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Donnerstag, 3. September 2026

Hoch Fulen - Haldigut (7b+)

Acht Jahre zuvor war ich das erste und einzige Mal am Hoch Fulen, um die tolle Annika zu klettern. Nun zwang uns die persistente Hitze erneut in schattige und hoch gelegene Gemäuer, wovon die steile Wand im Urnerland eben eines ist. Mit meinem starken Kletterpartner an der Seite wählten wir die laut dem Extrem Ost 2013 forderndste Route aus, wobei sich diese auf dem Papier mit ähnlichem Anspruch wie die zuletzt gekletterten Touren zeigte. Hier kamen wir aber auf die Welt: ultrakompakt und knapp strukturiert präsentierte sich der Fels, hammerhart waren die Bewertungen - dementsprechend wenig Flow hatte unsere Begehung.

Dieses Wandfoto hatte ich damals bei der Begehung der Annika aufgenommen, wo wir den effizientesten Zustieg noch nicht kannten. Denn wenn man diesen wählt, so kriegt man die Wand nie in ihrem vollen Ausmass zu Gesicht, sondern kommt von links-seitlich her. Auch wenn es kein Qualitätsfoto ist, die Route nicht einmal vollständig drauf Platz hat und der Verlauf ab L7 nur ungefähr ist, für einen Eindruck von Gemäuer und Route reicht es trotzdem.

Unsere Tour begann mit der Bahnfahrt nach Haldi. Günstig, gut und kundenfreundlich lautet das Motto. Derzeit fährt sie schon um 5.55 Uhr das erste Mal, kostet für eine Einfachfahrt nur 4.20 CHF (mit Halbtax) und auch das Bike kann man unkompliziert für 5 CHF transportieren lassen. Letzteres ist als Zustiegsverkürzung und Abstiegsbeschleuniger sehr zu empfehlen. Wären es ab der Bahn mehr als 7km Gehdistanz und über 1000hm Anstieg, so kamen wir mit der Variante Schlepp (d.h. 1 E-Bike und 1 Bio-Bike) in ca. 25 Minuten bis auf 1550m. Ab dort ist der Karrweg zum Stafelalp-Beizli (1789m) sehr schottrig und brutal steil - in unserem Modus hatten wir keine Chance. Alleine auf dem E-Bike ist es für Könner möglicherweise machbar, aber sicherlich am Limit des Fahrbaren. 

Blick von der Bergstation Haldi auf den noch sehr weit entfernten Hoch Fulen (im Bildzentrum).

Wir setzten unseren Weg zu Fuss fort, bis zum Start der Annika am linken Ende der Wand hätten wir ab dem Haldi total 1:20h gebraucht. Für Haldigut heisst es, noch ein rechtes Stück (ca. 80hm) der Wand entlang in losem Geröll hochzusteigen, wofür noch rund 10 weitere Minuten fällig sind. Mit Blick auf die gute Skizze im Extrem Ost war der Start problemlos zu identifizieren, zudem ist die Route auch (verblasst) am Einstieg angeschrieben, ebenso ist die Schlinge in gebohrter SU charakteristisch. Ein wichtiger Hinweis: im Bereich des Einstiegs haben Gewitter das Geröll erodiert. Dabei ist ein tiefer Graben entstanden. Zur Zeit unserer Begehung liess sich der Startpunkt von oben der Wand entlang gerade noch ohne viel Zusatzaufwand und Risiko erreichen. Wenn da aber noch mehr Material weggefressen wird, könnte es problematisch werden. Wie das Foto auf dem Originaltopo zeigt (siehe am Ende des Beitrags), war die Situation zur Zeit der Erschliessung definitiv noch freundlicher. Nachdem wir uns gerüstet hatten, starteten wir um 9.25 Uhr mit der Kletterei.

Wir sind der Sache näher gekommen - die Wand hat schon Schwung und ist richtig steil!

L1, 45m, 12 BH, 7b: Ohne das kleinste bisschen von Aufwärmprogramm geht's gleich in eine richtige Marathon-Seillänge. Schon das Einstiegswändli hinauf zum ersten Dach fordert mehr, wie man sich vielleicht erhofft: der Grip ist nicht so fabulös und es gibt kaum positive Strukturen. Insbesondere ist das Anklettern des ersten Hakens nicht trivial und wegen dem Erosionsgraben bedenklich (man kann nur hoffen, dass im Falle des Falles das Sandührli mit seinem Schnürsenkel hielte). Am Dächli heisst es dann parat sein, fingerkräftig und athletisch geht's an scharfem Fels darüber hinweg. Die folgende Rechtsquerung bietet zum Glück grössere Griffe, bevor es in der folgenden Steilzone wieder zur Sache geht. Es ist unübersichtlich und kräftig, der Fels leicht belagig und nicht mit super Grip - pumpy Stuff! Es folgen ein paar windige Jams an einer Rissspur, bevor die kleingriffige, schwierig zu lesende Rechtsquerung die ultimative Crux darstellt. So gelangt man an die rechte Kante, womit die Hauptschwierigkeiten vorbei wären. Wobei auch diese Kante nicht so einfach zu haben ist, wie man sich vielleicht wünscht... und im Vorstieg aufgrund der Hakenplatzierung eher unangenehm. Das gilt übrigens für die ganze Länge: es ist zweifellos gut gesichert und es gibt keine Runouts, aber die Sache ist zwingend zu klettern und mental fordernd. Und wir merken gleich: die Bewertung ist hart, die 7b+ am Vortag in der Zwischenwelten lief uns deutlich einfacher. Hier kann man deshalb uneingeschränkt für diesen Grad 7b+ plädieren.

Man muss gleich von Anfang an parat sein. L1 (7b im Topo, eher 7b+) ist ein hartes Gerät!

Kompaktissimo ist der Fels! L1 (7b) im Rückblick - gut sichtbar der Erosionsgraben, welcher den Zugang zum Einstieg erschwert.

L2, 25m, 0 BH, 2a: Überführungsstück in unschönem Kraxelgelände bei lottrigem Fels. Es gibt keine fixe Absicherung und Möglichkeiten zum Legen auch keine zuverlässigen. Fehler sind hier absolut nicht erlaubt, Vorsicht!

L3, 25m, 2 BH, 6b: So richtig Vorfreude kommt vor diesem Teilstück nicht auf, denn der Kennerblick lässt schon vermuten, dass es auf einen Eiertanz rauslaufen könnte. Man durchquert eine steile Wand auf einer vagen, schlabbrigen Rampe. Der erste BH steckt im Angesicht des flachen Geländes darunter (zu) hoch - immerhin, richtig schwierig ist es bis dahin nicht. Leider Gottes steckt dieser Bolt dann aber für den Weiterweg trotzdem zu tief. Es folgt eine eierige Sequenz, wo man schliesslich grifflos auf eine nordwandig-glatte, weiss-flechtige Slab mantelt und sich zumindest einem unangenehmen Sturz ausgesetzt sieht, bzw. schon fast wieder Bodenkontakt aus 10m Höhe zu befürchten hat. Hat man geklippt, ist der öttelige Ausstieg ins schrofige Kraxelgelände schwierig und dann folgt noch so viel Lotterterrain bis zum Stand, dass ein Sturz wohl tödlich enden würde. Wobei zu sagen ist, dass dort laut dem Originaltopo nochmals ein BH stecken müsste. Leider hatten wir dieses Schriftstück auf der Tour nicht greifbar und haben den Bolt nicht gesehen, bzw. gesucht und gefunden.

Die Absicherung der abschüssigen Rampe in L2 (6b) sieht auf dem Foto besser aus, als sie im Gelände ist.

L4, 30m, 10 BH, 7a: Eine tolle, aber komplexe Seillänge mit verzwickter Linienführung, anhaltenden Schwierigkeiten und finalem Abwerfer. Schon gleich aus dem Stand raus geht's fordernd bei knappem Trittangebot, bevor man ein paar Meter vergleichsweise kommod gewinnt. In etwa bis zu dem Punkt, wo der nächste Haken zwar in direkter Linie nicht sehr weit entfernt ist, aber trotzdem sicher 10 Klettermeter nötig sind, um ihn zu klippen. Die Strukturen leiten einen (sehr weit) nach rechts, wo man dann die 2-3m Höhengewinn macht und tatsächlich gut wieder zurück kommt - wir vermuten, dass dieser Umweg tatsächlich die angedachte Linie ist. Weiter geht's dann bis zu dem Punkt, wo die Erschliesser gerne gerade hinauf geklettert wären, jedoch angebrannt sind. Die Alternative, eine Rechtsquerung entlang einer Fuge, hat es aber auch in sich. Insbesondere das Finish ist nochmals richtig zäh. Nachdem mir Bernat die Lösung perfekt angesagt hat, konnte ich den Nachstiegs-Flash auf dem letzten Blatt heimbringen. Gefühlter Grad: 7b.

Sehr kompaktes Terrain auch in L4 (im Topo 7a, eher 7b) Gute Griffe oder freundliche Struktur? Fehlanzeige!
Der Quergang zum Ende von L4 (7a) fordert nochmals alles ab.

L5, 30m, 10 BH, 7b+: Ein richtiges Hauseckenrennen, diese Länge führt überall hin, nur nie straightforward geradeaus. Los geht's schon mit einem fordernden dünnen Piaz und einer kniffligen, sloprig-reibungslastigen Rechtstraverse. Nach einer im Rahmen dieser Route machbaren Linksecke ist dann hingegen der Retourweg nach rechts sehr knifflig. Schwierig zu lesen, trittarm (oder auch trittreich, weil man zwar nirgends gut, sondern überall schlecht auf der mässig strukturierten Wand auf Reibung antreten kann) und kleingriffig präsentiert sich dieser Part. Nach einer komplexen Sequenz trifft man rechts aussen tatsächlich auf ein paar bessere Tropflochleisten. Zum Rasten reicht's aber nicht, da die guten Griffe und Tritte nicht matchen, und die Moves dazwischen sind weit. Und das Finish nach links zurück zum Stand hat's dann nochmals knüppeldick in sich, inklusive flechtiger Sloperleiste, wo das letzte herausgepresst werden muss. Diese Seillänge ist schwierigkeitstechnisch kein Vergleich z.B. zu den 7b+ von Gemini, Colibri oder Zwischenwelten, sondern sicherlich zwei Grade schwieriger - dementsprechend würden wir das eher im Bereich 7c/+ einordnen. Wobei... der Stand vermutlich kein No-Hand-Rest ist (bei kurzem Probieren habe ich jedenfalls keinen hingekriegt, wenn man es besser macht, kann man evtl. kurz beide Hände lösen). Man müsste also eigentlich sogar noch weiter, was aber seilzugtechnisch absolut utopisch ist.

Knüppeldick gibt's die Schwierigkeit in L5 (offiziell 7b+), wir fanden diesen Grad aber zu tief.

L6, 30m, 6 BH, 7a+ bzw. 7c: Die Sequenz aus dem Stand hinaus ist gleich mal fordernd und daher unangenehm wegen Kollisionsgefahr, da man an der unbequemen Station auch kaum Freiheitsgrade hat. Der nächste Programmpunkt stellt die Linkstraverse an griffigeres Schuppenmaterial dar. Sieht zwar optisch so aus, also ob das gut gehen müsste... aber wir hatten da beide ziemlich Mühe. Die Crux folgt dann am Dächli: die zwei Original-Dübel wurden abgebrochen und zu einem einzigen ersetzt. Dessen Platzierung soll wohl die Rechtsumgehung der schwierigsten Passage erlauben. Man muss dann aber schon ein paar Meter weiter drüben klettern und vermutlich irgendwelche Karton-Seitgriffe nutzen. Sicherungstechnisch eher etwas suboptimal und ich kann nicht abschliessend sagen, wie gut es ginge. Hier direkt in Hakenlinie zu bleiben scheint trotz der hohen Schwierigkeiten attraktiv(er) und so haben wir das gemacht. Die Stelle ist aber affenschwer, griffarm und man muss sich mit wilden Verrenkungen oberhalb vom Dächli etablieren. Diesen Part konnte ich nicht frei auflösen - nun gut, da die Schlacht eh schon verloren schien, war die Motivation an diesem Punkt nicht mehr bis in die Zehenspitzen vorhanden - taff ist es aber zweifellos. Auf einen Bewertungsvorschlag sei darum verzichtet. Nur eines muss klar sein: wer sich hier eine machbare 7a+ ausmalt, der findet diese ganz sicher nicht.

Kein Foto mehr gemacht in L6 (7a+ bzw. 7c), was hier gezeigt wird ist das Hauseckenrennen in L5 (7b+). Wobei der Stand zwischen den beiden Längen keinen No-Hand-Rest darstellt und es nach der Kette mehr oder weniger im selben Stil weitergeht. Das Dach, welches die Crux von L6 präsentiert, ist jedenfalls direkt ob dem Helm des Kletterers bereits sichtbar.

Es war nun in der Gegend von 15.00 Uhr, wir befanden uns auf einem schottrigen Band und wurden von der Sonne gegrillt. Während wir bis zu diesem Punkt bei angenehmen Conditions am Schatten aktiv waren, waren diese nun vorbei (am selben Tag wurde in der Schweiz eine Höchsttemperatur von 39.8 Grad gemessen). Der nächste Abschnitt (L7, 5c) sah mit gebändertem Gelände und brüchigem Fels eher wenig attraktiv aus. Laut Topo sollte der Fels dann in L8 (6a+) wieder gut sein, später folgt dann das letzte Pièce de Résistance (L9, original ca. 7b+, Extrem Ost 7b). Meine Abneigung zum frühzeitigen Abbruch von MSL ist ja bestens bekannt, rein kräftemässig hätte es wohl vermutlich schon noch bis zum Top gereicht, doch im Angesicht der viel zu heissen Bedingungen machte es effektiv keinen Sinn mehr, einen Rotpunkt oder gar Onsight hatten wir auch ganz und gar nicht zum Top zu bringen. Wir fädelten also die Seile und erreichten mit nur gerade drei langen Manövern zügig wieder den Boden. Zuletzt nutzt man einen separaten Abseilstand und muss noch etwas dem Wandfuss entlang abkraxeln, um zum Start der Route zurück zu gelangen. 

Diese sehr harte und stehintensive Route hat meinem letzten Paar La Sportiva Python (das Modell wird leider nicht mehr produziert) den Rest gegeben, bzw. ein Loch in die Sohle gefressen - schade! Nun im Rückblick weiss ich: es war noch nicht ganz die letzte Tour dieser Treter. Sie haben mich beim Punkten der Cobra im Rätikon begleitet, sowie beim Erschliessen und Punkten der Extrameile an den Kreuzbergen - ein sehr würdiges Lebensende, das darf man wohl gerne sagen :-)

Wir packten unsere Ware und liefen über den Butzenboden und die Stafelalp retour zu unseren Bikes. Sehr bequem, praktisch ohne Pedaltritt und in nur ca. 20 Minuten fährt man die gut 10 Kilometern bis zurück an die Talstation. Tja, so smooth war unsere Kletterei nicht gelaufen, diese anspruchsvolle und auf dem Topo-Papier eindeutig unterbewertete Route hatte uns den Zahn gezogen. Kein Problem, manchmal kriegt man halt seine Grenzen aufgezeigt, that's the name of the game - ich werde es mir für die nächsten Trainingssessions hinter die Ohren schreiben.

Facts

Hoch Fulen - Haldigut 7b+ (7a obl.) - 10 SL, 320m - Winkler/Schoch/Wicky 1993-2010 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Cams 0.3-1

Über weite Strecken sehr anhaltende Kletterei in äusserst kompakten Kalk. Der Fels weist gerade ausreichend Struktur und Reibung auf, dass man sich Fortbewegen kann, wobei man oft um jeden Meter an Fortschritt kämpft. Zwei einfache Intermezzi sind weniger attraktiv und chossy, stören aber das Ensemble von harten Längen nicht wesentlich. Die Route wurde unter der Leitung von K.Winkler in einem langen Zeitraum erschlossen. Sicherlich von unten und ohne Vorkenntnisse, was zusammen mit dem schwierig zu lesenden Gelände die vielen Ecken und Wendungen im Verlauf erklärt. Laut der Deklaration auf dem Originaltopo haben die Erschliesser nur die Einzelstellen frei geklettert (bis auf eine Stelle in der zweitletzten Länge). Wir haben uns gefragt, wie viele erfolgreiche Begehungen (rotpunkt oder onsight) die Route überhaupt schon gesehen hat. Anscheinend wurde Haldigut von Spiri ca. 2012 gepunktet, sonst weiss ich nur von einer einzigen, weiteren Seilschaft, welche sich daran versucht hat. Das stellt zwar höchstwahrscheinlich nicht die vollständige Begehungsstatistik dar, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind die Seilschaften aber hier sicher nicht zahlreich anwesend oder gar durchstiegstechnisch erfolgreich gewesen. Denn für Amateure liegt das ohne ausufernden Aufwand kaum drin und für die Pros ist eine solche, unbekannte 7b+ kein attraktives Ziel.

Das Originaltopo der Erschliesser - vielen herzlichen Dank für die Arbeit!

Wichtig zu wissen: nach unserer Einschätzung sind die Bewertungen in sich konsistent, aber sehr hart ausgefallen. Überall einen Grad zu addieren würde ich mal unisono empfehlen, vermutlich ist man mit einem Surplus von zwei Einstufungen näher beim schweizweiten MSL-Durchschnitt wie mit dem, was jetzt auf dem Papier steht. Dazu haben wir die Route zum Onsighten aufgrund von Felsstruktur und Klettercharakter auch gleich noch als besonders schwierig empfunden. Die Absicherung (bis Mitte L5 mit verzinkten BH, nachher rostfrei) darf man als gut, aber anspruchsvoll bezeichnen. Würde man mit dem Zollstock einstufen, so käme man in den schwierigen Seillängen wohl auf xxxx-Absicherung, sicher drohen keine gefährlichen Stürze. Subjektiv fühlen sich die Hakenabstände aber dennoch substanziell an - ob der anhaltenden Kletterei und dem Charakter, wo man beständig kurz vor dem Abschmieren ist, ist ein stabiles mentales Korsett nötig und die Sache ist an vielen Orten sehr zwingend. Bei den Schrofenbändern und in der 6b stecken die Haken (zu) knapp, stürzen sollte man da keinesfalls. An Cams sind im Originaltopo 0.3-1 empfohlen, im Extrem Ost 0.5-2. Worauf man sich abstützen soll? Das kann ich nicht sagen: wir hatten 0.3-2 dabei, haben jedoch bis Ende L6 keinen einzigen gelegt. Es gab schlicht und einfach keine sinnvoll verwertbaren Placements. Oben das Originaltopo der Erschliesser, die anderen Routen sind im Extrem Ost verzeichnet. Dies mit Ausnahme einer neueren Tour (der anspruchsvollen Sorte), welche zwischen Negroli und Haldigut verläuft.

Dienstag, 28. August 2018

Hoch Fulen - Annika (7a+)

An den Hoch Fulen wollten wir nun schon seit einigen Jahren einmal gehen. Aber wie das so ist, trotz positiver Berichte von Kollegen und einem attraktiven Layout gemäss Kletterführer ist das Gebiet einfach noch nicht so auf dem Radar der Kletterer wie andere Felsen. So verschoben wir unserem Besuch auch immer wieder auf einen anderen Tag. Doch schliesslich kam dieser: es war warm, andernorts waren am Vortag heftige Gewitter niedergegangen und auch für den Tourentag war viel Instabilität und nachmittägliche Schauer angesagt. Da wollten wir es also einmal probieren mit diesem Hoch Fulen. Soviel vorweg, wir waren begeistert! Da wartet hoch über dem Urnerland eine echte Perle, mit steiler Kletterei an griffig-wasserzerfressenem Fels!

Bescheidene Bildqualität im morgendlichen Gegenlicht, für einen Eindruck von Wand und Verlauf der 'Annika' am Hoch Fulen taugt das Bild trotzdem.
Zum Zeitpunkt unserer Tour war die Seilbahn aufs Haldi wegen Revision gerade nicht in Betrieb, so dass wir auf den Bus-Ersatzbetrieb ausweichen mussten. Das ist inzwischen Geschichte und spielt sowieso keine grosse Rolle, weil die Reisezeit sich nicht wesentlich ändert und sowohl mit der Bahn wie auch mit dem Bus das Bike mitgenommen werden kann. Dies ist auf jeden Fall empfehlenswert: schon im Aufstieg spart man dabei ein wenig Zeit und Effort, die Abfahrt geht dann im Nu und macht sogar einen Heidenspass! Wir entschieden uns für den Kurs um 6.30 Uhr und konnten somit um 6.50 Uhr auf dem Haldi (ca. 1100m) lostrampeln. In gemässigter Steigung auf guter Strasse geht's erst bis zum Ober Oberfeld (P.1446). Danach kann man mit kräftigen Beinen und guter Bike-Technik auf schon deutlich rauerer Strasse noch bis zum Ausgang des Waldes (ca. 1500m) hinauftrampeln, danach schoben wir unsere Räder noch weitere 70hm hinauf. Der raue, geröllige Karrweg ginge noch weiter bis zur Stafelalp (1780m), doch es erschien uns wenig ökonomisch, die Räder noch weiter hinaufzustossen. Mit einem E-Bike könnte man möglicherweise (mir fehlt die Erfahrung) bis zur Stafelalp fahren. 

Die Wand vom Hoch Fulen ist im Profil schon richtig schnittig und die anhaltende Steilheit lässt sich bestens erahnen! Das Bild stammt natürlich von unserem Abstieg, am Vormittag beim Zustieg war's also schon noch nicht so bewölkt und regnerisch!
Also ging's weiter zu Fuss, nach zügigem Marsch trafen wir gerade nach gut 1:30 Stunden am Wandfuss ein. Damit konnten wir die Vorgabe nach Extrem Ost (2:15h Fussaustieg, 40 Minuten Zeitersparnis mit dem Bike) gerade so einhalten. Wobei gesagt sei, dass wenn wir uns so anstrengen, wir normalerweise deutlich schneller als die Angaben in den Kletterführern sind. Wie dem auch sei, das einfach zur Information. Ergänzt sei an dieser Stelle noch, dass die Gegend schön ist, der Aufstieg angenehm und sich die ganze Sache ob der sehr guten Kletterei am Hoch Fulen schlicht und einfach lohnt. Für uns stellte sich im Angesicht der eindrücklichen Wand die Frage, welche Route wir anpacken wollten. Auf dem Papier und im Gelände sehen alle attraktiv aus. Unsere Wahl fiel dann schliesslich auf die nominell einfachste, d.h. die Annika ganz links. Wobei 'einfach' hier auch nicht ganz zutreffend ist, denn schliesslich warten 10 Seillängen bis 7a (Extrem Ost) bzw. 7a+ (Erstbegeher im SAC-Führer Urner Alpen Ost) mit sehr anhaltenden Schwierigkeiten, welche den Grad 6c in keiner Seillänge unterschreiten. Die anderen Routen weisen dafür jeweils mindestens eine Länge im Bereich 7b/+ auf, wären dafür nicht ganz so anhaltend. Item, der Einstieg im linken Wandteil, unter den Überhängen beim grossen Brennesselfeld ist angeschrieben, so konnte es um irgendsoetwas in der Gegend von 8.45 Uhr losgehen.

L1, 35m, 6c: Los geht's henklig-steil aber einfach, auch später dem Riss entlang stecken die Bolts eng und es geht ohne grosse Schwierigkeiten in die Höhe. Dann quert man nach rechts hinaus, wo die Moves schon sorgfältiger geplant werden müssen. Zuletzt geht's an und neben der Verschneidung diagonal zum Stand hinauf. Super Kletterei in wasserzerfressenem Fels, mit der Crux ganz am Ende. Hier stecken die Bolts etwas weiter auseinander und der Vorsteiger muss im Kopf parat sein!

Super Kletterei bereits in L1 (6c), an deren Ende muss man bereits parat sein und an Tropflöchern riegeln!
L2, 25m, 6c: Die steile Wand oberhalb vom Standplatz klettert sich verblüffend einfach, weil das Gestein ultrarau und unverschämt griffig ist. Da denkt man sich schon beim Klettern, dass man da gerne einige der hier überzähligen Griffe mitnehmen würde, um sie anderswo als Joker einzusetzen. So kommt's dann schon am Ende der Seillänge, wo beim Ausstieg ins flachere Gelände plötzlich ein Mantle an weit auseinander liegenden Slopern gefragt ist.

Tolle Henkelei in unverschämt griffigem Fels in L2 (6c). Die Crux mit dem Sloper-Ausstieg im Vordergrund zu erahnen.
L3, 45m, 6c (bzw. 6b+ im SAC-Führer): Die etwas blockige Zone zu Beginn geht gut, man klettert rechts in der griffigen Wand. Um die Ecke dann warten 2x kniffligere Stellen an Schuppen. Das Gestein ist dort glatter und es gibt nicht so viele Tritte. Bei der zweiten Crux ist auch etwas Entschlossenheit gefragt, da man doch vom Haken wegsteigen muss. Zuletzt dann einfacher in weniger gutem, aber weitgehend ausgeräumtem Fels zum Stand. Hinweis: nach der Crux stecken 2 Dübel, das eine Plättli wurde hier jedoch absichtlich demontiert, der echte Stand kommt erst nach 45m bevor es wieder steil und schwierig wird. 

L4, 30m, 6c (bzw. 6b+ im SAC-Führer): Zu Beginn sehr schöne Wandkletterei in wasserzerfressenem Gestein. Bald einmal ist an Tropflöchern etwas Entschlossenheit und ein weiter Move gefragt, dann lässt es wieder etwas nach. Man quert nach rechts, überquert einen Riss und klettert an Henkeln hinauf zum nächsten Stand.

Ebenfalls sehr lässige Kletterei in prima Gestein wartet in L4 (6c) - kommt auf dem Foto nicht so zur Geltung.
L5, 20m, 6c+: Kurzer Boulder gleich nach dem Stand, dann übers Band hinweg und hinein in den henkligen Überhang. Mit ein paar athletischen Zügen geht's da zügig vorwärts. Erst zum Schluss wird die Sache unübersichtlich und die Griffe kleiner - wohl dem, der nicht so gepumpt ist, dass er hier noch Zeit hat, um sich entsprechend Übersicht zu verschaffen! Der Stand liegt unterhalb der Kante, oben auf dem Turm gibt's einen Abseilstand, zu welchem man vor dem Abseiler wechseln muss. Dann geht's rückseitig ca. 15m runter zu Stand am Turmfuss, am Rande des eindrücklichen, über 1m breiten und sehr tiefen Spalts. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass man L5 auch gut auslassen kann. Man kann vom Stand nach L4 direkt übers Band zu jenem vor L6 gelangen - nicht, dass ich das anraten würde oder es Sinn macht.

Puh, friss mich nicht auf! Das ist der kurze Abseiler vom Turm nach L5 (6c+) zum breiten und tiefen Spalt vor der Hauptwand.
L6, 45m, 6c+: Diese Länge beginnt mit dem Überfall am Spalt - diesen aufzulösen ist dann nicht ganz einfach, vor allem im Angesicht des tiefen Schlundes darunter. Dann vorerst einfach aber weit zum zweiten Bohrhaken, von welchem es horizontal und gutgriffig weit nach rechts geht. Dann hinauf, entlang einer schwach ausgeprägten Verschneidung/Schuppe. Athletische, griffige und anhaltende Kletterei, gegen oben hin mit zunehmenden Schwierigkeiten und Hakenabständen, sehr schön! Etwas Beachtung ist hier dem Seilzug zu schenken, den Haken am Ende des Quergangs sollte man sehr grosszügig verlängen (jenen darunter und oberhalb auch!) oder nochmals zurücksteigen und ihn sogar wieder aushängen.

Da kann man nur sagen 'wow!'. Fantastische Wandkletterei in der langen und komplexen L6 (6c+).
L7, 30m, 7a: Wow, was für eine Seillänge! Insgesamt etwa 3-4m überhängend geht's an vorwiegend guten bis sehr guten Henkeln in die Höhe. Die Crux folgt im steilsten Abschnitt und wird mit ein paar entschlossenen, weiten Zügen erledigt. Danach heisst's im steilen Gelände dranbleiben und schauen, dass man ungerupft in die weniger steile Wandpartie entkommt.

Eine richtige Power-Kletterei wartet in L7 (7a). Sie ist deutlich henkliger, wie es auf diesem Foto den Anschein macht!
L8, 30m, 7a (bzw. 7a+ im SAC-Führer): Hinauf zum ersten Haken, dann folgt ein horizontaler Quergang nach rechts, noch ohne besondere Schwierigkeiten. Achtung, der vom Stand gut sichtbare Dübel ohne Lasche gerade hinauf ist ein Verhauer. Am Ende der Rechtsquerung folgt dann der totale Kontrast zu den vorangehenden Längen. Es wartet eine sehr technische, rätikonartige Plattenkletterei mit Stehproblemen und seichten Wasserrillen. Dank der guten Absicherung kann man hier voll angreifen und da mir bisher die ganze Route onsight gelungen ist, stimmt's auch mit dem Kopf. So bin ich mit ein paar Moves, gefühlt aber durchaus an der Abrutschgrenze, rasch über die schwierigste Passage hinweg. Mir persönlich kam diese Passage deutlich schwieriger wie L7 vor. Dort ging's locker im Cruising-Mode, hier war ich am Limit. Aus dieser Sicht scheint mir die höhere Bewertung aus dem SAC-Führer durchaus realistisch. Zuletzt dann einfacher zum Stand mit Wandbuch.

Sonne gibt's in der 'Annika' erst ab Mitte Nachmittag (ca. 14.30 Uhr), es ist ein Ziel für warme Tage!
L9, 30m, 6c+ (bzw. 6c im SAC-Führer): Eine steilplattige Seillänge, welche auf den ersten Blick nicht so schwierig aussieht. Unterwegs bewahrheitet sich dieses Präjudiz nicht so ganz. Ob's wirklich schwierig ist oder nicht bleibe einmal dahingestellt - jedenfalls gibt einem die Seillänge ständig das Gefühl, dass man sich ungeschickt anstellt. Liegt wohl daran, dass hier zwar durchaus Strukturen vorhanden sind, diese jedoch Richtungen aufweisen, welche für die Richtung der Fortbewegung leider nicht passend sind.

L10, 35m, 6c: Im Prinzip hat man nach der vorangehenden Seillänge die obere Begrenzungskante der Wand erreicht. L10 führt dann an dieser Kante noch über eine weitere Sequenz zum Routenende. Wer noch über unbändige Kraftreserven verfügt, könnte an dieser Stelle übrigens auch problemlos in die letzten beiden, steilen Seillängen (7a, 7a+) von 'Raffael' wechseln. Wir entscheiden uns aber, auf der 'Annika' zu bleiben. Vorerst geht's einfach in etwas losem Gestein aufwärts. Dann kommen athletische Moves an guten Griffen. Achtung, hier ist nicht mehr alles fest was brüchig aussieht! Insgesamt aber doch nochmals ein spassige Sache, vielleicht auch ein bisschen einfacher als 6c?!?

Das Top ist erreicht! Auf den letzten Metern an der Nordkante kommt man in alpines Gelände.
Um 15.15 Uhr und damit doch nach geschlagenen 6:30 Stunden Kletterei sind wir am Top, meinereiner ohne das Seil belasten zu müssen. Immer wieder ein tolles Gefühl, durch eine solche Wand zu steigen und dann zu konstatieren, dass man eigentlich auch Free Solo hätte gehen können ;-) Zufrieden stelle ich auch fest, dass mir die Bewertungen der 'Annika' und in der 'Adam & Evi' am Eiger im Gegenvergleich ziemlich stimmig vorkommen. Für weiteres Philosophieren bleibt aber gar nicht so viel Zeit. Während der Vormittag über lange Zeit überraschend wolkenfrei und sonnig war, hatte sich der Himmel beim Klettern der letzten beiden Seillängen doch sehr rasch überzogen und gezeigt, dass solche Wetterlagen eben trotz allem heimtückisch sind. Allzu lange schien ein Gewitter nicht mehr auf sich zu warten, also warfen wir praktisch unverzüglich die Seile aus. Die Abseilerei vollzieht sich erst über die Route, dann über die benachbarte 'Raffael' und im unteren Teil über routenunabhängige Abseilstände. Dank Effizienz im Handling und der steilen Wand brauchen wir nur gute 20 Minuten, bis die 6 Manöver erledigt sind und wir am Wandfuss stehen. Und dies gerade rechtzeitig, denn es beginnt gerade zu tröpfeln. Es ging nicht mehr lange, bis sich der Regen stark intensivierte. Doch zu diesem Zeitpunkt sassen wir bereits am Trockenen unter dem grossen Überhang im Einstiegsbereich und genossen unseren Vesper.

Für uns hat das Timing perfekt gepasst: trocken geklettert, trocken abgeseilt und trocken abgestiegen. Den Gewitterschauer haben wir mit einem Vesper am Trockenen unter dem grossen Überhang am Wandfuss überbrückt. Auch wenn man heute mit den genauen Vorhersagen ziemlich präzise planen kann, so gehört schlussendlich aber natürlich auch etwas Glück dazu, damit alles aufgeht.
Der Radar-Animation sei Dank liess sich voraussagen, dass wir das Gewitter wohl problemlos würden aussitzen können. Tatsächlich war es 30 Minuten später wieder trocken, so dass wir uns auf die Socken machten. Mit im Gepäck hatten wir da übrigens je einen vergammelten, heftig nach Bockmist stinkenden Strick, der wohl zum Bohren als Fixseil gedient hatte und dann am Wandfuss 'entsorgt' worden war. Wir gehen davon aus, mit der Beseitigung von diesem Material der Sache einen Dienst getan zu haben - ansonsten sorry, die Seile wurden bereits entsorgt, aber etwas anderes hätte man damit eh nicht mehr tun können. In zügigem Abstieg ging's zu unserem Bike-Depot. Wir fuhren zurück zum Ober Obfeld, von wo wir es uns nicht nehmen liessen, auf dem ausgeschilderten Bike-Trail zurück nach Schattdorf zu fahren. Wie erwartet machte es richtig Laune, talwärts zu heizen und die Bremsscheiben zum Glühen zu bringen. Zu bald waren wir retour am Ausgangspunkt, Zeit um das Fazit zu ziehen. Dieses fiel äusserst positiv aus - welche eine geniale Route, kaum zu glauben, dass hier fast niemand klettern geht! In den 10 Jahren ihres Bestehens erlebte die 'Annika' gerade einmal 20 Begehungen, in den letzten Jahren sogar mit abnehmender Frequenz, weil die 'üblichen Verdächtigen' (Locals, Bekannte der Erstbegeher) alle bald nach der Eröffnung vor Ort waren. Schon kaum zu glauben, anderswo in den Alpen (Dolomiten, Chamonix) stehen sich die Leute in im Vergleich dazu schon beinahe mediokren Routen auf den Füssen herum und in einer solchen Route ist man allein.

Facts

Hoch Fulen - Annika 7a+ (6c obl.) - 10 SL, 320m - Fullin/Wicki 2007 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

Sehr schöne, spektakuläre und anhaltende Kletterei in wasserzerfressenem Fels. Über weite Strecken ist dieser sehr solide und unverschämt griffig. Vereinzelt warten auch ein paar technischere Passagen und ein paar Abschnitte mit etwas weniger hochwertigem Gestein gibt's auch. Zu erwähnen auch, dass aufgrund der seltenen Begehungen hier und da gerne noch das eine oder andere Tropflochspitzli bricht. Aber das gehört in solchen Routen einfach dazu, ich vergebe jedenfalls nur zu gerne die vier Schönheitssterne! Die Absicherung mit verzinkten Fixé-Bolts ist weitgehend tiptop ausgefallen. Nach meiner Meinung ist Niveau 'gut+' bzw. xxxx treffender als die xxx aus dem Extrem Ost. Hier und da könnte man wohl tatsächlich noch einen Cam (kleine Grössen von 0.3-0.75) unterbringen, wenn man denn wollte. Als notwendig habe ich das jedoch nirgends empfunden. Als Hinweis noch: obwohl die Route über eine routenunabhängige Abseilpiste verfügt, kann man von jedem Punkt in der Route problemlos umdrehen und abseilen. Das wird aus dem Topo nicht ganz klar, vor Ort ist aber absolut logisch wie, was und wo. Und wie bereits erwähnt, das Bike für den Zustieg (und vor allem den Rückweg) lohnt sich absolut. Topo und Infos zu den weiteren Routen am Berg gibt's im Extrem Ost von Filidor oder im SAC-Führer Urner Alpen Ost, die man z.B. bei Bächli Bergsport kaufen kann.