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Dienstag, 3. September 2019

Pizzo Frachiccio - Forza Bregaglia (6b)

Auf zu einem weiteren Abenteuer im Bergell. Schon das dritte Mal in Folge starten wir unseren Sommertrip hier. Das hat mannigfaltige Gründe: erstens herrschte beim Aufbruch immer top Wetter, so dass wir die schönen Tage nicht mit weiten Autofahrten verbringen mochten. Zweitens sind die granitige Kletterei und das alpine Ambiente einfach grandios, für uns aber doch ausserhalb vom Bereich für Tagestouren. Diese Mal wollen wir es mit einer 2017 durch die Lokalmatadoren Guido Lisignoli und Bernhard Falett neu erschlossenen Route probieren. Wie erwartet kriegt man beste Bergeller Kletterei mit ein paar fordernden Plattenpassagen geboten.

Sicht von der Albignahütte auf den gewaltigen Pizzo Frachiccio, an dessen P.2622 sich die Route befindet.
Gewitter mahnen uns an diesem Tag zu einem frühem Aufbruch, so dass wir bereits um 7.45 Uhr die Albignabahn nehmen (Betrieb wäre ab 7.00 Uhr). Der Zustieg über den Cacciabellaweg kostete uns genau die auf dem Topo verzeichneten 40 Minuten. Der Einstieg befindet sich tatsächlich am tiefsten Punkt vom Fels direkt am Weg. Derzeit ist der Routenname mit roter Farbe angeschrieben, aber vermutlich wird diese nicht ewig halten. Nach den üblichen Vorbereitungen geht's um 8.45 Uhr bei blauem Himmel und angenehmen Temperaturen los.

Ambiente beim Wärterhaus am Albigna-Stausee, grandios! Der Pizzo Frachiccio am rechten Bildrand schon besonnt.
L1, 6b: Eine währschafte Knallerplatte wie sie im Buche steht! Der Auftakt zum hoch steckenden ersten BH ist noch trivial. Doch dann nehmen die Schwierigkeiten stetig zu, spätestens dort, wo der grosse Linksbogen beginnt, kann man die Sache als äusserst knifflig bezeichnen. Und dann, wenn die Moves an der äussersten Abrutschgrenze gelungen sind, stellt man am letzten BH fest, dass es zum Stand hin nochmals einen Tick steiler und schwieriger wird. Doch irgendwie ging dann selbst das! Die Absicherung im oberen, schwierigen Teil ist gut, aber (insbesondere wegen dem querenden Verlauf) komplett zwingend. Nachdem ich am Stand ein wenig mein Mütchen gekühlt hatte, kommt die Tochter nach. Unglaublich, wie gut sie auf den Füssen steht, es scheint mühelos zu gehen. Ihr lapidarer Kommentar: "Papi, hast du das jetzt echt so schwierig gefunden, wie es ausgesehen hat?". Ähm, haben wir das nicht schon einmal gehört?!?

Im Bild die veritable Knallerplatte von L1 (6b) - fordernd und im oberen Teil sehr anhaltend!
L2, 6b: Nein, einfacher wird es nicht. Die Steilzone gleich nach dem Stand hält einen kniffligen Boulder auf Lager. Zwei kleine Crimps heftig blockieren, auf nichts antreten und dann gefühlvoll manteln. Die Plattenstelle danach ist auch nicht von schlechten Eltern, bei Nichtbeherrschung wäre man zurück auf Feld 1. Danach wirs es dann etwas einfacher, der Fels hält coole Wasserlöcher bereit. Dann noch ein Aufschwung und Stand.

Da sind die bouldrigen Auftaktschwierigkeiten in L2 (6b) bereits gemeistert, die Platte ist etwas einfacher als in L1.
L3, 6b: Gleich nochmals ein heftiger Plattenboulder nach dem Stand. Durchaus morpho, mir ging der recht gut und es war für mich die einfachste der 6b's. Für Larina war die Stelle hingegen nicht frei kletterbar. Der Rest der Seillänge bietet dann deutlich geringere Schwierigkeiten, zuletzt übers Grasband zu Stand.

L4, 5a: Einfaches Überführungsstück, das sich die felsigen Passagen sucht. Erst eher linkshaltend, bevor man dann nach dem vierten BH den Stand sehr deutlich rechts suchen muss. Für Verwirrung kann auch eine alte Route (wohl die 'Annamaria'?!?) sorgen, deren Verlauf man hier berührt. Aber einfach den alten Grümpel ignorieren und die schönen Inoxbolts suchen!

Der Mittelteil der Route ist im Rückblick nicht so fotogen, da sich die Stände auf bequemen Jardins befinden. So zeigen wir an dieser Stelle nochmals ein Bild aus dem Zustieg. Aus dieser Perspektive hat der P.2622 des Pizzo Frachiccio schon richtig Schwung und wirkt auch als eigenständiger Gipfel, obwohl er eigentlich nur eine Nebenerhebung ist. Nun ja, für uns Kletterer ist dies ja alles sowieso nicht so wichtig, solange tolle Moves warten.
L5, 5c: Während die schwierigen Einstiegslängen über knapp strukturierten, hellen und sauberen Fels führen, ist der Charakter hier anders. Der Fels ist dunkel, mit griffigen Schuppen versehen, dafür auch etwas flechtig. Die Kletterei ist aber absolut genussreich, ideal kann man hier in die Höhe turnen.

L6, 5c: Mit ähnlichem Charakter wie in der Länge zuvor geht's hier in die Höhe. Die Bohrhaken sind nicht entlang der grössten Schuppe zu suchen, sondern rechts davon, wo das Gelände noch griffiger ist. Zuletzt geht's dann über einen steilen Riss auf den Turm, den Frachiccio Spire.

Schöne, für den oberen Teil der Route typische, griffige Schuppenkletterei in L6 (5c)
L7, 6a: Nochmals etwas höhere Schwierigkeiten auf einer von einem seichten Riss durchzogenen Platte, welche sonst kaum (gute) Griffe aufweist. Die Herausforderungen liegen eher im ersten Teil der Länge, oben raus wird es einfacher.

Ankunft auf dem Frachiccio Spire, hinten die Staumauer. Die Bahn endet etwas unterhalb der Staumauer.
L8, 5b: Auf der Kante und teils sogar links davon klettert man auf dieser gemutlichen Abschlusslänge in die Höhe. Die Route endet rund 50m unter dem Grat, welcher über einfaches Schrofengelände erreicht werden könnte (um dann rückseitig die Abseilstellen der Via Kaspar zu nutzen).

Victory! Das Routenende ist erreicht, es beginnt bereits rundherum zu quellen. Die Gewitter kamen aber erst in der Nacht.
Nach 3:45h vergnüglicher Kletterei sind wir um 12.30 Uhr am Top. Der für MSL noch nicht wieder ganz einsatzbereite Teil der Familie ist schon wieder auf dem Rückweg von der Wanderung zur Albignahütte, somit halten auch wir uns nicht lange auf und fädeln die Seile in den Abseilring. Wir verfügen heute über 2x60m, so reicht es gerade in 5 Manövern zum Einstieg (Stände 8-6-5-4-2, Achtung beim Überspringen langt es jeweils nur ganz knapp!). Der Rückweg zur Bahn ist dann Formsache und bald sind wir im Tal. Im nahen Italien gibt's in bereits bekannter und beliebter Bar Gelati und Caffè, bevor sich Kathrin und Jerome noch ein wenig am Sasso del Drago die Finger lang ziehen.

Auf dem Heimweg greift dann der noch nicht MSL-fitte Familienteil noch an.


Facts

Piz Frachiccio - Forza Bregaglia 6b (6b obl.) - 8 SL, 320m - Lisignoli/Quilt/Falett 2017 ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, evtl. kleine bis mittlere Cams z.B. 0.3-1

Tolle Granitkletterei an sonniger Lage in alpinem Ambiente, die aber dank der Albignabahn trotzdem einen kurzen Zustieg aufweist. Geboten werden einem zuerst 3 anspruchsvolle 6b-Seillängen, die sich für Nichtspezialisten in fordernder Reibungskletterei auch eher hart bewertet anfühlen werden. Danach geht's dann etwas gemütlicher und auch griffiger weiter, dafür ist der Fels in den oberen Seillängen etwas flechtig. Die Absicherung mit sinnvoll platzierten Inox-Bohrhaken ist auf Stufe "Plaisir gut". Konkret sind die Schlüsselstellen gut aber anspruchsvoll geboltet, das einfachere Gelände weist etwas weitere Abstände auf. Da die Schwierigkeiten v.a. in der ersten Seillänge sehr anhaltend sind, ist der geforderte Grad zwingend zwischen den Haken zu klettern. In den einfacheren Seillängen könnte man punktuell noch mit kleinen bis mittleren Cams ergänzen. Allzu viele gute Placements gibt's aber nicht und aufgrund der guten Grundabsicherung mit Bohrhaken ist es auch nicht zwingend. Nähere Infos zu den anderen Routen am Berg gibt's im Plaisir Süd oder im SAC-Führer Graubünden. Die Forza Bregaglia ist noch nicht in gedruckter Literatur publiziert, daher unten das hervorragende Topo der Erstbegeher.   

Das super Topo der Erstbegeher. Quelle: campingacquafraggia.com

Donnerstag, 26. Juli 2018

Piz Frachiccio - Schildkröte (6a)

Wunderbares Wetter war zum Ferienauftakt angesagt, zu schade um weit in den Süden oder zum Sportklettern zu fahren. Somit war eine Tour gefragt, welche ein grosses, aber doch geeignetes Ziel für die Familie hergab. Im Plaisir Selection gibt's definitiv das eine oder andere derartige zu finden. Die Wahl fiel schliesslich auf die Schildkröte im Bergell mit ihren 500m an plattiger Granitkletterei. Hier gibt's die volle Dosis an alpinem Ambiente, trotzdem ist der Zustieg relativ kurz und die ganze Tour doch auch von einer gewissen Gutmütigkeit.

Aus dieser Perspektive hat er schon Schwung, der Piz Frachiccio. Über die hier sichtbaren Platten verlaufen die Routen.
Nach einer geruhsamen Nacht im Zelt starteten wir den Tag mit einem gemütlichen Frühstück und nahmen die Bahn um 8.00 Uhr hinauf bis unter die Albigna-Staumauer. Zuerst geht's hinauf zum Wärterhaus, wo man den etwas versteckten und nicht ausgeschilderten Pfad zum Cacciabella-Pass wählt, welcher (zurückhaltend) weiss-blau-weiss markiert ist. Schon bald kommen die Wände des Piz Frachiccio in Sichtweite, der Wanderweg verläuft schliesslich direkt an den Einstiegen der Touren im rechten Sektor (Via Roland, Arcobaleno, Forza Bregaglia, Tetti Neri, Via Kaspar) vorbei. Die Schildkröte liegt noch weiter links, dazu muss zuerst das grosse Couloir gequert werden. Zuerst steigt man an Ketten und Eisenbügeln hinauf (T4), dann traversiert man glattgeschliffene Granitplatten. Vorsicht wegen Steinschlag und im Frühsommer liegt hier noch Schnee, was alpine Gerätschaften unabdingbar machen kann. Wir mussten (Mitte Juli) jedoch nur etwa 3m über Schnee gehen, was problemlos war. 

Zmorgebuffett im grossen Couloir am Piz Frachiccio.
Nach einem kurzen Abstieg erreicht man schliesslich den Start der Schildkröte. Dieser befindet sich etwas links vom tiefsten Punkt der Felsen am linken Sektor. Ein blasser roter Pfeil ist auf ca. 8m über Grund vorhanden, die Bohrhaken sind jedoch eher schwierig auszumachen. Wir hatten es im Aufstieg relativ gemütlich genommen und gerade 1:00h gebraucht (Angabe im Kletterführer 0:45h, das ist realistisch). Um ca. 9.20 Uhr stieg ich schliesslich ein.

Eine Seilschaft schien über längere Zeit im Einstiegsbereich der Schildkröte blockiert. Ich fragte mich warum wohl?!? Von nahem zeigte sich dann, dass das Anklettern des ersten Bohrhakens tatsächlich eine heikle Geschichte war.
L1, 5c+: Der erste Haken steckt ca. 12m off-the-deck nicht eben bodennah und ist auch alles andere als einfach zu erreichen, nachdem sich den Spuren nach zu urteilen ein Ausbruch von ca. 2m x 2m ereignet hat. Somit klettert man eine der nominell schwierigsten Stellen (5c+) noch bevor eine Sicherung eingehängt werden kann. Ein Sturz auf die Schneereste oder das Geröll am Einstieg wäre sicherlich äusserst schmerzhaft. Der Rest von L1 (5c+) läuft dann gut vom Stapel, die Kletterei ist hier definitiv einfacher wie selbst in den 5b-Längen der 'Bruni Chue' am Räterichsbodensee. Nachtrag von September 2023: die erste Seillänge wurde saniert und dabei mit zusätzlichen BH ausgerüstet. Man kann nun 11x einhängen, der Absicherungsstandard ist als "gut+" zu werten, die heiklen Stellen sind entschärft.

Schöne Plattenkletterei in strukturiertem Granit in L1 (5c+).
L2, 5b und L3, 4b: Schön strukturierte Plattenkletterei ohne verrückte Schwierigkeiten, aufregend für die Nachsteiger ist hingegen der ungesicherte 8m-Quergang am Schluss der zweiten Seillänge zum Stand hinüber. Die dritte Länge schien mir nicht wesentlich einfacher wie die zweite (oder umgekehrt). Was man hier definitiv schon merkt: die Routenfindung ist nicht trivial, denn meistens könnte man ziemlich überall durchklettern und wegweisende Bohrhaken hat's nicht allzu viele, zudem sind diese nicht gut sichtbar.

Quergang am Ende von L2 (5b).
L4, 5b: Beginnt zur Abwechslung mit einem griffigen Überhang, dann geht's links die Rampe hinauf und zum grossen Spiegel. Über die eindrückliche Platte führt diagonal nach links hinauf ein erstaunlich einfacher Weg.

L5 bis L8, 4ab: Die nächsten Seillängen lassen sich gut gemeinsam abhandeln. Das Gelände wird nun ein bisschen weniger steil, hier und da klettert man auch am einen oder anderen Grasbüschel vorbei. Der Fels jedoch ist auch hier allererste Sahne: prima Bergeller Granit, gespickt mit Warzen und Noppen, so macht's trotz der geringen Schwierigkeiten grosse Freude. Die relativ kurzen L7 und L8 lassen sich mit 50m-Seil gerade so verbinden, sofern man die Sicherungen grosszügig verlängert und/oder der Strick noch nicht geschrumpft ist.

Die Plattenzone im Mittelteil. Trotz den Grasbüscheln schöne Kletterei!

Top Ambiente am Ende von L8.
L9, 4b: Auf der Kante geht's entlang von griffigen Seitschuppen bei recht weiträumiger Absicherung hinauf. Beim vierten Bohrhaken gilt es, die Abzweigung nach links nicht zu verpassen (ziemlich offensichtlich, der nächste BH links ist gut sichtbar). Nun in leicht absteigender Querung zu Stand in einer Grasrinne, die sich für eine Pause anbietet. In L10 wird die Grasrinne im Gehgelände 20m nach links zur grossen Platte hinüber gequert.

L11, 5b: Nur 5b, aber oho! Die Platte sieht nicht nur eindrücklich glatt aus, sondern klettert sich auch nicht ganz so einfach. Meines Erachtens eine der anspruchsvollsten Längen der Route. Über weite Strecken hilft ein Riss beim Fortkommen, der allerdings auch meist eher rund und nicht so griffig ausgefallen ist. Gesagt sei, dass hier auf 50m Kletterstrecke gerade mal 6 Sicherungspunkte vorhanden sind - wohl die Crux der Route für den Vorsteiger.

Eindrückliche Platte in L11 (5b).
L12, 4b und L13, 6a: Die zwölfte Länge kann man als Überführungsstück zum nächsten Abschnitt bezeichnen. Die Schwierigkeiten sind moderat, der zweite Teil ist sogar etwas grasig. Dafür geht's dann im folgenden, steilen Abschnitt zur Sache. Schon die ersten Meter sind nicht so einfach, dann quert man nach links in die steile, abdrängende Wand. Ein paar griffige Schuppen sind aber vorhanden, kulminieren tut die Sache in einem Überhang. Hier stecken 2 BH in 1m Abstand, notfalls hilft also der Textilgriff, allerdings ist die 6a-Bewertung für die freie Passage hier gutmütig ausgefallen.

L14, 5b: Nun hat man es schon bald geschafft: zuerst ein paar steil-griffige Meter zum Grat hinauf, wo sich nach ein paar einfachen Metern noch ein Boulder an einem überhängenden Gratabsatz in den Weg stellt. Der offizielle Stand befindet sich südseitig am höchsten Punkt des folgenden Gratabschnitts. Es macht jedoch im Gesamtkontext mehr Sinn, nordseitig auf einem Band gleich in die folgende Scharte zu queren und an einem Zacken Stand zu machen, weil dort der Abstiegspfad beginnt.

Um 15.30 Uhr war schliesslich die ganze Familie am Top. Somit hatte die Kletterei ziemlich genau 6:00h in Anspruch genommen, als Viererseilschaft mit den Kindern sicher eine gute Zeit für 14 SL und 500 Klettermeter. Gleichzeitig hiess das aber auch, dass nur noch 1:15h bis zur letzten Fahrt der Albignabahn blieben. Ich war der Meinung, dass dies wohl nicht reichen würde. Mit der nötigen Vorsicht stiegen wir im exponierten T5-Gelände zur Abseilstelle ab, wo man mit 2x25m über steile Felsen in einfaches Gelände gelangt.

Ambiente in der Albigna.
Nun hiess es erst, über die Blockhalde zum Cacciabella-Weg abzusteigen. Es war klar, dass nun ordentlich auf's Gaspedal gedrückt werden musste. Behände sprangen die Kinder über die Blöcke, später ging es dann im Trailrunning-Modus mit etwas Auf und Ab der Bergstation entgegen. Ich war sehr erstaunt darüber, welche Kräfte die Kids mobilisieren konnten und mit welchem Tempo wir unterwegs waren. Natürlich war es vor allem die schlechten Aussichten auf 1000hm zusätzlichen Fussabstieg statt gemutlicher Gondelei, welche hier den Ausschlag gaben. Doch der Effort wurde belohnt: just in time waren wir an der Bahn und konnten bequem zu Tale schweben 😀

Samstag, 31. März 2018

Albigna: Wassersinfonie (5a+) & Torre dal Päl Piccolo (5b)

Ein Nachtrag unserer Chiavenna-Ferien im Sommer 2017, von welchen es ja bereits diverse Tourenberichte gibt (1,2,3). Nachdem wir das Leben in der Capanna da l'Albigna im Rahmen der SRF-Sendung Hüttengeschichten ausgiebig verfolgt hatten, drängte sich ein Besuch in derselben natürlich auf. Wegen dem instabilen Wetter wollten wir auf eine Übernachtung verzichten und setzten auf einen Tagesausflug. Was drängte sich da mehr auf, als den Hüttenzustieg teilweise kletternd via die plattige Wassersinfonie (5 SL, 5a+) zurückzulegen?!? Und da gleich oberhalb der Hütte noch mehr Fels zur Verfügung steht, gab's zum Dessert die Piccolo am Torre dal Päl (6 SL, 5b).

Wunderschöne Bergeller Bergwelt, gesehen von der Staumauer des Albigna-Sees.
Mit der neuen Seilbahn ging's hinauf bis unter die Staumauer und die Installationen der Arte Albigna bestaunend darüber hinweg. Nun auf dem Hüttenweg weiter, bis an offensichtlicher Stelle über einen Trampelpfad durch Kraut und Gebüsch in ein paar Minuten zuerst absteigend und dann wieder leicht aufsteigend zu den Einstiegen der Hüttenplatten traversiert werden kann. Inzwischen stehen auf diesen Platten 3 Routen zur Auswahl, wir wollten uns an die traditionelle Wassersinfonie (5 SL, 5a+) halten. Die Kletterei ist von plattiger Natur, bietet aber trotzdem Abwechslung und ist im rauen Bergeller Granit kurzweilig. Man lasse sich von den tiefen Bewertungen nicht täuschen. Diese sind vergleichsweise hart ausgefallen, die Ansprüche sind deutlich höher wie z.B. in der Fontana di Giovinezza oder der Condotta Libera. Ebenso stecken zwar regelmässig Bohrhaken, dazwischen ist jedoch durchaus Engagement gefragt. Für blutige Anfänger und sanfte Vorstiegsgemüter sind die Anforderungen m.E. zu hoch und die Kinder hätte ich hier auch keinesfalls vorsteigen lassen mögen.

Zupfige Plattenkletterei bei nicht ganz kurzen Hakenabständen in der Wassersinfonie (5a+).

Impressionen aus den Hüttenplatten, hinten der Piz Frachiccio, an welchem sich auch prima klettern lässt. 

Blick vom Top zurück, hinten die Spazzacaldeira, an deren Fuss sich (nicht sichtbar) die Seilbahnstation befindet.
Nun denn, im Nachstieg wurde die Route von der ganzen Familie aber flugs absolviert, das benachbarte Team schaffte in derselben Zeit kaum mehr als eine einzige Seillänge. Bald waren wir am Ausstieg, von wo man in ein paar Minuten die Hüttenterrasse erreicht. Während der eine Teil der Familie vom Mittagsmenü und den Spielmöglichkeiten um die Hütte sehr angetan war, zog ich mit der Tochter noch weiter zum Torre das Päl - von der Hütte ein richtig stolzer Zacken, jedoch trotzdem mit moderaten Schwierigkeiten zugänglich. Zum Einstieg sind's rund 10-15 Minuten. Klettern wollten wir die Route Piccolo (5b), welche entlang der Westkante in die Höhe führt. Was einen in der ersten Seillänge erwartet, war mir a priori nicht ganz klar - in vielen Kletterführern zeigen die Topos eine 6a-Seillänge. Dies ist jedoch irreführend bis falsch. Die einfachste, logische und auch gut abgesicherte Linie über die Einstiegsplatte checkt nur im oberen vierten Grad ein. Von deren Stand erreicht man problemlos (mit BH gesichert) den zunächst einfachen Grat, welchen man über 2 Seillängen verfolgt. Man querst schliesslich ein Couloir (durch welches man auch rückseitig im Schrofengelände zusteigen könnte) und erreicht den Schlussaufschwung.

Blick zum Torre dal Päl vom kleinen See wenig unterhalb der Capanna da l'Albigna. Piccolo führt der linken Kante entlang.

L1 von Piccolo, die logische Variante in der kleinen Verschneidung checkt bei ~4b ein, die Platten daneben sind schwieriger.

In L2 von Piccolo, welche nach der Einstiegsplatte etwas kraxlig zum Grat hinaufführt.
Nun wird die Wand wieder kompakter. Über wunderbar griffiges Gelände im dritten und vierten Grad gelangt man unter die steilere Abschlusspartie. Das luftige Finish befindet sich direkt an der runden Kante und ist mit 5b bewertet. Diese Einstufung ist jedoch deutlich gutmütiger wie die Bewertungen in der Wassersinfonie, zudem stecken die BH hier auch in enger Abfolge. Meine Tochter konnte die ganze Route problemlos in freier Kletterei zügig nachsteigen und erreichte den schmalen Gipfel stolz wie Oskar. Nun galt es nur noch, wieder in die Tiefe zu gelangen. Am effizientesten geht dies mit einem Abseilmanöver über die Südwand (Achtung, 1x50m-Seil ist zu kurz, zwingend 1x60m erforderlich!). Ein Trampelpfad führt dann zurück zur Hütte oder wahlweise auch zum Einstieg. Allerdings verzögerte sich unser Rückweg doch noch ein wenig. Die selbsternannte Kletterratte "musste" am Weg noch die diversen Boulderblöcke bezwingen. Alles in allem also ein höchst gelungener Tag in schöner Berglandschaft mit vielen Klettermetern für Gross und Klein.

Nun bereits im Schlussaufschwung zum Torre dal Päl. Erst eine geneigte und noch sehr gemütliche Seillänge...

...dann schon etwas steiler, dafür sehr griffig...

...und zuletzt das Finish an der runden Kante (5b). Nicht schwierig genug, als dass es nicht für ein paar Faxen reichen würde.
Facts

Hüttenplatten - Wassersinfonie 5a+ (5a obl.) - 5 SL, 150m
Material: 1x50m Seil, 8 Express

Kurze aber verngüngliche Plattenkletterei mit westseitiger Exposition unmittelbar unter der Hütte. Sehr guter Fels und abwechslungsreiche Kletterei machen diese Route lohnend. Die Bewertung ist vergleichsweise hart ausgefallen. Die Absicherung mit BH ist eher auf der knappen Seite und fordert Beherrschung der Schwierigkeiten - für Kindervorstieg und Anfänger weniger geeignet. Mobile Sicherungsmittel lassen sich kaum anbringen.

Torre dal Päl - Piccolo 5b (4a obl.) - 6 SL, 180m
Material: 1x60m Seil, 8 Express

Schöne und gutmütige Kletterei, welche unmittelbar über der Capanna da l'Albigna auf den stolzen Zacken des Piz dal Päl führt. Die Absicherung mit BH ist gut ausgefallen. Die Kletterei ist wenig anhaltend, die 5b-Schlüsselstelle lässt sich A0 entschärfen und dank dem griffigen Gestein darf man von einem gutmütigen Unternehmen sprechen, welches auch für fortgeschrittene Anfänger tauglich ist. Hier und da könnte man mobile Sicherungsmittel einsetzen, was mir jedoch nicht zwingend nötig erscheint.