route vor und ihr chönd euis sichere!". Wer kann seinen Kindern diesen Wunsch ausschlagen... Unschlagbar war dann der Ausspruch beim Klettern "Mann, ich ha tami Seilzug!". Ein kleiner Tipp an alle Eltern (und solche die es werden wollen): man sei sich der Vorbildwirkung seiner Worte stets bewusst ;-)
Insgeheim aspirierte ich auch auf die Fortsetzung Duro Stazione in Ticino (8b). Die Moves über den Zwischenstand hinweg lösen sich dank einem aufgebohrten Griff als machbar auf und man gelangt zum Abschlussdächli. Hier hat man dann einen üblen, seifigen Sloper zu bedienen um dynamisch an einen aufgebohrten Schlitz zu ziehen, von wo das Erreichen des Tops Formsache wäre. Irgendwie ein bisschen unschön - mich hat es schliesslich nicht motiviert und das Projekt wurde zurückgestellt. Also auf in die Schattenjagd (8a), einen der grossen Sportkletterklassiker der Schweiz. Es gilt, sich an einer überhängenden Kante mit vielen rund-rutschigen Griffen, Hooks und meist schlechten Tritten in die Höhe zu schaffen. Es besteht Optimierungspotenzial ohne Ende, scheinbar soll man sogar 3 No-Hand-Rests einbauen können, wovon ich jedoch bei meinen ersten beiden Versuchen keinen einzigen selbständig auffinden konnte. Insgesamt aber ein genialer Challenge, hier werde ich mich mit Garantie wieder versuchen.

Am nächsten Tag war dann bereits Sommer, d.h. die Temperaturen stiegen noch vor dem astronomischen Frühlingsbeginn über 25 Grad. Klar, im Ostsektor liess es sich immer noch prima klettern, für Begehungen am Limit war es aber tatsächlich schon beinahe zu warm. So sicherte ich mir die La Rosa (7b), welche ein paar geniale, bouldrig-pressige Moves bereithält, für den Grad jedoch alles andere als einfach zu bezeichnen ist. In der Schattenjagd noch den roten Punkt zu holen war dann komplett utopisch, also gab's noch etwas Genuss und das Puzzlespiel im Zorn der Götter (7c+). Wow, das ist echt auch eine Perle. Griffig-steiles Ausdauergelände mit einer mittigen Bouldersequenz an Leisten und Slopern und einem heiklen Ausstiegsboulder, wo Knieklemmer, Hooks und alle möglichen Tricks eingesetzt werden wollen. Somit habe ich nun gleich 2 offene Projekte in Ponte Brolla. Aber spätestens in zwei Wochen am 1. April, wenn das Grotto America gleich unter den Felsen öffnet, müssen wir wieder hin - sagen jedenfalls die beiden minderjährigen Programmverantwortlichen in unserer Familie :-)

Montag, 13. März 2017

Double Rig Day

Über 100mm Niederschlag und damit die Menge eines durchschnittlichen Monats waren während der Woche in der Ostschweiz gefallen. Da fragte man(n) sich doch glatt, wie und wo man am Weekend den Kindern, der Frau und auch sich selbst ein tolles Klettererlebnis gönnen könnte. Gefragt war nicht nur ein garantiert genügend trockenes Stück Fels mit attraktivem Angebot in den entsprechenden Schwierigkeiten, sondern auch eine Exposition abseits der mit 17 Grad (für Sportkletterer-Wahrnehmung) bereits sengenden Sonne.

Wie ich es auch drehte und wendete, die beste Lösung schien mir schliesslich im Tessin zu liegen. Geografisch zwar nicht gerade am nächsten liegend und irgendwie bietet es sich einfach noch etwas mehr an, wenn es im Norden schüttet und jenseits des Gotthard die Sonne scheint. Auch in der Südschweiz hatte es vor Wochenfrist noch heftig geregnet, aber einige Tage mit Nordföhn und bemerkenswert tiefen, teilweise nur einstelligen Werten bei der relativen Luftfeuchtigkeit hatten dem drückenden Wasser bereits den Garaus gemacht. Darüber hinaus versprach die Wetterlage auch noch perfekten Grip und ideale Temperaturen. Also auf zum Playground Ponte Brolla. Bereits über Weihnachten-Neujahr hatte ich von gleichtägiger MSL-Kletterei mit den Kindern und dem Punkten von 8a-Routen im Ostsektor geschrieben. Die Kinder waren fiebrig auf das Wiederholen der damaligen Erlebnisse, mir ging es aus naheliegenden Gründen genau gleich. Schliesslich hatte ich daselbst noch einige durchstiegsreife Projekte in Petto...

Mama klettert sooo langsam - Zeit für ein paar Faxen!
Und es klappte sogar! Mit der Placca Nera Direkt und der H39? konnte ich sogar gleich zwei Routen in diesem Grad buchen, dies erst noch am selben Tag. Gut möglich, dass dies lebenslang nominell meine Bestleistung bleiben wird. Allerdings muss man etwas relativieren: erstens verläuft der Beginn der Cruxsequenz für beide Routen gemeinsam an einem überhängenden Wändchen mit ein paar flachen, horizontalen Fingerleisten - absolutes Lieblingsgelände für mich, der persönliche Liegefaktor sicherlich sehr hoch. Bei der Placca Nera Direkt gelangt man nach diesen kräftigen Leistenzügen direkt in den Crux-Dynamo der Placca Nera (7c). Bei der H39? kämpft man sich dagegen anhaltend-ausdauernd linkshaltend an weiteren Leisten hoch, um schliesslich noch ordentlich gepumpt die technische Crux der Schwer & Länger (7a+) sowie deren Abschlussdächli zu meistern. Auf allerletzter Reserve gelang mir dieser Durchstieg und somit konnten wir uns frohen Mutes dem vergnüglichen Plattenklettern und dem Ausbouldern des nächsten Projekts widmen :-) Auch wenn sich die Reise in den Süden dieses Mal rein wettertechnisch nicht absolut aufgedrängt hatte, so war sie in jeder Hinsicht ein voller Erfolg und höchste Zufriedenheit rundherum war garantiert.

Rückblick auf die Geschehnisse vom Weekend.

Sonntag, 1. Januar 2017

Neujahrsgrüsse aus dem Tessin

Wenn ich auf meinen aktuellen Facebook-Feed oder den Instagram-Account schaue, dann sollte man momentan in Südtirol am Eisklettern sein, durch irgendwelche österreichischen Nordwände kraxeln und selbst wenn's nur um Sportklettern geht, so wären Spanien, Leonidio oder gar Thailand die angesagten Destinationen. Aber nix da, mit Familie ist es unvorstellbar, quer durch die Alpen oder über noch weitere Distanzen den aktuellen Hotspots hinterherzureisen. So gibt's denn nur einen kurzen Trip ins Tessin.

Eigentlich gibt's von diesem auch gar nicht so viel zu erwähnen. Mit Frühstück, Plattenklettern, Sportklettern, Nachtessen und Locarno on Ice sind unsere Tage voll, aber selbst für kletternde Dritte wohl nur mässig spektakulär ausgefüllt. Die Klettergebiete sind meist wohlbekannt - ok, der Ostsektor in Ponte Brolla ist so gut wie eh und je, zurzeit fast unbesucht und der Grip ist prima. Claro, wo man Routen einmaliger Güte wie Apnea (8a) oder Teresa ciapa la presa (7a+) klettert - da könnte man auch dreimal um die Welt, zum Mond und zurück fliegen, viel besseres wird man eh kaum finden. Die langen, leistenlastigen, ausdauernden Wandklettereien am El Cat, auf einer Sonnenterrasse über Brontallo, prima! Das einzige, was jetzt nicht so uneingeschränkt der Hit war, ist der Sektor Red Island in Someo. Die Klettereien wären an sich auch nicht so übel, aber leider sind sie stark unternutzt - bisschen staubig, teils brösmeliger Fels und viele Dornenbüsche. Tja, und nun fördere ich die weitergehende Unternutzung auch noch, paradoxer geht's kaum.

Apnea (8a) in Claro - oder ämel fascht.
Anyway, der Hauptgrund für diesen Eintrag ist eine doch reichlich ungewöhnliche Première in meinem Kletterleben. An diesem Tag habe ich sowohl eine 8a im Klettergarten punkten können, wie auch noch eine 6-SL-Tour mit meiner Familie geklettert. Ist das spektakulär, erwähnenswert?!? Ich weiss es auch nicht wirklich, vermutlich ja eher nicht, irgendwie ist's auch beinahe wie der normale Alltag in unserer Kletterfamilie. Trotzdem, vor 10 Jahren erschienen mir persönlich beide Erlebnisse unvorstellbar - weder konnte ich den achten Franzosengrad klettern, noch hatte ich Kinder. Wenn ich in einem stillen Moment so darüber nachdenke, dann war das schon ein "pretty darn good day"! Facebook hin, Instagram her, eigentlich muss ich so gar nicht mehr überlegen, ob jetzt in irgendwelchen Nordwänden, in Patagonien oder unter richtig südlicher Sonne noch mehr zu holen wäre. Man geniesse doch einfach, was man hat! In diesem Sinne, alles Gute im 2017!

Achtung, fertig, los!

Mittwoch, 30. März 2016

Ponte Brolla: Waldbrand / Forest Fire / Incendio di Bosco

Am Karfreitag 2016 hat sich am Rovine del Castelliere in Ponte Brolla ein Waldbrand ereignet, welcher sämtliche, sehr beliebten Klettersektoren an diesem Berg betrifft. Gemäss Medienberichten hatte ein 25-Jähriger Schweizer den Brand ausgelöst, indem er nach dem Verrichten seiner Notdurft seine Spuren mittels einem Feuer beseitigen wollte, welches jedoch ausser Kontrolle geriet. Der Brand brachte auch diverse Kletterer in Bedrängnis, welchen kurzzeitig der Fluchtweg abgeschnitten war. Dies löste sich zum Glück in Minne und ohne Personenschäden auf. Die Folge war aber dennoch ein mehrtägiger Löscheinsatz mit Helikopter, Feuerwehr und Pipapo, als Konsequenz waren sämtliche Sektoren am Berg von der Placca di Tegna bis zum steilen Ostsektor für einige Zeit gesperrt.

Update vom 14. Mai 2016: ALLE KLETTERSEKTOREN in PONTE BROLLA sind wieder OFFEN und für den Klettersport zugänglich. Die Geb Spez der Schweizer Armee haben Ende April 2016 das Gelände oberhalb der Kletterrouten soweit möglich von losen Steinen und herumliegendem Holz gereinigt. Eine Garantie, dass keine Steine oder sonstiges Material fallen, gibt's aber natürlich weder hier noch sonstwo am Fels.

English Summary

On Easter 2016, a climber lighted a fire at the crag of Ponte Brolla which subsequently got out of control and developed into a large forest fire. Even some climbers at the scene got in trouble, as they first could not escape anymore. The situation cleared without persons being harmed, but heavy (and expensive) action over a few days from the fire brigades including several helicopters was required to keep the fire under control. Due to safety concerns, all climbing sectors in Ponte Brolla were shut down for a longer period. In the meantime (as of May 3, 2016) they are open again, and there remain no further restrictions to climbing at Ponte Brolla.

Please note that there is a major risk for forest fires in the Swiss mountains, especially so in Ticino. Unfortunately, it is not difficult to spot traces of illegal fireplaces at the foot of most crags in Ticino - sound evidence to the authorities that the climbing folks do not stick to the fire rules and potentially also engage in illegal wild camping at the foot of the cliffs. As not everybody in these areas is overly amused about the constant stream of visitors (that in their eyes just create chaos and do spend little money in the area), there is always a threat that some of these world-class areas will be closed for climbing. Please keep as low profile as possible, sleep only on official campgrounds, do not violate any traffic bans and do not light fires except at official fireplaces, and never at the base of our crags!

Italiano

Un incendio di bosco è divampato nel primo pomeriggio di Pasqua a Ponte Brolla nei pressi della parete di arrampicata e sono rimasti bloccati dalle fiamme diversi scalatori. Sono una cinquantina le persone ad essere state tratte in salvo dagli uomini del SAS. La REGA ha perlustrato la zona per accertarsi che non vi fossero altre persone nel bosco in fiamme.

L'origine del rogo ha divorato diversi ettari di bosco e ha impegnato i pompieri di Locarno e della Melezza per due giorni. Per ragioni di sicurezza tutti gli settori di arrampicata erano stati chiusi per un periodo più lungo. Nel frattempo (3 maggio 2016) sono stati riaperti.Ê stato fermato un 25enne confederato che dopo l'interrogatorio della polizia ha confermato di essere l'autore dell'incendio. A detta del giovane il fuoco è sfuggito al suo controllo in modo accidentale dopo aver cercato di cancellare le tracce die bisogni che aveva espletato dando fuoco alla carta che aveva usato per pulirsi. Il giovane è indagato per incendio colposo.

Esiste un elevato pericolo d'incendio in tutta la Svizzera, ma soprattutto in Ticino, e di conseguenza un divieto assoluto di accendere fuochi all’aperto. È di grande importanza rispettare questo divieto e tenere gli occhi aperti per evitare di perdere ettari di bosco e bellissime pareti di arrampicata. Chi vuole assolutamente fare la griglia faccia uso delle aree attrezzate per grigliate!

Auftakt zu Ostern 2016: da war die Welt noch in Ordnung, die Palmen noch grün und nicht verkohlt...
Beitrag auf Deutsch

Ob es sich beim Verursacher um einen Kletterer handelt, konnte ich zwar nicht mit Sicherheit in Erfahrung bringen. Aber wer sonst treibt sich dort im Gebüsch herum und wird bei seinem Handeln auch noch von Zeugen beobachtet?!? Da muss man sich wohl nur 1 und 1 zusammenreimen. Bleibt zu hoffen, dass die Geschichte ohne langfristig negative Folgen für uns Kletterer ausgeht. Die ganzjährig bekletterbaren Plaisir-Sektoren auf der Südseite sowie das beliebte Sportklettergebiet an der Ostflanke wären jedenfalls ein herber Verlust.

So präsentierte sich die Lage dann wenig später. Bild: laregione.ch
Was mich betrübt ist die Tatsache, dass leider in ziemlich allen Tessiner Gebieten Feuerstellen zu finden sind. In Russo gibt's welche, in Cevio liegt angekohltes Holz herum, in Cresciano und Claro dasselbe, undsoweiter. Dabei sollte eigentlich klar sein, dass man im notorisch für Waldbrände gefährlichen Tessin keine offenen Feuer abseits von offiziellen Feuerstellen entfacht. So steht's auch sogar im Kletterführer, wenn man sich denn die Zeit nehmen würde, um auch einmal die Worte vor den ersten Topos zu studieren. Leider sind wir Kletterer als Gruppe hier ziemlich exponiert: wer sonst entfacht am Fuss der teils abgelegenen Felswände sonst ein Feuer, welches zudem auch als Hinweis auf ebenso illegale Übernachtungs-Aktivitäten gelesen werden kann?!? Zudem sind wir auch sehr einfach zu treffen, da wir sehr standortgebunden sind und ein Kletterverbot für uns sehr einschneidend ist. Qualitativ gute Felsen sind ja leider ein rares Gut,..

Und das ist die Folge davon: die Klettergebiete sind "bis auf weiteres" geschlossen. Grrr...!
Nicht nur im Tessin ist das Entfachen von Feuern in und um Klettergärten wegen der Waldbrandgefahr als kritisch zu sehen. Wer etwas über den Tellerrand hinausblickt erkennt sofort, dass dies in allen ökologisch sensiblen Gebieten ein Problem darstellt. So nimmt z.B. der Kletterkodex Basler Jura hier auch eindeutig Stellung: "Ich mache Feuer nur bei eingerichteten Feuerstellen. Jede neue Feuerstelle zerstört den Boden auf Jahre hinaus". Wer unbedingt eine Wurst bräteln will, um zu seinen Proteinen zu kommen oder um sein Outdoor-Erlebnis zu vergolden, der halte sich doch bitte an offizielle Feuerstellen, oder entferne sich bitte grosszügig von der sensiblen Zone des Einstiegsbereichs, damit die Problematik wenigstens nicht direkt den Kletterern angelastet werden kann.